Vom eigenen Chaos ersticktes Erzählen, das keine Erlösung findet.
Inhalt: 1/5 Sterne (hedonistische Selbstkasteiung)
Form: 3/5 Sterne (poetische, teils gewollte Sprache)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (zu wenig reflektiertes Ich)
Komposition: 1/5 Sterne (ziemlich dissoziativ)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (ratloses Mäandern)
Gewalt innerhalb verbindlicher sozialer Kontexte, also in Freundschaften, innerhalb der Familie, in Liebesbeziehungen, hinterlässt ein Vakuum, das nicht selten traumatisch befüllt, phantasmagorisch besetzt wird. Es kommt dem Unheimlich-Grässlichen einer Edgar Allan Poe Welt oder eines H.P. Lovecraft Cthulhu real-existierend am nächsten. Claudia Schumacher schreibt darüber in Liebe ist gewaltig , Deniz Ohde in Ich stelle mich schlafend oder Terézia Mora in Muna . Ein anderes Beispiel wäre noch Leïla Slimani in Das Land der Anderen mit der religiösen Ost-West-Thematik unterlegt, die in den anderen Romanen fehlt. Aria Aber nimmt dieses Thema in Good Girl auf. Nilab, eine 19jährige Afghanin, treibt ziellos durchs nächtliche Berlin, auf der Suche nach Verbindlichkeit, und landet in den Armen eines mittellosen, 36jährigen, unerfolgreichen US-amerikanischen Schriftsteller namens Marlowe Woods:
»Lange Zeit dachte ich, ich sei ein Monster.« Er hielt inne, um sich eine weitere Zigarette anzuzünden. »Als wäre ich unfähig, wahre Gefühle zu empfinden, wie Liebe.« Ich fing an zu lachen, aber er sagte nichts. Als ich ihn ansah, verstand ich, dass er es ernst meinte. »Das war nur ein Scherz«, lächelte er und weitete die Augen. »Ich bin kein Monster.«
Die Beziehung, die Nilab mit Marlowe in Good Girl eingeht, bleibt von Anfang an toxisch: Sie lügt über ihre Herkunft, und er betrügt mit ihr seine Freundin Doreen. Sie versuchen dennoch, das Lügen, das Misstrauen, die Angst zu überwinden, und zwar durch viele, viele Drogen, Exzesse und letztlich auch durch physische Gewaltakte, die Nilab anfangs noch stumm erträgt. Sie will Fotografin werden, dazu gehören, sich nicht mehr fremd fühlen.
»Sie ist eine alte Freundin von Eli«, sagte Doreen über mich. »Sie ist eine von uns. One of us …« Sie begann die Melodie von FREAKS zu summen, und obwohl ich sie in diesem Moment hassen wollte, bekam ich Gänsehaut. Es war mir unangenehm, aber ich wollte eine von ihnen sein. […] Als ich dreizehn oder vierzehn war, schloss ich nachts die Augen und stellte mir genau das vor: nicht unbedingt eine vor Bakterien triefende Toilettenkabine in einem schäbigen Club, die nach Sex und Fäkalien roch, sondern eine Gruppe von erhabenen Künstlern, die mich akzeptierten.
Nachdem Tod ihrer Mutter, den ihr Vater nicht überwindet, schafft Nilab es nicht, verbindlichen Anschluss zu ihrem Umfeld zu finden. Sie lügt, weil sie nicht sein will, wer sie ist. Die Erzählstimme nimmt mit. Sie sucht. Sie treibt umher, ängstlich, voller Begehren, voller Frustration, aber auch Hoffnung, die mit Tritten und Faustschlägen aus ihr herausgetrieben werden. Das Kleinkindverhalten spiegelt sich in der dissoziativen Schreib- und Erzählweise von Good Girl wider. Nebensächlichkeiten unterbrechen den Reflexionsfluss, kompositorisch ungünstig verästelte Handlungsfäden, lange Assoziationen über Gott und Welt, die keinen Eingang in die narrative Welt finden, und seltsam gewollte Metaphern:
Doreen klopfte leicht auf den Stuhl neben sich. Ihr eisiger Ton gab ihre Verletzlichkeit preis, ihre Stimme war wie die Oberfläche eines tauenden Sees.
