Han Kang: „Die Vegetarierin“

Die Vegetarierin von Han Kang. Literatur-Nobelpreis 2024.

2024 erhielt die südkoreanische Autorin Han Kang den Nobelpreis für Literatur. Für Die Vegetarierin erhielt sie zudem noch den Man Booker International Prize 2016. Wie Elfriede Jelinek in Die Kinder der Toten, Terézia Mora in Das Ungeheuer, Olgar Tokarczuk in Empusion, verhandelt Kang das brenzlige Verhältnis zwischen der Frau und das sie umliegenden soziale Feld in all seiner Differenziertheit und Gewaltpotentialität. Anders aber als Tokarczuk oder Jelinek, eher ähnlich zu Murata, greift Han Kang auf eine äußerst verdichtete, reduzierte Form zurück. Ihre Sprache strebt Stille, ein Schweigen an, das zwischen den Zeilen unheimliche Dimensionalität entfaltet:

Fünf Minuten, länger kann ich nicht schlafen. Dann ist er wieder da, der Traum. Wenn man ihn denn so nennen kann. In meinem Kopf ist ein Kaleidoskop von wirren Szenen. Die glühenden Augen einer Bestie, Blut, ein offener Schädel, wieder die Augen eines Raubtieres. Der Ausgangspunkt für das alles scheint mein Bauch zu sein. Wenn ich zitternd aufwache, überprüfe ich schnell, ob meine Nägel noch kurz und meine Zähne keine Fangzähne sind.
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Louis-Ferdinand Céline: „Krieg“

Krieg von Louis-Ferdinand Céline. SWR Bestenliste 11/2023.

Louis-Ferdinand Céline, eigentlich Destouches, verfasste mit Reise ans Ende der Nacht in den 1930er Jahren eine, von seiner Erzählstimme her, völlig neue Form des Romans. In der Tradition der Bänkelsänger, insbesondere eines François Villon bspw. aus Die sehr respektlosen Lieder, gibt Céline der Not, der Armut, dem Elend des Krieges und der Straße eine literarische Stimme. Als Kollaborateur des Vichy-Regime und bekennender Antisemit floh er Ende des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland und ließ in seiner Wohnung viele, fast publikationsfertige, Manuskripte zurück, die nach seiner Rückkehr aus dem Exil und der Haft als verschollen galten. 2019 tauchten die Manuskripte teilweise wieder auf. Krieg, 2022 in Frankreich, 2023 in Deutschland, von Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt, ist eines von ihnen. Es handelt, wie schon Reise ans Ende der Nacht, von den Erlebnissen im Ersten Weltkrieg:

Tote da wie dort. Der Kerl mit dem Brotbeuteln war selbst wie eine Granate aufgeplatzt, muss man schon so sagen, vom Hals runter bis mitten in der Hose. Zwei Ratten waren da schon gemütlich in seinem Bauch und knabberten an seinem Brotbeuteln mit trockenen Rinden. Es roch nach verdorbenem Fleisch und verbrannt in dem Pferch, aber vor allem wegen dem Haufen in der Mitte, sicher zehn Pferde, aufgeschlitzt ineinander verkeilt. So hatte der Galopp geendet, auf einen Schlag durch eine Bombe, oder drei davon, zwei Meter entfernt.
Louis-Ferdinand Céline aus: „Krieg“

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Neige Sinno: „Trauriger Tiger“

Trauriger Tiger von Neige Sinno. Finalist Prix Goncourt 2023. Premio Strega Europeo 2024.

Trauriger Tiger von Neige Sinno gibt einige Rätsel auf. Aus dem Stoffgebiet Familie mit einem Plot aus dem Bereich Gewalt arbeitet sie das Verbrechen auf, dass ihr Stiefvater an ihr begangen hat. Von frühester Kindheit an, sie war erst sieben Jahre alt, vergewaltigte er sie regelmäßig, ohne dass ihre Geschwister oder ihre Mutter etwas davon bemerkten, und stoppte erst, aus Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, als Sinno mit vierzehn Jahren in die Pubertät kam. In Trauriger Tiger berichtet sie von ihrem Leben, von den Erinnerungen, den Ängsten, den Zwangsvorstellungen, die sie seitdem begleiten, sehr nüchtern, trist, ja unverhüllt und direkt:

Manchmal wünschte ich mir, er möge sich nicht länger zusammennehmen und mich ein für alle Mal umbringen, damit endlich Schluss wäre. Als ich begriff, dass es in Wirklichkeit eine Ausgangstür gab, wurde es hell in mir. Die plötzliche Einsicht, dass ich nur ertragen würde, was ich ertragen konnte, dass ich gehen konnte, wann immer ich wollte, ist mir im Lauf meines gesamten Lebens eine große Hilfe gewesen. An dem Tag, als ich mich schon tot wähnte, bin ich wahrscheinlich ein wenig gestorben, und das Gespenst, das mich überlebt hat, ist die Frau, die bis heute durchgehalten hat.
Neige Sinno aus: „Trauriger Tiger“

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Über den Roman (Definition)

Roman. Eine Begriffsbestimmung.

Die Shortlist des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels hat für mich bei der Besprechung der einzelnen Titel erneut die Frage aufgeworfen, was ich eigentlich unter einem Roman verstehe. Selbstredend lassen sich reale Dinge, und hierzu gehören auch Texte, nicht definieren. Was also ein Roman ist, um mit Wittgenstein zu sprechen, bestimmt die Sprachpraxis, und um die Sprachpraxis, also um den Sinn- und Bedeutungsanschluss bemühe ich mich bei meinen Versuchen des kommunikativen Lesens. Der Begriff „Roman“ besitzt ein Spannungsfeld, das ausufert, übergleitet. Sicherlich ist das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft kein Roman. E. M. Forster beschreibt 1927 in seinen Ansichten des Romans den Roman wie folgt:

Jede freie Prosadichtung von über 50 000 Worten ist im Sinne dieser Vorlesungen ein Roman […] Ich wüßte [sonst] keine vernünftige Formel, durch die sich dieser Komplex als Ganzes definieren ließe. Alles, was sich darüber sagen läßt, ist, daß er auf zwei Seiten von Bergketten abgeschlossen ist, von denen keine steil ansteigt: den gegeneinander stehenden Massiven Dichtung und Historie, und nach der dritten Seite begrenzt ist durch ein Meer – ein Meer, auf das wir bei Moby Dick stoßen werden.
E. M. Forster aus: „Ansichten des Romans“

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