Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Vorlesungen über die Ästhetik Band 2“
Schönheit als klassisches Kunstideal – das sich selbst Bedeutende
Hegels Vorlesungen über die Ästhetik behandeln in drei Abstraktionsstufen das Ideal des Kunstschönen. Es hätte nahegelegen, diese Abstraktionsstufen zu trennen:
●in Band 1, das abstrakte Ideal im Sinne des Begriffs des Schönen (der Begriff);
●in Band 2, die Konkretisierung des abstrakten Ideals in epochal-historischen Epochen (symbolisch, klassisch, romantisch); und
●in Band 3, die Konkretisierung der Epochen in den einzelnen Künsten (Architektur (symbolisch), Skulptur (klassisch), Malerei, Musik und Poesie (alle drei romantisch)).
Tatsächlich aber (wegen des ungleichen Umfanges) mischen sich die Abschnitte, und so beinhaltet Band 1 den Abschnitt über die symbolische Kunstform, und Band 2 beinhaltet bereits die Konkretisierung der Epochen, nämlich Architektur und Skulptur als Kunsthandwerk. Hauptaugenmerk des zweiten Bandes liegt aber in der Explikation des klassischen Ideals:
Denn die klassische Schönheit hat zu ihrem Inneren die freie, selbständige Bedeutung, d. i. nicht eine Bedeutung von irgend etwas, sondern das sich selbst Bedeutende und damit auch sich selber Deutende. Dies ist das Geistige, welches überhaupt sich selbst zum Gegenstande seiner macht. An dieser Gegenständlichkeit seiner selbst hat es dann die Form der Äußerlichkeit, welche, als mit ihrem Inneren identisch, dadurch auch ihrerseits unmittelbar die Bedeutung ihrer selbst ist und, indem sie sich weiß, sich weist.
Entscheidend für Hegels Ästhetik bleibt die zur Schönheit erhobene, sich zur Darstellung gebrachte Idealisierung der menschlichen Physis in der Skulptur (der Inbegriff des Schönen, das durch seine Gestaltung und Formvollendung über das Erotische hinausweist).
Der Hauptpunkt [..] war die Konkretion des Inhalts zur Klarheit der in sich selbstbewußten Individualität, welche […] sich in der Lebendigkeit des vom Geist vollständig durchatmeten menschlichen Leibes zur Äußerung bringt.
Das Klassische verbannt die Naturmacht, erhebt das Tierisch-Animalische zum Göttlichen, indem es allen Makel bereinigt und eine sich selbstgenügsame, nicht alternde Erscheinungsweise des Menschen imaginiert – die stolze Götterfigur – die dann aber leere Augen besitzt und der deshalb die vollentfaltete Unendlichkeit versagt bleibt. Hier liegt der Übergang zur Romantik, die das Innere des Äußeren als Gedächtnisleistung entfaltet, aber nicht mehr das Äußere idealisieren muss.
Die romantische Kunst hat die freie Lebendigkeit des Daseins in seiner unendlichen Stille und Versenkung der Seele ins Leibliche, sie hat dies Leben als solches in seinem eigensten Begriff nicht mehr zu ihrem Ziel, sondern wendet diesem Gipfel der Schönheit den Rücken; sie verwebt ihr Inneres auch mit der Zufälligkeit der äußeren Bildung und gönnt den markierten Zügen des Unschönen einen ungeschmälerten Spielraum.
Hierin ist dann die Dialektik des Ästhetischen vollzogen
vom Symbolischen (das Fremd-Bedeuten-Abhängige)
über das Klassische (die selbstimmunisierte, aber leere Idealität)
zum Romantischen (das Unendliche als innere Anschauung des Göttlichen).
All dies wiederholt er nun noch mal im einzelnen in den Kunsthandwerkformen, was eine teilweise sehr beschwerliche, bemühte, verhacktstückte Argumentationsweise erzeugt, die insbesondere bei „Architektur“ und „Skulptur“ so vereinzelt, langweilig, bröselig wird, dass kaum noch Hegelisches Brausen wahrnehmbar ist. Band 2 rettet sich aber durch die Abhandlung der klassischen Kunstform, die eine in Vergessenheit geratene Form der Schönheit ins Gedächtnis ruft.
László Krasznahorkai: „Zsömle ist weg“
Freischwebend radikal-inszenierte Textmahlstrommasse, witz- und sinnlos.
Inhalt: 0/5 Sterne (unklare Unverhältnismäßigkeiten)
Form: 2/5 Sterne (gewollt-radikal)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (unzuverlässig-unklar)
Komposition: 1/5 Sterne (massiver Textmahlstrom)
Leseerlebnis: 0/5 Sterne (terrorisierende Aufschubgeste)
–> 3/5 = 0,6 = 1 Stern
Nach Satanstango und Der Gefangene von Urga zeigt sich mit Zsömle ist weg ein beginnendes Muster im Werk vom Literaturnobelpreisträger 2025. Krasznahorkai kümmert sich nicht um Form-Inhalt-Dialektik. Sein Schreiben wühlt noch die letzten formalästhetischen Kriterien auf und bürstet sie gegen den Strich. In Zsömle ist weg nimmt der den Duktus eines Thomas Bernhard auf, mischt diesen mit der Melancholie eines Jon Fosse und garniert das Ganze mit der Absurdität eines Franz Kafka. Leider verderben zu viele Küche scheinbar den Brei:
Sie wissen, wie der Ungar ist, der Ungar und sein Hund gehören zusammen, und ich bin Ungar, nicht Slowake wie Sie, Sie wollen damit jetzt doch nicht etwa sagen?!, der Jenő sah ihn verärgert an, dass wir?!, Slowaken?!, kein Herz haben?!, die Ungarn können mir gestohlen bleiben!, he!, was soll das heißen, wir, die Slowaken!, Herr Kada!, wir haben ein so großes Herz, dass Sie nicht mal auch nur eine Ahnung davon haben, für uns sind die beiden wichtigsten Dinge auf der Welt ein Kind im Dreck, eine Rose im Garten und der Hund hinten im Hof an der Kette, wir lieben alle Tiere, das kann ich im Namen des ganzen slowakischen Nationalismus sagen […]
Es geht um Zsömle, um den Hund der Hauptfigur József Kada I. der Árpáden, ein älterer, über neunzig Jahre alter Herr, der auf einem Dorf viel Wein, viel Wasser, viel Tee trinkt und als jüngster Spross einer Dynastie seit 750 Jahre auf die rechtmäßige Thronbesteigung wartet. Das gegenwärtige Ungarn scheint nun reif, auf den ersten Blick, doch bis zur Krönung ziehen sich die Dinge, was Onkel Józsi mal stört, mal weniger stört, denn im Grunde hat er sich mit dem Unbill der Welt abgefunden.
[…] es gehe um etwas anderes, wenn er nämlich sage, er lege kein Holz mehr nach, dann, und hier machte er eine kleine Pause und betrachtete ebenfalls das Tischbein, was der Lehrer zuvor wohl so Interessantes daran gefunden haben mochte, dann meine er, dass er generell kein Holz mehr nachlege, und das bedeute, nie mehr, doch nicht nur hier, im Sparherd oder drinnen im Ofen, nein, sondern in keinem einzigen Sinn, das heißt, er werde von nun an nicht mehr am Leben teilnehmen, was natürlich sofort auf allgemeinen verständnislosen Protest stieß […]
Der einzige Trost besteht für Onkel Józsi in dem seit dreiunddreißig Jahren ihn begleitenden Hund Zsömle – d.h. er hat viele Hunde gehabt, aber sie waren ihm alle Zsömle. Sie existieren nur für ihn und durch ihn. Individualität besitzen sie nicht. Er kettet sie an und erfreut sich an ihrer traurig-leblosen Loyalität. Diese Motivik erscheint nun auch konsequent umgesetzt. Zsömle vertritt das Publikum, die Zuhörerschaft. Sie wird mittels langatmigen, sich perpetuierenden Sätzen breitgeschlagen, an der Stange gehalten und gleichzeitig, wie ein Hund am eigenen Halsband, erwürgt, mitgeschleift und am Ende in der Hitze, in der Sonne braten gelassen.
Krasznahorkai nimmt nämlich die Form des inneren Monologes und veranstaltet eine disparate Symbiose von diesem mit der auktorialen Erzählweise – ein klarer Stilbruch, denn in wessen Bewusstsein findet ein innerer Monolog statt, der zwischen den Figuren wechselt? Diese Paradoxie treibt Krasznahorkai in Zsömle ist weg auf die schmerzhafte Spitze mit stilometrisch belegbarer Eintönigkeit. Es bleibt einfach am Ende nichts mehr übrig, und so endet das Ganze dann auch, als böser, in die Länge gezogener narrativ-fiktionaler Selbstmord. Schlimm.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Onkel Józsi (J), zu Beginn 91 Jahre alt, wohnt in Egerlovászi (Ungarn), abgeschieden, allein mit seinem Hund Zsömle, rechtmäßiger König der Árpáden-Dynastie, seit 750 im Geheimen gehalten, Enkel des Dschingis Khan. Erzählt wird aus der Gegenwart (2022). Orban existiert. J geboren am 6. Januar 1921. Tochter Agnes.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) J lebt mit alt gewordenem Hund Zsömle in ärmlichen Verhältnissen in einem Dorf, auf einem Hügel. Er empfängt Besucher, die gehört haben, dass er ein Ungarischer König ist, und die mit ihm zusammen die Monarchie wiederherstellen wollen (gegen die Habsburger gerichtet). J erzählt von seiner verstorbenen Frau Ilona (10x Erwähnung, nicht mehr ab Teil 7) und Zita Szeleczky (Filmschauspielerin, 20x erwähnt). Unter den Gästen befindet sich ein Wandermusiker László Krasznahorkai, Laci (L), und ein Historiker namens René Badigy Soós (B). Anlass scheint Js Aufnahme in den Sankt-Georgs-Orden zu sein. Die englische Königin hat ihm ein Schwert geschickt. J nicht so sehr interessiert an Politik, lässt sich aber für seine Einsetzung begeistern. Die Lust zum Leben hat er eigentlich verloren (kein Holz mehr nachlegen für die Herdflamme). Mit der eigenen Tochter hat er sich zerstritten, er hat zwei Enkel, und den Schwiegersohn kann er gar nicht leiden. Totfahren eines Rehs.
2.) Badigy zieht die Geschichte von J in Zweifel, will aber an der Illusion festhalten. J rastet aus, nennt ihn Hurenbock. J kriegsversehrt, hat seit 1944 einen Splitter im Gehirn. Zsömle stirbt.
3.) „Zsömle ist weg.“ J hat keinen Zugriff auf das obere Stockwerk, das hat seine Familie nach Streitigkeit abschließen lassen. Er will dort eine Ausstellung seiner historischen Archive organisieren. J besorgt sich einen „neuen“ Zsömle (Z). Er hat schon viele „Zsömles“ gehabt, seit 33 Jahren. Seine Befürworter wollen eine Thronbesteigung inszenieren. Er habe aber schon eine 1974 zelebriert. Handwerker reisen an und flexen die Tür zum Obergeschoss auf, auch wird der Schwiegersohn zusammengeschlagen.
4.) Sie bringen J in ein Museum voller Waffen, die den gewalttätigen Umsturz ermöglichen sollen. J wehrt sich dagegen. (Waffenhändler aus Satanstango hieß Payer, hier Payr). J kehrt zurück, kümmert sich um Z. L vermittelt zwischen J und B. B hat herausgefunden, dass J die Wahrheit sagt, eine Krönung fand 1944 statt (selbe Jahr wie seine Kopfverletzung – Splitter als Krone). J genießt den Ausblick, den Sonnenuntergang von seiner Terrasse aus. Versöhnt sich mit B.
5.) J wartet auf Trotteltoni, der stets Wein bringt (wie Frau Halics dem Doktor aus Satanstango). Ein Feuer bricht aus. Trotteltoni ist Pyromane und wollte die Frau seines Bruders, Anca, beeindrucken. J will seine eigenen Familienstreitigkeiten beseitigen, besucht seine Tochter.
6.) Herbst. Der Thron wird wieder gefunden und restauriert. J erreicht ein offizielles Gesuch zu einem Treffen mit dem Parlamentspräsidenten. Er schreibt brüsk zurück, dass er sich den Ton verbittet. J träumt, er wird militärisch in Gewahrsam genommen, von Spezialeinheiten.
7.) Die Parlamentsverwaltung entschuldigt sich offiziell. Die KI sei unhöflich, generisch gewesen. Ihm wird ein weiteres Schreiben zugestellt. Er nimmt an. Ein offizielles Treffen findet statt. J bestätigt, dass er König sei. Durch die Beweise von B ziehen die offiziellen Kanäle in Betracht, ihn zum König zu ernennen und eine konstitutionelle Monarchie einzuführen. Der 20. August wird anvisiert, Tag des Heiligen Stephans. Plötzlich wird er als Verdächtiger vorgeladen.
8.) Verhör durch Polizei, J beschuldigt sie der Majestätsbeleidigung. Auch B wurde festgenommen, alle anderen auch, oder mit Bewährung belastet. Er wird gehen gelassen. J entschließt sich, den gewaltsamen Staatsstreich doch zu unterstützen. Kurz darauf wird sein Haus gestürmt und J wird festgenommen. Ihm dröhnt der Kopf, bricht zusammen. Wegen des Metallsplitters kommt er ins Krankenhaus. Er macht sich Sorgen um seinen jungen Hund. Eine afrikanische Krankenschwester gefällt ihn. Er will sie heiraten. Journalisten tauchen vor seinem Haus auf. Der Hund wird gefunden.
9.) J hatte einen Schlaganfall. Liegt weiterhin im Krankenhaus, hasst das Essen dort. Jenő, der Wirt, besucht ihn. J ringt ihm das Versprechen ab, dass der Wirt sich um Z kümmert. Jenő kommt wieder. Er hat Z zu Frau Hirnyák gebracht. J wird vom Krankenhaus ins Gefängnis verlegt, benötigt aber weiterhin einen Rollstuhl, also wird er zurück ins Krankenhaus verlegt. Die afrikanische Krankenschwester ist fort. Eine Medizinstudentin namens Etelka Rózsavölgyi (E) kümmert sich um ihn, in die er sich gleichfalls sofort verliebt. Er will seinen Hund. E geht ihn suchen, findet ihn in erbärmlichen Zustand, kauft ihn von Frau Hirnyák los. E sagt J, dass er aus diesem Gefängnis nur herauskommt, wenn er für unzurechnungsfähig erklärt wird. Er beginnt sofort über sein Königtum zu faseln. E entsetzt, kurze Zeit darauf wird er vor Gericht geladen.
10.) J benimmt sich vor Gericht selbstgerecht, wird aber für unzurechnungsfähig eingestuft, kommt in die Psychiatrie. Besticht eine Krankenschwester, um seine Krankenakte einzusehen. Will seinen Hund sehen. E findet ihn. J will sie heiraten. L besucht ihn. Auch andere. Er verhandelt über seinen Hund. Er kann aber das geforderte Geld nicht bezahlen.
11.) Durch einen Mazedonier ist es möglich, dass er in ein Einzelzimmer kommt, mit dem Hund. Er lebt mit dem Hund im Zimmer, muss Gespött über sich ergehen lassen, zu Weihnachten ergaunert er sich einen Schraubendreher, öffnet sein Fenster und springt mit dem Hund im Arm in den Tod.
●Kurzfassung: Ein 91jähriger glaubt Nachfahre von Dschingis Khan zu sein, sammelt eine Gefolgschaft um sich, gerät ins Fadenkreuz der Staatssicherheit und wird gefangengenommen. Er entflieht durch den Tod.
●Charaktere: (rund/flach) keine charakterliche Ausarbeitung vorhanden. Es gibt die Dörfler (den Drübennachbarn, den Wirt, Trotteltoni und die Melkerin Hirnyák, u.a.). Es gibt die Gefolgschaft, u.a. Laci, Badgy und einen Professor.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die ganze Handlung um den Hund Zsömle webt sich nicht ein, Besuch der Tochter? Die afrikanische Krankenschwester?
●Besondere Ereignisse/Szenen: fehlen hier völlig.
●Diskurs: Nationalismus, Suche nach Identifikationsfiguren, Ursprungsmythen.
… der Stoff erinnert an „Der sein Leben mit einem Hund teilte“, und auch sehr an „Satanstango“, viele Motive, Schafherden, Ländlichkeit, Wein- und Alkoholsucht, Führerkult, (J statt Irimias), schwebende Jungfrauen, ermordetes Haustier, Foltern des Haustieres, undurchschaubare Staatlichkeit …
… leider besitzen die Figuren, die Handlungsräume kaum Farbe noch Plausibilität. Es fehlt in dem Konstrukt der Hintergrund. Die Handlung spielt sich im Vordergrund eines Settings ab, das gar nicht im Text präsent ist. Ungarn, in seiner Gegenwart, Orban, die Probleme völkischer Gesinnung und Rückbezüglichkeit, all dies gewinnt überhaupt keine Kontur. Die Handlung hängt in der Luft, im wahrsten Sinne des Wortes, ahistorisch, afigural, a-narrativ. Kein Motiv wird entwickelt, kein roter Faden gesponnen, bis auf die Anhänglichkeit der Hauptfigur zu einem Hund, dessen Individualität ihm aber gleich ist. Er nennt jeden Hund Zsömle. Hauptsache er hat einen Hund, jemandem, der ihm auf Gedeih und Verderb folgt. Hier fehlt der Konflikt. Ich wüsste wirklich nicht, wie ich mich für diesen Plot (als Handlungsraum) interessieren und begeistern sollte. Ungewöhnlich langatmig und langweilig.
… Plot erinnert an eine Kafka-Fabel, wie „Eine kaiserliche Botschaft“
–> 0 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) hoher Fiktionalitätsgrad durch die Form, diese langen, sich schlaufenden, mäandernden Sätze, die teilweise aber nur den Punkt nicht setzen, aber einen Punkt besitzen. D.h. die langen Sätze sind meiste Zeit nicht notwendig. Dennoch erzeugt die „Bleiwüste“, ohne Absatz, ohne Struktur, ohne abgesetzte Dialoge, einen Artifizialitätsgrad.
●Wortschatz: extrem einförmig, einfallslos
●Type-Token-Ratio: 0,11 fast schon in der Genre-Komplexität (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: wenige Sätze, kaum auswertbar. Im Grunde 11 Sätze, aus denen der Roman besteht. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 81% klar Genre (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 910 Wörter decken 80% des Gesamttextes, sehr eintönig
●Auffälligkeiten: lange, ausufernde Sätze, unklare Personalpromina („er“), unklare Situationen, Übergänge zwischen den einzelnen Figuren innerhalb eines Atemzuges, eine Teppichzerfaserung
●Innovation: radikale Struktur des inneren Monologes, aber innerhalb eines auktorialen Erzählens, was einen ästhetischen Bruch ohne Gleichen bedeutet, heftige Katachresis.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: beeindruckend unreflektiert, postmodern, völlig losgelöst, von jedem Perspektivismus befreit. Es gibt keinen Rahmen, keine Verlässlichkeit, keine Argumentation, nichts.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts von all dem.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: satirisch, wenn überhaupt kein Erzählen vorhanden ist.
●Einschätzung: schreckliche Variante des Aneinanderreihens von Mahlstrom-artigen Ideen, Assoziationen, ohne figurale Tiefe. Die Erzählstimme springt zwischen den Innenansichten, aber innerhalb eines inneren Monologes, was brüchig, inkohärent und beliebig wirkt. Es ist absolut unklar, ob irgendetwas auch nur ansatzweise in der Welt der Figuren „wahr“ ist.
… der Text erinnert im Duktus (ohne die verbindliche Erzählfigur) an Fosse und Bernhard, und auch Beckett
–> 0 Stern
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: relativ wenig Abschweifungen, aber stete und immer wiederkehrende Wiederholungen erzeugen eine Art Klaustrophobie, das Lesen engt sich ein, nimmt sich den Atem, zieht sich auf einen winzigen Punkt und zurück und tötet sich dann, in Sinn und Bedeutung, als letzten Schritt.
●Operative Geschlossenheit: es gibt keine systemische Bezüglichkeit, keinen Konflikt, keine Konstellation, alles rauscht, alles verliert sich im Rauschen, es gibt kein Entfliehen, in dem Unterdruck von Sinn
●Rahmenstabilisierende Details: nichts, weder der historische Hintergrund wird geklärt, noch der politische, noch der ökonomische, noch der familiäre, noch der persönliche.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Eintönig, gleichmäßig ins Verderben
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: nein
●Einschätzung: kompositorisch, da kein Plot vorhanden ist, auch keine Sprachverspieltheit stattfindet, keine Leichtigkeit existiert, alles bedeutungsschwanger einhergeht, ein Totalausfall, ein Kapitel mehr oder weniger wäre egal.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: massiv gelangweilt, schwerfällig, ermüdend, zermürbend
●Geärgert: über die Antriebslosigkeit und Beliebigkeit der Motivik
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall
–> 0 Sterne
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László Krasznahorkai: „Satanstango“
Unzuverlässiges Erzählen auf die Spitze getrieben, linear-diffusiv.
(Literaturnobelpreis 2025)
Inhalt: 1/5 Sterne (es gibt Figuren, aber keinen Plot)
Form: 4/5 Sterne (innovatorisch-ungleichmäßig)
Erzählstimme: 0/5 Sterne (es gibt keine)
Komposition: 2/5 Sterne (Um-sich-selbst-drehender Stillstand)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (unbefriedigend)
–> 8/5 = 1,6 = 2 Sterne
Satanstango erschien 1985, just zum Zeitpunkt des Abflauen des Kalten Krieges. Herta Müller veröffentlichte 1984 Drückender Tango für Rumänien, und Krasznahorkai verknüpft den Duktus und Erzählstil eines Claude Simon aus Das Gras, mit der surrealen Katastrophik eines Samuel Beckett in Endspiel. und Warten auf Godot mit der Handlungslosigkeit eines Franz Kafka aus Das Schloß. Die Montage erscheint gewollt, ein Pastiche der Tristesse im Schlamm und Morast dreier verregneter Tage in Südosten von Ungarn:
[…] es bleibt nichts als kniehoch aufgeweichtes Erdreich mit Pfützen in den Rinnen, die die Wagen gegen Sommerende gepflügt haben. In den Pfützen und auf dem Wasser des nahen Kanals siedeln sich dann Entengrütze, Segge und Laichkraut an, die am Abend oder in der Dämmerung, wenn das tote Licht des Mondes auf sie fällt, wie winzige Augen am Körper der Landschaft blind und silbern zum Himmel schauen. Frau Halics ging am Fenster vorüber, wechselte zur anderen Seite und klopfte bei den Schmidts ans Fenster. Minuten vorher war ihm gewesen, als hörte [der Doktor] Gesprächsfetzen von den Halics‘ her, offenbar gab es wieder einmal Ärger mit Halics, und seine Frau, diese Hopfenstange, holte sich jetzt Frau Schmidt als Verstärkung.
Der Doktor wirkt als Beobachter in einem Dorf, das aus wenigen Menschen besteht, die allesamt ein trostloses Leben führen und von einem Neuanfang träumen, diesen Neuanfang aber von alleine nicht wagen. Zum Glück steht die Entlohnung für die gehütete Schafherde an. Das Geld wird aber schnell zum Zankapfel und droht versoffen zu werden. Die einzige Hoffnung des Dorfes liegt auf Irimias und seinem Kumpan Petrina, beide wegen Faulenzerei ins Visier der staatlichen Behörden geraten und nun auf der Flucht, als sie die Zerstrittenheit des Dorfes für sich nutzen und das Geld, unter Vorgabe eines Befreiungsplans, unterm Nagel reißen.
»Dieser Plan, ich weiß es, ich fühle es, muß Wirklichkeit werden. Und da ich hier geboren bin und hierhergehöre, will ich hier zu Werke gehen. Deshalb wollte ich mit meinem Helfer zum Almássy-Gehöft, und deshalb sind wir uns begegnet, meine Freunde. Soweit ich mich erinnere, ist das Hauptgebäude immer noch in gutem Zustand, und mit den Wirtschaftsgebäuden werden wir auch keine Probleme haben. Der Pachtvertrag ist ein Kinderspiel, es gibt nur eine Schwierigkeit, aber das wollen wir jetzt lassen.«
Hauptsache des Romanes besteht aber nicht in der unmotivierten Handlungsverfugung, die kaum eine Rolle spielt (weder die Geschichte des Dorfes noch die Irimias‘ kommen zur Sprache). Vielmehr lässt sich Satanstango als atmosphärischer Roman beschreiben, in welchem alles nebulös im Beliebigen schweben bleibt, eine Art Limbo der Traurigkeit, ein Nirwana der Hoffnungslosigkeit, ein um sich selbst drehendes Nichts, das sich sein eigenes Grab schaufelt. Der Fuchs war damals schon der Jäger von Herta Müller beschreibt die Drangsal im totalitären Rumänien eindeutig konsistent.
Die magisch-realistischen Elemente, die sadistischen Figurenbeschreibungen, die fehlenden Hintergründe und das betont zeitlose Aneinanderreihen von Begebenheiten lassen keine Geschlossenheit entstehen. Auf diese Weise erscheint Satanstango, sechs Schritte vorwärts, sechs zurück, wie im Tango, nicht wie eine Durchdringung der Tristesse und deren ästhetische Aufarbeitung, sondern lediglich als mimetisches Widerspiegeln exakt jener.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Dorfbewohner: Futaki, ein Doktor, ein Schuldirektor, ein Wirt, die Witwe Horgos, ihre vier Kinder: Estik, Sanyi, Juli und Mari, der Busfahrer Kelemen, der blinde Einödbauer Kerekes, und Eheleute Kraner (Rozika und Joska), Schmidt, Halics (Lajos). Hinzukommen Iriamas und Petrina, Lebenskünstler oder Betrüger.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Ein Dorf befindet sich in desaströsen Umständen, kaum noch etwas funktioniert. Die Bewohner saufen und huren herum. Sie hoffen auf Geld durch die Schafzucht. Im Grunde haben viele vor, umzuziehen, zögern aber noch. Dann ereilt sie die Nachricht, dass Irimias und Petrina ins Dorf kommen. Sie setzen alle Hoffnung auf Iriamas (aus unbekannten Gründen). Es regnet kontinuierlich. Zwei Dinge passieren: der Doktor läuft, um sich Schnaps zu holen, zur Wirtshaus und bricht zusammen; und Estike, ein kleines Mädchen, sucht Anschluss, tötet eine Katze und wird von ihrem eigenen Bruder angelogen und vergiftet sich. Das Dorf versammelt sich im Wirtshaus und wartet, tanzt dort Tango und trinkt, bis Irimias am frühen Morgen erscheint und das Geld von den Dörflern einstreicht, um eine bessere Zukunft für sie zu gestalten. Sie sollen zum Almassy-Gehöft gehen, derweil Iriamas in die nahegelegene Stadt geht. Auf dem Weg sehen Irimias, Petrina und Sanyi die Himmelfahrt Estikes. Während die Dörfler im Gehöft warten und sich streiten, organsiert Irimias einen Lastwagen und trifft sich mit einem Waffenhändler. Er fährt die Dörfler holen und schickt sie fort, um kein Aufsehen beim Staat zu erregen. Es kommt heraus, dass er die Dörfler für den Staat ausspioniert. Der Doktor kommt aus dem Krankenhaus in ein verlassenes Dorf zurück, hört ein seltsames Läuten, geht dem auf die Spur, findet in der Kapelle ein Hutzelmännchen, kehrt zurück, verbarrikadiert sich und beginnt Ereignisse zu erfinden, in exakt denselben Worten, wie der Roman begonnen hat.
●Kurzfassung: Misstrauen und Ausbeutung von Vertrauen auf dem Land, in Ungarn. Zeit und genaue Örtlichkeiten eher unklar. Ost-Ungarn, Schloß Wenckheim.
●Charaktere: (rund/flach) nicht ausgestaltet, eher clownhaft, angedeutet
●Überflüssige Szenen/Charaktere: nein, die rumhurenden Töchter der Horgos vielleicht, und Kelemen und Kerekes.
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Traumsequenzen der Dörfler, der Tango im Wirtshaus, und das krasse Kapitel über Estik, wie sie die Katze tötet und sich dann, nachdem alle Hoffnung verschwinden, sich selbst vergiftet.
●Diskurs: … der Diskurs ist eindeutig die Verhältnisse im Kalten Krieg, Ungarn unter der sowjetischen Besatzung, nur wird das aus dem Text selbst heraus nicht klar.
… Plot, sehr angelehnt an Becketts „Warten auf Godot“ und „Endspiel“.
… der Plot besitzt keinen wirklichen Spannungsbogen. Irimias wirkt als Hoffnungsträger, aber er erscheint sofort im zwielichtigen Licht. Die Verhältnisse werden nicht beschrieben. Es gibt keinen Konflikt. Es gibt keinen Rahmen, keine Hintergrundgeschichte von Irimias, und es ist auch völlig unbekannt, aus welchen Kontext heraus es so schlecht um das Dorf bestellt ist.
–> 1 Stern
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Sprache gibt es eine klare Fiktionalität, die Verfremdung hebt den Text von der Alltagssprache ab, sie wird mythisch-mystisch und als Allegorie erkennbar; auch die Zeitenthobenheit lässt die Ereignisse im Nebulösen. Die Zeitverankerung existiert im Text nicht (könnte fast zur jeder Zeit im 20. Jahrhundert spielen, seitdem es also Lastwagen gibt). Die Sprache aber grenzt das Geschehen vom bloßen Dokument ab. Starke Verfremdung.
●Wortschatz: sehr aufwendig, teilweise auch repetitiv, formal lässt sich wenig sagen, nur wirken die Sätze oft inhaltsleer, nicht ganz so deskriptiv wie Claude Simons Diktion, eher künstlich mit leeren Gesten in die Länge gezogen.
●keine stilometrische Analyse möglich
●Auffälligkeiten: störend häufige Nennung von Eigennamen, unklare Bezüge bei Personalpronomina; auffallend aber beim Beschreiben der Träume, sehr avantgardistische Mittel, Satzblockschreibweisen … interessant hierdurch
●Innovation: ja, so etwas „siegehtausdemhaus undwirdvomregen nichtnassdasieeinen regenschirmhat“ … hält sich aber über die Länge des Textes in Grenzen. Eher bemüht.
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: völlig beliebig, inkohärent, allwissend, nicht auktorial, also eher unkommentiert, unvermittelte Zeitebenen-Wechsel (ins Erzählpräsens und zurück – 2. Kapitel); in selbiger Szene Innenansichten der verschiedenen Figuren, Zugang zu den Träumen, Gefühlen … freischwebender Blick.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch … es gibt keinen erzählerischen Rahmen, keine verlässliche Perspektive, deus absconditus, nicht greifbar, ein Phantom, mit magischem Realismus, als Einstreuung.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: depressiv, still, hoffnungslos, trist, matschig
●Einschätzung: es gibt keine Erzählstimme, reines Chaos, beliebiges Faseln.
–> 0 Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: sehr karg, knapp erzählt, keine Digression, straff
●Operative Geschlossenheit: leider nicht … endet offen, endet beliebig, in der Dopplung, dass der Doktor nun erzählt, was sich zugetragen, und zwar exakt, mit linearer Fortführung, kein Konflikt, keine Antithesis.
●Rahmenstabilisierende Details: es gibt keinen Rahmen, es gibt eine Ansammlung lose verknüpfter Figuren, keine strukturelle Kopplung von den Handlungselementen
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): teilweise arg ans Theater angelehnt, sehr dialoglastig, wenig ausführliche Beschreibungen, eher vorkulissenhaft.
●Extradiegetische Abschnitte: nein.
●Lose Versatzstücke: Das Glocken Läuten, das Rauschen/Knacken im Gebüsch, die Himmelfahrt wirken wie Setzungen, die aber aus dem Text heraus nicht überzeugen
●Reliefbildung: eher gleichmäßiges Schlamm-Trotten
●Einschätzung: überzeugt durch die Sache mit dem Tango, das Musizieren, sechs Schritte vorwärts, sechs zurück, auf der Stelle bleibend, die Zahl „6“ als Teufelszahl; überzeugt aber nicht als Handlung, keine operative Schließung, eher postmodern-abstrakt, montiert.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: teilweise zu konfus in der Figurenführung, oft nicht klar, wer gemeint ist, extra Erschwernis, das in ein und derselben Szene vom Fahrer, Kelemen gesprochen wird, ohne eine klare Zuordnung zu geben.
●Geärgert: über die Szene mit dem kleinen Mädchen, sadistisch, das die Katze tötet.
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: nein
–> 1 Stern
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Rachel Kushner: „See der Schöpfung“
Hard-boiled coole Agentin zieht Auftrag durch und erkämpft sich ein Weg ins Kosmisch-Freie.
(Spiegel Buchpreis 2025)
Inhalt: 4/5 Sterne (Anstifterin als unbewegter Beweger)
Form: 4/5 Sterne (professionell, unpoetisch)
Erzählstimme: 6/5 Sterne (herausstechend coole Ich-Erzählerin)
Komposition: 5/5 Sterne (verwoben, dicht)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (konsumorientiert)
–> 22/5 = 4,4 = 4 Sterne
Rachel Kushner ergänzt in See der Schöpfung das Genre der hardboiled-Krimis um eine weitere, sehr ausdrucksstarke Erzählstimme, Sadie Smith, die als abgeklärte, völlig desillusionierte, jenseits von Gut und Böse sich situierende Figur als Anstifterin und Eskalatorin in einer Kommune namens Le Moulin wirkt, die nach einem alternativen Lebensstil jenseits vom Kapitalismus geprägten Großstädten strebt:
Le Moulin bestand aus elf Hektar Land, das die Gruppe bebaut hatte. Fünfundvierzig von ihnen lebten dort zurzeit, plus minus ein, zwei Babys, sagte Pascal. Sie begnügten sich aus Prinzip mit ungefähren Zahlen, zum Zweck von Essensvorbereitungen und Arbeitsaufträgen, und führten nicht Buch, weil sie gegen Buchführung seien. Er denke gern, dass die Menschen, die sich in der Kommune niederließen, aus der staatlichen Überwachung herausfielen und auch aus der Selbstüberwachung in Form sozialer Medien und diverser Arten digitalen Trackings, die im Stadtleben unausweichlich seien.
Sadie blickt unerbittlich auf die Kommune wie auf alles in der Welt. Für sie gibt es nichts, was ihr Hoffnung machen könnte. Stets erweisen sich die Handlungen, die Taten der Menschen als eigennützig und fremdausbeuterisch, bspw. fällt Le Moulin sofort in patriarchale Strukturen zurück, und selbstredend wirkt Pascal Balmy als eine Art geistiger Führer, der einen Harem um sich schart und nur junge, schöne Menschen in seine Kommune aufnimmt. Unnahbar, brutal, die Welt nackt ausziehend bleibt sie unbeirrt auf ihr Auftragsziel fixiert.
Meine eigenen Gefühle waren neutral; mir ist es egal, was Menschen tun. Meine Aufgabe war es, Beweise dafür zu suchen, dass die Moulinarden eine Bedrohung darstellten. Ob es eine ernsthafte Bedrohung war, spielte keine Rolle. Ich würde entweder Beweise finden oder wenigstens einen Weg, sie in irgendetwas zu verwickeln, sodass die Polizei in diesem Kaff eine Razzia durchführen und ihre kleine Kommune schließen konnte.
Das Problem von See der Schöpfer, wie schon bei Der Malteser Falke von Dashiell Hammett und seinem Sam Spade, besteht in der distanzierten, unpoetischen Weltbeschreibungsweise dieser außergewöhnlichen Erzählstimmen. Sie wirken glaubwürdig, aber nicht mitreißend. Ihnen fehlt es schlicht am Enthusiasmus. Sie stehen allzu sehr über den Dingen. Die Unbesiegbarkeit besitzt eine gewisse Anziehungskraft, die aber schnell verlischt, sobald der Fall nicht mehr zu fesseln vermag. Dem Eingedenk kreiert Kushner in See der Schöpfung eine Parallelhandlung mit einem philosophierenden Bruno Lacombe.
Und wir müssen annehmen, so Bruno weiter, dass der erste Mensch, der mit Feuer spielte, auch der erste Mensch war, der rauchte. Nur, woher nahm Rectus das Feuer? Wir kennen alle den Mythos von Prometheus, in dem die Vorstellung geboren wurde, der Mensch sei ein Individuum, das anstelle einer besonderen Eigenschaft die Fähigkeit verliehen bekommen habe, Wärme zu erzeugen.
Hier stimmt also fast alles. Was aber fehlt, und in dieser Art Roman auch operativ gar nicht vorkommen kann: Wieso erzählt eine solche coole Sau das alles?!
Exakt hier fällt der hardboiled-Krimi, egal wie souverän umgesetzt, ins Triviale zurück. Sadie benötigt kein Publikum. Es hätte also einer Erzählerin dieser Erzählerin bedurft, aber die hätte unmöglich so cool wie Sadie sein können. Joseph Conrad zeigt in Lord Jim , wie so etwas vielleicht mit Abstrichen zu bewerkstelligen wäre, sein Charles Marlow erzählt mit Dringlichkeit und Coolness, aber nie unbeteiligt, nie gefühllos, sondern von tiefer Sentimentalität und Existentialität ergriffen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Sadie Smith (S), 34 Jahre alt, Ex-CIA-Agentin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Die Wonnen der Einsamkeit. Bruno (B) Lacombe beantwortet per E-Mail Fragen einer anarcho-syndikalistischen Aussteiger-Community in Le Moulin über die Neandertaler. Diese seien friedlicher, kreativer als die homo sapiens sapiens gewesen. Leiter von Le Moulin heißt Pascal Balmy (P). Sadie (S, der Name fällt später) hat mit einem der ältesten Freunde von Pascal angebandelt, Lucien (L) Dubois. Sie hat den Auftrag, Le Moulin zu beobachten und zu kontrollieren. S hat den E-Mail-Account von B gehackt. Es geht um einen Wasserspeicherung – fünf riesige Erdbaumaschinen (Bagger) wurden in Brand gesetzt, um die Zweckentfremdung des Grundwassers zu verhindern. S wohnt in einem Haus von L (gehört der Familie seit 300 Jahren). Erzählgegenwart (EG): S erreicht das Haus und richtet sich ein, textet L. Sie sprechen über das Treffen mit P. Erinnerungen an die Anreise. Europa, Kontinent der Prostitution. B über Kryptozoologie.
2. Das Priest Valley [Song: „Get lucky“]. Kennenlernen von L in Paris. In Bar. Nach drei Monaten ziehen sie zusammen. B 1937 geboren. S gibt vor aus dem Priest Valley in Kalifornien zu stammen. B über Sucht. P soll Ähnlichkeiten zu einem Freund von B haben, Guy Debord, 68er, der sich mit Alkohol und dann mit einer Pistole getötet hat. S hat Priest Valley bei einem CIA-Einsatz (Feds?) kennengelernt, als sie einen Tierschutzaktivisten überführen sollte – aber durch ihre Anstiftung (aus Ungeduld) platzte der Fall, und sie wurde gefeuert. Sie fängt an im privaten Sektor zu arbeiten, in Europa. Reise mit L nach Marseille wegen eines seiner Filmprojekte. S beobachtet auch einen Staatssekretär im Ministerium für Ländliche Geschlossenheit, einen Spanier namens Paul Platon (PP), der das Wasserbeckenprojekt verteidigt. B über die Ausbreitung des Menschen. S mit L und dem Kameramann Serge und Serges italienischen Freund Vito unterwegs. Im Hotel in Marseille. S hat Sex mit L. Leben an der Côte d’Azur. Lernt Amelie kennen, die sich im Mistral sonnt (wie S schönheitsoperiert ist), beim Unwetter. S schaut ihr zu. [in diesem Abschnitt keine Erzählgegenwart – nur das Lesen der E-Mails. Retardation.]
3.) Joan Crawfords Gesicht. Bruno über die Schädel der Neandertaler. Homo Sapiens Sapiens als Tardissimus, der Verspäteste, Tardi. EG: Erste Nacht im Landhaus von L. Smartphone-Kontakt mit L und seinen Freunden in Marseille. Vorbereitungen. Recherche nach Bs Zuhause, seine Hintergrundgeschichte, Unfall mit Todesfolge seiner jüngsten Tochter, Traktor. Zog sich zurück. Kein persönlicher Kontakt mehr. Lebt in Höhlen. Geschichte der Cagots, Aufstand von 1594. EG: Sie inspiziert Umgebung. Betrachtet das Chateau de Gaume. Dort lebt B wahrscheinlich. B über die Cagots, die Vogelfreien. Aufstand wegen eines verbrannten Pferdes namens Loli. EG: Sie kehrt von ihrem Spaziergang zurück, trifft Mann von Agathe (Tante von L, Schwester der Mutter), Robert. Streit um das Haus. Er droht S, aber S weiß, dass R auf Kosten von Agathe lebt und ohne ihres Wissen eine Lebensversicherung auf sie abgeschlossen hat. S schüchtert ihn ein.
4.) Lemon Incest: EG: Fahrt nach Vantome, zum Treffen mit Pascal Balmy. Sie wartet im Café. Sieht eine attraktive Kellnerin (die sich als Nais, Tochter von B, herausstellt). Hintergrundgeschichte PB, und das Auffliegen von einem britischen Undercover-Agenten namens Marc Cutler. PB seitdem vorsichtig, hat sich aufs Land zurückgezogen. EG: Sie soll ein Buch von der Kommune übersetzen „Zonen der Zivilisiertheit“. PB überreicht auch das letzte von B veröffentlichte Buch „Wer die Welt hinter sich lässt“. Zwei Aussteiger mit Mao-Mützen drängen sich PB auf. Er schickt sie weg. Jean Violaine (JV) und B haben sich zerstritten. JV pragmatischer, B rückwärtsgewandter. Sie brechen auf, Le Moulin zu besichtigen. Wasserproblematik wird angeschnitten. Eklat in der Kommune zwischen einem elfjährigen Schüler und seiner Lehrerin. Italienischer Dokumentarfilm über einen Sex-aktiven neunjährigen Jungen namens Franck, der sein Leben in der Mittelmäßigkeit stabilisiert hat; auch im Film, eine 40jährige Prostituierte, die sich nach dem Interview umgebracht hat. EG: Ein Auto taucht neben ihnen auf, Nadia Derain (ND), die aus der Kommune geschmissen wurde, schlägt Krach.
5.) Rot und Schwarz: B über die Kriegserinnerung als Halbjude. Er wurde versteckt. Seine Familie kam um. Toter Soldat, Helm mit Läusen. Räsonnement über Läuse. Über optisches, vaskuläres Ereignis, in das B Dinge hineingeheimnisst. S nicht. EG: In Le Moulin, treffen Kindertagesstätte, den Holzbauer Burdmoore, der in Renés Holzwerkstatt arbeitet, ein US-Amerikaner mit kriminellem Hintergrund. Gehen zur Bibliothek. Hintergrund: Begleitung des Staatssekretärs Platon nach Spanien. Über das Salz im Kern des Menschen. Sadies Salz. Es gibt keine Gerechtigkeit. Eigenartiges Treffen Platons mit Priester. EG: Sadie geht zurück, trifft ND. Sie verabreden sich. ND hat S nachspioniert und hat ein Schwein namens Bernadette, das sie zum Trüffelsuchen ausbildet. S zurück im Landhaus, wo sie warmes Bier schlürft. Telefonat mit L. Sie ekelt sich vor ihm. Dokumentarfilm mit Prostituierten, die sich nach dem Interview umbringt. PB hat gute Kontakte zur französischen Elite.
6.) Get Lucky: EG: Céline, S liest eine Biographie über ein. Robert liegt im Koma. S bei den Moulinarden, Jean spricht von der Stimmung bei den Guyenner Milchproduzenten. Problematik über ausländerfeindliche Bauern, mit denen sich Jean verbünden zu gedenkt. S lässt das Haus verkommen. Bruno E-Mails über Höhlenmalerei, über einen Bärenkopf. EG: S hat Heimweh, bandelt mit René an. Sie starten eine Affäre. Sie bläst ihm einen am See. Sie versorgt Nadia mit Lebensmitteln. Nadia gibt ihr Tipps, mit wem S im Camp sich gut stellen sollte. Bruno über die Dauerhaftigkeit von Kultur. Meist bleibt nur Stein übrig, d.h. nicht, dass es sich um eine Steinzeit handelte. Jagdkunst der Neandertaler, Vögel zu fangen. Über das Fische fangen ohne Angel, einfach warten und dann langsam zupacken. EG: Die Moulinarden gehen an einem heißen Sommertag baden. S muss ins Wasser springen, Burdmoore ist waghalsiger. Sie freundet sich mit Aurélie an. René besucht sie in ihrem Haus. Sie haben Sex. Erzählt seine Geschichte (hat in Deutschland in einer Automobilfabrik gearbeitet, wo sich die Arbeiter freiwillig verstümmelt haben, um sich einen E-Klasse-Mercedes zu kaufen). Streit zwischen Vito und Serge und Lucien wegen einer schwarzen Katze, die über die Straße lief. Erste Vorbereitung für eine Demonstration bei der Landwirtschaftsmesse. Aurélie mag den Dreizehnjährigen nicht, der seine Lehrerin geschwängert hat. S nennt ihn Franck.
7: Les Babies. EG: S erhält die Information, dass Platon auf der Messe zugegen sein wird. Er soll ermordet werden. S denkt an einen Auftrag, bei der John-Deere-Gerätschaften sabotiert werden sollten (S stiftet sie an, Bleichmittel in die Tanks zu füllen). S erfährt, dass ein Schriftsteller Platon begleitet (Michel Thomas aka Michel Houellebecq). Vito wieder in Marseille. S verbringt einen Abend mit den Moulinarden, sieht die Mao-Mützen-Träger wieder. Sie spannt sie ein, es sei eine Aktion im Busch. Sie ärgern sich über P, der Altersdiskriminierung in Le Moulin betreibe. Nadia ahnt etwas. Sie beschließt mit Bernadette nach Vaucluse zu fahren. Sie besucht Jean mit P und Burdmoore. S gibt bekannt, dass sie durch ihren Hunde-Ausgeh-Job erfahren hat, dass Platon auf der Messe zugegen sei. P misstrauisch, J glaubt ihr. P beleidigt Burdmoore, der betrunken aufbricht. S hinterher, um ihn für sich einzuspannen. Burdmoore hat Lust auf Ärger. Brunos E-Mail: Seine Lebensgeschichte in den 1950er Jahren mit Guy Debord. Bruno auf dem Weg, Verbrecher zu werden. Entschloss sich gegen das Chaos, ging zur Schule, ging regulärem Job nach. Bruno lernte, Gewalt in jeder Form abzulehnen. EG: Burdmoore lässt sich auf gewalttätigen Plan ein, hat eine kranke Leber und will heroisch aus dem Leben treten. Die Moulinarden wenden sich von Bruno ab, er sei zu rückwärts gewandt. Bruno will nicht für die Verbesserung kapitalistischer Prozesse kämpfen. S plant ihre Flucht von der Kundgebung, trifft einen Mann, der Bruno sein könnte. Sie benötigt die Mao-Mützen-Träger, um einen Weg hinter dem Kundgabe-Terrain freizuräumen. S macht sich Sorgen über Nancy, die noch immer die Undercover-Agentin Amy sucht. Die Auftraggeber erteilen S den Auftrag, für eine enorme Summe, Platon töten zu lassen. Sie trifft den Typen aus dem Chrysler Sebring wieder, Lemon Incest. Sie konfrontiert ihn. Er macht sich lustig. Sie ist erleichtert, nicht beschattet zu werden. S gibt Burdmoore den Plan bekannt, mit Waffen. Dann verfolgt sie Nais, um Bruno zu finden. Renés Frau macht ihr Vorwürfe. René schlägt S danach. Brunos E-Mail über die mögliche Kultiviertheit des Homo Sapiens Sapiens. Vielleicht sei dieser doch visionärer, hätte in Höhlenzeichnung den Sternen nachgespürt, statt nur Jagdbeute. Orientierung auf dem Meer auf der Südhalbkugel. Macht die Moulinarden auf den Polarstern aufmerksam. EG: S fühlt sich mit Bruno verbunden, weint. S sucht Bruno, wird aber gestört. Sie packt die Dinge zusammen. Nimmt Beruhigungsmittel. Verschläft fast. Eilt zur Kundgebung. L hat Affäre mit Amélie. Auf der Kundgebung wartet sie auf Burdmoore, gibt ihm die Knarre, der weigert sich mitzumachen, verschwindet. Die Protestaktion tritt in Kraft. Platon flüchtet, wird von dem Dreizehnjährigen verfolgt, der ihn auf einen Baumstammhaufen treibt. Platon wird zerquetscht. S flieht.
8.) Ursa Minor: S streicht die Belohnung ein. Flieht nach Nordspanien mit einem Mercedes der E-Klasse. Dort verlebt sie ruhigen Spätsommer. Sie hört auf zu trinken und Nachrichten zu lesen. Sie nimmt Brunos Losung an, seid friedlich. Sie lehnt die Aufträge ab, auch im Dezember.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: S erhält den Auftrag, eine Kommune in den Guyenne namens Le Moulin zu unterwandern und bei einer Landwirtschaftsmesse für einen Eklat zu sorgen. Die Gruppe steht unter Verdacht, einen Anschlag auf Bagger verübt zu haben. Der Streit zwischen Landbevölkerung und Industrie um Wasserbassin hat den Ausschlag gegeben. Sie bandelt mit Lucien, einem alten Freund des Kommune-Anführers Pascal Balmy, an, in Paris. Sie fährt mit ihm nach Marseille, wo dieser ein Filmprojekt zu realisieren sucht, indes sie in sein Landhaus in die Nähe des Dorfes Vantôme in der Guyenne fährt. Dort hat Lucien ein Treffen mit Lucien angebahnt. Sie soll als Übersetzerin für ein Buch der Moulinarden wirken und findet Zugang. Mit dem Werkstattleiter René beginnt sie eine Affäre. Sie lernt einen Ex-Pat aus den USA, Burdmoore, kennen. Die Landwirtschaftsmesse rückt näher. Sie trifft Vorbereitungen, um eine Eskalation wahrscheinlich werden zu lassen. Sie erhält die Information, dass ein verschmähter Unterminister teilnimmt, Platon. S erhält den Auftrag, Platon zu beseitigen. Sie erhandelt einen hohen Preis, zieht Burdmoore hinein, der nur noch wenig Lebenszeit vor sich hat wegen einer Hepatitis-C-Erkrankung. Auf der Messe übergibt S Burdmoore eine Waffe, der aber weigert sich, sich von ihr manipulieren zu lassen und verschwindet. Es kommt dennoch durch die Proteste zu einem Aufruhr. Platon flieht, ein Dreizehnjähriger auf einem Motorrad verfolgt ihn, jagt ihn auf einen Stapel Baumstämme. Platon rutscht aus, wird von den Baumstämmen zermalmt. S flieht, erhält das Geld, versteckt sich in Nordspanien und beschließt mit dem Trinken und dem Nachrichten-Lesen aufzuhören, beschäftigt sich mit dem Sternenhimmel.
Nebenhandlung: Einige Jobs von S vorher, bei einer Biker Gang; insbesondere aber, als sie einen Jungen verführt, einen Tierschutzaktivisten, einen Bombenanschlag durchzuführen. Der Fall platzt. Sie wird wegen Anstiftung verurteilt, verliert ihren Job und ist daher im privaten Sektor gelandet. Der Junge und seine Freundin Nancy suchen seitdem nach der Undercover-Agentin Amy. S macht sich Sorgen, entdeckt zu werden. Zu diesem Erzählstrang gehört die Paranoia von S, bspw. von einem Typen in einem Chrysler Sebring, verfolgt zu werden (der „Lemon Incest“ wegen des Songs genannt wird, den sie bei ihrem ersten Zusammentreffen aus dessen Autoradio hört).
Nebenhandlung: E-Mails von Bruno Lacomb, der mit den Kommunarden per E-Mail kommuniziert, lebt seitdem Tod seiner Tochter (Traktorunfall) zurückgezogen in einer Höhle. Wandelt sich von einem pessimistisch fortschrittsfeindlichen Denker zu einem eher aufgeschlossenen über die Handlung hinweg, nämlich nach der Möglichkeit hin, dass der Homo Sapiens Sapiens sich auch für Sterne interessiert, mehr als nur das kartesische Koordinatensystem huldigen kann. Hier: Konflikt Homo Sapiens Sapiens gegen Homo Erectus und den Neandertaler. Aggressiv gegen friedlich.
Nebenhandlung: Wie sie in die Guyenne gekommen ist. Das ist nicht Teil der Handlung, sondern eine Erinnerung von S, und auch die Beziehung mit Lucien erscheint als Nebenhandlung, und das Verhältnis mit dem italienischen Freund Vito, Partner von Luciens Kameramann Serge.
●Kurzfassung: Unangenehme Gruppierungen werden durch Anstifter straffällig und so aus dem Verkehr gezogen. Sadie arbeitet als solche – sie führt eine kontrollierte Eskalation herbei, ohne sich aber selbst schuldig zu machen.
●Charaktere: (rund/flach) Sadie wirkt komplex, insgesamt scheint die Welt ein großes Grau zu sein. Auch Bruno wirkt differenziert.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Wirklich problematisch höchstens Nadia Derain und ihr Schwein Bernadette. Sie wurde von den Kommunarden ausgeschlossen, macht Ärger, bleibt unabhängig, wirkt aber nicht eingeschlossen. Auch nicht die Mao-Mützen-Träger Denis und Francoise, die über sechzig Jahre alten Kommunarden-Willigen, die aber abgelehnt werden. Überflüssig auch die Sex-Affäre mit René. Sie wirkt als Fan-Service.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Landwirtschaftsmesse mit Guns’n’Roses-Cover-Band und dem Michel-Houellebecq-Verschnitt als Autor. Ansonsten sehr homogen.
●Diskurs: Linksradikalität, alternative Lebensentwürfe, Menschheitsgeschichte, Anthropologie und Antikapitalismus
… der Plot selbst treibt den Text gut voran, eine gewisse Spannung und Dringlichkeit ergeben sich. Es fehlt aber die letzte Nuance. Die Ich-Erzählerin wirkt zu losgelöst, manchmal, zu cool, um die Immersion zu gewährleisten.
–> 4 Sterne
Form:
●Fiktionalitätsgrad: (diskursiv/Werk?) durch die Erzählerin gibt es eine klare Trennung, einen Rahmen, vor allem zählt, dass sie vieles im Konjunktiv wiedergibt. Es werden nicht irgendwelche Fakten referiert. Es bleibt alles fiktional, meinungsaussagen-fremd.
●Wortschatz: interessant, durch den wissenschaftlichen Diskurs abwechslungsreich
●Type-Token-Ratio: 0,13 (vor allem durch die Länge gering) (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 15,7 und 11,8 STAB, und Median 13. Über 60% der Sätze liegen über 15 Wörtern, lange, sich rundende Sätze.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 73%(Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 2400 relativ hoch.
●Auffälligkeiten: Immersion der poetischen Beschreibungen werden bewusst unterbrochen, das führt zu einem bewusst eingesetzten Schockeffekt, oft, gemacht, künstlerisiert, artifizialisiert. Die Ich-Erzählerin will nicht poetisch sein, sie verwendet gewollte Metaphern.
●Innovation: nein
… insgesamt eine äußerst lesbare, professionelle Schreibweise
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: extrem innovative Ich-Erzählerin als Stimme, sehr abgeklärt, hard-boiled angelehnt, wie Sam Spade, nur eben Sadie Smith, kontrolliert, souverän, hart im Nehmen, klarer Fokus, durchweg plausibel.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): sehr perspektiviert, reflektiert und situiert, durchweg eine Erzählerin, die den Rahmen der Erzählung hält, die Dringlichkeit aufzeigt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: lakonisch, strukturiert, kontrolliert.
●Einschätzung: innovativ und atmosphärisch, sehr Geheimagent-haft. Die größte Stärke des Buches.
–> 5(+1) Sterne
Komposition:
●Signal/Noise-Ratio: sehr hoch. Sadie erzählt kaum etwas, was nicht von Belang ist, was nicht direkt mit ihr, ihrem Job, ihrem Auftragsziel zu tun hat. Sie kontrolliert das Geschehen und driftet selten ab.
●Operative Geschlossenheit: Durch die Reflexionsebene Bruno besitzt der Text den Code Gewalt-Nicht-Gewalt, der stets thematisiert wird, als Eskalation-Nicht Eskalation. Er wirkt diesbezüglich geschlossen, auch und gerade zum Ende hin, wenn Bruno sein eigenes Leben reflektiert und Gewaltlosigkeit predigt.
●Rahmenstabilisierende Details: Hier gibt es eine Menge. Nutella-Pampe, den Chrysler-Fahrer, die Kellnerin, die sich als Tochter Brunos herausstellt, der See, um den herum sich alles abspielt, vaskuläres Ereignis, die Sache mit Franck, der sexuell-aktive Minderjährige.
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): durch die E-Mails abwechslungsreich, viele Ebenen, aber ein klarer Hauptstrang
●Extradiegetische Abschnitte: keine
●Lose Versatzstücke: Nadia, als Hauptproblem, und die Affäre mit René, völlig überflüssig.
●Reliefbildung: eher ein gleichmäßiges Atmen
●Einschätzung: kompositorisch sehr stimmig durch das Erzählverhalten und die Rahmen- und Vernetzungsgebung. Sehr verwebt, sehr klar von einer Figur.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, sehr gut unterhalten
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nicht wirklich, ernstes Thema
●Gefesselt: ein bisschen, aber mehr entspannt
●Zweites Mal Lesen?: wahrscheinlich nicht, besitzt keine poetische Dynamik, keinen wirklichen Wiederlesenswert, allein weil die Situation selbst keinen Bedeutungszusammenhang kreiert, also a-romantisch wirkt.
–> 3 Sterne
Jürgen H. Petersen: „Fiktionalität und Ästhetik“
Die Fiktionalität als eigenständige und unabhängige poetische Dimension des Sprachlichen.
Im Wust der herrschenden Literatur(theorie)debatten versucht Jürgen H. Petersen in Fiktionalität und Ästhetik einen begrifflichen Ausgangspunkt zu etablieren, von welchem aus überhaupt eine Übersicht und eine Perspektivierung auf Probleme und Lösungen möglich wird, bspw. der Unterschied zwischen Fakten und Fiktion. Zu diesem Zweck grenzt er den Bereich des Fiktionalen von dem des Realen ab:
Die Realität ist dem poetischen Satz offenbar etwas Äußeres, das ihn in seinem Wesen nicht tangiert. Darin kann man den ersten Hinweis darauf sehen, daß man poetische Sätze nicht auf ihre Richtigkeit hin überprüfen kann, weil sie so wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben, daß sie dem Unterschied von richtig und falsch entzogen sind.
In der Abgrenzung eines Fiktional- von einem Realbewusstsein besteht der rote Faden von Petersens Abhandlung. Mit einigem theoretischen und wissenschaftlichen Überbau versucht er diese Abgrenzung zu plausibilisieren (pränatale Erfahrungen/Evolutionspsychologie …). Jedoch wirkt die (pseudo-)philosophische Debatte, die sich daraus entspinnt, als Reprodukt des Kantischen Ding-An-Sich-Problems, über weite Strecken mehr als müßig. Vielmehr überzeugt Petersens Beharren darauf, dass Fiktionalität, bspw. im Märchen, akzeptiert werden kann (nicht muss!), ohne dass unser Realitätsbewusstsein Einspruch erhebt (bspw. ein ganzer Mensch passt nicht in den Bauch eines Wolfes). Wird diese Grenze akzeptiert, lösen sich viele Probleme der Literaturtheorie von alleine auf, denn durch diese Abgrenzung findet die Fiktionalität (bspw. in einem Roman oder Märchen) in einem inkommunikablen Rahmen statt, der sich dort von vielen Forderungen nachgerade entlastet sieht:
Von hier aus fällt nochmals ein Licht auf den inkommunikativen Status fiktionaler Rede, aber auch auf die Ursache dafür, daß man ihn so schwer erkennt und im allgemeinen auch für die Dichtung den Status des Kommunikativen beansprucht und dann von fiktionaler oder ästhetischer Kommunikation spricht.
Für Petersen verweisen die Wörter in einem fiktionalen Text nicht auf reale Dinge. Sie verwenden die Wörter, die realen Verweisstrukturen, um etwas ganz Eigenes zu schaffen, einen fiktionalen Raum, der ihnen und den mit ihm vermittelten Plot Sinn, Bedeutung und auch Allgemeinheit zu verleihen vermag. Entlastet von diskursiven Strategien und Wertdebatten, von Moralvorgaben und politischen Vorperspektivierungen sowie Identifikationsangeboten können sich im Raum des Fiktionalen nun Geschichten ereignen und dort sogar ästhetische Dimensionen erreichen, d.h. schön werden.
[Die menschlichen Grundfragen] gehen uns aber um so mehr und um so stärker an, je enger sie mit dem Gefühl ästhetischen Wohlgefallens verbunden sind, also in „schönen“ Texten erscheinen. […] So verbindet die Wahrheit der Dichtung denn das Unbegründbare mit dem Begründbaren, das Fiktionale und Ästhetische mit dem Realen der menschlichen Existenz. Und dies macht die besondere Wirkung aus, die die Dichtung im rezipierenden Bewußtsein hervorruft.
Für diesen Zustand aber muss der fiktionale Text sich für sich behaupten, d.h. sich auf ein Fiktionalbewusstsein beziehen können, in welchem er sich entfalten kann. Petersen sieht viele Marker und Signale, zwar historisch veränderlich, die aber dennoch den Übergang von Real- zu Fiktionalitätsbewusstsein erlauben, bspw. der Untertitel „Roman“ oder ein Titel mit in der Realität unbekannten Namen wie „Die Buddenbrooks“ oder eben das märchenhafte „Es war einmal …“. Leider belässt er den Aspekt des Ästhetischen und der Schönheit etwas im Dunkeln (wahrscheinlich bewusst) und umschreibt die klassisch gewordenen Bedingungen der Möglichkeit als Harmonie und Einheit des Vielen und Verschiedenen.
Petersens Hauptpunkt in Fiktionalität und Ästhetik besteht im Beharren darauf, dass die Fiktionalität einen eigenständiger Bereich darstellt, der notwendige (nicht hinreichende) Bedingung für die Entfaltung des Schönen sicherstellt. Dass mehr und mehr Texte die Fiktionalität durchbrechen, oder besser: gar nicht erreichen; dass sie Meinungsaussagen und Realaussagen mit solchen der Fiktionalität mischen, heißt vordergründig erst einmal nur, dass sie den Bereich des Schönen und der Ästhetik nicht anstreben (und wahrscheinlich auch nicht erreichen wollen). Sie bleiben im Partikulären, im aktuellen Dickicht des Diskurses verhaftet und suchen ihren momentanen Effekt dort.
Eine der wichtigsten Konsequenzen ergibt sich hieraus sofort: Sobald ein Text mit dem Realbewusstsein spielt (Florian Illies, Ronya Othmann, Daniel Kehlmann, Georgi Gospodinov …), handelt es sich gar nicht mehr um genuin poetische und ästhetische Werke und können mit den Mitteln der Rhetorik, Poetik und Ästhetik auch gar nicht mehr beschrieben werden.
Voltaire: „Candide oder Der Optimismus“
Wilde, turbulente Fahrt über die Weltkontinente voller Fabulierlust und Provokationsfreude.
Inhalt: 4/5 Sterne (Fabulierlust)
Form: 5/5 Sterne (Wortfreude; innovativ)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (märchenhaft; naiv)
Komposition: 4/5 Sterne (gelungene Rahmenwirkung)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (fröhlich-erschreckende Satire)
–> 22/5 = 4,4 = 4 Sterne
Candide, veröffentlicht 1761, heißt das bekannteste Werk von François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire. Als philosophischer Kommentar zu Gottfried Wilhelm Leibniz‘ These und Theodizee, dass nur die Beste aller möglichen Welten wirklich existiert, schickt Voltaire seine Hauptfigur Candide auf Weltreisen, um zwischen Mord- und Totschlag, Vergewaltigung und Raubzügen, Piraterie und Krieg, zwischen Naturkatastrophen und Seuchen sein individuelles Liebesglück mit Kunigunde zu suchen:
Die ganze Erde war mit Gehirnen übersät und mit Armen und Beinen. Kandide floh in voller Hast in ein ander Dorf. Es gehörte den Bulgaren, und die Helden unter den Abaren hatten ihnen kein Haar besser mitgespielt. Noch immer mußte der arme Flüchtling über zuckende Glieder gehn und über Schutt und Graus. Endlich sah‘ er sich außerhalb des Kriegstheaters; in seinem Schnappsack etwas weniges Mundproviant habend und in seinem Herzen die ihm unvergeßliche Baroneß Gundchen.
Insbesondere in der flapsig, verspielten überdrehten, grotesken Übersetzung von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius (1778), der allerhand rurale, pastorellenhafte, drastische Wortformen aus dem Ärmel schüttelt („eingeregimenteter Schnapphähne“, „gallsüchtiger Neidhart“, „Blocksbergsfratze“, „verrunzelte und verschrunzelte Gerippe“, kahlmäuserschen Alfanzereien“), wird das ganze satirische Dramolett zu einem Spießrutenlauf des Lachens, Wunderns, Schenkelklopfens und wonnigen Draufloslesens. Candide persifliert die Versuche, sich mit den Kopf über die Welt zu erheben und sich mit dieser abzufinden, ganz einfach, weil der Leib am Ende dominiert und Gelüsten und Sinnlichkeiten nachzuspüren gedenkt.
Ich möchte wohl wissen, was schlimmer ist, hundertmal von maurischen Seeräubern geschändet zu werden, sein halbes Hinterteil sich abnehmen zu lassen, bei den Bulgaren Spießruten zu laufen, bei einem Autodafe gestäupt und aufgehängt zu werden, sich sezieren zu lassen, als Sklav auf den Galeeren zu rudern, kurz all‘ das Elend auszustehn, das wir insgesamt erlitten haben, oder sein ganzes Leben die Hand‘ im Schoße so hier zuzubringen.
Die Moral der Geschicht‘ bleibt zwiespältig. Ohne Abenteuer wird’s langweilig. Mit zu viel Abenteuer herrscht Chaos, Krieg, Elend und Tod. Ein Mittelweg will gefunden werden. Candide als Text findet diesen ganz und gar nicht. Die Charaktere bleiben überdreht, dem Wahnsinn verhaftet, rudern, rattert, knallen, sprullen und sprudeln nur so über vor Ideen und kurzsichtigen Vorhaben. Ändern aber, also lernen tun sie alle aus ihren Fehlern nicht.
Oh! da sind vierundzwanzig Bände vermischte Schriften von einer Akademie der Wissenschaften, schrie Martin. Darunter könnte wohl was Guts sein! Und wäre auch, sagte Pococurante, wenn nur ein einziger von all‘ den Schmierern die Kunst erfunden hätte, Nähnadeln zu machen, so aber enthält der ganze Braß nichts als Systeme, lauter Luftgut und nicht ein Spierchen Brauchbares.
Der Aufklärer Voltaire wird aufklärungskritisch – der Magen und die Lust obsiegen, und wer etwas dagegen zu tun gedenkt, kümmert sich lieber um den Garten und lässt Blumen oder verrückt derbe Liebes- und Reiseromane aus der Feder sprießen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Candide, ein junger Adelsbastard, bereist die Welt, um die Schwester seiner Zieheltern endlich heiraten zu können.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Candide (C), aufgewachsen in Westfalen, unehelicher Sohn der Schwester des Barons von Donnerstrunkshausen und einem Landjunker, der als Ehepartner nicht in Frage kommt, da ihm der entsprechende Stammbaum fehlt, den die Schwester besitzt (mindestens 71 Ahnen). Der Baron und Baroness führen einen angesehenen Hof, mit dem Hofphilosophen Panglos (P), der Tochter Kunegunde (K) und Bruder Junker Polde (J). P vertritt die Meinung, dass sie alle in der besten aller möglichen Welten lebt. K erwischt P, wie er mit der Kammerjungfer (Gertrude? – G) Experimentalphysik treibt. Begehren erwacht zwischen C und K. Als sie sich küssen, wird C vom Hofe gejagt.