Das alles erinnert stark an eine Neuaufnahme von Sylvia Plaths Die Glasglocke und ist es auch. Aria Abers Erzählerin in Good Girl verliert aber im Gegensatz zu Plaths den Faden und auch die dramatische Strenge ihres viktorianischen Zusammenbruchs. Plaths beschreibt einen harten Emanzipationsprozess, wohingegen in Good Girl im Grunde nichts passiert. Die Protagonistin in Good Girl wechselt vom Internat in die Uni in die Uni und findet auch nicht zu einer eigenen, selbstbewussten Stimme. Die Drogen haben einfach zu viel Spaß gemacht, und mit Drogen kann die leere, selbstmitleidige Fahrt auch bekanntermaßen immer weiter gehen, ohne dass das Trauma nur im geringsten durchschritten werden müsste.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Protagonistin: Nilab Haddadi, 19 Jahre alt, lebt in Berlin, kommt nach dem Abitur in einem Mädcheninternat zurück in die Stadt, will studieren, schafft es aber nicht, sich zu fokussieren, will Fotografin werden, sucht Motive, verliebt sich in einen abgehalfterten US-amerikanischen Schriftsteller namens Marlowe Woods, verstrickt sich in eine toxische Beziehung, aus der sie letztlich mit Hilfe auch von ihrem Umfeld ausbricht, bevor sie nach London zieht, um dort Fotografie zu studieren.
● Zusammenfassung von Good Girl (kurz): Nilab fühlt sich fremd, sucht Sicherheit und Geborgenheit in einer Welt, die ihr diese Sicherheit verwehrt, als Afghanin, Migrantin und Halbwaise, in prekären Umständen aufgewachsen. Sie sucht Verbindlichkeit, sucht sie in einer Beziehung zu einer Vaterfigur, Marlowe. Als dieser eine dritte Frau in die Sexspiele einzubinden versucht, entschließt sie sich ihn zu verlassen (da es ihr um Verbindlichkeit ging). Sie löst sich von ihm, bekommt ihr Leben in den Griff, zieht um ein Jahr verspätet nach London, um dort Fotografie zu studieren.
● Zusammenfassung (lang):
Teil 1: Nilabs Rückkehr nach Berlin, Einschreiben für Kunstgeschichte an der Humboldt-Uni, jobbt im Jazz-Café, sucht Zerstreuung, Ablenkung in der Clubszene, u.a. um den Tod der Mutter zu verdrängen, lernt dort Marlowe Woods (36) kennen, dem sie ihre Herkunft verschweigt (sie sei Griechin, nicht Afghanin), geht mit ihm nach Hause. Sie sagt, sie will Fotografin werden. In der ersten Nacht schlafen sie nicht miteinander. Danach meldet er sich nicht, sie trägt seinen Mantel. Sie liest sein Buch. Schwierige Freundschaft mit Anna, Wiedertreffen mit Elias, einem Kosovo-Albaner, den sie aus ihrer Zeit in Münster kennt, lernt Doreen kennen, der Freundin von Marlowe. Im Bunker trifft sie Marlowe wieder, begleite ihn wieder nach Hause, erzählt ihr von seiner Ex-Freundin Adrienne, die er fluchtartig verlassen hat, nachdem sie ihn an seine Mutter erinnert hat. Nilab und er schlafen miteinander. Ihre Freundin Melanie schickt ihr die Adressen dreier Unis, an denen Nilab sich bewerben soll.
