Martin Mosebach: „Die Richtige“

Die Richtige von Martin Mosebach. Mit einem Fuß im Verderben.

Die Richtige von Martin Mosebach hat als zentrale Gestalt einen bildenden Künstler, einen Maler, und stellt sich hiermit in die Reihe von namhaften Werken wie Hermann Hesses Rosshalde, Klingsors letzter Sommer oder, um den bekanntesten Vertreter zu nennen, Gottfried Kellers Der grüne Heinrich. In Hesses Rosshalde, Ernesto Sabatos Der Tunnel und Alberto Moravias La Noia verengt sich das Feld weiterhin zu ästhetisch-verarbeitete Eifersucht und visuell-malerische Inbesitznahme, an welcher Stelle Die Richtige von Mosebach einsetzt, um einen Flaubertschen Dämonieunterton diesem Stoffgebiet (Körper-Geist-Bewusstsein) und Plot (Genies und Wahnsinnige) beizumischen:

»Aber warum müssen das unbedingt immer Akte sein?«
»Das hat zwingende Gründe, die im Material liegen und vom Material vorgegeben werden. Seitdem die Brüder van Eyck die Ölfarbe zur Blüte gebracht haben, ist die eigentliche Aufgabe der Malerei die Schilderung der Haut – erst die Ölfarbe kann eine Suggestion nicht nur von Materie, sondern von lebendiger Materie schaffen. Die Haut ist die Hohe Schule der Ölmalerei. Mit ihr erst kann die Tiefe, die Wärme, die Durchpulstheit der Haut nachgeschaffen werden. Mit ihr verliert die Zeichnung, die Linie ihre Be-deutung, die sie bis dahin behauptet hat. Wer als Maler mit Ölfarben darauf verzichtet, sich dieser Herausforderung zu stellen, hat das verfehlt, was einzig sein Material hervorbringen kann.«
Martin Mosebach aus: „Die Richtige“

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Eckhart Nickel: „Punk“

Punk von Eckhart Nickel. Hermann-Hesse-Preis 2024.

Im Gefolge der letzten beiden Rezensionen, Christian Krachts Air und Takis Würgers Für Polina, stellt sich von allein ein literarisch-kommunikativer Bezug zu dem neuesten, im letzten Jahr, erschienenen Buch von Eckhart Nickel Punk her, das 2024 mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Mit Air verbindet Nickels Punk das popliterarische Kontinuum einer referenzgesättigten Mediensprache, wie die beiden sie unter anderem mit Benjamin von Stuckrad-Barre im manifestartigen Tristesse Royal (1999) ausbaldowert haben, um ästhetisierend-kritisch auf eine ihrer Meinung nach bedürftige postmoderne Wirklichkeit einzuwirken. Mit Für Polina verbindet Punk der Stoff Jugend mit dem dynamisierenden Problem des Klavierspielens und des Lampenfiebers im Plotbereich Soziale Renitenz. Er verbleibt hiermit im Fahrwasser seines letzten Romans Spitzweg. Auch in Punk dreht sich alles um die Kunst, nur hier nicht um die Malerei, sondern um die befreiende Kraft der Musik:

Nun gut, wir brauchen ja die Stille, um überhaupt etwas zu hören. Wusstet ihr, dass das Gehirn, wenn wir Musik hören, an der bereits fertiggestellten Komposition mitarbeitet, weil es immer Bruchteile einer Sekunde vorausdenkt und die gerade im Augenblick gehörte Melodie in Richtung Zukunft weiterspinnt? Da wird man irre, wenn man versucht, sich das vorzustellen. Das HIRN rast also der Musik davon, fast wie im Märchen der Igel vermeintlich dem Hasen.
Eckhart Nickel aus: „Punk“

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Bret Easton Ellis: „American Psycho“

American Psycho von Bret Easton Ellis … Realitätsverlust als Plot.

