Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter (Hrsg.): „Die Backstage eines Buches“

Die Backstage eines Buches von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter.

Die Backstage eines Buches versammelt Reflexionen und Assoziationen von 21 Autoren und Autorinnen zum Thema: Schreib- und Publikationsprozess von Romanen, Erzählungen und Gedichten. Herausgegeben wurde die Anthologie, mit „Gegenwart“ als anthologisches Ordnungskriterium, von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter, die beide auch als Autoren wirken: Schiffer bspw. mit Ich höre dem Regen zu und Güçyeter bspw. mit dem Leipziger Buchpreis 2023 prämierten Unser Deutschlandmärchen. In Die Backstage eines Buches jedoch halten sie sich zurück und lassen andere zu Wort kommen:

Im Universum gibt es keinen Vorhang, kein Dahinter, kein Davor, kein Drinnen und kein Darunter. Nur Vorderseiten, Oberflächen. Das ist die Welt, das Leben, und jede Vorstellung, ein Geheimnis könnte darin verborgen sein, setzt einen Gott voraus, der täuschen will. Die Wasseramsel, eben, in der halben Stunde, in der ich dich, Dinçer, alleine ließ für meine morgendliche Anbetung der Sonne, dieser Vogel auf seinem Stein im Bachbett, noch ohne Ehrgeiz für seine famosen Tauchgänge, er täuscht nicht, er gibt sich dar, streckt seine Daunen in den Morgen, lässt sich das Brustkleid, dieses weiße Pallium, vom Licht beglänzen.
Lukas Bärfuss in: „Die Backstage eines Buches“

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Sebastian Haffner: „Abschied“

Abschied von Sebastian Haffner. Spiegel Belletristik-Bestseller 05/2025.

Von Sebastian Haffner stammen die berühmten Anmerkungen zu Hitler (1978), in denen auf sehr öffentlichkeitswirksame Art und Weise Hitler in radikaler Konsequenz als in jeder Hinsicht nihilistischer Vollstrecker charakterisiert wird. Der Historiker und Journalist Haffner mit bürgerlichen Namen Raimund Pretzel trat Zeit seines Lebens (1907 bis 1999) nicht als Romancier in Erscheinung. Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod erscheint nun sein erster Roman Abschied aus dem Nachlass. Nicht in letzter Hand, aber auch nicht als Fragment liegt dieser weniger als zweihundert Seiten umfassende, von einem Ich-Erzähler handelnde Text vor, der als Stoff die Liebe und als Plot Eifersucht erforscht:

»Ja«, sagte ich, »das ist eine tiefe Beobachtung. Übrigens war ich, glaube ich, der uneleganteste Mann auf dem Ball, mit meinem Abitursmoking. Teddy kriegte ich nachher überhaupt nicht mehr zu sehen. Sie tanzte mit weiß ich wem, mit dem ganzen Attachégesindel und mit dem Bayern — bö. Große bayerische Kuh.«
Franz Frischauer lachte.
»Ist das so zum Lachen?«, sagte ich. »Kennen Sie das nicht? Sind Sie nie eifersüchtig? Es ist ein ekelhaftes Gefühl.«
»Schon, schon«, sagte Franz. »Aber man muss doch wissen, auf wen man eifersüchtig ist, wos lohnt. Man ists doch nicht auf all und jeden.«
»Gerade«, sagte ich. Ich war damals noch ziemlich jung.

Sebastian Haffner aus: „Abschied“

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Anne de Marcken: „Es währt für immer und dann ist es vorbei“

Es währt für immer und dann ist es vorbei von Anne de Marcken. Ursula K. Le Guin Prize 2024.

Anne de Marckens Es währt für immer und dann ist es vorbei nimmt eine momentan literarische Bewegung der phantastisch Allegorisierens auf, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts mit Alfred Kubins Die andere Seite und Franz Kafkas Der Proceß chiffrenhaft begann, und in letzter Zeit über einen Haruki Murakami aus Die Stadt und ihre geheimnisvolle Mauer insbesondere in den fernöstlichen Literaturen an Wichtigkeit zunimmt, wie in Sayaka Muratas Die Ladenhüterin, Han Kangs Die Vegetarierin und Hiroko Oyamada Das Loch. In diesen Texten mischen sich Traumsequenzen mit Realitäten und erzeugen eine unheimliche Schwebelage, die Raum und Möglichkeit gibt, Lebensbereiche narrativ zu behandeln und zu erforschen, die sich bislang narrativer Symbolisierung entzogen haben: Anorexie, Devolution, Statthalter-Syndrom oder, wie bei Anne de Marcken die Fehlgeburt:

Wir wollten mehr voneinander und mehr Leben. Wir fügten ein Baby zu dem Haus unserer Liebe hinzu. Wie ein lichtdurchfluteter Anbau, bestehend aus Staunen und Angst und Zeit und Verleugnung. Es war die Zukunft. Wir stellten uns vor, wie wir dort leben würden. All die imaginären ersten Male und die Welt, die einfach weiterging, als wäre es nicht schon zu spät. Es war gar nicht so, als wäre das Baby gestorben. Es war noch nicht einmal ein Baby, nicht wirklich. Noch nicht. Ich benutze das Wort nicht gerne und wünschte, es gäbe eine gute Alternative. Es war eher so, dass die Zukunft starb. Sie wurde Teil der Vergangenheit.
Anne de Marcken aus: „Es währt für immer und dann ist es vorbei“

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Martin Suter: „Wut und Liebe“

Wut und Liebe von Martin Suter. Spiegel Belletristik-Bestseller 2025.

Der Rachetopos, in welchem eine der Hauptfiguren eines Romans sich selbst ermächtigend Gewalt verübt, findet sich eher selten literarisch-sprachlich eindringlich aufgearbeitet. Vielmehr eignet sich dieser Plot als eine Art Kurzschlussverfahren in Kriminalgeschichten und Fantasysettings, die moralpsychologisch von Konsistenzen und Empathieimperativen durch ihre Eigenweltlichkeit eher suspendiert wahrgenommen werden können. Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame und Herman Melville Moby Dick stellen da eher eine Ausnahme dar. Auch Martin Suters neuester Roman Wut und Liebe nimmt dieses Thema, obgleich sein zentraler Gegenstand, eher auf die leichte Schulter.

Wollte er [Noah] allen Ernstes etwas tun, was seinem ganzen Wesen, allem, wonach er lebte und woran er glaubte, in jeder Beziehung widersprach? Wer garantierte ihm, dass Betty sich an ihren Teil der Abmachung halten würde, wenn er seinen erfüllt hatte? Aber jetzt, wo es gar nicht mehr um die Liebe ging, wo Camilla wieder bei ihm war, ausgerechnet jetzt war sein Entschluss, zum Mörder zu werden, unumstößlich geworden. In der Nacht hatte er sich nach dem Grund dafür gefragt und ihn rasch gefunden: Gegenwehr. Er musste den Mann vernichten, der ihn selbst vernichten wollte.
Martin Suter aus: „Wut und Liebe“

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