Clemens Meyer: „Die Projektoren“

Die Projektoren von Clemens Meyer. Shortlist Deutscher Buchpreis 2024.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (2): Der neue Roman von dem Leipziger Buchpreisträger Clemens Meyer aus dem Jahr 2008 nimmt Motive und Schreibweisen von Ivo Andrić‘ Die Brücke über die Drina auf, indem er dessen Handlung auf das 20. Jahrhundert und die jugoslawischen Bürgerkriege Anfang der 1990er Jahre ausweitet, und verknüpft diesen Handlungsstrang mit Peter Weiss‘ Die Ästhetik des Widerstandes – nur aus entgegengesetzter Richtung. Meyer zeichnet nämlich den Werdegang und Evolution des völkisch-nationalen Denkens und Handelns nach. Der Stoff des letztlich an David Foster Wallace Unendlicher Spaß angelehnten Romans entstammt dem Themenbereich Brutalität, der mit der Plotstrategie Krieg und Welt in Trümmern dynamisiert wird. Zentrale Gestalt von Die Projektoren ist Jovan, der Cowboy:

Es war einmal ein Mann, der lebte im Velebitgebirge. […] Eine Zeitlang nannten die Einheimischen ihn den Cowboy, weil er ein großes Halstuch trug, die verknoteten Enden, die Zipfel, lagen auf seinem Rücken, und vorne bedeckte ein Dreieck aus Stoff seinen Hals. Die Bergbauern und Hirten im Velebit kannten die Cowboys und die Halstücher der Cowboys aus den Filmen der Wanderkinos, die vor dem großen Krieg und nach dem großen Krieg hin und wieder in ihre Dörfer kamen, und einige wenige Groschenromane kursierten, wurden weitergereicht, zerlesen und zerfleddert, Wilder Westen, die halstuchbehangenen Cowboys auf den abgegriffenen Titelseiten.
Clemens Meyer aus: „Die Projektoren“

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Vladimir Nabokov: „Lolita“

Lolita von Vladmir Nabokov. Inkonsistentes Erzählen und Plotpirouetten.

Skandalbücher besitzen etwas sehr Zeitgebundenes. Sie antworten auf einen Zeitgeist, der aufschrickt, entsetzt zurückweicht. Bald schließen sie daraufhin die Lücke, die dem Zeitgeist bewusst geworden ist, um langsam in Vergessenheit zu geraten oder etwas verstaubt vor sich hin zu altern. Oh Boy: Männlichkeit*en heute oder Michel Houellebecqs Romane wie Unterwerfung stehen gegenwärtig für diese Form Pate. Vor ein paar Jahren gab es bspw. Charlotte Roches Feuchtgebiete, noch länger her Bret Easton Ellis‘ American Psycho und dann, irgendwann, kommt, kurz vor Erich Kästners Fabian. Die Geschichte eines Moralisten auch schon Vladimir Nabokovs Lolita (1955):

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta. Sie war Lo, einfach Lo am Morgen, wenn sie vier Fuß zehn groß in einem Söckchen dastand, Sie war Lola in Hosen. Sie war Dolly in der Schule. Sie war Dolores auf amtlichen Formularen. In meinen Armen aber war sie immer Lolita.

Vladimir Nabokov aus: „Lolita“
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Thomas Mann: „Der Tod in Venedig“

Der Tod in Venedig von Thomas Mann. Ein beklemmender Befreiungsversuch.

Der Tod in Venedig von Thomas Mann handelt vor allem von einer künstlerischen Sackgasse und von dem Versuch, ihr zu entkommen. Zentral steht in dieser Novelle der Tabubruch, die Liebe eines fünfzigjährigen Schriftstellers, Gustav Aschenbach, zu einem vierzehnjährigen Jungen namens Tadziou, der als Projektionsfläche dient und jenen so wieder in die Intensität und Wirklichkeit des Lebens zurückführt. Anders als Vladimir Nabokov in Lolita geht es in Der Tod in Venedig weniger um den Vollzug der Lust am wehrlosen Kind und die uneingestandene Schuld am Missbrauch als um das imaginierte Spiel mit dem Abgrund, aus dem eine gewisse künstlerische Praxis ihre Inspiration zieht:

Das war der Rausch; und unbedenklich, ja gierig hieß der alternde Künstler ihn willkommen. Sein Geist kreißte, seine Bildung geriet ins Wallen, sein Gedächtnis warf uralte, seiner Jugend überlieferte und bis dahin niemals von eigenem Feuer belebte Gedanken auf.

Thomas Mann aus: „Der Tod in Venedig“
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Nora Bossong: „Reichskanzlerplatz“

Reichskanzlerplatz von Nora Bossong. Deuscher Buchpreis-Longlist 2024.

