Jean Paul: „Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs“

Siebenkäs von Jean Paul.

Jean Paul (1763-1825) gilt zurecht als ein Solitär der Literaturgeschichte, vergleichbar höchstens mit einem François Rabelais (1483-1553) oder François Villon (1431-1463). Wenige haben seinen Stil fortgesetzt. Im deutschsprachigen Raum können da Albert Vigoleis Thelen mit Die Insel des zweiten Gesichts oder das Werk von Arno Schmidt genannt werden. Von Jean Pauls breitem Gesamtwerk sticht nach mehr als zwei Jahrhunderten noch immer Siebenkäs heraus, der weniger auf zeitgenössische Diskurse Bezug nimmt, als sich um poetische Bewältigung der elementarsten Erfahrungen der menschlichen Existenz bemüht: den Tod, die Ehe und die prekäre Sicherheit der sozialen Existenz. All dies versammelte Jean Paul ungewöhnlich kondensiert im länglichen Titel seines Romans, der mit vollständigem Titel Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs heißt. Er beginnt mit der Hochzeit von Firmian Siebenkäs und Wendeline Lenette Egelkraut:

Droben [hinter der Liedertafel des Chors in der Kirche] guckt nämlich herunter – und wir sehen alle in der Kirche hinauf – Siebenkäsens Geist, wie der Pöbel sagt, d.h. sein Körper, wie er sagen sollte. Wenn der Bräutigam hinauf schauet: so kann er erblassen und denken, er sehe sich selber. – – Die Welt irrt; rot wurd‘ er bloß. Sein Freund Leibgeber stand droben, der schon seit vielen Jahren ihm geschworen hatte, auf seinen Hochzeittag zu reisen, bloß um ihn zwölf Stunden lang auszulachen. Einen solchen Fürstenbund zweier seltsamen Seelen gab es nicht oft.
Jean Paul aus: „Siebenkäs“

Der erzählerische Rahmen: Die Eheproblematik

Wie der vollständige Titel anzeigt, bildet das Eheleben von Firmian und Lenette den erzählerischen Rahmen des Romans. So beginnt er auch damit, wie die Braut anreist, wie die Hochzeit in Kuhschnappel mit einem ausladenden Festschmaus von allen gefeiert wird und alles darauf vorbereitet ist, Firmian und Lenette in ein glückliches Eheleben zu geleiten, und tatsächlich beginnt das Eheleben auch sehr harmonisch:

Auf einmal hüpfte ein gleitender bebender Kuß über seinen [Firmians] Mund und – nun schlugen alle Flammen seiner Liebe aus der weggewehten Asche auf. Denn Lenette, so unschuldig wie ein Kind, glaubte, es sei die Pflicht der Braut, diesen Kuß zu geben. Er umfaßte die zagende Geberin mit aufmerksamer schüchterner Kühnheit und glühte mit allem Feuer, das ihm Liebe, Wein und Freude gaben, auf ihren Lippen mit seinen […] und drückte seine Wonne bloß durch unaussprechlich-süße Tränen aus, die wie glimmende Naphthatropfen auf Lenettens Wangen fielen und darauf in ihr zitterndes Herz. Sie lehnte das Angesicht immer weiter zurück; aber im schönen Staunen über seine Liebe zog sie ihn doch enger an sich. 

Leider beginnt mit der Hochzeitsnacht aber ein eher schweres, problematisches Zusammenleben, denn Firmian erweist sich geradezu als Springinsfeld und eher unwillig, ihre gemeinsame bürgerliche Existenz durch Ausübung eines Berufes zu sichern, zumal er sich nach seiner Hochzeit einen hohen Geldbetrag von seinem Vormund Heimlich von Blaise erhofft hat, der ihm endlich das mütterliche Erbe auszahlen müsste, dann aber zu seinem Entsetzen nicht auszahlt, denn aus studentischer Jux und Tollerei hat Firmian mit seinem besten Freund Leibgeber den Namen getauscht, wodurch von Blaise sich nun berechtigt sieht, das Geld für sich zu behalten. Das Geld wird daraufhin für Lenette und Firmian immer knapper. Sie müssen nach und nach ihren Hausstand versetzen und geraten in richtiggehende Hungersnot, da Firmian lieber an seinem satirischen Buch »Auswahl aus den Papieren des Teufels« schreiben will, als mit der Jurisprudenz und studierter Anwalt Geld ins Haus zu bringen. Darüber hinaus stört ihn Lenette zunehmend bei seiner ohnehin nur stockend vorankommenden literarischen Arbeit durch ihr Putzen, Schneidern und falsches Kerzen-Schnäuzen:

»Ach Gott, das ist ja ein Jammerleben!« rief er und packte grimmig die Lichtschere an und putzte das Licht – aus. Jetzo in den finstern Ferien hatt‘ er die schönste Muße, an- und aufzufahren und Lenetten mehr ausführlich vorzuhalten, wie sie ihn bei seinen besten Einrichtungen abmartere und, gleich allen Weibern, kein Maß halte und bald zu viel, bald zu wenig schere. Da sie aber schweigend Licht machte, setzte er sich in noch stärkeres Feuer und warf die Frage auf, ob er bisher wohl etwas anderes von ihr begehrt als die allergrößten Kleinigkeiten und ob denn jemand anders sie ihm bisher sämtlich abgeschlagen als sie, seine liebliche Ehefrau. »Antworte!« sagt‘ er.
Sie antwortete nicht, sondern setzte das angezündete Licht auf den Tisch und hatte Tränen im Auge. Es war zum ersten Male in der Ehe.

Auch Firmians Sieg im Andreasschießen, seine Krönung zum Schützenkönig hilft wenig, denn er bleibt ein Tunichtsgut, der im Grunde nur für sich schreiben und mit seinem besten Freund Leibgeber Schabernack treiben will, der jedoch für mindestens ein Jahr, nachdem er Heimlich von Blaise überzogen beleidigt und dessen Wände mit Verbalinjurien beschmiert hat, das Weite suchen musste, um dem Strafvollzug zu entgehen. Als er wieder in Bayreuth auftaucht, liegt die Ehe völlig und unwiderruflich in Scherben. Heinrich verhilft Firmian nun zu einem vorgetäuschten Tod, um Lenette das Drama und die Schmach einer Scheidung zu ersparen, und zudem zu einer wohlbezahlten Stelle bei einem Grafen in Vaduz. Firmian reist ab und verschwindet aus dem Reichsmarktflecken Kuhschnappel.

Vollständige Inhaltsangabe mit Spoiler hier.

Die dreifache Janusköpfigkeit des Romans

Die ausführliche, sehr austarierte, gar nicht parteiliche Beschreibung der Eheproblematik gibt Siebenkäs eine herausragende Stellung in der Literaturgeschichte. Nicht eine Affäre wie in Gustav Flauberts Madame Bovary, nicht eine Krankheit wie bei Charlotte Brontës Jane Eyre oder eine Gewalttat wie in Émile Zolas Die Bestie im Menschen führen zu Schwierigkeiten. Allein die Inkompatibilität von Firmian und Lenette höhlt nach und nach, trotz bester Vorsätze der beiden, trotz größter Mühe, die beide aufbringen, das Eheleben aus. Der Alltag zwischen der eher häuslich gesinnten Lenette, die Häubchen stickt und Fröhlichkeit aus einem gut geführten Haushalt zieht, widerspricht einfach völlig den intellektuellen Ambitionen von Firmian, der mit seinen satirischen Schriften von sich reden machen möchte und ohnehin für den bürgerlichen Alltag wenig Interesse aufbringt. Die Kommunikation schlägt einfach fehl. Die Welt des anderen erscheint ihnen fremd. Siebenkäs zeichnet dieses trotz vorhandener Liebe und Empathie eheliches Scheitern fast tragisch nach. Die Liebe vermag nicht die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken. Die Endlichkeit ihres eigenen Horizonts lässt sie gemeinsam einsam werden:

Die stumme Stube, in der die Musik und die Worte aufgehöret hatten, glich einem unglücklichen Dorfe, aus dem der harte Feind alle Glocken mitgenommen, und worin es still ist den ganzen Tag und die ganze Nacht und stumm im Turm, als wäre die Zeit vorbei. Als sich Firmian niederlegte, dacht‘ er: ein Schlaf beschließet das alte Jahr wie ein letztes, und beginnt das neue wie ein Leben, und ich schlummere einer bangen, ungestalten, tiefbehangnen Zukunft entgegen. So schläft der Mensch an der Pforte der versperrten Träume ein, aber er weiß nicht voraus, obgleich seine Träume nur einige Minuten und Schritte von der Pforte abliegen, welche, wenn sie aufgeht, hinter ihr warten, ob ihn auflauernde, funkelnde Raubtiere oder sitzende, lächelnde, spielende Kinder in der kleinen sinnlosen Nacht umringen, und ob ihn der fest geformte Dunst erwürge oder umarme.

Die beschriebenen beengten Verhältnisse unterstreichen die Einsamkeit, aus der Firmian dann entfliehen muss, auch um Lenette eine Ehe mit seinem Nachbarn, dem wohlbegüterten Schulrat Stiefel zu ermöglichen, der sich redlich um Lenette bemüht hat und der ihr das Leben, das sie sich sehnlichst wünscht, gerne bieten möchte. Das Scheitern hat dennoch Wunden und Verletzbarkeit in Firmian hinterlassen, und der nun heraufziehende Abschied von seinem besten Freund Leibgeber treibt ihn noch tiefer in die Verzweiflung, dass alles auf Erden ein Ende finden muss, nach dem Scheitern seiner Ehe auch die Freundschaft mit Heinrich. Der Abschied der beiden Freunde auf dem nahe Bayreuth gelegenen Rabenstein muss erfolgen, um den vorgetäuschten Tod Firmians nicht zu konterkarieren. Seine Freiheit hat den Preis, dass niemand die beiden Doppelgänger-Freunde zugleich sehen darf, da sonst ihr Schauspiel auffliegen müsste. Der Abschied vom Freund stellt den Höhepunkt des Romans dar und findet im zweiundzwanzigsten Kapitel statt:

Beide eilten, obwohl von Tälern und Bergen auseinandergeworfen, denselben Weg. Sooft Heinrich einmal stand und zurücksah, so tat Firmian beides auch. Ach nach einem solchen schwülen Sturm erstarren alle Wogen zu Eisspitzen, und das Herz liegt durchstochen auf ihnen. Klang es nicht unserem Firmian, da er mit diesem zerbrochenen Herzen über unkenntliche, dämmernde Pfade lief, klang es ihm nicht, als läuteten hinter ihm alle Totenglocken – als flöge vor ihm das entrinnende Leben dahin – und da er den blauen Himmel durchschnitten sah von einem schwarzen Wetterbaum, der auf den Sternen wie eine Bahre für die Zukunft stand, mußt‘ es da nicht um ihn rufen: mit diesem Maßstab aus Dunst nimmt das Schicksal von euch und euerer Erde und euerer Liebe das Maß zum letzten Sarge?

Hier gestaltet Jean Paul in Siebenkäs eine Freundschaft, die voller Vertrauen und Loyalität dennoch auseinandergetrieben wird, die keinen Platz in der Welt findet, auch und weil Heinrich gar nicht in Firmians Welt existieren möchte. Heinrich möchte reisen, spontan und freibleiben, während Firmian doch die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz ersehnt, zugleich aber mit dem Herzen bei seinem Freunde weilt. Die zwei Herzen, die in Firmians Brust schlagen, gleichsam ein Faust ohne metaphysische Tragödie, lassen sich in ihm nicht versöhnen. Sicherheit und Abenteuer lassen sich nicht vereinbaren, und Heinrich geht entschiedener seiner Wege, indes Firmian ihm nachschaut und im Herzen die Totenglocken schlagen spürt. Dieses dritte Motiv, das Hauptmotiv des Romans, erweist sich als der Tod, die Endlichkeit, die spröde, kalte Tatsache, dass alles zwischen Himmel und Erde ein Ende haben muss:

Keine Liebe – O wer die stechende weiße Rose der Liebe an das Herz drücket, dem blutet es, und die warme Freudenzähre, die in ihren Rosenkelch tropfet, wird früh kalt und dann trocken – am Morgen des Lebens hängt die Liebe blühend und glänzend als eine große rosenrote Aurora im Himmel – o, tritt nicht in die glimmende Wolke, sie besteht aus Nebel und Tränen – Nein, nein, wünsche keine Liebe: stirb an schönern Schmerzen, erstarre unter einem erhabenern Giftbaum, als die kleine Myrte ist. […] Auch keine Freunde mehr – nein – wir stehen alle auf ausgehöhlten Gräbern nebeneinander – und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten haben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle.

Mit seiner Sprache, den Ornamenten, mit den Verzierungen, Späßen und vielen Ablenkungen lässt Jean Paul dennoch im Hintergrund ein Schattenrisstheater des Todes aufziehen, eine Trauer und Melancholie evozieren, die sich nach und nach durch die Zeilen des Buches drückt, bis sie völlig in der Lektüre erblüht und die Verlassenheit und Einsamkeit eines Menschenleben erahnen lässt und zu Bewusstsein bringt, die Verletzbarkeit, die Winzigkeit der empfundenen Lebensspanne gegen den über Firmian und Lenette sich spannenden riesigen, möglicherweise entleerten, entstirnten Kosmos.

Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei

In diesem Zusammenhang hat Jean Paul in seiner zweiten Fassung von Siebenkäs Ende des zweiten Bändchen die Rede des toten Christus eingefügt, die das Thema Determinismus, Atheismus und Halt- und Sinnlosigkeit im Weltgeschehen behandelt und als Kommentar und Reflexion und Allegorie auf die Handlung des Romans betrachtet werden kann. In diesem sogenannten Ersten Blumenstück unternimmt der Ich-Erzähler nun einen poetologischen Schockversuch, um das Gemüt aufzuwecken, ja mittels des sprachlichen Ausdrucksgeschehens zurück in die Lebensintensität zu finden, die oft und schnell im Getriebe des alltäglichen Gewimmels verloren zu gehen droht. Als Stoff nimmt er hier im Zeitalter des Determinismus und der Laplaceschen Mechanik, die Gott nicht mehr als Hypothese benötigt, eine kosmische Angelegenheit von astronomischen Ausmaßen. Der Ich-Erzähler schläft ein und träumt, wie in einer Art Geister- und Totentanz Christus auf die Erde herabschwebt und die Nichtexistenz Gottes verkündet:

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«
Er antwortete: »Es ist keiner.«
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt. Christus fuhr fort: »Ich […] schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich.«

Hier spielt Jean Paul die Unsterblichkeit, das Wissen um Wiederholung und Zufall, gegen die Liebe und Schöpfung aus. Gott steht hier nämlich für die Möglichkeit eines Gegenübers, eines Miteinanders, einer alles verbindenden, alles vereinenden Kraft, Quelle des Lebens und des Glücks, nämlich der Sonne, die wachsen und gedeihen lässt. Ohne diesen gibt es nur Abgrund, die Wiederholung des Immergleichen, also sogar Unsterblichkeit, aber eben ohne Bezugnahme, Verbindlichkeit, ohne ein mystisch wachsendes, organisches Miteinander, das die Schöpfung verbürgt. Als der Ich-Erzähler aufwacht, wärmt ihn die Sonne und er schüttelt beglückt den Alptraum von sich ab, der vor wenigen Augenblicken noch in Gestalt der Schlange, Symbol der Wissbegier, die Welt zermalmte und zum Zerbersten brachte.

Im Zweiten Blumenstück legt der Ich-Erzähler den Traum im Traum von Maria nach, in welchem die Erde im vollen Frühling durch die Mutterliebe verbleibt. Mit Vater- wie Mutterliebe, die das Kind erkennt, spürt, nachempfindet, erwacht in diesem überhaupt die Freude am Dasein und die Möglichkeit von Freundschaft und Liebe auch zu anderen Menschen, die das Leben erst lebenswert erscheinen lassen, denn ohne diese Verflochten- und Verbundenheit gilt, was Jean Pauls Christus im Traum verspürt:

Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir – O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? – Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?….. Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo – ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder.