Glaubwürdige Antipathen finden sich nicht so oft in der Literatur. Oft wird als Weg aus dem Dilemma die Satire gewählt, d.h. aber schon im Vorhinein auf Glaubwürdigkeit zu verzichten und die Überzeichnung, also Karikatur zu wählen. Hiervon gibt es viele Beispiele: Heinrich Manns Der Untertan, Maxim Billers Der falsche Gruß, Vladimir Nabokovs Lolita oder kürzlich Gaea Schoeters Trophäe. American Psycho von Bret Easton Ellis geht den schwierigeren Weg und plausibilisiert den Antipathen, ohne sich über ihn lustig zu machen und ihn bloßzustellen:

Ich gehe nach Hause, sage ›gute Nacht‹ zu einem Portier, den ich nicht erkenne (es könnte irgend jemand sein), dann Überblendung auf mein Wohnzimmer hoch über der Stadt, aus der leuchtenden Wurlitzer 1015 Jukebox (die nicht so gut ist wie die rare Wurlitzer 850) in der Ecke singen die Tokens »The Lion Sleeps Tonight«. Ich masturbiere, denke erst an Evelyn, dann an Courtney, dann an Vanden und wieder an Courtney, aber kurz bevor ich komme – ein schlapper Orgasmus – an ein halbnacktes Model in einem Trägertop, das ich heute in einer Calvin-Klein-Anzeige gesehen habe.
Bret Easton Ellis aus: „American Psycho“

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Takis Würger: „Für Polina“

Für Polina von Takis Würger. Spiegel Bestseller 2024.

Klassische Musik besitzt immer noch den Nimbus eines Geheimnisses, eines Höheren, eines Edleren und besitzt auch in der Gegenwartsliteratur noch viel Anziehungskraft, insbesondere das Klavier als König der Instrumente, sei’s in Bernhard Schlinks Die Enkelin, in Edgar Selges Hast du uns endlich gefunden oder in Eckhart Nickels Punk. Ältere bekannte Romane wären Die Klavierspielerin von Elfriede Jelinek, Thomas Bernhards Der Untergeher und noch weiter zurückliegend Thomas Manns Doktor Faustus. Takis Würgers Für Polina spielt im Titel auf Ludwig van Beethovens Für Élise (1810) an, um dessen Widmungsempfängerin noch Unklarheit herrscht. Dieses Thema greift Würger in seinem dritten Roman, nach Der Club und Stella, auf, denn auch hier geht ein Lied um die Welt, dessen Widmungsempfängerin unauffindbar scheint:

Es waren kleine knisternde Funken, die aus dieser Musik stoben, als würde man in Holzkohleglut pusten, aber sie flogen schnell. Und sie flogen weit. Und dort, wo sie auf‌trafen und die Menschen »MOVER PLAYS PIANO ON THE STREET AND MOVED MY HEART« anhörten, flackerte die Glut auf, und bald loderte eine kleine Flamme, bald entfachten Feuerchen, eins in Hamburg, eins in Garmisch, eins in München, eins in Tbilisi, eins in Istanbul, und daraus sprangen neue Funken. Es entstand ein krachendes Feuer, das nicht aufzuhalten war, es überquerte Ländergrenzen und Sprachen, den Äquator und die Ozeane.
Takis Würger aus: „Für Polina“

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Samantha Harvey: „Umlaufbahnen“

Umlaufbahnen von Samantha Harvey. Booker Prize 2024.

Im Zeitalter der globalen Vernetzung von Kommunikation wächst auch eine neue Form des globalen Bewusstsein. Die neuen Transport- und Kommunikationsweisen führen zu einem neuen Raum- und Zeitgefühl, das planetare Ausmaße erlangt. In der Literatur erscheint dieses in Romanen wie dem von Joshua Groß Prana Extrem oder Leona Stahlmanns Die ganzen belanglosen Wunder. Texte dieser Art besitzen einen eher kollektiven Sog, eine gemeinschaftlich spirituell gesättigte Gegenwartsgeste und zeichnen sich durch Entgrenzungen aus wie auch Sibylle Berg in RCE. Eine ältere Variante dieser Form der Literatur findet sich bei Peter Handke, zum Beispiel in Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), oder noch älter in Karl Philipp Moritz‘ Anton Reiser (1790). Reisen, Entgrenzen, kosmisches Bewusstsein thematisiert auch Samantha Harvey in Umlaufbahnen, das 2024 den Booker Prize zugesprochen bekommen hat:

Zu sechst hängen sie in einem großen H aus Metall über der Erde. Sie drehen sich kopfüber, vier Astronauten und Astronautinnen (aus Amerika, Japan, Großbritannien, Italien) und zwei Kosmonauten (beide aus Russland); zwei Frauen, vier Männer, eine Raumstation, bestehend aus siebzehn miteinander verbundenen Modulen, unterwegs mit achtundzwanzigtausend Kilometern die Stunde. Sie sind lediglich die letzten sechs in einer Reihe von vielen, nichts an ihrer Mission ist noch außergewöhnlich, die Anwesenheit von Menschen im Hinterhof der Erde mittlerweile Routine.
Samantha Harvey aus: „Umlaufbahnen“

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Kristine Bilkau: „Halbinsel“

Halbinsel von Kristine Bilkau. Leipziger Buchmesse-Preis.

Das Cover von Kristine Bilkaus neuestem und mit dem Buchpreis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichneten Roman Halbinsel zeigt die Rückansicht einer Frau, die die Arme hinter dem Rücken über Kreuz hält. Um sie herum wabern drei Seifenblasen. Sie wirkt entspannt, aber auch entwaffnet und ungeschützt durch ein schwarzes Kleid, das, von zwei schmalen Trägern gehalten, die Schultern und das Kreuz der Frau unbedeckt lässt. Das Cover nimmt die Thematik des Buches auf: Vulnerabilität und Einsamkeit. Bilkau führt mit dem Buch ihren letzten Roman Nebenan weiter mit dem Stoff Familie und dem Plot Verhängnisvolles Durcheinander:

Als Linn anderthalb Jahre alt war und laufen gelernt hatte, wollte sie jede Treppe allein hochklettern. Sie zappelte und schrie, sobald ich sie auf den Arm hob, auch an die Hand durfte ich sie nicht nehmen. So viele Male stand ich mit angehaltenem Atem hinter ihr, während sie wie in Zeitlupe Stufe um Stufe hochstieg und dabei gefährlich ins Wanken geriet. Jeden Moment war ich bereit, meine Tochter aufzufangen. Ich sah das Stolpern und Stürzen in grellen Details. Bei dem Gedanken an das Geräusch, den dumpfen Aufprall, kniff ich unweigerlich die Augen zusammen. Mit dem Kind war mit einem Mal eine neue, intensive Vorstellungskraft da.
Kristine Bilkau aus: „Halbinsel“

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Sylvia Plath: „Die Glasglocke“

Die Glasglocke von Sylvia Plath.

Wie Ingeborg Bachmanns Malina, erschienen 1971, oft mit Hinblick auf ihren Tod 1973 gelesen wird („Es war Mord.“), und Cesare Paves Turin-Trilogie und insbesondere Die einsamen Frauen (1949) auf Hinweise untersucht wird, die seinen Selbstmord im Jahr 1950 ankündigen (bspw. in der Figur Rosettas), steht auch Sylvia Plaths Die Glasglocke meistens mehr als Zeugnis und Dokument im Vordergrund denn als literarisches Werk. Ihr Roman erschien im Januar 1963 im Vereinigten Königreich, nur wenige Wochen vor ihrem Selbstmord am 11. Februar. Wie auch immer gelesen, ob autobiographisch-realistisch, politisch-feministisch, pathologisch-medizinisch, Die Glasglocke bietet eine Vielzahl an literatur-ästhetischen Anknüpfungspunkte, um zu bedauern, dass dies ihr einziger und letzter Roman geblieben ist:

Ich wußte, daß ich Mrs. Guinea dankbar sein mußte, und trotzdem empfand ich nichts. Hätte sie mir eine Fahrkarte nach Europa oder eine Kreuzfahrt rund um die Welt geschenkt, so hätte sich für mich nicht das geringste verändert, denn egal, wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok –, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst. Der blaue Himmel öffnete seine Kuppel über dem Fluß, und der Fluß war mit Segeln gesprenkelt. Ich machte mich bereit, aber im gleichen Augenblick legten meine Mutter und mein Bruder jeder eine Hand auf einen Türgriff. Die Reifen summten kurz auf dem Brückenrost. Wasser, Segel, blauer Himmel und schwebende Möwen flogen vorüber, wie eine unwahrscheinliche Postkarte, und schon waren wir auf der anderen Seite.
Sylvia Plath aus: „Die Glasglocke“

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