Caroline Wahl: „Die Assistentin“

Die Assistentin von Caroline Wahl. Spiegel Belletristik-Bestseller 2025.

Einer der erfolgreichsten Genres auf dem Literaturmarkt heißt Young Adult Fiction, und Caroline Wahl gehört mit ihren beiden ersten Romanen 22 Bahnen und Windstärke 17 zu den Erfolgreichsten in ihrem Genre. Mit ihrem neuestem Roman Die Assistentin hat sie einigermaßen Gegenwind erfahren, landete aber dennoch auf verschiedensten Bestsellerlisten. In diesem Roman bleibt sie bei der Young Adult Fiction und nähert sich dem problematischen Beschäftigungsverhältnissen im Kunst- und Kulturbetrieb, der im Rahmen von MeToo-Bewegungen in letzter Zeit auch literarisch unter die Lupe genommen worden ist, wie bspw. von Benjamin von Stuckrad-Barre in Noch wach? oder von Antje Rávik Strubel Blaue Frau. Ähnlich gelagert schließen auch Nell Zink in Sister Europe und Aria Aber in Good Girl an, die drastisch die teilweise äußerst informell-zwanghaft physisch-psychisch werdenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Kunstschaffenden und diese jeweils Kuratierenden beschreiben. Caroline Wahls ‚good girl‘ heißt nun Charlotte, und sie beginnt ihre Verlagskarriere bei einem angesagten Münchener Verlag und einem berühmt-berüchtigten Verleger und Alleskönner:

Ugo Maise veröffentlichte derweil seinen Roman, wurde zwei Jahre später Chefredakteur von diesem Literaturmagazin, gründete eine Werbeagentur, investierte in mehrere Start-ups, bis er dann den Verlag kaufte, fast sieben Jahre war das nun her. Und jetzt saß sie hier, um im besten Fall die Assistentin dieses Mannes zu werden. Vielleicht hatte doch alles so seine Richtigkeit, wie es gekommen war. Kurz vor dem Gespräch beendete Charlotte die Recherche, zog sich ihre Glücksbluse an, glättete ihre Haare, trug ein wenig Wimperntusche auf und saß dann nervös vor ihrem Rechner und wartete.
Caroline Wahl aus: „Die Assistentin“

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László Krasznahorkai: „Der Gefangene von Urga“

Der Gefangene von Urga by László Krasznahorkai. Literaturnobelpreis 2025.

Die alte Redewendung – wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen – stammt von Matthias Claudius aus seinem 1786 erschienenen Gedicht Urians Reise um die Welt. In diesem Gedicht wird der Globetrotter Urian beschrieben, der über Grönland hin zum amerikanischen Kontinent nach Asien und Afrika reist. László Krasznahorkai, der Literaturnobelpreisträger 2025, beschränkt seinen Ich-Erzähler auf den eurasischen Raum, genauer auf die weite Spanne zwischen Ungarn, der Mongolei und China. Der Gefangene von Urga (1993) setzt sich in die Tradition der Reiseromane mit Ich-Betrachtungen zwischen erfahrener Fremdheit und ersehnter Nähe. Durch seinen Stoff kommuniziert Krasznahorkai hier intensiv mit Cees Nootebooms Reisebüchern wie Im Frühling der Tau, in welchem der Niederländer seine östlichen Reisen beschreibt. Kraznahorkai jedoch webt seine Berichte fiktionalisierter zusammen, weniger tagebuchartig:

Denn durch die Gobi zu reisen, denn die Wüste in russischen Waggons Richtung Beijing zu durchqueren, denn an einem Herbsttag mit der Durchschnittsgeschwindigkeit der russischen Züge sich aus dem Bogd-Gebirge bis zur mongolisch-chinesischen Grenze in die leblose Leere der Wüste Gobi zu wagen, das bedeutete, in sie einzugehen, es bedeutete, spurlos zu werden, sich für verschwunden zu erklären, sich vorübergehend aus dem irdischen Dasein zu verflüchtigen; unter solchen Umständen nämlich behauptete diese Wüste – eine mehrtausendjährige, paradiesische Metapher des märchenhaften Entkommens zerstörend –, dass die Ewigkeit zwar Wirklichkeit ist, für uns aber eine albtraumhaft abschreckende Wirklichkeit, dass die Ewigkeit zwar die Provinz der Götter ist, diese Götter aber starr, unnahbar, kalt und höllisch sind, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als bis zum Wahnsinn erhitzte vollkommene und schicksalhafte Symmetrie, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als die ideale, unzerrüttbare Perfektion der Wiederholung.
László Krasznahorkai aus: „Der Gefangene von Urga“

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Deutscher Buchpreis 2025: Die Shortlist. Mein Fazit.

Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels lobt seit 2005 jedes Jahr zu Beginn der Frankfurter Buchmesse den ‚Roman des Jahres‘, dieses Jahr als Deutscher Buchpreis 2025 aus. Der Preis wurde bislang zwanzig Mal vergeben [die Liste mit Besprechungen findet sich hier]. Die Kriterien für den Buchpreis werden auf der Seite nicht angegeben, nur dass die Jury jährlich wechselt und von einem elfköpfigen Gremium berufen wird. Seit ein paar Jahren habe ich mir das Hobby gemacht, einen luziden Kriterienkatalog anzugeben, der helfen könnte, die jeweiligen Preisvergaben für aus literarischer Sicht etwas verständlicher werden zu lassen. Zusätzlich ordne ich im Vorfeld die Shortlist-Erscheinungen in längeren Besprechungen literaturhistorisch ein, um Kräftefelder und Vorbilder der Romane zu verorten, die alles andere als im luftleeren Raum erscheinen und deshalb freiwillige und unfreiwillige Resonanzen und Echos in ihrem Feld erzeugen.

Auf der Shortlist Deutscher Buchpreis 2025 stehen folgende Titel:

  1. Dorothee Elmiger mit „Die Holländerinnen
  2. Kaleb Erdmann mit „Die Ausweichschule
  3. Jehona Kicaj mit „ë
  4. Thomas Melle mit „Haus zur Sonne
  5. Fiona Sironic: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
  6. Christine Wunnicke mit „Wachs
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Kaleb Erdmann: „Die Ausweichschule“

Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Auf der diesjährigen Shortlist des Buchpreises des Börsenvereins des deutschen Buchhandels befindet sich ein Zwillingspaar, aber je mit verschiedenem Vorzeichen. Dorothee Elmigers Roman Die Holländerinnen und Kaleb Erdmanns Die Ausweichschule behandeln beide Morde. Beide wählen eine Hauptfigur, die schreibt und der das Schreiben zunehmend schwerfällt, bis unmöglich wird. Um die Koinzidenz bis zur Unwahrscheinlichkeit zu treiben, haben beide Figuren noch in Frankfurt am Main ihren Wohnsitz und werden jeweils durch einen Dramatiker zu ihrem Schreibprojekt getrieben. Als Setting wählen beide das für die Literatur sehr typische Topos des misslingenden, zum Scheitern verurteilten Schreibens, wie es bspw. Hermann Hesse in Die Morgenlandfahrer oder Christa Wolf in Voraussetzungen einer Erzählung kompakt intellektuell durchgespielt haben. In Die Ausweichschule von Kaleb Erdmann handelt es sich um einen jungen Autoren, der nach seinem Debüt mit dem Stoff seines Zweitlings kämpft:

Seitdem ist es still geworden. Im Grunde warte ich, dass etwas passiert. Ich schreibe hin und wieder Pointen für ein großes, profilloses Satire-Fernsehformat und mache Lektorate für einen großen, profillosen Sprachdienstleister. Im Wesentlichen warte ich und komme mir zunehmend profillos vor. Gestern hat mich meine Agentin angerufen.
Denkst du eigentlich an einen zweiten Roman?, hat sie gefragt.
Ich denke ständig an einen zweiten Roman, habe ich geantwortet.
Und schreibst du ihn auch?, hat sie nachgebohrt.
Ich denke ernsthaft ans Anfangen, bin ich ausgewichen.
Kaleb Erdmann aus: „Die Ausweichschule“

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Fiona Sironic: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft von Fiona Sironic. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

Sironic‘ Debütroman mit dem langen Titel Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft erinnert nicht nur durch diesen an Julia Josts Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Beide Romane lassen sich als Coming-of-Age Texte betrachten. Beide behandeln eine gleichgeschlechtliche Liebe und verhandeln zudem heißdebattierte politische Konfliktfelder. Tendiert Jost aber mehr zum Humor, zur verspielten, sich über die Dinge erhebenden Wortakrobatik, lässt sich Sironic tief in den Ernst ihrer eigenen Romanwelt fallen und nimmt hierdurch kommunikativ-parabelhafte Züge von Romanen wie bspw. Die Welle von Todd Strasser oder Die grüne Wolke von A.S. Neill an. Wie in Neills Jugendbuch spielt auch Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft  in einem apokalyptischen Weltszenario. Bei Sironic herrschen durch den Klimawandel Artensterben, Waldbrände und Hitzetode:

Ich höre im Stream von der erhöhten Sterberate. Von den Hitzetoden, die schon lange mehr geworden sind, aber inzwischen ein absurdes Hoch erreichen. Man käme nicht mehr hinterher. Eine Verringerung der allgemeinen Lebenserwartung. Ich denke an Opa, der einfach eines Tages umgefallen ist. Damals war das noch jung, 65. Wir schauen weniger auf die Endgeräte in diesen Tagen. Eine Art Alltag schleicht sich ein. Anfangs logge ich mich hin und wieder bei dem Account unserer Schule ein, überprüfe ausstehende Abgaben, bis ich es vergesse. Es hat nichts mehr mit mir zu tun.
Fiona Sironic aus: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“

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