Reichskanzlerplatz von Nora Bossong stellt sich in die Reihe der Gegenwartsromane, die die Weimarer Republik und darauffolgende Zeit des Dritten Reiches beleuchten. Stellvertretend seien hier genannt: Daniel Kehlmanns Lichtspiel, Eva Menasses Dunkelblum und Florian Illies Liebe in Zeiten des Hasses. Hier bietet aber nicht das Öffentliche Miteinander den Stoff, sondern die Liebe, und als Plot setzt Bossong auf Unerfüllte Liebe und Eifersucht. Die geschichtlichen Umstände dienen allenfalls als Bühne für ein sehr intimes, privates Drama, das vom Ich-Erzähler Hans, der sich in Hellmut Quandt verliebt, der Hans‘ Liebe aber nicht erwidert, stattdessen die spätere Magda Goebbels umwirbt:

[Hans,] pass bitte auf dich auf, flüsterte [Karl].
Ich spürte die Wärme seiner Hand, sie fuhr meine Schläfe entlang über meine Wange.
Du weißt, wer Hellmuts Stiefmutter heute ist?, fragte er leise. Der Teufel, antwortete er selbst, und ich erschrak über das Wort, weil es in der Dunkelheit fiel und weil Karl nicht mehr flüsterte und vielleicht weil ich immer gedachte hatte, das Worte gehöre zu Magdas Mann.

Nora Bossong aus: „Reichskanzlerplatz“

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James Baldwin: „Giovannis Zimmer“

Giovannis Zimmer von James Baldwin … Spiegel Belletristik-Bestseller (05/2020)

Oft drohen Romane von politisch-engagierten Schriftstellern und Schriftstellerinnen nur hinsichtlich ihrer Rolle im sozialen Kampf um Gleichberechtigung beurteilt und untersucht zu werden. Sie bleiben als Meilensteine einer Verlautbarwerdung im Gedächtnis, ohne die spezifisch literarischen Aspekte ihres Werkes, ihrer Sprache eingehender zu würdigen. Werke wie Giovannis Zimmer von James Baldwin tragen schwer an ihrer Rolle als historisch gewordenes Dokument, erschließen sie doch außergewöhnliche Dimensionen des poetischen Lebens und literarischen Ausdrucks zugleich:

Ich erinnere mich nur noch, dass wir durch die abendlichen tropisch heißen Straßen von Brooklyn gingen, wo die Hitze aus dem Asphalt quoll und von den Mauern mit mörderischer Gewalt zurückgeschleudert wurde, wo sämtliche Erwachsenen der Welt ungekämmt und laut schwatzend vor den Haustüren hockten und sämtliche Kinder der Welt auf den Gehsteigen, im Rinnstein oder auf den Feuertreppen spielten.

James Baldwin aus: „Giovannis Zimmer“
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Doris Wirth: „Findet mich“

Findet mich von Doris Wirth. Deutscher-Buchpreis 2024-Longlist.

Sobald sich die Frage nach Sinn stellt, gibt es im wesentlichen drei Wege, mit ihr umzugehen: Sie weltanschaulich-konstruktiv zu verschleiern; sie zu ignorieren oder sie begriffspulverisierend bis zur Dissoziation zuzulassen. Doris Wirth in Findet mich entschließt sich wie eine Elfriede Jelinek in Lust oder eine Marlene Streeruwitz in Partygirl für letzteres. Im Stoffkreis Familie/Generationen, mit einer Plotdynamik in Sachen Prekäre Kindheitserfahrungen und Aussteiger sucht die Ich-Erzählerin Florence in Findet mich nicht mehr den Sinn in den Ereignissen in ihrer Familie, im Verhalten ihres Vaters Erwin, ihrer Mutter Maria und dem ihres Bruders Lukas, nein, sie setzt auf rhapsodisches, rhythmisches Abhandeln des im Kern Unverständlichen:

Erwin stellt sich [auf ihrer Vernissage] mit einem Glas Weißwein neben Florence, legt den Arm um sie und schaut sie aufgekratzt an. »Das ist genial hier!«, sagt er mit lauter Stimme. Dann hält er ihr einen Vortrag über seine Ideen, ausgelöst durch die Bilder, Florence lächelt schmal.
Als sie daheim ist, klappt sie ihren Laptop auf und tippt ein paar Wörter in die Suchmaske. Dann schickt sie Maria eine Mail mit zwei Links.
»Ich mache mir Sorgen um Papa«, schreibt sie dazu.
Doris Wirth aus: „Findet mich“

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Jean de Palacio: „Das Porträt“

Das Porträt von Jean de Palacio.

Vom Stoff her behandelt Jean de Palacios Roman Das Porträt die Liebe und erhält seine narrative Dynamik durch den Plot Unerfüllte Liebe/Eifersucht. Es steht hiermit im engen Zusammenhang zu J.M. Coetzees Der Pole und Marie Borrélys Mistral. Durch seine apokalyptische Stimmung kommuniziert es aber auch mit Simon Strauss‘ Zu zweit und Cees Nootebooms Die folgende Geschichte. In allen genannten Werken herrscht die Sehnsucht, die unerfüllte Liebe, aber auch am Horizont die Möglichkeit einer alle Lebensqualen besänftigenden Zweisamkeit. Bei de Palacio dient die Sprache als Gesamtsymbol für dieses Gefühl:

Von Marie Smith Jones [der gestorbenen weltweit einzigen Eyak-Sprecherin] wanderten Maurices Gedanken zu Elisabeth Wehland, auch sie eine Erbin und Schatzmeisterin der Sprache, die furchtsam und zitternd die schwere, stets bedrohte Bürde trug, die zweifellos im Zwiespalt war zwischen dem Wunsch, sie weiterzugeben oder sie hochmütig ganz für sich allein zu behalten, in diesem maßlosen Hochmut, zugleich Babel und das Ende einer Welt zu verkörpern, denn die Welt existierte ja letztlich nur durch den Klang der sie beschreibenden Worte.
Jean de Palacio aus: „Das Porträt“

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