Slata Roschal: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt“

Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt von Slata Roschal

Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt heißt das neue Buch von Slata Roschal. Im Anschluss an zwei Prosatexte, die nur mit Mühe Roman genannt werden können, namentlich 153 Formen des Nichtseins und Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten, legt sie nun eine lyrische Arbeit vor, die formal gesehen der Thematik ihres Gegenstandes viel eher entspricht. Roschal zeigt sich als dadaistische Poetin, die die fragmentierten Sinngehalte ihres Lebensraumes mit Wortakrobatik zu bannen sucht und zeigt, wie Autofiktion viel eher als lyrische Grundstimmung, denn als prosaische Selbstbetrachtung umgesetzt werden kann.

Ich brauche einen Waffenschein ein neues
Bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt
Wen kann ich tragen mit wem soll ich mich verbinden
Mach deinen Liebsten eine Freude sagt der Gärtner
Begrab dich selbst und leg dir deutsche gelbe
Stiefmütterchen zur Hand oder rote Plastiknelken
Dieser Tag macht keinen Sinn er sollte
Als Ordnungswidrigkeit behandelt und verboten werden
Slata Roschal aus: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm …“

Inhalt/Stil/Form:

Bei Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt handelt es sich um nicht reimende, mit viel Raum gesetzte Textdichtungsmontagen über den Alltag in der Gegenwart, also um das Jahr 2025, mit allem, was in diesem Jahr so in den sozialen Medien herumgeistert: Aussehen, Make-Up, KI, Botox, Haustiere, Fake News, Shortlists und andere Kunst- und Kulturbereich-Themen wie Jurys, Stipendien und Eigenverlagspublikationen. Die Stärke der Gedichte liegt jedoch nicht in ihren Gegenständen, sondern in ihrem losen, lockeren Zusammenhang, der so etwas wie eine Atmosphäre des Zeitgeistes versucht einzufangen, der zwischen Kätzchen und Kriegsnachrichten, Gerichten und Rezensionen im Instagram-Feed sein Gleichgewicht sucht.

Anstatt gegen oder mit dem Strom zu schwimmen
Bleiben wir im Schutzbereich natürlicher Personen also
Wehren wir uns gegen Cyberangriffe und Fake News
Indem wir einen Staudamm aus Heilerde errichten neulich hatte
Jemand die Fensterscheibe meines Zimmers eingeschlagen
Um deutlicher zu hören wie ich singe
Ein Schwalbennest auf unserem Balkon
Kam auf die Shortlist Beispielhafter Bauten

Verschiedene Lebensformen und Lebensstile mischen sich hier, diejenige Lebensweise, die auf Nachhaltigkeit und Heilerde abzielt, die, die sich für Datensicherheit einsetzt, aber auch das Individualistische, das sich gegen ein Entweder-Oder entscheidet, nämlich weder mit noch gegen den Strom zu schwimmen. Der Strom bindet sich dann zu den Cyberangriffen, und der Angriff führt hinüber zur eingeschlagenen Fensterscheibe, wodurch das Gedicht eine Form erhält, die zudem mit dem überraschenden „neulich“, das dann auf das Plusquamperfekt verweist, eine eigentümliche Kontrafaktizität besitzt. Das Plusquamperfekt spricht dafür, dass die Fensterscheibe bereits ausgetauscht worden ist – was wiederum das „neulich“ konterkariert. Dadaistisch wird Roschal durch die Vermischung von Heilerde mit Staudämmen oder einer Shortlist, auf die ein Schwalbennest gelangt. Je genauer die Texte in Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt gelesen werden, desto klarer wird ihr sehr entschiedenen fabrizierter Zusammenhang.

Mensch zu sein bedeutet Bilder von Zebrastreifen
Zu erkennen und Kulturabgaben zu erlauben
Du wirst meinen Wikipediaartikel den ich
Sogar nicht selbst geschrieben habe
Auf Enkelkinder und Grabinschrift revidieren

Der Gegenwartsbezug ist hier klar gesetzt, wird aber wahrscheinlich in naher Zukunft unverständlich werden, denn weder „Wikipedia“ noch das Erkennen von „Zebrastreifen“ beim Bot-Check auf eine Webseite besitzen aus sich selbst heraus eine Signatur, die den Text selbstbezüglich dechiffrieren ließe. Roschals Lyrik bleibt zeitgebunden und performativ auf einen herrschenden, unfreiwillig erlittenen Diskurs beschränkt. Hierin besitzt ihre lyrische Interventionsprosa einen klaren avantgardistischen und formal nachvollziehbaren Zug, den sie mit vielen Naturbeschreibungen zu brechen versucht, die auf etwas hinter dem Diskurs verweisen, eine Art Hintergrundrauschen, das den Diskurs ermöglicht und untermalt, aber nicht als Fokus in den Vordergrund tritt:

Die Stammesgeschichte der Organismen
Besagt dass jede Zeugung über jedem Zweifel steht
Montpellier-Nelke gebar Kampfer-Wermut
Gebar Eidechsen gebar Aufrechte Trespe
Das ist die Ordnung der Pflanzen ich verbeuge
Mich vor Weidenblättrigem Baldrian

Sobald Roschal Naturlyrik betreibt, verwendet sie dichterische Elemente wie Alliteration und Assonanzen, die wiederum in den auf den Diskurs bezogenen Abschnitten nicht auftauchen, die sie dann aber semantisch untergräbt, bspw. eben durch seltsame Zeit- und Adverbialkonstruktion wie das „neulich“ im Plusquamperfekt oder in dem Satz:

Gerade werden viele Kinder auf Bahnhöfen geboren

Das Zeitbezogene des Bahnhofs, die Möglichkeit von den momentan alltäglichen Verspätungen der Deutschen Bundesbahn, die in den sozialen Medien diskutiert wird, und die möglicherweise zu Geburten führt, bricht sich hier dennoch dadurch, dass Kinder in ihrem Text nicht geboren wurden, sondern gerade geboren werden, wiewohl eben das „gerade“ völlig losgelöst vom Text im Nirgendwo schwebt, zumal weder ein Datum noch ein Hinweis im Gedicht angeboten wird, das lyrische Ich in seiner Zeit zu verorten. Verwendet Roschal also in ihrem neuesten Buch klassische Stilmittel in ihrer Naturlyrik, bremst sie hingegen den Gegenwartslogos durch Entzeitlichung ein, also surreal anmutende Widersinnigkeit in der Zeitreferenzebene.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Slata Roschal schreibt vor dem Hintergrund der von Jürgen Habermas 1984 diagnostizierten neuen Unübersichtlichkeit, die aus dem Verlust des utopischen Denkens resultiert, nämlich die entstandene Unfähigkeit, über den Horizont der Gegenwart vor lauter Problemen hinausblicken zu können:

Heute sieht es so aus, als seien die utopischen Energien aufgezehrt, als hätten sie sich vom geschichtlichen Denken zurückgezogen. Der Horizont der Zukunft hat sich zusammengezogen und den Zeitgeist wie die Politik gründlich verändert. Die Zukunft ist negativ besetzt; an der Schwelle zum 21. Jahrhundert zeichnet sich das Schreckenspanorama der weltweiten Gefährdung allgemeiner Lebensinteressen ab: die Spirale des Wettrüstens, die unkontrollierte Verbreitung von Kernwaffen, die strukturelle Verarmung der Entwicklungsländer, Arbeitslosigkeit und wachsende soziale Ungleichgewichte in den entwickelten Ländern, Probleme der Umweltbelastung, katastrophennah operierende Großtechnologien geben die Stichworte, die über Massenmedien ins öffentliche Bewußtsein eingedrungen sind.
Jürgen Habermas aus: „Die neue Unübersichtlichkeit“

Roschal begegnet dieser Überforderung geradeheraus, indem sie sich völlig dem Strudel ihrer eigenen Gedanken überlässt, aber auf eine Weise, die die Sinne entriegelt, ja gar nicht erst versucht, diese vielen fragmentierten Assoziationen zu perspektivieren. Sie entzaubert die Diskurse aber, indem sie sich ihrer enthält, diese durch sich hindurch lässt und auf ein Blatt Papier bannt, ohne nach äußerem Sinn und Gehalt zu suchen. Ihre Reaktion gleicht der von Hugo Ball, der am Vorabend des Ersten Weltkrieges über die Wirrnisse der Welt wie folgt dichtet:

Meine Ohren sind rosa Riesenmuscheln, ganz offen. Mein Körper schwillt an
Von Geräuschen, die sich gefangen haben darin.
Ich höre das Meckern
Des großen Pan. Ich höre die zinnoberrote Musik der Sonne. Sie steht
Links oben. Zinnoberrot sprühen die Fetzen hinaus in die Weltnacht.
Wenn sie herunterfällt, zerquetscht sie die Stadt und die Kirchtürme
Und alle Vorgärten voll Krokus und Hyazinthen, und wird einen Schall geben
Wie Blech von Kindertrompeten.