2.) Vertrieben vom Hofe schließt er sich der bulgarischen Armee an. Als er das bemerkt, will er fliehen, wird gefangen, aber dann vom König der Bulgaren begnadigt.
3.) Die Bulgaren und Abaren bekämpfen sich blutig. C flieht aus dem Getümmel über Leichenberge. C bettelt sich nach Holland durch, wird von einem Wiedertäufer und Schwarzmantel, Jakob Schwezinger, aufgenommen und aufgepeppelt. C trifft einen heruntergekommenen Bettler.
4.) Dieser erweist sich als P, der von dem Kammermädchen G die Syphilis bekommen hat, die es unter anderem von einem Franziskanermönchen etc bekommen hat. P wird Buchhalter bei Jakob. Sie reisen zwecks Handelsangelegenheiten nach Lissabon per Schiff.
5.) Dort ertrinkt Jakob. C und P retten sich, sowie ein sich liederlich benehmender Matrose. C und P helfen, wo sie können. P gerät in den Verdacht, Blasphemie zu verbreiten, und wird von der Inquisition samt C gefangengenommen.
6.) P wird erhängt, in einem Autodafé, und C wird ausgepeitscht. Nach der öffentlichen Geißelung spricht ihn eine Alte an.
7.) Die Alte pflegt ihn und bringt ihn zu einem einsamen Gut, wo er mit K wiedervereint wird, um die der Großinquisitor und ein jüdischer Kaufmann buhlen.
8.) Ks Geschichte, wie sie davonkam. Die bulgarische Armee hat das Schloss des Barons zerstört. Sie wurde von einem Bulgaren vergewaltigt, von einem Hauptmann gerettet, von ihm aufgepeppelt, dann aber an den Juden Don Isaschar, verkauft, der sie mit nach Portugal nimmt, wo der Großinquisitor auf sie aufmerksam wird. Seitdem kämpfen sie um ihre Gunst, teilen die Tage mit ihr zwischen sich auf.
9.) Don Isaschar und der Großinquisitor erwischen sie. Candide sticht beide nacheinander nieder und sie fliehen auf drei Pferden, mit der Alten zusammen.
10.) Die drei werden um ihr Hab und Gut von einem Franziskanermönch gebracht, der sie ausraubt. Sie schaffen es nach Cadiz, wo Cs Erfahrung in der bulgarischen Armee sich auszahlen und er dort zum Hauptmann befördert wird. Sie reisen nach Südamerika. Sie streiten, wessen Leben sich schlimmer ausgenommen hat bislang. Da erzählt die Alte, wer sie in Wirklichkeit ist.
11.) Die Alte ist die Tochter des Papst Urbans X. Lebensgeschichte voller Vergewaltigung und Brutalität. Sie wird verschleppt, von einem Kastraten verkauft, belogen.
12.) Fortsetzung von der Geschichte der Alten. Schließlich gerät sie in den Dienst von Don Isaschar, zerstört, mitgenommen, anonymisiert und sogar gesucht und verfemt.
13.) Sie erreichen Buenos Aires. Dort begafft der Gouverneur Don Fernando d’Ibara y Figueora y Mascarenes y Lampurdos y Souza K begierig und macht ihr einen Heiratsantrag, den die Alte ihr empfiehlt, anzunehmen. Der Franziskanermönch, der sie in Badajoz bestohlen hat, verrät sie, und vor Buenos Aires erscheinen Schiffe, den Großinquisitor zu rächen. In der Not willigt K ein, den Gouverneur zu heiraten. Als Gattin des Gouverneurs droht K wenig Gefahr, C aber und sein Diener, den er aus Cadiz mitgebracht hat, Cacambo (CC) muss fliehen.
14.) Statt gegen die Jesuiten Krieg zu führen, schließen sie sich ihnen nun an. Sie stellen sich einem paraguayischen Offizier vor. Der entpuppt sich als der Bruder von K, der überlebt hat.
15.) Geschichte vom Ks Bruder. Ein Jesuitenmönch rettete ihn, und er bekam den Auftrag, den König Spaniens zu bekämpfen. Als C von seinem Vorhaben erzählt, K zu heiraten, gerät der Bruder in Rage und C ersticht ihn.
16.) Sie fliehen, geraten in Gefangenschaft von Kannibalen, die denken, C und CC seien Jesuiten. Als diese bekennen, keine zu sein, werden sie frei gelassen.
17.) Sie beschließen nach Französisch-Guayana zu fliehen, nach Cayenne. Auf dem Weg dorthin werden sie abgetrieben und geraten nach El Dorado.
18.) Die Einwohner von El Dorado dürfen nicht nach draußen. C und CC sind nur durch Zufall hineingekommen, wollen aber bald wieder trotz des friedlichen und angenehmen, ja sorglosen Lebens dort los, denn C sehnt sich nach K. Sie packen Reichtümer auf Hammel, Reichtümer, die in El Dorado nichts wert sind (Diamanten und Gold), und lassen sich über eine Winde zurück in die Außenwelt bringen, um nach Französisch-Guayana zu gelangen.
19.) Sie gelangen nach Surinam, verlieren die meisten Hammel. Dort trennen sie sich. CC soll mit Geld nach Buenos Aires, um K loszukaufen. Er selbst will nach Europa, wird aber von einem Holländer betrogen. Er sucht einen Reisebegleiter, die unglücklichsten sollen sich bewerben. Die Wahl fällt auf Martin, einen armen Gelehrten.
20.) Sie reisen mit Schiff nach Bordeaux. Martin (M) erweist sich als Manichäer, der an das Böse und Gute glaubt, an den Dualismus in der Welt. Im Grunde aber gibt sich M als Pessimist preis. Sie sehen zu, wie der das Schiff des Holländers, der C betrogen hat, untergeht. Fahren weiter.
21.) M fragt, ob C Paris gesehen habe. Sie entschließen sich einen Umweg einzulegen, und nicht direkt nach Venedig zu reisen.
22.) In Paris geraten sie an einen Abbé, der sie zu betrügen versucht, indem er eine Schauspielerin K zu spielen beauftragt. Sie wollen an Cs Geld. Ein Polizist hilft ihm und bringt sie nach Dieppe, wo dessen Bruder sie nach Venedig bringen soll.
23.) Über Portsmouth fahren sie zurück nach Lissabon, dann an Gibraltar vorbei nach Venedig.
24.) In Venedig suchen sie CC. Keine Spur von ihm ist zu finden. M und C diskutieren darüber, ob es wirklich glückliche Geschöpfe gibt. C weist auf ein glückliches Liebespaar. Sie laden sie ein. Der Mann, Gioflée, erweist sich als Freier und die Frau als Hure, Paquette oder Gertrude. Beide zutiefst unglücklich. Sie geben ihnen Geld, und wollen einen glücklichen Senator namens Pococurante in einem Palast an der Brenta besuchen.
25.) Im Palast erweist sich der Pococurante als Miesepeter, der weder die Oper, noch die Gemälde noch die Literatur zu schätzen vermag. Homer, Horaz, Vergil, Cicero bekommen ihr Fett weg. C kommt zum Schluss, dass es nur ihn, sobald er K wiedergefunden hat, als glücklichen Menschen gebe.
26.) In Venedig treffen sie wieder mit CC zusammen. K ist nicht bei ihm. CC dient einem abgehalfterten König. Sie verbringen ein Abendessen mit sechs ehemaligen Königen. Danach beschließen sie nach Konstantinopel zu fahren, um K zu befreien.
27.) Am Kanal zum Schwarzen Meer wechseln sie das Schiff. C kauft CC los. Sie betreten eine Galeere, auf dem sie zu ihrer Überraschung P und den Bruder von K wiedertreffen.
28.) Die Wunde, die C dem Bruder zufügte, war nicht tödlich; und P starb nicht am Galgen, der Galgen war zu glitschig.
29.) Sie finden K im Hause eines transsylvanischen Fürsten am Ufer der Propontis, kaufen sie frei. Das Leben hat ihr äußerlich übel mitgespielt. Sie beschließen im Nachbardorf ein Gut zu kaufen. Als C bekundigt, K ehelichen zu wollen, kommt es wieder zum Streit zwischen C und dem Bruder.
30.) Der Bruder wird wieder auf eine Galeere geschickt. Sie beginnen sich ein Leben aufzubauen, lernen einen türkischen Derwisch kennen, der ihnen die Arbeit als Lebensglück vorschlägt. Es endet damit, dass C vorschlägt, einen Garten zu bestellen.
●Charaktere: (rund/flach) Satire, eher flach, eher handlungsgetrieben.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die Erzählungen der Alten fällt aus dem Rahmen, eher streckend, retardierend. Auch die Geschichte des Bruders, das Wiedertreffens des Bruders in Südamerika etwas überflüssig.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Schluss-Szene mit dem Garten Bestellen; El Dorado; im Palast des Pococurante; wie Candide über Leichenberge aus der bulgarischen Armee flieht.
●Diskurs: Theodizee oder nicht. Leibniz-These von der bestmöglichen aller möglichen Welten.
… spannender Liebes- und Reiseroman, mit viel Witz, mit derben Einfällen. Viel Fabulierlust. Spannend und mitreißend. Leider an manchen Stellen eher dümmlich, an den Haaren herbeigezogen, die Koinzidenzen, die ständig eintreten.
–> 4 Sterne
Form:
●Wortschatz: sehr vielfältig, mittelalterlich, fröhlich
●Type-Token-Ratio: 0,18 (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 28-32 Wörter pro Satz.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 75% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1491
●Auffälligkeiten: sehr verschroben
●Innovation: sehr bäurisch, verspielt, derb und auf Effekt hin geschrieben, als Sprachlust
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: es ist eine Märchenerzähler-Stimme, die Candide begleitet, die selten von Candides Seite weicht. Was er weiß und hört, was das Publikum mitbekommt, hat stets Erzähler in der Erzählung. Die Allwissenheit wird willentlich beschränkt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): involviert, empathisch, fast perspektiviert, indem Candide verfolgt wird, und alles Sonstige nur durch Hörensagen mitbekommt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: satirisch, lustig, leicht und flüssig
●Einschätzung: als Märchen- und Fabuliertext ersponnen, mit Ideen und Schelmenparadigmen. Nicht durchschaubar, wirklich, eher etwas wild.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr bunt, rasant, abwechslungsreich, aber mit restringiertem Personal: Kunigunde, Candide, Pangloss, und den Bruder.
●Extradiegetische Abschnitte: El Dorado wirkt beinahe wie ein Traum.
●Lose Versatzstücke: nein, nicht wirklich, straff und verdichtet.
●Reliefbildung: Ja, durch Erzählungen Pause, insbesondere die rückblickenden Erzählungen, wie dieser oder jener aus der brenzligen Situation entkommen ist, etwas retardierend, die Alte, Kunigunde, der Bruder immer wieder.
●Einschätzung: sehr dicht, gekonnt, vielleicht am Ende etwas schnell, Paris wirkt aufgesetzt, der Aufenthalt in England auch. Dennoch bleibt die Motivik bestehen, nichts fällt aus dem Rahmen.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: sehr
●Gefesselt: auch, aber vor allem amüsiert, intellektuell stimuliert.
●Zweites Mal Lesen?: Bestimmt. Insbesondere in der Übersetzung von Wilhelm Christhelf Sigismund Mylius.
–> 5 Sterne
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Georgi Gospodinov: „Der Gärtner und der Tod“
Sentimentales Vater-Sohn-Gedächtnisbuch als Roman verpackt, ohne Plot und Spannungsbogen. (SWR Buch des Jahres)
Inhalt: 1/5 Sterne (kein Plot – keine Spannung)
Form: 3/5 Sterne (adäquat-diversifiziert)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (inkohärent)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (irritierend)
–> 7/5 = 1,4 = 1 Stern
Dass der Tod ein ernsthaftes Thema bleibt, stellt niemand in Frage. Viele Bücher erscheinen darüber. Eines der bekanntesten stammt von Elias Canetti Das Buch gegen den Tod. Das Ehepaar Yalom hat den Tod der Frau in Unzertrennlich verarbeitet, wie Simone de Beauvoir den von Jean-Paul Sartre in Die Zeremonie des Abschieds, oder Roland Barthes‘ Tagebuch der Trauer, in welchem er über den Tod seiner Mutter reflektiert. Gospodinov, International Booker Prize-Träger von 2023, schreibt in Der Gärtner und der Tod über den Tod seines Vaters Dinjo:
Ich sehe ihn, wie er durch den Garten geht, bei den Bäumchen stehenbleibt, etwas vor sich hin redet oder mit ihnen spricht, er trägt dabei meine alte rote Jacke. Jene, mit der ich früher einmal die Nachmittage der Welt durchstreifte, zerrissen von all den Reisen. Jetzt trägt sie mein Vater, der in den letzten fünfzig Jahren nirgendwohin gereist ist. Er geht ans untere Ende des Gartens, die Jeans schlackern um seine greisenhaft abgemagerten Beine, bleibt stehen, ruht sich aus, geht weiter bis zum Flechtzaun, um zu sehen, warum die Tulpen dieses Jahr auf sich warten lassen, dann setzt er den Hut ab, jenen, den ich in Berlin trug, mein Vater, der unsere Jacken, Jeans, Auslandsreisen und unsere Jugend auftrug …
Der Abschnitt zeigt sofort, warum Der Gärtner und der Tod in eine narrative Zwangslage gerät: der Ich-Erzähler berichtet mehr von sich, von seinen Gefühlen, seiner Geschichte, als die von seinem Vater. Er weiß schlicht nicht viel, anscheinend noch weniger von seiner Mutter, der lebenslangen Partnerin seines Vaters, wie auch die Tochter des Ich-Erzählers vorkommt, aber nicht die Ehefrau desselbigen, und dessen Bruder völlig gesichtslos bleibt. Leider entwickelt sich in dieser anekdotischen Erzählform gar kein Bild, auch nicht von dem ausführlich sich und seinen schriftstellerischen Erfolg reflektieren Erzähl-Ich.
Ich ging bis an ihr Ende, ging zurück zum Anfang, dann wieder ans Ende, eine Patrouille der Trauer.
Im Gegensatz zu den meisten Trauerbüchern, wie auch von André Gorz Brief an D. gilt die Aufmerksamkeit viel weniger dem Vater als den Gefühlen des erzählenden, sich aber nicht exponierenden Ich-Erzählers. Die Disparatheit nimmt zu durch die vielen Bezüge zur Weltliteratur, zur Kunst- und Filmgeschichte, mit welchem der Vater gar nichts zu tun gehabt hat. So entsteht ein eigenartiges, gruseliges, auch traurig unentschiedenes Buch der Melancholie eines Sohnes gegenüber eines Vaters, den er, vom vorliegenden Text her geschlossen, nicht wirklich kennenlernen durfte.
Als Psychogramm oder Theoriearbeit, als lockere Essayistik über den Schriftsteller Gospodinov noch interessant, würde dieser sich nicht explizit fiktionalisieren, so dass die Anekdoten, durch die Romanform und durch die Distanznahme, willkürlich und unverbindlich werden, keine literarische Dichte erzeugen und am Ende unplausibel als Zitat und Wiederaufnahme von Voltaires Candide in sich zusammenfallen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ein namenloser Ich-Erzähler aus Bulgarien, 56 Jahre alt, wohnt in Sofia, hat eine siebzehnjährige Tochter.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Ein namenlos bleibender Ich-Erzähler beschreibt in 91 Kurzkapiteln die letzten Tage seines an Krebs erkrankten Vaters, Dinjo, wie er stirbt, wie er gelebt hat.
Sein Vater arbeitet gerne im Garten, seine Frau arbeitete als Juristin. Im sozialistischen Bulgarien hat der Vater oft Probleme wegen seiner Insubordinationen. Er raucht, erzählt gerne, war nur einmal außerhalb Bulgarien, in Finnland. Sein Lieblingssatz lautet: „Halb so wild.“ Zum Zeitpunkt seines Todes, kurz vor Weihnachten, beläuft sich sein Alter auf 79 Jahre. 17 Jahre zuvor wurde das erste Mal Krebs diagnostiziert, der sich aber heilen ließ. Er verlässt Ende November wegen sein Dorf und zieht zum Ich-Erzähler, einen Monat später stirbt er. Der Vater wünscht sich noch den Georgstag zu erleben – an dem Tag versammelt sich die ganze Familie und essen gemeinsam Lamm mit Knoblauch und grüner Minze. Der Georgstag fällt gewöhnlich auf den frühen April, der Arzt schüttelt den Kopf. Weihnachten sei vielleicht noch möglich. Sein Großvater starb im Januar. Der Vater macht sich Sorgen um den Kirschbaum. Bald muss er Windeln tragen. Geschichte: Statt den 9. September, den Tag der kommunistischen Machtergreifung zu feiern, ließ sich der Vater in der Zeit des Sozialismus immer krankschreiben und briet Paprika. Er löst gerne Kreuzworträtsel. Seine Frau heißt Rada. Er raucht gerne. Bruder und Ich-Erzähler kümmern sich um den Vater, der dann kurz vor Weihnachten stirbt, am 20., Ignatiustag. Vom Hund Dzako, der den Vater vermisst, wie der Hund von Odysseus. Beerdigung des Vaters auf dem Friedhof in seinem Dorf. Grab von Thomas Mann. Anruf eines Bekannten auf des Vaters Handy nach dessen Tod. Die Tochter träumt vom Großvater. Anekdote mit den Rasierklingen. Ich-Erzähler ergreifen magische Gedanken. Über den abwesenden Vater im Sozialismus und Josef. Vom Verdacht des Ich-Erzählers, adoptiert zu sein. Über die Rolle des Vaters in der Weltliteratur. Gemälde von Edvard Munch. Die verpasste Chance des Vaters, Profi-Basketballer zu werden. Versuche nach 1989 mit Zwiebel und Enten Geld zu machen. Kurze Episode mit der selbstmordgefährdeten Studentin, die der Ich-Erzähler trifft. Wie sie Schach gespielt haben, der Vater zuerst ohne Dame. Vom Büffeldung (Zitat aus „Physik der Schwermut“). Der Vater als Stammbaum-Gedächtnis für das ganze Dorf. Nach vier Monaten steht der Ich-Erzähler im Garten und macht sich um diesen Sorgen. Beenden des Buches am Georgstag, 6. Mai 2024.
●Erwähnte Literatur: Proust, Homers „Ilias“ und „Odyssee“, Epikur, James Joyce „Ulysses“, Čudomir, Borges, Susan Sontag, Thomas Mann „Zauberberg“, Hans Christian Andersen, W.C. Williams, W.H. Auden, Montaigne, Seneca, Marc Aurel, Dostojewskis „Dämonen“, Voltaire „Candide“
●Charaktere: (rund/flach) gibt keine – eher Anekdotisches
●Überflüssige Szenen/Charaktere: die fremden Erzählungen, die Einschübe über sich selbst, die Anekdote über das Weihnachten, in der eine Mutter stirbt, die etwas dümmlichen Anekdoten des Vaters, die Szene mit der selbstmordgefährdeten Studentin
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Szene, als der Ich-Erzähler die Eltern fragt, ob sie arm seien, und beide ihn stumm anstarren, und die Mutter dann sagt, die Armut sei im Sozialismus abgeschafft.
●Diskurs: kein wirklicher Diskurs
… leider keine Erzählung, kein Roman, keine Rahmenhandlung, kein Erzähltempus. Der Plot ist langweilig. Es ist eher ein Erinnerungsbuch. Eine Hommage an den Vater. Sehr zäh zu lesen.
–> 1 Sterne
Form:
●Wortschatz: vom Wortschatz her nicht langweilig, aber auch nicht aufregend, da sehr querbeet, sehr anekdotisch, sehr Stoffsammlungs-mäßig.
●Type-Token-Ratio: 0,18 relativ komplex, oberer Durchschnitt (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 16 Wörter, Median 13, STAB 13 – relativ länglicher Satzbau, wenig dialogische Form
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 78% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1188
●Auffälligkeiten: leider nein
●Innovation: keine
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Ich-Erzähler, der sich situiert, in Sofia wohnt, in der Schweiz schreibt, vom Dezember 2023 bis Mai 2024; der Sohn des sterbenden Vaters, der seinen Vater vermisst. Leider ist es kein wirklicher Erzähler, da der Erzählfluss ständig unterbrochen, von Fremdeinschüben durchsetzt ist. Es gibt keine Erzählung. Es gibt Fragmente, die keine offensichtliche Ordnung besitzen.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, aber kein Erzählstoff.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: Melancholisch, sentimental.
●Einschätzung: im Grunde als Genre falsch, es ist eher ein Theoriebuch, verwandt zu Roland Barthes „Die helle Kammer“, der Text, in welchem dieser den Tod seiner Mutter verarbeitet; oder das Ehepaar Yalom in „Unzertrennlich“, auch darin geht es nicht um eine Erzählung, das sich aber auch nicht „Roman“ nennt.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Komposition entlang der Idee, dass der Vater den Georgstag erleben wollte, der Krebs es ihm aber nicht erlaubte, also verarbeitet der Sohn den Tod des Vaters von dessen Ableben bis zum Georgstag.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: viele
●Reliefbildung: nein
●Einschätzung: langweilig
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: über die Selbstverliebtheit des Ich-Erzählers
●Amüsiert: bei der Stelle, wo der Ich-Erzähler nach der Armut fragt.
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: nein
–> 1 Stern
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Salman Rushdie: „Die elfte Stunde“
“Und die Moral von der Geschicht“ … die Sprache allein richtet es nicht.
Inhalt: 3/5 Sterne (disparat-märchenhaft)
Form: 3/5 Sterne (flüssig-trist)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (seltsam didaktisch)
–> 8/3 = 2,66 = 3 Sterne
Nach Victory City , seinem letzten Roman, und Knife , einem autobiographischen Bericht über den Attentat, der auf ihn verübt wurde, legt Salman Rushdie nun eine Erzählsammlung mit Die elfte Stunde vor, die vordergründig über das Altern handelt, aber im Grunde das Scheitern und die Desillusionierung in Bezug auf das, was Kunst vermag allegorisiert. Im üblichen magischen Realismus-Stil, dessen repräsentativster Vertreter Gabriel García Márquez, entwickelt Rushdie vier symbolisch-allegorisierende quasi-Märchen, die die Machtlosigkeit der Kunst verhandeln, mit Ausnahme der ersten: Im Süden, in welchem es um die Hass-Liebe zwischen zwei alten Männern geht, die nebeneinander wohnen.
Der Auftakt jedoch hat nichts mit den weiteren Erzählungen gemein (ist auch bei weitem kürzer), die allesamt mehr oder weniger die Wirkung der künstlerischen Arbeiten reflektieren:
Die Musikerin von Kahani: Eine begnadete Musikerin findet eine Möglichkeit, mit Musik die Welt zu verändern, u.a. Zerstörung herbeizurufen.
Saumselig: Ein homosexueller Schriftsteller findet keine Trost mehr durchs Schreiben.
Oklahoma: Ein US-amerikanischer Schriftsteller gerät in eine Depression und sucht Hilfe in der Utopie von Franz Kafkas Amerika, dem Naturtheater.
Der alte Mann auf der Piazza: Ein alter Mann und die Sprache sitzen am Marktplatz und streiten um die Vorherrschaft über die Herzen der Menschen.
Augenscheinlich gerät die Idee der Sprache und die Hoffnung auf Veränderung durch künstlerischen Ausdruck bei Rushdie unter die Räder.
Niemand hört zu. Niemanden kümmert es. Bis [unsere Sprache] sich schließlich erhebt und schreit, wie sie es schon einmal getan hat. Sie schreit in einem noch höheren Ton als zuletzt. Höher und höher, bis ihr Schrei das menschliche Hörvermögen schließlich übersteigt. Im selben Moment zerspringen alle zur Piazza gerichteten Fenster, Scherben regnen herab, und auf dem Platz gibt es viele Verletzte und ihrerseits Schreie. Deren Ton ist niedriger als der jenes qualvollen Schreis, den unsere Sprache ausstößt, und sie zerbrechen auch nichts.
Rushdies Erzählungen lesen sich nüchtern. Die magischen Einsprengsel verebben, die klar herausgearbeiteten ethischen Thesen und Divisen prägen die Handlung der Figuren, die kein Eigenleben gewinnen. Die Schablone dessen, was sein soll, aber nicht ist, flimmert über den Sprachhorizont und verödet die erzählte Welt. Sie trocknet aus, verrennt sich in Nebensächlichkeiten und Schattengefechte und hinterlässt eine Art von Unterdruck, der die Wortensembles zunehmend entleert und als Leerformen brandmarkt.
Und dann meinte er plötzlich, auf der anderen Seite, auf der leeren, angrenzenden Veranda, einen Schatten zu sehen, der sich bewegte. Warum nicht ich?, rief er laut, und wie zur Antwort flackerte ein Schatten, wo Junior immer gestanden hatte.
Weder Immanenz noch Transzendenz, eine in sich zerstrittene Erzählweise tröpfelt Wasser auf den heißen Stein und hinterlässt wie dieses nichts als Schemen, ein pars pro toto, ein hätte-können-sein, das sich aber nicht textimmanent, glaubwürdig und vor allem nachvollziehbar einlöst. Mit anderen Worten: sehr gewollt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Im Süden: Senior und Junior, Nachbarn, beide Rentner, die sich eigentlich nicht leiden können, aber denselben Namen besitzen und fast zur selben Zeit geboren wurden. Senior, unglücklich verheiratet, Junior einsam, wird ab und zu von einem Freund besucht, den Senior nicht leiden kann. Auf dem Weg, als sie ihre Pension abholen, gerät eine Vespa mit zwei Studentinnen außer Kontrolle, Junior weicht aus, fällt, stößt sich den Kopf und stirbt. Die zwei Studentinnen sind außer sich vor Trauer – wenig später gibt es einen Tsunami, der die ganze Küstenlandschaft zerstört. Senior überlebt. Sieht wie die Studentinnen unter dem Balkon von Junior trauern, meint einen Schatten auf dem Balkon zu sehen, vermisst Junior.
2.) Die Musikerin von Kahani: Ein Ich-Erzähler gibt die Geschichte einer Familie wieder, Mutter Informatikerin, Vater Mathematiker. Sie bekommen eine Tochter, die früh Begeisterung für Musik zeigt, früh, alle Lehrer beeindruckt und zur Berühmtheit gelangt. Der Vater scheitert daran, als erster den Fermatschen Satz zu beweisen – und schließt sich einem hedonistischen Guru an, verlässt die Familie, nachdem seine Ehefrau einen Algorithmus verkauft hat, ihren Sohn, für viele Milliarden. Die Tochter tritt auf, wird immer berühmter, verliebt sich in einen Konzern-Magnaten-Sohn. Sie heiraten mit großem Brimborium. Der Vater lebt bescheiden bei seinem Hedonisten-Guru, der immer ausschweifender lebt und sich beschenken lässt. Dann wird seine Tochter schwanger. Er will sie sehen. Er lässt ein Konzert in seiner Nähe organisieren. Sie riecht den Braten und schwört, ihn zu verfluchen, wenn er sich nicht bei der Mutter entschuldigt. Hierfür spielt sie eine magische Musik, die die Steuerfahnder auf die richtige Spur lockt. Der Laden des Gurus geht hoch, der Guru verschwindet, und der Vater marschiert zu Fuß zurück zu seiner Familie. Derweil gibt es ein Drama um das Baby. Es atmet nicht mehr. Die Tochter soll aber das tote Kind in sich behalten, um die Feierlichkeiten, die bereits gebucht worden sind, nicht zu stören. Der Vater protestiert vor dem Haus des Magnaten friedlich. Dann kommt es zur Geburt, die Familie flieht zusammen. Die Tochter trennt sich vom Sohn, und sie spielt wieder ihre Musik, die die Magnaten-Familie in den Ruin und Tod treibt. Am Ende lebt die Familie wieder friedlich, nur verspricht die Tochter keine Sitar mehr zu spielen – Göttin der Zerstörung und Lebens, Schiva, die Tochter mit ihrer Sitar.
3.) Saumselig: Ein Schriftsteller, schwul, der sich in zwei indische Männer verliebt, schreibt ein Debüt, einen antikolonialistischen Roman, wird berühmt und Ehrenfellow eines Colleges, schreibt aber nie wieder, muss auch seine Neigungen verbergen. Dieser Schriftsteller stirbt und erscheint 1971 einer jungen Inderin, die seine Geschichte erfährt. Im Zweiten Weltkrieg hat er den Enigma-Code geknackt, Geheimhaltung von 30 Jahren nach Kriegsende, muss eingehalten werden. Nach dieser Zeit hat er eine fröhliche Menage a trois erlebt, die herauskommt, er wird vom Provost bedroht, muss sich chemisch kastrieren lassen, oder verliert seine Privilegien, er entscheidet sich fürs Kastrarieren. Nach dem Tod rächt er sich am Provost und zwingt ihn (indem er ihn durch Todeskälte foltert, wenn sie am selben Ort sich befinden), zu einem öffentlichen Geständnis. Nach 1975 wird S.M. Arthur geehrt. Er verabschiedet sich von der Inderin aber davor, in einer Art Acheron-Kahn, mit seinen zwei indischen Geliebten. Und man erfährt, dass sich die Enigma-Codebrecher-Gruppe die Ritter der Tafelrunde nannte.
4.) Oklahoma: Ein indischer Schriftsteller, mehr oder weniger erfolgreich, lernt einen älteren US-amerikanischen Schriftsteller und seine Frau kennen. Er nennt sie Onkel und Tante K. Er besucht sie oft, und bald fühlt sich die Tante ernüchtert und verärgert von der Aufdringlichkeit. Der Onkel redet viel von Kafkas Oklahoma in dem Roman „Amerika“, den er gerne vollendet gesehen hätte. Irgendwann schläft der Kontakt ein. Der Schriftsteller hört davon, dass Onkel K sich im Meer ertränkt hat. Als er Kontakt mit der Tante aufnimmt, weist sie ihn brüsk zurück. Irgendwann erhält er Schriftstücke, die er als die von Onkel K erkennt, zwei Fragmente über einen Stein des Wahnsinns, die Einsetzung und die Entfernung. Mit der Entdeckung fährt er zur Tante, die ihn empfängt, die Seiten durchliest und dann mit dem Gewehr davonjagt. Er sei ein Stalker und habe die Seiten gefälscht, sie seien von ihm selbst. Bevor er wegläuft, grabscht er nach einer Visitenkarte. Onkel K ist nicht gestorben, nur verschollen, und Tante K weiß, wo er sich befindet, in Oklahoma, und führt dort einen Süßwarenladen. Er fährt dorthin, eine Bodenschwelle markiert den Übergang, er empfindet den Ort surrealistisch. Eine Frau skandiert Verse. Er wartet, bis der Laden öffnet, wartet, bis der Laden fast wieder schließt, tritt ein und findet dort sich selbst, mit den Worten, er wurde erwartet (Kafka Zitat von „Das Urteil“?). Dann folgen ein paar Worte des Herausgebers, dass das Manuskript nie vollendet wurde, und zwar von einem Schriftsteller, der „Seltsam Gewöhnlich“ heißt, au indisch.
5.) Der alte Mann auf der Piazza: Ein alter Mann, der sich nicht finanzieren braucht, einfach da ist (?), geht auf einen Platz, belauscht das Leben. Am anderen Ende sitzt die Sprache. Es gab eine Zeit des Jas, dann des Neins, und dann gab es Streit und Zwist, und durch einen Zufall wird der Mann Richter über die ungelösten Fragen, wird bekannt. Er fühlt sich wohl, doch irgendwann schreit die Sprache ein zweites Mal, wie nach der langen Zeit des Jas, und allen fehlen die Worte und sie verschwindet vom Platz, der Agora.
Dashiell Hammett: „Der Malteser Falke“
Altbacken als Story (klischiert), aber mit aufregend-krass konsequenter Erzählform präsentiert.
Inhalt: 3/5 Sterne (Hehlerware-Wettlauf)
Form: 1/5 Sterne (keine)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (paradigmatisch von außen)
Komposition: 3/5 Sterne (geheimnisumwittert)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (unausgewogen)
–> 14/5 = 2,8 = 3 Sterne
Erschienen 1929, mehrfach verfilmt, gilt Dashiell Hammetts Der Malteser Falke als einer der wichtigsten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, und teilweise der Literaturgeschichte überhaupt (TIME Magazin List, Modern Library Top List, The Guardian 100 Best Novels etc). Hiermit übertrifft Hammett Raymond Chandler Der große Schlaf bei weitem. Der Protagonist von Der Malteser Falke heißt Samuel Spade, zynisch, distanziert, nüchtern und kalt kalkulierend lebt er sein Leben, indem er sich meistens eine Zigarette dreht und seine V-Formen mit einem ebensolchen V-Mund betont:
Samuel Spades Unterkiefer war lang und knochig. Sein Kinn sprang in scharfer V-Form unter dem sanfter geschwungenen V seines Mundes vor. Die Nasenflügel, wie sie sich nach rückwärts zogen, bildeten ein weiteres, ein kleineres V. Seine gelbgrauen Augen standen waagerecht. Die buschigen Brauen, die von der Doppelfalte über der Hakennase sich auswärts wölbten, nahmen noch einmal das V-Motiv auf, und sein blaß-braunes Haar wuchs von hohen, flachen Schläfen spitz in die Stirn. Auf eine eigentlich ganz nette Weise sah er aus wie ein blonder Satan.
Mit diesen Worten beginnt eine Odyssee durch das San Francisco der 1920er Jahre, in welchem sich alles um eine gewisse Brigid O’Shaughnessy und einem geheimnisvollen Gegenstand, den Malteser Falken, dreht. Der Wettlauf, den Gegenstand zu ergattern, befördert mehrere Menschen ins Jenseits, auch den Partner von Samuel, dem er aber ganz und gar nicht nachtrauert:
»Miles«, sagte Spade heiser, »war ein Rabenaas. Das hab ich gleich in der ersten Woche gemerkt, als wir das Geschäft zusammen hatten, und ich hatte vor, ihn rauszuschmeißen, sobald das Jahr um war. Du hast mir kein bißchen Schaden zugefügt, indem du ihn ermordet hast.«
Kalt, nüchtern, perfekt von außen in Szene gesetzt, mit heftig-sirrenden Schnitten durch das moralische Gewebe einer sich humanistische Masken anpinselnden Welt, wird die Story von Figuren erzählt, die lügen, betrügen, morden und keine Skrupel haben, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Das Schwarzweiß der Welt verwischt, und alle Figuren werden grau, gewalttätig, verlogen und im Grunde als schwach und von ihren Instinkten beherrscht dargestellt.
Der plötzliche Anblick Gutmans und seiner Genossen schien ihr von ihrer persönlichen Handlungs- und Gefühlsfreiheit den Teil, der animalisch ist, geraubt zu haben, so daß sie zwar am Leben blieb und bei Bewußtsein, aber ruhig und still wie eine Pflanze.
Pflanze oder Tier, sonst nichts. Außergewöhnlich am Der Malteser Falke bleibt nur die Erzählform, die in diesem Genresetting mit überraschender Konsequenz durchdekliniert wird: das reine Von-Außen-Sehen, also keine Reflexion, keine Erinnerung, keine wie auch immer geartete Innerlichkeit erlaubend. Hier reflektiert die Form den Inhalt nahezu ideal, aber ohne einen ästhetischen Mehrwert zu erlauben – dieser hätte darin bestanden, die Möglichkeit der Innerlichkeit anzudeuten, ohne ihr nachzugeben. Hammett verbleibt aber im Protokollieren, das über die Länge des Romans eher kurzatmig, und ja, flach erscheint.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Samuel Spade (S), Privatdetektiv in San Francisco, Ende der 1920er.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Ein wertvolles Artefakt, der Malteser Falken, wird in Konstantinopel von Brigid und Joel gestohlen. Brigid beschließt, Joel auszuschalten, verbündet sich mit einem Thursby, bringt Joel kurzzeitig hinter Gittern und hastet nach Hongkong, verschifft das Paket und reist mit einem schnelleren Schiff nach San Francisco, um das Paket wieder in Empfang zu nehmen. Brigid will die Unterbrechung nutzen, um Thursby auszuschalten, und hierfür heuert sie Samuel Spade an, indem sie vorgibt, Thursby sei hinter ihrer Schwester Corinne hinterher. Samuels Partner Miles nimmt sich der Sache an und stirbt noch in derselben Nacht wie auch Thursby. Die Polizei verdächtigt Spade, der wiederum der Sache auf die Schliche zu kommen versucht. Er sieht sich plötzlich inmitten eines Wettrennen, um den Falken. Beteiligt sind besagter Joel, der ursprüngliche Auftraggeber Gutman, dessen Handlanger Wilmer und Brigid selbst. Als das Schiff aus Hongkong einläuft, verschwinden alle von der Bildfläche, Spade nichtsahnend sieht den angeschossenen Schiffskapitän Jacobi bei sich in die Detektei reintorkeln, stirbt mit dem Malteser Falken im Arm. Spade bringt ihn in Sicherheit. Als er am Abend nach Hause kommt, erwartet ihn Gutman, Joel, Brigid und Wilmer. Sie verhandeln. Spade will einen Sündenbock für die Morde. Er wählt Wilmer und fordert 10000 Dollar für den Falken. Gutman ist einverstanden. Der Falke aber stellt sich als Fälschung heraus. Die Gangster bis auf Brigid flüchten. Spade will straffrei aus der Sache hervorgehen und begreift die Zusammenhänge: Brigid wollte Thursby Angst einjagen, indem sie ihn beschatten lässt. Dies klappte nicht. Also stahl Brigid die Waffe von Thursby und brachte Miles um, um auf diese Weise Thursby außer Gefecht zu setzen und den Malteser Falken alleine in Geld umzusetzen. Thursby wurde dann aber von Wilmer ermordet, der auch den Kapitän Jacobi erschoss, als wiederum Brigid mit Jacobi den Malteser Falken für sich behalten wollte. Bis auf die anfänglichen 500 Dollar von Brigid hat Spade nichts verdient. Brigid wird verhaftet; Wilmer wird auf frischer Tat erwischt, wie er Gutman erschießt; Joel legt Geständnis ab. Sein Leben geht weiter.
●Kurzfassung: Abgehalfterter Detektiv gerät in einen Wettrennen um eine wertvolle Skulptur und schafft es, seine eigene Haut zu retten.
●Charaktere: (rund/flach) im Grunde kaum charakterliche Gestaltung, hat mit der Erzählhaltung zu tun.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Erzählung von Flitcroft, der seinem Leben entfliehen will und wieder in dasselbe Leben gerät; und die Situation von Joel, dem Spade die Pistole zurückgibt, nur um sofort wieder von diesem bedroht zu werden. Auch die Geschichte um den Malteser Falken erscheint aus dem Rahmen zu fallen.
●Überflüssige Szenen/Charaktere: Vom Plot her gesehen, müsste es Effie Perine; Iva Miles, die Sachen mit dem Staatsanwalt, die Tochter von Gutman, Rhea, nicht geben. Sie tragen nichts zur Geschichte bei.
… angenehm direkte, schnelle, abwechslungsreiche Story mit nachvollziehbaren Auflösungen und Zeitsprüngen. Leider fehlt oft die Atmosphäre der Szenerien. Es wirkt sehr dünnhäutig, sehr kurzatmig. Mit teilweise völlig fehlgeleiteten Abschnitten und Figuren, die überhaupt nichts zur Sache beitragen (Iva).
●Diskurs: –> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: äußerst mager, fast simplizistisch, kaum literarische Elemente, wirkt informativ, nicht ästhetisch.
●Type-Token-Ratio: 0,11 knapp über Genre, also Texte, die die Sprache nur als Vehikel verwenden (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11,42 Wörter – Median 9 – STAB 8; äußerste kurze, schnelle, protokollarische Schreibweise. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 82,6 klar im Genrebereich, eintönig, repetitiv (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 776 Wörter, vokabulartorische Tristesse.
●Auffälligkeiten: nein
●Innovation: nein
–> 1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: eindrucksvolle Selbstbeschränkung, bis auf Entgleisungen alle 20-30 Seiten, die abbreviativ im Urteil eine Erzählinstanz andeuten, deutlich phänomenologisch, ohne innere Vorgänge, klarer Blick von außen, einer Kamera; die Erzählweise zeigt sich als Kameraaufzeichnung, die im Nachhinein von jemanden geschnitten wird. Im Bereich der Literatur eindrucksvoll auferlegte Beschränkung.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): stark perspektiviert, keine Situierung, keine Reflexion.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: nüchtern, karg, distanziert.
●Einschätzung: Paradigma des protokollarischen Erzählens.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Der Roman organisiert sich um Zeit und Geld und fehlendes Vertrauen. Wichtig für die Komposition: eine Figur verschafft sich Zeit (verschifft ein Paket, disponiert ein Paket, betäubt jemanden, schickt jemanden in die Irre), um dann seine Interessen umzusetzen. Also Lücken werden erzeugt, die dann im Nachhinein aufgeklärt werden. Das eignet sich sehr gut für eine rationalisierte Weltsicht.
●Extradiegetische Abschnitte: keine, alles innerweltlich
●Lose Versatzstücke: ja, die ganze Story um Iva, der Witwe von Miles, die ganze Sache mit der Staatsanwaltschaft, das „Schätzchen“, und „Liebling“, die ganze Amourösität von Spade tut einfach nichts zur Sache. Völlig beknackt die Szene mit Brigid und Joel in Spades Wohnung.
●Reliefbildung: fast zu dialogisch, um Relief zu erzeugen, ein paar gute Schnitte, Überraschungen, Wendepunkte.
●Einschätzung: sehr zweckgebunden, um eine Story zu erzählen, leider verpasst die Erzählung atmosphärische Details. Sehr karg.
–> 3 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, ein bisschen repetitiv, hier und da, und auch ein wenig gewollt undurchsichtig.
●Geärgert: ja, über die Frauenfiguren, insbesondere Iva, darüber wie Effie lächerlich gemacht wurde
●Amüsiert: ja, als Joel die Waffe von Spade erhält, als Vertrauensbeweis, nachdem Spade sie ihm abgeknöpft hat, um ihn daraufhin sofort wieder zu bedrohen.
●Gefesselt: ein bisschen
●Zweites Mal Lesen?: nein, höchstens aufgrund der Erzählform, doch zu trocken, trist, doch zu heroisierend auf Spade hin, etwas banal, klischiert, ohne atmosphärischen Mehrwert.
–> 2 Sterne
——–
Inhaltsangabe:
1.) Spade (S) erhält Besuch von einer Miss Wonderly, die ihre Schwester sucht, die mit einem zwielichtigen Typen namens Floyd Thursby (T) von New York nach San Francisco durchgebrannt ist. S Partner, Miles Archer, übernimmt den Auftrag, ihn zu beschatten.
2.) S wird in der Nacht vom Telefon geweckt. Miles wurde erschossen. Kurze Zeit später auch T. S gerät unter bei der Polizei Verdacht, den Mord begangen zu haben.
3.) Wieder im Büro erhält S Besuch von der Witwe Miles‘, Iva, die sich an ihn heranschmeißt. Die Sekretärin Effie (E) etwas von Iva genervt. Spade spürt Miss Wonderly nach, die aber bereits aus dem Hotel abgereist ist. Zurück im Hotel erhält er eine Nachricht von dieser.
4.) Er besucht sie, gibt zu, dass sie eine Lügengeschichte aufgetischt hat, Brigid (B) O’Shaughnessy ihr wirklicher Name (?). Sie sagt nicht, worum es geht, nur dass sie T, mit dem sie aus dem Orient angereist ist, nicht vertrauen konnte. Sie heult und bittet S um Hilfe. Er knöpft ihr fast 500 Dollar ab, verspricht nicht zur Polizei zu gehen. Danach geht er zu einem Anwalt. Zurück im Büro erhält er Besuch von einem Joel Cairo (C). Als E Feierabend macht, bedroht C S mit einer Pistole. Es geht um wertvolles Artefakt, den Malteser Falken (MF).
5.) S schlägt C nieder, durchsucht ihn; später stellen sie eine Zusammenarbeit in Aussicht, den MF zu organisieren. Belohnung 5000 Dollar. C gibt S seine Adresse. Als er die Pistole wieder erhält, bedroht C wieder S, um das Büro zu durchsuchen.
6.) S wird von einem jungen Mann verfolgt (Wilmer, W). S besucht B, erzählt von C. B rückt nicht mit der Sprache heraus, will aber mit C sprechen.
7.) Sie warten auf C in S Wohnung. S erzählt von Flitcraft, der nach einem Fast-Unfall mit einem Balken, der ihn fast getroffen hätte, ein neues Leben beginnt, das sich dem alten nähert. C und S streiten sich. Sie werden von den Polizisten Dundy und Polhaus unterbrochen, die S befragen wollen. S wimmelt sie ab, dann schreit B plötzlich.
8.) Es kommt zu Handgreiflichkeiten untereinander, auch zwischen Polhaus und S. S hält sich zurück. C wird mit aufs Polizeipräsidium genommen.
9.) B will gehen. S schaut zuerst nach, ob der Spion noch da ist. S lügt und behauptet, er sei noch da. B gibt zu, ihn über den MF belogen zu haben. Sie hat den MF mit C von einem Russen namens Kemidow gestohlen haben. S und B verbringen die Nacht miteinander.
10.) S, während B schläft, bricht in ihr Hotelzimmer im Coronet ein. S trifft auf den jungen Mann. Provoziert ihn. Ein G ruft in der Detektei an. B fühlt sich nicht sicher in ihrem Hotel. S bittet E, B aufzunehmen.
11.) Caspar Gutman (G) meldet sich. Es kommt zu einem Treffen im Belvedere. Davor nervt Miles Witwe S. G bietet S 10000 Dollar für den MF, merkt aber, dass S keine Ahnung hat, um was es sich bei dem MF handelt. S gerät wieder mit dem Jungen aneinander.
12.) S wieder beim Anwalt wegen der Sache mit seinem Partner. Danach erzählt ihm E, dass B nie bei ihr angekommen ist. S forscht nach. B hat sich zum Pier fahren lassen, nachdem sie, wie der Taxifahrer sagt, in einer Zeitung etwas gesehen hat. S fährt erneut zu G.
13.) G erzählt, dass es sich beim MF um ein extrem wertvolles Schmuckstück handelt, das von einem Kreuzfahrer Orden für Karl den V. angefertigt lassen worden ist, als Dank, dass dieser ihnen Malta überließ. Seit 17 Jahren sucht ihn G. B hatte den Auftrag, ihn zu stehlen. Nach der Geschichte, und durch die Drinks, die G ihm servierte, fällt S plötzlich in Ohnmacht.
14.) Wieder im Büro schickt S E nach Berkeley, um die Geschichte über den MF bestätigen zu lassen. Er sucht C, bricht mit Hilfe des Hoteldetektivs in dessen Zimmer ein, und rekonstruiert, dass B ein Schiff aus Hongkong gesucht hat, die La Paloma, das Schiff, in welchem ein Brand ausgebrochen ist.
15.) Polhaus und S speisen. Sie vertragen sich wegen der Handgreiflichkeiten von Dundy an S. Sie haben ermittelt, dass T als Handlanger von einem Glücksspieler namens Monahan wirkte, der untergetaucht ist. Sie gehen zum Staatsanwalt, der mehrere Theorien über den Tod von T hat (organisiertes Verbrechen). S platzt der Kragen.
16.) S erfährt, dass B, G, C und W sich auf der La Paloma mit dem Kapitän getroffen und gestritten haben. Es kam zum Schuss, später zum Brand. Plötzlich dringt der Kapitän in die Detektei, angeschossen, bricht zusammen, mit dem Paket in der Hand, in welchem sich der MF befindet. B ruft in der Detektei an, ruft um Hilfe. S eilt los.
17.) S deponiert vorher zur Sicherheit den MF. Fährt zu G. Die Tochter von G unter Drogen gibt ihm eine Adresse bekannt, wo S aber nichts findet. Er fährt zurück in seine Wohnung, wo die versammelte Bande auf ihn wartet.
18.) Verhandlung zwischen S und G um Geld und um einen Sündenbock, auf dass S straffrei ausgeht. Sie entscheiden sich für W. Sie müssen ein Tag auf den MF warten.
19.) S will die volle Geschichte, um Lücken zu schließen und Alibis zu konstruieren. W hat T getötet und den Kapitän erschossen, als sie B und den Kapitän Jacobi erwischten und dieser türmte. E bringt den Falken. Er stellt sich als Fälschung heraus. Alle bis auf B gehen. S behält sich 1000 Dollar Spesengeld vor.
20.) S muss nun seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Er begreift, dass Miles, sein Partner, von B ermordet wurde. B wollte T loswerden, wollte ihm Angst machen, um den MF für sich zu behalten. In Konstantinopel sind C und B im Auftrag von B unterwegs gewesen, den MF von Kemidow zu stehlen. B hat sich Hilfe mit T geholt und C durch einen Trick in Konstantinopel verhaften lassen. Mit T ist B nach Hongkong und hat dort das Paket Jacobi übergeben, dann in San Francisco auf das Schiff gewartet. Derweil hatten G, C Zeit ebenfalls zu kommen, und das Wettrennen begann. S lässt sich auf B nicht ein. Ihm ist die Freiheit lieber. Er ruft die Polizei, übergibt B, gibt seine 1000 Dollar ab und sieht sich von aller Schuld befreit. In der Detektei wartet Iva wieder auf ihn.
Thomas Pynchon: „Schattennummer“
Lapidar-lakonisches Irren und Wirren durch die Welt der 1930er. Despektierlich erzählt.
Inhalt: 1/5 Sterne (Abgehalfterter Prügler irrt herum.)
Form: 4/5 Sterne (bunter Sprachreigen)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (lässig-desinteressiert-urteilend)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (schlimm)
–> 8/5 = 1,6 -> knapp 2 Sterne.
Schattennummer von Thomas Pynchon erweist sich als Rhapsodie auf die Prohibitionszeit, als eine Art Tribut an den hardboiled Roman, die Detektiv-Coolness, eine Film-Noir-Szenerie, die leider niemals zum Showdown, zu einer Art Höhepunkt führt. Pynchon lässt in Schattennummer keinen Zweifel daran, dass der Erzähler über den Dingen steht und im Grunde auch gar keine richtige Lust mehr darauf hat, etwas auszuerzählen. Andeutungen müssen reichen.
«Hicks, du brauchst mehr Kultur, eine europäische Einstellung zur Liebe und zum Leben. Du solltest wenigstens rausfinden, womit Bela sein Haar pflegt.» Und so weiter.
«Bomben kommen, Bomben gehen, die Handelskammer von Santa Flavia ist nicht mehr so wichtig, schreib mir einen kurzen Bericht, aber das sind bloß Kinkerlitzchen, ich hab uns was Fabelhaftes an Land gezogen, und ich sage dir, damit sind wir alle gemachte Männer …» Und so weiter.
Bevor er jemand findet, mit dem er reden kann, gibt es einen lauten Knall, und sofort rennen die Leute in alle Richtungen und schreien: «Da sind sie wieder», «Rette sich, wer kann» und so weiter.
40x taucht diese Wendungen auf. Pynchon beweist mit Schattennummer eindrücklich, wie ein Erzähler alles dafür unternimmt, seinem Publikum zu missfallen. Die Abwehrgeste durchflirrt resolut den Text. Weder die Figuren noch die Handlung noch die Zusammenhänge können und sollen überzeugen. Das Flickwerk existiert als Molestum, Ärgernis, als Provokation. Wer will schon eine Story, eine Figur, wer will im Zeitalter des Todes der großen Erzählungen Erzählungen? Schattennummer begräbt sich selbst samt seinem Titel, denn der Roman von Pynchon stellt tatsächlich eine Schattennummer dar: nichts zu sehen, vor lauter Finsternis, malt es euch doch selbst aus.
«Unser erster Auftrag –» «Unser, das heißt … meiner und Ihrer.» «– besteht darin, eine ziemlich geschmacklose Tischlampe zu lokalisieren und ihrem Besitzer zurückzuerstatten, eine Lampe, die unter Lampensammlern als das Kronjuwel geschmackloser Lampen gilt, ja als eine so verblüffend geschmacklose Lampe, dass sie die Kategorie der geschmacklosen Lampe selbst ad absurdum führt. So entsetzlich geschmacklos, dass sie niemals fotografiert worden ist.
Selbstredend nimmt Pynchon sein Publikum hops, selbstredend nimmt er nichts von dem ernst, was er da hinpinselt und selbstredend steckt da eine ganz hintergründige, subversive, poststrukturalistische Ironie dahinter. Nur zu welchem Ende? Der Roman, der sich weder rahmt, noch traut, noch verknüpft, sondern eine Varieté-Nummer ohne Spektakel bleibt? Dazu noch viele Details aus früheren Romanen wie V., die die Lektüre zu einem staccato-haften Déja-vu-Erlebnis geraten lassen. In Schattennummer bleibt so ziemlich alles im Dunklen. Wer darin gerne herumtappen will, nur zu – irgendetwas lässt sich ja immer finden. Ist ein bisschen wie Nasenbohren …
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hicks McTaggart (HM), Privatdetektiv, Milwaukee, Anfang der 1930er, während der Prohibition.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: HM hat (vor Handlungsbeginn) die Käseprinzessin Daphne Airmont (DA) vor der Klapsmühle gerettet, und zwar mit einem Schnellboot von seinem Onkel Lefty (Detlef). Im Zuge des Verschwindens ihres Vaters, Al Capone des Käses, möchte sein Chef, Boynt Crosstown von der Filiale der Unamalgamated Op, dass HM DA aufspürt, denn diese soll mit einem Klarinettisten einer Swingband durchgebrannt sein (Hop Wingdale). Als eine Explosion in Milwaukee hochgeht und ein Schmuggler, Stuffy Keegan, lahmgelegt wird, gerät HM ins Kreuzfeuer des FBIs, die ihm den Bombenanschlag unterzujubeln versucht, und zudem verübt einer der Mafiabosse, Don Peppino, eifersüchtig auf seine Affäre mit April Randazzo ist, einen Mordanschlag auf ihn, so dass er sich nun doch überreden lässt, den Auftrag anzunehmen, Milwaukee zu verlassen und nach Daphne zu suchen. Er reist mit dem Zug nach New York, verbringt dort ein paar Tage, wird mit k.o.-Tropfen betäubt und findet sich alsbald auf der Stupendica wider, einem Hochseedampfer. Über Tanger fährt er nach Wien lernt doch seinen hiesigen Auftraggeber Egon Praediger kennen, der ihn nach Budapest schickt und ihn auf Ace Lomax, Bruno Airmonts, Daphnes Vaters Kontaktmann, ansetzt. HM lehnt dankend ab, reist aber nach Budapest, lernt über Terike, eine Motorrad-Botin und -Fanatikerin Slide Gearheart kennen, einen freischaffenden Auslandskorrespondenten, der ihm verrät, wo DA auftritt. HM findet sie und erfährt, dass ihr Klarinettist HW ausgebüchst ist. Sie verbringen eine Nacht miteinander und er nimmt ihren Auftrag an, HW für sie zu suchen, um, statt eine Scheidung zu finalisieren, mal auch ein Paar wieder zusammenzubringen. Über Slide erfährt er, dass sich HW auf einer Motorradrundfahrt befindet. Slide organisiert einen fahrbaren Untersatz. Zusammen mit einem jüdischen Golem namens Zdenek brausen sie Richtung Adria. In einem transsylvanischen Dorf, das sich um ein Ersatzteillager herum gebildet hat, erfahren sie, dass HW in einem kroatischen Guerilla-Camp der Ustascha auftritt, in das auch Lomax verschleppt wird. Zdenek befreit beide. Alle treffen sich in Fiume wieder, wo Daphnes Vater in einer Villa Partys schmeißt. Bruno flieht. DA hat ihm eine Überfahrt organisiert. Er wird zurück in die USA geschleust. HM erhält die Nachricht, dass AR nun fest mit dem Mafiaboss liiert ist. Es gibt nichts mehr, was ihn zurück in die USA zieht. In Sizilien telefoniert er mit seiner Mutter. Er trifft Terike. Sie küssen sich; am Ende erhält er einen Brief von Skeet, der sich auf dem Weg nach Kalifornien befindet.
… Hauptthema: Hicks, in prekären Umständen aufgewachsen, Faust des Kapitals, entsagt der Gewalt. Immer wieder soll er Gewalt anwenden, aber er wehrt sich. Er will nicht Teil dieses Spiels werden. Hicks die Komponente, die sich von den verschiedenen Seiten nicht fangen lässt, weder vom Kommunismus noch vom Kapitalismus, weder von Faschisten noch von den Bolschewisten, weder vom FBI noch MI6, und schon gar nicht vom organisierten Verbrechen. Eine Welt aus dem Ruder – der Holocaust im Anzug. Die Geldmacherei.
… Nebenthema: die Sehnsucht, Nostalgie, das Paar-Sein mit April, das nicht zustandekommt, weil sie die Partnerin eines Gangsterbosses wird (aber kaum ausgeführt).
… Motive aus anderen Büchern (V.): Maschinen besessene Frauen (Motorrad/Auto), Schönheitsoperation; unterirdische Labyrinthe in Städten;
… unklar, wie Hicks nach Fiume kommt.
… unklar, welche Intrigen Bruno zur Flucht zwingen
… unklar, was es mit der InKäs
… welche Rolle spielt Al Capone, wozu? Prohibition? Wozu? Erster Weltkrieg?
… unklar, wozu Pip und Alf, die Apport-Magie? Welche Rolle hat das Teleportieren?
… die Handlungslinie: Glow/Porfirio und Skeet und Stuffy Keegan, völlig überflüssig, die U-13 Geschichte. Tragschrauber? Moto Guzzi? Die Suche nach der geschmacklosen Lampe?! Ace Lomax, keine Story?
… was soll die Inzestphantasie-Andeutung von Daphne?
… unklar, inwiefern Hop Spion war oder nicht. Wer hat die Bombe gelegt, die Stuffys Wagen zerstört hat?
●Charaktere: (rund/flach) – flach und uninteressant, nur Skizzen
●Besondere Ereignisse/Szenen: Nostalgie-Szenen, April und Hicks auf dem Dampfer, atmosphärisch, auch beim Abschied auf dem Bahnhof.
… große Ähnlichkeiten, am Ende, zu Die Projektoren von Clemens Meyer, Atmosphäre der Gewalt auf dem Balkan, vermischt mit Musik, Kino, mit Faschismus/Kommunismus/Extremismus und hinzukommen ein Paar
●Diskurs: Politischer Extremismus, aber eher oberflächlich.
… es gab im Grunde genommen keinen Plot – die Handlungslinie: Daphne einst gerettet, Daphne entflohen, Hicks im Schlamassel, sucht Daphne, verbringt Nacht mit Daphne, die sich absetzt, und dann tröstet er sich mit einer Motorrad-Botin … äh … gähnend langweilig.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: großer interessanter, dynamischer Wortschatz, variabel, aus vielen Feldern, nicht fehlverwendet, treffsicher in Abstraktionsabstufungen
●Type-Token-Ratio: 0,1775 (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 17,2 STAB 17, Median 11 … komplexer Satzbau, interessante Varianten, Retardierungen des Sinnes, der Auflösung, sinfonische, kompositorische Schreibweise, leider oft gewollt, oft gekünstelt. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 71,3 (Musil/Mann <70% – Genre >80%) … Wortreichtum, platzt förmlich aus allen Nähten, mehr ein Wörterbuch als ein Roman, beinahe Arno Schmidt-mäßig, verspielt.
●80% Abdeckung mit wie vielen Wörtern: 2423 Wörter … sehr hoch, in den Bereich von hochkomplexer Literatur
●Auffälligkeiten: ja, gewollt lange Sätze, viele Dialoge, wenig lange, reflektorische Abschnitte, eigentliche keine Reflexion, im Grunde völlig Immersion, Distanzlosigkeit, Atemlosigkeit, Kessel Buntes, Zirkus, Karneval.
●Innovation: dennoch vom Material hoch.
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Kommentierend, lapidar, überheblich. Kürzt ab, urteilt scharf, interessiert sich nicht wirklich für seine eigene Welt, daher destruktiv, lakonisch und auf Coolness setzend, eher defensiv und habituell – poserhaft; possenreißerisch.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): weder noch
●Erzählverhalten, -stil, -weise: siehe oben, destruktiv gegen die eigene Erzählwelt, abbreviativ, desinteressiert, kalt … desillusioniert.
●Einschätzung: es gibt keine Regie, nicht mal das, eine Montagetechnik, die etwas zusammenwebt, was nicht unbedingt miteinander harmoniert. Ein Stück- und Flickwerk. Slapstick-Noir, eine Erzählstimme, die sich selbst unterläuft, keinen Rahmen besitzt
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): interessant durch rapide Wechsel, die auf Dauer ermüden, da es keine Perspektive, keinen Rahmen, keine Handlung gibt.
●Extradiegetische Abschnitte: nicht wirklich.
●Lose Versatzstücke: viele Fäden finden nicht zusammen – die Magie (Apport/Asport), die seltsamen Intrigen, die nicht aufgeklärt werden.
●Reliefbildung: am Ende kaum, da alles nur angedeutet wird.
●Einschätzung: keine rahmende Figur, keine rahmende Handlung, keine strukturelle Bindung. Totalausfall.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, sehr.
●Geärgert: nö, zu belanglos.
●Amüsiert: an manchen Stellen, durch Wortwitz, Karnevalismus.
●Gefesselt: nein, nur ein wenig, als die Affäre mit April auseinandergeht, Bahnhof- und Dampferszene.
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall.
–> 1 Stern
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Inhaltsangabe:
1: Hicks McTaggart (HM), Privatdetektiv, arbeitet mehr oder weniger unerfolgreich in Milwaukee während der Prohibitionszeit (1932). Eine Bombe geht hoch. In seiner Detektivagentur Unamalgamated Op will sein Boss Boynt Crosstown ihn motivieren, seiner Ex-Freundin Daphne, Tochter des Milch-Multimillionärs Bruno Airmont, nachzuforschen, der von der Bildfläche verschwunden ist. HM sagt dankend ab, lieber kümmert er sich um die Bombenexplosion, in der Stuffy Keegans Schmugglerfahrzeug hochgegangen ist. Skeet Wheeler (SW) schneit herein, Partner von HM. Kindheit von SW, abgegeben, bei Pflegeeltern, verdiente Geld als Kegeljunge. HM beschließt die Sache mit der Bombe zu untersuchen. Boynt gibt ihm bekannt, dass zwei Versicherungen beauftragt haben, die Sache zu untersuchen.
2: Am Tatort der Bombenexplosion. Zweifel, dass es Italiener gewesen sind, vielleicht Deutsche. HM geht zu Hoagie Hivnak, der heimlich Alkohol vertreibt, als Limozapfer. Informationen über Milchpreiskrieg. Hoagie gibt Tip, HM soll herausfinden, wohin Bruno Airmont verschwunden ist.
3: HM trifft seine Flamme April Randazzo (AR), die auf verheiratete Typen steht, Ehemänner verführt. Sie will ihn verkuppeln, um dann die Schäferstündchen mit ihm noch mehr genießen zu können. Fetisch. AR, Sängerin in Arleen’s Orchid. Gedanken übers Singen, das Vibrato, Vorbild Annette Hanshaw. In Arleen’s gibt Lino Trapanese HM einen Tipp, zu seinem Onkel Lefty zu gehen. Da läuft etwas Komisches.
4: Mann der Schwester seiner Mutter. Grace, HMs Mutter, die abgehauen ist, mit einem Zirkustypen. Geschichte von HM: Prügler fürs Kapital, bei Arbeiteraufständen. Situation mit „vieräugigen“ Störenfried, den er mit seinem bleigefüllten Biberschwanz schlagen will, aber verfehlt. Plötzlich ist der Biberschwanz weg. HM erleichtert, dass er niemanden umgebracht hat. Erstaunt über das Verschwinden des Biberschwanzes. Hört auf, fürs Kapital zu prügeln. Heuert bei U-Ops an. Erlernt eine orientalische Haltung zum Leben. Hat Angst, jemandem umgebracht zu haben. Boynt gibt HM Tipp, mit Theassalie zu sprechen, der Gedankenleserin.
5: Treffen mit Thessalie. Spricht von Asport und Apport, spontanes Verschwinden und Auftauchen von Gegenständen, Dinge haben auch eine Seele. Gibt ihm den Tipp, zur persönlichen Sicherheit, von Lew Basnight (LB) den Curly Bill Spin zu erlernen, falls wieder eine Waffe einfach verschwindet?
6: LB, Privatdetektiv, will in Aktion sterben, nicht am Schreibtisch. Curly Bill Spin, eine Methode, so zu tun, als würde man eine Knarre mit Griff voran abgeben, aber mit Finger am Abzug, Herumwirbeln und denjenigen abschießen.
7: Valentinstag mit AR, in Chicago, im Kino „Dracula“. Angie Vumvum Voltaggio gibt HM in einer Kneipe den Tipp, dass AR mit Don Peppino Infernacci abhängt. Dieser schickt Schläger zu HM. HM fragt Vumvum, ob er sich Sorgen um AR machen solle.
8: SW meldet sich, nimmt HM mit ins Versteckt. Dort trifft er Stuffy, der sich von einem U-Boot, U-13, abholen lässt, um weiter Schmuggelgeschäfte zu betreiben. Auf dem Wisconsin-Michigan(?)-See, Hütte, U-Boot-Schatten unter dem Eis.
9: Besuch von SW in der Detektei, mit einer Fancy Vivid, die Stuffy sucht. Sie fragt nach dem U-Boot. HM träumt, wieder einen Kumpel in Stich gelassen zu haben.
10: Onkel Lefty (Detlef) nimmt ihn mit zu einer Bowlingbahn, gehört einer Guerilla-Gruppe auf Seiten des deutschen Kaisers im 1. Weltkrieg an. Bei der Bowlingbahn trifft SM einen Kumpel, der nun Nazi ist. Eine Razzia findet statt. Lefty gibt HM den Tipp, sich mal bei der Bundesbehörde zu melden. Sie wollen SM die Bombe unterschieden, die Stuffy Lieferwagen erwischt hat.
11: Fährt nach Chicago, tritt in das Büro von T.P. O’Grizbee, der ihn erpresst für das FBI zu arbeiten. Es geht um einen Auswärtsjob. HM passt dem FBI in den Kram, kein Nazi, aber gegen die Bolschewisten. HM will nicht wieder zum Schläger werden, verneint, aber wird erpresst in das Gefängnis mit Al Capone gesteckt zu werden.
12: Boynt sagt ihm, dass es bei dem Auswärtsjob um die Käseerbin, Daphne Airmont (DA), geht. Boynt hat ihm versprochen, ihn auf keine Auswärtsjobs zu schicken, kann ihm aber hier nicht helfen. Stellt ihm eine Beförderung in Aussicht. Soll sich in Schale werfen, für das gewisse Uptown-Etwas. Sie müssen zu den Anwälten der Familie. Dort kommt heraus, dass DA eine hohe Meinung von HM hat, deshalb auch gewählt wurde, DA, ohne Aufsehen zu erregen, zurückzubringen.
13: HM besucht das Anwesen der Airmonts. Hintergrund: Bruno Airmont, der Käse Al Capone. Radioaktiver Käse. Treffen zwischen Al Capone und Bruno Airmont. Verlobter von DA, Rodney Flaunch, will anderthalb Millionen (für was?), als Schadensersatz oder DA zurück. HM lernt die Mutter gehen, Vivacia Airmont, die sich Sorgen um die skandalösen Freunde ihrer Tochter macht, in Chicago, bei einer Tanzkapelle, Hop Wingdale.