Teil 2: Sie geht statt zu Anna und Romy am Silvesterabend zu einer Vernissage von Marlowes Verlag, lernt Gabriela, seine Mäzenin kennen. Sie befreundet sich mit Doreen. Sie schauen vom Dach aus auf das Feuerwerk. Nilab gesteht Doreen, dass sie mit Marlowe schläft. Doreen rastet aus. Nilab konzentriert sich etwas mehr aufs Studium, trifft dort Doreen wieder, versöhnt sich mit ihr, begleitet sie nach Hause, wo sie, als überzeugte Marxistin-Leninistin, Nilab erzählt, dass sie Kafka-Forscherin werden möchte. Nilab kontaktiert irgendwann Marlowe wieder, der gereizt auf ihre Widerspenstigkeit nach der Sache mit Doreen reagiert. Sie verabredet sich mit ihm an seinem Geburtstag im Bunker. Elias und Doreen kommen zusammen, beide wollen sich nicht in den Todesstrudel von Marlowe hineinziehen lassen. Marlowe und Nilab kommen zusammen. Nilab erinnert sich an die erste Liebe, zu Setareh. Marlowe und sie gehen zu einer Benefizveranstaltung Gabrielas für afghanische Hunde. Sie streiten sich. Nilab provoziert Marlowe, der sie schubst. Sie provoziert ihn weiter, er schlägt sie. Marlowe will eine Beziehungspause. Nilab hält es nicht aus und trommelt gegen seine Tür. Sie tröstet sich bei Anna und Romy. Marlowe schickt eine SMS. Nilab geht zu ihm.
Teil 3: Sie fahren nach Venedig, zu einer großangelegten Veranstaltung, auf der Marlowe aus seinem Manuskript lesen soll. Die Lesung geht schief, Gabriela unzufrieden. Auf der Fahrt zu einer Villa erzählt der Taxifahrer von seiner Verschleppung und prekären Existenz. Nilab hört zu. Marlowe desinteressiert. Auf einer Party (Duino) bricht Nilab beim Anblick des Meeres zusammen, kotzt, zu viele Drogen, Nasenbluten vom Koks. Sie gesteht Marlowe, dass sie nicht aus Griechenland, sondern aus Afghanistan stammt. Sie kehren nach Berlin zurück, schweigend. In Berlin trifft sie mit Marlowe ihren Onkel im Taxi. Es kommt zum Streit mit dem Vater, der sie einsperrt. Nilab umarmt ihn dennoch. Sie gesteht ihrem ganzen Umfeld, dass sie afghanische, nicht griechische Eltern hat.
Teil 4: Vier Wochen später, im Juni, hebt der Vater den Hausarrest aus. Sie hat ihren Job im Jazz-Café verloren, wo sie schwarz arbeiten konnte. Sie entschuldigt sich bei Marlowe. Sie gehen wieder in den Bunker. Marlowe reißt eine junge Studentin auf, Lexi. In der Wohnung hat Marlowe, um Drogen zu verkaufen, zwei Nazis eingeladen, zum Feiern. Die Situation eskaliert. Die Nazis verschwinden. Marlowe gesteht, dass er pleite ist, dass er von Gabriela nach seiner verkorksten Lesung geschasst wurde. Nilab zieht bei ihm ein, arbeitet bei American Apparel und er in einer Bank. Nilab schreibt sich nicht erneut in die Uni ein, meldet sich nicht beim Vater, antwortet nicht auf seine Anrufe. Sie fahren auf ein Festival in Brandenburg, wo Marlowe mit einem jungen Mädchen anbandelt, Nikita. Er will mit Nilab einen Dreier. Sie entzieht sich ihm, sagt Eli, dass sie von Marlowe geschlagen wird. Sie bleibt dennoch bei ihm, obwohl Doreen und Eli ihr versuchen zu helfen. Als sie zurückkommen, ist Marlowes Wohnung ausgeräumt, alle Drogen, die er verkaufen wollte, verschwunden. Sie verdächtigen die Nazis. Verbrechen an Migranten nehmen zu. Marlowe ist es egal. Doreen und Nilab gehen auf Demonstrationen. Marlowe beginnt wieder zu schreiben. Nilab will sich von ihm trennen. Marlowe sagt aber, sie seien noch nicht fertig. Sie aber zieht zu Romy, in Annas Zimmer. Elias und Doreen sind glücklich. Sie trifft sich mit Elias. Nilab bewirbt sich erneut bei den Universitäten. Eine nimmt sie. Sie zieht nach London (zwei Jahre verspätet).