Hugo Ball aus: „Die Sonne

Die Ähnlichkeiten zu Slata Roschals Gedichten in Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt sind deutlich erkennbar, auch hier gehen die Sätze über die Zeilenenden hinaus, auch hier wird nicht der Reim gesucht und die Motive schließen Blumen wie Großstädtisches ein und verbinden synästhetische Erfahrungsräume, derer sich das lyrische Ich öffnet, selbst eine Art See- und Fabelwesen, das sich inmitten der Dinge wiederfindet, durch die Sprache aber auch herauszuwinden versteht. Die dadaistische Lyrik spielt mit dem Ertrinken und Verschwinden und Wiederauftauchen aus der Sprache, und zwar durch eine sehr widerständige Selbstbezogenheit, die auch Roschal auszeichnet:

Ich ähnle einer guten Mutter wie ein Strauß dem Schwan
Vor kurzem sah ich eine Schnecke auf unserer Terrasse
Nahm sie auf meine Hand erzählte ihr davon wie es mir ging

Dass das lyrische Ich einfach davon ausgeht, die Schnecke würde sich schon dafür interessieren, wie es sich fühlt, zeigt ein Weltvertrauen, das die grenzüberschreitenden Beschreibungen semantisch zusätzlich bestätigt. Das lyrische Ich vermischt die Welt und lässt Grenzgänge und Überschreibungen zu. Kommunikativ-literarisch gesehen erweist sich Roschals Schritt von den autofiktionalen Romanen zur assoziativen Dada-Lyrik als formalästhetisch konsequent, denn Autofiktion bleibt entweder sehr häufig wie in Daniela Dröschers Lügen über meine Mutter, Anne Rabes Die Möglichkeit von Glück oder Ronya Othmanns Vierundsiebzig eine Vorform von theoretischer Reflexion oder eben wie in Sylvia Schenks Maman oder Eva Christina Zellers Unterm Teppich eine der Lyrik. Mit anderen Worten, Autofiktion erweist sich eher als eine Entwurfsstruktur für später zu erfolgende formalästhetische Durcharbeitungen, wie sie Roschal in Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt in Nachfolge von 153 Formen des Nichtseins und Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten vorlegt.

Dann saßen wir in Venedig in einem roten Kanu und überall Mondfische, sie schauten uns mürrisch an und ständig stießen wir gegen ihre harten gräulichen Körper, die Stacheln und Beulen, Spuren früherer Zusammenstöße trugen, und von nahem glänzten sie ein wenig wie Opale. Vielleicht waren mir an dem Abend Scherenhände gewachsen, denn ich konnte mein eigenes Gesicht nicht berühren, ohne dass es zu bluten begann. Ich wache auf und drehe mich in die Nacht hinein, vor dem Fenster dröhnen Müllautos, ich weiß noch, wie ich auf dem Weg in diese Wohnung meinen Handschuh auf der Treppe fand.

Roschal findet in ihrem letzten Buch eine überzeugende Form, der inneren Haltlosigkeit Ausdruck zu verleihen. Ihr bescheidener, selbstkritischer Ton erlaubt eine weitausgreifende Symbolsprache, die viele Gräben überbrückt. Die neue Unübersichtlichkeit wird in ein dialektisches Bild des Stillstandes verwandelt – Mondfische in Venedig, dröhnende Müllautos, ein blutendes Gesicht und der Moment, als das lyrische Ich auf dem Weg in seltsamerweise „diese“, nicht „ihre“ Wohnung seinen Handschuh fand. Das Fremde wird aufgehoben in ein nur allzu Traumbekanntes. Diese Form der Realitätsverarbeitung durchschreitet die Autofiktion hin zum Kunstschönen und lässt andere Formen als Vorformen davon erscheinen. Vor diesem Hintergrund erscheint endlich Autofiktion lediglich als Schrumpfform von Lyrik und Theorie in einer Zeit, in der beide sich wohl nur schlecht vermarkten lassen. Dass Roschal in Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt aus ihrem Stoff keinen Roman versucht hat zu schreiben, lässt ihren Text überzeugender und intensiver wirken.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.

Hier finden sich andere Kurzrezensionen zu aktuellen und älteren Titeln.

2 Antworten auf „Slata Roschal: „Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt““

    1. Alexander Carmele – Ich lese gern, reise viel, laufe Langstrecken, studiere, lerne und bin wissbegierig und interessiert an neuen Erfahrungswelten. Studiert, am Arbeiten, Hobbydenker, Freizeitsportler, offen für moderne Unterhaltung aller Art. Germanistik, Physiker, und blogge herum.
      Alexander Carmele sagt:

      Ich denke, es würde dir gefallen – auch wenn es weniger mit Worten als mit Sinnüberlagerungen spielt, muss ich sagen. Sie ist keine wirkliche Wortschmiedin, eher eine atmosphärische Fliegenfängerin, die das Brummen sensibel festhält.

Kommentar verfassenAntwort abbrechen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

Die mobile Version verlassen
%%footer%%