Mein Lesejahr 2024

Wie in den letzten drei Jahren (2021, 2022, 2023), so habe ich mich auch 2024 darum bemüht, jede Woche einen aktuellen Titel zu lesen und auch zu besprechen. Insgesamt habe ich 54 Neuerscheinungen gelesen, um auf diese Weise einen Überblick vom Stand der Gegenwartsliteratur zu geben, wie er sich beim Blick auf das Feuilleton und die Bestseller- und Kritikerlisten ergeben könnte.

Das strengere Kriterium, nur die Nummer Eins der wöchentlichen Spiegel-Belletristik-Bestseller-Liste zu lesen, hat sich als wenig ergiebig herausgestellt, da oftmals Genrebücher (Fantasy, Krimis, Liebes- und Vampirromane und ganze Reihen derselben) die Spitzenplätze bekleiden. Dennoch bin ich meinem Vorhaben insoweit treu geblieben, als dass ich sowohl von der Kritik viel beachtete (bspw. vom SWR) und von den Buchhändlern als viel verkaufte Titel gemeldete bespreche und nur sehr selten nach Perlen in Nebengefilden fische.

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Dana von Suffrin: „Nochmal von vorne“

Nochmal vorn vorne von Dana von Suffrin. Longlist Deutscher Buchpreis 2024.

Jüdisch-deutsches Schreiben arbeitet sich momentan gerne mittels phantastischer, zeitverschobener Elemente wie bei Tomer Gardis Eine runde Sache oder Tomer Dotan-Dreyfus‘ Birobidschan an der Vergangenheit ab. Gardi lässt eine Sintflut über Deutschland hinwegbrausen und Dotan-Dreyfus beschwört Zeitreisen im fernen Siberien. Dana von Suffrin bleibt in ihrem neuesten Roman, dem zweiten nach ihrem Debüt Otto, ziemlich auf dem Boden gewöhnlicher Tatsachen. Ihre Ich-Erzählerin Rosa verarbeitet die zerfahrene deutsch-jüdische Familiengeschichte anlässlich des Todes ihres Vaters Mordechai:

Nach einer halben oder Dreiviertelstunde kommt die Schwester zurück. Sie übergibt mir den ausgefüllten Totenschein, ich sehe ihn gar nicht an und stecke ihn in meine Tasche. Sie nickt, und dann geht sie wieder in ihr Zimmer, aber sie kommt sofort wieder heraus, kaum dass sie die Türe geschlossen hat. Eine Sache noch, sagt sie, das habe ich vergessen, es tut mir leid, ich kenne die Abläufe noch nicht gut, wollen Sie Ihren Vater noch einmal sehen? Ich antworte, dass ich nur gekommen bin, um die Papiere zu bringen und um seine Sachen abzuholen […] dann sage ich gar nichts mehr, ich möchte ja nicht für eine Esoterikerin gehalten werden.
Auf dem Heimweg, in der U-Bahn, sehen alle aus wie immer, und es gibt keine Blitze und keinen Donner, der Tag, an dem Mordechai Jeruscher gestorben ist, ist ein ganz normaler Tag.
Dana von Suffrin aus: „Nochmal von vorne“

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Caroline Peters: „Ein anderes Leben“

Ein anderes Leben von Caroline Peters. Spiegel Belletristik Bestseller 12/2024.

Der Titel von Caroline Peters‘ Romandebüt Ein anderes Leben verweist nicht auf eine utopische Lebensform, eine andersgeartete Lebensweise oder auf ein futuristisches Lebewesen. In ihrem Roman geht es eher um das Allernächste, scheinbar Allerbekannteste und Selbstverständlichste, das sich aber bei genauerem Hinsehen als komplexer und geheimnisvoller als gedacht entpuppt: Das Leben der eigenen Mutter, das die namenlos bleibende Ich-Erzählerin am Tag des Begräbnisses ihres Vaters zu rekapitulieren beginnt:

Meine beiden Schwestern [Laura und Lotta] haben Klaus und Roberto in ihrem Leben, aber Bow war ihr Vater. Väter werden in unserer Familie sehr geschätzt und ernst genommen. Ich sage oft, dass wir aus unserer mütterlichen Linie mehr hätten machen können. Die Schwestern bestreiten das, schon weil ich die Jüngste bin, und die Jüngsten haben nie recht. […] Laura und Lotta lieben die Ramspeck’sche Stammesgeschichte und die daraus folgenden Umgangsformen. Sie lieben Wurzeln. Und sie ignorieren gern alles, was die Linie von Hanna und Tita hervorgebracht hat. Sie sind Ramspecks durch und durch. Aber vielleicht ändert sich das jetzt. Vielleicht befreit Bows Tod auch bei meinen Schwestern weggesperrte Erinnerungen an unsere Mutter.
Caroline Peters aus: „Ein anderes Leben“

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Albert Camus: „Der Fall“

Der Fall von Albert Camus. Literaturnobelpreis 1957.