14: Hintergrundgeschichte wie HM DA kennengelernt hat. Hat eine Tour mit einem Schmugglerboot gemacht, zu einem Casino am Plaza del Lago. Dort spürt er Dippy Chazz nach, der verrückt nach der Platzanweiserin Lois ist, die DA als Freundin mitbringt. Dippy Chazz muss etwas erledigen, wegen komischer Männer im Spielzimmer, Lois hetzt hinterher. HM mit DA plötzlich allein, als Krankenpfleger das Lokal betreten, die DA zurück in die Psychiatrie bringen wollen. HM verhilft ihr zur Flucht übers Wasser und bringt sie ins Indianerreservat der Ojibwa. HM erzählt die Geschichte AR, die ab und zu reinfragt. Ein paar Wochen später trifft HM einen Ojibwa, der ihm erzählt, wie DA einen Ojibwa in der Psychiatrie kennengelernt hat.
15: HM erhält von Weihnachtswichtl ein Paket, wird für ein Schultz gehalten. Der „Vieräugige“, den er nicht erschlagen hat, warnt ihn, und er lässt das Paket in einem Schuhgeschäft durchleuchten. Es wirkt gefährlich. Er bringt es zum gefrorenen See, versinkt es und eine Explosion folgt. Fertig mit den Nerven geht er zu AR. Sie hat keine Ahnung, wer ihm das Paket geschickt hat, nicht ihr eifersüchtiger Lover. Lefty weiß auch nichts. Der Anarchist Michele Kelly weiß auch nichts. Rät ihm aber das Weite zu suchen, nach Palermo zu reisen. Bei den Nazi erhält er keine Infos, und bei Lew Basnight, dem Detektiv auch nicht.
16: HM wird von Boynt nach New York geschickt, auf dass er nicht in die Luft gesprengt wird, und die Detektei mit in den Schlamassel zieht. HM unerfreut. Es besteht die Gefahr, dass Leute gesehen haben, wie HM mit dem FBI sich getroffen hat. SW verabschiedet sich, indem er eine Glücksmünze übergibt. Kurze Reminiszenz an AR, wie HM sie auf der SS Christopher Columbus getroffen hat. Nostalgie. Sie verabschieden sich an der Union Station. Sie trägt einen Ring am Finger von ihrem Mafiosi-Lover, der zeigt, dass sie „ab sofort die So-gut-wie-Mätresse von Don Peppino Infernacci, dem Großen und Bösen“.
17: HM sitzt im Zug, träumt von einem Schallplattenverkäufer, der ihm eine Scheibe von AR verkauft, die er anhört. Als er aufwacht, weiß niemand davon.
18: In New York besucht das Büro der U-Ops. Dort erfährt er, dass Daphne sich auf einem Dampfer befindet. Korruption um einen Richter. Ihm wird bei der Bank ein Ticket für eine Dampferfahrt mitgegeben. HM außer sich, will nicht reisen, ruft Boynt an, beschwert sich. Radiosendung von Rex und Rhonda.
19: Er geht mit Leuten vom Büro der U-Ops aus, wird außer Gefecht gesetzt und findet sich auf einem Dampfer wieder, auf hoher See, vollausgestattet, mit großer Kabine. Er lernt Glow Tripforth del Vasto kennen, eine Journalistin mit eifersüchtigen Ehemann Porfirio.
20. HM lernt ein britisches Spionageehepaar kennen: Pip und Alf Quarrender. Beobachten Porfirio. Kindheit von HM in Wonewoc, Wisconsin. Beobachten ein Periskop von einem U-Boot. Kurz darauf meldet sich Stuffy Keegan bei HM von der U-13. Ist jetzt mit Schmugglern unterwegs. HM lässt sich nicht auf Glow ein, Porfirio zu eifersüchtig. Will Glow einen Tragschrauber kaufen. Sie steigen in Tanger aus.
21. Über Belgrad nach Wien. HM lernt Egon Praediger kennen. Alf und Pips verabschieden sich. Praediger heuert HM an, wegen gefälschtem Käse. HM soll Bruno Airmont (BA) aufspüren, Vater der Käseprinzessin (Daphne Airmont). Wien Hauptstadt der Spionage (1930er). Ab nach Budapest, Hauptstadt der Asport/Apport-Aktivitäten. Dort befindet sich BAs Stellvertreter Ace Lomax, der neue Auftrag von HM. HM bekommt eine PPK.
22. HM lernt Zoltán von Kiss kennen, sein Kontakt in Budapest, Promi-Detektik. HM lernt dessen Bekannte Terike kennen, Frau mit Moto Guzzi. Erster Fall: eine geschmacklose Tischlampe aufzufinden (Apparition, Apport-Problem, alles kann auftauchen und verschwinden nach Belieben). Sie gehen in einen Club, treffen dort auf die Drei im Weggla (Schnucki, Dieter, Heinz), Deutsche, die mit Asport/Apport-Schaustücken brillieren. Spionage-Aktivitäten zwischen Ost und West. Lampe taucht auf. Ace Lomax (AL) ebenfalls, mit Harley Davidson. HM und er bedrohen sich, haben aber Respekt füreinander. Lampe wieder verschwunden.
23. Pips taucht wieder auf. Kreuzworträtsel-Selbstmord-Café. Alf taucht auch auf.
24. HM zur Budapester Polizei, die kein Interesse an AL hat. Er trifft Terike auf der Straße mit ihrer Moto Guzzi. Brausen los, HM im Seitenwagen, fahren ins Budapester Montmartre. Hintergrundgeschichte Terike, aus bürgerlichen Verhältnissen. HM trifft Slide Gearheart, freischaffenden Auslandskorrespondenten. Terike tanzt, dann verschwindet sie.
25. Zwei Tage später, HM erfährt, dass DA im Tropikus Nachtclub auftritt. Slide hat es von Pancho Caramba erfahren, dem Ex-Schlagzeuger von Hop Wingdale (HW) bei den Klezmopolitans. Hop verschwunden. DA sucht ihn. DA und HM flirten. Hop ist wegen Antisemitismus verschwunden.
26. DA reiste HW hinterher. HM will sie bewegen, zurückzukehren, um seinen Auftrag zu erfüllen. DA heuert HM an, HW zu finden. Paar Tage später schlafen DA und HM miteinander in DAs Hotel.
27. HW bei einem Bandauftritt in Genf. Sein Agent rät ihm auf der Trans-Trianon-2000-Tour aufzutreten. Gute Gelegenheiten Fluchtrouten aus Europa anzusehen.
28. Terike macht beim Trans-Trianon-2000 mit. Praediger will, dass HM BA tötet. HM will nicht mehr töten. Hintergrundgeschichte DAs mit ihrem Vater Bruno. Seltsame, etwas inzestuöse Situationen. BA hat sich liften lassen, tanzt mit DA. DA will HM nichts von ihrer Sache mit Bruno erzählen – Bruno benötigt Geld und will sie um ihren Erbanteil (Kuhherde) beschwindeln. Slide besorgt einen fahrbaren Untersatz in Bratislava, dort lernt er einen Golem kennen; zusammen mit HM brausen sie los.
29. AL auf der TT2K, seine Hintergrundgeschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg keine Lust mehr auf die USA, will Europa bleiben. Gerät in den Dunstkreis von BA, als Motorradkurier. Leute suchen Entspannung bei der TT2K.
30. Pip und Alf müssen auf der TT2K einen Überläufer töten, Wassili, der aber entkommt, indem er ein Luftschiff, das Wassermelone besprengt, erklettert. Pip und Alf schauen hinterher, hoffen, nicht nach Brasilien zu müssen, wohin das Luftschiff fliegt.
31. Hicks, der Golem und Slide kommen in ein Dorf in Transsilvanien (Vampire <- Verweis Kinofilm Dracula), das sich rundum ein Ersatzteil-Schuppen gebildet hat. Dort trifft HM die singende Pip, und auch Terike, die LA versucht zu schützen. Sie hören davon, dass Hop sich zu retten versucht, will in ein kroatisches Guerilla-Trainingslager fliehen. Der Golem kundschaftet die Sache aus.
32. AL trifft Hop, den er für Bruno kaltmachen soll. AL verdient sich seine Meriten als Motorradstuntman im Gebiet der Vlad-Jungs. Hintergrundgeschichte Bruno und AL. Terike macht sich Sorgen um AL, der ausbüchst, aber von den Vlad-Jungs kassiert wird.
33. AL gerät in ein Nazi-Camp, Ustascha, wo sie Militärmanöver üben. Wegen Falschspielerei beginnt eine Schießerei. AL verkriecht sich unter Laster, Dialog mit Ustascha-Kerl, wird gerettet von Zdenek, dem Golem mit Maschinengewehr-Arm. Mit ihm zusammen fährt Hop Wingdale (HW).
34. DA in Hamburg, sucht HW, gerät in eine Nazikneipe, wird von Glow und ihrem Tragschrauber gerettet, fliegt mit ihr zu einer anderen Kneipe. Hintergrundgeschichte Glow und Porfirio. Sie fliegt DA nach Fiume.
35. DA hört Gesang, beginnt vor Publikum in Fiume zu singen. HW taucht auf. Es kommt heraus (wie?), dass HW ein Spion ist und DA ausspioniert hat. DA wütend. Am Hafen findet HM sie. Sie organisiert mit einem Skipper die Flucht von Bruno. HM hält sich raus. DA soll Nachricht an AR bringen.
36. Bruno in Fiume. Besitzt dort eine Villa, schmeißt Parties. HM trifft Terike, die AL schützen will. Porfirio in seinem Duellier-Element. Wiedertreffen mit Zoltan von Kiss. HM auf der Party. Spekulation ob Babe Ruths Erfolg im Baseball mit Magie zu tun hat. HM hört von Stuffy. Aussprache zwischen AL und Bruno. Bruno wollte ihn als Nachfolger installieren und ausbilden. AL läuft HW überm Weg, überlegen ein Geschäft mit der Rettung von Juden zu machen.
37. Geschichte der U-13, Ernst Hauffnitz, der desertiert und sein U-Boot in ein Schmugglerboot umwandelt. Soll Bruno in Sicherheit bringen. Bruno übergibt DA sein ganzes Geld. Er ist auf der Flucht vor der InKäSyn, über die er geheime Information hat. DA bringt ihn zum Skipper. Versöhnlicher Abschied zwischen Bruno und DA. Der Skipper Drago wird vom U-Boot überrascht. Bruno muss an Bord. Sie retten ihn. Stuffy.
38. Auf Sizilien, HM. Er erfährt, dass AR ein Kind erwartet vom Syndikatchef. Er hat nichts mehr, um in die USA zurückzukehren. Ruft seine Mutter an.
39. Vor der Freiheitsstatue (oder woanders?). Die U-13 bringt Bruno in Sicherheit. HM richtet sich im Exil ein. Trifft auf Terike. Sie bringt ihm eine neue Sprache bei. Sie küssen sich. Letzter Akt, Skeet auf dem Weg nach Kalifornien.
Fjodor Michailowitsch Dostojewski: „Die Brüder Karamasoff“
Literatur als verzweifelte Weltablehnungsgeste – ein Anti-Evangelium.
Inhalt: 5/5 Sterne (existenziell-theologischer Mordfall)
Form: 5/5 Sterne (fließend-klassisch-rund)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unzuverlässig-angreifbar)
Komposition: 5/5 Sterne (operettenhaft-polyphon)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (psychologischer Sog)
–>23/25=4,6 Sterne
Erschienen in den Jahren 1878-80 Die Brüder Karamasoff bildet die Summa des gesamten literarischen Schaffens von Fjodor M. Dostojewski, der ein Jahr nach Beenden des Romans gestorben ist. Tatsächlich sticht der letzte Roman neben Die Dämonen, Der Idiot und Schuld und Sühne heraus, nicht nur hinsichtlich der Länge. In keinem anderen Roman wird die Montage, die Erzählung in der Erzählung so weit getrieben wie im Falle des Karamasoffschen Vatertodes, mit der Legende des Großinquisitor als Herzstück von Dostojewskis Gedankengebäude schlechthin.
Selbst die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens, – alles, alles werden sie zu uns tragen, und wir werden ihnen verzeihen, und sie werden mit Freuden unserer Entscheidung glauben, denn sie wird sie von der großen Sorge und den furchtbaren gegenwärtigen Qualen einer persönlichen und freien Entscheidung erlösen. Und alle werden glücklich sein, alle Millionen Wesen, außer den Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die wir das Geheimnis hüten, nur wir werden unglücklich sein. Es wird Tausende von Millionen glücklicher Kinder geben und nur hunderttausend Märtyrer, die den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still werden sie sterben, still werden sie verlöschen in Deinem Namen und hinter dem Grabe nur den Tod finden.
Der Plot lässt sich schnell zusammenfassen: Eine Familie befindet sich im Aufruhr. Der älteste Sohn verschwendet Geld und verstrickt sich in Schulden, buhlt mit dem eigenen Vater um eine Geliebte, unterdessen der Bruder auf die Verlobte des ältesten schielt. Gesagt getan, Geld muss her, um die Frau zu bezirzen, und das Geld hat der Vater, aber er sitzt geizig drauf. Eines Nachts wird dieser erschlagen in seinem Haus aufgefunden und der Briefumschlag, in welchem sich Geld befand, liegt leer vor dem Bett. Was ist passiert?
Hier der Clou von Die Brüder Karamasoff, den der Großinquisitor preisgibt. Es gilt das Geheimnis zu ertragen. Nochmehr, es gilt dem Blick hinter den Vorhang zu vermeiden, denn wie Nietzsche sagt: „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Das Thema schlechthin von Dostojewskis Roman: eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, die in den Kommerz, in die Amerikanisierung hineinschlittert und den wahren Glauben an das Unendliche verliert, mimt den unaufhaltsamen Aufstieg und reißt alles mit. Mit nur ein paar Ausnahmen, bspw. Aljoscha, der jüngste Bruder, der den Glauben an das direkte und unverbrüchlich Zwischenmenschliche im Romangefüge repräsentiert:
Doch plötzlich wandte Aljoscha sich um und verließ die Zelle. Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht umfing die Erde.
In Die Brüder Karamasoff fährt Dostojewski alles auf, um vor der Individualisierung, der abstrakten Staatsmaschinerie, den religiösen, unsittlichen Kircheninfrastrukturen zu warnen, denn all das findet nur statt, so die These, wenn Menschen vereinzelt, hilflos, isoliert werden und nicht die Kraft haben, aus sich heraus, wie Aljoscha das Unendliche zu ergreifen. Leider zerbricht der Roman an der eigenen These, denn er, der Roman selbst, ist der schaulustige, voyeurhafte Blick in den Abgrund und auch hier zeigt sich, dass Nietzsche und Dostojewski sich näher stehen, als letzterer angesichts Nietzsches Unglauben wohl wahrhaben hätte wollen. Dostojewskis Roman gerät, in sich widersprüchlich, zur verzweifelten, in überbordendem Maße Weltabwehrgeste und fällt ganz tief in sie hinein.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Dmitrij und Ivan Karamasoff.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Haupthandlung: Ins Rollen kommt die Handlung durch Katerinas Vater, der als Beamter Geld veruntreut hat und 4500 Rubel zurückerstatten muss. Die Familie hat das Geld nicht. Dmitrij, der sich gerade sein Erbe auszahlen lassen hat, überlässt Katerina das Geld, nachdem sie persönlich bei ihm vorgesprochen hat. Sie kniet zu Boden vor ihm. Das Geld rettet die Ehre des Vaters, der kurz darauf stirbt. Katerina zieht nach Moskau, lernt eine Generalwitwe kennen und erhält ein Vermögen. Sie zahlt das Geld Dmitrij zurück und bietet sich, von ihrem Reichtum berichtend und obwohl sie von seinem unsittlichen Lebenswandel weiß, unterwürfig als Braut an. Dmitrij geschockt, fühlt sich nicht würdig, weicht aus und schickt stattdessen Iwan, der auch in Moskau weilt, zu ihr. Dieser verliebt sich nun in Katerina. Später reist Dmitrij nach Moskau, die Verlobung wird gefeiert. Er reist wieder zurück zum Vater, ob der Erbangelegenheiten im Streit, erhält aber vor seiner Abreise aus Moskau von Katerina den Auftrag, heimlich ihrer Halbschwester Agafja Iwanowna 3000 Rubel nach Moskau aus einer Gouvernementsstadt zukommen zu lassen. Wieder zurück, hört er, dass sein Vater einer gewissen Agrafena Alexandrowna Swetlow, genannt Gruschenka, ihm einen von Dmitrijs Wechsel zur Vollstreckung überlassen hat. Er fährt zu ihr, um ihr zu drohen und verliebt sich Hals über Kopf und schmeißt eine riesige Fete von dem Geld Katerinas in Mokroje.
Zentraler Konflikt: Ivan liebt Katerina, die Verlobte Dmitrijs. Dmitrij hat sich in den Schwarm seines Vaters Gruschenka verliebt, und hierbei 3000 Rubel verzecht, die Katerina gehören. Dmitrij muss irgendwie die 3000 Rubel auftreiben, um vor Katerina nicht als Schuft und Dieb dazustehen, und benötigt auch Geld, um Gruschenka zu überzeugen, mit ihm ein neues Leben anzufangen, unterdessen sein Vater Gruschenka mit 3000 Rubeln lockt, auf dass sie sich mit ihm verlobt.
Folgen/Auflösung: Dmitrij versucht seine Erbansprüche auf ein Waldstück zu monetarisieren, scheitert. Als er wiederkommt, findet er Gruschenka nicht bei sich zuhause. Wutentbrannt läuft er zu seinem Vater, eifersüchtig, spioniert seinem Vater hinterher. Gruschenka ist aber nicht dort. Grigorij, der Diener des Vaters erwischt ihn. Dmitrij schlägt ihn nieder und flieht Hals über Kopf, rennt zu Gruschenka und erfährt dort, dass diese nach Mokroje gefahren ist, zu ihrem Ex-Verlobten. Er kauft seine Pistolen zurück, hat plötzlich Geld und beschließt, nach Mokroje zu fahren, dort alles Geld auf den Kopf zu hauen und sich dann umzubringen, nun, wo er Gruschenka für immer verloren glaubt. In Mokroje aber hat sich der Ex-Verlobte als Reinfall für Gruschenka erwiesen, freut sich, dass Dmitrij sie rettet. Sie feiern, geloben sich ewige Liebe, und dann wird Dmitrij festgenommen. Der Vater wurde tot aufgefunden, dessen 3000 Rubeln sind fort und Grigorij lebt und hat Dmitrij gesehen. Zwei Monate später kommt es zur Gerichtsverhandlung. Dmitrij wird schuldig gesprochen, verurteilt. Ivan und Katerina planen eine Flucht, sind sich herbei näher gekommen.
Nebenhandlung: Dmitrij beleidigt einen Hauptmann namens Ssnegirjoff öffentlich, zieht ihm am Bart aus dem Gasthaus auf die Straße; daraufhin wird sein Sohn in der Schule „Bastwisch“ genannt und gehänselt für die Feigheit des Vaters. Da sich sein bester Freund, Kolja, von ihm wegen Hundequälerei abgewendet hat (Smerdjakoff hat Iljuscha angestiftet, dem Hund Shutschka eine Teigkugel mit Stecknadel zum Fressen zu geben), steht Iljuscha alleine da. Als Kolja zusieht, wie Iljuscha mit Steinen beworfen wird, stürzt dieser auf ihn zu und sticht ihn mit einem Federmesser ins Bein. Kurz danach, als Aljoscha den Streit zwischen den Jungen schlichten will, schmeißt Iljuscha einen Stein auf ihn und beißt ihm in den Finger. Aljoscha und Katerina beschließen zu helfen. Der Hauptmann wehrt sich zuerst, aber findet sich dann damit ab. Iljuscha ist krank vor Sorge um Shutschka und zieht sich zudem noch Tuberkulose zu. Kolja sucht seinen Hund und findet ihn, täuscht zuerst vor, es sei nicht der Hund, lässt ihn, sich totstellen, und feiert die Wiedergeburt. Es ist tatsächlich Shutschka, den er als Pereswonn vorgestellt hat. Iljuscha lässt sich aber nicht kurieren und stirbt kurz darauf. Aljoscha versammelt die Freunde und spricht zu ihnen, dass sie das nie vergessen sollen, wie alles sich um ihn gekümmert, um ihn sich versammelt haben, dass diese Kindheitserinnerungen sie vor Bösem schützen.
Nebenhandlung: In dem Dorf gibt es ein Kloster mit einem Beichtmönch, den Staretz, der Gegenspieler besitzt, Ferapont, vollendeter Schweiger und Asket, und den Prior, der Klostervorsteher, der gerne schmaust. Aljoscha hat sich dem Staretz angeschlossen, lebt bei ihm. Der Staretz ist alt. Er empfängt Menschen, die sich Wunder erhoffen, unter anderem eine Witwe, Katerina Ossipowna Chochlakoff, und ihre Tochter Lise, die in Aljoscha vernarrt ist. Lise sitzt im Rollstuhl und hat Fieber. Die Witwe bedankt sich für den Beistand beim Staretz. Lise schreibt Aljoscha einen Brief und der Staretz verspricht, ihn zu ihr zu schicken. Sie schreibt im Brief, dass sie ihn liebt, und als Aljoscha sie besucht, verspricht er sich ihr. Der Staretz stirbt, und dessen Leichnam beginnt früher als normal zu stinken. Das verwirrt die Witwe und sie fällt vom Glauben ab, auch Lise wird heftiger, und nach zwei Monaten hat sie sich in eine masochistische Dämonin verwandelt, die Iwan schreibt, der ihren Brief aber zerreißt. Vorher hat sie sich von Aljoscha losgesagt, um dem Bösen zu huldigen, derweil sich Perchotin und Rakitin, der Neffe von Gruschenka, um die Witwe bemühen.
Nebenhandlung: Eine Herumtreiberin namens Lisaweta Smerdjaschtschaja wird vergewaltigt und bringt ein Kind namens Pawel zur Welt, und zwar im Gartenhaus von Fjodor Karamasoff, den viele als Vater vermuten. Grigorij und Marfa, die Kammerdiener von Fjodor, ziehen Pawel auf. Er wird Koch im Hause, leidet an epileptischen Anfällen, unter anderem in der Nacht, als Fjodor erschlagen wird. Pawel behauptet, ihm 3000 Rubel gebend, gegenüber Ivan, dass er den Vater umgebracht hat, und erhängt sich danach.
●Charaktere: (rund/flach) sehr rund, sehr detailliert analysiert, außerordentlich weitschweifig, umfassend charakterisiert und lebendig (mit Ausnahme vielleicht Aljoschas).
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Großinquisitor-Szene; der stinkende Staretz; Dmitrijs Flucht, die Nacht der Tat; der unbekannte Mann, der dem Staretz den Mord gesteht und vor öffentlichen Eingeständnis kurz überlegt, ob er den Staretz nicht töten sollte;
●Diskurs: –> außerordentlich politisch-theologisch, über die richtige Einrichtung der Welt, Widerspruch gegen Sozialrevolutionäre, gegen das Katholikentum, gegen die Bürokratie, gegen die Moderne.
… Handlung einer mörderischen Opera buffa, eine Welt der Korruption, Verwirrung, der Zerstörung und Misshandlungen, der Lügen, der Unvollkommenheiten, der desaströsen Entscheidungen. Dostojewskis äußerst pessimistische Weltsicht, die menschliche Komödie als Farce, nur der Glaube kann helfen, nur die Gemeinde, nur das öffentliche gemeinsame, ent-individualisierte Leben; und dies alles als Kriminalfall aufgezogen.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: wenig dichterisch, mehr dialogisch, mehr alltäglich, mehr Genre-haft
●Type-Token-Ratio: (auf Länge bereinigt) 0,017 (hohe lexikalische Vielfalt)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 15,65 STAB 13, Median 12
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 78% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1139 relativ gering durch Dialogizität
●Auffälligkeiten: viele viele Namen.
●Innovation: keine, aber geschliffene, runde, musikalische, weiche lesbare Prosa
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählstimme ist seltsam gebrochen; sie lokalisiert, ein Zeitzeuge, der mit dem Kloster zu tun, in welchem Aljoscha beim Staretz lernte. Er ist auch bei der Gerichtsverhandlung zugegeben. Er übt sich als Laienchronist, besitzt nicht die Sicherheit, relativiert vieles, muss Lücken schließen und spekuliert. Seltsamerweise aber spekuliert er als allwissende Erzählinstanz, die Gedanken in die Figuren hineinmontiert.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, aber mit selbstherrlicher Überschätzung; zwar perspektiviert, auf eine Figur, mit einer Sicht der Dinge, die aber nach Belieben Lücken füllt, ohne die Autorität zu besitzen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: Urteilend, hart kontrastierend, teilweise vernichtend, teilweise ironisiert, komisch, aber stets am Geschehen interessiert, parteilich.
●Einschätzung: Die Erzählinstanz selbst ist der Schwachpunkt des Romanes, der als Architektur die Schaulust bedient, ohne die Schaulust gutzuheißen, d.h. der Roman und so die Erzählinstanz taucht zwiegespalten auf, dringt in Bereiche vor, in die besser niemand vordringt. Entblößend. Als Figur kaum einschätzbar, eher gebrochen. Doch als stellt sich der Kritik, gibt sich zu erkennen. Deshalb gerade noch:
–> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): unfassbar polyphon, mitreißend, interessant, mit retardierenden Elementen, ein paar schwierigen Digressionen, bspw. nach der Verhaftung die lange Passage über Kolja Krassotkin; oder auch die ewig langen Reden der Anklage und Verteidigung.
●Extradiegetische Abschnitte: ja, der Großinquisitor als eigene Erzählung
●Lose Versatzstücke: die Geschichte des Staretz wirken lose, nicht wirklich eingebunden, funktionieren nicht mal als Montage, wirken wie Predigten.
●Reliefbildung: hoch, bunt, schnell durch Episodenformat, sehr unterhaltsam, ein Zirkus, ein Karneval (Bachtin).
●Einschätzung: Mit den Stimmen, den angedeuteten Motiven, der Dynamik und Theatralik, wie eine Oper, die mit Arien und Gesangseinlagen arbeitet, sich langsam zum Höhepunkt hin entwickelt.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: Nur bei den Predigten des Staretz; und bei den Reden der Anwälte.
●Geärgert: nein, bis auf die langen Reden am Ende.
●Amüsiert: hier und da.
●Gefesselt: stets.
●Zweites Mal Lesen?: mglw. nicht. Ein drittes Mal muss nicht sein.
–> 5 Sterne
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Inhaltsangabe:
Vorwort: Der eigentliche Held heißt Aljoscha – Alexei Fjodorowitsch Karamasoff, er sucht aus dem Finsteren hinaus, seine Seele zum Licht zu erheben. Es geht auch um die Kirche, ihre Rolle in der Welt, und auch ihre Ausrichtung: die orthodoxe Kirche im Streit mit dem Staretzentum, das Christentum zersplittert über die verschiedenen Konfessionen.
1. Teil
1. Buch: Fjodor Karamasoff (F) treibt es wild. Hat drei Söhne von zwei Frauen, die beide jung sterben. Er kümmert sich um keines von ihnen. Der älteste Sohn, Dmitri (D), wird vom Freidenker Pjotr Alexandrowitsch Miusoff (M) phasenweise großgezogen, streitet sich mit F ums Geld. D tritt ins Militär ein, duelliert sich, und kommt mit Geldansprüchen zurück ins Dorf. Um die andern beiden Kinder kümmert sich die Angestellten Fs und dann Jefim Petrofwitsch Polenoff. Sein zweitältester Sohn, Ivan (I), lebt als Akademiker, finanziert sich selbst, schreibt Artikel über das Verhältnis von Kirche und Staat und steht mit Dmitri in Kontakt. Der jüngste, Aljoscha (A), fühlt sich zum geistlichen Leben hingezogen, bricht das Gymnasium aus innerer Berufung ab und schließt sich einem Staretz Ssosima (S) an, der 65jährig in einem Kloster weilt, sehr alt und schwächlich ist.
2. Buch: Die Familie trifft sich bei S im Kloster, zusammen mit M, D aber verspätet sich. F reißt Possen. S unterbricht das Treffen und segnet heilssuchende Frauen (Erzählung ihrer Geschichte: Verlust des Kindes). Fürstin Chochlakoff mit ihrer Tochter Lise (L), die an Kinderlähmung leidet, wollen S danken und A die Nachricht übermitteln, dass dieser zu KI kommen solle (der Braut von D, Katerina Iwanowna). L flirtet mit A. Dann geht das Treffen weiter – Diskussion über Is Artikel über Kirchenjustiz. S vertritt die Meinung, nur die Kirche, das Gewissen, der Glaube, verhindert Verbrechen, sonst nichts. Nicht die Kirche zum Staat, der Staat soll zu einer Kirche werden. D taucht auf. F und D streiten sich. F und D buhlen um eine gewisse Gruschenka (G), D hat für G seine reiche Braut Katerina Iwanowna (KI) verlassen. Das Treffen endet damit, dass S vor D hinfällt und sich vor ihm verbeugt. Auf dem Rückweg von der Einsiedelei Ss zum Kloster teilt Rakitin A seine Meinung über die Angelegenheit mit. Es wird zum Vatermord kommen, hetzt über die Wollüstigkeit der Karamasoffs. Buhlen F und D um G, buhlt I scheinbar noch um KI.
3. Buch: Über den Hausstand von F, drei Angestellte, Grigorij, Marfa und Ssmerdjakoff, wahrscheinlich der uneheliche Sohn von F mit der Herumtreiberin Lisaweta Ssmerdjaschtschaja (SM). A auf dem Weg zu seinem Vater beschließt er doch zuerst zu KI zu gehen, nimmt Abkürzung, dadurch läuft er D über den Weg, der ihn zu sich in die Hütte zieht, und die Geschichte zwischen KI und sich erzählt. Er hat ihr aus einer brenzligen Situation geholfen, als ihr Vater bankrott war – 4500 Rubel ohne Gegenleistung. Sie hat vor ihm gekniet. Später wurde KI durch eine Moskauer Generalin reich. Sie verloben sich, aber D fühlt sich beschämt, verzockt das Geld, das KI durch ihn ihrer Halbschwester Agrafja zukommen lassen wollte (3000 Rubel). A soll nun diese 3000 Rubel bei F holen, sie KI bringen und Ds ewigen Abschied melden. A trifft F jedoch betrunken an. Dort herrscht ein Streitgespräch über den Glauben, ob man diesen zur eigenen Lebensrettung widerrufen dürfe. I dafür, der uneheliche Sohn SM auch. Grigorij entsetzt, F amüsiert. Die Frage nach Gott, I verneint, A bejaht. D stürzt hinein, denkt, gesehen zu haben, wie G zu F gegangen ist. Schlägt F nieder, tritt ihn. Stürzt davon. F will A am nächsten Tag sehen, um ihn etwas Wichtiges zu sagen. A zu KI, wo er G trifft, die KI veräppelt und ebenfalls böse Possen treibt, indem sie zuerst vorgibt, D aufgeben und dann nicht aufgeben zu wollen. KI entsetzt, als G davon spricht, wie KI sich prostituiert hat oder prostituieren wollte, ein Geheimnis das nur D kennt. KI am Boden zerstört. G, danach A gehen. A erhält einen Brief von L, den er im Kloster liest, davor trifft er D in selbstmörderischer Stimmung, will ihm am nächsten Tag ein Geheimnis preisgeben. Im Kloster steht der Staretz kurz vor dem Tod. A betet, liest den Brief von L, in welchem sie ihre Liebe zu ihm gesteht.
4. Buch: Staretz fühlt sich dem Ende nahe, hält eine Predigt über die Mission des Mönchen, dass diese verstehen müssen, dass sie selbst am niedrigsten stehen. Ein Brief erreicht das Kloster, in welchem von einem „Wunder“ gesprochen wird. S hat einen Brief vorhergesehen, an eine Mutter, die ihren Sohn (Prochowna) vermisst, der im Militär, in Sibirien weilt. Gegenspieler von S, Feraponte, der Schweiger. F gegen S und den Prior mit seinen Festmahlzeiten. Pater Paissij nimmt sich A an, warnt ihn vor den Versuchungen. A besucht F, der sich von allen verfolgt fühlt. F erwägt die Möglichkeit, sich von D mit 2000 Rubeln loszukaufen. Auf dem Weg zu Ch versucht A einen Streit zwischen Kindern zu schlichten, ein Junge wirft ihm einen Stein an den Kopf, beißt ihm in den Finger (Iljuscha) und rennt davon. Bei Ch trifft A auf L, er verspricht, sie zu heiraten. Bei Ch befindet sich auch I und KI, die „eine Vergewaltigung ihrer eigenen Person“ betreibt, sich D verschreibt, als treue Schwester. A wie Ch platzt mit der Meinung heraus, dass KI doch I liebt, nicht D. I davon inspiriert, sagt sich von KI los und geht. KI entsetzt, reißt sich zusammen, bittet A zu einer Familie zu gehen, dessen Familienoberhaupt D Unehre angetan hat. Er hat einen Familienvater, Ssnegirjoff, am Bart aus einer Schenke gezogen und alle haben es gesehen. Bei der Familie erlebt er eine Posse, trifft dort auf den fingerbeißenden Jungen. Der Vater geht mit A spazieren. A bietet diesem die 200 Rubel an, die KI mitgegeben hat, zuerst außer sich vor Freude, rastet er aus, nachdem A ihm Bruderschaft angeboten hat, schmeißt das Geld hin, um seine Ehre nicht zu verkaufen, die seinem Sohn so wichtig ist.
2. Teil:
5. Buch: A zurück bei Ch, Stelldichein mit L. Sie flirten und küssen sich. A will den Brief von ihr nicht herausgeben. A hat sogar gelogen, als L nach ihm fragte und gesagt, er läge noch im Kloster. L gesteht A, dass sie I nicht über dem Weg traut. A spricht von einer Erdkraft, die über die Karamasoffs herrscht. A macht sich Sorgen über D und lauert ihm in seinem Zimmer heimlich auf. Er hört SM mit Marja Kondratjewna, die Vermieterin von D, SM spricht sich für Napoleon und Russlands Unterwerfung aus. A niest und muss sich zu erkennen geben, erfährt, dass D möglicherweise im Gasthaus „Zur Hauptstadt“ sich mit I trifft. Dort aber sitzt I alleine. Sie sprechen sich aus. I ist A bewusst drei Monate lang aus dem Weg gegangen. I ist Agnostiker im Kantischen Sinne, kann der Welt aber das Leid nicht verzeihen, dass u.a. Kindern angetan wird. Er kann nicht verzeihen. I hält Monolog mit barbarischen Beispielen (gepeitschte, gequälte, getötete Kinder). I stellt seinen Text „Der Großinquisitor“ vor. 1500 Jahren nach seiner Himmelsfahrt kehrt Jesus wieder, wirkt in Sevilla zur Zeit der Inquisition Wunder, wird dann vom neunzigjährigen Großinquisitor in den Kerker geworfen. Dort hält dieser Jesus eine Rede, dass dieser nämlich die Natur des Menschen verfehlt habe. Der Mensch will nicht frei sein. Er will Brot, Sicherheit und Gemeinschaftlichkeit, all dies aber bewirkt nur Autorität, Geheimnis und Wunder, alles, was Jesus nicht leisten wollte, um die Menschen nicht zum Glauben zu zwingen. Die Kirche hat deshalb mit dem Teufel paktiert. Sie führt die Menschen, gibt ihnen Halt. Eine Minderzahl leidet unter ihrem Gewissen, um die Mehrzahl wie Schäfchen durchs Leben zu geleiten. Der Großinquisitor kündigt an, er werde Jesus am nächsten Tag vor allen Leuten verbrennen, lässt ihn aber doch frei, woraufhin dieser ohne Antwort nur mit einem Kuss sich verabschiedet und geht. Genauso verabschiedet sich Aljoscha von I, der sich verabschiedet und beschließt, alle Brücken abzubrechen und nach Moskau zurückzukehren. I nun auf dem Weg zum Vater, trifft SM, der ihm Seltsames ankündigt und ihn beschwört nach Tschermaschnja zu fahren. I mag SMs Familiarität nicht, auch ärgert ihn, dass SM einen epileptischen Anfall ankündigt und eine Krankheit von Grigorij. Am nächsten Tag bittet F I nach Tschermaschnja zu fahren, um dort Geld fürs Abholzen herauszuschlagen. I fährt aber nicht, obwohl er zugesagt hat, fühlt sich erleichtert, alle enttäuscht und hinter sich gelassen zu haben. Am Abend kommt es nun zum Anfall von SM und Grigorij wird krank. Nun wartet F allein auf Gruschenka, ungeschützt und unbeschützt. Sie soll fünfmal Klopfen. F hat fürchterliche Angst vor D, der ihn totschlagen will, um zu verhindern, dass Gruschenka sich das Erbe erschleicht.
6. Buch: Über die letzten Stunden des Staretz. Er verbeugte sich vor D wegen eines drohenden Unheils. Fühlt sich durch A an seinen älteren verstorbenen Bruder erinnert, Markéll. Schwere Krankheit führt zu dessen Dahinsiechen, aber auch zu einer allumfassenden Liebe und Erleuchtung. S stammt aus wohlhabendem Verhältnissen, haben Diener. S auf dem Weg zu einem Duell, eine Frau hat ihren Verlobten vorgezogen. Misshandelt seinen Knecht. Schlechtes Gewissen, geht zum Duell, lässt auf sich schießen, schießt nicht zurück. Beendet seine militärische Karriere. Er lernt einen unbekannten Menschen kennen, der sich ihm nach und nach anvertraut, ihm irgendwann gesteht, dass er einen Mord begangen hat. S Mut an ihn inspiriert, die Tat endlich zu gestehen. Er zieht es aber heraus, mehr und mehr, besucht S, dem der unbekannte Mensch immer unheimlicher wird. Tatsächlich eine Nacht bevor er gesteht, besucht dieser Mensch S, geht wieder, nachher gesteht dieser, er habe überlegt S umzubringen, da dieser der einzige Zeuge seiner Untat sei. Der Mensch wird krank und so wird die Familie vor seinem moralischen Ruin geschützt. S redet über die Mission der russischen Mönche, Stern Christis. S trifft seinen Knecht wieder, der ihm zum Abschied einen Rubel gibt. S nun Bettelmönch. Predigt über den Schutz der Tiere, alles hängt zusammen, Vergebung der als Sklavenmoral.
3. Teil:
7. Buch: Nach Staretz‘ Tod beginnt die Leiche schnell zu verwesen, ein Zeichen fürs Volk, dass etwas mit S nicht gestimmt haben kann. Schaulustige. Ferapont erscheint, will Satan vertreiben. A verlässt wortlos das Kloster, ohne mit Paissij zu sprechen. Er trifft Rakitin. A wiederholt Is Worte, nicht Gott, Gottes Welt empört ihn. Rakitin verführt A mit zu Gruschenka zu kommen. Geschichte Gruschenkas, die einst mit einem Offizier verbandelt gewesen ist, der sie sitzengelassen hat, vor 5 Jahren, nun 22. Mäzen, Patron Ssamssonoff hat sich ihrer angenommen, sie in Geld Dingen unterrichtet, ihr ein Startkapitel gegeben, mit dem sie gut hauswirtschaftet. G unruhig, erwartet Nachricht. Hat D mit einer Finte von sich losgeeist, sie hat vorgegeben bei Ssamssonoff Geld zu zählen, sich dann sofort wieder aus dem Haus ihres Gönners geschlichen. G zwiegespalten, der Offizier, nun Witwer, hat Kontakt mit ihr aufgenommen. Sie entscheidet sich zu gehen. Vorher erweist sich Rakitik als Charakterschwach gegen G. A peinlich berührt. G erteilt A einen Gruß für D, sie habe diesen für ein Stündchen geliebt.
8. Buch: D hofft G zu erobern, indem er sich von KI freikauft, plant die 3000 Rubel aufzutreiben, indem er die Anrechte auf ein Waldstück als Sicherheit verkauft. D fährt zu Ssamssonoff, der ihn zu einem Bauern namens Ljägawij schickt. Um die Fahrt zu finanzieren, versetzt D seine Pistolen und seine silberne Uhr. Ljägawij aber ständig betrunken, nimmt D nicht ernst. D begreift, dass Ssamssonoff ihn gefoppt hat. (Zeitpunkt: letzte Nacht des Staretz). Am nächsten Tag geht D zu G, die ihn aber abschüttelt. D versucht es bei Ch, die ihm Hoffnung auf eine Goldgrube macht, aber kein Geld gibt. D rastet aus, verzieht sich. Geht zurück zu Ssamssonoff, erfährt, dass G nicht mehr dort ist. Geht zu G, erfährt, dass diese bereits weg ist. Außer sich ergreift er einen Messingstößel und rennt davon, zum Haus seines Vaters. Er gibt das Klopfzeichen, lauert auf. Der Vater zeigt sich, aber Grigorij hat etwas gehört, überrascht ihn. D flieht, schlägt, um sich freizumachen, Grigorij, der blutend zusammenbricht. D entsetzt, flieht, wetzt zu G. Dort erfährt er, dass G zu ihrem Offizier nach Mokroje gefahren ist. (All das spielt vier Wochen nach seiner Sause in Mokroje). D kauft Pistolen von Perchotin zurück und gibt mit einem Haufen Geldscheinen an. Kauft Delikatessen, schickt sie nach Mokroje. D rast G hinterher. Dort im Gasthaus sitzt die ernüchterte G vor zwei Polen, mit Kalganoff, Maximoff. Langweiliges Geplänkel. Sie spielen Karten. Die Polen betrügen. Die Party beginnt. D und G nähern sich an. Im Rausch. Sie träumen von einem ehrbaren Leben. Plötzlich, am frühen Morgen tritt die Polizei ins Gasthaus und verhaftet D.
9. Buch: Wie es zur Verhaftung kommt, und zwar durch Perchotin, der zu G geht, nachfragt, was es mit dem Blut auf sich gehabt hat. Perchotin erfährt, dass D bei Ch gewesen, prüft das nach, erfährt, dass D sein Geld so nicht bekommen haben kann. Grigorij aber noch am Leben. F tot, Marfa alarmiert die Nachbarn. Sie schicken nach D, um ihn, den Vatermörder, festzunehmen, da zudem die 3000 Rubel fehlen, die F für G unter dem Kopfkissen versteckt hat. D wird verhört. D behauptet unschuldig am Tod des Vaters zu sein, ist erleichtert, als er hört, dass Grigorij noch lebt. Behauptet auch, 1500 Rubel von den ersten 3000 Rubel aufbewahrt zu haben, eingenäht in seine Jacke. Er habe nur behauptet, 3000 Rubel verprasst zu haben. Er hat KI angelogen, wollte das Geld, um mit G ein neues Leben anzufangen. D wird nun endgültig verhaftet und zurück gebracht. G verabschiedet sich von ihm, gelobt ihm Treue.
4. Teil:
10. Zwei Monate seit Verhaftung Ds. Geschichte von Kolja, der Junge, den Iljuscha ins Bein gestochen hat (ehemaliger bester Freund von ihm, der sich von ihm abgewendet hat). Kolja älter als Iljuscha, bekannt dafür, dass er die Eisenbahnmutprobe absolviert hat (auf die Schienen so gelegt, dass ein Zug über ihn hinwegbrausen konnte). Kolja trifft sich mit einem anderen Kind, besuchen Iljuscha, der schwer erkrankt ist. A versammelt die Klassenkameraden um ihn. Iljuscha wartet auf Kolja, der etwas hochmütig ist. Er vermisst einen Hund, Shutschka. SM hat Iljuscha angesteckt, eine Stecknadel in Teig zu verstecken und den Teigball Shutschka zum Essen zu geben. Der Hund hatte schmerzen. Pereswonn, der Hund Koljas, sieht aus wie Shutschka. Pereswonn kann sich totstellen und dann wiederauferstehen. Iljuscha begeistert. Kolja spielt sich auf, sucht aber Nähe zu A. Kolja manipuliert durch Rakitin. A und Kolja flirten, „Kälberzärtlichkeiten“.
11. Maximoff hat sich bei G eingenistet (schmarotzend). Die Polen betteln G an. G erbarmt sich ihrer. Ein Tag vor Gerichtsverhandlung. Ds Fall hat Aufsehen erregt im ganzen Land. Spektakel. SM krank, liegt im Krankenhaus, steht aber auch unter Verdacht. I zurückgekehrt, sobald er vom Mord an F gehört hat. A im unklaren über I, überrascht, dass dieser D im Gefängnis besucht hat. A geht zu Ch, L besuchen. Ch nervös, steht neben, räsoniert über die Nichtigkeit der Vorgänge. Name des Ortes wird genannt „Viehsammelsen“ oder „Rindspferchening“. Perchotin und Rakitin buhlen um Ch. Ch entscheidet sich für Perchotin, worauf Rakitin einen bösen Artikel über Ch schreibt. L hat Verlobung mit A aufgekündigt. L predigt Masochismus, hasst die Welt. Lust an Selbstvernichtung. L gibt A einen Brief für I. A zu D ins Gefängnis, trifft dort Raikitin. D über das „Kindechen“, über seine Erleuchtung. D als Märtyrer, hetzt gegen Frauen. Plan: D soll nach Amerika fliehen, in das Land des Kommerz. A schwört, dass er D für unschuldig hält. A geht zu I, kehrt aber vorher bei KI ein, wo er I antrifft. A übergibt Brief, den I sofort zerreißt. I bricht mit A. Geschichte zwischen SM und A. Die drei Besuche: direkt nach dem Mord, SM gibt zu, Anfälle von Epilepsie vorzutäuschen; wirft I vor, dass dieser abreiste, obwohl er genau wusste, dass F sich in Lebensgefahr befindet. I wütend. Zweiter Besuch in einer ärmlichen Hütte mit Schaben hinter der Tapete: I will sich mit SM aussprechen. Sie geben zu, dass sie beide den Tod von F wünschten. Pattsituation. I schlechtes Gewissen, fühlt sich als Helfershelfer. Dritter Besuch: SM gibt zu, F getötet zu haben, gibt I das Geld, hält einen eigenartigen Monolog, redet in dritte Personal Plural an. SM fühlt sich als Schüler von I, alles ist erlaubt. I gleiche von allen Kindern F am meisten, so SM. SM sagt Lebewohl. I überkommt Nervenfieber, Gespräch mit dem Teufel, der als arbeitsscheuer Gutsbesitzer erscheint. Teufel: Ärzte können den Prozess beschreiben, aber nicht heilen. Wiederkehr des Immergleichen. Anekdote über den Atheisten, der Quadrillionen Wert durchläuft, um ins Paradies zu gelangen, sich dort so freut, dass er wieder auffällt, Ablehnung erfährt. Teufel wichtig, dass Interessantes passiert, sonst gäbe es nicht mal Zeitungen. A klopft. I im Delirium. A überbringt Nachricht vom Tode SMs, hat sich erhängt.
12. Tag der Gerichtsverhandlung. Riesen Publikumsspektakel. Frauen eher für D, Männer eher gegen D. Zweikampf: Staatsanwalt Kirillowitsch gegen Strafverteidiger Fetjukowitsch. Verteidigung nimmt Zeugen der Anklage auseinander: Grigorij besoffen; Rakitin bestechlich; Wirt Trifon ein Dieb, der D seine 100 Rubel nicht zurückgegeben hat; die Polen spielen mit verzinkten Karten. Der Arzt Herzenstube erzählt freundliche Episode von D, der sich nach 23 Jahren noch für ein Pfund Nüsse bei dem Arzt bedankt hat. D hat beim Treffen mit A, in der besagten Nacht, sich nicht aufs Herz geklopft, sondern auf das eingenähte Geld in seiner Jacke. KI kompromittiert sich in den Augen der anderen für D. I tritt auf, zeigt das Geld, das SM ihm gegeben hat, vom Fieber gerüttelt, will sich für D aussprechen, woraufhin nun KI den belastenden Brief von D zeigt (um I zu schützen, den sie mittlerweile liebt). Gegenseitiges Zugrunderichten. Dann die zwei Abschlussmonologe. Ankläger will Russland vor der wilden Troika schützen. (Gogols Tote Seelen, der heraufziehende Kommerz). D wehrt sich, alles Bernards, romantisch-pathetisch. Publikumsgespräche (hineinmontiert) wirken völlig fehl am Platze, sind abgelenkt, gar nicht wirklich an dem Fall interessiert. Der Verteidiger nimmt die Anklage auseinander, als psychologischen Roman. Verteidiger plädiert auf Nächstenliebe, lieber zehn Schuldige davonkommen lassen, als einen Unschuldigen bestrafen. D wird nach Beratung schuldig in allen Punkten gesprochen.
Epilog:
KI klagt sich der Raserei an, fühlt sich schuldig an Ds Verurteilung. I krank. D will KI sehen. Sie ziert sich. D wegen Fiebers im Krankenhaus, planen seine Flucht. Er will aber nicht nach Amerika. Er will Russland nicht verlassen. A gibt D die Absolution zu fliehen. KI besucht ihn. Sie vertragen sich. G taucht auf. G und KI schauen sich hasserfüllt an. Iljuscha gestorben, A auf der Beerdigung, hält eine Rede, dass die Kinder sich immer daran erinnern sollen, wie schön sie um Iljuscha getrauert haben. Das Kindheitserlebnis wird sie schützen, und zwar vor allem vor bösen Taten.
Karl Heinz Bohrer: „Was alles so vorkommt“
Den eigenen Illusionen auf der Spur – Ästhetik als Rettung und Schreckung.
Was alles so vorkommt von Karl Heinz Bohrer erschien einen Monat nach seinem Tod im Sommer 2021. Der Reminiszenzen-Band ähnelt, oberflächlich gesehen, Büchern wie Der stille Freund von Ferdinand von Schirach. Bohrer aber distanziert und empathisiert sich dynamisch statt statisch mit Lebenssituationen, die er aufbereitet, kommuniziert und literarhistorisch und autobiographisch in Kontexte versetzt. Ihm geht es um das ästhetische Moment, das in der Ent-Deckung eines Singulären erscheint, in der Darstellung eines Erlebten, das so noch nicht dargestellt worden ist:
Wendungen wie [die in Friedrich Hölderlins Gedichten] überraschen, sie ziehen den Leser ab von inhaltlichen Identifikationen – nicht das, was geschieht, beherrscht seine Aufmerksamkeit – und hin zu einem so noch nicht gekannten Situationismus des Wie. Wie etwas geschieht – das ist Literatur.
In dreizehn voneinander unabhängigen Miniaturen reflektiert, exploriert Bohrer Alltagssituationen, derer sich sein lyrisches Ich ausgesetzt sieht, bspw. eine Zugfahrt ohne Klimaanlage bei brütender Sommerhitze, das Dasein im abgeschiedenen Idyll in Nordengland während der Corona-Epidemie oder das Treffen mit alten Freunden, das Nachdenken über den bevorstehenden Tod, die Sehnsucht, im ästhetischen Gehalt eine Bleibe zu finden.
Und so wartet man, sobald man in der eigenen Lebenszeit die Achtzig überschritten hat, zwar nicht in einer Zelle. Man wartet auch nicht auf diesen bestimmten Tag oder diese eine bestimmte Stunde. Sondern es kann von da an immer sein. Eine Grenze, eine Grenzüberschreitung ist markiert worden: Jetzt ist jeder Tag als derjenige möglich, von dem man früher, ganz früher, nicht nur von einer fernen Zeit, sondern von einem fernen Ort gesprochen hatte.
Was Bohrer auszeichnet, besteht im ästhetischen Versuch, die Szenerien zu durchdringen und zwar nicht mittels ontologischer Klischees oder ausgetretenen Metaphern. Bohrer verlässt sich auf ein in Schwebe gehaltenes symbolisches Bewusstsein, das oberflächen-schillernd der Situation nachspürt, sie in Verhältnisse setzt und aus ihnen sich entspinnende Gedanken ermöglicht, die lebendig, eindringlich und verbindlich wirken. Auf diese Weise ähnelt er mehr Montaigne aus Essais als journalistischen Unterfangen einer sich selbst auferlegten Grand-Seigneurität eines Schirach.
Auch Cesare Pavese hatte vor einem die Wirklichkeit nachahmenden Realismus gewarnt, als er schrieb, man müsse eine »symbolische« Darstellung erfinden. Schließlich komme es nicht darauf an, einfach etwas zu erzählen, auch nicht darauf, sich selbst zu erzählen. Entscheidend sei der Stil […]
Bohrers eindringliche Sätze leben von der Lust auf Entdeckung und Verbindung, ja von der Sehnsucht Inhalte in Gehalte zu verwandeln. Hierbei entsteht kein Roman und auch keine Autobiographie, aber eine Art Fingerübung für das Lesen, worauf es vielleicht überall, nicht nur in Literatur, beim Schreiben über die Welt überhaupt ankommt: auf entwickelte Intensität.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Eine Eisenbahnfahrt nach Brüssel: Fahrt nach Brüssel, Achim von Arnim, Heinrich Heine.
An den Tod denken: Dantons Tod von Büchner, Kunst als Idee und Mauer, Teilnahme an einer Beerdigung.
Kein abstoßenderes Gefühl: Ressentiment: Nietzsche, Universität, Dünkel, bspw. Middlemarch Causabon; Zimmersuche in Göttingen in den 1950ern.
Freundschaften, so oder so: Cicero und Schiller, und eine sich erhaltende Freundschaft auf Basis der Präsenz.
Alleinsein im Zimmer: Pascals Satz über das menschliche Elend, nicht allein sein zu können. Blick auf das Unbestimmte. Gefängnis keine Einsamkeit.
Schöne, hässliche, interessante Städte: Paris und London. Zola, Dickens, Heine, Benjamin. London verliert sich, Paris erhält sich, mit Füßen im Schlamm.
Literatur verstehen: Döblin oder Thomas Mann, Romane als Manifestation einer Illusion, Vereinmaligung einer Situation.
Außer Atem oder Der Leopard: Kinofilme, die subversiv wirken, durch Symbolisierung der historischen Verspätung.
Jugendliche Kampfspiele: Karl May, Kampfbegriff als Erschütterung und Existenzial.
Die kleine Seejungfrau: Sexuelles Erwachen in der Jugend, Sinnbildlichkeit, Waldspaziergang mit erster Jugendliebe.
Schlaflos: Denken als schwebendes Träumen, den Umständen entsprechende Schlaflosigkeit, bspw. in Paris, Shakespeares Hamlet.
Sich selbst im Spiegel sehen: Echo und Narziss, Brentanos Marmorfigur, die sich im bewegten Wasser sehnsüchtig lebendig sieht; Bombennacht in Köln, ein vom Entsetzen zermartertes Gesicht.
Idylle und Chaos: Corona-Epidemie, Heinrich von Kleist, Erdbeben von Chili, Einbruch des Unerwarteten, Ungeformten.
Ferdinand von Schirach: „Der stille Freund“
Transkribiertes Salongespräch ohne Tiefenschärfe.
Der stille Freund lässt sich am ehesten in das Genre Reflexionen eines Weltenbummlers einordnen, ähnlich zu Graf Hermann Keyserlings Das Reisetagebuch Eines Philosophen, Henri Michaux‘ Ein Barbar auf Reisen oder auch diverse Cees Nooteboom Berichte wie Im Frühling Der Tau. Östliche Reisen zählen. Hier steht der Erzähler, der Sammler, der Anekdoten-Liebhaber im Vordergrund. Im Gegensatz zu den genannten beansprucht Schirach jedoch eine gewisse Welterfahrungstiefe:
Und dann, ganz plötzlich, wurde ihm klar, dass nur das Lebendige wahr ist, nur das Staunen, nur die Schönheit unserer Welt, dieser eine Moment. Er ging in ein Café, bestellte ein Cornetto, biss hinein und konnte nicht mehr aufhören zu lachen. Massimo nannte diesen Moment später seinen »stillen Freund«, zu dem er immer wieder zurückkehren konnte. Das verstand ich sehr gut.
Solche Sprüche hauen eben nur Typen wie Graf Keyserling oder Schirach raus, und so bildet sich auch ein gewisser Kanon des für sie geltenden Guten Geschmacks. Der stille Freund bietet vierzehn Anekdoten, alle mit einer ausgesuchten Punchline, die allesamt mehr oder weniger um das Zeitproblem, um Tod, um Manipulation, und allesamt spielen im großbürgerlichen Milieus, also in Kapstadt im Grand Hotel, in Namibia auf einem Großgrundbesitz, an der Côte d’Azur etc … Hier gelten noch gewisse Werte und Erfahrungstiefen, und hier wird auch die gute alte Zeit betrauert:
»Ich mag meine Nymphen. Sie werden nicht alt«, sagte Cynthia. »Das Gitter hinten ist nicht so schön, ich weiß. Früher war das Nymphaeum an beiden Seiten offen, aber vor 150 Jahren wurde das Tiberufer neu befestigt. Alle Häuser hier haben den Zugang zum Fluss verloren. Davor muss es großartig gewesen sein. In dieser Straße wohnten die Clarelli, Sacchetti, Falconieri und so weiter. Unser Haus und die Häuser der anderen Familien hatten ihre Gärten direkt am Wasser.«
Schirach pädagogisiert über die Pflicht von Therapeuten, wirft das alte Problem auf, ob Kunstwerke von Sexualstraftätern gewürdigt werden dürfen, warnt vor den sozialen Medien und Massenhysterien und zeigt, wie wahre Gentleman Fairplay so groß schreiben, dass sie selbst wie Gottfried von Cramm den Davis-Cup-Sieg aufs Spiel setzen. Kolloquial, leutselig plaudert hier der Globetrotter aus dem Nähkästchen, nur leider erweisen sich die meisten Erzählungen wenig durchdrungen und zu unpointiert nacherzählt. Schirach erreicht nicht die Selbstbefragungsintensität bspw. eines Karl Heinz Bohrers in Was alles so vorkommt. Ihm fehlt schlicht die geistige Dynamik.
In Der stille Freund wird klar, dass ein geschliffenes Salongespräch im Salon bleiben sollte und schwarzweiß gedruckt seinen Sinn verliert. Bspw. mag es beeindrucken, aus dem Stegreif, eine Proust-Passage zu zitieren (beim Champagner, Bach-Musik im Hintergrund, knisterndes Schuhwerk auf glänzendem Parkett), aber in einem Text wirkt dieselbe Geste nur faul und anspruchslos. Die stilistische Gestaltung und reflektorische Durchdringung des Materials wird nicht geleistet. Schirach bleibt beim Namedropping, bei unausgeführten Ansätzen stehen. Das meiste läuft ins Leere wie der ganze Ansatz, sich nämlich hinter einem Potpourri an Zitaten zu verstecken und im Arrangieren eine Eigendynamik zu erzeugen, die nur als Flickenteppich enden kann.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
1. Der stille Freund: Massimo, lebt in Namibia, liest fleißig Philosophie, erlebt einen Moment der Erleuchtung in Florenz. Beschäftigt sich mit Kants drei Fragen. Er stirbt in einem Flugzeugunfall. Er wollte Zeit sparen und nahm das Flugzeug statt das Auto.
2. Spiegelstrafe: Cynthia, eine Jugendfreundin aus adligem Hause, heiratet einen Aufsteiger und Halbkriminiellen, der sie schlägt; sie flieht, heiratet später einen homosexuellen Italiener, auch adlig, der es sich zum Hobby macht, Cynthia zu rächen. Er ruiniert den Ex-Ehemann und führt eine Scheinamputation durch. Cynthia erklärt, warum Truman Capote kein Marcel Proust werden konnte – ihm fehlte der Stallgeruch der Upper Class. Capote hat nur über die High Society schreiben können.
3. Die Sache mit dem Tod: ein paar letzte Worte von Goethe, Alfred Delp, Richard Feynman …
4. Ornament und Verbrechen: Ludmilla, Rechtsanwaltskollegin, muss einen Fall über sexuelle Nötigung klären. Kindesmissbrauch von Kulturschaffenden wird diskutiert, Roman Polanski, Jean-Paul Sartre, Michel Foucault, insbesondere der Fall Alfred Loos.
5. Wirklichkeit und Wahrheit: Über den Israel-Palästina-Konflikt, Orwells „1984“ und die Gefahr der sozialen Medien.
6. Fehler: Taxifahrt in Berlin, ein ehemaliger Therapeut hat seinen Beruf aufgegeben, weil er die Polizei verständigt hat, nachdem ein Patient ihm Mordphantasien mitteilte. Aufgeben gilt nicht.
7. Rechnungen: In Kaptstadt, Kurt Meyerings Schicksal als Warnung, der ein Jahr vor dem Ende des Nazi-Regimes lauthalts das Regime beschimpfte und umkam. Der Witwe wurden die Kosten der Vollstreckung der Todesstrafe in Rechnung gestellt.
8. Tony: Eigentlich Antonia, wie Tony Buddenbrooks, eine Frau zwischen allen Stühlen, reist um die Welt, kümmert sich nicht um ihren Sohn, verschwindet spurlos bei einer Kreuzfahrt. Ihr Sohn Philipp klagt zwei Liebhaber an, die sich auf der Passagierliste finden. Der Name des Sohnes findet sich dort aber auch.
9. Unfälle: Über den Vater eines Wirtschaftsmathematikers, der stets egoistisch handelte, bis er einmal einem verunglückten Radfahrer half und dabei selbst überfahren wird.
10. Gottfried von Cramm: Kennenlernen eines Moabiter Richters, der sich Gottfried von Cramm als Vorbild genommen hat, Tennisspieler und Regimegegner, der beim entscheidenden Punkt im Davis-cup-Finale Fairness zeigte. Statt den Sieg zu feiern, ließ er den Punkt wiederholen und sein Team verlor das Spiel. Richter hielt sich stets diese Unabhängigkeit vor Augen.
11. Cicciata: In Rom, ein Spiel auf Leben und Tod. Männer in einem Raum, Licht geht aus, alle metzeln sich lautlos ab, dann geht Licht wieder an und alle gehen ihres Weges, die noch können.
12. Mozart ist tot: Klapper, Lisas Bruder, hat eine musikalische Begabung, spielt bis er kurz vor dem Durchbruch steht, hört dann auf, da er sich langweilt. Dann hilft er einen Jazzclub aus dem Boden zu stampfen. Ist wieder erfolgreich. Hört wieder auf und wandert rund ums Mittelmeer. In einem Hotel in Rom hat er den Teufel gesehen, später hat er beim Gesang vom Mozarts Requiem „Mozart ist tot“ gehört. Arbeitete als Friedhofswärter. Wurde durch Apple-Aktion reich. Er wird in Ostia, bei Rom, im Meer begraben. Als sie im entsprechenden Hotel, wo Klapper den Teufel sah, die Trauerfeier abhalten, sehen sie keinen Teufel.
13. Egon Friedell: Er wollte in Wien bleiben und sprang, als ihn die Nazis abholen wollten, in den Tod. Vor dem Aufprall bittet er die Passanten doch zur Seite zu gehen.
14. Eine Ansicht von Delft: Marcel Prousts Besessenheit von der gelben Mauer. Eine Zwecksehe von Tante Haag, die einen Maler geheiratet hat, sehr viel älter, dann starb und ihr ein Vermögen hinterlassen hat.
Gyrðir Elíasson: „Die Sprache der Möwen“
Durch die Kargheit in die Klarheit – minimalistische Eintauchversuche.
Gyrðir Elíasson hat 2011 den Isländischen Literaturpreis erhalten und besitzt, u.a., in Jon Fosse, den Nobelpreisträger für Literatur 2023, namhafte Verehrer seiner Dichtkunst. In Die Sprache der Möwen wird eine Auswahl aus den Gedichtbänden Geheimer Stern und Während des Glas schläft getroffen, die bislang nicht auf Deutsch erschienen sind. Ähnlich wie Sjón beschäftigt sich Elíasson mit einer aus den Fugen geratenen Welt. Im Gegensatz aber zu Fosse und im Mitsinn zu Sjón sucht er sein Heil nicht in einer der Transzendenz verpflichteten Kunstschönheit. Er bleibt ziemlich eng am Irdisch-Materiellen verhaftet:
Das Meer ist grünlich, es
ist sonnig und der Wind hier
oben heult. Auf gewundenen Pfaden,
die sich durch Heidekraut
und anderen Pflanzenwuchs
schlängeln, wandern wir
in die Windstille hinab.
Wir bewegen uns langsam,
fast widerwillig, weil
wir nur ungern
auf Menschen stoßen wollen
Die Disparatheit zwischen Mensch und Gedanken, Gesellschaft und Gefühl, Wort und Wirklichkeit trägt Elíasson mit spröder Fragmentierung aus. Er zerfetzt gerne Sinngehalte und bringt sie zurück in eine rhythmisch-klangmalerische Note, die sich eher tragen, ertragen als verstehen lässt. Er verweist auf das Ungereimt-Nebulöse und entzieht sich dem Spiel, sich zu erklären, sich und anderen Verständnis vorzugaukeln. Seine Gedichte wirken wie ein Rückzug ins steinig-Brüchige Vorsintflutliche.
Die Berge sind zusammengefallen
unter der Schwere
der Nacht
und müssen
wieder aufgehen
in den Strahlen
der Morgensonne
Elíasson erzeugt in Die Sprache der Möwen in vielen Gedichten eine zeitstillstellende Atmosphäre. Seine Gedichte entsagen jeder Ornamentalik. Er strebt keine romantischen Schwebungen an. Bei ihm zerbröseln die Wörter zu Staub, und in diesem Staub versucht er die Spuren einer Existenz zu zeichnen, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen will. In diesem Sinne betreibt Elíasson eine Form von dichterischen Widerstand, teilweise sehr ähnlich zu Jon Fosses Gedichten Diese unerklärliche Stille und Romanen Der andere Name. Heptalogie I–II, die hier in quasi kulminiert-verdichteter Form einem gegenüberstehen.
Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Wanderjahre“
Horizonterweiterndes, sprachlich geschliffenes Literaturspektakel – formal gestaltete Weltsicht.
Inhalt: 5/5 Sterne (innerliche Bezähmung)
Form: 5/5 Sterne (Glanzpunkt des Schriftdeutschen)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (kosmisch-immersiv)
Komposition: 5/5 Sterne (dynamisches Figuren-Ensemble)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (horizonterweiternd)
Über dreißig Jahre nach Wilhelm Meisters Lehrjahre erscheint 1829, drei Jahre vor Goethes Tod (1832), der zweite Teil Wilhelm Meisters Wanderjahre. Überkommt Wilhelm im ersten Teil seine Theater- und Gefallsucht, findet er im zweiten Teil zu seiner inneren Berufung. Tatsächlich dient diese Fortsetzung nur als Rahmen für die vielschichtige, komplexe Weltdurchwirkung, die Goethe ganz im Sinne einer gefühlsmäßigen Selbstveredelung begreift und gestaltet. Im Zentrum des Geschehens steht nämlich nicht Wilhelm, sondern die geheimnisvolle Tante Makarie:
Der eine Freund, um nicht ein Timon [Menschenhasser] zu werden, hatte sich in die tiefsten Klüfte der Erde versenkt, und auch dort ward er gewahr, daß in der Menschennatur etwas Analoges zum Starrsten und Rohsten vorhanden sei; dem andern gab von der Gegenseite der Geist Makariens ein Beispiel, daß, wie dort das Verbleiben, hier das Entfernen wohlbegabten Naturen eigen sei, daß man weder nötig habe, bis zum Mittelpunkt der Erde zu dringen, noch sich über die Grenzen unsres Sonnensystems hinaus zu entfernen […] An und in dem Boden findet man für die höchsten irdischen Bedürfnisse das Material, eine Welt des Stoffes, den höchsten Fähigkeiten des Menschen zur Bearbeitung übergeben; aber auf jenem geistigen Wege werden immer Teilnahme, Liebe, geregelte freie Wirksamkeit gefunden. Diese beiden Welten gegeneinander zu bewegen, ihre beiderseitigen Eigenschaften in der vorübergehenden Lebenserscheinung zu manifestieren, das ist die höchste Gestalt, wozu sich der Mensch auszubilden hat.
