Tommie Goerz: „Im Schnee“

Im Schnee von Tommie Goerz. Spiegel Belletristik Bestseller (02/2025)

In Tommie Goerz‘ neuestem Roman Im Schnee dreht sich alles um den plötzlichen Tod eines nahestehenden Menschen: Max verliert seinen seit Kindheitstagen besten Freund George, genannt Schorsch. Im Stoffgebiet Alter angesiedelt, behandelt Goerz die Trauerverarbeitung der Physischen Ausgeliefertheit wie André Gorz‘ Brief an D., Marilyn und Irvin D. Yalom in Unzertrennlich, oder Bernhard Schlink in Die Enkelin. Anders aber als die genannten Beispiele, die stets im Großstadtmilieu spielen, siedelt Goerz den Schock des Verlustes in dem winzigen, wahrscheinlich fiktiven, oberfränkischen Dorf Austhal an:

In zwei, drei Tagen würde der Schorsch in der Zeitung stehen. Der Max sah sich die Todesanzeigen an, aber er kannte niemanden. Es waren Leute aus der Stadt. Überraschend und unerwartet stand oft dabei, auch nach langer Krankheit. Über Austhal stand in der Zeitung nichts. Kein Wunder. Und gut so, Gott sei Dank. Er schob noch ein Stück Holz nach und legte sich auf sein Chaiselongue, es war Zeit für seinen Mittagsschlaf. Das Scheit knackte im Ofen, und das Knacken trug ihn langsam davon.
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Leon de Winter: „Stadt der Hunde“

Stadt der Hunde von Leon de Winter. Spiegel-Belletristik Bestseller (2/2025)

In der Tradition eines Martin Suters beginnt Leon de Winter seinen Roman Stadt der Hunde reißerisch, schnell auf den Punkt gebracht. Eine Tochter geht verloren, und mit ihrem Verschwinden zerbricht das ganze Leben des Neurochirurgen Jaap Hollander. Stadt der Hunde greift das Trauma vom verschwundenen Kind auf, wie zuletzt auch Daniela Krien in Mein drittes Leben, oder ein anderer bekannter Gegenwartsliterat aus den Niederlanden, Cees Nooteboom, in Allerseelen. De Winter verknüpft dieses existentielle Thema um Tod und Abschied mit dem Nahost-Konflikt, denn die Tochter ist auf einer Birthright-Reise in der Negev-Wüste in Israel verschollen:

In diesem fieberhaften ersten Jahr nach Leas Verschwinden reduzierte Jaap seine Arbeit auf das Nötigste und flog, so oft es ging, nach Tel Aviv, wo er von einem Mitarbeiter der niederländischen Botschaft und jemandem von einer israelischen Regierungsbehörde abgeholt, über eine VIP-Route durch die Flughafengebäude gelotst und zu einem Polizei-Kleinbus gebracht wurde, der ihn in die Wüste fuhr.  […] Später, nach diesem ersten Jahr, als die Israelis ihm eröffnet hatten, dass das Rätsel nicht gelöst werden könne, heuerten er und Sam Guides an, die sie durch den Krater führten, bis die Pollocks die Reise emotional nicht mehr verkraften konnten.
Leon de Winter aus: „Stadt der Hunde“

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Nora Schramm: „Hohle Räume“

Hohle Räume von Nora Schramm. Mara-Cassens-Preis 2025.

Die Selbstkritik am Kunstbetrieb taucht in der klassischen wie der modernen Literatur immer wieder auf. Ein klassisches Werk dieser Art wäre Das Werk von Émile Zola, moderne Vertreter dagegen Alte Meister oder Der Untergeher von Thomas Bernhard, und Magdalena Saiger hat mit ihrem Debüt Was ihr nicht seht aus dem Jahr 2023 einen ähnlichen thematischen Zug, wo ein namenloser Protagonist der Kunstmarketingbranche entflieht und inmitten eines Autobahnkreuzes eine riesige, für sich stehende Installation baut und nach Fertigstellung gleich wieder, ohne dass je jemand dieses Kunstwerk zu Gesicht bekommt, zerstört. Nora Schramm, die 2025 für ihren Debütroman Hohle Räume den Mara-Cassens-Preis des Literaturhauses Hamburg zugesprochen bekommen hat, stellt die Bildende Künstlerin Helene Michels ins Zentrum des narrativen Geschehens, die ihre Eltern in Stuttgart/Findelheim besucht:

Die Mutter hat bereits die getönten Gläser meiner Brille bemerkt, sie fragt sich bereits, warum immer dieses riesige schwarze Ding mitten im Gesicht, sie sorgt sich bereits um die Gesundheit meiner Augen. Ich gehe weiter auf sie zu, als Versicherung, als Beweis für was mal war, und keiner ist sich so ganz sicher, was mal war, vor allem nicht, wie es eigentlich wirklich und ehrlicherweise mal war, aber ich, die ich blass geworden bin und zielstrebig meinen Koffer über den polierten Boden des Stuttgarter Flughafens ziehe, bin offensichtlich real, bin offensichtlich ein Produkt, und zwar von dem, was mal war, und das tut gut zu wissen.
Nora Schramm aus: „Hohle Räume“

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Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen“

Man kann auch in die Höhe fallen von Joachim Meyerhoff … Literarisches Quartett 01/2025.

In Joachim Meyerhoffs Roman Man kann auch in die Höhe fallen tritt eine forsche, rüstige, 86jährige Mutter auf den Plan und spielt die Galionsfigur und Lichtgestalt für einen nervösen, an seinem Leben zunehmend verzweifelnden 56 Jahre alten Ich-Erzähler. Das Setting Lebensratgeber in Romanform erfreut sich großer Beliebtheit in den letztjährigen Bestsellerlisten, wie sich an Stephan Müllers 25 letzte Sommer, Mariana Lekys Kummer aller Art und auch Arno Geigers Das glückliche Geheimnis zeigen lässt. Meyerhoff jedoch zielt auf eine eher komödiantische Variante ab:

»Bitte halt an. Schnell.« »Wo denn? Was machst du denn für Geräusche? Warte, gleich.« Mit viel zu hoher Geschwindigkeit bog sie rechtwinkelig in einen Holperweg ein. Ich hüpfte im Sitz auf und ab, und das Schlaglochballett gab mir den Rest. Der Döner sprang mir auf die Füße. »Halt an!«, schrie ich. […] Ich hielt mir beide Handflächen vor den Mund und versuchte, durch Druck den drohenden Schwall niederzupressen, einen Riegel in meiner Kehle zuzuschieben. Doch es war zu spät. Ich kurbelte die Scheibe hinunter, hielt meinen Kopf aus dem Fenster und übergab mich. Meine Mutter rief: »Um Gottes willen!«, und fuhr Schlangenlinien, um mehreren Schlaglöchern auszuweichen.
Joachim Meyerhoff aus: „Man kann auch in die Höhe fallen“

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