Mit diesen beiden Blumenstücken erweitert Jean Paul seinen Siebenkäs und multidimensionalisiert die behandelte soziale Problematik, dass der Mensch ohne den Menschen nicht sein kann, aber durch den Menschen auch von sich fortgetrieben, von sich entfremdet, verdrossen dahinwelken kann. Das exakt in der Mitte positionierte Zwischenspiel erfüllt im Kleinen, was der Roman im Großen zu vollführen sucht, die Wertschätzung der Gegenwart, des Hier und Jetzt durch die Anerkennung der Endlichkeit, des Wissens, dass der Moment vergeht, das Gegenüber irgendwann stirbt und die Chance verlischt, sich gegenseitig wertzuschätzen und zu inspirieren.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Vom Ton her ähnelt Siebenkäs (1797) in den hymnischen Passagen sehr Friedrich Hölderlins Hyperion (1792), auch in der dramatischen Liebesgeschichte zwischen Hyperion und Diotima, nur dass Hyperion durch sein Engagement selbst Schuld an Diotimas Liebestod trägt, wohingegen Lenette und Firmian beide einander treu und ergeben bleiben, aber durch inkompatible Persönlichkeiten nicht zueinander finden können. Heinrich und Firmians Freundschaft, der eine einzelgängerisch, abenteuerlustig, der andere sesshaft und verzeihender, wird von Hermann Hesse in Narziss und Goldmund aufgenommen. Hier wie dort finden die ungleichen Freunde nicht dauerhaft zueinander. Sie trennen sich immer wieder, und wie Goldmund verschwindet schließlich auch Heinrich aus dem Leben seiner Mitmenschen. Hesse jedoch legt seinem Roman eine weniger dialektische Konstellation zugrunde, denn bei ihm rettet der vernünftige Narziss den liebesdurstigen Goldmund aus der Bredouille, wohingegen in Siebenkäs der abenteuerbereite, eher irrationale Heinrich Firmian von einem elenden Leben befreit und diesem eine angenehme Stelle in Vaduz verschafft. Gibt es aber in Hyperion Bürgerkriege und Revolutionen und in Narziss und Goldmund die Pestseuche und gewaltbereite Tyrannen, reicht in Siebenkäs für alle Problematik der Umstand, dass Menschen sterben müssen:

Knirschend ging [Firmian] ans Fenster und sah ohne Augen auf die Gasse. Ein Dorfleichenbegängnis marschierte mit Stöcken unten vorbei. Die Leichenbahre war eine Achsel, und auf ihr wankte ein schiefer Kindersarg. Dieser Anblick ist überhaupt schon rührend, wenn man über einen kleinen verborgnen Menschen nachsinnt, der aus dem Fötusschlummer in den Todesschlaf, aus dem Amnioshäutchen dieser Welt in das Bahrtuch, das Amnioshäutchen der andern, übergeht – dessen Augen vor der glänzenden Erde zufallen, ohne die Eltern gesehen zu haben, die ihm mit feuchten nachblicken, der geliebt wurde, ohne zu lieben – dessen kleine Zunge verweset ohne gesprochen, wie sein Angesicht, ohne je gelächelt zu haben auf unserem widersinnigen Rund.

Siebenkäs besitzt also als Komplement Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre (1794). In beiden Romanen stellt sich das irdische Dasein mit seinen eigenen, nicht hinzuerfundenen Misshelligkeiten bereits allein schon als das Problem dar. Unfälle, Sterblichkeit, Abschiede, ungewollte Missverständnisse reichen diesen Schriftstellern völlig aus, um das Leben als Herausforderung erscheinen zu lassen. Zeigt Goethe aber in den Lehrjahren gelungene und gelingende Lebensentwürfe, so Siebenkäs scheiternde. Seine Figuren finden nicht zueinander. Seine Freundschaften bleiben nicht bestehen. Die Pläne gehen allenthalben nicht auf. Die Gesellschaft erweist sich für Jean Paul in Siebenkäs engmaschiger, als Würgegriff und Sicherheitsnetz zugleich. Firmian ist kein Wiedergänger eines Wilhelm, und Heinrich nicht als ein Lothario, noch Lenette als schöne Seele oder als patente Haus- und Hofvorsteherin Therese. Die Welt in Siebenkäs findet nicht zusammen, bildet kein harmonisches, evolutionierendes Ganzes wie bei Goethe. Für sie gilt, was Jean Paul seinem Roman Hesperus als Motto vorangestellt hat:

Die Erde ist das Sackgäßchen in der großen Stadt Gottes – die dunkle Kammer voll umgekehrter und zusammengezogner Bilder aus einer schönern Welt – die Küste zur Schöpfung Gottes – ein dunstvoller Hof um eine bessere Sonne – der Zähler zu einem noch unsichtbaren Nenner – wahrhaftig, sie ist fast gar nichts.
Jean Paul aus: „Hesperus“

Denn im Gegensatz zu Goethe zeigt Jean Paul in Siebenkäs Figuren, die nicht entsagen wollen, allen voran Firmian, der sowohl über wie in den Dingen stehen will. Siebenkäs besteht aus einer dreifachen Janusköpfigkeit der Inkompatibilität, die Firmian in vollendeter Unentschiedenheit zeigt: Weder will er sich für ein Leben mit seiner Ehefrau noch für eines mit seinem besten Freund entscheiden, weder für den Beruf als Armenadvokat noch für den des Schriftstellers, noch zwischen den Namen Heinrich Leibgeber und Firmian Stanislaus Siebenkäs. In dieser Unentschiedenheit zerbröckelt ihm alles unter den Händen hinweg, und am Ende findet er sich am eigenen Grab wieder und beginnt wahrscheinlich dasselbe Leben von neuem. Passend hat Walter Benjamin auch Jean Paul charakterisiert:

Jean Paul war ein Geschöpf, welches »mit Staat, Sitte, Beruf, Weib und Geschäft bloß in der Form der Niederlage bekannt werden konnte«. Dafür ist ihm »der eingetunkte Zauberstab« zuteil geworden, der »die Form an der materiellen Welt mit einem Schlage« ändert. Der Zauberstab, von dem die Rede ist, ist der der Phantasie; die Feuchte, die ihn benetzt, die des Humors, den man aus unergründlicher Quelle sprudelnd sich denken mag. Zu Füßen eines biedermeierlich geblümten Felsens springt sie auf. Gelehnt an eine himmelblaue Göttin lagert dort der Dichter mit den melodischen Händen. Was ihm die Muse eingibt, zeichnet ein Flügelkind neben ihm auf. Verstreut umher liegen Harfe und Laute. Zwerge im Schoß des Berges blasen und geigen. Am Himmel aber geht die Sonne unter.
Walter Benjamin aus: „Der eingetunkte Zauberstab“

Siebenkäs von Jean Paul breitet einen melancholischen Schleier über die Welt aus. Viel Lärm um Nichts vielleicht nicht, aber viel Lärm, viel Ornament, viele Allegorien und bunte Details, um über die Traurigkeit hinwegzutäuschen, dass fast gar nichts gelingt, alles endet und alles stirbt auf diesem widersinnigen Rund. Die Erzählweise beeindruckt durchweg mit Erfindungsreichtum und Mut, der Trostlosigkeit der Zustände die Stirn zu bieten – doch die Zustände gewinnen, sie werden nicht durchschritten. Woran aber Jean Paul in Siebenkäs gemahnt, trotz aller widrigen Um- und Zustände, den liebevollen Blick auf die Mitwesen nicht zu vergessen, die kämpfenden, darbenden, hoffenden Individuen, die alle auf dem Weg irgendwohin sind, während eine kleine Kugel um eine kleine Sonne kreist. Jean Paul erhebt die Melancholie zum ästhetischen Prinzip und reißt damit, so unwahrscheinlich es klingt, den Schleier der Maja für ein paar Momente vom Dasein herab.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.

Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.

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