Goethe geht es in Wilhelm Meisters Wanderjahre um die Polarität Alt-Neu, Vater-Sohn, Bleiben-Auswandern, Europa-Amerika. Dieser Code bringt die Welt in Schwingung. Einige wandern aus, um etwas Neues zu schaffen; andere verbleiben im Alten und beharren auf ihren Wegen mit jeweils programmatischer Narration. Wilhelm sucht einen Mittelweg. Er will im Alten das Neue schaffen, im Neuen das Alte bewahren und lässt sich nicht auf die eine oder andere Weise ins Extrem drängen. Die Entwicklung und Entfaltung bedarf einer gewissen Zeit: der Geduld, und diese steht im geheimen Zentrum des Romans, der viele Episoden, Anekdoten und Erzählungen bereithält, in welchen vieles deshalb schiefgeht, weil die Figuren ungeduldig und ungezähmt, zumeist erotisch gesinnt, drauflos preschen.
Ich saß denkend und wüßte nicht zu sagen, was ich dachte. Ein denkendes Nichtdenken wandelt mich aber manchmal an, es ist eine Art von empfundener Gleichgültigkeit. Ein Pferd sprengt in den Hof und weckt mich aus meiner Ruhe, die Türe springt auf, und Felix tritt herein im jugendlichsten Glanze wie ein kleiner Abgott. Er eilt auf mich zu […]
So ungestüm platzt nun das amouröse Abenteuer zwischen Felix und Hersilie und fällt in sich wie ein Kartenhaus zusammen, Sinnbild vieler Momente des Romans. Goethe vermittelt diesen Gedanken in vielen Abschweifungen und allegorischen Episoden, die alle zusammenhängen, ein Ganzes ergeben, allesamt Aspekte beleuchten, und multiperspektivisch die Fäden zusammenführen. Die Komposition geht auf: Eine Welt entsteht, die sich auf ein dynamisches, lebendiges Gleichgewicht zubewegt, gleichsam das Buch, das in vielen, zuerst lose erscheinenden Facetten, ein in sich belebtes, differenziertes Ganzes erzeugt. Hinzukommt die Sprache, die das Unterschiedene vermittelt, ohne es anzugleichen, die das Verschiedene aufnimmt, ohne die Polarität zu entschärfen, und dennoch für diese widerstrebende Momente eine Konstellation findet, wie sie sich umeinander und miteinander bewegen können, ohne sich zu bekriegen, wie ein narratives Sonnensystem, allegorisiert durch Makarie, der reif gewordenen Tänzerin Mignon aus den Lehrjahren.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Wilhelm Meister; Felix, sein Sohn; und Hersilie.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Buch: Die Flucht nach Ägypten: Wilhelm (W) unterwegs mit Felix (F), auf Wanderschaft, um seine Lehrjahre zu vollenden. Hat ein Gelübde gegen niemals drei Tage an einem Orte zu verbleiben. Sie treffen auf ein Abbild der heiligen Familie, auf einen Esel. W überlasst ihnen F, der sich mit dem Sohn angefreundet hat. W holt seine Sache vom Grenzhaus und folgt ihnen. [Einschub A: Leben von Sankt Josef].
Ein Vagabundenkind namens Fitz zeigt ihnen den Weg zu Montan (M), den W sucht (und der sich als der Intellektuelle Jarno aus den Lehrjahren erweist, verheiratet mit Lydie). M alleine im Stein, hat vom Wort und den Menschen genug, will nur der Natur zuhören. Für M ist die Zeit der ganzheitlichen Bildung vorbei, Einseitigkeit, Spezialisierung sind erforderlich. W trägt eine Brieftasche mit sich herum, eine Art Fetisch (das sich später als Arztbesteck erweist, seine Bestimmung zum Wundarzt symbolisiert). F findet ein verschlossenes Kästchen (das Kästchen geht später zum Antiquitätenhändler, nachdem er stirbt, zur Hersilie, die in dem besagten Anwesen mit ihrem Onkel und ihrer älteren Schwester Juliette lebt). Fitz bringt sie zu einem Anwesen, einer Baumschule, verschwindet. Sie nehmen W und F gefangen, aber nur aus Vorsicht. Hersilie überreicht W ein von ihr übersetztes Manuskript [sie ist Kennerin der französischen Literatur – Einschub B: Die pilgernde Törin].
Nächsten Tages reiten sie zu einem Jagdschloss. Die Schwestern erzählen von einem werten Vetter [Lenardo, Sohn eines Onkels, Sohn eines Bruders des Vaters]. Der Vetter weilt bei einer befreundeten Tante, der Ursibylle [das ist Makarien], ein Schutzgeist der Familie. Sie sprechen über Allgemeingut und Besitz – F voller Überschwang, stürzt vom Pferd [Vorwegnahme seines späteren Sturzes, nachdem ihm Hersilie einen Korb gegeben hat, und woraufhin W mit einem Adernlass retten muss, am Ende des Buches]. W lernt das organisierte Anwesen von Hersilies Oheim kennen. Sie überreichen W einen Bündel Briefe von Lenardo und ihnen. Sie kommunizieren via der Tante [Einschub C: Briefwechsel Lenardo-Tante-Hersilie-Juliette].
W reicht die Briefe an Natalie weiter, die er vermisst, auch beklagt er ihr gegenüber sein Gelübde. Beim Frühstückstisch bitten die Nichten W, zur Tante zu reisen und nach Lenardo zu sehen. F verrückt nach Hersilie. Familiengeschichte des Oheims, dessen Vater aus den USA zurückgekommen ist, da ihm das Leben dort nicht behagte. In der Verwaltung seines Besitzes in Europa hält er sich aber an manches in den USA Gelernte, wie Religionsfreiheit, Ältestenrat und Besinnung Sonntags. Juliette betont, dass sie nicht danach Streben dem Orden der Entsagenden anzugehören. W erhält von einem jüngeren Beamten ein Paket mit einer Erzählung [Einschub D: Wer ist der Verräter].
W und F erreichen das Anwesen Makariens. Sie werden durch Angela begrüßt, ihre Gehilfin. Sie stellen sich vor. Auftritt Makarie. Danach W im Observatorium, gegen das Fernglas, da es die Gestirne aus ihren Proportionen miteinander reißt. Angela führt eine Mädchenschule. Sie führt ihn in ein Archiv, wo F und er exzerpieren. Der Astronom vertraut sich W an, dass Makarie hellsichtig ist – er soll es aber für sich behalten. W wird Lenardo vorgestellt.
Lenardo hat einem Mädchen eines Pächters versprochen, ein gutes Wort für sie einzulegen, auf dass sie ihre Besitztümer nicht räumen müssen. Zwar hat Lenardo es versucht, es kam aber dennoch zur Geldeintreibung, seitdem plagt ihn ein schlechtes Gewissen ob des nussbraunen Mädchens. Lenardo erhält Information über Valerine. W, der aufgrund seines Gelübdes nicht zurück zu Makarie kehren darf, fährt zur besagten, L, statt seine Tante zu besuchen, begleitet ihn. Valerine erweist sich als blond. Das Schicksal des nussbraunen Mädchen bleibt ungewiss. W soll Nachodine suchen, im Auftrag von L. Bevor er sich auf die Suche begibt, möchte W F in die Ausbildung übergeben, ein Alter, ein Raritätenladenbesitzer, soll ihm laut L Rat geben. Dort gibt er auch das Kästchen ab, das F gefunden hat.
2. Buch: W und F gelangen in die Pädagogische Provinz. Dort erleben sie Zeremonien und Uniformen, verschiedenfarbig. Die Lehre der dreifachen Ehrfurcht: nach oben, zur Seite, nach unten (Himmel – ethische, Menschen – philosophische, Erde – christliche). W betritt eine Art Museum. Labyrinth. Drei Bereiche: der äußerliche (altes Testament), der innere (das neue Testament), der geheime (der Schmerz).
Die nächste Etappe von W wird nur implizit durch die Erzählung „Der Mann von fünfzig Jahren“ berichtet. Ein Major lebt mit seiner Schwester, einer Baronin, und deren Nichte zusammen. Die Nichte, Hilarie, verliebt sich in ihn. Das passt zuerst nicht in seine Pläne, fühlt sich aber geschmeichelt. Er beginnt immer eitler zu werden. Die Besitzverhältnisse müssen durch eine Heirat mit der Nichte gefestigt werden. Eigentlich sollte der Sohn, Flavio, die Nichte heiraten, dieser aber ist verliebt in eine schöne Witwe. Die Witwe aber, zuerst geschmeichelt von Flavio, entzieht sich ihm, denn sie vermag keine Liebesaffäre nach dem Tode ihres Mannes zu beginnen. Zerstört kehrt er zum Vater zurück und wirbt um Hilarie, indessen der Major, der sein Alter spürt, er verliert einen Zahn, sich zurückzieht. Regenfälle, Wintereinbruch, Schlittschuhlaufen. Hilarie und Flavio kommen sich näher, werden des Nachts vom Major überrascht. Hilarie peinlich berührt, zieht sich zurück. Heiratet keinen von beiden. Die Baronin und Makarie schreiben sich. Die Baronin erbost über die schöne Witwe, Makarie milder.
Brief von Wilhelm an L. Das nussbraune Mädchen ist gefunden. Er kann sich nun beruhigen.
Brief von W an den Abbé, will sich vom Gelübde befreit wissen, um sich niederzulassen und eine neue Tätigkeit zu beginnen.
W wandert weiter, trifft einen Maler, der vom Leben Mignons inspiriert, diesem bildnerisch nachempfindet. Sie schließen einander an, durchwandern einträchtig die Natur. Sie beforschen Mignons Stadien des Lebensweges. Sie treffen Hilarie und die schöne Witwe. Zusammen bilden sie die Entsagenden. Der Maler bildet Hilarie in Malen aus. Alles bleibt platonisch, freundschaftlich, gesellig, impressionistisch. Gütig miteinander, reisen die beiden Frauen dennoch frühmorgens ab, mit der Forderung, brieflich, dass die beiden ihnen weder folgen noch jemals wieder gegenübertreten sollen.
L an W. Er muss nun tun, nicht nachdenken. [Er wird trotz anders verlauteter Vereinbarung, Nachodine aufsuchen.]
Abbé an W. L sofort in Richtung Nachodine aufgebrochen, aber durch L und dessen Verbindung zum Oheim, ist der Turmgesellschaft nun ein Land zur Bewirtschaftung zugekommen. Dort wird L wirken. Lothario holt sich Handwerker in der Pädagogischen Provinz. Das Gelübde wurde aufgehoben, Montan (Jarno) hat sich für W eingesetzt, wie verabredet.
Jahre vergehen. W wieder in der Pädagogischen Provinz. F herangewachsen, mag das Italienische, Provinz aber polylingual. F handelt mit einem Tabulettkrämer, geheimnisvoll. Besuch von Ateliers, Diskussionen um das Theater. Bergfest. Diskussion um die Entstehungstheorien der Erde (Neptunismus, Vulkanismus, elastische Gewlat, Kreation, Gletscher). Montan bleibt bei seiner Verschwiegenheit: Tun und Denken, Tun und Denken, nicht nur Denken, nicht nur Tun.
Brief von Hersilie an W. Ein Tabulettkrämer habe ihr zugetragen, wie sehr F noch verliebt in sie sei. Räsonnement über junge Männer, die ältere Frauen lieben. Sie empfindet Fs Brief als Zumutung. Sie antwortet F. Etwas verdrießlich („Stallmeister“ deutet auf Ungebührliches hin.)
Brief von W an Natalie. Er erzählt von einer Jugendepisode, in welcher er einen Fischersjungen nahekam, der kurz darauf starb, beim Krebsefangen, der aber durch ein Aderlass gerettet werden hätte können. Grund für ihn Wundarzt zu werden, was er geworden ist, weshalb er das Besteck, das ihm damals im Wald, als Natalie und ihr Gefolge sie nach dem Überfall retteten [in den „Lehrjahren“], stets als Fetisch mit sich führte. Er will nun nützlich sein, und zwar als Wundarzt. [Einschub E: Betrachtungen im Sinne der Wanderer].
3. Buch: W wieder auf Wanderschaft, trifft im Wirtshaus auf eine geschlossene Gesellschaft, der er sich für drei Tage anschließen darf, insolange er sich ruhig hält. Lernt Sankt Christoph kennen. Lenardo und Friedrich tauchen auf. Gesellschaft von Handwerken (für den Kanalbau).
Brief von Hersilie an W. Schlüssel zum Kästchen gefunden (in Fitz‘ Jacke). Sie wartet auf Vater und Sohn, um das Geheimnis zu lüften. Muss sich bremsen, es nicht selbst zu öffnen.
W wirkt als Wundarzt unter den Handwerkern, lernt einen schweigsamen Barbier kennen, Studien in Anatomie an Leichen, Leichenraub, lernt einen Bildhauer kennen, der die Organe aus Wachs anfertigt, um die Kenntnisse harmloser zu sammeln. Bildhauer wünscht sich W als Schüler. W nimmt an. Lothario hat vor, diese in den USA zu vertreiben. Betreibt Anatomiestudien im Gefängnis. Was Kunst ist, soll Handwerk werden. Vervollkommnung einer Fähigkeit Bedingung, um in der Verbindung aufgenommen zu werden: Friedrich Protokollist, Archivar, Schreibender. Philine Schneiderin, Lydie Näherin, Lenardo Techniker. [Einschub F: Lenardos Tagebuch Teil 1.]
Tagebuch zu Ende. Makarie hat die Fortsetzung. Derweil lässt sich W von der Abendgesellschaft unterhalten. Der schweigsame Barbier erzählt. [Einschub G: Die neue Melusine – Glück, das durch das Geheimnis bleibt – durch Wissen zerstört wird.]
Brief von Hersilie an W. Kästchen bei ihr aufgetaucht, der Alte ist gestorben. Nun hat sie Schlüssel und Kästchen und wartet. [Einschub H: Die gefährliche Wette.]
Lenardo hält im Wirtshaus, wo die Handwerker und W sich befinden, eine Rede über das Auswandern, das Weiterziehen, die Nichts-Sesshaftigkeit. Grundsätze des Weltbundes: Treue zu sich selbst. Ein Odoard tritt hinzu, hat ein Projekt vorzuschlagen, für das die Anwesenden, sollten sie sich für dieses begeistern können, ihre Heimat nicht verlassen müssen. [Einschub I: Odoards Geschichte.]
Der Bund stellt die Pläne für das Gemeinschaftswesen in der Neuen Welt auf, keine Hauptstadt, Majoritätsprinzip, Besonnenheit, milde Gesetze, wie im Mittelalter. Polizei und Soldaten von Lothario ausgebildet. Die Juden aber schließen sie aus. Odoard dagegen will ein dünn besiedeltes Gebiet in Europa als Grundlage für ein neues Gesellschaftssystem nehmen. Aus Altem Neues schaffen. Begrüßt die Handwerker. Sie singen ein etwas gruseliges Lied über den Führer und das Band. [Einschub J: Lenardos Tagebuch Fortsetzung.]
W erfährt, dass Natalie, Lothario, der Abbé und Therese bereits sich auf dem Weg in die USA befinden. Der Oheim, dessen Vater in den USA Besitz hat, gibt ihnen Land zum Siedeln. W erfährt, dass Hilarie nun doch Flavio geheiratet hat, alles nun zum Besten steht – er ist ein Hauptmann und reicher Gutsbesitzer. Der Major hat die schöne Witwe [die Unwiderstehliche] geheiratet. Lydie und Philine tauchen auf. Montan soll sie abholen. Ein Adjuntant Werners (Jugendfreund Ws) heiratet Angela, und Nachodine übernimmt die Position von Angelas, als Makaries Vertraute. Sie kann sich Lenardo nicht hingeben, hängt noch zu sehr an ihren Gatten. Sie übergibt ihrem Assistenten, Gehilfen, den Besitz, der es mit den Maschinen des Geschirrfassers betreibt und vermehrt, wird dessen Schwager. Lenardo kann aber hoffen, in Zukunft, nach seinem Projekt in den USA, Nachodine zu sich kommen lassen zu können.
Am Ende ein Kapitel über die kosmogonische Makarie, und humane Entelechie und Synchronizität. Am Wirtshaus, wo die Rede Lenardos und Odoards stattfand, gründet der Amtsmann eine Möbelfabrik, gibt einem Boten die Kunde, dass W auf der Suche nach seinem Sohn ist.
Brief von Hersilie an W. Felix zu ungestüm, brach beim Versuch, das Kästchen zu öffnen, den Schlüssel. Zwar küssen Hersilie und Felix sich, aber sie weist ihn dennoch zurück. Er außer sich, lässt den zerbrochenen Schlüssel zurück und beschließt seinen Vater zu suchen. Der Schlüssel ist aber gar nicht zerbrochen, wie Hersilie herausfinden, sondern magnetisch. Sie bleibt verwirrt. W fährt mit dem Schiff, sieht einen Reiter in den Fluss stürzen, rettet ihn, der nahe am Ertrinken, Ersticken durch Aderlass und merkt, dass es sein Sohn ist. Seine Kunst als Wundarzt hat sich letztlich ausgezahlt. [Einschub L: Makaries Archiv].
A: W lernt Sankt Joseph kennen, Sohn eines Böttchers, Zimmermann geworden, der auf die Überreste eines Klosters aufpasst, dort die Heiligenbilder pflegt und nach und nach zur Nachahmung der Heiligenbilder hingezogen wird. Nimmt Kriegswitwe auf, der er bei der Geburt ihres Kindes hilft. Schließlich, nach einiger Zeit, ziehen sie zusammen, mit Hilfe der Hebamme. Kunst als Verhaltensarchitektur. Das Gemäuer bildet seine Menschen heran. Der Stein enthält Gedächtnis. Heimsuchung und Lilienstengel.
B: Eine Frau trifft auf ihren Streifzügen auf einen Schlossherrn, der sofort durch das Benehmen und ihr Aussehen von ihr eingenommen ist. Er bietet ihr eine Stellung in einem Anwesen an, wo er mit der Schwester und seinem Sohn wohnt. Sie bleibt zwei Jahre. Vater und Sohn verlieben sich. Sie weist beide ab, da beide die Grenze des Sittlichen überschreiten, sich nicht zu beherrschen wissen. [Hersilie ahnt hiermit, dass sowohl W wie F ihr verfallen, und sie betont, dass sie sich wie die Törin zu verhalten gedenkt, was sie umsetzt, als sie späterhin dem inbrünstigen Drängen von F nicht nachgibt. Die pilgernde Törin trauert um eine zerstörte Liebesaffäre – hier kommen Nachodine und die schöne Witwe wie auch Hilarie in Frage.]
C: Vetter Lenardo will nicht berichten, bevor seine Nichten berichterstatten. Alle mehr oder minder erbost, zudem fragt Lenardo nach einer gewissen Valerine, die er in guten Händen zu sein erhofft. Sie fragen sich, weshalb er sich um Valerine kümmert, und warum er sie mit Nachodine verwechselt, Tochter eines liederlichen Pächters. Hersilie nennt sie eine wilde Hummel von Brünette. Tante macht sich ein Spaß, gibt vor die wilden Briefe an Lenardo weitergeleitet zu haben. Sie hat sie aber nicht fortgeschickt.
D: Zwei befreundete Familienoberhäupter wollen die Ehe zwischen ihren Kindern arrangieren, zwischen Lucidor und Julie. Lucidor verliebt sich aber in die Schwester von Julie, Lucinde, die mit Antoni vermählt werden soll. Außer sich hält er, der ansonsten sehr Schweigsame, Monologe ob seiner Verzweiflung. Als Lucidor, verliebt in Lucinde, beide ineinander verschlungen sieht, läuft er davon. Vergeblich. Es kommt heraus, dass alle über seine wahren Gefühle Bescheid wissen. Sie mussten nur die Väter in Kenntnis setzen, bevor sie zugeben konnte, dass Julie und Lucinde ebenfalls so fühlten. So gestaltet sich ein glückliches Ende. [Hier: das Selbstgespräch, das Kommunizieren, der Ausdruck der Gefühle Wegbereiter zum Guten – und auch, dass Lucidor sich nicht aufdrängt, flieht. Hier deutet sich nach Felix‘ Flucht auch eine Möglichkeit an, dass Hersilie und er zusammenfinden.]
E: Maximen und Reflexionen. Nackter Instinkt geziemt dem Menschen nicht. [Kritik hier an Felix‘ Aufdringlichkeit.] Gegen Wissenschaft. Gegen den Streit. Das Wahre verschwindet beim Geschwätz. Nur positive Beobachtungen zählen.
F: Lenardos Tagebuch. Reist umher, unterrichtet sich über Baumwolle, das Spinnen, über das Weben, Zettelrahmen. Lernt einen Geschirrfasser kennen, der ihn in die Kunst des Aufwindens und Schlichtens einführt. Lenardo lädt den Geschirrfasser ein, mit ihm in die USA auszuwandern. Dieser lehnt ab. Er fühlt sich im Gebirge ganz wohl.
G: Die neue Melusine. Barbier, trinkt zu viel, trifft Engländerin, zartes Geschöpf, verliebt sich, lässt sich von ihr anheuern, trägt einen Koffer für sie herum. Sie stattet ihn mit Geld aus, das er verbraucht. Sie verschwindet hier und da. Er versäuft alles, dann rettet sie ihn. Er beschützt sie. Sie fühlt sich hingezogen, kommen zusammen. Zufällig entdeckt er, dass sie eine Zwergin ist, die manchmal im Koffer lebt – er will sie dennoch heiraten, akzeptiert seine Rolle, dass sie das Blut frischhalten muss, sie aus genealogischen Gründen also einen Fremden in die Blutlinie ziehen muss. Er zieht einen Ring an, schrumpft, lernt den Vater kennen, kann sich aber an das Leben als Zwerg nicht gewöhnten, flieht, zerschneidet den Ring, und schon liegt er wieder in dem Gasthaus, in welchem er die Engländerin getroffen hat, arm und verwaist, schließt mit dem Schlüssel das Kästchen auf, das sich aber als leer entpuppt.
H: Sankt Christoph erzählt von seiner Studentenzeit, von einer gefährlichen Wette, in der er, um einen Edelmann an der Nase zu fassen, sich als Barbier gibt. Als der Edelmann das mitbekommen, will dieser sich rächen. Stirbt vor Gram. [Moral hier: die Studenten haben nichts zu tun, sprudeln über vor Kraft und erzeugen auf diese Weise Unsinn, Späße, die arge Folgen haben können. Völlig grundlos. Ungenutzte, brachliegende Kraft und Jugend gefährlich.]
I: Odoards Geschichte. Macht Karriere am Hof, heiratet Albertine, gerät aber in Verdacht, die Prinzessin Sophronie mit seinem Aurora-Gedicht allzu sehr gepriesen zu haben, zudem gibt es unterschiedliche Interessen und er wird in die Provinz versetzt, wo sich Albertine langweilt, mit Florine amüsiert, so sehr, dass sie ihre eigene Geburtstagsfeier zuhause verpasst. Odoard, von Eifersucht gepackt, entflieht, richtet sich in einem Wirtshaus ein, wo er Sophronie trifft, die er als Aurora anspricht, die aber ihren Oheim erwartet haben. Albertine kommt spät nach Hause, bekommt das Geburtstagsgedicht aufgesagt. Sie hatte einen Unfall und musste die Untreue Florines mit dem Hausfreund Lelio erfahren. [Stellung im Gesamttext: Odoard zu ungeduldig, statt zu warten, sich von seiner Frau aufklären zu lassen, dass sie lediglich ein Unfall gehabt hat, reißt er aus, lässt seine Kinder all und führt sich in Versuchung.]
J: Lenardos Tagebuch Fortsetzung. Lenardo besucht Susanne [Nachodine, oder die Schöne-Gute.] Susanne erzählt, wie sie ihren Gatten heiratete, wie dieser verstarb, wie noch dessen Schwester kurz darauf verstarb und ihre Schwiegereltern daraufhin ohne Erben ihre alles vermachten. Sie fürchtet aber die Maschinen, u.a. des Geschirrfassers, hatte eigentlich vor, mit ihrem Gatten auszuwandern. Ihr Vater stirbt. Dieser erkennt Lenardo wieder, er nimmt Susanne und Lenardos Hand, wie Geschwister, vereint. Ihr Gehilfe bietet sich ihr an, will mit ihr auswandern. Sie lehnt ab.
K: Seltsame Mischung aus Wissenschaftskritik, Ethik, Abschaffung des Todes, Ästhetik des Unsichtbaren. Konstruktivismus und Bescheidenheit.
●Kurzfassung: Wilhelm Meister nach den Lehrjahren muss, nachdem er seine Leidenschaft, das Theater aufgegeben hat, nach einem Platz in der Welt suchen. Er lässt sich von der Turmgesellschaft eine Gelübde auferlegen, nicht länger als drei Tage an einem Ort zu verweilen und zieht zusammen mit seinem Sohn Felix los. Die Wanderschaft dauert Jahre. Sie lernen am Anfang der Reise in einem Anwesen Hersilie kennen, in die sich Felix verliebt. Jahre vergehen. Wilhelm erkennt, dass er sich zum Wundarzt berufen fühlt, gibt Felix in die Pädagogische Provinz. Nach Abschluss seiner Lehrzeit will Wilhelm ihn abholen. Felix aber schon zu Hersilie geritten, stürmisch, macht ihr einen Liebesantrag, wird abgewiesen, stürzt seinem Vater hinterher. Er verunglückt, aber Wilhelm kann ihn durch sein Fachwissen als Wundarzt retten.
●Charaktere: (rund/flach) ausgewogen, ausgearbeitet in jeder Hinsicht.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Makaries Eintritt als kosmisches Wesen, ihre Allegorie als Sonnensystem und Synchronizität. Szene mit Maler, Hilarie und der schönen Witwe am Lago Maggiore. Friedliches Paradies ohne Versuchung.
… Code: Alt-Neu, Europa-USA, Vater-Sohn … Programmierung als Plot, wie voneinander lernen, wie weiterentwickeln, ohne zu vergessen.
… Stoff: Liebesgeschichten als Bewährungsprobe, Geduld, Unaggressivität, über Digressionen sich ziemen, nicht roh werden.
●Diskurs: Maschinen, Industrialisierung, Auswanderung, Bewahren/Vergessen.
… wieder große Ähnlichkeiten zu „Das Glasperlenspiel“, insbesondere durch den Sturz des jungen in den Fluss, der vom Vater gerettet wird; auch die Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ durch die Lago Maggiore-Szene enthalten.
… durch viele verzahnte Plotlinien (wo ist das nussbraune Mädchen, was hat es mit Felix‘ Kästchen auf sich, welche Bestimmung wird Wilhelm sich erwählen?) geben dem Roman viel Dynamik, auch durch Oppositionspaare: Lenardo, seine Bestimmung als Techniker/Handwerker gefunden, sucht die Liebe seines Lebens – Wilhelm, der die Liebe seines Lebens gefunden hat, Natalie, muss sich aber erst selbst suchen und geht auf Abstand; Felix, der die Liebe seines Lebens gefunden hat, Hersilie, hat noch keinen Platz in der Welt und begegnet ihr deshalb zu ungestüm (wie Wilhelm/Natalie). Die Moral der Wanderjahre: der Mann muss sich erst selbst finden, sein Tätigkeitsfeld wählen, um in diesem und durch dieses der Liebe seines Lebens angemessen begegnen zu können, d.h. Liebe allein macht nicht glücklich.
–> 5 Sterne
Form:
… bereits bei den „Lehrjahren“ durchgeführt. Die Sprache in „Wanderjahre“ noch ausufernder, glatter, geschliffener. Die Sätze erreichen ungeahnte Wendungen. Ungeahnte Verben tauchen auf und beleben zu Phrasen werdende Formeln. Überhaupt wird das Verstockte vermieden, das Erwartbare aufgehoben. Sprachliche Langeweile kann nicht entstehen. Das Schriftdeutsch erscheint hier auf einen eigenartigen, für sich stehenden Höhepunkt – es ist die Sprache, die die Vielgestaltigkeit des Stoffes zähmt, bewältigt, glättet, ohne ihm an Dynamik zu nehmen.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: eine Art Herausgeberschaft, Archivarentum, eine Redaktion und Kommentierung; der Erzähler bleibt im Hintergrund, hält sich zurück, stellt sein Material vor, räsoniert, reflektiert. Er spielt sein Wissen nicht aus.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ziemlich klar außen stehend, retrospektierend, zusammenfassend, aber als Erzähler wirkend und seine Tätigkeit reflektierend. Die Situierung fehlt als Figur, sie wird aber innerhalb der Welt als empathisch vorgestellt. Einfühlsam. Mit klarem Ideal: Laurence Sterne aus „Die empfindsame Reise“.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: mehr im Sinne eines alten, sentimentalen weisen, sanften Geistes. Zurückhaltend, nicht aufs Unverhohlene abzielend, ästhetisch-poetisch schwebend.
●Einschätzung: Die Erzählerschaft spielt keine so große Rolle, die Welt selbst, die Vernetzung, stellt sich vor, der Erzähler wird Teil der Welt und geht in sie ein, als kommentierender, teilnehmender, mitfühlender Gesell.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): hochgradig dynamisch mit vielen verschiedenen Formen, Briefen, Dialogen wie im Theater, Erzählungen, Berichten, Anekdoten, Witzen … Anspielungen.
●Extradiegetische Abschnitte: ein paar Abschnitte wie „Die neue Melusine“ und die kosmische Reise mit Makarie, Sternendeutung; etwas seltsam auch die Lilienstengel-Episode vom Sankt Josef.
●Lose Versatzstücke: Etwas hineinmontiert erscheint „Die gefährliche Wett“, die nicht wirklich in die Gesamtrahmung passen will, und „Die neue Melusine“ auch nicht.
●Reliefbildung: überaus abwechslungsreich im Ton, Atmosphäre, mit klarer Retardierung in der Lago Maggiore-Szene, mit Digressionen, die das Buch zum Leseexerzitium machen (teilweise).
●Einschätzung: durchwoben, aufgehoben, alle Fäden aufgelöst, überall klare Bezüge, kaum lose Enden … und hierdurch noch mit Makarie als Transzendenz, als Sagengestalt, die alles zusammenhält, das Sonnensystem, um hiermit auch einen Ruhe- und Angelpunkt für den Roman zu schaffen.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, teilweise verwirrt, da sich viele Szenen erst im Nachhinein ergeben, einen Sinn verleihen, zuerst wild, dann bildet sich das Relief klar heraus
●Geärgert: nein, überrascht, dass die Turmgesellschaft, die in die USA auswandert, Juden ausschließen; aber als militante, dem Alten abgewandte Form, die eine neue Religion für sich fordert, plausibel. Wirkt dennoch überflüssig, nicht kohärent, in dem ansonsten sehr unpolitischen, unpolarisierten Text.
●Amüsiert: der Text legt es nicht so sehr auf Humor an, aber der Briefwechsel zwischen Hersilie und Juliette mit der Tante Makarie besitzt viel Komik, auch die Episode „Wer ist der Verräter“ – die Männer wirken ungestüm und etwas lackaffenhaft teilweise.
●Gefesselt: darauf legt es der Text auch nicht an, zu verwoben, vielschichtig, multiperspektivisch, eher eine Welt, ein lose gekoppeltes, organisches Ensemble.
●Zweites Mal Lesen?: definitiv.
–> 5 Sterne
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Alberto Moravia: „La Noia“
Ungeschlacht, teils zu gewollt, dennoch intensive Auseinandersetzung mit sozialer Dissoziation und ästhetischer Selbstentfremdung
Inhalt: 4/5 Sterne (allegorische Selbstzerfleischung)
Form: 2/5 Sterne (trist, flach, einfallslos)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (reflektiert-situiertes Ich)
Komposition: 2/5 Sterne (viele Details beliebig)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (seltsam in Bann ziehend)
Für viele stellt La Noia (1960) einen gewissen Abschluss in der narrativ-ästhetischen Entwicklung von Alberto Moravia dar, denn wie Jean-Paul Sartre in Der Ekel entwickelt Moravia eine implizite Denkfigur der Existenzlangweile, der Entfremdung vom Realen und Wirklichen, das zur völligen Aushöhlung und Passivierung der Persönlichkeit führt, die, sobald der Effekt völlig eintritt, nur noch im Sozialen driftet und sich treiben lässt. Ab La Noia verlagert Moravia sein Interesse eher auf den Tabubruch, auf die noch ungemindertere Persiflage wie in Ich und er , wohingegen bis 1960 eine intellektuell-ästhetische Auseinandersetzung noch stattfindet:
Die Langeweile entsteht in mir aus dem Gefühl der Absurdität einer Wirklichkeit, die, wie gesagt, unzureichend ist, das heißt, die mich nicht von ihrem wirklichen Dasein zu überzeugen vermag. Zum Beispiel kann es mir geschehen, daß ich mit einer gewissen Aufmerksamkeit ein Glas ansehe. Solange ich mir sage, daß dieses Glas ein Behältnis ist, zu dem Zweck, eine Flüssigkeit aufzunehmen und an die Lippen zu führen, scheint es mir, als hätte ich zu ihm eine Beziehung, die ausreicht, an seine Existenz und demzufolge auch an meine eigene zu glauben. Es kann aber auch geschehen, daß das Glas in der zuvor beschriebenen Art seinen Lebenssinn einbüßt und sich mir als etwas Fremdes darbietet, zu dem ich keinerlei Beziehung habe, das mir – mit einem Wort – als völlig absurder Gegenstand erscheint. Dann ergibt sich aus dieser Absurdität die Langeweile, die, letzten Endes, nichts anderes ist als mangende Fähigkeit zur Kommunikation und die Unmöglichkeit, sich von diesem Zustand zu befreien.
Dieses lange Zitat zeigt, wie nahe Moravia an Sartres Wurzel-Vergleich und Schockmoment in Der Ekel heranreicht. Anders aber als Sartre entwickelt Moravia einen selbst reflektierten, sich selbst in Frage stellenden, das Malen von Bildern aufgebenden Ich-Erzähler, der aus der Umklammerung seiner geistigen Umnachtung auszubrechen sucht und im Eros den einzigen Ausweg sieht: das Begehren nach der Frau eines kürzlich verstorbenen Malers. Eine Sucht und Obsession wird beschrieben, die das Objekt des Begierde ins Zentrum setzt, ohne diesem Zentrum Raum zur Entfaltung zu geben. Cecilia, die Angebetete, bleibt passiv, von außen gesehen, ein Mirakel. Dino, die Hauptfigur, schafft es nicht, aus seiner Passivität und Leere auszubrechen. Ihm bleibt nur Selbst- oder Fremdzerstörung, aber hierfür scheint er zu friedlich veranlagt zu sein:
In dem Moment, in dem ich ihren Hals umklammerte, dachte ich, daß die einzige Art, Cecilia zu besitzen, wohl darin bestand, sie umzubringen. […] Ich hätte das vielleicht getan, wenn mir nicht im gleichen, überwachen Augenblick der Gedanke gekommen wäre, daß dieses Verbrechen für meinen Zweck völlig sinnlos wäre. In Wirklichkeit hätte ich sie auf diese Weise nicht besessen und mich nicht von ihr befreit, sondern ihr nur eine endgültige Eigengesetzlichkeit gesichert: in ein Mysterium gehüllt, das nun das Siegel des Todes trug, wäre sie mir für immer hoffnungslos entrückt gewesen.
Es wäre nämlich eine Tat gewesen und hätte ihn in einen Akteur verwandelt, etwas, wovor er zurückscheut. Moravias Text erscheint als die Quintessenz des Existentialismus mit allem Begehren, Verzweifeln, allem Mosern, Jammern, Grabbeln und Grapschen und sinnlosem Suchen nach Sinn und Verständnis. Er liest sich unbarmherzig offenherzig und stellt etwas bloß, was in vielen anderen Werken wie Der Fall und Der Fremde von Albert Camus oder in Zeit der Reife von Jean-Paul Sartre oder Die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir nur angedeutet bleiben, denn die Politik wie die Kunst, so zeigt Moravia, dienen nur als Maske für die erotomanischen Befreiungsversuche, die darunter liegen. Wen Näheres interessiert, mag Wilhelm Reich u.a. Die Sexualität im Kulturkampf und dazu Simone de Beauvoirs letztem Roman Die Welt der schönen Bilder lesen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ●Hauptfigur: Dino, geboren 1922, Erzählgegenwart 35 Jahre alt, Maler, Sohn einer reichen Mutter. Nebenfigur: Cecilia, 17 Jahre alt, Modell und Draufgängerin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Prolog: Dino (D) wächst vaterlos auf. Der Vater ist ein Vagabund und will sich von der Mutter, die reich ist, nicht einschränken lassen. D schafft es, sich im Zweiten Weltkrieg zurückziehen und beginnt zu malen. Er malt nach dem Krieg weiter, zieht in eine eigene Wohnung, im März 1947, aber schafft es nicht, finanziell von seiner Mutter unabhängig zu werden. Zehn Jahre später beschließt er mit dem Projekt aufzuhören und zurück in die Villa seiner Mutter zu ziehen (1957). Er langweilt sich mit sich selbst entsetzlich.
1. Kapitel: Am Tag seines 35. Geburtstages empfängt ihn seine Mutter. Sie schenkt ihm ein Cabriolet. Die Mutter hat ein neues Dienstmädchen, Rita. D fragt seine Mutter über ihren Alltag aus, und befummelt heimlich Rita, die ihn aber später abblitzen lässt. Aus Scham verschwindet er aus der Villa, ohne ein Wort zu sagen.
2. Kapitel: Balestrieri, 65, der Maler vom Atelier nebenan, stirbt, scheinbar während er Sex mit seiner viel jüngeren Freundin gehabt hat. D empfindet einen gewissen Ekel für die Freundin, die ihm viel zu jung erscheint, fast knabenhaft. Er hat einen Traum: Er malt eine Aktzeichnung, aber die Leinwand bleibt weiß. Aus Wut sticht er auf die Leinwand ein, aber verletzt stattdessen das Modell, das blutet. D geht in das Atelier von Balestrieri und trifft dort Cecilia (C). Er lädt sie zu sich ein, um sie kennenzulernen. Sie denkt, er will sie als Aktmodell und zieht sich aus. Ihr Körper ist unerwartet reif und weiblich. Er verfällt ihr und verhört sie, wie er auch seine Mutter verhört hat. Sie heißt Cecilia Rinaldi. Er wird immer neugieriger auf sie, als er hört, wie besessen Balestrieri (B) von ihr wurde, dennoch schickt er sie weg. Als er sie aus dem Fenster über den Hof gehen sieht, winkt er sie zurück. Die Affäre beginnt.
3. Kapitel: Mehrere Wochen vergehen. Er trifft C sehr häufig. Aus Sommer (Juli) wird Herbst. C besitzt sehr wenig Eigeninitiative, spricht sehr wenig. D erhält ein paar Details über die Beziehung mit Balestrieri. Er wollte von C vernichtet werden. Er hat den Tod gesucht. Bald beginnt sich D wieder mit C zu langweilen und piesackt sie, indem er sie herumkommandiert, statt mit ihr zu schlafen. Ihre Fügsamkeit beschämt ihn. Er wollte sich trennen. Er schiebt die Trennung auf.
4. Kapitel: D fährt zur Mutter, um sich Geld zu leihen. Sie will ihn wieder bei sich haben. Rita mittlerweile gefeuert. Er bekommt Geld und plant, sich von C zu trennen und sie zu trösten, indem er ihr ein teures Geschenk überreicht. Zum verabredeten Treffen erscheint C nicht. D völlig neben sich, geht wieder in Bs Atelier und lügt dort eine Frau am Telefon an, indem er behauptet, B sei verreist.
5. Kapitel: C wird immer interessanter durch ihre Unverfügbarkeit. Ihr Desinteresse spornt D an. Er beschließt, mehr über ihren Tagesablauf in Erfahrung zu bringen. Er läuft durch die Stadt, sieht sie, wie sich mit einem blonden Mann trifft. Er entbrennt vor Besitzgier. C lügt ihn an, als er sie zur Rede stellt. Lüge erregt ihn, denn die Lüge lässt sie unverfügbar, unerreichbar erscheinen, baut eine Spannung, eine Wand zwischen ihnen auf, die er einreißen will. C gibt zu, B betrogen zu haben, er sei zu langweilig gewesen. D begreift, dass ihn C immer wieder entwischt.
6. Kapitel: D verhält sich wie ein Polizist, total herablassend in der Konversation. Er besucht Cs Eltern. Ihr Vater totkrank, ihre Mutter arbeitet schwer. Sie leben in ärmlichen Verhältnissen, die D kaum erträgt. Der Vater mochte B gar nicht. D versucht, mit C in der Wohnung der Eltern zu schlafen, aber er reißt sich zusammen.
7. Kapitel: D versteht langsam, dass er C liebt. D forscht ihr weiter hinterher, wird Stalker. C trifft sich mit dem armen Schauspieler Luciani. Überlegt einen Detektiv anzuheuern. Er stellt C zur Rede. Sie gibt Affäre zu. D gibt ihr Geld, um mit ihr zu schlafen. Er beschimpft sie. Die Beziehung geht weiter. Er beschließt ihre Käuflichkeit zu erproben.
8. Kapitel: C lässt sich vom Geld aber nicht beeindrucken und verändert ihr Verhalten gar nicht, egal ob und wieviel Geld sie von D erhält. Je mehr Geld D ihr schenkt, desto verrückter wird er nach ihr. Er trifft die Witwe von B, die ihm sagt, dass B sich für C ruiniert habe. C gibt dies zu. B habe von ihrem Verlobten Toni Proietti gewusst, dem sie das ganze Geld gegeben habe, wie sie Ds Geld L gibt. T und L wirken wie Zuhälter von C, um reiche Künstler auszunehmen.
9. Kapitel: Parallele zwischen Besitz/Wissen und Nicht-Besitz/Nicht-Wissen. C will, dass sich D und L kennenlernen. D will C heiraten, um auf diese Weise Verfügungsgewalt über sie zu erringen. C und D unternehmen einen Ausflug aufs Land. D sehr erregt, sucht ein Ort für ein Schäferstündchen, aber C hat ihre Tage. Sie fahren zu Ds Mutter, in deren Villa sie eine Cocktailparty gibt. Sie sprechen über Religion. Im Schlafzimmer der Mutter zieht sich C aus und lockt D, als Trost, dass sie ihn nicht heiraten will, denn sie möchte sich von L nicht trennen. D bedeckt sie mit Geldscheinen. Doch sie bleibt bei ihrer Entscheidung, möchte aber für die anstehende Reise mit L Geld von D. D rastet aus und würgt sie, aber bevor er sie verletzt, hört er auf. Sie schlafen miteinander, zärtlicher. Er bringt sie zu sich, fährt weg, entbrennt vor Sehnsucht nach ihr, fährt zurück, aber sie ist schon auf dem Weg zu L, obwohl ihr Vater im Sterben liegt. D außer sich bestellt sich eine Prostituierte in der Hoffnung, es sei C, als er erkennt, dass es nicht C ist, fährt er wild durch die Gegend und mit Absicht gegen einen Baum.
Epilog: Er wacht auf, geläutert, distanzierter, lässt C Freiraum, denkt sie zu lieben, aber ohne wirklichen Besitz und überlegt, wieder mit dem Malen zu beginnen.
●Kurzfassung: Ein dekadenter Künstler langweilt sich mit sich und verfällt, weil er gewohnt ist, alles zu bekommen, einer jungen Frau, die sich ihm zu entziehen weiß. Er kann mit dieser Zurückweisung nicht umgehen und begeht einen Selbstmordversuch. Er wacht auf und hofft, geläutert zu sein.
… wohltemperiert, erinnert in den Stalkerszenen an Paul Auster „Stadt aus Glas“, erinnert auch in seiner Vehemenz gegen die Eltern an Thomas Bernhards Thomas Bernhard „Auslöschung“ und in fast allen Details, besonders in Sachen Baum und Realitätsflucht, Jean Paul Sartres „Der Ekel“, in welchem die Musik die Rolle der Malerei mimt.
… seinerzeit voller Tabubrüche, heutzutage leicht angestaubt, mit schleppender Entwicklung und leider sehr schlecht gemodelten Figuren, sehr unrund, Cecilia wirkt flach, die Mutter wirken flach, und Dino nur noch verwirrt. Eine gewisse Atmosphäre überträgt sich dennoch und eine gewisse Vehemenz und Insistenz durch die Allegorien lassen sich spüren. Das Buch ist besser durchdacht als geschrieben, ein wenig verkopft, aber doch überzeugend in seiner Kunst- und Künstler- und Dekadenzkritik, insbesondere in der Persiflierung
–> 4 Sterne
Form: Der schwächste Aspekt der Prosa von Moravia, die sehr unterkühlte, prosaische Sprache, die kaum Atmosphäre aufkommen lässt. Erinnert an existentialistische Autoren wie Sabato, Camus, Sartre und fügt ihnen stilistisch gar nichts hinzu. Dröge Wörter, dröge Syntax, überhaupt kein Sprachwitz, semantisch-symbolisch ein hakeliger Totalausfall, sogar ärgerliche, umständliche Formulierung. Nicht völlig daneben, da immerhin konsistent, ohne Ausfülle, ohne Wortfeldvermischung und Abstraktionsniveaukatechresen, aber sehr langweilig
–> 2 Sterne
Erzählstimme: Reflektierter, situierter Ich-Erzähler, der aus der Retrospektive die Geschehnisse erzählt. Sehr konsistent, keine Allwissenheit, Raffung und Lücken vorhanden, Jetzt-Bezug, keine Brüche. Der Ich-Erzähler überlebt und erzählt, was ihm geschehen ist, ohne aber in die Zukunft zu blicken, d.h. er erzählt aus dem Krankenhausbett, bevor er Cecilia wiedersieht, nach ihrer Reise mit Luciani. Die Reflexion, die Transparenz, das Bemühen um Klarheit machen hier Sinn. Er hätte ein wenig reflektierter, ein wenig freier in den Assoziationen sein können. Er gibt nicht viel von sich preis.
–> 4 Sterne
Komposition: Die Malerei, das Setting, all das wirkt flach, und irgendwie gewollt, auch, dass es sich um ein junges, armes Mädchen handelt, all dies trägt nichts bei. Die Allegorie funktioniert auch ohne alles das. Ärgerliche Tabubrüche (65jähriger mit 16jähriger etc …) und hier doch sehr langweilig, da die Psyche nicht als dynamisches System erkannt werden kann. D.h. vieles verbleibt inkohärent, schwebend, beliebig, raumfüllend
–> 2 Sterne
Leseerlebnis: Die Obsession von Dino hielt den Text zusammen, die Flachheit von Cecilia, dieses ständige Betonen ihrer vollen Brüste, all dies lies eine gewisse Freude nicht aufkommen, doch war es nicht langweilig, es war eher nicht gelungen, eher nicht ausgereift, und doch vielsagend, irgendwie zu oberflächlich, zu faul, und doch voller guter Idee.
–> 3 Sterne
Alberto Moravia: „Die Verachtung“
Inhaltlich atmosphärische Odyssee durch ein Ehedrama, leider sprachlich unterkomplex
Inhalt: 5/5 Sterne („denn sie wissen nicht, was sie tun“)
Form: 2/5 Sterne (einfallslos, meist flüssig)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (reflektiert, situiertes Ich)
Komposition: 4/5 Sterne (klare Dynamik, wenig Beliebiges)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (spannend, sprachlich unterkomplex)
Moravia veröffentlichte Il disprezzo 1954 und gehört eher in die mittlere Schaffensphase. Untreue, Sexualität und Lügen gehören zum Standardrepertoire Moravias. Im Gegensatz zu späteren Romane wird er in Die Verachtung nicht explizit. In diesem Roman herrscht eher ein intellektualisierter Ton vor, der noch in symbolischen Bezugnahme eine Standortbestimmung versucht, die bspw. La noia oder Der Zuschauer völlig aufgegeben wird. Gerade dieses Suchen nach einer Stimme, nach einem Versuch, das Klassische im Tagtraum zu erretten, lässt Die Verachtung im Gesamtwerk von Moravia herausstechen. Hier spielt er mit gleitenden, schwebenden, sich überlagernden Wirklichkeitssphären:
Gerade ein Meer wie dieses wollte Homer in seinem Gedicht darstellen, einen Himmel wie diesen, einen Küstenstrich wie diesen, und Menschen, die dieser Natur glichen, die die liebenswerte Einfachheit und das Maß der Alten besaßen. Genau das wollte er darstellen, das und nichts anderes. Rheingold aber wollte aus dieser bunten und leuchtenden Welt mit ihren beseelenden Winden und ihrer strahlenden Sonne, mit ihren gewitzten und lebensvollen Geschöpfen einfach eine Art Schlangengrube machen, in der es weder Sonne noch Luft gab: das Unbewußte des Odysseus.
Der Grundkonflikt des Romans dreht sich deckungsgleich wie in Der Zuschauer um das Haben und Nicht-Haben einer Eigentumswohnung in Rom. Dem Protagonisten, ein Ich-Erzähler, Riccardo, 27 Jahre alt, will seiner Ehefrau im dritten Jahr seiner Ehe, endlich eine Wohnung bieten und verschuldet sich. Um die Raten und Schulen abzubezahlen, verdingt er sich einem Produzenten namens Battista und schreibt für ihn Drehbücher. Leider deprimiert ihn das Drehbuchschreiben, zumal die Ideen, wie das Zitat zeigt, zwischen Regisseur, Produzent und Drehbuchautor divergieren und im Drehbuch seine authentische Stimme nicht zu hören ist.
Gewiß kann der Drehbuchautor, wie dies auch wiederholt der Fall ist, in seiner untergeordneten Tätigkeit viel erreichen und viel Geld verdienen, niemals aber kann er sagen: «Diesen Film habe ich gemacht, dieser Film bin ich.» Dies kann nur der Regisseur von sich sagen, der ja auch als einziger für den Film verantwortlich zeichnet. Der Drehbuchautor hat von seiner Arbeit nichts als das Geld, das er für sie bekommt; und das Geld wird, ob er will oder nicht, zum einzigen wirklichen Ziel seiner Tätigkeit. Es bleibt ihm nichts übrig, als mit dem Geld, dem einzigen Lohn seiner Mühen, das Leben zu genießen, so gut er es vermag.
Moravias Schreiben dreht sich in allen Romanen um die Entfremdung in einer funktional-differenzierten Gesellschaft, die durch Arbeitsteilung, durch Geld und Warenzirkulation, Reichtum erzeugt, aber die einzelnen vor die Herausforderung stellt, im verquasten, schwebenden Chaos sinnstiftende Prozesse und Handlungen zu finden. Seinen Hauptfiguren gelingt es nicht. Sie bleiben in einem Abwärtsstrudel des ungekonnten Hedonismus gefangen und ertrinken zumeist. Was Die Verdacht auszeichnet, ist sein optimistischer Ton, der sogar Tagträume und klassizistische Höhenflüge erlaubt:
Emilia war zur gleichen Zeit die Frau meiner Träume und die Frau, die mich auf Grund elender Gemeinplätze einschätzte und verachtete […] Um jene Emilia zu besitzen, die ich liebte, und um zu erreichen, daß sie mich so einschätzte, wie ich tatsächlich war, hätte ich sie aus der Welt herausführen müssen, die sie umgab, und in eine Welt versetzen, die so einfach und echt war wie sie, in der das Geld nicht zählte und die Worte unverfälscht geblieben waren, in eine Welt, nach der ich, wie Rheingold mir entgegengehalten hatte, wohl streben konnte, die es aber nicht gab.
Moravias Held durchschreitet aber nicht das Besitzen-Wollen. Er will besitzen, ohne zu besitzen, und in diesem teuflisch-dämonischen unendlichen Regress verliert er alles, was ihm lieb und sprichwörtlich teuer ist. Die Verachtung handelt von Selbstlügen, die sich als Ideale tarnen, aber auch von Träumen, die wahr werden könnten. Die äußerst verschachtelte Ideenführung geht bei der Verfilmung von Jean-Luc Godard Le Mépris (1963) verloren und hat eigentlich mit dem Roman nur oberflächlich zu tun.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Riccardo Molteni (R), 27 Jahre alt, Schriftsteller, träumt davon, Theaterstücke zu schreiben, sein Geld mit künstlerisch wertvollen Stücken zu verdienen, arm. Nebenfiguren: Emilia Molteni (E), Riccardos Frau, aus einfachen Verhältnissen, Stenotypisten, keine akademische Bildung. Battista (B), Produzent, Arbeitgeber von Riccardo. Rheingold (RG), deutscher Regisseur, der mit Battista und Riccardo einen Film über Homers Odyssee drehen will.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) R denkt, E möchte eine eigene Wohnung, spart für die erste Rate, kratzt alles zusammen und kauft eine Wohnung, hat aber Sorge, dass er die zweite und alle anderen Raten nicht aufzubringen vermag. Er nimmt daher das Jobangebot von B an, der beim ersten Treffen E zwingt, mit ihm zu fahren, R willigt ein, fährt mit einem Taxi hinterher, das einen Unfall baut. Er trifft viel später bei B ein.
2.) E scheint etwas verändert daraufhin zu sein. E will mit B nichts zu tun haben. Sie befinden sich im dritten Ehejahr.
3.) R fühlt sich von seinem Job als Drehbuchautor beschmutzt, von den Geldnöten geplagt und tritt der Kommunistischen Partei ein.
4.) Eine Woche nach dem ersten Treffen mit B will E nicht mehr mit R in einem Bett schlafen. Sie erträgt sein Schnarchen nicht und auch nicht das offene Fenster, das er zum Schlafen benötigt.
5.) R empfindet seinen Beruf des Drehbuchschreibens als Sklaverei.
6.) Szene nach dem ersten Drehbuch im Hause von Pasetti, der von seiner Frau angehimmelt wird und R noch das Abschlusshonorar vorenthält.
7.) Als R nach Hause zurückkehrt, findet er E vor, die doch nicht zu ihrer Mutter gegangen ist. R misstrauisch, stellt der Mutter, die anruft, eine Falle. E bekommt sein Misstrauen mit. R beklagt sich, dass E ihn nicht mehr liebe, zweifelt an seinem Drehbuchjob, wird aber von E überzeugt, Bs Angebot, ein weiteres Drehbuch für ihn zu schreiben, anzunehmen.
8.) Das neue Projekt soll mit einem deutschen Regisseur namens Rheingold (RG) durchgeführt werden und handelt von einer Neuverfilmung der Odyssee. B schwebt etwas Bombastisches vor, RG etwas Psychologisches. B räsoniert über den neorealistischen Film, der zu pessimistisch sei. B will, dass RG, R und E nach Capri in seine Villa fahren, um dort an dem Drehbuch zu arbeiten. R erinnert sich an seine Episode mit der Stenotypistin, die er „versehentlich“ geküsst hat.
9.) E und R streiten sich. Sie gibt zu, dass sie ihn nicht mehr liebe, ihn sogar verachte, nennt aber keinen Grund. R würgt sie, hält sich gerade zurück, sie mit einem schweren Aschenbecher zu schlagen.
10.) R denkt über E nach, weiß, dass sie aufrichtig und ehrlich ist, und stellt sich infrage. Er drängt darauf, auswärts essen zu gehen, dorthin, wo sie sich kennenlernt haben, in ein Restaurant an der Via Appia. E will sich aber nicht erklären. Er wird ungeduldig. Im Regen streiten sie sich wieder. E wehrt seine Zudringlichkeit im Regen ab.
11.) E versucht zu ihrer Mutter zu ziehen, die hat aber kein Zimmer mehr frei. Obwohl sie sich treffen will, bleibt sie vorerst bei R. Er setzt seine Hoffnung in den Urlaub auf Capri.
12.) Sie fahren los, und B besteht wieder darauf, dass E in seinem Wagen mitfährt, da RG und R auf der Fahrt bereits über das Drehbuch reden sollen. Sie reden über das Klassische, und über RGs Deutung, dass Penelope und Odysseus Eheprobleme gehabt hätten und Odysseus deshalb in den Krieg gezogen sei. Nach einem Fastunfall mit einem Ochsenkarren, legen sie eine Pause ein und gehen zum Strand, B und E stoßen zu ihnen, E bedrückt, will nicht mit B weiterfahren. B aber setzt sich durch. R schaut voller Sehnsucht ihr nach, bedrückt, sich gegen B nicht durchsetzen zu können.
13.) Ankunft auf Capri. B spricht sich mit R aus, dass er keinen psychologischen Odysseusfilm drehen wolle, ihn interessierten Eheprobleme nicht. R fühlt sich B unterworfen, wie ein Diener seinem Herrn.
14.) Nach einem nächtlichen Spaziergang kehrt R zurück zur Villa und beobachtet aus dem Verborgenen, wie B E das schwarze ärmellose Abendkleid von der Schulter reißt und sie küsst. E empört, ohne zu protestieren, geht. Nachher begreift R, dass E ihn gesehen hat, wie er sie beobachtete, auch vermeint er auf Es Gesicht einen ähnlichen Ausdruck der Ergebenheit zu sehen, wie ihn Pasettis Frau ihrem Regisseursgatten gegenüber zeigte. R, auf seine schlechte Laune hin, befragt, faselt etwas von künstlerischen Ambition, statt seine Eifersucht zuzugeben.
16.) R und E sprechen sich aus. E schlägt R vor, in Capri zu bleiben und weiter für B zu arbeiten.
17.) Treffen zwischen R und RG, ausführliche Deutung RGs von der Eheproblematik Odysseus‘. Penelope sei enttäuscht von ihm gewesen, wie er das Buhlen der Freier um sie akzeptiert hat, statt sie zu erschlagen. Er benötigt den Krieg und die Heimkehr, um als zivilisierter Mann zum Entschluss zu kommen, die Freier zu erschlagen, was eigentlich nicht in seinem Sinne steht, aber der Erwartung Penelopes, einer Barbarin, entspreche.
18.) R wandert umher, überlegt sich in den Tod zu stürzen, um E ihren Irrtum zu beweisen. Auf der Wanderung erblickt er sie am Strand. Sie hat einen mächtigen Eindruck auf ihn. Sie hält ihn auf Distanz. Sie gibt zu, dass sie weiß, dass R sie und B gesehen habe. Er träumt davon, wie er sie küsst.
19.) R beschließt das Projekt abzusagen, redet mit RG über Joyce, über Verfremdung, über das Klassische an Odysseus, das Erhabene. RG wirft R vor, nur an den Kommerz zu denken; R zitiert Dante (Inferno: 26. Gesang: „Nicht geboren seid ihr, um zu leben wie Vieh, sondern um Tugend und Erkenntnis zu suchen.“ – oder: „Gedenkt, aus welchem Samen ihr entsprossen, geschaffen ward ihr nicht, wie Tiere hinzuleben, doch Tüchtigkeit euch zu erringen und Erkenntnis.“) und geht.
20.) In der Villa von B zurück, kommt es erneut zur Aussprache. E gesteht R, dass sie ihn nicht männlich genug finde und deshalb verachte. R erkennt, dass E sich nicht umkämpft genug empfand, dass sie von seiner Passivität enttäuscht ist, dass er B freie Bahn gelassen habe. R will sofort los, nach Rom, aber B will bleiben, denn sie hat in Rom keine Wohnung.
21.) R, entsetzt, flüchtet sich in den Schlaf, wacht auf und hört, dass B und E essen gegangen sind. R begreift, dass er in einer idealen Welt liebt, in einem Tagtraum, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, dass E ihn und nicht seine Möglichkeit sieht. Die verschiedenen Weisen Odysseus zu betrachten. Als er B und E wiederkommen hört, nimmt er schnell ein Schlafmittel.
22.) Am Morgen findet er einen Brief von E, wo sie ihn mitteilt, dass sie zurück nach Rom kehrt und alleine zu leben versucht, aber die Möglichkeit, Bs Geliebte zu werden, nicht ausschließt. R fühlt sich wie ein entwurzelter Baum, geht auf Capri umher, leiht sich ein Ruderboot und halluziniert ein Gespräch mit E, in welchem sie zu ihm zurückkehrt.
23.) Er kehrt zurück in die Villa, wo ihn die Nachricht ereilt, dass E bei einem Unfall gestorben ist. B musste zu scharf bremsen, um einem Ochsenkarren auszuweichen, wobei E sich das Genick gebrochen hat.
●Kurzfassung: Um für sich und seine Frau eine Wohnung zu finanzieren und Geld für ein angenehmes Leben zu verdienen, beschließt ein junger Theaterschriftsteller Drehbücher für einen Produzenten zu schreiben. Tatsächlich verdient er nun Geld, aber sein Leben entgleitet ihm. Seine Frau wird von dem Produzenten umschwärmt, und er küsst die ihm zur Verfügung gestellte Stenotypistin. Das Ehepaar entfremdet sich. Auch ein Aufenthalt auf Capri ändert daran nichts, wo er sich entschließt, die Zusammenarbeit mit dem Produzenten zu beenden, als er Zeuge von einer Szene zwischen diesem und seiner Frau wird, in der der Produzent sie küsst. Es ist aber zu spät. Die beiden reisen ohne ihn ab, und sie kommt auf dem Rückweg nach Rom ums Leben.
… typisches Themen bei Moravia: Untreue, Lüge, konkreter: Wagenvergleich, sinnloses Herumfahren mit dem Wagen, Selbstmord, eine geistig-träge Frau, Eifersucht, der Wunsch nach Nest und Eigentumswohnung, Geldmangel.
… psychologisches Drama: Protagonist unterstellt seiner Frau materielle Wünsche, die er nicht befriedigen kann – deshalb prostituiert er sich, und indem er nun ihre materiellen Wünsche erfüllt, überkommt ihn das Gefühl, die Frau verhalte sich ebenfalls wie eine Prostituierte. Hieraus entsteht das Unglück. Am Ende prostituieren sich beide und beide sind unglücklich. Im Gegensatz zu anderen Romanen besitzt Moravia hier eine größere intellektuelle Spannweite: der Konflikt zwischen dem Monumentalen (Battista), dem Psychologischen (Rheingold) und dem Klassischen (Riccardo).
… Beziehung auf Rheingold von Wagner nur oberflächlich: Schatz der Rheintöchter wird von Alberich gestohlen, nachdem sie ihn verschmäht haben. Aus diesem Schatz lässt er einen Ring schmieden, mit welchem er das Nibelungenvolk unterwirft. Also ohne Liebe grenzenlose Macht und Reichtum.
… Rahmenwirkungen: das schwarze, ärmellose Kleid beim ersten Treffen und in der Szene, in der R sieht, wie B E küsst; zudem die Szene mit dem Ochsenkarren: R und RG fahren, R kann gerade so ausweichen; am Ende passiert dasselbe B, der bremsen muss, wobei B sich das Genick bricht (der draufgängerische Fahrstil wird mehrfach erwähnt, das, was B männlich erscheinen lässt, kostet E das Leben).
… die Atmosphäre auf Capri, die hintergründige Gewalt, die Schwäche, die Deutung, das Ausspielen dieser Deutung, die Multiperspektivität in der Odysseusgestalt bei Homer und Dante, der Verweis auf Wagner, auf den Film, die Debatten um Kunst, Film und Kommerz, heben den Roman über die anderen Machwerke von Moravia weit hinweg.
–> 5 Sterne
Form: Der Stil von Moravia erscheint hier runder, austarierter, aber immer noch nicht interessant, nicht divers, langweilige Wörter, langweilige Adjektive, viele Wiederholungen, langweilige Sätze, langweilige Dialogformen. Die Form selbst erscheint zu flach, zu wenig originell im Schreibstil.
–> 2 Sterne
Erzählstimme: Die Erzählstimme ist durchweg Ich-Erzählung, und zwar aus dem Präsens heraus, in welchem Emilia tot ist, und er sich die letzten Monaten vor Augen führt, wie es dazukommen konnte. Durchweg plausibel, ungebrochen, und situiert, wie konsequent ausgeführt. Die Ich-Erzählung geschieht verlässlich. Das Präteritum ist weitestgehend eingehalten, bis auf den Anfang, der Anfang des ganzen Problems, der szenisch präsentisch erzählt wird.
–> 5 Sterne
Komposition: Die meisten Motive werden aufgenommen: Blick Pasettis Frau auf Gatten, Blick Emilias auf Battista; Fastunfall Ochsenkarren von Riccardo, Unfall mit Todesfolge mit Ochsenkarre von Battista; roter Faden die Wohnung, die Villa, das Eigentum; roter Faden das schnelle Auto, das langsame Auto; Rahmenwirkung des schwarzen ärmellosen Kleides am Anfang und dann in der Villa am Ende auf Capri, als Emilia nun Battistas Geliebte wird. Die drei Deutungen Odysseus als drei Männlichkeitsfiguren: der Draufgänger, der Intellektuelle, der Träumer. Insgesamt wohl komponiert auf die Erkenntnis hin, dass Emilia ihn betrügt oder betrügen könnte. Sehr dicht. Einziges loses Moment Riccardos Begeisterung für die kommunistische Partei, und die Episode mit der Stenotypisten, die wäre auch nicht nötig gewesen und schwächt den Plot, da es eine Racheaktion Emilias nahelegt, daher:
–> 4 Sterne
Leseerlebnis: Vielleicht wegen des Films im Hinterkopf fiel die Lektüre sehr leicht, sehr atmosphärisch, spannend, verwirrend, verwickelt, sehr lange in Schwebe gehalten. Keine Enttäuschung. Inhaltlich stark, sprachlich schwach.
–> 4 Sterne
Johann Wolfgang Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“
Verlust durch Trägheit und Handlungsunfähigkeit – das Theater als Flucht und Verderbnis.
Inhalt: 5/5 Sterne (Suche nach innerer Balance)
Form: 5/5 Sterne (dichterisch-intensiv)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (regieführend-dirigierend)
Komposition: 5/5 Sterne (langsame Figurenentfaltung)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (komplex-vielschichtig)
–> 24/25=4,8 Sterne.
Wilhelm Meisters Lehrjahre bildet einen Eckstein der deutschsprachigen Literaturgeschichte und stellt einen Vorläufer von Romanen wie Der grüne Heinrich,Der Zauberberg oder Das Glasperlenspiel dar. Johann Wolfgang Goethes Roman lässt sich als Paradigma des Bildungsromans verstehen. Im Zentrum des Geschehens steht Wilhelm Meister, anfänglich ein Jüngling, der sich als Kaufmannssohn Hals über Kopf in die Schauspielerin Mariane verknallt hat und sie umgarnt, umschmeichelt und ihre gesellschaftliche Stellung gefährdet:
»Mäßigt Euch«, sagte die Alte gelassen, »mäßigt Euch! Ich muß Eure Freude durch ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! in vierzehn Tagen kommt er! Hier ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat.« […]
Wilhelm trat herein. Mit welcher Lebhaftigkeit flog [Mariane] ihm entgegen! mit welchem Entzücken umschlang er die rote Uniform! drückte er das weiße Atlaswestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben, wem geziemt es, die Seligkeit zweier Liebenden auszusprechen! Die Alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die Glücklichen allein.
Im Vergleich zum besagten Norberg hat Wilhelm Meister Mariane wenig zu bieten, aber der Sturm und Drang der beiden lässt sich nicht aufhalten, bis … Nun entspinnt sich eine komplexe Liebes- und Reiseabenteuer-Thematik, denn Wilhelm sucht Zuflucht bei einer Theatergruppe, um mehr als öffentliche Figur wirken zu können, denn die ihm vom Jugendfreund und vom Vater nahegelegene Karriere als Kaufmann will ihm ganz und gar nicht behagen:
Nun leugne ich dir nicht, daß mein Trieb täglich unüberwindlicher wird, eine öffentliche Person zu sein und in einem weitern Kreise zu gefallen und zu wirken. Dazu kömmt meine Neigung zur Dichtkunst und zu allem, was mit ihr in Verbindung steht, und das Bedürfnis, meinen Geist und Geschmack auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem Genuß, den ich nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich für gut, und das Schöne für schön halte. Du siehst wohl, daß das alles für mich nur auf dem Theater zu finden ist und daß ich mich in diesem einzigen Elemente nach Wunsch rühren und ausbilden kann.
Ein doppeltes Drama wird von Goethe angelegt, der berufliche und der erotisch-amouröse Werdegang Wilhelms, der sich parallel zu dem von Hamlet aus Shakespeares gleichnamigen Drama vollzieht und beinahe ebenso viele Tote mit sich bringt. Mit austarierter Komposition kontrastiert die Erzählinstanz das aristokratische Verlangen Wilhelms mit seinem Scheitern, ja die Illusionen und Visionen im Theaterbetrieb mit denen in der wirtschaftlichen-politischen Welt, die romanintern durch eine Turmgesellschaft repräsentiert wird, eine Art Geheimbundloge.
