Oswald Egger: „Diskrete Stetigkeit“

Diskrete Stetigkeit von Oswald Egger … Georg-Büchner-Preis 2024

Der Stil von Oswald Egger, des Georg-Büchner-Preisträgers 2024, gilt gemeinhin eher, wie die Herausgeber des Sammelbandes Wort für Wort – Lektüren zu Oswald Egger resümieren, als „unzugänglich“, „uninterpretierbar“ und interessant scheinbar nur für die „literarische Avantgarde“, unternehmen dann jedoch selbst und im Einzelnen den Versuch, diese Aussagen zu widerlegen. Unabhängig von solchen Versuchen, lässt sich jedoch bspw. an Oswald Eggers Diskrete Stetigkeit zeigen, welcher Reichtum und Anschlussfähigkeit seinen Texten zugrunde liegt, wodurch die Behauptung, er sei hermetisch und unverständlich, sich von alleine ihrer Sinnhaftigkeit enthebt. Was Egger nämlich in Diskrete Stetigkeit durchführt, lässt sich als Sprachrettungsexkurs bezeichnen, um den Wald vor lauter Bäumen wieder sehen zu lernen:

Mitten im Leben fand ich mich wieder in einem Wald (ohne Weg). Ich schritt durch die links, rechts, links glimmenden Stämme. Aschgrau ragten die Bäume auf, glatt und gerade, wie Schäl-Säulen loderten, oder windstill kräuselnder Rauch, Stummel, Strünke und dicht-an-dicht glosendes Geäst. Dessen Pfosten, Sprossen drei bis vier Schritte auseinander standen als Holz-Wall, Bausch- und Bodenflächen fast, Felsen, Tannen, Wellen ohne Stengel und Schaft, als Pendel im Halmwald, abgeschnitten vom Pfad, doch wo war ich? war ich? ich?
Oswald Egger aus: „Diskrete Stetigkeit“

„Oswald Egger: „Diskrete Stetigkeit““ weiterlesen

Daniela Krien: „Mein drittes Leben“

Mein drittes Leben von Daniela Krien.

Der Tod eines Kindes wird in der Literatur selten aus der Sicht eines Elternteils erzählt. Häufiger findet sich die Trauerarbeit einer Partners wie in Irvin D. und Marilyn Yaloms Unzertrennlich, Jon Fosses Der andere Name oder Helga Schuberts Der heutige Tag. Auch der Verlust der Eltern aus Sicht des Kindes bildet einen häufig bearbeiteten und gestalteten Stoff wie in Edgar Selges Hast du uns endlich gefunden, Caroline Wahls Windstärke 17 oder Alois Hotschnigs Der Silberfuchs meiner Mutter. Daniela Krien nimmt sich nun in ihrem neuesten Roman Mein drittes Leben der Thematik an, was bleibt, wenn ein Kind stirbt, und schließt so an bspw. Cees Nootebooms Allerseelen an, nur im Falle Kriens steht die trauernde Mutter im Zentrum des Geschehens:

Vor Sonja bin ich ein eigenständig fühlender, doch unvollendeter Mensch gewesen, ein Individuum ohne Zusammenhang. Ab ihrer Geburt war mein Lebensglück ihrem unterworfen. Von Beginn an und bis über ihr Ende hinaus bin ich das, was sie ist – glücklich, unglücklich, ängstlich, traurig, euphorisch, lebendig oder tot. Denn wenn ein Kind geht, nimmt es dich mit. Es lässt nicht mehr von dir zurück als eine welke Hülle.
Daniela Krien aus: „Mein drittes Leben“

„Daniela Krien: „Mein drittes Leben““ weiterlesen

Saša Stanišić: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“

Möchte die Witwe angesprochen werden … von Saša Stanišić. Spiegel Belletristik-Bestseller (2024)

Saša Stanišić‘ Buch mit dem sehr langen Titel Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne reiht sich ein in die inhaltliche Kategorie Prekäre Kindheit, gesellt sich also zu bspw. Tijan Silas Radio Sarajevo und Necati Öziris Vatermal, lässt sich aber auch als eine komödiantische Gegenwartsverarbeitung verstehen, also im Sinne von Heike Geißlers Die Woche und Barbi Marković‘ Minihorror als Aktivistisches Agitprop. Um einen klassischen Roman handelt es sich bei Stanišić‘ Buch jedenfalls nicht. Narrative Elemente fehlen fast völlig. Literaturgeschichtlich nähert es sich dem Buch Deutschland, Deutschland über alles an, das Kurt Tucholsky zusammen mit Jean Heartfield 1929 herausgebracht hat. Viele kleine Szenen werden lose aneinander montiert:

»Ohne Plan ist sowieso am geilsten«, sprach Nico die große Wahrheit aus und lehnte sich zurück, weil man das so tat, nachdem man eine große Wahrheit ausgesprochen hatte in den Weinbergen. Faith lehnte sich auch zurück und Piero auch, ich lehnte mich auch zurück, und dann lehnte sich, ohne Scheiß, das komplette Neckartal zurück, kurz knirschte der Horizont.
Saša Stanišić aus: „Möchte die Witwe angesprochen werden …“

„Saša Stanišić: „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne““ weiterlesen

Henri Alain-Fournier: „Der große Meaulnes“

Der große Meaulnes … Literatur, die mit Schmerz versöhnt, ohne ihn zu verleugnen …

Wie der Bewusstseinsstrom, oder stream of consciousness, mit James Joyces Ulysses (1922) als literarisches Mittel verknüpft wird und nicht mit Édouard Dujardins Geschnittener Lorbeer (1888), so wird auch die Sequenzierung und Ineinanderüberblendung der literarischen Erinnerungstechnik von Traum und Wirklichkeit meist mit Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913) in Verbindung gebracht und nicht mit Henri Alain-Fourniers Der große Meaulnes (1913), der zur selben Zeit entstand und zu seiner Zeit sogar populärer gewesen ist. Wie Proust taucht Alain-Fournier tief in die Mythen und Zeitlosigkeiten der Kindheit und Jugend ein:

Alle Jahre holten wir [meine Großeltern] einige Tage vor Weihnachten an der Bahnstation vom Zug um vier Uhr zwei ab. Um uns zu besuchen, hatten sie das ganze Département durchquert, beladen mit Säcken voller Kastanien und mit Lebensmitteln für Weihnachten, die in Handtücher eingewickelt waren. Sobald sie alle beide eingemummelt, lächelnd und ein wenig schüchtern die Schwelle des Hauses überschritten hatten, schlossen wir hinter ihnen alle Türen, und eine ganze Woche voller Freude begann.

Henri Alain-Fournier aus: „Der große Meaulnes“
„Henri Alain-Fournier: „Der große Meaulnes““ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%