Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Lange, über etliche Hunderte Seiten sich erstreckende Erzählungen, also Romane, entstehen in der Zeit der zunehmenden Privatisierung und Atomisierung der Gesellschaft hin zu individuellen Sozialräumen. Walter Benjamin nannte diese Entwicklung in Erfahrung und Armut eine Form von narrativer Entwertung, denn das Erzählen selbst wurde zunehmend unpersönlicher und selbstbezogener. Mercier, bekannt durch seinen Roman Nachtzug nach Lissabon und Perlmanns Schweigen, hingegen beruft sich implizit auf diese ältere Form des Erzählens und setzt dies in seinem posthum erschienen Der Fluss der Zeit, einer Erzählsammlung fort:

Ich schreckte aus einem leichten Schlaf auf. Es war drei Uhr. Alle Fenster in der Gasse waren dunkel. Ich nahm mein Notizbuch aus dem Koffer, setzte mich an den Tisch und begann, die Stationen meines Lebens aufzuschreiben. Was war wann geschehen? Was für Spuren hatte es in mir hinterlassen? Es gab längere Abschnitte, von denen ich überhaupt nichts mehr zu wissen schien. Dass es solche Lücken des Erinnerns gab, wusste ich natürlich, das würde bei jedem so sein. Doch jetzt, an dem Tisch, an dem ich vor vierzig Jahren meine Referate geschrieben hatte, geriet ich über das Vergessen in Panik. Mir war, als hätte ich mich verloren, noch dazu, ohne es bemerkt zu haben.
Pascal Mercier aus: „Der Fluss der Zeit“

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Natascha Wodin: „Die späten Tage“

Die späten Tage von Natascha Wodin. SWR Bestenliste.

Ein bekannter Longseller von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder heißt Alte Liebe, die auch Helga Schubert in ihrem Stunden- und Kalenderbuch Der heutige Tag beschreibt und Friederike Mayröcker im avantgardistisch-eigenwilligen da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete lyrisch zum Anlass für Sprachspiele nimmt, die die Furcht vor dem Tod mit dichterischem Verve zurückdrängen. Natascha Wodin greift diese Form des Andachtsschreiben in Die späten Tage auf, in der ein notierendes, reflektierendes Ich über das Leben im Alter und angesichts des Todes eine Art öffentliches Tagebuch führt:

Am Abend vor unserer Abreise – der Himmel hatte sich geöffnet und verwandelte die Schneelandschaft in ein Meer von blendendem Licht – sah ich zum ersten und zum letzten Mal in meinem Leben das Phänomen, das man Alpenglühen nennt. Die bizarren, nur noch mit etwas Schnee gepuderten Felsgiganten, zu deren Füßen der Hof lag, begannen wie von innen heraus zu leuchten, verwandelten sich in riesige, ungeschliffene Rubine, die aus dem Schnee ragten, andere wirkten wie angestrahlt von einem grellen, rosafarbenen Neonlicht. Maries magische Welt, meine letzte Umarmung mit ihr, ihre letzten Freundinnenküsse auf meine Wangen, bevor ich ins Auto stieg.
Natascha Wodin aus: „Die späten Tage“

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Annett Gröschner: „Schwebende Lasten“

Schwebende Lasten von Annett Gröschner.

Heldengeschichten gibt es in der Gegenwartsliteratur wahrlich selten und noch seltener in solchen, die sich mit der DDR auseinandersetzen. Hier reicht die Bandbreite vom Chronikhaften wie Christoph Heins Das Narrenschiff über psychodramatische Verwicklungen wie in Jenny Erpenbecks Kairos und Satiren wie Uwe Tellkamps Der Turm zu harten Diffamierungen wie in Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück. Annett Gröschner schlägt in Schwebende Lasten andere Töne an, indem sie ähnlich einer Dörte Hansen in Zur See eher den individualpsychologischen Raum dynamisiert und verpassten und verwirklichten Chancen literarisch nachspürt. Im Mittelpunkt bei Gröschner steht eine außergewöhnliche Person, Hanna Krause, geboren September 1913, die sich, koste es, was es wolle, nicht als Siegerin der Geschichte darstellen lassen will:

Einmal wurde ein Maler damit beauftragt, [die Kranfahrerin] Hanna zu porträtieren, als sie gerade Aktivistin geworden war. Sie weigerte sich hartnäckig, als Siegerin der Geschichte dargestellt zu werden. Es sei schlimm genug, in diesem Dreck arbeiten zu müssen, da brauche sie kein Erinnerungsbild. Und wenn es noch so beschönigt sei. Der Maler solle sich lieber mit Pflanzen beschäftigen. So ein richtig schönes buntes Blumenbild […] Aber der Maler hielt an seinem Auftrag fest. Eine Frau müsse es sein, die Männerarbeit verrichtet, fröhlich und frisch frisiert. So mürrisch Hanna in diesem Moment dreinblickte, hatte sie durchaus all das zu bieten, aber sie ließ sich nicht erweichen, auch nicht durch Drohungen. Der Maler musste sich eine andere Aktivistin suchen. Hanna weigerte sich ebenso standhaft, in die Partei einzutreten.
Annett Gröschner aus: „Schwebende Lasten“

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László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“

Zsömle ist weg von László Krasznahorkai. SWR Bestenliste.

Zsölme ist weg heißt der neueste Roman vom Literaturnobelpreisträger 2025, László Krasznahorkai, der, wie schon in seinem zweiten Buch Satanstango(1985), das Alt- und Schwächer-Werden auf dem Lande beschreibt und der Sehnsucht nach einem ganz anderen, neuen Leben woanders eine eigentümlich, in sich zerstrittene Stimme leiht. Treibt in Der Gefangene von Urga das Fernweh zu Abenteuern und einer Selbstbeforschung an, gilt es in Satanstango und Zsömle ist weg (2025)das Neue im eigenen Land zu verwirklichen, eine Utopie, einen Aufbruch zu initiieren, um den festgefahrenen Lebenswegen zu entkommen. Die Hauptfigur in seinem neuesten Roman heißt József Kada I. der Árpáden. Halb Mongole, halb Ungar wartet er als letzter Spross einer über 750 Jahre bestehenden Dynastie auf die rechtmäßige Krönung und Thronbesteigung in einem maroden, sich dem Untergang nähernden Ungarn:

[…] wissen Sie, meine liebe Etelka, wie ich mir das Ungarn vorstelle, das dieses so leidgeprüfte Land durch die Wiederherstellung der Monarchie werden könnte?, und da das nur eine rhetorische Frage gewesen war, sprach er schon weiter, erstens werden wir diese Frage mit Blick auf den erbärmlichen Zustand der Königlichen Ungarischen Flotte durch den Bau neuer Schiffe lösen […] zweitens befreien wir uns von der Schande der heruntergekommenen und an den Tourismus verkauften ungarischen Burgen […] drittens darf der König, also ich, nur und ausschließlich in der königlichen Residenz wohnen, das heißt in der Budaer Burg, viertens werden die traditionellen Bestrafungsmethoden des Ius gladii und der körperlichen Züchtigung wieder eingeführt und ebenso alle derzeit nur als alte Traditionen gepflegten Tätigkeiten wie das Bogenschießen, das Reiten, der Volkstanz, die Turniere, Chöre und so weiter […]
László Krasznahorkai aus: „Zsömle ist weg“

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