Wilhelm Meisters Lehrjahre lassen sich in Komposition, Figurenführung schwerlich auf der vergleichsweise kurzen Länge des Romans (verglichen bspw. mit Tolstoi) überbieten. Enggeführt streben die Figuren auseinander und zueinander und finden, durch Bewegung, Dynamik, jeweils neue Konstellationen, in denen sie harmonisieren und sich gegenseitig unterstützen. Nur die etwas beschwerlich zu lesenden „Bekenntnisse einer schönen Seele“ und das harsch-kompromisslose Schicksal Mignons trüben die Lesefreude. Wer Das Glasperlenspiel mag, findet hier die äußerst präzise Vorarbeit in der Figurenanlage – den Ton jedoch hat Hesse aus Novalis Heinrich von Ofterdingen entnommen, denn Goethe bleibt zumeist nüchtern und tastend ironisch.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Wilhelm Meister; Mignon; Therese und die schöne Seele.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Buch: Wilhelm Meister (W), unwilliger Kaufmannssohn, führt eine heimliche Beziehung mit Mariane, einer Schauspielerin. Abenteuerlustig lässt er sich auf eine Reise schicken und rettet dort Melina, einen Schauspieler, und schlichtet einen Streit um dessen Verlobte. Als er zurückkommt, sieht er aus Marianes Haus eine Figur schleichen, fühlt sich betrogen und reist erneut davon. [Initiator: tragisches Missverständnis, denn Mariane hat dem Nebenbuhler einen Laufpass gegeben, und erwartet von W ein Kind – nach der Geburt stirbt sie und hinterlässt Felix (F), den die Haushälterin Barbara zurück in Ws Leben bringt.]
2. Buch: W widmet sich seiner Kaufmannskarriere. Als er sich nach Jahren wieder auf Reisen befindet, trifft er auf eine Theatertruppe rundum Philine. Er rettet Mignon aus den Fängen von brutalen Zirkusleuten und trifft auch Melina wieder, in Begleitung seiner Frau. Sie haben kein bürgerliches Leben aufbauen können und möchten nun ein Theater gründen. W soll die Mittel geben. Er hört von einem Herumtreiber, dass Mariane wegen einer Schwangerschaft vor drei Jahren als Schauspielerin gefeuert wurde – er hatte vor, sie an Tochter statt aufzunehmen. Auf einer Schifffahrt lernt er einen Landgeistlichen kennen [Zwillingsbruder des Abbés], der eine Lanze für die Vernunft bricht statt sich aufs Schicksal zu verlassen. Er lernt einen alten Harfenspieler kennen [der Vater von Mignon, Augustin, Bruder des Marchese]. Philine bandelt, zu Ws Verdruss, mit dem Stallmeister eines Grafen an, Friedrich, ein blonder Knabe schlägt Krach, noch eifersüchtiger als W [Bruder von Lothario, Natalie und der Gräfin], indes Mignon einen Panikanfall bekommt, als W beschließt, sich aus der Theatergesellschaft zu verabschieden. Friedrich verschwindet spurlos.
3. Buch: Graf und Gräfin [Schwester von Lothario, Natalie und Friedrich] erwarten Besuch von einem Prinzen und beauftragen einen Baron, eine Theatergruppe zusammenzustellen. W, begeistert vom Adel, und seine Mitreisenden stehen bereit. Sie ziehen ins Schloss, werden dort zuerst ärmlich aufgenommen. Ein altkluger Intellektueller Jarno rät W zu Shakespeare und von seiner Reisegesellschaft Abstand zu nehmen [wieder jemand aus der Turmgesellschaft, die ihn vor Fehler zu bewahren sucht]. W will davon nichts wissen, vernarrt sich in die Gräfin. Die Baronesse bekommt dies mit und heckt einen Streich aus. W kleidet sich wie der Graf und sitzt in dessen Gemach und wartet auf die Gräfin, aber der Graf selbst erscheint, sieht ein jüngeres Selbst und glaubt an eine übernatürliche Erscheinung, völlig traumatisiert. Gräfin beschwört W, als dieser aus seinem Manuskript vorliest, abzureisen, bevor Schlimmeres passiert. [die Folge dieses Streichs: der Graf wird Herrnhuter, Missionar, gläubig.] Nebenhandlung: die Verfassung eines Stücks zu Ehren des Prinzen, Prügeln eines Pedanten ob eines Spottgedichts über den Baron, Täuschung des Grafen ob der vorgenommenen Veränderungen an seinem Stück, W verhindert, dass Friedrich geköpft wird.
4. Buch: Graf und Gräfin reisen ab, belohnen W. Die Reisegruppe ängstigt sich vor Räuberüberfällen, W aber spricht ihnen Mut zu und so schlagen sie den direkten Weg ein und werden überfallen. Eine Amazone [Natalie, mit der er später heiraten wird] hilft dem schwer verwundeten W, ein alter Herr und ein Wundarzt reisen mit ihr. Die Amazone verschwindet spurlos. W empfindet sie als Engel. Niedergeschmettert verspricht er der Reisegesellschaft, ihnen zu helfen. Am Zielort erwirkt W, dass ein Theaterdirektor namens Serlo die Reisegruppe aufnimmt. Dort intrigiert Philine und lenkt Ws Aufmerksamkeit auf Serlos Schwester Aurelie, die mit einem Baron namens Lothario ein unglückliches Verhältnis führt, vor drei Jahren ihren Ehemann verloren und zudem einen dreijährigen Knaben als Andenken um sich herum hat [Felix, eigentlich Sohn von Wilhelm und Mariane, und der Baron heißt Lothario – hier bleibt die Stelle mit Felix bewusst unklar, in Schwebe, unbescholten lässt sich Aurelie als Mutter denken, sie leugnet es nicht, bejaht es aber auch nicht; eine alte Dame verbirgt ihr Gesicht, als sie sich um Felix kümmert; Barbara, Marianes Dienstmädchen]. W und Aurelie kommen sich näher. Sie erzählt von ihren Erfahrungen im Schauspielergeschäft. Diskussionen über das deutsche Theater. Aurelie schüttet ihr Herz aus, Diskussion über Hamlet und Ophelia. W traut sich, seine Briefe abzuholen, leutselige Botschaften von Zuhause. Er fertigt eine gefälschtes Reisejournal mit Hilfe Laertes an und schickt es zurück. W am Scheideweg, zurück in das Handelskontor oder doch als Schauspieler bei Serlo, Hamlet mimen. Aurelie wegen Lothario aufgewühlt, aber auch von Ws Treue zu Mariane angestachelt, schneidet ihn mit einem Dolch in die Hand.
5. Buch: Nachricht vom Tode von Ws Vater; Werner, sein Jugendfreund heiratet Ws Schwester und kümmert sich um den Hausstand. W gibt zu gelogen zu haben, möchte Schauspieler, eine öffentliche Person sein und als solche wirken. W hingezogen zum aristokratischen Leben. W unterschreibt Serlos Vertrag. Sie arbeiten an einer gekürzten Version von Hamlet. Streit darüber, ob dem Publikum oder dem Stoffe entsprochen werden müsse. Unklarheit, wer den Geist in „Hamlet“ spielt, eine geheimnisvolle Notiz taucht auf, dass jemand sich um die Rolle des Geistes kümmert. [Hier hilft die Turmgesellschaft wieder aus: der Abbé oder sein Zwillingsbruder spielen den Geist.] Die Premiere wird zum Erfolg. W mimt den Hamlet. Nach der Premierenfeier schleicht sich eine Frau in sein Zimmer und sie schlafen miteinander [es ist Philine]. Ein Brand bricht aus. Der Harfner wird verdächtigt. Das Feuer entstand aber im Nachbarhaus. W verhindert die Flucht des Harfner, wird zur Heilung einem Landgeistlichen übergeben. W überrascht Philine mit einem Offizier, der Mariane ähnlich sieht. Philine reist ab, lässt die Theatergruppe allein. Ihr bindender Einfluss wird vermisst. W zum Harfner, dort spricht er mit einem Arzt, von dem er das Buch „Bekenntnisse einer schönen Seele“ erhält. Durch den Brand, die Abwesenheit von W, intrigieren Serlo und Melina gegen Aurelie und W. Bei der Aufführung der Emilia Galotti erschöpft sich Aurelie so sehr, dass sie alsbald stirbt, nachdem sie einen Brief für Lothario an W übergibt, den dieser überbringen soll. Mignon und Felix bleiben bei Madame Melina.
6. Buch: „Bekenntnisse einer schönen Seele“ – eine Ich-Erzählerin berichtet von ihrem Weg zu Gott. Durch eine Krankheit ans Bett gefesselt, beginnt die IE die Welt durch Bücher kennenzulernen. Als sie älter wird, verliert sie mehr und mehr die Nähe zum Unsichtbaren, zu Gott. Sie verliebt sich in Narziss, der von einem Hauptmann verwundet wird. Sie geben sich das Ja-Wort, größte Gottesferne. Narziss wird zudringlich. Sie entzieht sich und findet wieder zu Gott. Sie kämpft gegen die Zerstreuung, bleibt dabei, dass es höhere Freuden als den Sinnengenuss gibt. Streit mit Narziss über das Unsichtbare. Sie trennen sich. Er findet schnell eine neue Partie. Sie wird Stiftsdame durch ihren reichen Oheim. Sie entdeckt das Ebersdorfer Gesangsbuch, fühlt sich hingezogen zu einem Leben als herrnhutische Schwester. Oheim unterstützt ihre Zielstrebigkeit, kritisiert die Leichtsinnigkeit der vielen. Die IE empfindet sich zunehmend als körperlos. Der Oheim überlässt ihr nicht die Neffen und Nichten (je zwei an der Zahl: Natalie, die Gräfin, und Friedrich, Lothario). Sie lebt aber glücklich, fernab der menschlichen Monstren.
7. Buch: W trifft den Landgeistlichen vom Schiff wieder, überbringt Lothario den Brief, der aber andere Sorgen hat. Er muss sich mit dem Ehemann einer Geliebten duellieren, der öffentlich deren Ehre wieder herstellen will, kehrt verletzt in Jarnos Begleitung zurück. Ein Arzt kommt. W erkennt dessen Tasche wieder, dieselbe, die der Arzt der Amazone gehabt hat. Jarno und W streiten über die Klugheit der Welt. Lydie, die besorgte Geliebte Lotharios, soll von diesem ferngehalten werden. Sie geben einen Tagesausflug vor, verirren sich mit Absicht und landen bei Therese, der Ex-Geliebten von Lothario, in der W die Amazone zu finden hofft, aber enttäuscht wird. W dennoch sehr beeindruckt von Therese, von ihrer Geschäftstüchtigkeit. Sie erzählt von ihrer treulosen Mutter, die nur Leidenschaft für die Schauspielerei hatte, sie enterbte. Therese und Lothario einst glücklich zusammen, bis herauskommt, dass Lothario mit der Mutter von Therese eine Affäre gehabt hat, danach nur Freundschaft möglich. Lydie und W fragen sich, was es mit dem verschlossenen Turm in Lotharios Schloss auf sich hat. W erfährt, dass Lothario keinen Sohn von Aurelie haben kann. W bricht auf Felix und Mignon von Madame Melina zu holen, die die Kinder einer alten Frau übergeben hat. Er erkennt nun Marianes Dienstmädchen Barbara in der alten Frau. Sie erzählt die Geschichte von Mariane und deckt das Missverständnis auf. W akzeptiert Felix als Sohn, beendet seine Schauspielerkarriere und wird von Frau Melina aus einem Versprechen entlassen, sich um die Theatergruppe nach dem Raub kümmern zu müssen. W nimmt Kontakt zu Werner auf, um seine Vermögensverhältnisse zu evaluieren. Zurück im Schloss, Mignon wird aus gesundheitlichen Gründen zu Therese gebracht, wird er in das Geheimnis des Turmes eingeweiht. Lotharios, Natalies und der Gräfin Oheims ist verstorben [der weltliche, skeptische Oheim aus den Bekenntnissen der schönen Seele], und nun muss die Übergabe des Besitzes organisiert werden. Im Turm trifft W den alten Fremden im Gasthaus, den Landgeistlichen, den Abbé. W findet Rollen über die Lebenswege der verschiedenen Figuren. Sie bestätigen ihm auch, dass Felix sein Sohn ist. Die Lehrjahre seien vorüber.
8. Buch: Werner und die Turmgesellschaft gehen geschäftliche Beziehung ein. Der Jugendfreund zeigt sich zufrieden mit Ws Entwicklung. W fühlt sich zu Therese hingezogen, bittet per Brief um ihre Hand an. Mignons Gesundheitszustand verschlechtert sich. W muss zu Lotharios Schwester, die sich Mignon angenommen hat. W erwartet die Gräfin, aber trifft nun seine Amazone, Natalie, wieder. Mignon hat sich unter ihrer Obhut verwandelt, kleidet sich nun weiblich. Mignon hat Heimweh nach Italien. W verwirrt ob seiner Gefühle für die Amazone (sein Herz) und für Therese (seine Vernunft). Therese teilt aber Natalie mit, dass sie W gerne zum Mann nimmt. Jarno schneit herein, als alles sich zum Guten zu wenden scheint, und berichtet, dass die Turmgesellschaft herausgefunden hat, dass Lothario kein Verhältnis mit Thereses Mutter gehabt hat. Thereses ist das Kind eines Dienstmädchen, deshalb wurde sie auch enterbt. Sie gehen zum Schrein des Oheims. Dort trifft Therese W. Sie umarmen sich. Mignon, die zugegen ist, sinkt nieder und stirbt. Der letzte der Geschwister erscheint, Friedrich, der mit Philine ein Kind erwartet. Jarno nimmt sich Lydie an und will die Turmgesellschaft in eine wirtschaftliche weltweit agierende Assoziation verwandeln. Ein italienischer Marchese kommt an und erweist sich als Mignons Onkel, erzählt die traurige Inzestgeschichte seiner Nichte, die lange Zeit für Tod gehalten worden ist. Der Harfner erweist sich als der Bruder Augustin, der nach dem Tod seiner Schwester gen Norden gezogen ist. W fällt nun die Erbschaft von Mignon zu. Augustin, der die Wahrheit über Mignon, erfährt, bringt sich um. Vorher schwebte Felix scheinbar in Lebensgefahr, weil er das vergiftete Getränk zu sich genommen hat, bis heraus kommt, er hat die Mandelmilch direkt aus der Flasche getrunken (was ihm das Leben gerettet hat, denn im Glas war die Milch mit Opium vermischt). Durch die Krise um Felix kommen sich W und Natalie näher. Sie heiraten. Therese heiratet Lothario.
… Mignon wird geboren aus einem Inzest, Augustin und die geheim gehaltene Schwester Sperata. Die Familie schämt sich. Bruder wird verbannt, Schwester lebt ihn Scham, bis eines Tages Mignon verschwindet. Sie wird für tot gehalten, ihre Mutter ergeht sich in Wiederauferstehungsphantasien und sammelt Knochen am Meer. In Wahrheit aber wurde Mignon von einer Artistentruppe nach Norden entführt. Als die Knochen vollständig sind, heißt es, erfährt Sperata eine Vision, stirbt und geht als Heilige ein. Der Bruder verschwindet, und taucht als Harfner auf. Bei Wilhelm treffen sie aufeinander, wissen voneinander aber nichts. Mignon kränklich aus Heimweh, verkleidet sich, bis zu Natalie kommt. Dort stirbt sie, als Wilhelm sich mit Therese küsst, und daraufhin tötet sich Augustin, als er die Wahrheit über Mignon erfährt, die sein Bruder, ein italienischer Marchese, berichtet. [<– hier erscheint die Artistengruppe als verbrecherisch.]
… Wilhelm verliebt sich in eine Schauspielerin, Mariane, fühlt sich von ihr betrogen, reist in die Welt. Er versucht sich als Schauspieler, gerät in Intrigen und trifft ständig geheimnisvolle Figuren, die ihn von der Theatergruppe abbringen wollen (die Turmgesellschaft). Seine Liebe gilt allein Mariane, die er mehr oder weniger bewusst wiederzutreffen hofft. Affären und Liebschaften mit der Schauspielerin Philine, die unbeständig und untreu ihm davonläuft, der Gräfin, die bei ihrem Gatten bleibt und sich seinen missionarischen Projekten anschließt, die geheimnisvolle Amazone, die ihm das Leben im Wald nach einem Überfall rettet, dann aber spurlos verschwindet, und der Schauspielerin Aurelie, die in seinen Armen stirbt, führen nicht weit. Um Aurelies letztem Wunsch zu entsprechen, überbringt er einen Brief an einen Baron, Lothario, und teilt ihm auch die Existenz eines Sohnes mit, Felix. Lothario weiß mit Sicherheit, dass er keinen Sohn hat. Felix erweist sich als Wilhelms und Marianes Kind, das nach Marianes Tod das Dienstmädchen Barbara Aurelie als Sohn von Lothario untergejubelt hat. Durch Lothario trifft er die geheimnisvolle Amazone, die sich seine Schwester Natalie erweist. Sie heiraten und kümmern sich um Felix.
… Therese kommt als Kind in einer unglücklichen Familie zur Welt. Ihre Mutter und ihr Vater versuchten vergeblich für Nachwuchs zu sorgen, aber es kam zu Todgeburten. Die Mutter richtet ihr Augenmerk daraufhin ganz dem Theater. Sie empfindet ihren Ehemann als bäuerlich, der wiederum seinen Trost bei einem Dienstmädchen findet. Die Mutter duldet das Verhältnis. Als das Dienstmädchen schwanger wird, gibt sie das Kind als ihres aus. Das Dienstmädchen stirbt, und die Mutter prahlt mit ihrer Tochter. Sie möchte dennoch weiterhin aus ihren beengten Verhältnissen ausbrechen und spielt mit dem Ziehkind Lydie Stücke. Die Eltern trennen sich. Die Mutter reist nach Südfrankreich. Bald ereilt den Vater ein Schlaganfall. Er versucht sich seiner Tochter, Therese, verständlich zu machen, es gelingt aber nicht. Nach seinem Tode wird sie von ihrer Mutter enterbt. Sie wird von einer Dame in der Nachbarschaft aufgenommen, bei der u.a. Lothario ein und aus geht. Die Mutter kehrt mit Lydie zurück und verbannt diese. Therese nimmt sie zu sich. Sie lernt Lothario und seine Familie kennen und verlobt sich mit ihm. Dann stellt sich heraus, dass Lothario einst mit ihrer Mutter ein Verhältnis gehabt hat, und beendet die Verlobung. Sie bleiben gute Freunde, und Therese richtet sich als Wirtschafterin ein. Lydie beginnt eine Affäre mit Lothario. Die Turmgesellschaft findet aber die wahre Mutterschaft heraus, und so können Therese und Lothario am Ende doch heiraten. [<– hier wirkt das Theater zerstörerisch.]
… die schöne Seele. Mit sieben Jahren Blutsturz, von kränklicher Konstitution seitdem. Sie bildet sich mit Büchern, lernt Sprachen. Sie wünscht sich ein Schäfchen, um das sie sich kümmern kann und sich in einen Prinzen verwandeln könnte, und schreibt eine Liebegeschichte über Phyllis und Damon. Ein Sohn eines Hofmarschalls erkrankt, und sie kümmert sich. Sein Nebenbuhler und Bruder bringt sie aber auseinander. Bald darauf sterben die beiden Söhne. Sie wächst auf, ohne an Gott zu denken, ohne sich aber auch in Männer zu verlieben. Ein Fremder fällt ihr eines Tags auf, der im Scherz Narziss genannt wird. Sie nähern sich an. In einem Auf und Ab verloben sie sich, aber es wird immer klarer, dass die schöne Seele ihre Unschuld nicht aufgeben will, ja, in der Atmosphäre von Narziss sich beschmutzt fühlt, zumal er ihre religiösen, geistigen Werte nicht teilt, insbesondere hält er nichts von gelehrten Frauen, höheren Werten und von ihrem Glauben ans Unsichtbare. Sie trennen sich, weil sie ihre Ansichten nicht zu ändern gedenkt. Ein reicher Oheim nimmt sich der Familie an. Er verheiratet die jüngste Schwester in seinem Sinne und erwirbt der schönen Seele den Platz einer Stiftsdame. Nach vielen Jahren bandelt sie mit Philo, einem Geschäftspartner ihres Vaters an. Seine Eltern standen mit der herrnhuterischen Gemeinde in Verbindung. Er übergibt ihr das Ebersdorfer Gesangsbuch. Der Oheim hat hohe repräsentative Ziele, die mit der schönen Seele konfligieren. Philo und sie teilen das Interesse an Bildung. Nach der Heirat der jüngsten Schwester stirbt die ältere Schwester. Die schöne Seele leidet und erkrankt für Wochen. Der schwache Vater reist zu seiner jüngsten Tochter, als diese mit einem Sohn niederkommt, danach stirbt der Vater. Die Schwester gebiert danach zwei Töchter. Bevor der zweite Sohn geboren wird, stirbt der Schwager nach einem Sturz vom Pferd, und die jüngste Schwester stirbt bei der Geburt des Knaben. Der Oheim nimmt sich der vier Kinder an, betraut noch einen Abbé hierfür, der eine liberale Erziehung vorschlägt. Die schöne Seele akzeptiert, dass sie von den Kindern ferngehalten wird. [<– hier wirkt jede weltliche Zerstreuung als verderblich.]
●Kurzfassung: Wilhelm, jung und unerfahren, sucht nach gescheiterter erster Linie Zuflucht im Theatergeschäft, emanzipiert sich, u.a., durch die Hilfe einer Turmgesellschaft und heiratet am Ende, einen Sohn von seiner ersten Liebe in die Ehe mitbringend, sich der bürgerlichen Welt fügend.
●Charaktere: (rund/flach) ausgewogen, aufgefeilt, differenziert, lebendig.
●Besondere Ereignisse/Szenen:
… besondere Abschnitte: Traum von Wilhelm 1. Kapitel, 7. Buch; 6. Buch: Bekenntnisse der schönen Seele. Hamlet-Diskussionen. Geschichte Mignons.
… Parallelen zu Hamlet. Wilhelm (Shakespeares Vorname) wird wie Hamlet um seine Geliebte gebracht (Mariane/Ophelia). Ophelia stirbt, als Hamlet nach England geschickt wird; Mariane stirbt, als Wilhelm auf Geschäftsreisen geht. Bei Shakespeare gibt es keinen Nebenbuhler um Ophelia, und Hamlet bringt Polonius (aus Versehen) um. Es gibt auch keine Rachegeschichte. ABER: das zögerliche Verhalten von Hamlet entspricht dem von Wilhelm. Wilhelm zögert, statt um Mariane zu kämpfen, sich für sie zu entscheiden, sucht er Zuflucht im Theater, wie Hamlet, der nicht Claudius konfrontiert, sondern ihn durch ein Theaterstück zu überführen sucht. Durch die Scharade kommt Ophelias Vater ums Leben und zieht Ophelia ins Verderben, wie Aurelie stirbt, Mariane auch, ohne dass da Verwandtschaftsverhältnisse noch eine Rolle spielten bei Goethe. Norwegen und Fortinbras werden durch die Turmgesellschaft repräsentiert, die Hamlet/Wilhelm zu helfen gedenken. <– Die dynastischen Intrigen am Hof werden durch das Verhältnis Wilhelm-Mariane ersetzt.
… Parallelen der Geschichte von Mignon zu Ödipus-Mythos. Antigone, Tochter aus einem Inzest, Ödipus heiratet Iokaste, wird mit ihrem Vater zusammen verbannt. Sie reisen, Antigone kehrt nach Theben zurück, wo sie sich umbringt, um gegen das Ausbleiben von Polyneikes‘ Begräbnis zu protestieren. Der grobe Rahmen stimmt: Inzest, Verbannung, Tod.
… die Turmgesellschaft schreitet stets für Wilhelm ein; beim Ausflug trifft er auf dem Landgeistlichen, der ihm zur Vernunft rät; im Gasthaus zettelt Friedrich einen Streit an, um Wilhelm vor Philine zu bewahren; springt für den Geist des Vaters bei der Hamlet-Premiere ein; als er seine Liebe zu Natalie aufgibt, rettet die Turmgesellschaft ihn, indem sie das Hindernis zwischen Lothario und Therese beseitigt.
… als Spannungsmittel: vorenthaltene Informationen, die Figuren tauchen erst nach und nach in ihrem Verwebungen und Verhältnissen auf, auch werden Missverständnisse konstruiert und im Nachhinein aufgelöst. Wer ist die Amazone? Ein wichtiger Plotstrang. Wessen Sohn ist Felix? Ein anderer.
●Diskurs: Gesellschaftlicher Aufstieg durch die Kunst, Veredelung und Selbstbesinnung, höhere Werte
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: keine Einschränkung, fließendes, gleitendes, vorbildliches Schriftdeutsch
●Type-Token-Ratio: durch Länge standardisiert auf 0,5 – enorme lexikalische Vielfalt. (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 23 Wörter, STAB 15 Wörter. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 0,76 (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●80% Abdeckung mit wievielen Wörtern: 1399
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: auktorial erzählt, ohne jedwede Einschränkung des Wissens, eher regieartig, zurückhaltend.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): meist auf Wilhelm, meist personal beschränkt, aber dennoch allwissend, im Prinzip.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: ironisch, empathisch, erklärend, aber auf Interessantheit achtgebend
●Einschätzung: die Weite und Komplexität des Handlungsverlaufes legitimiert die auktoriale, teilweise kommentierende, sich nicht reflektierende Erzählhaltung. Sie gibt eine Übersicht, aber gibt nur nach und nach ihr Wissen preis, durch die Figuren. Die Erzählstimme hält sich zurück, bleibt nüchtern, komponierend, aber dennoch präsent. Sie eignet sich für die Vielschichtigkeit und Themenwahl des Stoffes. Daher keinen Abzug. Es gibt keine nervenden Interjektionen.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): außerordentlich wohltemperiert, durchdacht, mit komplexer Handlungsverfugung.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, es gibt keine Welt außerhalb der Welt.
●Lose Versatzstücke: nein, alles findet seinen Platz im organischen Ganzen. Keine Fragen bleiben offen.
●Reliefbildung: hohe Reliefbildung durch dynamisch-narrativen Fluss.
●Einschätzung: durch das Vorenthalten des Wissens, durch die langsame genealogische Entfaltung der Verwandtschaftsbeziehung, werden die Figuren nach und nach mit Leben gefüllt. Sehr lebendig erzählt.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, bis auf Passagen in den „Bekenntnissen der schönen Seele“ – äußerst zäh, die die Problematik mehr angedeutet als beschrieben wird.
●Geärgert: ja, über Mignons Tod, überflüssig.
●Amüsiert: mitgerissen, tragisch.
●Gefesselt: ja
●Zweites Mal Lesen?: mit Sicherheit.
… verstörend wirkte die Brutalität von Mignons Tod. Zu brutal, zu aufgesetzt martialisch, rachsüchtig.
–> 4 Sterne
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Katerina Poladjan: „Goldstrand“
Musikalisch-literarisches Sonnenlicht gegen Narben und geschichtlich-vererbter Verhärtung.
Inhalt: 5/5 Sterne (sinfonische Ich-Suche)
Form: 5/5 Sterne (melodisch-präzis-nüchtern)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (unentschieden-empathisch)
Komposition: 5/5 Sterne (dialogisch-dialektisch)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (schwebend-simmernd)
–>23/25 -> 4,6
Fängt Katerina Poladjan in Zukunftsmusik das nahende Ende der Sowjetunion ein und zwar zum Zeitpunkt des Todes von Konstantin Tschernenko und bindet die Atmosphäre rundum die Suche nach einer Gitarre für ein Kwartirnik, befasst sie sich in Goldstrand mit der Lücke, die der vierzigjährige Kalte Krieg (1949-1989) in viele Familienleben geschlagen hat, in ein Zuvor und ein Danach. Poladjan strukturiert diese Dynamik um einen Filmregisseur namens Elia Fontana, um dessen Mutter Francesca und schließlich Felix, einem russisch-bulgarischen Architekten. Die Lücke selbst heißt Vera, abgeleitet sowohl aus dem lateinischen Sprachraum für „Wahrheit“ und dem slawischen für „Glauben“. Vera, die Schwester von Felix, verschwindet:
Die junge Frau tritt [aus dem Schiffsalon]. Auf dem Achterdeck ist sie allein, schaut auf den weißen Schaum des Kielwassers, dann in die Dunkelheit, wo die Lichter von Odessa längst verschwunden sind. Sie legt die Hände auf die Reling, schwingt ein Bein darüber, der Fuß findet Halt. Dann das andere Bein. Sie zögert. Sie springt. Das Stampfen der Dampfmaschine dröhnt, dumpfer als noch Augenblicke zuvor.
So beginnt der kurze Roman. Vera, mit ihrem Vater und ihrem Bruder auf der Flucht vor den Revolutionsunruhen 1922 und der sich andeutenden Stalinisierung, springt vom rettenden Schiff, das sie von Odessa nach Konstantinopel bringen soll. Später taucht eine andere Vera auf, Elias Tochter, geboren 1989, exakt zum Zeitpunkt als der Kalte Krieg endet und die Berliner Mauer fällt:
Jenny wurde schwanger, in Berlin fiel die Mauer, die Dualität der Weltordnung zerstob in Konfetti, und mir scheint, dass Vera nur einen Augenblick später geboren wurde. Vera war ein friedlicher Säugling, schrie kaum und schlief viel. Es war eine hoffnungsfrohe Zeit.
Doch die Zeit zwischen den zwei Veras hat Spuren hinterlassen, und diese arbeitet der Filmregisseur auf. Die Spaltung der Welt in Ost-West, Links-Rechts, in Kommunismus-Faschismus zerstört Familien, grenzt aus, führt zu Unruhen und Übergriffen, die ein leichtes Anknüpfen nach dem Ende der Spaltung verhindern. Europa wächst nicht einfach zusammen, auch wenn der „Goldstrand“ von Felix, Elias Vater, zu diesem Zwecke konzipiert worden ist, ein Kur- und Urlaubsort am Schwarzen Meer, in der Nähe von Warna, auf just der Höhe, wo Vera 1922 aus dem Schiff gesprungen ist:
Ganze Tage verbrachte [Felix] mit Zeichnen, bebaute das Ufer auf Papier, ließ Häuser in den Himmel wachsen. Hier sollten Menschen aller Nationen zusammenkommen, hier könnten in Sommerkleid und Badehose Klassenschranken und Sprachbarrieren fallen, hier würde Europa nach dem Krieg neu erstehen und zusammenfinden, hier sollte eine glänzende Zukunft mit Meerblick für alle entstehen. Wenn er Lew von seinen Plänen erzählte, nickte der nur.
Das westliche Gegenstück heißt in Rom Ostia, ein ebensolcher Strand, verrucht, ausgelassen, und just zu diesem Strand zieht es die neue Vera. Poladjan dynamisiert in Goldstrand die problematische Hoffnung, die Wunden der Vergangenheit heilen lassen zu können. Sie schreibt atmosphärisch, geradlinig, präzise und ruhig um dieses Problem herum. Als einigendes Motiv bleibt die Intensität, der Hedonismus, das Glück des jeweiligen Momentes, die sich in Kunst, Akrobatik, Film, Musik und Gemälden ausdrückt. Ihr Buch Goldstrand rettet ein Stück Utopie, indem sie Sprache in Musik verwandelt, glitternd, glitzernd, schillernd, schwebend, Sonnenlicht auf römischem Wasser. Odysseisches Gegenstück zu Alberto Moravias Die Verachtung.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Elia Fontana, 60 Jahre alt, lebt in Rom, Filmregisseur.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Rahmenhandlung. E geht zu einer Therapeutin, Dottoressa Malatesta. [Errica Malatesta, italienischer Anarchist 1853-1932]. Dort spricht er über seine Vergangenheit. Der erste Teil des Kapitels geht um den Dialog zwischen D und E, danach geht E nach Hause und erinnert sich allein.
Kapitel 1: In der Praxis: Großvater Lew von E flieht mit seinem Sohn Felix und seiner Tochter Vera von Odessa nach Konstantinopel 1922, um der Stalinisierung zu entgehen. Sein Freund Leo Isaakowitsch Schestow befindet sich bereits im Pariser Exil, schreibt seine Philosophie der Verzweiflung. Während der Überfahrt, geht Vera verloren, und zwar ziemlich auf der Mitte der Reise. Lew will seine Tochter, zumindest ihre Leiche finden, und lässt sich mit seinem Sohn zurück nach Bulgarien schmuggeln, wohin die Leiche abgetrieben sein könnte. Dort wohnt er am Strand. Später pflegt er den Garten einer Königin in Rumänien. Nach ihrem Tod ziehen sie wieder zurück zum Strand, wo Felix, begeistert von Architektur, ein großes Erholungsgebiet plant für ganz Europa, ohne Klassenschranken und Sprachbarrieren. Lew stirbt 1958, als 79jähriger.
Kapitel 1: Außerhalb: Geht in ein Café, trifft einen Fan, geht in eine Kirche, denkt an Jennys Dissertationsprojekt, geht nach Hause, überlegt, welches neue Filmprojekt er beginnen könnte.
Kapitel 2: In der Praxis: Über einen Statisten, der sich in den Film geschmuggelt hat, ein Doubles eines emigrierten russischen Schauspielers Iwan Iljitsch Mosjukin. Geschichte seiner Mutter Francesca, Eltern Anhänger von Mussolini, sie Kommunistin. Kurze Erwähnung der mysteriösen Todesumstände von Wilma Montesi – die Eltern geben ihr mehr Freiraum. Sie fährt mit Kommunisten nach Bulgarien, dort hat sie einen One-Night-Stand mit Felix, der sein Traum von dem Erholungsgebiet umgesetzt hat (Goldstrand). Sie bekommt neun Monate später Elia.
Kapitel 2: Außerhalb: Wieder Gedanken an neuen Film. Geht in ein Kino, sieht sich dort seinen ersten Film an, in welchem er als Statist mitwirkte. Francesa hat ihn auf die Filmarbeiten aufmerksam gemacht, Start seiner Filmkarriere.
Kapitel 3: In der Praxis: Sie sprechen über wichtige Gegenstände für E, Dose mit vier Milchzähnen, Postkarten mit Kathedrale aus Sofia. Familienstand, Jenny, getrennt, in Deutschland mit Tochter Vera, auch in Deutschland, arbeitet in Oranienburg. Brief an Felix aus Italien. Eltern verstoßen die Tochter. E wächst bei konservativ-militanten Großeltern Omero und Giuilia auf. Auf Es Drängen trifft er seine Mutter einmal pro Woche am Samstag, aber die Problematik mit den Großeltern bleibt. Ab 14 sieht er sie nicht mehr. Mit 16 rief sie ihn an wegen der Dreharbeiten.
Kapitel 3: Außerhalb: Schaut sich zuhause seinen ersten Film an.
Kapitel 4: In der Praxis: E bringt einen Wellensittich mit zu Dottoressa. E hat Geburtstag. Frage nach Büchern zum Untergehen. Pavese würde er nie versenken. Premiere mit der Mutter, die kein Urteil abzugeben vermag. Alles sei gut.
Kapitel 4: Außerhalb: Bekommt einen Geburtstagsgruß von Vera, Jenny mit auf dem Photo. Er besucht seine Mutter. Gehen in einen Buchladen. Bunker der Großeltern. Francesca muss ausziehen, vielleicht zu E. Erinnerung an das Zusammenleben mit Jenny und seinen Großeltern. Kollage: Mussolini bedeckt von Gramsci. E geht alleine in eine Bar. Tanzt zu Giorgio Moroder. Vater der Disco. Kommt spät zurück.
Kapitel 5: In der Praxis: Ein Paolo gesellt sich in die Therapiestunde. Wie E und Jenny sich kennenlernten, in einem Schuhgeschäft, wollten dasselbe Paar Schuhe, haben dieselben Schuhgröße. Am selben Tag stirbt Großmutter Guilia, Omero außer sich. Jenny beruhigt ihn bei der Trauerfeier. Er zieht zu Jenny, aber bald müssen sie sich um Omero kümmern. Jenny wird schwanger, Vera kommt 1989 auf die Welt. E viel am Arbeiten, Jenny schließt Studium ab, gute Tage am Strand. Hat Kindheit Veras verpasst. Vera und Omero verstehen sich. Kaum stirbt Omero, reisen Vera und Jenny ab. Jenny wirft ihm mangelnden Familiensinn vor.
Kapitel 5: Außerhalb: Nach Likör in der Praxis, E etwas schwankend. Kauft Parfüm für seine Mutter. Sie will nicht zu ihm ziehen, als er es ihr übergibt. Er schnüffelt in ihren Sachen, aber sie schiebt ihn aus der Tür heraus. In der Nacht kreisen Hubschrauber über seinen Bezirk. Er ruft Vera an, die ihn beruhigt.
Kapitel 6: In der Praxis: Erinnerung am Familienleben, E nicht aufgelegt, sich Terence Hill und Bud Spencer Filme anzusehen. E fragt sich, warum er nicht um die Beziehung gekämpft hat. Erinnerung an einen Besuch in Moskau, Besuch von Vera. Sie ist 16. Drei Jahre später kommt sie mit einer Freundin zu Besuch. Sie erdichtet eine Märchengeschichte über einen von einem Bären gefressenen Ex-Geliebten von Jenny. Danach 6 Jahre keine Besuch, Wiedersehen bei Premiere des Films über die Tante Vera. Vera fragt, was so ein Film soll? Er besucht sie in Deutschland. Sie leitet Führungen durch ein KZ in Oranienburg. Die Therapeutin beendet die Sitzungen, 40 Stück, das war’s.
Kapitel 6: Außerhalb: Vor der Haustür will E mit Paolo spazieren gehen, der aber entwischt. E beginnt zu steppen.
Kapitel 7: Außerhalb: Gartenarbeit. Er pflückt Orangen und Zitronen und kocht Marmelade. Er überlegt ein Projekt über Adriano Celentano durchzuführen. Maletesta und Paolo kommen zu Besuch, auch Francesca. Er träumt von einem Segeltörn nach Bulgarien. Die Holzente und Kiste mit Milchzähnen kommen von Felix. Francesca wütend über Es Nachforschungen – sie hat Felix einen Brief geschrieben. Vielleicht hat er den Kontakt abgebrochen. E beschreibt den Segeltörn, den er vorhat, wie er zum Schwarzen Meer segelt, in Istanbul Spuren seines Vaters und Großvaters sucht. Er fährt nach Warna, zum Goldstand, beobachtet eine Gestalt, die auf einen weißen Stier klettert. Er geht ins Hotel, dort gibt es einen Kirk. Er geht einkaufen. Er betritt ein Restaurant, wo ein Höllenhund kauert. Er lernt eine Vera kennen, wie sie aus Odessa abreiste, in einem Rettungsboot auf Deck einschlief, ihren Vater und Sohn verpasste, sie suchte, aber nicht wiederfand. Sie befreundet sich mit einem Stier an, wird Zirkusattraktion. Er hat Visionen von der ganzen Familie auf einem Kinderspielplatz. Seine Gäste verabschieden sich. E bleibt zurück. Er macht die Nacht durch, fährt nach Ostia, ruft Jenny an, sagt er vermisst sie, und schwimmt dann ins offene Meer hinaus.
… Strukturell: 40 Therapiesitzungen, 40 Jahre Ost-West-Konflikt in Europa (1949-1989). Vera wird zum Zeitpunkt des Mauerfalls geboren. Was ist passiert? Kampf zwischen Faschismus und Kommunismus, innerhalb der Familie von Francesca, was zur Zersplitterung führt; und auch innerhalb Russlands, weshalb es zur Emigration der Familie von Felix kommt. Strukturell: Vera verschwindet, als die Heimat verloren geht – Vera wird geboren, als der Ost-West-Konflikt formal beendet wurde. Zwischenzeitlich haben sich aber die Banden, die Zusammenhänge gelöst, und was nach dem Ost-West-Konfliktende passiert, lässt sich als Sturz ins Leere begreifen, ohne Verbindlichkeit. Wie also die Verbindlichkeit wieder etablieren? Durch Anamnese, durch Anarchismus (Malatesta, Name der Therapeutin und Name eines berühmtem italienischen Anarchisten), also gegen die Zwei-Ordnungsstruktur.
… Goldstrand in Bulgarien, von Felix geplant, vor dem Beginn des Kalten Krieges, als Versöhnung, dort treffen sich Felix und Francesca, West und Ost. Partytourismus seit 1956, nordöstlich der Stadt Warna. Besonders beliebt bei Deutschen. Dort wo seine Schwester hingeschwommen oder hingespült sein könnte. Der Ort, der genau zwischen Heimat und Exil liegt.
… Ostia, ein wichtiger Ort. Einerseits wurde dort Wilma Montesi tot aufgefunden, Skandale im Außenministerium. Omero, der auf die Prostituierten in Ostia schimpft. Später fährt Elia mit Vera nach Ostia, an den Strand, aber immer kommt etwas dazwischen. Nach Ende seiner Therapie fährt er alleine dort hin und geht schwimmen, vorher ruft er Jenny an und sagt, dass er sie vermisse. Ostia steht eben für das westliche Gegenstück zu Goldstrand.
… Großeltern heißen Romero und Julia, Omero und Guilia, auch Geschichte zweier verfeindeter Familien. Beide sterben.
… Vera heißt slawisch Glauben. Auf dem Weg aus ihrer Heimat ins Exil nach Konstantinopel verlieren Lew und Felix den Glauben (Vera). Sie suchen. Es entsteht Goldstrand. Am Goldstrand wird Elia gezeugt („der Herr ist mein Gott“), und Elia zeugt erneut mit Jenny, einer Deutschen, den Glauben (Vera).
… Verknüpfung über das blaue Seidenband von Veras Sommerhut, dass in die Hände von Elia gelangt. Die Rückbindung.
… insgesamt sehr stimmig, synthetisch, als Code der West-Ost-Konfikt (Rechts-Links/Faschismus-Kommunismus) im System Europa (Zeus/Stier, Entführung), die Formen erzeugt.
●Kurzfassung: Eine Familie in den Revolutionswirren aus Russland, die Tochter Vera geht verloren, wird gesucht nicht gefunden. Am wahrscheinlichen Ort ihres wahrscheinlichen Ertrinkens baut ihr Bruder eine Hotelanlage und hat einen One-Night-Stand mit einer Italienerin, mit der er einen Filmregisseur namens Elia zeugt, der später ein Tochter namens Vera hat und seiner Familiengeschichte nachforscht, vor allem weil seine Familie äußerst zersplittert ist.
●Charaktere: (rund/flach) geheimnisvoll.
●Besondere Ereignisse/Szenen: die imaginierte Reise der Vera, die Art der Odyssee, wie Elia von Rom aus nach Warna mit dem Boot fährt.
●Diskurs: Gespaltenheit der Welt in politische Lager; Ende des Kalten Krieges und was er hinterlassen hat.
… atmosphärisch sehr ähnlich zu Alberto Moravias „Die Verachtung“, auch ein Filmregisseur, auch ein Strand, auch ein Tod, der Topos „Odyssee“ nur hier als Ehedrama verarbeitet, bei Poladjan eher als Familienfluch. Sonne, Meer, Film, Italien erzeugen aber einen sehr gemeinsamen Background. Somnambul. Spannend und charakterlich überzeugend. Im Haus von Eli auch große Ähnlichkeiten zu Martin Suters „Melody“.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: Nüchtern, distanziert, sehr präzise, auch sehr verdichtet, ohne poetisch zu sein, sehr wenig Schmalz, sehr wenig Kitsch, sehr zurückhaltend geschrieben, ohne Wort-
●Type-Token-Ratio, Satzlängen-Verteilung-Median, Anteil der 1000 häufigsten Wörter – 0,216 hoher Variationsgrad; 75% der 1000 häufigsten Wörter am Gesamttext, 1470 Wörter werden benötigt um 80% abzudecken; 12,6 Wörter pro Satz/STAB 9,7 Wörter
●Stimmige Wortfelder: stimmig, familiär, persönlich, melancholisch, keine wissenschaftlichen Exkurse, keine schmissigen Diskurse
●Satzstrukturen: fließend, rhythmisch, gleitend
●Wiederkehrende Motive/Tropen: nichts aufgefallen.
●Innovation: filmisch, stroboskopisch, blitzlichtartig, filmtechnisch geschrieben, sehr passend
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: wie ein Dokumentarfilm, eine Off-Stimme erzählt, während sie Eli filmt; zugleich aber existiert das Innenleben von; d.h. es ist personal erzählt, aber in Präsens, als Verfolgerkamera. Nacherzähltes Filmen, mit Innenperspektive. Es gibt also eine Disparatheit zwischen durch Elias Augen sehen und innerhalb von Elia ihn dennoch distanziert betrachten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Perspektivierung, Situierung und Reflexion möglich. Völlig immersiv in der Echtzeiterzählweise.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: immersiv, empathisch, verdichtend
●Einschätzung: leider Schwachpunkt des Textes, als Filmschnittprotokoll überzeugend, als eine Art dokumentierte, von Außen mit Insiderwissen ausgestattete Moderation, dennoch eben nicht völlig gerahmt, nicht so wie der Gegenstand und die Sprache selbst.
–> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr interessante Dynamik, abweichend schnelle, verstörende Erinnerungsabschnitte, Pendeln zwischen privatimer Erinnerung und derjenige, die der Dottoressa erzählt wird.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein, es sei denn Filme wären gemeint, es gibt Filmbeschreibung und die Vorstellung, die erzählte Version eines möglicherweise zu erstellenden Films, die Odyssee zurück nach Warna
●Lose Versatzstücke: nein, sehr verdichtet, strukturiert.
●Reliefbildung: durch die Zweitteilung, innerhalb/außerhalb der Praxis nimmt die Codierung in West-Ost, Rechts-Links auf …
●Einschätzung: kompositorisch überzeug Poladjan durchweg, die einzelnen Details gehen nie verloren, beziehen sich aufeinander, treiben sich gegenseitig weiter, ein sehr geschlossener, kohärenter Text.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, sehr atmosphärisch, filmisch, intensiv
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nicht wirklich, mitgerissen, sentimental
●Gefesselt: ja, wie alles sich zusammenbindet als Prozess
●Zweites Mal Lesen?: möglicherweise, leider etwas kurz.
… ein Problem mit dem Text bleibt die Kürze, dass diese Dichtheit nicht über einen längeren Raum aufrechterhalten wird, obwohl sie könnte, sich mehr Zeit lässt.
–> 5 Sterne
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Benjamin von Stuckrad-Barre aus: „Soloalbum“
Mit heraushängender Zunge durch die Republik geeiert …
Einem Typen in Hamburg droht die Liebe seines Lebens verlustig zu gehen. Er fühlt sich fett, ist faul, arrogant, aber nicht im mindesten so filosofisch wie die Comic-Katze Garfield in ihren mittelmäßigen Momenten. Der Ich-Erzähler gleicht eher mit heraushängender Zunge Garfields Pseudo-Kumpel Odie, nur dass der Protagonist von Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum Sex und nicht Freundschaft will oder wie Odie einfach aus überschäumender Lebensfreude sabbert:
Dann gehen wir noch durch die Bars, wie viele es sind, weiß ich nicht, es muß auch schon spät sein, kann nicht auf die Uhr gucken, Zeit was ist das. Was das ist, merke ich später. Wir sitzen zu dritt in einem Auto, ich frage nicht, wem es gehört. Die beiden fangen an, sich zu küssen, und ich sitze blöde da, auf der Rückbank eines 2-Türers. Kann nicht raus. Beiße auf einer Zitrone rum, habe mein Glas mit rausgenommen, sie haben keinen Anstand, ich leide, ich will küssen, darf aber nicht, sie reibt ihre Hose an ihm, am Sitz, an allem, ich habe einen Ständer. Daran reibt keiner. Ich auch nicht, das wäre ja das Allerletzte.
Nochmal, Katharina, die Liebe seines Lebens, ist weg und hat ihn mitgenommen, irgendwie, ist ja auch die Zeit von Vier Gewinnt oder den Fanta-Vier. Ohne Geld, mit dicker Wampe, kaum Kumpels, zu wenig Koks lässt er ein wenig Mikroaggression an seine Mitmenschen ab, bspw. pinkelt er dem Nachbarn unter sich auf die Schädeldecke. Wenigstens besitzt er den bestmöglichen Musikgeschmack. Ein paar Nachfolgekandidatinnen von Katharina lässt er abblitzen, ansonsten herrscht ziemlich tote Hose.
Zu Hause schreibe ich irgendwas an das Mädchen von eben. Ich schreibe, daß ich sie sehr liebe. Ihren Namen weiß ich auch noch. Ich versuche zu schlafen. Geht nicht. Onanieren auch nicht, kommt nichts, bemühe mich stundenlang, so kommt’s mir vor, mir kommt’s nicht. Irgendwann bin ich eingeschlafen.
Der Text Soloalbum gleicht eher einem Drehbuch von einer Big-Brother-Staffel, kurz vor Absetzung der Serie. Alltägliches mischt sich mit Diskussion über Jugendkultur, Blur, Oasis, den Spice Girls und ein etwas säuerlicher Verriss von Fury in the Slaughterhouse, ein bisschen Koks, ein bisschen eingestreuter Wortwitz und dann, nun, hat es sich. Am besten wird der Untertitel „Roman“ ignoriert und Soloalbum als Blog avant-la-lettre mit dem Titel „Fressen, Ficken, Fernsehen“ betrachtet, also als eine Art visionäres Schreiben in das neue Medienzeitalter hinein. Sprachlich geschieht im Grunde nichts. Stilistisch bleibt es plakativ. Narrativ werden Zeiten, Orte synchronisiert und vermischt, bis nur noch ein Bedeutungssalat übrig bleibt, aus dem selbst eine Nacht mit Katharina nicht mehr hinaushilft:
Sie tastet und fühlt, das ist keine Stimulation oder so, das ist ein Checkup, ein Vergleich wohl gar, noch allzugut hat sie in Erinnerung, wie SEINER in ihrer Hand lag (gestern? VORHIN?), und nun will sie das mal direkt vergleichen. Das stehe ich dann also mal im Wortsinn nicht durch. Muß ich auch gar nicht, denn plötzlich – ich meine, daß es so was wirklich gibt! – dreht sie den Kopf weg, schiebt mich von sich runter und sagt theatralisch: – Ich kann nicht.
Wer nur den Sound mag und nicht auf die Lyrics hört, also wer den plakativen intensiven Rhythmus genießt, ohne auf den Wortsinn zu achten, dem mundet dieser Remix von althergebrachtem Werther-Stoff vielleicht, warum dann aber nicht direkt Oasis hören oder Spice Girls oder, vielleicht noch viel passender, Tic Tac Toes Smashhit Ich finde dich scheisse.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
A-Seite:
1.) Protagonist (P) liegt auf Bett, Feuerwehr bricht bei ihm ein, Isabell hat sich Sorgen gemacht.
2.) Vierjähriges Hin-und-Her zwischen Katharina und P. Vor einer Woche bei einer Zeitschrift gekündigt und bei einem Musikverlag angefangen. Über CD-Verkauf.
3.) Aufzählung der Frauen, mit denen P sich von Katharina ablenkt. Isabells WG. Klaus, der unerfolgreiche Journalist.
4.) Die wichtigsten Freunde: Martin, David, Christian. Erfundene Bildunterschriften für das dritte Seite Girl.
5.) Geht raus, Geld vom Automaten ziehen, geht in den Plattenladen, geht zu einem Wirtschaftsberater.
6.) Kauft Gallseife. Fühlt sich zu dick. Geht laufen. Entschließt sich lieber Fahrrad zu fahren. Kauft Fahrrad bei einem alten Mann, dessen Frau gestorben ist.
7.) Geht Sonntags zum Hauptbahnhof, zum Supermarkt. Geht in ein Schwulencafé, belauscht die Gäste, schaut fern.
8.) Auf einer Party. Lernt eine Freundin von Alf kennen, zieht mit ihr eine Line. Sie ziehen weiter, zu Dritt, P als fünftes Rad am Wagen, während die anderen beiden sich küssen. Am nächsten Morgen geht er in die Kunsthalle frühstücken und in die Spielhalle.
9.) In 10 Tagen Katharinas Geburtstag, drei Wochen Funkstille. Katharina wird zwanzig und bekommt zwanzig Geschenke von ihm. David schüttelt den Kopf. P fährt Bus. Hört Anruf von Freundin von Katharina ab, Katharina habe sich über die Geschenke gefreut, es sei aber aus zwischen ihnen.
10.) Arbeit im Musikverlag. Ruft Katharina an. Schweigen. Tage später ruft Katharina an. Sie verabreden sich, er will zeigen, wie viel er abgenommen hat. Besucht sie bei den Eltern. Er übernachtet, aber es läuft nichts. Am nächsten morgen fährt er weg.
11.) Läuft durch seine Heimatstadt. Beschreibt die Passanten. Geht zu einer Marktforschungsfrau. Ruft Thomas an, der am Telefon mit Konzerten, Lesungen sein Geld verdient. Geht ins Büro. Beschreibt die Ablehnungsbriefe für eingesendete Demotapes. Christian und er spielen ein Oasis-Rate-den-Song-Spiel mit Anrufbeantworter.
12.) Ruft Katharina an. Sie lebt jetzt in Passau. Hausfrauen-Diskussion übers Internet von der Marktforschungsfrau.
13.) Fahren zum Monsterrave nach Berlin. Alf und seine Ravergang. Sie gehen in einen Puff mit klatschenden Türken. P hat Sex mit einer Prostituierten, voll auf Koks. Zugedröhnt im Hotelzimmer. Zurück im Zug. Auf einem Fest, auf der Damentoilette. Lernt Nadja kennen, beginnt Beziehung. Langweilt sich mit seinem Leben.
14.) Fährt für eine Woche in den Urlaub. Sitzt in der Bahnhofshalle. Geht am Strand laufen. Nimmt sechs Bücher mit. Hat Sex am Strand unter einer Schaukel. Seine Schwester passt auf seine Wohnung auf, ein Fax von Katharina kommt an, sie vermisse ihn. Er sendet ihr per Fax ein Fauser Gedicht zu.
B-Seite:
1.) Frust. Viel Arbeit. Geht Feiern mit David. Kauft ein lebendiges Huhn. Fahrt mit dem Taxi. Nach durchschlafenem Samstag, Sonntag zu einer Podiumsdiskussion über „Jugendkultur und Medien“. Zugfahrt, behinderter Junge, der tanzt und sabbert. Jugendliche saufen Bier. Er spricht über die Pet Shop Boys. Andere über Gebühren. Wilde Diskussion über RTL2, VIVA, und MTV, Klinsmann. Steigt in Hamburg aus dem Zug.
2.) Arbeitsalltag. Flaschen sammeln sich auf dem Balkon. Pinkeln auf dem Nachbarn unter ihm. Wohnt seit einem Jahr in der Wohnung. Volvo V70 Werbung. Beschreibung der Traumfrau. Ruft Katharina an und gibt vor, eine neue zu haben.
3.) Geht selten raus. Verwahrlost langsam. Will nicht mehr ausgehen.
4.) Mit Alf auf einer Party, lernt Victoria kennen, die aber keinen Sex will.
5.) Essen beim Mitteltrashitaliener. Er hasst Badehosen. Weihnachten zu den Eltern. Trifft David. Über Blur und die Beatles.
6.) Lernt eine Kartenlegerin kennen, arbeitet für sie, bringt Leute in ihr Zelt. Zockt die Leute ab. Geht zum Zahnarzt, beißt sich danach die Lippe blutig.
7.) Nadja wieder zurück aus Frankreich, beginnen eine Beziehung. Sie zieht zu ihm. Er langweilt sich mit ihr. Er trennt sich.
8.) Er findet eine neue Arbeit, zieht in eine neue Stadt, Hannover. Muss seine Wohnung in Hamburg renovieren, um 4000 Mark Kaution zu erhalten. Er hat zwei Wochen Urlaub.
9.) Bei seinem Friseur Herr Eggert. David hält ihn davon ab, nach Passau zu Katharina zu fahren. Er renoviert die Wohnung und findet in Hannover eine Bleibe für einen Monat. David hilft beim Umzug, die Wohnung wird übergeben.
10.) Er faulenzt, kauft sich Platten, geht ins Freibad. Über Lady Di, die Beerdigung, die Berichterstattung, gestorben 31. August 1997,
11.) Geht auf eine Studentenparty, streitet sich über Musik, über Faith No More. Geht auf eine Schaumparty. Seine zehn Singles zum Verlieben. Über Datinganzeigen, Annoncen. Zu einer Gartenparty, Football Coming Home. Gegen Fury in the Slaughterhouse. Als P beinahe von einem Schwulen vergewaltigt wurde. Ruft eine Frau an, deren Stimme ihn auf große Brüste hoffen lässt. Er trainiert mit Hanteln. Über Pulp. Zieht einen guten Anzug an.
12.) Hat neue Wohnung gefunden. Zu Ikea. Transportprobleme. Ausgrabearbeiten in Hannover. Putzgewohnheiten.
13.) Auf einer Vernissage. Mit Drum and Bass. Gespräch über Oasis mit einem Bekannten.
14.) Fahrt nach Berlin zum Konzert von Oasis. Michael Hutchence ist gestorben, 22.11.1997, INXS. Nachts wieder im Hotelzimmer. Definitely Maybe.
László Krasznahorkai: „Der Gefangene von Urga“
Eine Reise durch die Steppe ins Reich der Mitte. Verloren, auf der Suche nach Gleichgewicht, etwas plotarm.
(Literaturnobelpreis 2025)
Inhalt: 4/5 Sterne (intensiver China-Reisebericht)
Form: 5/5 Sterne (poetisch-durchgearbeitet)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (reflektiert-kreisend)
Komposition: 4/5 Sterne (rahmende Motivik)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (mitreißend-fließend)
–> 23/25 = 4,6 Sterne
Krasznahorkai greift in Der Gefangene von Urga den Stoff des Reiseromans auf. Zwischen Ulaanbaator, Beijing und Guangzhou hin und zurück reisend, erlebt der zurückblickende Ich-Erzähler seltsame Momente des Wachseins und Träumens, des Schwebens und Versinkens und berichtet von diesem sich langsam um ihn und in ihm ausbreitenden Strudels ein Ausgeschlossen-Sein, dem er durch quasi-religiöse Eingebungen zu entfliehen sucht:
Schon als die Helligkeit draußen sich zu verlieren begann, schon als auch mein Zimmer aus dem ewig dämmerigen Zwielicht in die Dunkelheit wegkippte, schon da fühlte ich, wie es mir das Herz zusammenschnürte; doch es wurde Nacht, bis mir auffiel, dass ich schon seit einer geraumen Zeit eine Stimme in mir hörte, und zwar, wie mir bewusst wurde, meine eigene Stimme, wie sie in intimer Vertraulichkeit jemandem unermüdlich die Nachteile davon klagte, in die Ferne verschlagen worden zu sein. Und es wurde noch tiefere, es wurde tiefste Nacht, bis ich zur Kenntnis nahm, dass der Angesprochene kein anderer war als Gott, der Herr der Bibel.
Dem Ich-Erzähler wird seine Heimatlosigkeit immer klarer, während er in China und der Mongolei herumgondelt, sich von Eisenbahnen, Taxis und Bussen durch die Gegend fahren lässt und über sich und die Welt, die Zeit und den Tod, seine eigene Physis und Psyche nachdenkt. Die kreisenden Bewegungen werden immer nachvollziehbarer, je länger der Text anhält. Sie verknüpfen die Motivik der Steppe, die Ungarn als Tatarenvolk, mit der Wüste Gobi verbindet, den mongolischen Reitern, mit dem einzelnen, sich orientieren-wollenden Ich, das dennoch zunehmend Atemnot und Beklemmung in der Fremde ereilt:
Stattdessen aber lag ich, dem Wahnsinn nahe, bewegungslos und – in den ersten Stunden noch auf kaum erträgliche Weise – bedrängt vom Sinn des Geschehens, von der Tatsache, auf der Liege des Gästezimmers im Apartment meines Freundes, im fünfzehnten Stockwerk eines Hochhauses an der Taojin-Lu, einer schmalen, leicht gekrümmten Straße, die parallel zum Rand des Dschungels an der nordöstlichen Stadtgrenze verläuft, und unternahm, das Heben und Senken meines Brustkorbs auf das mögliche, aber nie ausreichende Minimum beschränkend, alles, um eines nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen: dass mein Leben an einem Haar hängt.
Was den Text Der Gefangene von Urga auszeichnet, besteht in dem Nichtgesagten, dem Wunsch, einer Heimat (Ungarn) zu entfliehen, die sich selbst durch Mythenkonstruktionen zu entfliehen sucht, einem Glauben (römisch-katholisch) zu entziehen, der sich selbst zu enge Grenzen zieht, indem er sich dem Grenzenlosen einer Wüste Gobi und dem Dschungelhaften eines chinesischen Tor des Südens aussetzt, also sich mit der eigenen Angst konfrontiert.
Der Reisende spricht plastisch, in wiederkehrender Motivik, gerahmt, dicht in gleichbleibend poetischer Art und Weise, die in ihrer Ich-Zentriertheit an Thomas Bernhard, aber auch vor allem an Oswald Egger aus Diskrete Stetigkeit erinnert. Als Stoff, die Reise, in der Melancholie und zarten Selbstbefragung, auch in Sachen fernöstlicher Spiritualität schließt er an Cees Nootebooms Bücher an, wie Mokusei! (auch durch die Liebesthematik) und Der Buddha hinter dem Bretterzaun. Von der Stimmung jedoch hängt wie ein Damoklesschwert der Pessimismus eines Émile Cioran als Seelenverwandter und regionaler Nachbar (Rumänien), bspw. mit Lehre vom Zerfall.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Ein Reisender fährt von Urga (Ulaanbataar) mit der Transsibirischen Eisenbahn los, von einem Hochplateau aus, in Richtung Bejing. Er passiert ein Hochgebirge, eine Wüsten- und Mondlandschaft. Sie halten in Char Airag, fahren weiter, nach Sainschand, indes ihm bewusst wird, in seiner Melancholie, dass sich vor ihm ein ausgetrockneter Meeresboden befindet. Er fühlt sich ausgestoßen von Sinn.
2.) Erzähler berichtet von seinem Zuhause aus, seine Töchter schlafen, er reflektiert seinen Bericht, hört von Superbombern, B-52, und dass ein Krieg begonnen hat. Es gruselt ihn. Sein Bericht kehrt zurück. Der Zug hat die chinesisch-mongolische Grenze erreicht, Dzamyn Uud. Die 24 Fahrgäste sind erleichtert. Die Wüste Gobi lag schwer auf ihrem Gemüt, aber nach und nach bemerken sie, dass das Bahnhofsgebäude, der Turm, nur eine Attrappe sind – sie fahren los, fahren wieder zurück, bezeugen eine Schlägerei unter mongolischen Soldaten, fahren dann doch wieder los und erreichen ein wildes Getrubel, wo chinesische Grenzbeamte die Passkontrolle durchführen und Frauen an den Fahrgestellen hämmern, bis sie merken, dass der Zug umgesetzt wird, die Abteile auf ein anderes Fahrgestell gehoben werden, in der Luft hängend, während die Frauen auf dem Boden hämmern und kontrollieren.
–> sehr bedrückende Atmosphäre.
3.) Kommt in Beijing an, wird dort in ein Botschaftsapartment gebracht, von einem Fahrer. Der Komplex wird bewacht. Am ersten Abend sieht der Ich-Erzähler zum Sternenhimmel, fühlt sich von allem getrennt, vom Göttlichen, beginnt Beijing zu erforschen, fährt mit unbekannten Buslinien zu den Sehenswürdigkeiten, verwirrt sich, verirrt sich, nur um immer wieder zurück zu gelangen. So geht das mehrere Tage, bis zum achten Tag.
4.) Brief einer chinesischen Schauspielerin an den Autor Krasznahorkai. Sie antwortet auf den 64. Brief, den er ihr geschrieben hat, aus Bewunderung und Verliebtheit, aus der Ferne. Sie schreibt ihm und erweist ihm die Höflichkeit, ihn darauf hinzuweisen, dass sie die Gefühle nicht erwidert; sie schreibt auch von einem Dichter, der von der Vierer Bande verschleppt wurde, der bei einer ihrer Aufführung weint. Ihre Mutter, auch Schauspielerin, spricht von diesem Dichter – sie sagt der Schauspielerin, sie sei nun auch im Leben eine Schauspielerin, auch wenn sie von der Bühne trete. 1991 wurde der Brief verschickt.
5.) In Guangzhou, am 6. 10. 1990, fährt der Ich-Erzähler zu einem Treffen ins Escorial, als ihn plötzlich schwindlig wird, eine Lungenkrankheit macht ihm zu schaffen. Er wird zurück zum Apartment seines Gastgebers und Freundes gebracht, und dort liegt er und starrt auf eine Traverse und merkt, wie er ein Zwiegespräch mit Gott führt, im abwesenden, weit entfernten Winkel, wo kein Christentum mehr übrig ist, vielleicht nicht einmal mehr die Kathedrale, die es dort gegeben hat, eine einzige Bibel? Er zitiert und sucht Trost und Schutz vor den chinesischen Geistern. Er hat das Gefühl, sein Leben hänge ob der perforierten Lunge an einem Haar. Als er eine Woche später zum Flughafen fährt, erinnert er sich an den Weg zum Fischrestaurant und spürt einen Fischgeschmack, der sich als ein Haar auf der Zunge entpuppt.
6.) Letzter Abend in Beijing. Er bereitet sich auf Abschied vor, melancholisch. Er fährt in ein chinesisches Theater, wo er das Drama um einen König und seinen Königssohn ansieht, und in welchem die besagte Schauspielerin Arien singt. Sie kommt ihm wie eine Erscheinung vor, und er verlässt China völlig von ihr eingenommen, frei als Gefangener.
7.) Von seinem Flug nach Guangzhou, Flugangst, mit 197 Chinesen, Angst vor dem Süden, dem Dschungel, Angst vor dem Herzen der Stadt, Ankunft, Atemnot, Abholung durch den Gastgeber, der ihn in das Hochhaus bringt, wo halbnackte im Eingang sitzen, sich Luft zufächern. Etwas gruselig. Der ockergelbfarbene Mercedes. Das Fremde, Angst und Sattheit vom Fremden, vom Reisen, Sehnsucht nach Ruhe, nach Nachmittagssonne. Er rät dem Publikum zuhause zu bleiben, beim seinem Leisten.
8.) Wieder zurück in Ulanbataar, wo er drei Tage verbringen muss, im Heimweh, weil sein Rückflugdatum falsch angesetzt worden ist. Er versucht den Flug vorzulegen, scheitert aber. Er will die Beamten bestechen, mit Quarzuhren und Feuerzeugen, aber es gelingt nicht. Er streift durch die Gegend, denkt über Heimat nach, fährt zurück in die Wohnung seines Gastgebers, der im Institut für Friedensforschung arbeitet, aber abrupt beschließt, eine Keramikfabrik zu eröffnen. Dieser organisiert am letzten Tag einen Ausflug zu einem Kloster, wo er einen Lama kennenlernt, der ihn berührt, ihm Zukunft und Gegenwart näherbringt, auch der Schulranzen erinnert ihn an die eigene Kindheit und wie er daran dachte, wie weit entfernt noch das Jahr 2000 damals gewesen sei, nun nur noch zehn Jahre, am 21. Oktober 1990, kurz vor zehn.
●Kurzfassung: Ein Ich-Erzähler berichtet, zuhause sitzend, während ein Krieg im Gange ist, über seine Reise aus Ulaanbaatar (Urga) nach Beijing, von dort nach Guangzhou und wieder zurück nach Ulaanbaatar, wo er drei Tage auf seinen Rückflug warten muss und ihm Heimweh überkommt. In Guangzhou erleidet er einen Zusammenbruch, perforierte Lunge, und in Ulaanbaatar besucht er einen Lama, der mit seinen Händen heilen kann.