… vgl. Sylvia Plaths „Die Glasglocke”, Deniz Ohde „Ich stelle mich schlafend“, Mascha Unterlehberg „Wenn wir lächeln“ … die Gewaltsituation wird klar herausgearbeitet, ein gewisser Selbsthass, eine Suche, eine Möglichkeit nach Verbindlichkeit ausgenutzt. Die zwei Handlungsstränge: Situation der Flüchtlinge und Selbstwerdung der Protagonistin bleiben zu lose verknüpft, durch die Selbstverleugnung Nilabs. Die Figuren bleiben schwach. Der politische Hintergrund nur assoziativ. Die Clubszenen werden dicht und überzeugend beschrieben. Desolates Leben wie Virginie Despentes „Baise-Moi“. Drogenexzesse, Lügen, Angst, Angewiesenheit auf die Hilfe anderer. Auch die Liebesgeschichte bleibt unterbelichtet, die Verbindung zu Elias, zu ihrem Vater. Es fehlt der Fokus. Weder Hedonismus noch Tragik, noch Dramatik. Darstellung völliger Orientierungslosigkeit, die nicht durchschritten wird, auch narrativ keine Spannung erzeugt. Handlungstechnisch sehr langweilig, da keine Entwicklung aus der Figur selbst heraus entsteht, alles von außen, langweiliges Driften von der Schule zur Uni zur nächsten Uni. –> 1 Stern
Form: Anspruchsvoll, sprachlich interessant, mit Intensität geschrieben, tatsächlich mit Augenmerk auf Melodie, Rhythmik, Wortschatz. Metaphern zielen oft daneben, wirken gewollt, sprengen den Fluss. Dennoch abwechslungsreiche Satzstrukturen, Verdichtungen. Sprachlust spürbar. Dennoch unbalanciert, mit Höhen und Tiefen. Auch falsche Verwendung von Tempi. –> 3 Sterne
Erzählstimme: Unsituiert rückblickende Ich-Erzählerin, die diesen sehr divergierenden Strauß von Motiven zusammenzuhalten versucht: Künstlerinwerdung, politische Angst, erotische Versuchung, Hedonismus, Fremdheitgefühl, Selbstentfremdung, Selbstkasteiung etc … die Erzählstimme passt jedoch. Sie gibt gute Verdichtungen, Raffungen, Dehnungen. Sie besitzt Konsistenz. Die Reflexion findet zu wenig statt, und die Figur besitzt ein zu oberflächliches Selbst- und Fremderleben, wodurch die Perspektive fehlbesetzt erscheint. Die Perspektive aber ist stimmig. –> 3 Sterne
Komposition: Komposition geht nicht auf. Das Ineinanderfädeln von rechtsradikaler Bedrohung mit individuell-orientierungslosem Hedonismus und selbstgebauten Lügengebäuden funktioniert nicht. Personal-erzählt wäre es immersiver und glaubwürdiger geworden, denn Nilab wirkt unselbständig, nicht selbstbewusst, ängstlich und handlungsunfähig. D.h. die Erzählung wirkt trist und unglaubwürdig. Sie sucht nach Gott und Verbindlichkeit, findet ihn aber nicht. Distanzierteres Erzählen hätte mehr Tiefenschärfe in Bezug auf die Eltern und Mitmenschen erlaubt. Das Politische wirkt zudem aufgesetzt. Eine Teenagerin will Anerkennung, Reichtum und bekommt sie nicht. –> 1 Stern
Leseerlebnis: Durch die Sprache keine unerträgliche Tristesse. Dennoch hielt mich nichts an dem Buch. Die Figur interessierte mich schlicht nicht. Ja, ich fühlte mit ihr mit. Ich litt auch mit ihr, aber es gab keine interessante literarischen Szenen, Ereignisse. Die Figur Nilabs ist langweilig, pompös und ein Möchtegern-Star. Sehr betrüblich, diese ganzen Urteile, dieses ganze Gehetze, diese Unzufriedenheit mit sich und der Welt, und dieses selbstmitleidige Drogennehmen, diese Referenzen und Vorbilder, diese Herumschlängeln und Herumangeln nach Anerkennung, die selbst als Trauerspiel erfahren wird. Mit viel Gefühl für Sprache, aber kaum etwas zu erzählen, und dann perspektivlos daneben gegriffen. –> 2 Sterne
