Ferdinand von Schirach: „Der stille Freund“

Der stille Freund von Ferdinand von Schirach. Spiegel Belletristik Bestseller 2025.

Der stille Freund von Ferdinand von Schirach setzt sein Erfolgskonzept aus Kaffee und Zigaretten und Nachmittage fort, in Miniaturen und Aperçus die Gegenwart zu bereisen und literarisch zu beforschen, und zwar aus einem etwas unbeteiligten, distanzierten Blick heraus. Schirach schreibt klar in der Traditionslinie eines Hermann Graf Keyserling, der mit seinem Das Reisetagebuch eines Philosophen in den 1920ern Jahren einen großen Erfolg erzielte und nahezu das deutsche Paradigma des weltoffenen, geist-aristokratischen Feuilletonisten darstellt, und in Botho Strauß, Martin Mosebach und Martin Suter ähnlich gelagerte Nachfolger gefunden hat. Ferdinand von Schirach gehört zu diesen. Seine Anekdoten spielen durchweg im wohlhabenden, wohlsituierten Milieu:

Vor acht Jahren wollte Massimo von seiner Farm in Namibia mit der Propellermaschine in die Hauptstadt fliegen. Es war eine alte Cessna 172. Wir sind oft mit dieser Maschine geflogen, das sind gutmütige kleine Flugzeuge, solide und robust, sie brauchen nur kurze Landebahnen, und mit ein bisschen Pflege tun sie Jahrzehnte ihren Dienst. Massimo flog damit alle zwei Wochen nach Windhuk, um Einkäufe zu erledigen und Freunde zu besuchen. Das war angenehmer, als sechs Stunden in dem furchtbar unbequemen Toyota zu sitzen.
Als das Flugzeug abhob, stieg ein Schwarm Webervögel auf. Dagegen ist auch der beste Pilot machtlos. 

Ferdinand von Schirach aus: „Ein stiller Freund“

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Katerina Poladjan: „Goldstrand“

Goldstrand von Katerina Poladjan. SWR Bestenliste 2025.

Goldstrand bearbeitet, wie schon Zukunftsmusik zuvor, das abrupte Ende einer Welt. Findet Zukunftsmusik in der Sowjetunion der 1980er Jahre statt, kurz vor der Ära Michail Gorbatschows, so siedelt Poladjan Goldstrand in Italien, im Rom der 2020er an. Ein Filmregisseur namens Elia Fontana, sechzig Jahre alt, unterzieht sich einer Therapie, die ihn aus einer Apathie und Ambivalenz loslösen soll, in die er kontinuierlich mehr hineingeraten ist. Poladjan verdichtet in dieser Figur den Ost-West-Konflikt, indem er Elia als Sohn einer kurzen Affäre zwischen einer italienischen Kommunistin und einem bulgarischen Architekten in den 1960ern hervorgehen lässt. Zerrieben zwischen diesen Polen sucht Elia ein neues Gleichgewicht:

Nein. Was ist bloß los mit ihm? Warum hat er keine Ideen mehr? Es wird mit einem Krieg beginnen. Nein. Es wird mit einer Kröte beginnen. Eine Kröte, die auf dem Weg hockt und sich nicht bewegt. So wie die warzigen Erdkröten in seinem Garten, die bei Berührungen mit der Fußspitze erstarren und sich nicht vom Fleck rühren.
Katerina Poladjan aus: „Goldstrand“

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Gyrðir Elíasson: „Die Sprache der Möwen“

Die Sprache der Möwen von Gyrðir Elíasson.

Es gibt die verschiedensten Theorien über die Dichtung. In beinahe allen erhält die Lyrik gegenüber der Prosa aber den Zug der Einsamkeit, der Einzelheit. Die Sprache emanzipiert sich dort aus dem Funktionskreis der wechselseitig verständlichen Kommunikation und sucht ihre Möglichkeit in der Hermetik des jeweils singulär Erlebten. Die Lyrik Gyrðir Elíassons in Die Sprache der Möwen sucht die Nähe zur Welt, aber nicht durch den Mitmenschen oder das Soziale. In seinen Gedichten tauchen die anderen als gegenüber selten auf. Vielmehr sieht sich ein lyrisches Ich mit einer großen Welt konfrontiert:

Im Café ist niemand außer/ ihm selbst, dem angeblichen/ Besitzer. Der macht sich einen
Kaffee und schaut hinaus, aber/ da ist niemand zu sehen, und/ der Kaffee schmeckt irgend-/ wie seltsam. Er beginnt, etwas auf/ ein Blatt Papier zu kritzeln, das/ neben der Kaffeetasse liegt,/ und bald sind Häuser auf dem/ Blatt zu sehen, menschenleere,/ schwarze Häuser, bei deren/ Anblick es ihm schaudert.
Gyrðir Elíasson aus: „Die Sprache der Möwen“

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Nelio Biedermann: „Lázár“

Lázár von Nelio Biedermann. Schweizer Buchpreis 2025 (nominiert).

Als Chronik eines Niedergangs bearbeitet Nelio Biedermanns Roman Lázár den Stoff von Thomas Manns Die Buddenbrooks oder Gabriel Marcia Marquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit. Spielt das eine in Norddeutschland, in Lübeck, verfolgt das andere in einem fiktiven südamerikanischen Land das langsame Dahinscheiden der Familie Buendía. Biedermann siedelt seinen Roman im frühen zwanzigsten Jahrhundert in Ungarn an und beschreibt chronologisch, wie die Familie Lázár in Krieg und Inflation um ihren Besitz und Adelsstatus kämpft und beides unweigerlich im Zuge der Sowjetisierung nach 1945 verliert. Als Familienchronik setzt Biedermann in seiner rhapsodischen Erzählform trotz Verwandtschaft mit Mann und Marquez dennoch eher Romane wie Christoph Heins Das Narrenschiff fort, die große Zeitspannen nur stichwort- und blitzlichtartig aufsummieren:

Die Jahre kamen und gingen, zogen wie die Roma mit ihren Pferden und Zirkuswagen durch das Habsburgerreich, durch die im Donausumpf versinkende Monarchie. Und auf ihrem Weg durch dieses alte Reich, das von einem ebenso alten Kaiser regiert wurde, auf ihrer spiralförmigen Reise durch die Felder und Wälder und Städte, hinab zu den zukünftigen Knochen, hinein in die blutroten Tiefen dieses jungen Jahrhunderts, mieden die umherstreifenden Jahre auch das Schloss der Familie von Lázár nicht. Die Kinder wurden älter, Mária einsamer und Sándor distanzierter. 
Nelio Biedermann aus: „Lázár“

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