●Charaktere: (rund/flach) sehr persönlich-fließende, komplexe Ich-Erzählung über den eigenen Glauben, das eigene Ausgeschlossen-Sein, die eigene Suche von und zu einer Heimat.
●Besondere Ereignisse/Szenen: eindrucksvoll die Szene, wie er in Guangzhou krank im Bett liegt und eine Traverse betrachtet; und auch wie in einem Hochhaus in Ulaanbaatar liegt, sich langweilt und nach Hause will. Szenisch:
1.) Einöde der Wüste Gobi, Meeresgrund, Übergangsort.
2.) Grenzbahnhof als Fassade, ein Bühnenbild, Dzamyn Uud; Schweben.
3.) Balkon in Beijing, Blick in den Sternenhimmel, Lächeln des Wächters.
4.) Brief einer Schauspielerin, weinender Tien Han, Opfer der Kulturrevolution 1970.
5.) Krank in Guangzhou, Zusammenbruch, Traverse, Kathedrale, Gotteserlebnis.
6.) Wieder zurück in Beijing, zum Abschied besucht er ein Theater, Schauspielerin.
7.) Erinnerung an seinen Flug nach Guangzhou, die Landung, das Tor des Südens, Angst.
8.) Begegnung mit Lama, Tag im Hochhaus, Schulranzen, Kindheitserinnerung.
●Diskurs: Heimat, Ungarn, Mongolei, China, die Zukunft, Weltenwende.
… erinnert als Reisebericht sehr an Cees Nooteboom, nur sprachlich austarierter, formalästhetisch interessierter und komplexer; erinnert auch an Claude Simons Reisebeschreibung, die langen, ineinander geschachtelten Sätze, und in seiner Poetizität besitzt er Anleihen bei Novalis. Vor allem jedoch Nooteboom: Hokusei und der Buddha hinter dem Bretterzaun. Wohl verwebte, intensive Auseinandersetzung mit sich selbst und der Fremde und Ferne, dem Ausgeschlossensein.
… leider hält der Roman in Sachen Plot wenig Intensität aufrecht und rettet sich mit der Schauspielerin-Story. Auch ist die Abfolge etwas beliebig, zu sehr Chronikhaftes.
–> 4 Sterne
+
Form:
●Wortschatz: interessant, schwelgend, passend, wenig Hilfsverben
●Type-Token-Ratio: 0,19 hoch, (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 45,5 Wörter STAB aber 42,5, Bandwurmsätze, die an Thomas Bernhard erinnern (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 74%, oder 1732 verschiedene Wörter, um 80% abzudecken (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Krasznarhorkai verwendet viele dynamische Konstruktion, weniger statisch
●Stimmige Wortfelder: ja, nur selten „symmetrisch“ bspw. als Störung
● Motive: Steppe, Leere, Ödnis.
●Innovation: in seiner Sprache erinnert Krasznarhorkai Oswald Eggers, sehr melodisch, fließende Ich-Bewusstseins-Rekonstruktion, poetisch und auf den Rhythmus bedacht.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: ein Ich-Erzähler spricht aus der Retrospektive, sitzt zuhause, ist also situiert und reflektiert und auch perspektiviert. Ganz klar, er sitzt in Ungarn, während ein Krieg ausbricht, seine Töchter schlafen, und er seine Reiseerinnerungen aufschreibt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Ich-Erzählung, aus der Retrospektive mit allen Eigenschaften der Transparenz.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: mitfühlend, grüblerisch, etwas verloren, Orientierung suchend
●Einschätzung: es gibt einen Rahmen und auch eine Glaubwürdigkeit in der Nacherzählung, in der Datierung und Strukturierung der Erinnerungen, die er reflektiert.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): stets von einer Kernszene aus wird das Kapitel geschrieben und entwickelt, die Kapitel folgen nicht chronologisch, sondern driften im Erinnerungsraum, dennoch schließt die Reise ab, gibt es einen Abschluss mit dem Brief der Schauspielerin.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: hoch, durch die intensiven Bilder und Szenen
●Einschätzung: es wirkt etwas zu dicht, insbesondere über die Religionsthematik lässt er sich nicht komponiert aus, es wird vieles angerissen, bleibt sehr locker, um einen Mittelpunkt kreisend, aber gibt sich nicht die Form, hin zu einer deutlicheren ästhetischen Standpunkt. Es wird nicht ganz klar, weshalb er schreibt, was er schreibt, weshalb erzählt wird, was erzählt wird. Hierfür schwebt dann auch die Schauspielerin und die Briefe an ihr in der Luft.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, bis auf den etwas drögen Anfang in der Wüste, nicht.
●Geärgert: nein, denn die Ich-Bezüglichkeit erlaubt das im Grunde nicht.
●Amüsiert: unterhalten ja, amüsiert nein, denn das Thema kreist um den Tod, den Abschied, die Trennung, das Ausgeschlossen-Fühlen
●Gefesselt: nein, es besitzt keinen wirklich roten Faden.
●Zweites Mal Lesen?: vielleicht, weil die Szenen gut ineinander geschachtelt werden und enorme Moment sich ergeben.
–> 5 Sterne
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Novalis: „Heinrich von Ofterdingen“
Flüssige-getragen-episches Realitätsträumen – am Ende etwas hermetisch.
Inhalt: 5/5 Sterne (Universalpoesie)
Form: 5/5 Sterne (innovative Lyriktranszendenz)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (fokussiert-auktorial)
Komposition: 5/5 Sterne (Traum/Realität-Konvergenz)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (teilweise etwas zu hermetisch)
Heinrich von Ofterdingen gilt als eines der Textes des romantischen Poesie- und Prosakorpus, in welchem die neue Generation sich deutlich von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller abwenden, insbesondere von dem etwas starr-steifen Wilhelm Meisters Lehrjahre, Wilhelm Meisters Wanderjahre , das für Novalis, Friedrich von Hardenberg, als Antithese zu seinem Romanfragment wurde. In beiden Fällen geht es um einen Jüngling, Heinrich bei Novalis, Wilhelm bei Goethe, die ihren Weg in die Welt der Kunst suchen:
Es sind die Dichter, diese seltenen Zugmenschen, die zuweilen durch unsere Wohnsitze wandeln, und überall den alten ehrwürdigen Dienst der Menschheit und ihrer ersten Götter, der Gestirne, des Frühlings, der Liebe, des Glücks, der Fruchtbarkeit, der Gesundheit, und des Frohsinns erneuern; sie, die schon hier im Besitz der himmlischen Ruhe sind, und von keinen törichten Begierden umhergetrieben, nur den Duft der irdischen Früchte einatmen, ohne sie zu verzehren und dann unwiderruflich an die Unterwelt gekettet zu sein.
Der Konflikt, Handwerk oder nicht, ersetzt bei Novalis den von Goethe, Kaufmann oder nicht. Beide Jünglinge wollen nicht in die Fußstapfen des Vaters treten. Es drängt sie in die weite Welt hinaus. Bei Novalis im ersten Schritt nach Augsburg, der Heimat seiner Mutter, wo er einen Dichter kennenzulernen erhofft. Das war es auch schon mit dem Plot, denn Heinrich von Ofterdingen speist sich eher aus einer Vielzahl von kürzeren Sagen und Märchen, die Figuren in Heinrichs Welt erzählen, also erzählt-erzählende Erzählungen, die die Inwendigkeit und Geschlossenheit des Poesieprojektes demonstrieren:
Ich möchte fast sagen, das Chaos muss in jeder Dichtung durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern. Den Reichtum der Erfindung macht nur eine leichte Zusammenstellung fasslich und anmutig, dagegen auch das bloße Ebenmaß die unangenehme Dürre einer Zahlenfigur hat. Die beste Poesie liegt uns ganz nahe, und ein gewöhnlicher Gegenstand ist nicht selten ihr liebster Stoff.
Mitreißend wirken die Legenden vom beraubten Sänger, dem ein Meeresungeheuer zur Hilfe kommt, die Prinzessin von Atlantis und dem Schicksal der aus dem Morgenland geraubten Zulima, die die Begeisterung über die Kreuzzüge als Abenteuer mit der Realität von Kriegsverlusten und Schmerzen kontrastiert. Alle Märchen in Länge und Wirkung überragend, bleibt jedoch Klingsohrs, Heinrichs Lehrers, Märchen, in welchem nun wirklich alles kunterbunt durcheinander geht:
Ginnistan bückte sich. Sie sah ihr vielfaches Bild. Die Kette berührte die Flut, ihre Hand sein Herz; er erwachte und zog die entzückte Braut an seine Brust. Das Metall gerann, und ward ein heller Spiegel. Der Vater erhob sich, seine Augen blitzten, und so schön und bedeutend auch seine Gestalt war, so schien doch sein ganzer Körper eine feine unendlich bewegliche Flüssigkeit zu sein, die jeden Eindruck in den mannigfaltigsten und reizendsten Bewegungen verriet.
Im krönenden Abschluss, Klingsohrs Märchen, bringt Novalis alles zusammen, die Legenden des Christentums, die Sagen der Germanen, die Mythen der alten Griechen und die Sphinx der Ägypter. Alles durchdringt sich, verschmilzt, hetzt und brodelt und kämpft und liebt zwischen Erde und Himmel und Unterwelt in einem etwas unübersichtlichen Wirrwarr herum.
Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen überzeugt durch die Sprache, die Einfallslust, die Intensität, die Welt zu romantisieren. Leider hat er das Werk nicht vollenden können, und leider wirkt daher der Abschluss, Klingsohrs Märchen, zu überladen und abrupt. Es lohnt sich dennoch, es wieder und wieder zu lesen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Heinrich von Ofterdingen (H), zwanzig Jahre alt, aus Eisenach. Die Handlung spielt im Mittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
H träumt von der Fremde, von einer blauen Blume. Er tagträumt gerne. Der Vater besteht auf einen lebenstüchtigen Realitätssinn, gibt aber zu, dass ihn ein Traum zu seiner Ehefrau, Hs Mutter, geführt hat. Er hatte diesen Traum in Rom. Um die zunehmende Melancholie zu vertreiben, beschließt Hs Mutter ihn mit zu ihrer Familie nach Augsburg zu nehmen. Hs Großvater Schwaning erwartet ihn dort. In der Kutsche treffen sie Kaufleute, die Kritik an die weltabgewandten Gelehrten üben. Sie erzählen ihm dennoch die Sage vom Sänger Arion, der auf hoher See ausgeraubt, aber ob seines Gesanges von einem Meeresmonstrum gerettet wird. Später läuft sein Schiff auf Grund und das Meeresmonstrum rettet sein Hab und Gut und übergibt es ihm, als er einmal wieder traurig über den Verlust am Strand sing. Er hört von einem König und seiner Tochter in Atlantis. Die Tochter findet keinen würdigen Ehemann. Als sie im Wald spaziert, lernt sie einen forschungstreibenden Jüngling kennen. Sie verlieben sich und bekommen ein Kind. Sie verstecken sich ein Jahr lang vor dem König, der traurig vor Verzweiflung das Land nach seiner Tochter durchsuchen lässt. Nach einem Jahr kommen sie mit dem Sohn und beten um Vergebung, die er ihnen bereitwillig erteilt. Sie rasten bei einem Kriegsherrn, der H von der Herrlichkeit der Kreuzzüge berichtet. H wirr im Kopf geht aus dem Haus und trifft dort Zulima, eine Araberin, die geraubt worden ist und die H die andere Seite des Krieges vor Augen führt. Sie schenkt ihm ihr Haarband, nachdem er die Laute ihres Bruders nicht annehmen wollte. In einem Wirtshaus treffen sie einen Schatzgräber und Reisenden, der vom Zauber des Bergbaus berichtet. Außerdem beschließt dieser ein nahegelegenes Höhlensystem zu durchsuchen. H und andere begleiten ihn. Dort lernen sie einen Einsiedler kennen, den Graf von Hohenzollern, der Frau und Kind verlor und sich zu einem Leben des Weisen entschied, mit Büchern. Als die anderen weiterziehen, bleibt H zurück und findet ein geheimnisvolles Buch, in welchem in Bildern sein vergangenes und künftiges Leben geschildert zu sein scheint. Sie fahren weiter und erreichen Augsburg. Dort lernt H den Freund seines Großvaters, den Dichter Klingsohr kennen, in dessen Tochter Mathilde H sich sofort verliebt. Sie kommen zusammen, und Klingsohr beschließt, ihn als Lehrling aufzunehmen, nachdem H so ausdrucksstark von seiner Reise zu erzählen vermocht hat. H bittet Klingsohr ein Märchen zu erzählen, mit welchem der erste Teil endet, ein sehr wüstes Märchen auf drei Ebenen, Himmel, Erde und Unterwelt; griechische Sage, germanische Sage und Christentum, alles vermischt, mit Einsprengsel einer Sphinx, mit Spinnen, vom Wahnsinn des Krieges, vom Überwinden des Krieges, von der Heirat Eros‘.
Dann ein kurzer zweiter Teil, über einen Pilger in der Nähe von Augsburg, H, der seine Liebste verloren hat, über die Kindheit, das Reisen, und ein Gespräch mit Sylvester, einem Weisen, der aus der Region rund um den Ätna stammt
●Kurzfassung: Ein junger Handwerkersohn möchte Künstler, Poet, werden und fährt mit seiner Mutter nach Augsburg, lernt dort die Liebe seines Lebens und seinen Lehrer in Dichtkunst kennen.
●Charaktere: (rund/flach) komplex, vielfältig, schillernd.
●Besondere Ereignisse/Szenen: surrealistisches Märchen von Klingsohr von drei Dimensionsebenen (Himmel, Erde, Unterwelt), Vermischung aller Sagen und Legenden: Christentum, griechische Antike, Germanentum; schöne Szene mit Zulima, und das freundliche Seemonstrum, das den Sänger rettet; etwas kitschig das Märchen vom König von Atlantis.
●Diskurs: Universalpoetologie, Romantik.
… die sehr lebensgesättigte, freundliche, intensive Art die Welt zu erleben, belebt jeden Satz.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: gestaltungsreich, überraschend, eigenwillig
●Type-Token-Ratio: 0,18 klassische Komplexität (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 19 Wörter, STAB 13,4 Wörter, variabel, aber lang.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 74%, oder 1613 Wörter um 80% des Textes zu erstellen. (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmige Wortfelder, märchenhaft, Legenden, Sagen, Erzählungen, Reiseberichte.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Traum, Reise, Dichtung.
●Innovation: hohe Grad an Poetizität, mit Gedichten, Lyrik, eindringlich
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: sehr stimmig, ein komponierender Erzähler, der über Heinrich berichtet, der jedoch unsituiert bleibt. Erzählend jedoch sehr bei den Figuren und deren Glaubwürdigkeit. Keine Innenperspektive anderer Figuren, diese erzählen mittels Träume von sich, viel Dialog, sehr erzählend, berichtend durch die Worte der anderen Figuren. Fokussiert-auktorial.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht wirklich reflektiert, aber immersiv.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: solidarisch, empathisch, interessiert.
●Einschätzung: Durch das Märchenhafte scheint die Reflektorfigur Heinrichs nicht störend, sie zieht durch die Lande, wir beobachten sie. Der Text rahmt sich eher durch sich selbst, durch die Erzähler in der Erzählung. Diese Inversion lässt keine Frage offen. Die Wichtigkeit des Erzählten geschieht durch die erzählten Erzählungen selbst und durch Heinrichs Träume.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr dynamisch, atmosphärisch, nirgendwo nachlässig
●Extradiegetische Abschnitte: viele Märchen, die nicht in der Erzählwelt spielen, bspw. Atlantis.
●Lose Versatzstücke: Keine, da der Text über erzählte Erzählungen abläuft.
●Reliefbildung: hoch, dynamische, reflektierte Struktur, Heinrich hört das, was er für sich braucht, um immer tiefer zu empfinden.
●Einschätzung: Kompositorisch geht der Roman, trotz Fragmentarizität, auf, denn es beginnt mit den Träumen von Heinrich, über die Tagträume, die Suche, das Reisen (als Realität der Suche – als Umsetzung des Traumes), und das Finden von Mathilde, das Verlieben (als Finden des Traumes – die blaue Blume mit dem Gesicht Mathildens). Diese Geschlossenheit bilden sich in die verschiedenen gehörten Märchen: die Braut, die den Forscherjüngling heiratet; die verwaiste Zulima (wie der einsam spazierende Heinrich); der Sänger, der beraubt wird (Angst vor Dieben in der Realität); etc … alle Geschichten verweisen auf den Code Traum/Realität, und als letztes dann das abstrus surrealistische Märchen, in welchem alles durcheinander geht.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: ja, über Ations Geschichte, über Klingsohrs Märchen
●Gefesselt: ja, die Höhlenbesichtigung
●Zweites Mal Lesen?: bestimmt, denn die Geschlossenheit des Textes lassen den systemischen Re-Entry zu. Leider wirkt Klingsohrs Märchen einen Zacken zu abstrus, zu wild, zu kryptisch.
–> 4 Sterne
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Nelio Biedermann: „Lázár“
Seicht-monströs untermalte Familiensaga mit Hang zum voyeuristisch-sadistischen Perversen.
Inhalt: 1/5 Sterne (kein Konflikt – Anekdotensammlung)
Form: 4/5 Sterne (gelungen-ornamental)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (voyeuristischer Erzählwust)
Komposition: 1/5 Sterne (ungestalterische Reihung)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (seichte Unterhaltung)
–> 9/25=1,8 Sterne
Lázár handelt von einer aristokratischen Familie, die ihre vielen Grundstücke, ihren Einfluss, ihr angenehmes Leben nach und nach verliert und letztlich in der Nachkriegszeit zum Broterwerb in Budapest gezwungen wird. Biedermanns Roman gleicht in dieser Hinsicht, als Chronik eines Niederganges einer Familie, Thomas Manns Buddenbrooks oder Gabriel Garcia Marquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit. Wird noch ein bisschen Robert Musils Die Verwirrungen des Zögling Törleß hineingemischt und inzestuöse Ideen und hieraus erfolgende Anämie berücksichtigt, ergibt sich ein angemessener Eindruck von Bild und Ton von Lázár, das sich selbst wie folgt charakterisiert:
Deswegen hatte [Vermeer aus Gründen der Erhaltung der Privatsphäre] vielleicht auch nicht geschrieben und sich möglichst ferngehalten von Schriftstellern, die in ihrem Zwang, das ganze Leben und jeden noch so persönlichen Gedanken ihrer Figuren auszuformulieren, Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre waren. Er verstand nicht, wie sie die Rücksichtslosigkeit aufbringen konnten, ihre Figuren in eine erdachte Wirklichkeit hineinzuschreiben und sie dort vor aller Augen zu sezieren.
Nun, für die Erzählinstanz von Lázár gibt es tatsächlich eine gewisse Faszination in Sachen „Vergewaltigung“. Das Wort taucht in den überraschendsten Wendungen auf, und zwar sechzehn Mal und gehört zu den Schlüsselbegriffen für das gewählte Erzählverfahren. Die Dynamik der Figuren, ihr Innenleben, wird nämlich tatsächlich verhackstückt, in sechzig, teilweise abstrus kurzen Kapiteln verhandelt, als handelte es sich um ein rhapsodisches Rezitativ, einen narrativ gewollten Hiatus, der die Figuren mehr in ein Prokrustesbett einspannt und benutzt, als ihnen Zeit und Raum zum Ausdruck zu gewähren. Dieses Lücken- und Leerlaufhafte der Unmenge an Kapiteln sprengt jedoch wie bei Christoph Heins Das Narrenschiff Atmosphäre und Immersion und gibt dem Bericht einen trocken-kursorischen Beigeschmack:
Lilly nickte und merkte plötzlich, dass sie nackt war. Sie konnte doch jetzt nicht nackt sein! England hatte Deutschland den Krieg erklärt, und sie war nackt! In Europa war wieder Krieg, und sie stand völlig entblößt in der Gegend rum! Schnell ging sie an Lajos vorbei und warf dabei einen kurzen Blick aus dem Fenster –Die Apfelbäume trugen dieses Jahr besonders viele Birnen. Das Kleid, das sie vom Stuhl nahm, hing im Schrank. Lajos war ein ängstlicher Junge und die Zeit um siebenundzwanzig Jahre zurückgedreht worden.
Der literarische Aspekt, dass ein Kleid sowohl auf einem Stuhl wie in einem Schrank hängen kann, in derselben Zeit erzählt, betont die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem und würde seine Wirkung entfalten, gäbe es nicht nur vereinzelte Stellen davon und würden diese immersiv-kognitiven Stellen nicht durch Profan-Absurdes stets wieder kontrastiert werden („sie war nackt … sie war nackt … nackt“). Das Eilige, Hastige, Verwirrte und Konfuse passt nicht zum tragend-erinnernden Zeitauflösend. Der Ton und die Erzählform stimmen schlicht nicht und finden keine Balance.
Der Schlaf war wie ein Vergewaltiger, zu dem er sich jeden Abend wieder ins Bett legen musste.
Moment? Wer legt sich denn zu einem Vergewaltiger ins Bett? Höchstens, zieht dieser einen gewaltsam in dasselbige, und doch nimmt ein Vergewaltiger einem nicht das Bewusstsein. Die Metapher hinkt hinten wie vorne (die Vergewaltigung selbst wäre ja dann der Traum?!), wie das ganze prosaisch, mit Sex-Schock-Szenen versetzte, gewollt tragend daherkommende Potpourri aus Fußfetischismus, Vergewaltigungsorgien, Sex-Spielchen und, ja, ein bisschen Nostalgie über die gute alte aristokratische Zeit vor dem ganzen Faschismus des 20. Jahrhunderts. Das Buch hält seinem Gegenstand nicht stand und verkriecht sich in pubertäre Phantasien. Die Erwachsenenversion lautet Herta Müllers Der Fuchs war damals schon der Jäger, spielt in Rumänien nicht Ungarn, verhandelt aber ein ähnliches Thema besonders zum Ende hin, wird es noch durch Atemschaukel komplettiert.
So bleibt eine libidinös aufgemotzte Variante von Christoph Heins Das Narrenschiff, nur noch inkohärenter und noch überladender, also ganz im Sinne von Hundert Jahre Einsamkeit, nur ohne den stilistisch-narrativen Schliff des bunt-ornamentalen magischen Realismus.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): die Familie Lázár: Sandor und Maria, ihre Kinder Ilona und Lajos; Lajos Kinder Pista und Eva.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Sandor Lázár, Familienoberhaupt, nachdem sein älterer Bruder durch den umliegenden Wald wie die Mutter und der Vater wahnsinnig geworden ist und zurückgezogen in einem blauen Zimmer lebt. Sandor Lázár und seine Ehefrau Maria haben eine Tochter, Ilona. Maria betrügt ihn mit dem Knecht Pál. Sie gebiert den Sohn Lajos 1901. Pál stirbt kurz darauf. Sandor führt ein strenges Regime im Haus. Ostern verbringen sie in Hévíz, einem Kurort in der Nähe vom Balaton. Sandor hat eine Affäre mit einer Frau Virág. Sandor kauft für die Familie ein Schloss, in welchem sie ohne ihn ziehen. Dort verlieben sich der Hauslehrer und Maria ineinander. Ilona, eifersüchtig auf die Mutter, klagt den Hauslehrer Jonathan beim Vater wegen versuchter Vergewaltigung an. Der Hauslehrer wird gefeuert und umgebracht. Maria bringt sich daraufhin um (geht ins Wasser). Ilona und Lajos werden ins Internat gesteckt. Ilona heiratet alsbald Kurt Bleichröder und zieht nach Berlin. Sandor mittlerweile trunksüchtig und verwahrlos. Lajos heiratet seine Jugendliebe Lily Grünfeld. Sandor stirbt, stürzt volltrunken von der Treppe. Lajos hat 1931 nach der Geburt des Sohnes Istvan (Pista) eine Affäre mit dem Dienstmädchen Bertha. Lily und Lajos vertragen sich, bekommen eine Tochter namens Eva. Lajos kollaboriert mit dem Hitlerregime, während Kurt und Ilona fliehen müssen und in die USA ziehen. Pista verliebt sich in Budapest in ein Mädchen namens Matilda Telke, doch ihr wird der Umgang mit ihm verboten. Der Zweite Weltkrieg beginnt. Lajos muss in Hévíz als Offizier dienen. Lajos organisiert Truppentransport und Judendeportationen. Sie verstecken einen Regimegegner bei sich, Kaplan Edmund Pontiller, der aber gefunden und ohne Widerstand verhaftet wird. Als der Krieg sich dem Ende nähert, flieht die Familie, werden aber von der Roten Armee aufgegriffen, die ein Dienstmädchen gruppenvergewaltigen. Sie kehren ins Waldschloss bei Pèsc zurück. Nach dem Krieg sucht Pista Matilda, die aber wegen ihrer jüdischen Abstammung erschossen worden ist. Sie werden von dem Sowjetregime enteignet und ziehen nach Budapest, in die Stadtwohnung, die ihnen auch genommen wird. Sie müssen Feldarbeit auf einem Bauernhof leisten. Dort hat Eva Sex mit Milan. Nach der Zwangsarbeit, nach Stalins Tod, kehren sie nach Budapest zurück. Lajos arbeitet als Postbote, Pista als Bäcker und Laborassistent. Eva lernt einen Schriftsteller kennen, der sie vergewaltigt. Widerstand in Budapest, bei dem Lajos mitwirkt. Nach der Niederschlagung fliehen Pista und Eva nach Jugoslawien, um von dort in die Schweiz zu gelangen. Die Eltern bleiben zurück.
●Kurzfassung: Eine Baronfamilie erlebt Intrigen, Höhen und Tiefen des aristokratischen Lebens auf dem Land in Ungarn, bis sie enteignet werden und in der Nachkriegszeit zur Zwangsarbeit verdonnert werden, woraufhin die jüngsten Familienmitglieder in die Schweiz fliehen.
●Charaktere: (rund/flach) eher abstrakt, schematisch, unpsychologisch
●Besondere Ereignisse/Szenen: Flucht nach Jugoslawien, durch den Wald, in der Nacht, kompositorisch gut angelegt mit dem das Waldschloss umschließenden Wald, als Weg in die Freiheit; und die Suche nach der Jugendliebe Matilda von Pista, intensiv. – völlig abgeschmackt: die Sterbeszene von Stalin.
●Diskurs: Judenverfolgung, Kollaboration, Enteignung, Feminismus, Gewalt gegen Frauen.
… was dem Roman fehlt, ist ein zugrundeliegender Konflikt, wie in bspw. Hans Castorp in „Der Zauberberg“ besitzt, nämlich nichts von der Welt wissen zu wollen; oder Marcel Prousts Ich-Erzählinstanz, die sich die Schönheit der Welt in Erinnerung ruft, die vergangen ist. Hier gibt es kein Konflikt. Kein Autor, der nachtrauert, keine Figur, die einen Konflikt austrägt. Es gibt keine Spannung, die Dinge passieren, chronologisch, ein Auf und Ab, ein beliebiges Weiter und Mehr. Arg verwandt mit „Das Narrenschiff“ von Christoph Hein und Gabriel Marcia Marquez „Hundert Jahre Einsamkeit“. Bis auf wenige Stellen, eher eine zähe Lektüre, die nur durch die vielen, völlig unnötigen Kapitel aufgelockert wird. Viele Sprünge, um gar keine Langeweile aufkommen zu lassen, was aber passiert: überladene, mit Schockmomenten aufgemotzte Tristesse. Insbesondere finden viele Figuren keinen wirklichen Abschluss (Imre, Ilona), tauchen einfach ab.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: breit, verwunschen, einfallsreich
●Type-Token-Ratio: 0,15 klar oberhalb von Genre (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 20 Wörter, STAB 15. Hohe Rhythmus Amplitude.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 77% (eher Richtung Genre) (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: direkte Rede nur ca. 6%
●Stimmige Wortfelder: nur selten entgleitende Wörter wie „die Funktion“ …
●Satzstrukturen: aufwendig, ornamental, gedrechselt
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Wald als geheimnisvoll dunkel; Licht, Strahlenbündel.
●Innovation: geringe Innovation, aber solide, literarisch arbeitende Sprache mit leider zu vielen unklaren, gewollten Metaphern, die stören, dennoch
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: größte Problem des Romans, auktorial, springend, ohne sich zu perspektivieren, sich zu zeigen, einfach kursorisch, über den Dingen schwebend, unzugänglich, nicht Verantwortung und Glaubwürdigkeit übernehmen.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): alles nicht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher abgeklärt, sentimental, abgehackt, kursorisch, abwinkend.
●Einschätzung: schlechte Nachahmung von auktorialen Erzählstil wie Thomas Mann oder Lew Tolstoj, hier, keine Markierung und Dynamik, keine Herausgeberschaft, keine Ironie, keine wie auch immer erzeugte ästhetische Glaubwürdigkeit. Es fehlt schlicht die Mitte, die Perspektive, die Entscheidung und Rahmung.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): als Möglichkeit über den Wald, das Dunkle, Unheimliche als Rahmenwirkung auf das Schloss, die Umgebung hätte der Text gelingen können, hätte es ein Thema, einen Konflikt gegeben: bspw. Wahnsinn, der Widerstand dagegen, aber so fällt alles auseinander, zwischen drei Orten: Pecs, Heviz, Budapest und drei Generationen, die mehr oder weniger aneinander vorbeileben.
●Extradiegetische Abschnitte: keine, spielt alles in dieser verhandelten Diskurswelt
●Lose Versatzstücke: seltsame Anekdoten über James Joyce, Marcel Proust, Stalin …
●Reliefbildung: durch arge Zeitsprünge gegeben, aber eher ornamental-erzwungen, als ästhetisch-formal
●Einschätzung: die Komposition geht nicht auf und verbleibt eine eher literarisch verhackstückte Chronik, die im Grunde ein Familiengespräch darstellt, ohne ästhetischen Mehrwert und gestalterischen Charakter. Nicht vorhanden, aus dem Material irgendetwas Kohärentes, Kompaktes, Auf-Sich-Bezogenes herzustellen.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, durch die vielen Figuren und Ereignisse, nicht
●Geärgert: über die völlig abstrusen Verkürzungen, Verwendungen, über das Ausschlachten von Leid, über die vielen Vergewaltigungen und kleinen Schocker (Zehen lutschen), über das etwas blutrünstige Monströse, das zwischen den Zeilen lauert.
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall, gibt nichts her, da keine Form. Gibt einen Pluspunkt für die äußerst gediegene Form und dadurch gegebene Lesbarkeit.
–> 2 Stern
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Lázár-Inhaltsangabe (ausführlich):
- Baron Sandor bezeugt die Geburt von Lajos, der eine transparente Haut hat. Tochter Ilona übergibt sich. Lajos Sohn des Pferdeknechts Pal, der die Schnittnarben an dem Arm Marias gesehen hat. Maria fügt sich Wunden zu, um sich daran zu erinnern, dass sie lebt.
- Maria lernt zu lügen. Pal stirbt einige Wochen nach Geburt des Kindes. Maria trauert besessen. Sandor hat Angst, dass auch sie wahnsinnig wird, wie sein Mutter, sein Bruder, sein Vater, vom Wald angezogen.
- Bruder des Vaters nach Tod des Großvaters Familienoberhaupt, hört Großmutter in Selbstgesprächen, liest E.T.A. Hoffmanns Nachtstücke, sieht Gespenster, wird darüber wahnsinnig, kommt ins Sanatorium, kommt mit Geschlechtskrankheit zurück, zieht in ein blaues Zimmer, die Mutter verschwindet im Wald.
- Lajos nimmt seine Mahlzeiten zusammen mit seinem Onkel Imre ein, der geheimgehalten wird. Lajos und Imre befreunden sich. Ilona beneidet Lajos, dass er nicht am großen Esstisch mit dem Vater sitzen muss. Dort herrscht eine strenge Atmosphäre. Jeder Fehler wird vom Vater bestraft. Bald muss er da auch sitzen.
- In der Kurstadt über Ostern in Herviz. Familie fühlt sich wohl, nicht so nahe am Wald zu sein. Ilona hört Sexgeräusche aus Idas Zimmer und erregt sich. Maria erlaubt ihrer Angestellten, sich mit ihrem Freund, dem Knecht Paul, zu treffen und träumt von Pal.
- Geburt Lajos‘ 1901. 1905 bekommt er einen Hauslehrer, Jakub, der ihm das Schreiben beibringt. Lajos schreibt gerne. Der Familienname von Lázár.
- Sandors Ausflüge nach Pécs, verliebt sich in eine Frau Virág. Sie wird seine Kurtisane, hält sie aus. Maria weiß, dass sie betrogen wird, kümmert sich darum nicht. Sandor vergisst sich und seine Sorgen im körperlichen Liebesspiel mit seiner Geliebten.
- Ilona hat erste Menstruation, verachtet ihre Vorfahren, spielt am Waldrand, hört etwas rascheln, rennt in den Wald und geht verloren. Die Familie sucht sie.
- Ilona wird bewusstlos aufgefunden, isst plötzlich viel Fleisch, hat irre Träume vom Wald. Die Familie findet nicht mehr zusammen. Sandor kauft ein Anwesen, in das Maria und die Kinder ziehen. Sandor bleibt zufrieden zurück.
- Jonathan, ein neuer Hauslehrer, will Ruhe von Wien. Ilona verliebt sie in ihn. Maria sehnt sich nach körperlicher Liebe. Sandor lebt seine Lüste in Pécs aus.
- Jonathan verliebt sich in Maria, nachdem er sie im Traum als Skelett gesehen hat. Ilona eifersüchtig. Als der Vater sie besucht, klagt sie Jonathan ob eines Vergewaltigungsversuches an. Jonathan muss abreisen, wird drei Tage später erschlagen aufgefunden.
- Wieder Ostern, 1912, in Heviz. Sandor schläft mit seiner Mätresse. Maria schläft nach Tod von Jonathan kaum noch. Lajos begeistert von Titanic, erschüttert als diese untergeht. Lernt Lily Grünberg kennen, die ihn Wien wohnt.
- Maria steht auf, schminkt sich, nimmt sich Steine, steckt sie in ihre Wolljacke und geht in den See, ganz wie Jonathans es geträumt hat.
- Maria tot, Sandor gibt sich dem Alkohol hin, gibt die Kinder ins katholische Internat, lässt die Güter verwalten, trennt sich von seiner Mätresse. Ilona geht es gut, Lajos leider im Internat, lernt Caspar, Melker, Balthasar kennen. Der 1. Weltkrieg bricht aus. ß Zögling Törleß, Heilige drei Könige Caspar, Melchior, Balthasar … mit Kerze?
- Lajos, Gewaltphantasien im Internat, Ilona heiratet Kurt, zieht nach Berlin, fantasiert über kämpfende Männer. Sie lesen Schnitzler, dann ergreift Kurt sie, schleppt sie ins Badezimmer und leckt an ihren Zehen. Das vorletzte Kriegsjahr hat begonnen.
- Lajos zurück bei seinem trunksüchtigen Vater. Die Atmosphäre bekommt ihn nicht. Er fährt in das Kurhaus, trifft dort Lily Grünfeld wieder, als deren Haus abbrennt. Träume vom Krieg. Er wacht auf, schnellt zu Lily und küsst sie.
- Lajos und Lily heiraten, haben das erste Mal Sex, sind glücklich, fahren in die Flitterwochen nach Zagreb. Lajos legt das „von“ ab und heißt nur Lajos Lazar. Sandor öffnet Briefe, trinkt, nimmt einen Brief an sich, steigt hoch in sein Zimmer, stolpert, stirbt, denkt als letztes an den Knecht Pal.
- Lajos kehrt zurück, muss die Flitterwochen abbrechen, und sammelt die Scherben des Familienerbes auf, wird Geschäftsmann und schreibt Ilona einen Brief. Imre sitzt bei den Salontreffen dabei. Er hat Ohrringe für Lily gekauft.
- Lajos und Lily glücklich. Wie Kinder, nur ohne Einsamkeit. Lily spielt Klavier.
- Lajos besucht Herrn Kiraly, Psychoanalytiker wegen seiner Erfahrung mit Melker, und weil ihn ein schlechtes Gewissen wegen seiner Affäre mit Bertha plagt.
- Affäre mit Bertha. Lily will keinen Sex mehr. Und Pista, Istavan, der Sohn, sieht Schatten, ihn zieht das Dunkle an. Er spricht mit sich und den Schatten. Lily gruselt es.
- Pista beobachtet seine Eltern beim Sex mit Schere in der Hand, blutiges Licht. Lajos denkt manchmal darüber nach, ihn zu töten, obwohl er seinen Sohn liebt.
- Lajos, 1931, wird von Lily erwischt, wie er sich von Bertha oral befriedigen lässt.
- 1936, Lajos, von Hitler beeindruckt. Ilona zurück in Wien, nachdem der Judenhass überhand genommen hat, ihr Mann ist Jude. Lajos und Lily haben sich versöhnt. Bertha wurde entlassen. Sie haben eine Tochter, Eva, bekommen.
- Ilona und Kurt fliehen in die Schweiz, treffen im Zugabteil Zuckmayer, der ihnen davon abrät, viel Geld mit sich zu führen. Sie schmeißen das Geld aus dem Zugfenster. Das hat ihnen das Leben gerettet. Sie wurden durchsucht.
- Pista geht in Budapest zur Schule, trainiert, um stärker zu werden, fällt einem Mädchen auf, Matilda, beginnt mit ihr Briefe auszutauschen (1938). Erregt masturbiert er nach dem Lesen der Briefe.
- Sie treffen sich, halten Händchen, gehen in den Park, und küssen sich.
- Mutter Telke hat Matilda erwischt, sperrt sie ein, hält ihr eine Predigt. Sie können sich nicht weitertreffen. Matilda am Boden zerstört.
- Liebesgeschichte, Pista träumt weiter. Matilda wird nun von Dora, dem Hausmädchen zur Schule begleitet. Pista schreibt 15x denselben Brief, um sie noch vor Oster zu sehen, bevor er nach Heviz fährt. Dora erlaubt es. Im Schneegestöber stehen sie nebeneinander.
- Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland nach Polenüberfall. Lajos wird eingezogen, sie müssen in Heviz bleiben. Pista unglücklich, will Matilda sehen.
- Leben wieder im Waldschloss, Kaplan Edmund Pointiller redet mit den Familienmitgliedern, auch mit Imre. Pista verdächtigt ihn, stellt ihm nach und belauscht diesem bei einem geheimnisvollen Gespräch auf Deutsch.
- 1941, Lajos verachtet Fiktion, liest nur Nachrichten, eines Tages ein Gedicht, Eichendorff?, und heult.
- 1941-44, Kriegsbegeisterung in Ungarn schwindet, Verhandlung mit Alliierten führt zum deutschen Überfall. Ungarn wird von deutschen Truppen besetzt. Lajos organisiert nun nicht mehr Truppenbewegungen, sondern auch Deportation von Juden zu Vernichtungslagern.
- Lajos bezeugt Deportation von Juden mitten am Tag, ein Zug, der durch die Straßen geht, wirft sich seine Feigheit vor, schützt den Kaplan, der gegen Hitler ist, denkt an die Schwester, die in den USA weilt.
- Pontiller wird von der Gestapo abgeführt, Lajos leistet keinen Widerstand. Pontiller für Anti-NS-Hetze in Briefen und Predigten bekannt.
- Die Familie Lazar flüchtet gen Westen, viele flüchten vor den Russen. Sie lassen das Waldschloss zurück, finden Unterschlupf bei einem befreundeten Grafen Feketes. Von dort wollen sie schnell weiterziehen.
- Russen finden sie, verlangen nach einer Frau, um sich zu befriedigen. Lilly und die Gräfin entscheiden sich für ein Dienstmädchen, das die Vergewaltigung auf sich zu nehmen hat. Alle sitzen im Nebenzimmer und hören zu.
- Die Russen erschießen überraschenderweise nicht Pista. Lajos und der Graf kommen mit dem Leben davon, weil es einen Marschbefehl Richtung Budapest gibt. Die Lazars kehren zum Waldschloss zurück. Feiern trübsinniges Weihnachten. Lajos lässt Lilly sich ausheulen, legt sich dann zu ihr ins Bett.
- Edmund Pontiller wird hingerichtet, Anfang 1945. Am Ende denkt er an Proust.
- Juni 1945. Fahren nach Budapest, Pista will Matilda sucht, verzehrt sich nach ihr. Ein Nachbar redet über die Judenverfolgung, über die Pfeilkreuzler. Schlechtes Gewissen von Lajos, der die Deportation mit organisiert hat.
- Pista findet das Haus von Matilda. Sie leben nicht mehr dort. Er erhält die Adresse von Dora, auf dem Weg fällt eine Taub aus dem Himmel. Er erfährt, dass Matilda Jüdin gewesen ist und von den Pfeilkreuzlern erschossen wurde. Er geht in den Park und übergibt sich.
- 1948, das Schloss wird durch die Kommunisten enteignet, sie müssen fliehen. Pista liest Thomas Manns Tod in Venedig. Kann das Knirschen von Kies nicht ertragen.
- Lajos, Verfolgungswahn nach Enteignung, muss sich einen Job suchen. Telefoniert mit Ilona, die weint.
- 1951 werden sie wieder enteignet. Sie sollen auf ein Bauernhof ziehen und arbeiten. Lajos schluckt wieder den Schmuck.
- 1952, Eva fühlt sich bei der Feldarbeit wohl, verliebt sich in Milan, lässt sich von ihm, nachdem er höflich gefragt hat, entjungfern. Pistas Morgenerektion stört sie ein wenig.
- Ein sechzigjähriger Mann sucht Gogols Die toten Seelen, scheint Stalin sah, wegen Gori, und der Paranoia.
- Eva denkt über Milan nach, seine Selbstsicherheit, sein Glück, das er nicht kennt.
- Stalins Ende in Moskau. (Wie der Kaplan Proust, dieser Gogol, der Bruder E.T.A. Hoffmann – Schicksalsbücher).
- 1954, zurück in Budapest, Ende der Deportation, Lajos arbeitet als Postbote, wird depressiv, Pista arbeitet beim Bäcker, danach im Chemielabor. Eva liest de Beauvoir und Virginia Woolf, trifft sich mit Aristokraten im „Keller“
- Eva interessiert sich für Akos (Ákos Kertész?), einen Literaten und Freund Pistas, der schreibt. Sie will etwas über die Differenz Leben und Literatur erfahren, die ihr bei Kafka aufstößt.
- Das Leben der verstoßenen Aristokraten, die kein Interesse für Akos besitzen.
- 1956. Eva bringt Akos nach Hause, liest nicht in seinen Manuskripten, obwohl er betrunken sofort einschläft. Pista verliebt sich in das Äußere von Kati, interessiert sich kaum für den Charakter.
- Bei einem weiteren Treffen, Akos vergewaltigt Eva.
- Aufstand in Ungarn, Austritt aus dem Warschauer Pakt, Pista hilft, dann die sowjetische Armee, die Ungarn besetzt. Pista wieder zuhause. Eva sagt, dass sie vergewaltigt worden ist. Der Vater mittlerweile depressiv, rauchend, arbeitslos.
- Pista streift durch das umkämpfte Budapest auf der Suche nach Akos, um Eva zu rächen. Sieht Leichen, einen seiner Mitschüler.
- Pista gibt auf, versteckt sich bei Kati, deren Familie auswandern will. Er kehrt zurück, wartet auf die Verhaftung, hat Mitleid mit seinem Vater. Sein Freund Janos wird verhaftet.
- Besuch Imres in der Psychiatrie, Winter. Imre spricht über die Vergangenheit. Eva und Pista hören gebannt zu. Verstehen dessen Flucht in den Wahnsinn.
- Pista und Eva fliehen, wollen über Jugoslawien in die Schweiz. Sie rennen durch die Nacht, durch einen Wald, über einen Fluss. Die Eltern bleiben zurück.
- Sie werden von jugoslawischen Soldaten in ein Flüchtlingscamp gebracht. Lernen Nicolette und Lajos kennen, wollen auch in die Schweiz.
- Sie fahren nach Zagreb, im Zug, Richtung Schweiz. Pista denkt an seine Eltern, die dort ihre Hochzeitsreise abbrechen mussten.
Niklas Luhmann: „Schriften zu Kunst und Literatur“
Grundlegend für Luhmanns Text- und Kunstbegriff. Streitbar, verwegen, formal und experimentierfreudig.
Begleitend zum letzten selbstredigierten Text Die Kunst der Gesellschaft gibt es diese Sammlung von Schriften, die sich um das Thema Kunst drehen, sowie dreier Vorträge. Niklas Luhmann in seiner bekannt-redundant rekursiven Art permutiert das Thema, dass Kunst in der funktional-differenzierten Gesellschaft die Beobachtung zweiter Ordnung, die Beobachtung von Beobachtern, beobachtet und eigensprachlich wahrnehmbar werden lässt. Besser als in Die Kunst der Gesellschaft wird in diesen eigenständigen Aufsätzen auch das Problem thematisiert, ob es überhaupt ein Kunstsystem mit Medium und Code gibt:
In Anwendung auf Kunst korrigiert [die Korrektur] nur den Irrtum, daß der Rückzug in die pure Selbstreferenz Rettung bedeuten könnte. Und sie stellt mit neuer Dringlichkeit die Frage, was denn der Code der Kunst sein könnte, wenn er nicht schon in der Form liegt, die es erlaubt, Selbstreferenz und Fremdreferenz zu unterscheiden.
Vorhersehbarerweise lässt sich Luhmann nicht auf den schönen Schein und die regulative Idee von Idealität der Schönheit ein. Er verbleibt im Modus einer strukturell-differenzierten Beschreibungsform, die die operative Schließung des Kunstbegriffs sucht und nicht findet. Dass es sich um gar kein System handelt, diese Frage stellt sich für ihn nicht. Es lassen sich aber weiter verwendbare Bonmots finden:
Man könnte vermuten, daß die Kunst, wenn auch sie [die unbeobachtbare Seite der Welt zu beobachten] versucht, vom Teufel ist. Aber sie versucht es nicht, sie macht es anders. Sie respektiert die Welt als unbeobachtbar, als nicht von außen zu sehen. Sie expliziert die Welt von innen. Sie erspart sich damit den Teufel und die Selbstdesavouierung durch Moral.
Insbesondere hilfreich erscheint der Aufsatz „Literatur als fiktionale Realität“, in welchem er ausführlich seinen Realitätsbegriff expliziert und eine fiktionale von einer realen Realität unterscheidet und zu folgendem Schluss kommt:
Vergleicht man literarische Texte mit Rechtstexten oder mit religiösen Texten, so tritt jedenfalls die kommunikative Intention zurück. Man muß nicht erkennen, was mit dem Text erreicht werden soll. Man läßt sich durch ihn verführen, ihn zu generieren (in wie immer anspruchsvollem Sinne) und den Aufbau und Abbau von Spannung nachzuvollziehen. Der Text lebt von der selbsterzeugten Ungewißheit über den eigenen Fortgang und oft auch von den im Moment überraschenden Formulierungen.
»Realität« ist dann [vor dem Hintergrund des radikalen Konstruktivismus] nichts anderes als ein Symbol für die erfolgreiche Auflösung interner Inkonsistenzen. Realität entsteht nicht durch Konfrontation mit externen Widerständen, die beliebiges Denken nicht oder nur als unwahres Denken zulassen. Realität entsteht, um es mit einem Literaturwissenschaftler zu formulieren, auf Grund von »resistence of language to language«.
Diese poetische Formulierung von einem Widerstand der Sprache gegen die Sprache mischt sich im Weiteren mit dem Versuch, die Kunst als Alternativform der Sprache zu begreifen. Auch diese führt zu strukturell hilfreichen Überlegen, wie mit Texten und Sinnüberschüssen in diesen zu verfahren wäre. Insgesamt überzeugt das Fragmentarische, Springende, Lockere dieser Aufsatzsammlung mehr als das schwerfällige Die Kunst der Gesellschaft, das sich zudem als Sammelsurium all dieser Aufsätze erweist, also fast einem Selbstplagiat gleichkommt, nur auf Kohärenz gebügelt, wo gar keine ist.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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1. „Lesen lernen“: Langzeitgedächtnistraining für Begrifflichkeiten.
2. „Ist Kunst codierbar?“: Hier noch als Code schön/hässlich. Diskussion des Codes als regulative Idee. Gibt es ein Medium? Kunst als System problematisiert, selbstgenügsamer Code wie die Intimtität?
3. Diskussion im Anschluss von Aufsatz „Ist Kunst codierbar?“: Unbefriedigender Zusammenprall von systemtheoretischen Erwägungen, die unklar bleiben, mit ontologischen Theorien von Schönheit.
4. „Das Problem der Epochenbildung und die Evolutionstheorie“: Entstehen der funktional differenzierten Gesellschaft vom 12. bis Mitte des 18. Jahrhunderts. Epochen entsprechen den jeweiligen gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen und stimulieren deren Prozesse.
5. „Das Medium der Kunst“: Ein Medium, dass die Form der Kunst selbst schafft, ein Medium zweiter Ordnung. Kunst ihr eigenes Medium, logischer Kollaps; oder die Gesellschaft als das Medium der Kunst. Unklarer Abschluss von durchschrittener Form- und Medium-Differenz.
6. „Das Kunstwerk und die Selbstreproduktion der Kunst“: Verselbständigung der Kunst innerhalb der Gesellschaft, nicht gegen sie (wie bei Adorno). Kunstwerke als Kompaktkommunikationen. Begriff von Stil als Kommunikation innerhalb verschiedener Kunstwerke (Wiedererkennbarkeit), die zur Autopoiesis führt. Gefahr für den Stil durch Mode und Geschichte. Berechtigte Zweifel, ob Kunst als System zur Autopoiesis fähig ist oder sein wird.
7. „Weltkunst“: Begriff des Dandys. Abrechnung mit Hegels Ästhetik. Imitatio. Disegno. Kunst beweist das Zusammenkönnen des Disparaten für sich. Beobachtung der dritten Ordnung, Wahrnehmbarmachen des Beobachtens von Beobachtern. Beispiel an der Literatur im 18. Jahrhundert, Fielding. Kritik Hegels an der Romantik. Weltkunst als Fiktionalitätsdurchbrechung. Novalis. Kunst besitzt Strukturverwandtschaft mit der Religion.
8. „Wahrnehmung und Kommunikation an Hand von Kunstwerken“: Kunst als Alternative zur Sprache für interpsychische Systemkommunikation. Strukturverwandtschaft von Sprache und Kunst. Kunst als Demonstration der Möglichkeit, aus Unordnung Ordnung zu schaffen.
9. „Evolution des Kunstsystems“: Evolution durch Unwahrscheinlichkeiten, Singularitäten, Kunstwerke als Repräsentation dessen. Skizzierte Kunstgeschichte, von Imitatio des Aristoteles bis zum schönen Schein der Renaissance. Entparadoxalisierung von Selbst- und Fremdreferenz.
10. „Literatur als fiktionale Realität“: Fiktion als Erfahrung einer anderen Welt. Bedingung von Verzeitlichung. Unterscheidung von realer und fiktionaler Realität. Alles kann anders sein, aber Kunst hält Stimmigkeit ein. Realitätsbegriff. Kunst als Experimentierfeld mit dem Möglichen und Realen.
11. „Schwarze Löcher schwarze Kleckse“: Über Fredrick Bunsen und seine schwarzen Löcher. Darstellung von Tiefe.
12. „Ohne Titel – wie so?“: Wieder Fredrick Bunsen. Detailanalyse moderner Kunst, die sich selbst thematisiert.
13. „Die Welt der Kunst“: Parasitäre Eigenschaften der Kunst im Sinne von Michel Serres. Reflexion der Modernität als zweite Beobachtung von Beobachtung.
14. „Die Ausdifferenzierung des Kunstsystems“: Take-Off des Kunstsystems im 15. Jahrhundert (zeitgleich mit der Eroberung Amerikas und dessen Gold und erbeuteten Naturschätzen). Auflösung von Kennerschaft hin zum Markt im 19. Jahrhundert.
15. „Eine Redeskription romantischer Kunst“: Aufschreibmöglichkeit des romantischen Impetus. Selbsterzeugte Ungewissheit über Gedächtnis- und Oszillatorfunktionen. Romantische Mythologie. Entstehung eines Kulturbegriffs.
16. „Literatur als Kommunikation“: Sinn als Medium. Unterscheidung Information, Mitteilung, Verstehen. Sinn als Verweisungsüberschuss. Literarische Texte bezeichnen weniger als sie verführen. Zwang Neues zu produzieren.
17. „Sinn der Kunst und Sinn des Marktes“: Übergang von Mäzen zum Markt. Eigenständige Karrieremöglichkeit innerhalb der Kunst und des sozialen Systems.
18. „Ausdifferenzierung der Kunst“: Vortrag. Zusammenfassung vorheriger Themen.
19. „Autonomie der Kunst“: Vortrag. Umgang mit selbsterzeugten Unsicherheiten.
20. „Die Kunst der Gesellschaft“: Vortrag.
21. Nachwort von Niels Weber.
Niklas Luhmann: „Die Kunst der Gesellschaft“
Kunstbegrifflicher Totalausfall – oder leerlaufender Systemzwang ohne kategoriellen Mehrwert.
Nach seiner Emeritierung 1993 arbeitete Niklas Luhmann konzentriert an der Vervollständigung seines neben Soziale Systeme soziologischen Hauptwerkes Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997) und verstarb ein Jahr später. Teil dieses architektonischen Theorieentwurfes sind die funktionalen Teilsysteme der Gesellschaft: u.a. die Wissenschaft, das Recht, die Wirtschaft, die Kunst, die Politik, die Religion, das Erziehungssystem. Mit Die Kunst der Gesellschaft jedoch überzieht er den Rahmen seines Begriffs, wohlwissentlich:
Das Verständnis des damit gemeinten Sachverhalts [der fehlenden Selbstbeschreibung des Kunstsystems] ist vor allem durch den Begriff der »Kultur« verhindert worden – einen der schlimmsten Begriffe, die je gebildet worden sind. Man konnte dann zwar zwischen objektiver und subjektiver Kultur unterscheiden, hatte aber in beiden Fällen einen (artifiziellen) Sachverhalt vor Augen, der durch Zurechnung auf Individuen oder Gruppen nur relativiert wurde.
Statt nun die Konsequenz aus dieser Beobachtung zu ziehen, nämlich das Schisma zwischen subjektiver und objektiver Kultur zu akzeptieren und insofern die Selbstbeschreibung von Kunst als Diskurs im psychischen System zu verorten, also in einem Ich, das sich produktiv-ästhetisch der Welt durch Ausdruck exponiert, versucht Luhmann dennoch „Kunst“ als System zu beschreiben und erzeugt, insbesondere für seine Verhältnisse, großes Begriffs-Wirrwarr.
Der Beobachter ist erschienen und setzt sich der Beobachtung aus. Und damit wird man die Frage nicht mehr los, mit welchen Unterscheidungen beobachtet wird und warum so und nicht anders. Damit ist der alte Versuch der Philosophie, die Kunst als Konkurrentin zu degradieren, ans Ende gelangt. Minerva läßt mehr als nur eine Eule fliegen, und jeder Beobachter läßt sich beobachten als Konstrukteur einer Welt, die nur ihm so erscheint, als ob sie das sei, als was sie erscheint.
Nun zum Problem: durch die Präsenz der Beobachtung zweiten Grades wird insbesondere die Unangemessenheit eines Systembegriffs für die Kunst deutlich, denn: Was ist die Kunst, was nicht? Schwertkunst, Überredungskunst, Bildende Kunst? Kunst bedeutet viel. Hätte Luhmann wenigstens den Kunstmarkt als Feld gewählt, oder wenigstens die Museen- und Galeriengeschichte. Aber nein, er wählt das System „Kunst“ mit einem symbolisch generalisierten Medium namens „schöner Schein“:
Das Konzept eines Sondermediums für Kunst verbirgt sich hinter dem Begriff des »schönen Scheins«.
Worin zeichnet sich aber ein Medium in der Systemtheorie aus? Dass es einen verlässlichen Code besitzt, anhand dessen die Elemente des Systems in ihrer Komplexität reduziert werden können: schuldig/nicht schuldig im Rechtssystem; wahr/nicht wahr im Wissenschaftssystem; durchsetzbar/nicht durchsetzbar in der Politik und, neben weiteren, gezahlt/nicht gezahlt in der Wirtschaft. Der jeweilige Code basiert, der Reihenfolge nach: auf Gesetzesbücher, auf Zitierfähigkeit, auf Wählerstimmen und dem Preis.
Diese Struktur, die die genannten Systeme besitzen, um verlässlich und reproduzierbar ihren Code zu bestätigen und zu stabilisieren, besitzt die Kunst nicht. Was „schön“ ist, bleibt unklar. Die Kunst besitzt kein symbolisch generalisierbares Medium, um Komplexität zu reduzieren. Sie erweist sich als Kommunikation des Inkommunikablen, also als Teil des kommunikativen Systems, nur mit selbstreferenziellen Mitteln, wie Luhmann feststellt. Hier jedoch hört die Soziologie auf, und Philosophie beginnt.
Luhmann hat sich mit Die Kunst der Gesellschaft eindeutig ein Eigentor geschossen und der Kritik Tür und Tor geöffnet, er überstrapaziere andauernd kybernetische und systemtheoretische Begriffe und verwende sie in unzutreffenden Sachverhalten. In dem Fall stimmt’s. Das Buch führt in die Systemtheorie ein, mehr oder weniger, aber enthält nichts Weiterführendes über Kunst und ästhetische Operationalisierungsstrategien.
Wenn Theorie auch nur irgendetwas mit konsistenter Begriffsbildung zu tun haben will (womit sonst?), ist Die Kunst der Gesellschaft ein Totalausfall.
Hans-Georg Gadamer: „Wahrheit und Methode“ (Band 1)
Bis zur schmerzhaften Konsequenz durchdachte Sprachphilosophie im theologischen Sinne: Sprechen/Schreiben/Schrift als Gottesdienst.
Hans-Georg Gadamer betreibt in Wahrheit und Methode, dem ersten Band seiner Gesammelten Werke und seines Hauptwerks, keine Literaturwissenschaft. Er kümmert sich nicht um Textsorten, um Textstrategien, um Rhetorik, Poetik oder Symbolik, die zu verstehen das Ziel wären. Gadamers Leitgedanke bildet sich holistisch über das vereinzelte Sprachgeschehen hinweg aus. Es geht ihm um die Tatsache, dass überhaupt gesprochen wird, um das Wort, das sich auslegt, um eine Form der Sich-Selbst-Auslegung des Menschen als dynamisch sich ausdifferenzierenden Seins in Gott:
Es ist immer ein Wort, das wir einander sagen und das uns gesagt wird (theologisch: «das» Wort Gottes) – aber die Einheit dieses Wortes legt sich, wie wir sahen, je und je auseinander in artikulierte Rede. […] Alles menschliche Sprechen ist in der Weise endlich, daß eine Unendlichkeit des auszufaltenden und auszulegenden Sinnes in ihm angelegt ist. Deshalb ist auch das hermeneutische Phänomen nur von dieser endlichen Grundverfassung des Seins aus aufzuhellen, die von Grund auf eine sprachlich verfaßte ist.
Gadamer befasst sich nicht mit den Niederungen eines Sprachgeschehens wie alltägliche Konversationen, Romane und Zeitungen. Maßgeblich für alles Sprechen sind ihm die Schöpfungen und klassisch-gewordenen Werke, Worte und Texte von an Propheten gemahnenden Genien, die in einem Akt der Hellsichtigkeit der Wahrheit okkasionell teilhaftig geworden sind. Diese sich durch die Geschichte erhaltenen Werke geben den Grundstock, die Basis, das Fundament allen Sprechens, das sich durch den je gegenwärtigen Augenblick tradiert, aktualisiert und differenziert:
Das Wunder der Kunst, die rätselhafte Vollendung, die den gelungenen Schöpfungen der Kunst anhaftet, ist über alle Zeiten hinweg sichtbar. Es erscheint möglich, den Begriff des Geschmacks der transzendentalen Begründung der Kunst unterzuordnen und unter Geschmack den sicheren Sinn für das Geniale der Kunst zu verstehen. Der kantische Satz: »Schöne Kunst ist Kunst des Genies« wird dann zum transzendentalen Grundsatz für die Ästhetik überhaupt. Ästhetik ist am Ende nur als Philosophie der Kunst möglich.
Die Frage, welche Werke das seien, erübrig sich für Gadamer, da die Geschichte dieses Werke bereits ausgefiltert hat (Platon, Dante, Shakespeare etc…). Mit anderen Worten, die Frage, inwiefern sich Kunst von Nichtkunst unterscheidet beantwortet sich im historischen, nicht im rezeptionsästhetischen Prozess, denn in der jeweiligen Gegenwart erlaubt eine sogenannte Überresonanz gar nicht zu erkennen, ob ein Werk klassisch werden könnte:
Offenbar sind es unkontrollierbare Vorurteile, unter denen wir an solche Schöpfungen herangehen, Voraussetzungen, die uns viel zu sehr einnehmen, als daß wir sie wissen könnten und die der zeitgenössischen Schöpfung eine Überresonanz zu verleihen mögen, die ihrem wahren Gehalt, ihrer wahren Bedeutung nicht entspricht. Erst das Absterben aller aktuellen Bezüge läßt Ihre eigene Gestalt sichtbar werden und ermöglicht damit ein Verständnis des in ihnen Gesagten, das verbindliche Allgemeinheit beanspruchen kann.
Die angegebenen Zitate zeigen zugenüge, dass Gadamers Wahrheit und Methode eher ein erkenntniskritisches Werk betreibt und eine Resakralisierung des Wortes vorschlägt. Tatsächlich legt er den Finger in eine oft ignorierte Wunde: dass Sprache existiert und Texte weitergelesen werden und rätselhafterweise Verstehen als möglich erscheint. Er schlägt eine Unterwerfung vor, nämlich den überlieferten Text in Vollkommenheit zu akzeptieren und in eigener Anwendung auf die je empfundene Gegenwart zu reaktualisieren, d.h. den Kanon zu verstärken, die Autoritäten zu übernehmen, zu hören und im Hören das Hören als verbindlich weiterzugeben, der sogenannte hermeneutische Zirkel. Die Verwandtschaft zum Priester, explizit im Text dargelegt, ist gewollt.
Es gibt selbstredend noch andere Formen, das Sprechen zu kodieren, bspw. eine systemtheoretische, die weniger kollektive Riten und Erfahrungsgehalte und vom Unendlichen zeugenden Glaubensinhalte zur kommunikativen Substanz erhebt, sondern die architektonisch, infrastrukturelle Verarbeitung von Sinnlichkeit und Gegenwärtigkeit bar ontologischer Fundamentalereignisse vorschlägt. Das nun würde Gadamer als subjektivistischen Solipsismus abtun.
Ein provozierendes, durchdachtes, konsequent-argumentierendes Werk, das leider in idealistisch-verbrämtem Abhub traditioneller Religiosität verbleibt. Die Auflösung des Nominalismusstreit in einer Transsubstantiationslehre vom einen einzigen göttlichen Wort, das Leib und Seele der kollektiven Seinserfahrung der menschlichen Gattung wird, verschmiert das Problem von Genesis und Geltung von Allgemeinbegriffen bloß durch terminologische Entdifferenzierung. Dass es aber die Magie eines ästhetischen Erlebens in den Raum stellt, spricht für den Text und lässt ihn wiederlesenswert erscheinen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Erster Teil:
●Abgrenzung der Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften. Naturwissenschaften fragen nicht nach Grund, Ursprung. Sie beobachten nur Muster. Helmholtz unterscheidet in logische und künstlerisch-instruktive Induktion. Letztere basiert auf Takt.
●Ein holistischer Begriff von Bildung: Transzendenz der Partikularität. Hierfür: Ausbildung eines Gedächtnis, einer Form. Takt erlaubt mit Sicherheit Schönes vom Hässlichen zu erkennen.
●Schlechter Geschmack ist keiner. Geschmack exkludiert. Geschmack=das einhellige, einheitliche Urteil einer idealen Gemeinschaft antizipierend.
●Kant-Kritik, gegen die Eingrenzung des Geschmacks aufs Ästhetische. Er geht aufs ganze Leben. Reduktion aufs Zwecklose. Kants Schönheitsbegriff sucht keine Herausforderung. Ihm steht das Ornament, die Blumen vor Augen. Kant vermittelt mittels der Urteilskraft die praktische mit der reinen Vernunft im Sinne einer umfassenden Teleologie der Natur. Um Kunst ging es ihm nicht. Kunst nur im geschichtlichen-kommunikativen Akt erfahrbar, nicht im zeitenthobenen ästhetischen Subjektivismus.
●Zeitlosigkeit der Werke der Genies.
●Gadamers Kunstbegriff – Kunst besteht aus Werken, die einen unendlichen Prozess des Verstehens hervorbringen, die sprachsemantisch offen bleiben, erst im steten Akt immer wieder neu verstanden werden müssen.
●Gadamers Spielbegriff. Im Spiel liegt ein heiliger Ernst. Überwindung der Subjekt-Objekt-Dualität. Kunst als zeitenthobene Kommunikation als Spiel. Kunstwerke schließen sich ab, werden selbst-verständlich und hierdurch für andere überhaupt zugänglich. (Keine Kommentarfunktion.)
●Im Wiedererkennen, in der Nachahmung Erkenntnis und Verstärkung des Erkannten, Prozess des Verallgemeinerns, Erkenntnis als Erinnerung.
●Kunstwerke für Gadamer eine Form von Fest, vollzogene Teilhabe am Wunder des Seins, allgemeine Form des heiligen Geistes, Lichtung des Seins und der Wahrheit. Hieraus der Theoriebegriff aus dem Wortstamm Theoros: Orakelbefrager/Festteilnehmer, Kultbeamter. Kunstwerk auslegen entspricht einem Heilsgeschehen. Unterwerfung unter den Regeln des genialisch-erzeugten Kunstwerks – sittliche Rückversicherung und Einübung der Wahrheit im Ritus und Habitus.
●Kunstwerk als Zeremoniemeister und Prediger – das ewig sich Bewährende und Bewahrheitende.
●Kunst als Schöpfung kulturell-erinnerter Gegenwärtigkeit des gemeinschaftlich-erfahrenen Substanziellen.
●Das Bild steht zwischen zwei Extremen – das reine Verweisen (Zeichen) und das reine Vertreten (Symbol). Bilder laden zum Verweilen ein, erhöhen die Seinsvalenz.
●Keine Unterschiede in der sprachlichen Überlieferungsform, alles Gedächtnis, alles Sprechen, Kommunizieren über die Zeit hinweg ob Prosa, Historie, Kommentar – Insituierung.
Zweiter Teil:
●Schleiermacher, zwei Formen des Redens: gemeinsames Sachdenken und wechselseitige Anregung. Unviersalisierung des Hermeneutischen.
●Ranke, Dilthey, Herder, Wilhelm v. Humboldt – geteilter Geschichtsbegriff, Geschichte als die Hervorbringung genialer, einzigartiger Individuen. Geschichte als Szenen der Freiheit.
●Dilthey universaliert Schleiermachers Hermeneutikbegriff auf die Geschichte selbst. Diltheys Bemühung um Beweisbarkeit zeigt die Schwäche seines Autoritätsvertrauens. Dilthey versteht nicht, dass er in Sprache lebt, die Sprache der Beweis selbst ist. Bei Husserl und Dilthey bleibt das Du transzendent. Sie betreiben einen erkenntniskritischen Solipsismus.
●Bahnbrechend Paul von Yorck. Leben als Selbstbehauptung und Emergenz der Begierde. Organismus des Bestehenden, als individuenübergreifenden Seins. Alles steht in einem Lebens- und Wachstums- und Entfaltungszusammenhang. Heideggers Kehre. Naturwissenschaften nur Sonderform der Geisteswissenschaft.
●Hermeneutischer Zirkel. Herausfinden aus dem eigenen Bannkreis der Vormeinungen. Blinder Fleck der Aufklärung: das Vorurteil gegen Vorurteile und daraus die Entmachtung der Überlieferung, also des Lebens- und Sprachzusammenhanges der Erkenntnis. Aufklärung übersieht berechtigt sittlich-substanziell empfundene Vorurteile und begründete, überlieferte Autoritäten.