Kurz nach Veröffentlichung von Der Fall 1956 erhielt Albert Camus den Nobelpreis für Literatur. In der Begründung heißt es u.a. für die hellsichtige Ernsthaftigkeit, mit welcher er die Probleme des menschlichen Gewissens illuminiert habe. Aus den Kreisen der Existentialisten im Zuge der Veröffentlichung seines Buches Der Mensch in der Revolte 1951 ausgestoßen, fand er 1956 zurück zu seiner Stimme. Sein letzter abgeschlossener Roman widersetzt sich bis heute einer einfachen Rezeption. Im Folgenden versuche ich einige Gründe dafür anzugeben, weshalb sich der hastig in wenigen Wochen niedergeschriebene Text bis heute einer konsistenten Interpretation entzieht. Im Zentrum steht die kalte hoffnungslose Welt eines ins Abseits geratenen Anwalts, Johannes Clamans:

Keine Entschuldigung, nie und für niemand, das ist der Grundsatz, von dem ich ausgehe. Ich lasse nichts gelten, weder die wohlmeinende Absicht noch den achtbaren Irrtum, den Fehltritt oder den mildernden Umstand. Bei mir wird nicht gesegnet und keine Absolution erteilt. Es wird ganz einfach die Rechnung präsentiert […] Mein Lieber, Sie sehen in mir einen aufgeklärten Befürworter der Knechtschaft.
Albert Camus aus: „Der Fall“

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Simone de Beauvoir: „Die Mandarins von Paris“

Die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir. SWR Bestenliste 11/2024.

Chronologisch betrachtet zieht Simone de Beauvoirs Roman Die Mandarins von Paris (1954) das literarische Resümee des französischen Existentialismus, der die Zeit rundum den Zweiten Weltkrieg geistesgeschichtlich geprägt hat. Nach ihrem noch im Erscheinungsjahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk folgten nur noch zwei existentialistische Kurzromane, einer von ihr selbst, Die Welt der schönen Bilder (1966), und der andere, Der Fall, von Albert Camus im Jahr 1956, die beide eher als Detailstudien bezeichnet werden müssen und sich im Umfang und von Themenbreite her keineswegs mit Beauvoirs opus magnum vergleichen lassen. Trotz der nun vorliegenden Neuübersetzung von Die Mandarins von Paris durch Amelie Thoma und Claudia Marquardt, die im September 2024 bei Rowohlt erschienen ist, beziehe ich mich im Folgenden auf die Übersetzung von Ruth Ücker-Lutz und Fritz Montfort. Wiewohl einige Stellen durchaus Nachbesserungsbedarf anzeigen (ich beziehe mich hier mehr auf Syntax und Semantik, denn auf Wortwahl), denke ich nicht, dass die klassische Übersetzung den Text in Gänze verfälscht hat:

Henri kam in sein Hotel zurück; in seinem Fach stak ein Paket: Dubreuilhs Essay. Während er die Treppe hochging, schnitt er die Schnüre durch und öffnete den Band beim Vorsatzpapier: Natürlich war es blank [i.e. ohne Widmung]; was hatte er sich denn eingebildet? Mauvanes schickte ihm das Buch, wie er ihm einen Haufen andere schickte.
«Warum», fragte er sich, «haben wir uns überworfen?» So hatte er sich oft gefragt. Die Artikel Dubreuilhs in der Vigilance hatten genau denselben Klang wie die Leitartikel Henris: In Wirklichkeit trennte sie nichts. Und sie hatten sich überworfen. Es war eine der Tatsachen, die nicht wiedergutzumachen und nicht zu erklären sind. Die Kommunisten verabscheuten Henri, Lambert verließ den Espoir, Paule war wahnsinnig, die Welt eilte einem Krieg entgegen; das Zerwürfnis mit Dubreuilh war nicht mehr und nicht weniger sinnlos.
Simone de Beauvoir aus: „Die Mandarins von Paris“

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