●das Klassische – das sich bislang im Lauf der Kritik und des Verstehens Standhaltende. Verstehen als Vermittlungsakt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Einrückung des Zeithorizontes. Historismus ein Spuk – das Jetzt schwingt immer mit. Verstehen wendet den Text auf die je vorhandene Gegenwart an.
●Medium des Verstehens: die Tradition – notwendiges Vorurteil: das Werk, der Text, der verstanden werden soll, ist vollkommen. Das Verstehen ist ein Prozess, des Hineinversenkens, Distanzierens, Kritisierens, Akzeptierens.
●Aktuelle Kunstwerke lassen sich wegen Überresonanz nicht verstehen. Ein gewisser Zeitabstand dämpft die Resonanz und filtert und lässt das Allgemeine hervortreten.
●gegen das verdinglichte Naturrecht: alles im Menschen bleibt in Bewegung. Hermeneutik als die Verhaltensweise, die zum richtigen moralischen Handeln führt. Juristische Anwendung als Paradigma der Hermeneutik. <— passt, Gadamer beschäftigt sich nur mit dem, was bereits Autorität besitzt.
●Absolute Gültigkeit der Sprache, des Sprachzusammenhangs. Gadamer reflektiert aus der verbindlichen Struktur heraus: Geltung und Gültigkeit von Recht, von Genien, von Meisterwerken.
●radikale Offenheit für Erfahrungen, auch schmerzhafte, die Erwartung und Hoffnung durchkreuzen. Offenheit kann nicht rhetorisch oder pädagogisch erzwungen werden. Angeborene Fähigkeit. Verschmelzung der Horizonte als Leistung der Sprache.
Dritter Teil:
●Gadamer reaktualisiert als Fragender, Sprechender, Sokrates‘ Haltung. Seine Hermeneutik bezieht sich auf philosophische, theologische und lyrische Texte. Nicht wirklich Prosa.
●gegen konventionalistische Sprachtheorien. Sprachen ändern sich langsam. Sprache nur als Träger von Wahrheit und Tradition befragbar, als abstrakter Forschungsgegenstand führt sie nur zur Verwirrung.
●Das Wort emergiert aus dem Verstehen, ein geheimnisvoller Prozess, gleichsam einer Trinität, das Vor-Sich-Stellen des Sinns als Wahrheit durch das Wort, um sich in diesem zu erkennen. Die Erfahrung bindet sich in diesem einen Wort. Übertragung von Erfahrung möglich. Kollektive Erfahrung.
●Nikolaus von Kues, der Mensch als Komplikator, der das Unendliche endlich auslegt, immer wieder differenziert, und so in einem nicht endenden Prozess sichtbar werden lässt. Grundsätzlich teilen die Menschen eine Welt. Es gibt nur ein Wort, ein Wort aber, dass sic wieder und wieder im Endlichen auslegt.
●Ausgangspunkt der Hermeneutik – der Mensch hat Anteil am Sein, ist Teil davon, macht sich als Teil desselben sichtbar.
Caroline Wahl: „Die Assistentin“
Wuchtiges Emanzipationslehrstück mit Schwächen in Komposition und Form.
Inhalt: 4/5 Sterne (Depression vs. Elan)
Form: 1/5 Sterne (Kinderbuch-Sprache)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (ironisch-souverän)
Komposition: 1/5 Sterne (zu lang-unnötige Figuren)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (wuchtig-unterhaltsam)
–> 14/5=2,8
Caroline Wahl schreibt bislang Jugendbücher. Ihre Coming-of-Age Romane 22 Bahnen und Windstärke 17 überzeugen durch stimmungsvolle Intensität, durch allerlei Brüllen, Heulen und Schimpfen, alles aber auf eine Sehnsucht, eine Gier und einen Wunsch nach freiem Leben gemünzt. Mit Die Assistentin gelingt es ihr nun, aus der Ich-Erzählperspektive der beiden Erstlinge auszubrechen und eine ironisch-interessantere, rahmende Erzählweise zu etablieren:
ES SOLL NUN nicht minutiös die ganze Misere geschildert werden, weil der Winter echt kacke war. Kurze Zusammenfassung vor dem Jahreswechsel: Die Assistentinnen verstehen sich ganz gut. Jeanne ist nicht so belastbar wie Charlotte, der Verleger möchte lieber immer nur eine Assistentin um sich haben, vorzugsweise Charlotte. Die Lage spitzt sich zweimal zu und eskaliert am 1. Dezember, also pünktlich zum richtigen Winterbeginn. Da bricht Jeanne zusammen, Alexandra Liebig wird zu Hilfe gerufen, aber sie hilft nicht.
Der Abschnitt zeigt, Wahl bevorzugt eine flapsige, simple, sehr eingängige Sprache. Sie belastet sich nicht mit selbstreflexiven Satzstrukturen und komplexen syntaktischen Abwägungen sich verschiebender Bedeutungsnuancen. Sie knallt einem ihre Ideen direkt vor den Latz. Hier: Eine verkappte Musikerin verdingt sich als Verlags-Assistentin, quält sich mit ihrer Autoritätshörigkeit gegenüber ihren Eltern und Vorgesetzten, bis sie vielleicht endlich zu einer eigenen Stimme gelangt:
Charlottes Eltern sind bisher nicht so gut weggekommen und kommen wahrscheinlich auch rückblickend nicht so gut weg, egal wie man es dreht und wendet. Aber vielleicht ist es auch selbstgerecht von Charlotte, den Eltern so einen großen Teil der Schuld zuzuschieben. […] Möglicherweise ist genau das auch der Kern von Charlottes gar nicht so einzigartiger Geschichte: die Befreiung aus dem Elternhaus und das Finden des Weges in ein selbstbestimmtes Leben.
Die Erzählstimme weiß, dass sie unoriginell wirkt, sogar schleppend langweilig sein kann und manchmal auch ist. Vieles an diesem dritten Buch von Caroline Wahl bleibt unausgegoren. Es wurde schlichtweg nicht an ihm geschliffen. Viele Figuren sind einfach überflüssig. Viele kleine Anekdoten trüben den kompositorischen Gesamteindruck (Stichwort: Cathy Hummels), und einige Passagen bleiben dafür leider unbelichtet, die den Konflikt zwischen dem depressiv-selbstmitleidigen Verleger und der nach Intensität und Meer und Musik gierenden Charlotte stärker herausgearbeitet hätten.
Eigentlich sollte sie ihre Jugend und die Energie und so in sich nutzen, bevor die Jahre auch ihr zusetzten, aber vielleicht war es eh schon zu spät.
Dass es vielleicht nie zu spät ist, lässt sich aus diesem elanvollen Buch von Wahl herauslesen. Dass es mehr sein will, als es ist, vielleicht auch. Vor allem aber schafft sie mit Die Assistentin trotz ihrer Bilderbuch-Sprache einen ironisch-gebrochenen literarischen Gesamtgestus, der mittlerweile in der Gegenwartsliteratur seines Gleichen sucht. Sie beweist Mut, wenn sie auf eine auktoriale Erzählinstanz zurückgreift und latscht munter in etwas zu groß geratene Fußstapfen eines Thomas Mann in Der Zauberberg, hätte sie sich nur mehr Zeit und Muße gelassen, statt ihre Figuren wie ein Berserker durch die Seiten zu peitschen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Charlotte Scharf, Mitte zwanzig, Akademikerin. Ugo Maise, der Verleger; und Alexandra Liebig als Personalchefin. Hierzu andere Assistentinnen: die alte Assistentin, Larissa Ahrens, Ivana und Jeanne.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Charlotte (C) will eigentlich auf die Popakademie, hat aber bereits einen Master in einer Geisteswissenschaft. Um ihren Unterhalt zu finanzieren, sucht sie sich einen Job.
Kapitel „Sommer“: In einem Bewerbungsprozess um den Job einer Lektor-Assistentin bekommt C erste Zweifel an ihrem Unterfangen. Es gibt Unklarheiten über zwei Positionen, einmal als Assistentin und dann als Administrative Assistentin – wie die Personalchefin Alexandra Liebig (AL) es nennt. Sie lernt den Lektor kennen, einem reichen Erbe aus der Süßwarenindustrie, dessen Romandebüt „Rocky“ zum Kultbuch avancierte, und der nun mehr oder weniger erfolgreich versucht, sich als Verleger einen Namen zu machen. Im ersten Interview erweist sich Ugo Maise als übergriffig (Frage nach Blumen und Bluse). Sie erhält den Zuschlag als zweite Assistentin. Eltern sind beglückt. Erste Assistentin wird Ivana, die in einer Model-Castingshow (GNTM) bis ins Halbfinale gekommen ist. Charlotte zieht um. Sie stellt fest, dass in ihrem Wohnhaus ein Mord geschehen ist. Sie fühlt sich in München unwohl, lenkt sich ab mit Cathy-Hummels-Googeln. Eigentlich würde sie gerne am Meer leben und musizieren.
Kapitel „Spätsommer“: Ivana und C fangen an. Sie erhalten das Manual Maise, das sie in die Gepflogenheiten des Verlegers einführt (Wie er isst, was er sich wünscht, welche Typographien er mag etc, wie er seine Betten in Hotelzimmern wünscht …). C neidet Ivana die bessere Stelle, die mit besserem Handy und Laptop einherkommt. Die alte Assistentin führt die neuen ein. Der Verleger plant eine Reise zum Stanglwirt (ihm gehe es nicht so gut), und die alte Assistentin fährt mit ihrem Partner in die Berge. Ivana und C verpatzen einige Aufträge (Essensbestellung, Friseurtermin) und verbummeln eine Visistenkarte-Kiste. C trifft einen ihrer Nachbarn, heruntergekommen, zitternd und stinkend. Sie lernt Larissa Ahrens kennen, die für einen anderen Teil des Verlages arbeitet: der Firma. Sie werden, als sie Kontaktdaten verbummeln, beide vom Verleger gefeuert. C entschuldigt sich beim Verleger, unterwürfig, und beginnt aus Trotz heraus zu musizieren und zu komponieren. Am darauffolgenden Montag glättet die alte Assistentin die Wogen, spielt aber ein doppeltes Spiel zwischen Ivana, die eigentlich für den Fehler verantwortlich gewesen ist, und C. Reise zum Stanglwirt läuft gut für den Verleger. Reist aber früher ab. Sie trifft auf den kranken Nachbarn und hilft ihm in seine Wohnung. Ivana nimmt Urlaub für eine Birthday-Week. C lernt Bo kennen, den sie häufiger in der S-Bahn gesehen hat. Der Verleger nimmt C mit zum Starnberger See, um ein Jubiläumsort für die Verlagsfestlichkeiten auszukundschaften. Sie lernt die Tochter, Adeline, kennen. Der Verleger bestellt sie zu sich nach Hause. Sie lernt auf die Frau des Verlegers kennen. Ivana wird gekündigt. Die alte Assistentin hört auf. Alexandra Liebig (AL) erscheint undurchschaubar. Bo und C kommen zusammen. Er ist Tischler, kommt aus Nordfriesland, lebt in einer Künstler-WG.
Kapitel „Herbst“: C stellt sich auf den Verleger (V) immer besser ein. Sie organisiert einen Berlin-Trip für ihn. Sie lehnt ab, ihn zu begleiten. AL spricht ihr Mut zu. Sie lehnt es ab, mit Bo in die Berge zu fahren, um die Aufträge des V nicht zu verpassen. Eine Party in Bos WG geht für C etwas schief, findet keinen Anschluss. Eine neue Assistentin beginnt, Jeanne, mit Erfahrung in der Unternehmensberatung. Bo rät ihr zu kündigen. C hat Angst vor der Arbeitslosigkeit. Sie besucht ihre Eltern. C enttäuscht, dass sie nie vom Bahnsteig abgeholt wird. Verhältnis zwischen Bo und C kühlt ab.
Kapitel „Winter“: C läuft viel, musiziert viel und arbeitet sehr, sehr viel. Sie organisieren die Dublinreise vom V. V stellt persönliche Fragen, nach Cs Liebesleben. Jeanne bricht zusammen feiert krank. V geht’s nicht gut, glasige Augen, zu viel Alkohol. Er bestellt C zu sich nach Hause. Nach einigen Arbeitstagen will sie nicht mehr und beschwert sich bei AL. Sie sorgt dafür, dass sie nicht zu V nach Hause muss. Eine Praktikantin taucht auf. Jeanne bricht wieder zusammen. C muss doch wieder zu V nach Hause. Er schenkt ihr einen Parmesan. Bo meldet sich nicht mehr. Dann ein Treffen. Sie machen mehr oder weniger Schluss. V trinkt zu viel. Sie fährt über Weihnachten zu ihren Eltern. Sie erzählt von ihrer Musik. Sie fährt nicht mit in den Skiurlaub. Sie fährt für einen Tag zu ihnen, kehrt wieder zurück, schickt Bo einen ihrer Songs. Fährt zurück nach München, verbringt ein schlechtes Silvester mit Jeanne. Sie reden nur über den V. Sie eröffnet einen Instagram-Kanal namens iCarly. Jeanne lässt sich im neuen Jahr krankschreiben und kündigt. Es gibt Probleme im Verlag, Neustrukturierung der Führungsebene. Der V verliert Überblick. V macht anzügliche Bemerkungen. Sie läuft sehr viel. Der Körper macht schlapp, Magen-Darm-Probleme, eine Stressfraktur. Sie humpelt. Bo sucht ein Gespräch. Er sieht, dass sie leidet. Sie hat ihn geghostet, nachdem sie ihm den Song geschickt hat. Es kommt zu einem Eklat in Bezug auf die persönlichen Sachen vom V. Sie hat ihn informiert, dass die Tür zu seinem Privatzimmer offenstand. Danach rastet er aus, dass sie ihm davon nichts gesagt hat. Er schreibt eine passiv-aggressive SMS, will dass C zu ihm kommt. C weigert sich, klappt zusammen, Atemnot.
Kapitel „Frühling“: C weigert sich fortan, den Verlag zu betreten. Sie bemerkt zu ihrem Erstaunen, dass ihr Instagram-Kanal populär geworden ist. Bo und sie kommen zusammen. Der Nachbar ist zwischenzeitlich, unbemerkt für jeden, gestorben.
●Kurzfassung: Eine frischgebackene Akademikerin will eigentlich Musikerin werden, nimmt als Brotjob eine Stelle in einem Münchener Verlag an und komponiert im Privaten. Der Verleger leidet an narzisstischen Störungen. Sie versucht seinen Erwartungen gerecht zu werden, will aber die ständigen Grenzüberschreitungen nicht ertragen, verweigert sich und kündigt. Zwischenzeitlich hat sie ihr erstes Album fertig und kann nach der Kündigung nun Musikerin sein.
●Charaktere: (rund/flach) Charlotte und der Verleger erscheinen komplex, wirr und dynamisch-chaotisch; Ivana und Jeanne sehr flach und klischiert, Bo, der Bär, auch.
●Besondere Ereignisse/Szenen: nein
●Diskurs: Übergriffigkeit am Arbeitsplatz, toxische Arbeitsatmosphäre.
… ziemlich rasant geschriebener Entwicklungsroman; C emanzipiert sich von den Ängsten ihrer Eltern, ihrer Autoritätshörigkeit und sucht ihren eigenen Weg, den sie schließlich findet. Sie begreift, niemand außer sie selbst, weiß, was gut für sie ist. Die Unentschiedenheit, die Wirrnis wird gut in Szene gesetzt durch Wankelmut, extreme Bewegungsfreude (Laufen, Schwimmen) und den Wunsch, sich ungemindert auszudrücken. All dies zusammen ergibt eine explosive Mischung für die Figur der Charlotte, intensiv kontrastiert durch den todestriebigen dekadenten Ugo Maisel. Ein Duell zwischen zwei Lebensvarianten, als High Noon spannend und effektvoll – das Depressive, Passiv-Aggressive, das Nihilistische gegen den Drive der Jugend und den Wunsch nach Entfaltung.
–> 4 Sterne
Form:
●Wortschatz: elanvolles Jugendsprech.
●Type-Token-Ratio: 0,13 eher Richtung Jugendbuchgenre (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 16 mit STAB 13, mittlere Komplexität.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 80% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: wenig Adverbien, Adjektive (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Sehr verbal geprägt.
●Stimmige Wortfelder: ja, stimmig.
●Satzstrukturen: komplex, vielseitig, tragend und sich windend.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: „kacke“ wird sehr häufig verwendet, flapsige Ausdrucksweise, wiederkehrende Superlativ.
●Innovation: in der Sprache keine
… Wahl schreibt simpel, schnell, geradeheraus, in Jugendbuch-Stil
–> 1 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: es gibt eine Off-Stimme, die über Charlotte räsoniert, klassisch auktorial, entfernt, aber empathisch, mit sorgenvollem Hinblick auf das Publikum. Der auktoriale Erzähler reflektiert über die Erzählung, ohne sich zu situieren. Seine Perspektive ist das Innenleben von Charlotte. Klare Fokalisierung
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht situiert, wie ein Thomas Mannscher Erzähler in „Der Zauberberg“, ironisch, empathisch, dennoch kritisch und auf Präzision bedacht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: empathisch, mit Distanz, Charlotte bekommt etwas Dümmliches, etwas Verobjektiviertes, wie auch der Verleger; die Figuren werden in ihrer Verdinglichung beschrieben, in ihrem eigenen Gefängnis, das sie sich selbst bauen.
●Einschätzung: in dieser gebrochen-ironischen Erzählweise findet Charlottes Geschichte eine geeignete Rahmung, um als Entwicklungsgeschichte zu wirken und zu gelingen. Die Reflexion kommt etwas zu kurz, und die Beschränkung auf die dritte Person als Fokalisierung will nicht so recht einleuchten. Es bekommt etwas Aufgesetzt-Distanziertes, dadurch aber auch Leichtes. Wegen der auf sich selbst nicht reflektierenden, sich nicht exponierenden Erzählweise, ein Stern Abzug. Dennoch ein souverän literarischer Gestus.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): gute Erzählstimme, mit viel Wucht dargestellt, aber leider mit vielen unzusammenhängenden Erzählentscheidungen: die verschiedenen Assistentinnen hätten nicht sein müssen (beleuchten gar nichts). Die Figuren der Ivana, Jeanne sind überflüssig – auch die von der Tochter, der Ehefrau, und von Larissa Ahrend auch.
●Extradiegetische Abschnitte: im Grunde die selbstreflexiven Anteile über das Erzählen der unbekannt bleibenden Erzählinstanz
●Lose Versatzstücke: Völlig überflüssig der Nachbar, Cathy-Hummels und ähnliches
●Reliefbildung: stark intonierend, als Story überzeugend mit schwächen in der Länge
●Einschätzung: die viel zu flapsigen Aneinanderreihungen passen nicht; die Komposition wirkt nicht stimmt, hätte gedrängter, verdichteter mehr Wirkung entfaltend.
–> 1 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, dafür zu verrückt-wild wuchernd geschrieben
●Geärgert: ein wenig über die Digressionen und Unverbindlichkeiten
●Amüsiert: ja, über die Verdinglichung von Charlotte in ihrer Unmündigkeit
●Gefesselt: ja, es ist klar, dass sie sich befreien wird, nur wie wird die Frage.
●Zweites Mal Lesen?: nein, nicht wirklich, dafür sprachlich zu flach
–> 4 Sterne
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Kaleb Erdmann: „Die Ausweichschule“
Requiem auf ein gescheitertes Erzählexperiment. Stilistisch makellos, narrativ ein Grauen.
(Shortlist Deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 1/5 Sterne (spannungslose Resteverwertung)
Form: 5/5 Sterne (intensiv-rhythmisch erzählt)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine Erzählinstanz)
Komposition: 3/5 Sterne (wirre Zirkelhaftigkeit)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (ärgerlich)
–> 11/5=2,2 Sterne
Die eigene schriftstellerische Arbeit zum Gegenstand des Erzählens zu erheben, weist oft auf eine gewisse Ideen- und Phantasielosigkeit hin. Es mag aber auch zu interessanten, intensiven Erzählexperimenten führen wie bei Dorothee Elmiger in Die Holländerinnen oder Christa Wolf in Voraussetzungen einer Erzählung. Kaleb Erdmanns narratives Ich betreibt eine solche Bauchnabelschau in Die Ausweichschule. Seit dessen Debüt ist einige Zeit verstrichen, und so meldet sich nun die äußerst besorgte Literaturagentin:
Im Wesentlichen warte ich und komme mir zunehmend profillos vor. Gestern hat mich meine Agentin angerufen.
Denkst du eigentlich an einen zweiten Roman?, hat sie gefragt.
Ich denke ständig an einen zweiten Roman, habe ich geantwortet.
Und schreibst du ihn auch?, hat sie nachgebohrt.
Ich denke ernsthaft ans Anfangen, bin ich ausgewichen.
Dieses Ausweichen betreibt er nun auf allen Ebenen im Text, den er nicht ohne Grund Die Ausweichschule nennt. Sein Manuskript liegt brach. Die Figurennamen wollen nicht stimmen. Der Gegenstand erweist sich als zu zäh und schwer zu durchdringen. Der Arbeitstitel lautet „Unterm Herrenberg“ und soll den Massenmord an einem Erfurter Gymnasium und dessen Folgen behandeln, womit die Ich-Erzählinstanz Kindheitserfahrungen zu verarbeiten gedenkt. Als diese nämlich die fünfte Klasse besuchte, fand ein solcher Massenmord statt. Erdmann verarbeitet hierfür den Massenmord an sechzehn Menschen, die 2002 am Gutenberg Gymnasium von einem Amokläufer erschossen wurden. Die Arbeit am Manuskript will der Erzählinstanz aber trotz Materialfülle und Brisanz oder gerade deshalb nicht gelingen:
Leider habe ich den Text am Ende begonnen, mit dem Umzug von Erfurt nach München, mit den Umzugskisten in unserer Erfurter Wohnung und dem Abschied von André, der im Buch nicht André heißt, sondern Mike, nachdem er erst Lukas, dann Luca und dann Luki hieß. Eigentlich mag ich es nicht, wenn Geschichten am Ende beginnen. Der Erzähler drängelt sich nach vorne, macht klar, wer die Kontrolle über die Geschichte hat, nämlich er, weil er das Ende kennt. Man bewegt sich nicht gemeinsam auf das Ende zu, sondern bekommt das Ziel serviert wie ein rotes X auf einer Karte.
Direkt am Anfang des Romans wird nun auch klar, dass das Manuskript abgelehnt wird. Das gescheiterte Schreibprojekt liegt schwer auf der Erzählinstanz, die aber Rückhalt bei Freundin und Familie genießt und Trost im Verspeisen von Süßigkeiten und Bratwürsten findet. Als es erneut zu einem Massenmord an einer Prager Universität kommt, an der zufällig seine Schwester studiert, erhält das Projekt neue Luft und so kann Die Ausweichschule als Resteverwertung von „Unterm Herrenberg“ letztlich verstanden werden.
Auf dem Bildschirm liegt der Text, für den ich diese Reise unternommen habe, und wartet darauf, mit den Bamberger und Erfurter Bildern und Erkenntnissen angereichert zu werden. Mir graut vor der Frage, welche Erkenntnisse das sein könnten. Ich packe mein Notizbuch aus und lege es auf die Tastatur, ich blättere hin und her, durch die ungeordneten Assoziationen des letzten halben Jahres, durch verlorene Notizen-Gedichte und eine endlose Parade hilfloser Fragen.
Mit interessantem, flüssigen Stil rekonstruiert der über dreißig Jahre alte Ich-Erzähler sein Unbehagen, seine Orientierungslosigkeit in Bezug auf den Vorfall und den Massenmord. Er weiß nicht wirklich ein noch aus, holt sich Hilfe bei seiner Mutter und bereist die Orte seiner Kindheitserinnerung nochmals. Leider überträgt sich die Hilf- und Orientierungslosigkeit komplett auf die Struktur und Komposition des Textes. Alles wird in Präsens, in situ, ohne Tiefenperspektive, Raffung und Verdichtung erzählt. Alles, was der Erzählinstanz passiert, was sie denkt, was sie isst, was sie vorhat, wird unterschiedslos Teil dieser Erzähleskapaden, auch ein Strandtag in Portugal, wo diese ihren Personalausweis verliert.
Kaleb Erdmann legt mit Die Ausweichschule ein schelmisches, unverbindliches, unsicheres Fabulieren hin, aber dies im äußerst geschliffenen, angenehm zu lesenden Stil. Selbst die Idee der Komposition, die sogar beinahe funktioniert, hilft dem völlig aus dem Leim gehenden Text nicht, Substanz zu finden. Er bleibt atemlos, hilflos, von erstem bis letztem Wort. Dass er dann noch eine Lanze für einen Massenmörder bricht, tut literarisch radebrechend, wie er sich präsentiert, auch nichts mehr zur Sache.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzähler (IE), Mitte dreißig.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Rahmengebend für den Roman, seine eigene Entstehung. Haupthandlungsteil (Kapitel 1-16): eine Reise nach Bamberg, wo der IE eine Theateraufführung über den Massenmord an einem Erfurter Gymnasium. Er verbringt einen Tag in Bamberg, trifft den Dramatiker kurz, übernachtet in einer Pension und fährt am nächsten Morgen nach Erfurt, besucht dort einen Kindheitsfreund und seine alte Schule, an der der Massenmord begangen wurde. Er sucht einen geheimen Garten, einen Rückzugsort, legt Blumen für die Opfer nieder und fährt zurück nach Frankfurt am Main.
In jedem Kapitel (1-16) wird nun im Nachgang an den Haupthandlungsteil die Geschichte erzählt, wie es zur Reise nach Bamberg kam. Mehr oder weniger das Leben vom IE in Frankfurt am Main mit seiner Lebensgefährtin Hatice, wie er sich an seinem zweiten Buch über die Kindheitsereignisse versucht, aber nicht vorwärtskommt, aber anlässlich der Anfrage des Dramatikers neue Inspiration erhält, sich mit dem Massenmord erneut zu beschäftigen. Dies geschieht insbesondere auf Druck seiner Agentin hin. Er führt drei Telefonate mit dem Dramatiker, geht zu einer Vernissage seiner Freundin und arbeitet seine Erfurt-Erinnerungen durch.
Gerahmt wird die Zweiteilung durch einen Prolog, der nach Kapitel 16 handelt, nach Fertigstellung seines Manuskripts, das abgelehnt wird. Er fährt im Epilog zu seiner Mutter nach Straßburg, trifft sich dort auch mit seiner Schwester, die hört, dass an ihrer Universität in Prag wieder ein Massenmord begangen worden ist. Dieser Inzident wird zum vorliegenden Buch führen, das der IE wohl im Anschluss geschrieben.
Details:
Prolog: Nutria-Fütterung, Erinnerungen wie Tee-Aufguss – Ablehnung des ursprünglichen Manuskripts durch einen Herr Mertens, mit der IE in einem japanischen Restaurant sitzt. Er solle mehr wie Joachim Meyerhoff schreiben.
1.) Auf dem Bahnhof in Frankfurt am Main. Er sucht eine Flasche zum Urinieren. Fahrt nach Bamberg. – Mailkontakt mit Dramatiker.
2.) Auf dem Weg nach Bamberg im Zug zur Schülervorstellung des Theaterstücks des Dramatikers. – Erinnerung an erstes Telefonat, dynamischer Abgleichung ihres Wissen über das Schulmassaker.
3.) In Bamberg, auf dem Weg zum Theater. Erinnerung an den Umzug nach Erfurt. – Recherche zum Buch, Nachlesen des Gasser-Berichts.
4.) Ankunft im Theater, driftet hinein, mit einer Schulklasse. – Hatices Vernissage mit einem Huhn in Epoxid. Danach liest IE in einem Geldautomatenraum den Gasser-Bericht.
5.) Theaterstück. IE schweift ab. – Gasser-Bericht über den Tathergang.
6.) Theaterstück dauert noch an. Eltern des Täters werden gezeigt. – zweites Telefonat mit Dramatiker über Motive und Tathergang.
7.) Nach dem Theaterstück wandert IE durch Bamberg, geht in ein Gasthaus, besäuft sich und lädt sein Handy auf. – Erinnerung an den Apfelweinangriff, Matze, ein Handwerker, vermöbelt den IE nach hitziger Debatte über den Täter.
8.) Nach Gasthaus, Sightseeing in Bamberg, im Dom, Oberschenkelknochen des heiligen Bischofs Otto. – Erinnerung an eigene Recherchen, das Buch von Ines Geipel, die Kontroversen um Rainer Heise.
9.) Danach Anruf der Mutter. IE auf der Suche nach Gebäck. – drittes Telefonat mit Dramatiker über Folgen, die Renovierung der Schule, das Beziehen der Ausweichschule. Kluwe-Schleberger als gütiges Gespenst.
10.) Geht zu McDonald’s, isst zwei Apfeltaschen. Der Dramatiker holt ihn ab, bringt ihn zu einer Pension. Kurzes Gespräch über das Stück. Frage: Was darf man? – Hatice bringt Fleischabfälle. Er schmeißt sein Risotto weg. Zweifel über sein Schreibvorhaben.
11.) In der Pension. IE säuft Bier, pinkelt in Plastikflasche, nimmt Kontakt zu einem Kindheitsfreund namens André auf. Sie verabreden sich für den nächsten Tag. – Performance von Lipi, Freundin von Hatice, die als Bergfest der Ausstellung sich mit Fleischstücken anzieht. IE denkt über Namen nach.
12.) Zugfahrt nach Erfurt. Katzenwäsche auf der Zugtoilette. Reflexionen über Emmanuel Carrère. – Urlaub in Portugal, Verlust des Personalausweises. Dramatiker ladet zur Premiere ein. IE lehnt ab.
13.) In Erfurt, seltsame Erinnerung, Unwirklichkeiten, kauft Bratwurst. Kindheitsfreund versetzt ihn. Er fährt zu ihm nach Hause. – bei Therapeutin Czerny, über den geheimen Garten nahe der Ausweichschule. Ort der Geborgenheit.
14.) Bei André. Nutella-Brötchen. André will von Vergangenheitsaufarbeitung nichts wissen. – über Essen und Literatur, über die Kantine in der Austauschschule.
15.) Abschied von André. Besuch der Ausweichschule. Suche nach dem geheimen Garten, mögliches Wiederfinden. – bei sich Zuhause, Recherche über das Massentöten, Bounty, Obstfliege.
16.) Besuch der Gutenbergschule. Erinnerung an letzten Besuch, als er eine rote Rose für den Täter hinlegt. Auch ihm müsse gedacht werden. Danach Gespräche mit Kluwe-Schleberger, vielleicht Scham. Er legt weiße Rosen für die Ermordeten an die Gedenktafel. – IE schreibt Dramatiker, will doch ins Stück, bekommt eine Karte für eine Schulaufführung.
17.) Thai-Curry auf dem Weg zurück nach Frankfurt, schläft ein, kauft sich Apfelsaftschorle. Der Sitznachbar interessiert an der Erfurt-Recherche, IE gibt nichts preis. – letzter Tag vor der Abreise nach Bamberg, Fußbad, liest Donald Duck, schläft schlecht.
Epilog: Isenheimer Altar, Antoniter Mönche, mit Mutter, Fahrt nach Straßburg, Treffen mit Schwester, die erfährt, dass an ihrer Universität in Prag wieder ein Massenmörder Menschen erschießt.
●Kurzfassung: Ein IE versucht Material für seinen zweiten Roman zu sammeln, kommt nicht weiter. Durch einen Dramatiker erhält er Anstoß und Inspiration. Es entsteht ein Manuskript, das aber abgelehnt wird, zu unlustig. Als er Weihnachten mit seiner Familie verbringt, findet ein weiterer Amoklauf statt. Anlass ein neues Manuskript zu schreiben.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Handlung, keine Figurenzeichnung, entfällt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Kluwe-Schleberger als gütiges Gespenst (Kapitel 9).
… kritisches Moment scheint im Gedenken an den Täter zu liegen. Der IE legt eine Rose für den Täter nieder, als er die Möglichkeit hat, einen der anderen sechzehn Opfer zu gedenken. Um sich zu erklären, schreibt er: Sogar er verdiene es, dass um ihn getrauert werde. Die Traumatherapeutin nimmt ihn zur Seite, ob ihm klar sei, was er da getan habe. Später, zwanzig Jahre vielleicht, legt er nun vier weiße Rosen für die anderen sechzehn Opfer ab. Der Diskurs dreht sich um Vergebung, um christliche Nächstenliebe – wie die vielen religiösen Momente im Text bezeugen. Er geht mehrmals in die Kirche, schaut sich Altare und religiöse Skulpturen an. Im Straßburger Münster zündet er drei Kerzen an.
… auf der anderen Ebene handelt es sich bei dem Text um ein gescheitertes Erzählexperiment, der gescheiterte Versuch, sein eigenes Leben zu fiktionalisieren. Dieses Manuskript heißt „Unterm Herrenberg“ oder „Zwischen den Bergen“ als Arbeitstitel. Diese Variante wurde verworfen. „Ausweichschule“ lässt sich als Abfall- oder Resteverwertungsprojekt betrachten.
●Diskurs: Ego-Shooter, Gewalt an Schulen, Massenmord, und die Frage, inwiefern auch Tätern gedacht werden sollte.
… Thema selbst eher journalistisch aufbereitet, nicht narrativ. Es gibt keine Spannung. Es gibt keinen Twist. Es gibt überhaupt keine Form von Figurenentwicklung. Das Thema selbst, der Massenmord, zieht als Stoff, wird aber durch keine Plot dynamisiert. Der Stoff selbst aber wird leidlich aufbereitet, ohne allzu starke Einseitigkeiten. Eher so etwas wie eine retrospektive Presseschau.
–> 1 Sterne
Form:
●Wortschatz: durch die vielen Diskurse, Kontroversen und Metadiskurse sehr vielfältiges Wortmaterial, das nie langweilt
●Type-Token-Ratio: 0,17 (solide Diversität) (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 15, STAB 11,74 – zeugt von komplexen Syntaxen.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 74,96 eher literarisch gewichtet (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: starker Verbal- und Reflexionsstil (erster Ordnung).
●Stimmige Wortfelder: ja,
●Wiederkehrende Motive/Tropen: sehr viel über Essen (knapp 10%).
●Innovation: liegt wohl in der mikroskopisch erfassten Körperlichkeit, diese Selbstwahrnehmung, die nicht stoppt, die ängstlich vonstatten geht, der Körper als Fremdes wie schon bei Joshua Groß in „Prana Extrem“.
… der Stil von Erdmann mischt einen sanften, Litanei-haften Ton mit Maximieren und Superlativen wie „extrem“, „absolut“, „hundertprozentig“, „nie mehr“, „einzig“ und martialischen Adverbien und Adjektiven wie „brutal“, „eiskalt“, „harte, kalte“, „scharf“, „heftig“, „nie mehr“, „größte“ etc… d.h. er versucht nicht durch den Gegenstand, die Beschreibung, sondern über die Wertung zu Effekten zu gelangen. (brutal 13x, heftig 8x, eiskalt 8x, „-gewalt-„ 36x …) – unangenehme, aber sehr wirkungsvolle, abwechslungsreiche Sprache
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: die Erzählstimme findet im Präsens statt, durchweg, d.h. es gibt keine ordnende, sich zeigende, sich darstellende Instanz. Die fällt hier völlig aus. Jede Situation erzählt ein Ich im Präsens, als wäre es seine eigene Gegenwart, also völlig Immersion, was eben zu fast nicht vorhandener Reflexion führt – zweite Reflexion, Raffung und Verdichtung schon gar nicht. Die Ich-Instanz lebt im Moment, einzig in ihm.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): perspektiviert ja, aber nicht situiert, nicht reflektiert, dazu fehlt der Abstand.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: wertend, auf den Putz hauend, sich relativierend, zögernd, in einem gewissen Rhythmus zwischen heftigen Urteilen und alles weichwischenden Beschreibungen, Pendel zwischen einer Erwachsenen- und einer Kindersicht.
●Einschätzung: keine Instanz, keine literarische Organisation, eher Essaystil
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Idee, jeweils in jedem Kapitel zwei Zeitebenen zu haben, die sich (Kapitel 1-16) dann zirkelhaft zusammenschließen, veranschaulicht den Teufelskreis, in welchem sich das Erzählen befindet, nämlich nicht von der Stelle zu treten. Diese Komposition überzeugt.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, alles spielt sich in der Erzählwelt ab
●Lose Versatzstücke: viele, die Vernissage, die keine Rolle spielt; der Portugalurlaub, von dem niemand wissen muss; die ganzen Nahrungsmittelaufnahmen, die keinen narrativen Mehrwert besitzen.
●Reliefbildung: rein kompositorisch nicht.
●Einschätzung: die Zirkelhaftigkeit kann gewürdigt werden, die geht auf, wirkt auch nicht erzwungen, dazwischen aber viele Lückenfüller (Plastikflasche zum Urinieren; Besprechen von Filmen, von Vernissagen, von einer Fleisch-Performance) etc … insofern entsteht ein Resteverwertungseindruck, sehr unentschieden, sehr verzweifelt, alles von sehr gemischter Intensität. Ohne diese losen Versatzstücke (Huhn in Epoxidharz, Portugal, Fleisch-Anzug) wäre die Komposition eindrucksvoll gelungen.
–> 3 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, triste Aufzählung von Körperbefindlichkeiten, Schweiß, Stinken, Essen.
●Geärgert: ja, über die Ideenlosigkeit, das bloße Repetieren, Zitieren von allem, was es schon gibt über das Thema, wie ein wissenschaftlicher Aufsatz nur ohne Quellenarbeit.
●Amüsiert: nein, an keiner Stelle.
●Gefesselt: nur bei dem glühenden Gespenst der Kluwe-Schleberger.
●Zweites Mal Lesen?: nein, gibt keinen Grund. Reiner Täterdiskurs.
–> 1 Sterne
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A. S. Neill: „Die grüne Wolke“
Schlecht gealtertes Rabauken-Gemetzel in der Postapokalpyse.
Inhalt: 3/5 Sterne (postapokalyptisches Herumgewusel)
Form: 2/5 Sterne (Lagerfeuersprache)
Erzählstimme: entfällt
Komposition: entfällt
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (Kessel Buntes)
–> 8/3 = 2,66 Sterne.
Alexander Sutherland Neill hat sich einen Namen als Lehrer der anti-autoritären Reformschule Summerhill gemacht. Die grüne Wolke oder wie der Roman auf Englisch heißt: „The last man alive“ entstand durch die Märchenstunde, die Neill mit den Kindern auf seiner Schule veranstaltete, die nach jedem Kapitel ihre Meinung sagen und Wünsche äußern dürfen, wie die Geschichte weiterzugehen habe. Das Setting liegt zwischen Fantasy und Science-Fiction mit postapokalyptischen Untertönen. In den späten 1930ern erscheint eine grüne Wolke und versteinert, bis auf wenige einzelne, die gesamte Menschheit. Tiere und Pflanzen überleben dagegen:
Inzwischen waren die Kinder ausgeschwärmt, um die Gegend zu erkunden. Die Straßen waren fast unpassierbar. Als die Wolke kam, hatte der Tod in Sekundenschnelle zugeschlagen. Die Kraftfahrer hatte es am Steuer ereilt, Autos hatten sich überschlagen, waren in Hecken gerast und an Mauern zerschellt. Bei der Eisenbahn war es ähnlich. Züge mit steintoten Lokführern waren mit anderen Zügen zusammengestoßen. Die Trümmer verstopften jede Strecke. Niedergeschlagen kamen die Kinder zurück.
«Wir können alle Rolls-Royce der Welt haben», sagte Bunny kläglich. «Aber sie nützen uns nichts. So lustig ist es wohl doch nicht, allein auf der Welt zu sein.»
Mit vielen absurden Episoden wird eine eher martialische Geschichte erzählt, in der viele Menschen sterben, viele Hunde, Ratten, Löwen und Elefanten draufgehen, Luftschiffe zerschossen, Torpedoboote verbrennen, U-Boote untergehen und auch die Nahrungsmittel auszugehen. Die Hauptfiguren sind der Lehrer Neill, der auch erzählt, und acht Kinder, die mehr oder weniger ihre eigene Persönlichkeit ausleben, aber allesamt verrückt nach Konflikt, Streit und Mutproben sind:
«Dieser Kram ist für eine Zivilisation gar nicht nötig», sagte Neill weise. «Eine Rattenzivilisation wäre natürlich anders, hoffentlich besser. Sie würden kein Giftgas herstellen, und ich frage mich, ob es überhaupt noch Kriege geben würde. Ich bin dafür, daß wir uns erschießen und den Ratten eine Chance geben.»
Die etwas lapidare Erzählweise erinnert stark an das Genre der Schelmenromane. Beliebige Anekdoten reihen sich aneinander. Diese Reihung wird thematisiert, aber auch durch Kommentare lächerlich gemacht. Eine gewisse zweite Reflexion existiert, aber gibt dem Roman keinen sonderlichen substanziellen Tiefgang wie in bspw. Die Brüder Löwenherz von Astrid Lindgren. Überhaupt wirkt Die grüne Wolke eher wie ein langgezogenes, etwas nachdenklicher Witz und so soll es auch sein. Besitzt auf diese Weise einiges von G.K. Chestertons Der Mann der Donnerstag war gekreuzt mit Erich Kästners Emil und die Detektive.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): A.S. Neill, Schuldirektor, und seine Schüler und Schülerinnen. Bunny, David, Michael, Jean, Betty, Evelyn, Robert, Gordon. Sowie der Millionär: Pyrecraft.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Pyrecraft besucht Neill in Summerhill mit seinem Luftfahrschiff. Er will mit ihnen den Höherekord brechen. Sie fliegen in 27km Höhe, sehen eine grüne Wolke. Als sie landen, bemerken sie, dass alle Menschen zu Stein geworden sind. Tiere und Pflanzen leben aber.
2.) Es kommt zu einem Hundeproblem. Sie rotten sich zusammen und müssen mit Maschinengewehren vertrieben werden, die Pyrecraft und David aus London mitbringen. In London hatte David Mitleid mit den Löwen und befreite diese aus den Zookäfigen.
3.) Die Kinder langweilen sich. Ausflug nach London. Missverständnis führt zu Krieg zwischen den Erwachsenen (Pyrecraft/Neill) und den Kindern. Dann hören sie plötzlich eine Stimme im Radio aus Deutschland.
4.) In Deutschland finden sie Fritz Apfelkuchen, Funker auf der Zugspitze. Er will in Deutschland bleiben. Sie bringen ihn nach Berlin. In Summerhill gibt es ein Rattenproblem. Sie benötigen zahme Hunde als Haustiere, um die Ratten in den Griff zu bekommen. Sie beschließen Welpen zu fangen. Um die Hunde zu vertreiben und ihnen die Welpen zu stehlen, benötigen sie Pferde. Sie beschließen wilde Pferde zu fangen und zu zähmen, hierbei kommt es zu einem Stierkampf zwischen Michael und einem Bullen. Mit den Pferden sollen die Kinder auf einem Schiff zurück nach Summerhill. Sie verirren sich aber. Neill und Pyrecraft retten sie.
5.) Auf den Pferden besiegen sie die Hundemeute. Sie stehlen die Welpen und bekommen die Rattenplage in den Griff. Fritz ruft um Hilfe. Wölfe haben ihn eingekesselt. Sie retten ihn und bauen ihm eine Festung in Murnau. Sie beschließen um die Welt zu fliegen, auf der Suche nach anderen Überlebenden. Sie finden eine vierköpfige Verbrecherband in den Anden. Sie veranstalten einen Schießwettbewerb.
6.) Aus Langeweile beginnt ein Bandenkrieg in Chicago. Betty wird entführt. Die Gangster entführen das Luftschiff. Robert befreit Betty. Einer der Verbrecher hilft ihnen, Sargnagel. Sie kehren mit ihm nach Summerhill zurück.
7.) Wieder ein Hilferuf von Fritz. Sie retten ihn und nehmen ihn dieses Mal mit. . Sie langweilen sich auf dem Luftschiff und reisen nach Afrika, wo Gorillas anfangen, eine Zivilisation aufzubauen. Plötzlich sinkt das Luftschiff und verliert an Helium.
8.) Sie müssen notlanden. Der Versuch, Frieden mit den Gorillas zu schließen, scheitert. Es kommt zum Krieg. Jean wird entführt. Sargnagel rettet sie, stirbt aber dabei. Sie erledigen die Menschenaffen, erbeuten an der Küste Kenias ein Torpedoboot. Vor Kapstadt eine Meuterei gegen Neill.
9.) Vor Gibraltar, Santander, ein Gefecht mit einem U-Boot, das von einem italienischen Faschisten kommandiert wird, Silvio, der eine deutsche Besatzung herumkommandiert. Sie verlieren den Kampf. Silvio nimmt die Mädchen gefangen, schickt die Jungs und Männer weg. Es kommt zum Gefecht in Burgos. Sie gewinnen, Fritz stirbt. Robert duelliert sich mit Silvio, um die Ehre seiner Schwester Betty wiederherzustellen. Er gewinnt. Silvio bringt sich um. In Bilbao kapern sie eine Luxusyacht und fahren zurück nach Summerhill.
10.) In Summerhill ereilt die Männer eine Magengrippe. Die Mädchen ziehen los, um Obst und frische Nahrung zu erbeuten. Sie bekämpfen Löwen, Elefanten auf ihren Mopeds mit Maschinengewehren und Benzinkanistern. Sie sind erfolgreich und kehren zurück.
11.) In Summerhill wollen sie eine Zivilisation aufbauen und konstruieren viele Roboter, die aber alle zu nichts zu gebrauchen sind und eher das Unbewusste der Erbauer repräsentieren.
12.) Ein Jahr nach der Versteinerung kommen Verbrecher, die in einer Zinnminie überlebt haben, nach Summerhill, lassen sich bedienen. Es kommt zum Streit, dann zum Krieg. Alle sterben bis auf Neill, der überlebt.
●Kurzfassung: Der Rest der Welt verdinglicht (versteinert), nur Neills Schüler überleben. Langeweile führt zu Mord und Todschlag. Neill, der Lehrer, überlebt.
●Charaktere: (rund/flach) – Kinder gut; die Erwachsenen flach.
●Besondere Ereignisse/Szenen: gutes Kapitel 11 mit den Mädchen auf den Mopeds.
●Diskurs: Kommunismus, Politik, Faschismus und Gewalt. Menschengeschichte.
… hohe Erzählgeschwindigkeit, sehr abwechslungsreich, viele Ortswechsel.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: Jugend- und Kinderbuch.
●Type-Token-Ratio: 0,173 (durch Topikvarianz) (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 12,5 Wörter und 8,4 STAB
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 76% narrativer Durchschnitt (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: 2,6 Adverbien (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Dialoganteil fast 50%!
●Stimmige Wortfelder: ja, passt.
●Satzstrukturen: Einfach, schnell, auf Dynamik ausgerichtet.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: „auf den Zahn erhalten“
●Innovation: keine
… adäquate, transparente, schnelle Abenteuerbuch-Sprache
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Es handelt sich um eine Märchenform. Ein Erzähler bespricht das, was er erzählt, im Nachgang mit den Kindern. Hierbei entsteht eine klare, ehrliche Erzählform, die rein fabulieren darf. Sehr frei.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): – entfällt hier, weil Märchenonkel.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: schnell, ruppig, etwas beliebig, schelmenhaft.
●Einschätzung: als Kinderbuch besitzt es nicht die Ernsthaftigkeit von Konsistenz. Es geht um Abwechslung, Fröhlichkeit und Einfallsreichtum, also eher dem Schelmenroman angelegt, hier aber noch willkürlicher durch die sich selbst thematisierende Erzählsituation.
–> Nicht bewertbar.
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): hoch, rasant erzählt, mit einigen Reflexionen
●Extradiegetische Abschnitte: ja, die Kommentarabschnitte zu den erzählten Passagen, in denen die Kinder darauf Bezug nehmen, ob sie das glauben wollen oder nicht, und wie sie die Geschichte fortgesetzt wissen wollen.
●Lose Versatzstücke: nein, wirkt schon alles zentral aus Summerhill hervorgehend
●Reliefbildung: besitzt Varieté-Charakter, viel Bühne, viel Spektakel.
●Einschätzung: keine wirkliche Story, rein roter Faden – außer der kleinen Rache von Neil an Betty dafür, dass sie das Weiße Rösel angezündet hat (immer wieder bemerkt). Einfach ein Kessel Buntes. Unterhaltsam. Kurz.
–> nicht bewerbar
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nicht wirklich, lustig, spannend, drollig, Augen verdrehend
●Geärgert: auch nicht
●Amüsiert: ein wenig
●Gefesselt: teilweise
●Zweites Mal Lesen?: nö
–> 3 Sterne
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Annett Gröschner: „Schwebende Lasten“
Mitreißende Lebensgeschichte einer Arbeiterin – am Ende zu hastig.
(Longlist Deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 5/5 Sterne (Blumen in Zeiten des Krieges)
Form: 2/5 Sterne (dienlich-passend)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (unsituiert-unreflektiert)
Komposition: 5/5 Sterne (Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (mitreißende Einmallektüre)
–> 18/5 = 3,6 Sterne.
Lebensläufe, die den Krieg, die Nachkriegszeit und die DDR-Zeit abdecken, stellen eine verkappte Biographie dar. Romane wie die von Susanne Abels Gretchen-Saga, Christoph Heins Das Narrenschiff oder Jan Weilers Der Markisenmann verdichten Lebensläufe, die die Regime durchziehen, zeigen Höhen und Tiefen und sympathisieren auch manchmal mit den Figuren. Gröschners Schwebende Lasten gehört zu den letzteren. Es gibt eine klare Heldin, und die Heldin heißt Hanna Krause:
Als Hanna an diesem Freitag vom Nicolaiplatz zurückgekehrt war, fielen die drei Mädchen ihr um den Hals, ohne einen Ton zu sagen. Hanna hatte kein Zeitgefühl mehr, es war dunkel, aber das konnte auch vom Rauch kommen. Weiß gepudert und wie ferngesteuert ging sie mit ihren Töchtern durch die Ankerstraße, die Mittag- und die Wasserkunststraße bis zur Reichsbahngartenkolonie Libelle, wo der Garten blühteblühteblühte, als wäre nichts gewesen. Hanna schritt von Beet zu Beet und sagte die Blumennamen auf: Aster, Gladiole, Chrysantheme, Rose, Goldrute. Dann legte sie sich zwischen die Rosenstöcke und schlief ein.
Schwebende Lasten spielt nicht in einem akademischen Kunst- und Kulturbetrieb-Milieu. Hanna verkauft für ihr Leben gern Blumen und wäre auch gerne Blumenverkäuferin geblieben, aber der Alkoholismus ihres Mannes und der Zweite Weltkrieg kamen ihr in die Quere. Mitläuferin wider Willen, aus Angst um Kind und Kegel, versucht sie sich durchzuschlagen, was ihr mehr oder minder gelingt. Ein schlechtes Gewissen bleibt, und am Ende ihres Leben, das der rote Faden, meistert sie eine noch offengebliebene Herausforderung, die ihr ein unbekannter Mann in ihren Blumenladen im Pottlappenviertel stellt:
Als die Glocken der Johanniskirche gerade zwölf schlugen, betrat ein Mann den Blumenladen. Hanna sah auf den ersten Blick, dass er eleganter gekleidet war als die Männer, die sich sonst über die Schwelle trauten, und er war auch nicht so verdruckst. Seine entschiedenen Schritte von der Tür bis zur Ladentheke verrieten, dass er ganz genau wusste, was er wollte. […] «Sie haben einen exzellenten Ruf», sagte der Mann.
Die Komposition um die gleichzeitige Ungleichzeitigkeit eines gemalten Blumenstraußes, der die Stadien des Lebensweges symbolisiert, aber auch eine Schuld und Scham, mit der Hanna fertig werden muss, bindet Schwebende Lasten gut zusammen. Die eher einfache Erzählweise, das flapsige Vorausgreifen und das deutlich über den Figuren Bleibende, trennt Schwebende Lasten von gleichsituierten Werken wie Der Totschläger (L’assommoir) von Émile Zola. Die Erzählweise und Erzählform eröffnen keinen mehrdimensionalen Zugang zu den Figuren und die Lebensumstände. Es bleibt alles angeschnitten, kurz angedeutet, und ähnelt daher mehr Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber, nur ohne Süffisanz und Überheblichkeit. Die Erzählinstanz mag Hanna und solidarisiert sich mit ihr.
In der Nacht bevor Hanna das erste Mal auf den Kran stieg, schlief sie schlecht. Sie hatte Höhenangst, aber das konnte sie nicht zugeben. Sie wollte nicht mimosenhaft sein, auch wenn sie Mimosen mochte. Die Blumen ähnelten ihr, denn sie waren nur scheinbar empfindlich.
Annett Gröschner gelingt mit Schwebende Lasten eine angenehme Familienchronik zu schreiben, unterhaltsam mit typischen Schwächen. Sie bleibt zu nahe am Gegenstand, bspw. nämlich hätte sie die ganzen Töchter (vier an der Zahl), gar nicht alle erwähnen brauchen und auch nicht die Halbschwester Margarete oder die Schwester Liese. Viele Randfiguren bleiben als Skizze bestehen wie schon bei Christoph Heins Das Narrenschiff . Hanna aber leibt und lebt, und das genügt vorerst, nur nicht für ein Wiederlesen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hanna Krause, 3.9.1913 geboren, nach dem Tod ihrer Eltern bei der Halbschwester Rose und ihrem Ehemann Walter in Magdeburg aufgewachsen, mit Schwester Liese. Margarete ihre andere Halbschwester.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Rose schickt Hanna nach Berlin, zu Margarete, als es mit dem Blumenladen in der Nähe der Landesfrauenklinik nicht so gut läuft. Hannas Vater verließ die Familie, als sie noch sehr klein ist (der „Polacke“). Margeret, wohlsituiert, in Berlin mit dem Sauerkohlfabrikanten Heinrich Hoffrichter. Sie verliebt sich in einen Karl Krause, Eisenbahnversicherungsvertreter.
2.) Karl (K), der Sozialdemokrat, und Hanna (H) kommen zusammen. H finanziert sich einen Blumenladen auf dem Johannisberg mit Ks Hilfe. Sie bekommt einen Sohn, Johannes. Wegen des Ladens sprechen Rose und Walter nicht mehr mit ihr. K verliert schnell seine Arbeit. Erfindungsreich hält sie ihren Blumenladen am Laufen, aber K verspielt und versäuft das Geld.
3.) H bekommt Elisabeth. Der Gurkenfabrikant stirbt; Margerete wird von ihrem Gynäkologen versetzt, mit dem sie eine Affäre gehabt hat.
4.) Ein Mann kommt in ihren Laden mit dem Wunsch nach einem speziellen Brautstrauß, nach einem Gemälde von Ambrosius Bosschaert (1573–1621), Vaas met bloemen. Gibt ihr einen Vorschuss von 50 RM. Als Alternative würde er auch einen Strauß nach «Jacob Marrel (1614–1681), Blumenstück mit Vase» akzeptieren. Sie schaut das Stillleben im Kaiser-Friedrich-Museum an und schafft es beinahe, den Strauß zu rekonstruieren (ersetzt eine Tulpe durch eine Lilie, eine andere durch eine Rose). Aber der Mann holt den Strauß nicht ab, vielleicht auch, weil H dem Blockwart nachgab und ein „Juden unerwünscht“-Schild im Schaufenster aufgehängt hat. Sie wirft den Strauß weg. Sie behält die Karte mit dem Stillleben. Reichskristallnacht findet statt.
5.) K verbirgt eine Jüdin bei ihnen. H hat Angst und schickt sie nach ein paar Tagen weg. Barbara wird geboren. Der Krieg beginnt. Sie muss den Laden aufgeben.
6.) K gibt Zwangsarbeiter etwas zu essen und kommt ins Gefängnis. Johannes zieht zu seinen Ks Eltern.
7.) H fragt Sibylle und den NS-treuen Willibald, Ks Eltern, um Hilfe. Neffe Erich lässt Kontakte spielen, vor allem will Willibald, dass Johannes, Ks Sohn, nicht unter Verdacht fällt.
8.) K hat einen Arbeitsunfall, verliert ein Bein. Versäuft das Geld. H fängt an, im Krupp-Gruson-Werk zu putzen. Sibylle hilft etwas aus.
9.) Selma wird 1943 geboren. H putzt, ihre Fesseln schwellen wegen der nächsten Schwangerschaft an, sie wird krankgeschrieben und entkommt einem Bombenangriff auf das Krupp-Gruson-Werk. Elisabeth und Barbara wohnen mittlerweile auch bei den Großeltern. Sie besucht sie jeden Tag. Anfang August 1944 ist Selma krank. Sie lässt das Baby bei Karl und fährt zu den Großeltern. Bomben fallen. Karl und Selma überleben.
10.) H wieder schwanger. Sie finden nach dem Bombenangriff nur noch Notquartiere und dann eine Wohnung in der Alten Neustadt. Johannes, regimetreu, nun bei ihnen. H will ihre Kinder während der Bombenangriffe bei sich haben. Freitag, 29.09.1944, Einladung bei Liese zum Kaffeetrinken. Schneidern SA- und SS-Uniformen. Als Fliegeralarm losbricht, kämpft Liese für sich einen Platz im Luftschutzbunker und lässt H und ihre Kinder außen vor. H muss zur Kirche, dort Schutz suchen. Bomben fallen auf die Kirche. Sie fliehen. Johannes wird von Feuersbrunst erwischt.
11.) Roses Laden wird zerstört; die Stadt liegt zunehmend in Schutt und Asche. Liese verliert ihren Sohn. Sibylle stirbt. H noch schwanger, aber das Kleine bewegt sich nicht, Totgeburt, Erstickung durch die Nabelschnur. Sie spendet den Fötus der hiesigen Anatomiesammlung. Name, Kristina. Ende des Krieges. H klaut und sammelt Dinge zum Überleben.
12.) Margarete kommt aus Berlin, hat Hunger. H schickt sie zu Liese, die mit Ehemann wieder gut im Geschäft mit Maßschneiderei. Elisabeth geht mit Margarete nach Berlin, aber Elisabeth bekommt Heimweh.
13.) Anfang 1949 findet K Arbeit im Eisenwerk. Er arbeitet mit Zahlen. Sie finden eine Wohnung. H bekommt Judith, am Gründungstag der DDR. Rose bietet H an, den Laden zu hüten, während sie sich in Hamburg versucht. H lehnt ab. Sie leben mit Willibald, dem Schwiegervater, zusammen. K säuft.
14.) H findet Arbeit als Kranfahrerin. 1. Juli 1954, nach Juni Aufstand. Sie arbeitet mit ihrer Kollegin Edith beim Ausgießen, Schulkameradin von Barbara.
15.) Anfang der 1960er, K schläft Rausch aus. H Vorsitzende der Frauenkommission 1964, die über Abtreibung entscheidet.
16.) Herzinfarkt mit 49, 1962. Bei Doktor Poggenberg, Herzoperation.
17.) H liest Thomas Mann. Viele Familienfeiern.
18.) 6. Juli 1967, Ediths 11jährige Tochter Sabine verunglückt. Edith verschwindet, kehrt nicht mehr ins Werk zurück.
19.) Arbeit bis 3. September 1973, letzter Tag auf dem Kran, mit 60. Ziehen um in die Neustadt. K muss operiert werden. Kehlkopfkrebs. Hört nicht mit dem Rauchen auf. K beobachtet Kinder vom Fenster, wird der Pflasteropa. H und K kommunizieren über Gesten. H pflegt ein Blumenbeet für die Arbeiterwohnungsgenossenschaft. Margarete, das letzte Mal 1969 auf dem Alexanderplatz, stirbt kurz danach. Liese zieht nach Tod ihres Ehemannes nach Karl-Marx-Stadt. Rose meldet sich aus Hamburg nicht mehr.
20.) H versteckt sich im Gewächshaus, lässt sich einschließen, um dort einen Nacht zu verbringen. Allein und glücklich.
21.) 1982, kurz nach seinem 70. Geburtstag stirbt er. Barbaras Ehe scheitert, Tochter Annja lebt beim Vater. Judiths Tochter Nelly spezialisiert sich als 400meter-Sprinterin, gibt H die Dopingmittel, die H aufputschen. Selmas Tochter Minette versorgt sie, nachdem Nelly aus dem Kader fliegt. Andrea, Elisabeths Tochter, besucht sie als sie 80 ist, bittet um Rat wegen Schwangerschaft. Andrea behält das Kind, geht aber an Schwangerschaftsdepression zugrunde.
22.) Die Vorzeige-Bürgerin Judith, Datenverarbeiterin, verliert Glauben ins System, beschwert sich über die Rechnerentwicklung. Sie wird degradiert, muss auf dem Kran arbeiten. Sie versucht eine Flucht, wird erwischt. Sie kommt ins Stasi-Untersuchungsgefängnis. Sie wird zu anderthalb Jahren Untersuchungshaft verurteilt. H protestiert. Es ist Anfang 1989.
23.) H überlegt Vorgarten aufzugeben. November 1989 zieht Judith mit Nelly und ihrem Mann Thomas weg. Die Wohnhäuser werden verkauft und der Vorgarten von H vernichtet. Eine Nachbarin protestiert. Barbara erhält Stipendium, um in den USA Soziologie zu studieren. Sie fahren zur Feier mit H und allen Töchtern nach Den Haag, um das Blumenstraußbild anzusehen. Sie finden es. H sieht es sich genau an und memoriert es.
24.) H lässt Blumensträuße in ihrer Wohnung verwelken. Es kommt heraus, dass sie bei einer Vietnamesin arbeitet, in einem Blumengeschäft. H bleibt zwei Jahre dort, und stellt dann mit dem verdienten Geld den Blumenstrauß zusammen, den sie in Den Haag gesehen und dem Mann versprochen hat. Eine Blume aber fehlt, die Schachblume. Sie verwendet hierfür eine Zwergsonnenblume. Die Vietnamesin organisiert eine Fotografen, der den Strauß festhält. 5. Juni 1992 hat sie den Strauß fertiggestellt. Plötzlich stellt sich eine große Leere ein.
25.) Mit über 80, 1993, geht sie in März Sonnenblumen pflanzen, dort, wo ihr Blumenladen gestanden hat. Sie wird von einer Polizeistreife gestellt. H zitiert Neruda. Sie ist verwirrt. Kommt bald ins Krankenhaus. Stirbt im Juni. Die Töchter sehen bei einem Spaziergang die Sonnenblumen und wundern sich, als wäre es ein göttlicher Eingriff.
●Kurzfassung: Hanna, glückliche Blumenhändlerin, arbeitet zuerst bei ihrer Halbschwester Rose, später in ihrem eigenen Laden. Kurz vor der Reichskristallnacht taucht ein Fremder auf und wünscht sich von ihr einen speziellen Blumenstrauß. Der Fremde verschwindet und Hannas Laden geht im Zuge des Kriegsbeginns Pleite. Sie bringt ihren Mann und ihre drei Töchter durch (Barbara, Elisabeth, Judith), verliert ihren Sohn. In der neu gegründeten DDR wird sie Kranfahrerin, geht mit 60 Jahre in Rente, bis sie dann in der Wendezeit Kraft und Möglichkeit findet, den speziellen Blumenstrauß anzufertigen. Kurz danach stirbt sie.
●Charaktere: (rund/flach) eher flache, oberflächliche Charaktere, sehr von außen betrachtet
●Besondere Ereignisse/Szenen: Bombenangriffe auf Magdeburg, sehr anschaulich; Unglück von Edith und Sabine auch
… insgesamt sehr mitreißend und vom Plot her flüssig und spannend. Erinnert sehr an Jan Weilers „Der Markisenmann“ und Susanne Abels Gretchen-Romane: „„Was ich nie gesagt habe“ und “Stay away from Gretchen”. Eher schmonzettig, also ohne Komplexität, eher runtererzählt, aber durch die vielen Episoden und Einzelheiten mitreißend. Ein bisschen wie eine gelungene Familiensaga und auch Seifenoper-Klischees (Margarete und ihre Nostalgie, der Gurkenfabrikant; der böse Schwiegervater). Erinnert auch stark, in seiner Episodenhaftigkeit an Christoph Heins „Das Narrenschiff“ – nur ohne den Hintergrund der Funktionäre. Hier Arbeitermilieu. Vom Plot her, auch mit dem roten Faden des Blumenstraußes, gelungen.
●Diskurs: –> DDR, Vergangenheitsaufarbeitung, Judenverfolgung. Milieustudie mal nicht im Akademischen und Kunst und Kulturbetrieb.
5 Sterne
Form:
●Wortschatz: schöne, altmodische, sehr mit Lokalkolorit versehene, dennoch einfache, angemessene Sprache für das geschilderte Milieu.
●Type-Token-Ratio: 0,18 für ein Unterhaltungsroman vielgestaltig, aber durch die rasche Abfolge von Szenen und Situationen (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 14,4 Wörter – STAB 10 Wörter, breite Streuung, relativ berechenbare, schnell lesbare Sätze. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: um 80% abzubedecken, benötigt Gröschner 1642 Wörter, als 75% des Gesamttextes – auch variantenreich (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: sehr raffend, nicht so verbalorientiert.
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig.
●Satzstrukturen: gute belletristische Abwechslung
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Blumen
●Innovation: keine
… sehr plastisch, eingängig, unaufdringliche Sprache, die ihren Zweck erfüllt
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: auktoriale Erzählinstanz, die kommentiert, vorgreift, das Wissen organisiert; die Erzählinstanz spricht aus einer unbekannten Gegenwart heraus. Sie urteil, und reflektiert sich teilweise als ich (bspw. im letzten Satz). Erzählinstanz wirkt regieführend.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Erzählinstanz weiß mehr als ihre Figur, weitgehend personal erzählt, auf Hanna gemünzt. Hält sich weitgehend zurück, schaut nicht in die Köpfe der anderen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: bilanzierend im Überblick, rekapitulierend, etwas souverän, ja, fast flapsig
●Einschätzung: Regieführend, auf Abwechslung bedacht, mit Sinn für Dramaturgie, Übertreibung, aber immer mit Fokus auf die Heldin, sehr empathisch, solidarisch. Dennoch unreflektiert, und unsituiert. D.h. eine eher belletristisch, auf Effekt angelegte Erzählhaltung, die sich herausnimmt, was ihr gerade passt. Summarisch. D.h. aber auch ohne Rahmung.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die Rahmung gelingt durch den Blumenstrauß mit den Blumen, die gar nicht zur selben Jahreszeit wachsen. Gutes Bild für die Gemeinschaft, die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit, das Leben selbst, die Schuld, das Schild gegen jüdische Kunden aufgehängt zu haben, der Versuch, diese Schuld zu begleichen, die lebenslange Liebe zu Blumen.
●Extradiegetische Abschnitte: nein, die Erzählung bleibt komplett in der Welt
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: gute gelungene Reliefbildung, Zeitraffung, Verdichtung
●Einschätzung: gelungene inhaltliche Präsentation, leider mit Schwäche in der Erzählstimme, die sich versteckt hält, nicht ihren Erzählgrund preisgibt. Die meisten Fäden werden aber zu Ende erzählt, bis auf das Schicksal von Edith.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, eher mitreißend, sentimentalisierend
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein, zu traurige Geschichte, zu viel Elend und Leid und Schmerz.
●Gefesselt: ja, durch die Tapferkeit und Energie der Hannas
●Zweites Mal Lesen?: nein, nicht wirklich, dafür erschließt sich der Text allzu sehr im ersten Durchgang. Die Allegorie sitzt, aber nur als Effekt. 1 Stern Abzug.
–> 4 Sterne
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Thomas Melle: „Haus zur Sonne“
Ödes, disparat-schlaffes, flüssig geschriebenes Ein-Mann-Stück über sich und den eigenen Lebensüberdruss.
(Shortlist Deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 1/5 Sterne (störrisch-eigenwillig)
Form: 3/5 Sterne (flüssig, ausweichend)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unsituiert-unreflektiert)
Komposition: 1/5 Sterne (unverbindlich-hadernd)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (öde)
–> 7/5=1,4 Sterne
Die Kur als Ort der Genesung, Befreiung, taucht in der Literatur in verschiedenen Gestalten als Sehnsuchtsort auf, allen voran Thomas Manns Der Zauberberg und Franz Kafkas Das Schloß. In den letzten Jahren vermehrt tauchen Trittbrettfahrtexte auf, die mehr oder weniger dem Sujet Neues hinzufügen wollen. Gelingt dies Olga Tokarczuk in Empusion sehr gut durch die unheilvollen Naturrachegöttinnen, bleibt die Innovation bei Heinz Strunks Zauberberg 2 eher auf der Strecke. Rettet Strunk noch Fäkalhumor, gerät nun bei Thomas Melles Haus zur Sonne alles unter die Räder, auch die Narration:
Gegenüber dem eigenen Zustand bleibt das Bewusstsein blind und dumm. Das Übel wurde auch körperlich, ich fühlte mich bis tief in die letzte Nervenfaser vergiftet, krank und stillgestellt, und es gab keine Erlösung, kein Ventil. Zudem war ich wirklich mittellos. Ich war Schriftsteller, hieß es, war aber gleichzeitig arbeitslos, denn ich bekam nichts mehr hin, nur ein langsam anwachsendes Tagebuch, das auf der Stelle trat, weil ich eben auf der Stelle trat.
Alles hatte ich auf die Karte der Kunst gesetzt, mein ganzes Leben. Das war keine weise Entscheidung gewesen, denn mit einer sogenannten seelischen Behinderung in dem Ausmaß, wie sie bei mir wütete, war eine stete Produktion von Werken einfach nicht zu leisten.
Die Situation ufert aus. An Bipolarität leidend steht der Ich-Erzähler nach einer Phase wilder Manie vor dem Nichts. Weder kann er noch am Theater arbeiten noch an einem Buch schreiben noch Glück in seiner Beziehung zu einer gewissen farblos bleibenden Ella finden. Alles verschmiert sich Grau in Grau. Da flattert ihm das Prospekt in die Hände: ein Institut der Selbstabschaffung namens „Das Haus zur Sonne“. Die interessante Thematik wird nun leider nicht ausgespielt. Der Protagonist nölt weiter:
Es war klar, dass mich überhaupt niemand mehr verstand, selbst hier nicht. Die innere Verkeilung konnte ich niemandem richtig erklären, oder doch, sie verstanden es vielleicht in etwa, sie verstanden, was die Worte sagten, aber das änderte ja nichts, sie kamen nicht an den vernichtenden Gehalt heran, daran, was es wirklich für mich bedeutete.
Was aber die anderen verstehen sollen, das begreift er auch nicht. Er weiß nicht, was er will, und zieht konsequent seinen Stiefel durch. Leider bleibt alles nur angedeutet, abstrakt. Ständig wird von „Scham“, „Schmerz“ und „Ekel“ gesprochen, aber ohne Szenen, ohne Beispiele, ohne Interaktionen. Es bleibt alles nur angedeutet in konsequenter Antithese zu Mark Swans „show, don’t tell“ – Melles Erzählinstanz ist ein einziges „tell“.
»Ich hab ja schon alles versucht. Es bringt einfach nichts, und deshalb bin ich hier. So, und mehr kann ich nicht sagen, mehr kann ich gerade auch nicht erzählen.«
»Später vielleicht.«
»Vielleicht. Aber was heißt das hier schon: später?«
Da die Erzählinstanz aus der Retrospektive berichtet, liegt der Verdacht von Anfang an nahe, dass die Erzählfigur überlebt. Nur leider verpasst sie die Chance auf über 350 Seiten zuvor einem an ihrem Leben teilhaben zu lassen. So verpufft der Text. Ziemlich konsequent als ambigue Geste der nullifizierenden Unverbindlichkeit. Sylvia Plath, mit ähnlichem Erzählgang, holt poetisch-literarisch in Die Glasglocke viel mehr aus ihrem Stoff.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): ein bipolarer Schriftsteller
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Ein bipolarer Ich-Erzählung hat nach seiner letzten manischen Phase eine ausgiebig depressive. Er hat alle Freunde, Bekannte, seine Familie mit seinen manischen Taten verprellt. Er schämt sich. Er ist verschuldet, genießt kein Ansehen mehr und, zudem, scheinen seine geistigen Kapazitäten geschrumpft zu sein, was seinen Beruf, der des Schriftstellers, verunmöglicht. Er beschließt also, um die Qual des Wiederaufbaus seines Lebens zu entgehen, zu sterben, aber vermag es nicht, sich für eine Todesform zu entscheiden. Als er im Sozialamt sitzt, fällt ihm eine Broschüre in die Hand, die ihm genau diese Entscheidung abnimmt (das Haus zur Sonne). Er bewirbt sich und wird angenommen. Er gibt niemandem, auch nicht seiner Lebenspartnerin Ella, seinen Entschluss kund, reist zum Haus der Sonne und verweilt dort. In dieser Institution befinden sich Lebensmüde, die je ihre eigenen Gründe haben:
-Vera Petri, Rechtsanwältin, die die Diagnose erhalten hat, vollständig zu erblinden;
-Laurenz, der sein Aussehen nicht mehr erträgt und komplett umoperiert werden will;
-Konstantin (nichts weiter bekannt)
-Angel, die keine Liebe im wirklichen Leben finden konnte;
-August, der sich mit Mordphantasien herumplagt und sie im Haus der Sonne auslebt;
-Samuel, der an Trisomie 21 leidet und sich für griechische Göttersagen begeistert;
Klinikpersonal: Radowitz, Obderbeck, Wägenbaur, Marion, Hauke etc besitzen nur randmäßig eine Bedeutung. Die Hauptmasse des Textes wird nun durch das abwechselnde Träumen/induzierte Phantasieren des Protagonisten und seine Wachheitsperioden im Haus zur Sonne gedeckt. In den Wachphasen pendelt der Protagonist zwischen Sterben- und Lebenwollen hin und her, möchte sich hingeben und doch nicht hingeben, merkt, dass er sich langsam von der Depression erholt und zurück in sein Leben will, was ihm aber verwehrt wird. Die Aufnahme ins Haus zur Sonne fand unter der Bedingung statt, dass er sich dort vom Leben verabschiedet. Die Problematik kulminiert hin zum erdachten Widerstand und Fluchtphantasien, bis er sich doch entscheidet, eingeschläfert zu werden, per Unterschrift. Er schreibt seine Abschiedsbriefe, nimmt sein letztes Abendmahl entgegen und wehrt sich dann doch wieder. Er überwältigt seine Krankenpfleger brutal, rennt ins Freie, über Wald und Wiesen, hin zu einem elektrisierenden Licht, wo sich der Zaun befindet, der ihn umbringen könnte oder nicht. Das Buch endet so.
Dazwischen kommen Phantasien/Rauschzustände (markiert dadurch, dass sie in Präsens verfasst sind):
-Strand, Meer, Kristalle, Wellen als Kind am Strand;
-Tennisspielen mit Gregor, eine Umarmung auf dem Tennisplatz;
-Kunst- und Kulturgespräch im Café, vereinigt, Begeisterung;
-Rockstarkonzert, Bühne, die Massen jubeln ihm zu;
-Heirat in einer großen Familie, Aimée, seine Braut, mit Pfarrer und allem;
-Todesarten: Amokläufer, Orkan, Ertrinken im Eiswasser;
-Inkonsistenz bei der Fluchtphantasie. Sie ist im Präteritum geschrieben, die anderen im Präsens;
-Phantasie als Hausfrau einer glücklichen, erfolgreichen Familie;
-Kreuzfahrt, unter Drogen, Lottogewinn;
-ein Dorf unter Alieneinfluss, schwarze Löcher in der Luft;
-Phantasie mit Vera geteilt, Krieg, Schützengraben, Gefecht, Schüsse;
-ein letztes Treffen mit Kilian;
-Varianten seines Restlebens;
-Zugfahrt nach Rom, durch den Tunnel, Glück – aber im Loop;
-Vorlesung über Theologie, Gottesverständnis kollektiv geteilt;
-Ausleben der Sucht nach Coca Cola, in Zellophan verpackt;
-die eigene Vergangenheit, befreites Erinnern <– literarische Stelle.
-sexuelle Orgie, Verschmelzen mit Leibern;
-als Wissenschaftler Heilmittel gegen Streuung der Krebszellen gefunden;
-Varianten des Lebensweges, riesiger Raum, gläserne Wand voller Türen;
-Ausfräsen des Gehirns, die schädlichen Stellen werden entnommen;
-Verhungern im Dabeisein der Familie, milder Abschied;
-Otto-Normal-Bürger-Leben als Pförtner bei einer Versicherung;
-Auflösung in explodierenden Farben und Formen;
-Zerwirkung in einer Maschine, hineingesaugt, zermahlen;
-als Tier, wahrscheinlich als Rudeltier, als Wolf mit Angst und Wut;
-auf einem Surfbord, einer Glaskante durchs All;
-imaginiertes Treffen mit Vera im Außen;
-Wiederinstandsetzung des Gehirns durch Elektroschocks, Schriftstellerei;
-Verabschiedung von den anderen, eine Rede;
●Kurzfassung: Wegen Lebensmüdigkeit weist sich ein Schriftsteller in eine Institution ein, die der Selbstabschaffung gewidmet ist. Dort darf er nochmal all seine Phantasien durch induzierte Träume durchleben und auf eine Weise sterben, die ihm angemessen ist. Während der Therapie kommt er aber zu Kräften, sein Gehirn regeneriert, seine Haut, er nimmt ab, die Kur gelingt, er will nicht mehr sterben. Er flieht.
●Charaktere: (rund/flach) völlig inkohärent, wahrscheinlich dem Krankenbild geschuldet; außer dem Ich-Erzähler keine wirkliche Figur vorhanden, abstrakt, wie durch eine Glasscheibe
●Besondere Ereignisse/Szenen: die Kindheitserinnerungen, die tatsächlich schriftstellerisch überzeugen
●Diskurs: Bipolarität, Krankheit, Akzeptanz, Abstand der Menschen auf psychische Erkrankung
… inhaltlich klar an „Das Schloß“ von Kafka, „Der Zauberberg“ von Thomas Mann und „Die Glasglocke“ von Plath angelegt.
… der Rahmen, nämlich das Haus zur Sonne, seine Funktionsweise, könnte als Plot dienen, als Dynamik, aber leider ergibt sich das nicht. Die Ich-Figur bleibt ganz bei sich, seiner passiv-aggressiven Art, nichts zu wollen, nichts zu wünschen, und doch etwas zu wollen, doch etwas zu wünschen. Er leistet Widerstand, wo er nur kann. Aus dem Widerstand zieht er Lebenskraft, als Antithese, quasi als Nullifikator. So ergibt sich nicht einmal eine Gruselszenerie. Alles verblasst und zieht sich in die Länge, ohne Dramatik.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: häufigste Wörter „wie, mit, was, wieder, da, sagte, sein, jetzt, einfach, für, einmal, nichts, vielleicht, würde, alles, leben, wirklich, weiß, wäre, selbst“ … d.h. in den Top 20 Wörtern kommen keine Personen vor, keine inhaltliche Verquickung, stets nur Situatives (jetzt, da, mit, für …) und im Grunde Verwaschungen (alles, nichts, einmal, wirklich, einfach) als Verstärker von Konjunktiven (würde, würe). Der inhaltlich sehr ähnlich angelegte Text von Sylvia Plath (beide besitzen 7% Personalpronomina der 1. Person) besitzt ein anderes Relief. Gemeinsame Wörter in den Top 20: „mit, wie, sagte, würde, was, für, wieder, da, sein“ – der große Unterschied liegt darin, dass bei Plath auch Eigennamen vorkommen wie „Joan“, „Mutter“, „Buddy“ und vor allem reflektierende Verben wie „dachte“ oder beobachtende wie „sah“ … wiederum ein Unterschied die viel höhere Verwendung des Dativs bei Plath (fast 50% höheren Anteil), der das Ich als Fixpunkt anvisiert, also verbindlich erscheinen lässt.
●Type-Token-Ratio: 0,14 (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 14 Wörter – STAB 10,47
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 79,34% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Direkte Rede ca 20%
●Stimmige Wortfelder: ja, im trostlosen Dahintreiben
●Satzstrukturen: relativ gut-gemischt, getaktet
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Tod
●Innovation: bis auf wenige Passagen, nein, eher kolloquial
… der Stil selbst bleibt zu abstrakt, zu unverbindlich, zu negativ, zu wenig präzisierend, stets relativierend, stets ausweichend, schwankend und daher schwurbelig. Viel zu viele Weichmacher: absolut gesehen Negationen=1962, Weichmacher=289 -> 2251; bei Plath: 1039 und 81; also 1120. Auf die Wortzahl gesehen heißt das bei Melle: 2251/75656=3%, bei Plath: 1120/70642=1,5% … die doch komplexe, flüssig gestaltete Sprache erhält dadurch etwas Abstraktes, Lebloses, Verquastes, Unvollständiges
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Schlimm. Die Erzählung verfasst eine Ich-Instanz im Rückblick (Präteritum); dieser Rückblick suggeriert, dass nach der Handlung eine Erzählgegenwart existiert, die leider nicht bekannt, reflektiert ist. Durch die Erzählperspektive wird also klar, dass das Erzählich überlebt. Das Ende nun, offen inszeniert, das Ich rennt in eine Art elektrischen Zaun, alles wird hell, schließt sich dadurch. Das Ich schafft den Ausbruch und findet zum Lebenswillen zurück. Dadurch paradoxiert sich das gesamte Buch. Nichts ist geschehen. Alles ist offen.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): unreflektiert, unsituiert aus der Erzählgegenwart; perspektiviert in der Erzählung
●Erzählverhalten, -stil, -weise: selbstkritisch, selbstquälend, ausufernd, wiederholend, sehr abstrakt, kaum Details
●Einschätzung: Formal funktioniert das Buch gar nicht, schon gar nicht als Erzählung. Es hängt in der Luft und soll im Zwischenzustand der Genesung und Rekonvaleszenz bleiben, in einer Art Niemandsland. Es wirkt auf Schritt und Tritt unentschieden.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Traum-Wirklichkeit-Wechsel fast unmerklich. Langatmig, spannungslos, auf der Stelle tretend
●Extradiegetische Abschnitte: sehr viele Träume, alle in einer anderen Welt
●Lose Versatzstücke: ja, alle Träume, alle Phantasien
●Reliefbildung: nein, stockend, wankend, schwankend
●Einschätzung: langweilig, nicht ineinander gewirkt, die Figuren blass, die psychische Dynamik nicht erschlossen, zu unverbindlich
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, sehr
●Geärgert: nein, aber verdrossen nachvollzogen
●Amüsiert: nein, nie
●Gefesselt: an keiner Stelle
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall
–> 1 Stern
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Jehona Kicaj: „ë“
Über den ausgehaltenen Schmerz, keine Heimat (mehr) zu besitzen. Ein Bericht – kein Roman. Eine Aussage – keine Literatur.
(Shortlist Deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 1/5 Sterne (lose Anekdoten-Reihung)
Form: 2/5 Sterne (flüssig-alltagssprachlich)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (inkohärentes Präsens)
Komposition: 1/5 Sterne (keine Verwebung)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (passiv-aggressiv belehrend)
Jehona Kicajs Roman ë kommuniziert mit anderen Texten, die die Grausamkeiten, den Terror aus Kriegs- und Krisen- und Konfliktgebieten ausführlich behandeln, zumeist sehr journalistisch, anekdotenhaft ausgearbeitet. Diese Texte, bspw. Ronya Othmanns Vierundsiebzig, Tijan Silas Radio Sarajevo oder Necati Öziris Vatermal, wollen an das Leid erinnern, dass einem Land, einer Bevölkerungsgruppe, einer Sprach- oder Glaubensgemeinschaft durch andere Länder, Bevölkerungsgruppen, Sprach- oder Glaubensgemeinschaften angetan wurde und wird. In ë geht es insbesondere um die Jahre 1998-1999, in denen es zu Massentötung von Kosovo-Albanern in Serbien und Kosovo gekommen ist.
Die Zeugin hatte sich tot gestellt, wurde zusammen mit den anderen Leichen auf einen Lastwagen geworfen, während einige serbische Nachbarn dabei zusahen. Zuvor hatte man ihr noch zwei Goldketten vom Hals gerissen. Trotz schwerer Verwundungen gelang es der Frau, in Höhe des Dorfes Malsija e Re vom Lastwagen abzuspringen. Nur sie, ihre Schwägerin und ein kleiner Junge überlebten. Zum Schluss sagte sie: »Ich bin eigentlich schon tot, seit meine Kinder gestorben sind. Ich bleibe nur noch am Leben, um Zeugnis darüber abzulegen, was in Suhareka geschehen ist. Ich kenne die Mörder und will, dass sie von einem Gericht verurteilt und bestraft werden.«
Um einen Roman handelt es sich bei ë wegen der Verquickung und Allegorisierung durch das Zähneknirschen. Die im Grunde namenlos bleibende Ich-Erzählerin (ihr Vorname endet auf „a“ – mehr ist nicht bekannt) protokolliert in Präsens die Arztbesuche und ihre nächste Reise in den Kosovo, ihre Gespräche mit ihrem Lebenspartner (?) Elias und anderen aus ihrer Familie. Literarische Verdichtung gelingt aber durch das Zerfahrene, Anekdotenhafte kaum. Die Motive verstärken sich nicht. Sie wirken zentrifugal und lassen den Text auseinanderfliegen.
Das andere Grab ist nicht einmal halb so groß. Nur eine schlichte Holztafel steht darauf, den Namen, das Geburtsdatum und das Jahr 1999 hatte jemand in Druckbuchstaben darauf geschrieben, eine Handschrift, die ich nicht kannte. Es schmerzte, dass es so karg und einfach war. Es schmerzte, dass die anderen nur einen flüchtigen Blick darauf warfen. Dass keine Kränze darauf lagen. Aber wie soll ein Grab aussehen, das kein Grab ist? Ein Grab als reines Symbol. Es soll die Leerstelle verdecken und hebt sie nur noch stärker hervor.
Die Leerstelle, das ist das Verschwinden des Großvaters, der stumme Laut „ë“, das als diakritisches Zeichen im Albanischen bei direkter Ansprache wirkt, wer also bspw. Jehona anspricht, sagt „Jehonë“. Die direkte Ansprache ist das Anerkennen des anderen als Gegenüber, seine Souveränität und Autonomie, die Kosovo noch nicht erlangt hat. Das Zerbeißen der Zähne als Motiv für das Suchen einer Wurzel, aber auch als das erzwungene Schweigen, die Verstellung und Verkrampfung, das Verharren in einer schmerzhaften Situation, allegorisiert die Sehnsucht der Ich-Erzählerin nach einem sicheren, allseits anerkannten, von allen in seiner Souveränität bestätigtem Kosovo. Aus diesem Grunde bricht sie auch eine Lanze für das Albanische und lässt den Text zu einem Großteil zu einem Albanisch-Grundkurs werden:
»Ja«, sagte ich, me gjyshen shpesh kam shku në Suharekë me ta – »mit Großmutter bin ich einige Male damit nach Suhareka gefahren.«
Wer sich also gerne belehren lässt, über Zahnkunde, über Forensik und übers Albanische, dabei aber blindlings glauben muss, dass die Ich-Erzählerin eine verlässliche Quelle ist, der findet hier ein zumeist flüssig geschriebenes Edutainment. Literatur habe ich darin nicht gefunden.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): keine (die Ich-Erzählerin ist keine Figur)
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Beim Zahnarzt. Sie leidet unter Bruxismus, Zähneknirschen so, dass die Zähne abnutzen. Verkrampfung im Kiefer. Erinnerungen an die Flucht über die Serbische Grenze. Bürgerkrieg der Serben gegen die Kosovo-Albaner. Protagonistin studiert, beginnt ein Referendariat, spricht perfektes Deutsch. Keine zusammenhängenden Erinnerung an den Großvater. Sie bekommt eine Beißschiene. Auf dem Rückweg vom Zahnarzt wird eine Vorlesungsreihe in der U-Bahn angekündigt: »Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts: der Fall Kosovo im internationalen Kontext. Gefördert von der Deutschen Stiftung Friedensforschung.« Sie war zum Zeitpunkt der Großvertreibung der Kosovo-Albaner (1998-1999) bereits in Sicherheit. Protagonistin hat keine Bilder aus ihrer Kindheit. Alles verbrannt. (2. Schuljahr 1999 – sie ist 8 Jahre alt). Sie besucht die Vorlesung von Joanna Korner. Diskussion über Rechtmäßigkeit des NATA-Einsatzes. Erste Reise ohne die Eltern während des Bachelorstudiums, Besuch von Tante Sevdije. Tag, an dem ihr Großvater verschwand: 15.5.1999. Anprobe der Beißleiste. Kurz nach Abschluss ihres Studiums, Besuch ihrer Cousine Shpresa in Prishtina. Wie der Bus den Namen Diana erhalten hat, Tod der Tochter einer Frau durch die serbischen Paramilitärs. Erinnerung an die Eskalation im Kosovo. Große Begeisterung für Deutschland und die NATO im Kosovo. Erinnerung an Probleme mit Wohnungssuche wegen ihres Namens. Erinnerung an das erste Haus in Deutschland, wo sie zehn Jahre gewohnt haben. Sie zeigt es ihrer Mitschülerin Luisa. Ein Jahr nach ihrem Auszug ist nichts mehr von dem Haus übrig. Erinnerung der Mutter an die Schuhe, die sie ihrem Vater geschenkt hat, die aber schlechte Sohlen hatten. Protagonistin hat die Beißschiene zerbissen. Doktor Ludwig verschreibt ihr Physiotherapie bei einer Osteopathin. Spekulation, dass die Verkrampfung im Kiefer mit der fremden Sprache, das Deutsche, zu tun haben. Erinnerung an Onkel Ismail, der auf Albanisch in seiner Wohnung bestand, hat ihr Albanische Anekdoten als Büchlein vererbt. Ihr Albanisch ist nicht so gut. Erinnerung an Fasching, wie sie ohne Verkleidung in den Kindergarten kam. Die Schwester besorgt ihr schnelleine Clownsverkleidung. Zweite Vorlesung von Korner. Ihr gutes Deutsch rührt daher, dass sie nicht auffallen will – Angst vor der Vertreibung. Erinnerung an das rollende R, für das sie belächelt wurde. Erinnerung an Silvester 200 mit Onkel Fadil und Flaka und Blerta. VHS Kassetten über die Massaker an die Kosovo-Albaner. Findet VHS Kassette ihres Bruders über ihr zerstörtes Haus 1999 im Kosovo. Bei der Osteopathin. Blockaden sitzen zu tief. Besuch Kosovos mit den Eltern vor 1998. Demütigung des Bruders wegen der Reebok-Schuhe. Bild von der Protagonistin bei den Eltern, ein Kinderbild mit Micky-Maus-Pullover in Deutschland (einer der frühesten Erinnerungen). Erinnerung an die Freundschaft/Bekanntschaft mit einer Serbin Danila, Bruch wegen eines nationalistischen Liedes auf einer Party. Recherche über serbische Kriegsverbrechen. Fotos von Kosovo-Albanern mit V-Zeichen für gewaltfreien Widerstand (demokracija). Erinnerung an einen Ausflug mit einer Studienrendengruppe zum Kosovo nach dem Krieg. Streit um ein Geschenk an den Dozenten, das serbischen Ursprungs ist. 3. Vorlesung von Korner, über Fragebögen und Wege zur Identifikation, Zähne und Röntgenaufnahmen von Zahnärzten als hervorragende Quelle. Erinnerung an Gespräch mit Shpresa, die ihr von bemalten Eier erzählt, vom Krieg und einer serbischen Nonne und den Verdacht, dass die geschenkten Eier vergiftet sind. Die toten Schlangen, Schlange aber auch als Schutzpatronin. Besuch der Schwester in Hamburg. Erinnerung an Massenvergiftungen von kosovarischen Schulkindern. Elias holt die Protagonistin vom Museum ab. Legende von den zwei Königstöchtern, gemäß Ovid (Philomela und Prokne). Zitat von Ovid: „Noch bewegt sich heftig die Wurzel der Zunge, sie selbst liegt zuckend da und spricht zur schwarzen Erde undeutliche Worte. Und wie der Schwanz einer zerstückelten Natter gewöhnlich noch um sich schlägt, so zappelt sie und strebt sterbend zu der, der sie einmal gehörte.“ Erinnerung an Vater, der die Erinnerung in Folklore-Lieder aufbewahrt sieht, Verbot der Albanischen Sprache an den Schulen. Wieder beim Zahnarzt. Es gibt keine Besserung. Zahnarzt will sie für ein Projekt der Zahnärzte- und der Psychotherapeutenkammer vorschlagen. Elias und sie sprechen übers Zähneknirschen in der Cafeteria, vom Abwesenden zwischen ihren Zähnen. Erinnerung an Minenfelder im Kosovo. Gespräch mit Elias über das e mit den zwei Punkten. Vergleich mit Schwa-Laut. Diakritisches Zeichen (Zusatzbestimmung Umlaut, Akut, Tilde). Im Deutschen gibt es unbetonte Mittelvokale (bitt’e‘) oder Hos’e‘ – im Albanischen wird das extra bezeichnet mit ë. Sie fährt zurück in den Kosovo, sieht Plakate und hört, dass Den Haag gegen die UCK ermittelt. Sie besucht vorerst nicht die Cousine, sondern läuft durch Prishtina, sieht vor dem Regierungsgebäude die kosovarische Flagge und die der EU.
●Kurzfassung: eine Protagonistin in der Gegenwart in Deutschland leidet an ihrem heftigen Zahnknirschen und ihrer Unverbundenheit zu ihrem Heimatland Kosovo. Sie erinnert an die gewaltsame Vertreibung der Kosovo-Albaner durch die Serben, reist in den Kosovo und sucht ihre albanischen Wurzeln, metaphorisiert auch durch den Großvater.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Charaktere vorhanden
●Besondere Ereignisse/Szenen: https://www.projekt-gutenberg.org/ovi… <– Prokne und Philomela
●Diskurs: Politische Unabhängigkeit von Kosovo; Territorialkämpfe, Massenmord auf dem Balkan.
… es ist klar, dass das Zahnknirschen, der Stress, den die Protagonistin auf die Zähne und den Kiefer ausübt, von ihrer Verstellung/Anpassung, ihrer gewaltsamen Selbstverwaltung stammt, der sie sich unterwirft. Es gibt mehrere Motive: Überanpassung, Unheilbarkeit des Zahnknirschens, das ë als diakritisches Zeichen, ähnliches eines Vokativs, das mit dem Schwa-Laut in Verbindung gebracht, ein stummer Vokal; und dann das letzte Bild, mit dem das Buch schließt, die Fahne des Kosovos neben derjenigen der EU. Alles läuft auf die prekäre Existenz des Kosovos hinaus, die labile Situation der Anerkennung insbesondere seitdem die UCK sich auch in Den Haag verantworten muss. Die Protagonistin leidet unter der Abhängigkeit von anderen, von deren Hilfe, darunter, dass die Hilfe jederzeit eingestellt werden kann, unter der gefühlt erzwungenen Anpassung, der sie sich unterwirft, ihre Sprache, ihre Herkunft verleugnend. In diesem Sinne wäre die völkische Souveränität, die Kosovo noch nicht erlangt hat, das, was fehlt, die Wurzeln, die sie sich zu erbeißen sucht (und dabei den Zahnschmelz zerstört). Der Kosovo hat noch keine eigene Stimme, und deshalb wirkt das Bild von der blauen EU Fahne neben der von Kosovo nicht hoffnungsvoll, sondern reglos, kalt und klirrend.
… inhaltlich gibt es so gut wie keine Spannung und keinen Plot. Der Inhalt selbst, die Grausamkeiten des Krieges, besitzen hier keine literarische Funktion.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: Alltagssprache mit einigen wissenschaftlichen Fachtermini
●Type-Token-Ratio: 0,174 (aber sehr kurz der Text) (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 14,4 Wörter pro Satz, STAB 8,2.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 78% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: starker Verbalstil
●Stimmige Wortfelder: ja, da nur Erinnerung, ohne jede Metaphorisierung
●Satzstrukturen: simpel
●Innovation: keine
…. Der Text soll authentisch die Erinnerungen wiedergeben, das Trauma, die Heimat verloren zu haben, die Wurzellosigkeit nach einer Flucht. Schwierig von Stil zu reden. Es ist eher ein ausuferndes Gespräch. Der Text fließt aber.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: eine Ich-Erzählerin, deren Name nur indirekt als Jehona erschlossen werden könnte, spricht in Präsens über ihr Leben in Deutschland mit ihrem Lebenspartner Elias.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): durch das Präsens im Grunde protokollartig, ohne Perspektivierung und Situierung, in den erinnernden Passagen beginnt das. Dort bleibt es perspektivisch, situiert und reflektiert, nur die Einbettung fehlt.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: eher leidend, gebetmühlenartig, Hamsterrad
●Einschätzung: der Text besitzt kaum literarische Techniken, die eigene Erzählung mit Leben zu fühlen. Er wird anekdotenhaft, wie Perlen an einer Kette; manche Szenen intensiv, andere eher beiläufig. Es fehlt der Gesamtrahmen, das Zulassen, eine jedwede psychische Dynamik im Erzählverfahren.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): im Grunde nur eine Sammlung von Erinnerungen.
●Extradiegetische Abschnitte: die Oviderzählung von Prokne steht etwas lose in Bezug, aber wird minimal eingebettet.
●Lose Versatzstücke: Die Übersetzung aus dem Kosovarischen, wie ein Lehrbuch, unnötig, da gedoppelt.
●Reliefbildung: kaum, die Kriegsgeschehnisse geben dem Text hier und da eine andere Dynamik.
●Einschätzung: Im Grunde keine Komposition. Es gibt eine Erzählgegenwart, in der die Protagonistin zum Zahnarzt, eine Osteopathin wegen ihres Zahnknirschens geht und eine Vorlesung über die Tote im Kosovo besucht, sowie mit ihrem Freund Elias redet, der sie von der Arbeit abholt. Am Ende reist sie erneut in den Kosovo. Um diese Fiber herum lagern sich Erinnerungen. Aber diese Erinnerungen stehen in keinem offensichtlichen Zusammenhang mit dem Erlebten – auch das Zahnknirschen nicht. Bspw. hätte das Zahnknirschen plötzlich anfangen können, dann wäre die Protagonistin mit einem Unbewussten konfrontiert gewesen, das sie zu rekonstruieren hätte. Aber so ist es nicht. Sie hat sich zeitlebens mit dem Kosovo beschäftigt. Alles in ihrem Leben ist im Grunde nur Anlass, um über den Kosovo zu sprechen.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, wegen der fehlenden Quellen- und Hintergrundinformationen
●Geärgert: wegen der ständigen Dopplung von aus dem Albanischen ins Deutsche übersetzten Texten
●Amüsiert: nein, das Thema ist zu schlimm
●Gefesselt: nein, es gibt keinen Plot
●Zweites Mal Lesen?: nein, denn das Buch erhebt keinen Anspruch an sich selbst, mehr als ein Pamphlet für ein unabhängiges Kosovo zu sein.
–> 1 Stern
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Fiona Sironic: „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“
Intensives Setting, zu vorschnell abgehandelt, mit Lovestory verkittet.
(Shortlist Deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 2/5 Sterne (weder Lovestory noch Klimahorror)
Form: 2/5 Sterne (Intensität durch Syntax und Rhythmus)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (völlige Diffusion)
Komposition: 1/5 Sterne (Motive durchdringen sich nicht)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (zu unentschieden als Lovestory)
–> 8/5=1,6 Sterne
In Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft dominiert klar das Aufklärungs- und Debattierinteresse, den Fokus der Öffentlichkeit auf die Folgen von den Sozialen Medien und der Klimakatastrophe zu lenken. Das Literarische tritt oft bei dieser Form von Text in den Hintergrund, das darin bestünde, mittels formalästhetischen Innovationen den Gegenstand in der Vorstellungskraft des Publikums zu entfalten statt nur zu benennen, hinzuweisen, ja, zur Diskussion zu stellen:
Auch als die Feldränder im Sinne des Umweltschutzes stückweise wiederhergestellt wurden, konnte sich der Bestand kaum erholen. Manche der Lerchen, die sich bis zu diesem Zeitpunkt in die Wälder geflüchtet hatten, fielen den Bränden zum Opfer. Der Rauchgeruch, der sich festsetzte, machte den Lebensraum fremd. Andere Nester wurden überschwemmt, als die Flüsse über ihre Ufer traten. Im Garten der Villa: 72 h Livestream gegen’s Artensterben. Jede Spende zählt!
Verquickt wird der Apokalypse-Horror mit einer moribunden Liebesaffäre zwischen Era und Maja. Era, eher eine normale Teenagerin mit einer Akademikerin als Mutter und einer Klimaaktivistin als Tante, verliebt sich in Maja, die Datenschutzaktivistin, die demonstrativ auf einem Stream Datenträger in die Luft sprengt, oder einen Laptop verwittern lässt, oder direkt alles verbrennt:
Der Kanal heißt FOAMO. Der Name ist ein Kofferwort aus dem Akronym Fomo und dem englischen Wort Foam; es kreuzt also die Angst zu verpassen mit dem Schaum. Ich verfolge den Stream seit einer Weile und weiß zu Beginn der Geschichte noch nicht so genau, warum.
Era weiß es aber schon. Sie ist verknallt in Maja, mit ihrer Strahlkraft, fühlt sich zu ihr hingezogen und die Dinge kommen ins Laufen, auch wenn Maja zuerst denkt, Era will ihr nachspionieren. Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft handelt also von zwei Teenager-Mädchen, die sich verlieben und zwar in einer Welt, die ein Desaster nach dem anderen zeitigt. Insgesamt bleibt der Roman tief dem Jugendbuch verbunden. Die Erzählstimme unterscheidet weder Zeiten noch Modi, noch interessiert sie sich für die Umstände und Handlungsbögen und Motive ihrer Figuren. Alles bleibt sehr holzschnittartig.
Der Tyrannosaurus Rex, der jahrelang als dunkel geschuppter König der Kreidezeit und gefährlicher Jäger galt, hatte jetzt über eine lange Lebensphase hinweg weiche Federn und soll gegurrt haben. Damit war der Dinosaurier kein Jungsspielzeug mehr. Es gab einen Aufschrei unter Incels und anderen Maskulinisten, die die Aktualisierung des Dinosaurierspielzeugs als besonders krassen Terrorakt der Feminazis aus der Paläontologie empfanden, allerdings fühlte sich auf der imaginierten Gegenseite niemand angesprochen.
Für sich genommen überzeugt das Setting und Vieles an dem Roman hätte sich entfalten können, wäre er länger und hätte er sich ausführlicher und eindringlicher mit seinen Hauptfiguren beschäftigt statt stets auf Dinosaurier und Pokémons zu sprechen zu kommen. Es wirkt zu skizziert, zu hastig auf den Markt geworfen, zu unbetreut in der narrativen Spannung ernstgenommen. Leider. So hängt es zwischen Mascha Unterlehberg Wenn wir lächeln und Caroline Wahls Windstärke 17 unentschieden herum mit Blick zu Sibylle Bergs RCE: #RemoteCodeExecution, und teilt Stärken wie Schwächen allenthalben.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Die Ich-Erzählerin Era (E) verfolgt den Livestream im FOAMO (Fear of Missing out + Foam) Kanal von Maja (MA) und Merle (ME), die Dinge in die Luft sprengen, und verliebt sich in MA. Die Ich-Erzählerin mag Vögel. Ihre Mutter schreibt eine Dissertation, und ihre Tante, eine Klimaaktivistin. Auf einem anderen Stream lassen sie einen Laptop langsam verwittern. E sammelt Vogelstimmen, betrauert deren Aussterben. MA leidet an Paranoia und fühlt sich von E zuerst gestalkt (sie gehen in dieselbe Schule). MA leidet darunter, dass ihre Mütter einen Kanal über sich und ihre Kinder in Selbstvermarktung betrieben haben. Es kommt zu Waldbränden, einer von ihnen, kurz vor dem 16. Geburtstag der E, vertreibt diese mit ihrer Mutter aus dem Haus, zur Tante. MA und E haben das erste Date in einer Raststätte. MA will sichergehen, dass E ihnen nicht nachspioniert. (Die Schwestern stehen unter Verdacht einen Teil der Waldbrände verursacht zu haben). Tante zieht ins Gewächshaus. E fragt ihre Mutter nach den Mommy Channel von Alice und Emily (MA und ME Mütter). E hat Geburtstag, bekommt einen feuersicheren Safe von ihrer Mutter. MA und ME nehmen E auf. Sie begleitet sie zu den Sprengungen. MA bittet E mit zur Geburtstagsfeier ihrer Mutter Alice/Alissa zu kommen. In der Villa der Mütter zeigt MA das Archiv, das sie nach und nach zerstört, weil sie nicht ihr Leben auf den Datenträgern gespeichert haben will. E erzählt MA vom Archiv, wo es Backups der ganzen Daten gibt. Vom Archiv hat MA vorher nicht gehört. Es findet eine Feier in einem Hotel statt, mit vielen Gästen. MA und E hauen ab, schleichen sich in die Weinstöcke, und kommen sich näher. Plötzlich will MA mit E abhauen, ME hat gepetzt, von ihren Sprengungen den Müttern erzählt. Sie fliehen ins Gewächshaus. Wieder Waldbrände. Der Verdacht fällt auf MA und ME. E und ihre Mutter verlieren alles bei dem Waldbrand. MA geht stiften. Keiner weiß, wo sie ist. Erinnerungen an den Tod des Großvaters. Auf dem Mommy Channel wird MAs Verschwinden bekanntgegeben. Die Suche beginnt. E und ihre Mutter bekommen eine Notunterkunft. Die Schule geht wieder los. Die Tante erhält einen Brief für E. Er ist von MA. Der Mommy Channel wird aufgelöst. Die Mütter von MA und ME trennen sich. Die Waldbrände und Probleme führen dazu, dass FOAMA Mode wird, und nun schwärmen Mädchen herum und sprengen Dinge und legen Feuer. MA meldet sich. E meldet sich bei ihrer Tante ab und fährt zu MA. Dort werden sie ein Paar, aber MA will E verstecken. Probleme mehren sich. Gelder werden gestrichen. Die Mutter verliert ihren Job, zieht zur Tante. Die engen Verhältnisse führen zu Problemen zwischen MA und E. MA feiert achtzehnten Geburtstag. E bekommt mit, dass MA großangelegte Terroranschläge auf die Archive ausübt, mit anderen zusammen. E zerstört die Privatsphäre von MA und liest in deren Tagebuch. MA verantwortlich für den großen Waldbrand, der E und ihrer Mutter alles genommen hat. Die Tante holt E ab. Terroranschläge finden auf das Archiv statt. E verfolgt dies in den Nachrichten. Sie erhält einen Brief von ME, die sich MA angeschlossen hat. MA ist bei einem Anschlag verschwunden. ME hört auf, nachdem sie zwei Wochen gewartet hat. E versucht Dinge zu sichern, bevor alles verloren geht.
●Kurzfassung: Zwei Mutter-Tochter-Beziehungen. Die eine belässt ihre Tochter in Freiheiten, die andere monetarisiert sich selbst in einem Mommy Channel. Die beiden Töchter verlieben sich ineinander, aber die eine hat Privatsphärenproblem und Flucht- und Zerstörungsimpulse. Die Story zeigt, wie die beiden Töchter zusammenkommen, aber Liebe nicht reicht, und die eine sich einer Datenterrorgruppe anschließt, um Archive in die Luft zu sprengen, und wahrscheinlich dadurch das Leben verliert.
●Charaktere: (rund/flach) kaum zu sagen, da viel viel zu jung (unter 18 Jahre).
●Besondere Ereignisse/Szenen: blöde Idee mit Tyrannosaurus Rex; überflüssige Szenen mit ausgestopften Tieren des Onkels; über Pikachu, über Pokemons
●Diskurs: Klimakatastrophe, Artensterben, Datenschutz, Internet/Influencing
… das Buch besitzt wenigstens eine Art postapokalyptische Atmosphäre, eine Art Imaginationskraft durch die Waldbrände, das Fliehen, das Explodieren. Es besitzt aber kaum deskriptive Elemente, fast alles nur Zwischenmenschliches. In diesem Sinne ein Coming-of-Age Roman mit disruptiven Elementen. Leider kaum Spannungsbögen, kaum einfallsreiche Dialoge.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: Englisch-Deutsch-Mischung. Seltsame Verwendung des Schrägstriches, alles ziemlich hastig geschrieben, Jugendsprache.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 – Genre < 0,1) – im Grunde zu kurz 0,17 – kein Genrebuch
●Satzlängen-Verteilung-Median: 12,2 Wörter pro Satz, STAB 10
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung (STAB) 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 79,2 (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Anteilsmäßig viel erzählt, wenig Dialoge.
●Stimmige Wortfelder: ja
●Satzstrukturen: simpel
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Dinosaurier, Vögel, Vogelstimmen
●Innovation: die Schrägstrichverwendung, die harte, knappe Sprache, das sehr Zerzauste, Unwirkliche, Inkohärente, nicht ärgerlich, aber auch nicht verdichtend-dichterisch.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Era spricht aus einem Jetzt heraus, zu dem sich die Situation entwickelt, klassische Ich-Erzählung. Das Jetzt befindet sich in dem Unterschlupf, in welchem Maja und sie leben und wo sie sich trennen. Erzählweise durchweg präsentisch – protokollierend.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): ja, situiert und perspektiviert, aber nicht sich im Ganzen reflektierend, die Gesamtlage zu unübersichtlich, sie im Gewächshaus, im Unterschlupf, wieder in der Wohnung, in der Villa, wieder im Gewächshaus
●Erzählverhalten, -stil, -weise: beteiligt, nachdenklich, selbstverteidigend
●Einschätzung: glaubwürdig in seiner Naivität, aber unterkomplex vom Gegenstand her, wird der Problematik gar nicht gerecht, Klimakatastrophe, Artensterben, Terror und Datensicherheit betreffend, wirkt wie Hintergrundrauschen einer Teenagerlovestory, die daneben geht. Allein aber dass alles in Präsens geschrieben wird, ist nachlässig und undifferenziert.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): das Buch behandelt die zwei Seiten der Archivierung, der Verlust der Privatsphäre, das Aufzeichnen, aber auch Aufheben im Falle des Verschwindens. Maja rebelliert gegen das Objektwerden in der Aufzeichnung, und Era sammelt die Vogelstimmen der ausgestorbenen Vögel. Leider kaum Dynamik.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: zu viel über Pokemon und Dinosaurier
●Reliefbildung: nein, kaum szenerische Gestaltung
●Einschätzung: das Buch verhandelt seinen Gegenstand zu oberflächlich, hätte sich entscheiden sollen zwischen Lovestory und Umwelt-Klima-Horror, beides zusammen wirkt ungereimt und ungetaktet.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
… äußerst leichte Kost, würde es für ein Teenager-Buch halten, erste Liebe, das Entdecken der eigenen Sexualität. Hier die Faszination einer Teenagerin für eine Datenschutzaktivistin, die zunehmend krasser gegen die Ausbeutung der Privatsphäre kämpft. Insgesamt sehr reduziert, wenig World-Building, fast keine Vorstellung von dem Außen, keine Introspektion, wie sieht das Gegenüber die Protagonistin, schwerfällig, sehr verkopft, über reflektiert.
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: nein
… das Buch besitzt kein sprachliches Relief durch die absurde Form des präsentischen Verfolger-Kamera-Erzählens. Die Annäherung der beiden überzeugt, und das Sich-Verstecken, der Versuch, ein Zuhause zu finden, überzeugt auch, nur erscheint das zu wenig gestaltet.
–> 2 Sterne
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Franz Kafka: „Das Schloß“
Prosaisch karg gehaltene Dorftristesse – Frauentausch und Karrierelust.
Inhalt: 1/5 Sterne (verwirrender Dorfschwank)
Form: 1/5 Sterne (karg-bürokratisch)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (konsequent-personal)
Komposition: 1/5 Sterne (mangelhafte Perspektivierung)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (langweilig)
Das Schloss gehört zum Nachlass von Franz Kafka und besitzt keinen Schluss. Die Handlung über den Aufstiegs- und Karriereversuch vom Landvermesser K wird jäh unterbrochen und lässt deshalb viele Deutungsmöglichkeiten zu. Überhaupt gilt Das Schloss als einer der hermetischsten Texte und besitzt eine hohe Ausstrahlungskraft auf ein deutungsbereites Publikum. Wird der Text selbst in den Vordergrund geschoben, bietet sich jedoch ein sehr einfaches Bild dar:
[K] kommt also in den Herrenhof, sucht den Gang auf, wo die Sekretäre wohnen, und trifft dort zu seinem Unglück ein ihm bekanntes Stubenmädchen. An Weibergeschichten, alles im Dienste seiner Sache, hat er ja auch keinen Mangel. Dieses Mädchen hat ihm etwas über ein anderes ihm gleichfalls bekanntes Mädchen zu erzählen, zieht ihn in ihr Zimmerchen, er folgt – es ist noch nicht Mitternacht -, und sein Grundsatz ist, keine Gelegenheit zu versäumen, wo er etwas Neues erfahren kann.
Vier Stunden später tritt K äußerst befriedigt wieder auf den Gang. Ihn reizt das Schloss, aber vor allem reizen ihn die Privilegien der Beamten, denn eines gilt im Dorf mit Sicherheit:
Wir aber wissen, daß Frauen nicht anders können, als Beamte lieben, wenn sich diese ihnen einmal zuwenden; ja, sie lieben die Beamten schon vorher, sosehr sie es leugnen wollen […]
Das Schloss beschreibt im Grunde eine Form von Frauentausch und Bauernschwank. K versucht stets die Frauen der Beamten auszuspannen, um hierdurch in den Genuss von Sex und dem Luxus des Schlosses zu gelangen. Er distanziert sich eindeutig von den Bauern und Handwerkern, die hässlich, ungelenk empfindet und mit denen er nichts zu tun haben möchte (wie im Brückengasthof oder im Hause von Barnabas, einem Schustermeister). Wohl fühlt er sich nur im Herrenhof. Um dort zu bleiben, versteckt er sich, lässt sich auf Intrigen- und Ränkespiele ein, um am Ende jedoch letztlich seinen Willen zu erhalten (mit Pepi und der Herrenhofwirtin).
Leider wird diese Geschichte vom Aufstieg und Fall des K nur verquast, rudimentär beschrieben und literarisch in Szene gesetzt. Wohin das Auge fällt, bleibt alles lückenhaft. Die Atmosphäre, am Anfang noch geheimnisvoll, verschwindet alsbald und macht der gähnenden Langeweile Platz:
Haben Sie schon einmal hier telefoniert, ja? Nun also, dann werden Sie mich vielleicht verstehen. Im Schloß funktioniert das Telefon offenbar ausgezeichnet; wie man mir erzählt hat, wird dort ununterbrochen telefoniert, was natürlich das Arbeiten sehr beschleunigt. Dieses ununterbrochene Telefonieren hören wir in den hiesigen Telefonen als Rauschen und Gesang, das haben Sie gewiß auch gehört. Nun ist aber dieses Rauschen und dieser Gesang das einzig Richtige und Vertrauenswerte, was uns die hiesigen Telefone übermitteln, alles andere ist trügerisch.
Unter der Maske von Das Schloss verbirgt sich höchstens die individuelle Poesie der Lesenden. Der Text operiert nahezu am sprachlich-radebrechenden Limit. Viele Präpositionen, viele unbestimmte Partikel, Artikel und Verweispronomina laufen ins Leere. Der Text zirkelt und trudelt in sich selbst zurück. Er ist ein Fragment geblieben. Vielleicht sogar weniger als das: Ein Rauschen im Minimalcode.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): K, Landvermesser.
●Charaktere: (rund/flach) … flach, völlig verkürzte Psychen
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Erster und zweiter Tag: K kommt an, im Dorf des Schlosses von Graf Westwest. Stellt sich im „Gasthof zur Brücke“ als Landvermesser vor und wird als solcher dem Schloss per Telefon gemeldet. Erhält die Erlaubnis zur Übernachtung. Am nächsten Morgen stellt sich seine Anstellung als Fehler heraus. Er muss den Gasthof verlassen. Fühlt sich unwohl unter den Bauern. Geht durchs Dorf, ruht sich in einem Bauernhaus (das von Lasemann) aus, wo er ein geheimnisvolles Mädchen aus dem Schloss trifft (Hans Brunswicks Mutter), wird aber von einem Gerbermeister Lasemann hinausgeworfen. Trifft Artur (AR) und Jeremias (JE). Gerstäcker fährt ihn zurück zum Gasthof.
2. Zweiter Tag: Dort trifft er AR und JE wieder, erkennt sie nicht, fragt nach den Gerätschaften. Er erhält das Zimmer der Dienstmädchen, das ihm nicht behagt. Ein Bote trifft ein, Barnabas (B), mit Brief von Klamm, in welchem dieser auf Ks nächsten Vorgesetzten, den Gemeindevorsteher, verweist. Nach dem Lesen des Briefes geht K, weil ihm das Dienstmädchenzimmer nicht behagt, mit B weg in der Hoffnung, dieser würde im Schloss übernachten. Er geht aber nur nach Hause. K enttäuscht von Bs Stellung. Er lernt Amalia (AM) und Olga (OL) kennen. OL will Bier im Herrenhof holen. K begleitet sie, versucht im Herrenhof, wo sich Klamm befindet, zu übernachten.
3. Zweiter und dritter Tag und vierter Tag: OL stellt Frieda (FR) vor, beide Kellnerinnen im Herrenhof, FR am Bierausschank. FR Klamms heimliche Geliebte. OL und die Bauern tanzen, werden von FR mit einer Peitsche fortgetrieben. K versteckt sich unter FRs Tisch, um nicht rausgeworfen zu werden. FR kehrt zurück, steht vor dem Tisch und redet mit dem Wirt. Sie flirtet heimlich mit K, dann verbringen sie die Nacht im Herrenhof auf dem Boden in einer Bierlache. K will sich mit FR verbünden. Am nächsten Morgen sitzen die Gehilfen auf dem Pult FRs. FR bringt, nachdem sich OL enttäuscht gezeigt hat, zurück zum Gasthof „Zur Brücke“. Dort ruht sich K aus, den ganzen Tag und die nächste Nacht.
4. Die Wirtin vom Gasthof „Zur Brücke“ problematisiert FRs Entscheidung und Ks Verhalten. K bietet an, FR zu heiraten. Die Wirtin und er streiten sich. K beschließt mit seinen Gehilfen, den Gemeindevorstand aufzusuchen, um einem Hausverweis zuvorzukommen und seine Position als Landvermesser zu stärken oder zu beginnen.
5. Der Gemeindevorsteher empfängt ihn krank im Bett. Es gab nie eine Stelle als Landvermesser. All dies resultiert aus einem Irrtum und aus einem Konflikt mit Brunswick (Schwager des Gerbermeister Lasemann, ein Aufwiegler), der Unterstützung bei den Bauern ob einer neuen Landvermesser fand, einen Konflikt mit Sordini, der die Sache schnell erledigen wollte, die Sache, die nun Klamms Kanzlei bearbeitet. In diesem Wirren gibt es keine Anstellung für K. Es gibt nur eine Stelle als Hilfskraft in der Schule. Momus, der Schreiber des Gemeindevorstehers, unterbricht seinen Vorgesetzten immer wieder.
6. Zurück in „Zur Brücke“. Die Wirtin, Gardena, liegt krank im Bett. Ein Foto zeigt sie als Geliebte von Klamm. Sie hat drei Andenken: Häubchen, Tuch und Foto. Ehe von Wirtin problematisch wegen Klamm, den sie noch liebt. K will nun Klamm als Privatmann sprechen, wegen FR.
7. Im Zimmer, das FR aufgeräumt hat, trifft K den Lehrer, der sich über Ks Verhalten beim Gemeindevorstand beschwert, bietet ihm die Stelle als Schuldiener an, die K nach Zögern annimmt, als er erfährt, dass die Wirtin sie rausschmeißen will. K geht ohne die Gehilfen und FR los.
8. Er geht zum Herrenhof. Trifft Pepi, FRs Nachfolgerin. K schaut sie gierig an. Pepi eifersüchtig auf FR, die nur noch die alte Wirtin des Brückengasthauses zur Freundin habe. Um Klamm aufzulauern, versteckt sich K in dessen Kutsche. Genießt den Luxus und trinkt Kognak. Klamm kommt nicht. Ein junger Herr kommt, befiehlt die Kutsche abzuspannen und K, ihm zu folgen. K steigt aus, bleibt im Hof stehen, während Kutscher und der Herr sich entfernen. Geht dann ins Haus.
9. Im Herrenhof trifft er die Wirtin aus dem Brückengasthaus, Pepi und den jungen Herren, der sich als Momus herausstellt, Dorfsekretär Klamms. K streitet sich mit Wirtin, die vorgibt, ihm beim Versuch, Klamm zu treffen, behilflich zu sein versucht. K will sich nicht verhören lassen. Geht.
10. Vor dem Herrenhof trifft K Barnabas und die Gehilfen. B hat einen Brief von Klamm, in welchem dieser K für dessen Landvermessertätigkeit lobt. K empfindet das als Missverständnis, schreibt eine Antwort auf den Rücken eines der Gehilfen, bittet Klamm um eine Audienz. B richtet Grüße von OL und AM aus, besonders von AM. K und seine Gehilfen gehen sie zurück zur Schule.
11. Ende vierter Tag. In der Schule. Es ist kalt. Die Gehilfen brechen den Schuppen auf, um Holz zum Heizen zu holen, das nur für das Heizen während der Unterrichtsstunden zu verwenden sei, wie der Lehrer sie angewiesen hatte. In der Nacht liegt neben K plötzlich statt FR ein Gehilfe. FR streichelt einem der Gehilfen übers Haar.
12. Fünfter Tag. FR und K verrichten Hausmeistertätigkeiten. Es gibt Ärger wegen des Holzes, das unerlaubterweise aus dem Schuppen entfernt worden ist. Der Lehrer feuert sie, aber K beharrt darauf, dass nur der Gemeindevorsteher ihn feuern dürfe. Sie bleiben.
13. K entlässt Gehilfen wegen der Sache mit dem Holz und aus Eifersucht. Streit zwischen FR und K. Die Gehilfen versuchen FR von K zu distanzieren, wie K FR von Klamm wegzieht. Ein Schüler besucht sie. Hans Brunswick, der sich Sorgen um seine Mutter, das Mädchen vom Schloss, macht. K verspricht zu helfen, um an die Mutter heranzukommen. FR sieht, wie K Hans manipuliert, sieht auch, wie sie plötzlich nicht mehr attraktiv ist, von Hans‘ Mutter ersetzt wird, nicht mehr Klamm, sie und die Wirtin spielen eine Hauptrolle, sondern Hans‘ Mutter, Lasemann und Brunswick. Ihr wird bewusst, dass K sie nur instrumentalisiert hat. K will um jeden Preis ins Schloss. FR will einfach nur mit K glücklich sein. Die Gehilfen bocken vor dem Fenster am Zaun der Schule herum.
14. K treibt sich vor der Schule herum, sie Schwarzer, wie er vor den Füßen der Lehrerin sitzt. Entschließt sich, Barnabas zu suchen, ob er Antwort auf seinen Brief an Klamm habe. Im Haus von Barnabas trifft er auf AM. Die Eltern sitzen apathisch herum. AM sagt ihm, dass OL ihn liebe. Sie verdächtigt K, das Interesse an Barnabas nur vorzuschützen, um an OL heranzukommen. OL kommt mit Holz auf dem Arm. Sie kümmert sich danach um die Eltern. Allgemein sei das das Barnabassche Haus verschrien.
15. Noch im Haus von Barnabas. Barnabas ausgelernter Schuster, arbeitet bei Brunswick, der einst für Barnabas‘ Vater gearbeitet hat. Der Vater von Barnabas hat alles verloren, auch sein Diplom als Feuerwehrfachmann. Das alles hat mit AM zu tun, die einen ordinären Brief von Sortini, einem Beamten aus dem Schloss, unbeantwortet zerriss. Das Haus Barnabas seitdem in Ungnade. Seitdem Versuche, das Geschehen wieder rückgängig zu machen. Der Vater wartet am Straßenrand, um einen Beamten auf dem Weg ins Schloss anzuflehen. OL heuert im Herrenhof an, um den Boten Sortinis zu finden und ihn zu besänftigen. Und der junge Barnabas erschöpft sich als Bote für Klamm und das Schloss neben seiner Gesellenarbeit bei Brunswick. Ein Geselle klopft an. K verabschiedet sich.
16. Jeremias und K sprechen sich aus. AR beklagt sich im Schloss über Ks Grobheit. Sie hatten die Aufgabe, K aufzuheitern, von Galater. FR wieder im Herrenhof, nachdem sie Ks Interesse an den Schwestern von Barnabas mitbekommen hat. B kommt, bringt Nachricht von Erlanger, einem Sekretär von Klamm. Erlanger will ihn im Herrenhof sprechen. Sie eilen dorthin, auch aus Sehnsucht nach FR.
17. Vor dem Herrenhof warten schon andere. Momus regelt die Treffen mit Erlanger. K und Gerstäcker werden hineingelassen. Erlanger aber schläft.
18. Fünfter und sechster Tag. Wiedertreffen mit FR, die ihren alten Posten wieder erhalten hat. Pepi hat Übergangsfrist von vierundzwanzig Stunden. Es wird keine Hochzeit zwischen K und FR geben, nachdem er das Haus von Barnabas besucht hat. Zudem hat JE sie gewaltsam in den Herrenhof gebracht. Ks Entlassung der Gehilfen habe alles in Gang gebracht. JE liegt krank im Zimmer. FR und K streiten. FR verbietet ihm, mit JE und ihr Zimmer zu kommen. K bleibt alleine zurück, trinkt Rum. Sucht das Zimmer von Erlanger, aber alle Türen sehen gleich aus. Er tritt in das Zimmer von Friedrichs Sekretär, Bürgel, ein. K müde. Bürgel hält Monolog über Nachtverhöre. K träumt von nackten Sekretären, schläft ein. Von einem Klopfen gegen die Wand geweckt, erhält K die Nachricht, das Erlanger ihn zu sehen wünscht. Er befinde sich im Nebenraum. K verlässt das Zimmer.
19. Erlanger ermahnt ihn, FR wieder den Ausschank zu überlassen. Klamm benötigt sie. Erlanger verlässt den Gang mit einem Diener, K hätte viel früher kommen sollen. Um fünf Uhr beginnt der Tag. Geschäftigkeit auf dem Gang. Wirt und Wirtin führen K ab. Sie lassen ihn auf einem Brett schlafen. Wirtin über Ks Blicke empört. Wirt entschuldigt ihn durch seine Trunkenheit. Pepi wirft ihm noch ein Kissen zu.
20. K schläft zwölf Stunden. Es ist wieder abends. Gespräch mit Pepi, die in K den Ritter gesehen hat, ihren Befreier. FR sehr strebsam, besitzt Wirtinnenaugen. Pepi lädt K zu sich aufs Dienstmädchenzimmer mit Henriette und Emilie ein. Sie werden es sich gutgehen lassen. Die Wirtin, die sich über Ks Blicke auf ihr Kleid empört hat, führt ihn weitere Kleider vor. Sie verspricht, sie bekommt bald neue.
… Hintergrund: Aus einem Missverständnis zwischen dem Gemeindevorsteher und dem Referenten Sordini sowie einem Aufrührer und Ehrgeizling aus dem Dorf namens Brunswick wird ein Posten als Landvermesser ausgeschrieben. Brunswick war ehemals Gehilfe von Barnabas, auch Schustermeister, der aber durch das Verhalten einer seiner Töchter, Amalia, in Verruf gekommen ist. Sie hat ein Ansinnen eines Beamten, Sortini, unbeantwortet gelassen, ja, einen ordinären Brief einfach zerrissen. Das Haus von Barnabas verlor alle Ehre und alles Ansehen im Dorf, musste ausziehen. Brunswick kündigte. Später zieht er in das Haus von Barnabas ein. Barnabas Sohn arbeitet nun für ihn. Olga und ihr Bruder versuchen nun mit aller Macht, die Familienehre wiederherzustellen. Olga arbeitet im Herrenhof, ihr Bruder als Bote für Klamm, dessen Kanzlei sich auch um den Posten des Landvermessers kümmert. Hier setzt die Handlung ein.
… Handlung: K erscheint im Dorf, um seinen Posten anzutreten, übernachtet im Gasthaus „Zur Brücke“. Am nächsten Morgen gibt es Verwirrungen um seinen Posten. Ein Bote, Sohn des Barnabas, bringt eine Nachricht von einem Beamten Klamm. K gefällt das Brückengasthaus nicht, begleitet Barnabas zu seiner Familie. Dort gefällt es ihm auch nicht. Begleitet Barnabas‘ Schwester Olga zum Herrenhof, wo die feinen Herren vom Schloss residieren. Dort gefällt es ihm. Er bandelt mit dem Ausschankmädchen Frieda an und verbringt eine Nacht mit ihr. Frieda, Geliebte Klamms, gehen zurück ins Brückengasthaus. K beschließt Frieda zu heiraten. Vorher will er noch die Sache mit seinem Posten klären und geht zum Gemeindevorsteher, der ihn aufklärt, dass es nur den Posten des Schuldieners gibt. Er kehrt zurück zum Brückengasthaus, erfährt dort die Lebensgeschichte der Wirtin. Sie war einstmals Geliebte von Klamm. Auf seinem Zimmer erwartet ihn der Lehrer. Sie nehmen die Stellung im Schulgebäude an, zumal die Wirtin aus Eifersucht K hinauszuwerfen gedenke. Frieda und die Gehilfen gehen zur Schule. Er geht zum Herrenhof, wo er Pepi, Friedas Nachfolgerin, kennenlernt und Klamm in einer Kutsche auflauert. Ergebnislos. Er wird vom Dorfsekretär Momus ins Haus beordert. Dort wartet bereits die Brückengasthauswirtin, die Ks Benehmen zu Protokoll gibt und sicherstellen will, dass dieser niemals wieder bei ihr einquartiert wird. K verweigert das Verhör und verlässt den Herrenhof. Der Bote Barnabas und die Gehilfen fangen ihn ab. Barnabas stellt ihm einen Brief von Klamm zu, in welchem ihn Klamm ob seiner erfolgreichen Landvermessertätigkeit lobt. K will das Missverständnis aufklären, schreibt einen Brief an Klamm zurück, den Barnabas überbringen soll. Dann kehrt er mit den Gehilfen zurück zur Schule. Dort zerstreiten sich Frieda, K und die Gehilfen untereinander wie mit dem Lehrer und der Lehrerin. K entlässt die Gehilfen. K geht zum verfemten Haus der Barnabas, um sich zu erkundigen, ob es eine Nachricht für ihn gebe. Olga erzählt ihm, wie zum Niedergang der Familie Barnabas kam. Einer der Gehilfen, Jeremias, klopft und richtet aus, dass Erlanger, ein Sekretär von Klamm, ihn sprechen will. Sie kehren zum Herrenhof zurück. Als sie ankommen, schläft Erlanger bereits. Er spricht sich mit Frieda aus, die wieder als Ausschankmädchen arbeitet. Sie kümmert sich um den kranken Gehilfen. Allein im Gang öffnet er eine Tür und lernt Bürgel, einen Sekretär eines Beamten kennen. Dort schläft K übermüdet ein. Wird vom Klopfen Erlangers geweckt, der ihm von Klamm ausrichtet, er solle die Finger von Frieda lassen. K übermüdet, wohnt bei, wie die Sekretäre Akten austauschen, stört den Prozess und wird von der Herrenhofwirtin und -wirt in den Schankraum begleitet, wo sie ihm erlauben zu schlafen. Als er aufwacht, redet Pepi mit ihm, lädt ihn in ihr Dienstmädchenzimmer ein, und danach bandelt er mit der Wirtin vom Herrenhof an.
… langweilig, verquast, ohne Pointe, hier und da Klamauk à la Beckett. –> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: minimal, bürokratisch, entfremdet.
●Type-Token-Ratio: 0,0976 – Groschenromansprache – (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 17 Wörter, mit Standardabweichung 17 Wörter.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 82% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: 7% Adjektive – 5% Adverbien (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Amtssprache
●Stimmige Wortfelder: ja, sehr stimmig, sehr steif.
●Satzstrukturen: verquaste Anschlüsse, Unklarheiten.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Gegner, Feindschaft, Konkurrenz, Eifersucht
●Innovation: keine
… wirkt nicht ausgestaltet, fragmentarisch, ist es ja auch, dennoch –> 1 Stern
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein
●Situiert: nein
●Perspektiviert: sehr stark auf K.
●Erzählform: paradigmatische Er-Erzählung
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich … unbekannt.
●Erzählsicht: nur von außen oder mit Innenperspektive
●Erzählverhalten: neutral
●Erzählhaltung: distanzierend, ironisch, neutral, herablassend, involviert
●Erzählverfahren: szenisch, dialoglastig
●Erzählstil: nivellierend-abstrakt
–> 3 Sterne
Alan Lightman: „Und immer wieder die Zeit“
Mutiges Fabulieren über mögliche Zeitformen und Zeitumstände, verträumt freundlich.
Stundenbücher, die der Erbauung dienen, besitzen heutzutage eine weniger offensichtliche religiöse Form. Früher glichen sie fast epigrammatischen Gebeten wie bei Angelus Silesius‘ Cherubinischer Wandersmann aus dem Jahr 1657 oder Sebastian Brants Das Narrenschiff (1494). Heute gleichen sie Ratgebern wie John Streleckys Das Café am Rande der Welt oder Stephan Schäfers 25 letzte Sommer oder eben auch Alan Lightman Und immer wieder die Zeit (1993). Lightman, Astrophysiker, spekuliert über die Einsteins Träume, die möglicherweise zur Entwicklung der Speziellen Relativitätstheorie geführt haben:
In dem langen, schmalen Amtszimmer in der Speichergasse, dem Raum voller praktischer Ideen, räkelt sich noch immer der junge Patentbeamte auf seinem Stuhl, den Kopf auf der Schreibtischplatte. In den letzten Monaten, seit Mitte April, hat er viele Träume über die Zeit geträumt. Seine Träume haben sich auf seine Forschungen ausgewirkt. Seine Träume haben ihn mitgenommen, haben ihn dermaßen erschöpft, daß er manchmal nicht weiß, ob er wacht oder schläft. Doch mit dem Träumen ist es vorbei. Von den vielen möglichen Visionen der Zeit, erträumt in ebenso vielen Nächten, scheint ihm eine zwingend zu sein.
Was nun aber beginnt, ist keine der vielen ärgerlich fehlleitenden Spekulationen und Einführungen über die Relativitätstheorie. Vielmehr überlässt sich Lightman einer Art märchenhaftes Träumen über die Möglichkeiten verschiedener Zeitverläufe. In je kurzen Abschnitten wird stets die Welt in Bern beschrieben, die Spitalgasse, die Nydeggbrücke, Laupenstraße, der Fluss Aare, aber stets unter verschiedenen Zeitverläufen. Einmal bleibt die Zeit stehen. Einmal verkehrt die Zeit individualisiert schnell, ein anderes Mal verläuft der Zeitpfeil von Unordnung zu Ordnung:
In einer solchen Welt bleiben die Menschen, deren Häuser unaufgeräumt sind, in den Betten liegen und warten darauf, daß die Kräfte der Natur den Staub von den Fensterbrettern vertreiben und die Schuhe ordentlich in den Schränken aufreihen. Menschen, die in ihren Angelegenheiten keine Ordnung halten, können zum Picknick ins Grüne fahren, während ihr Kalender sich von selbst ordnet, Termine arrangiert und ihre Konten ausgeglichen werden. Lippenstifte, Bürsten und Briefe können mit der Befriedigung in Handtaschen geschüttet werden, daß sich automatisch Übersichtlichkeit einstellen wird.
Lightmans kleines Büchlein inspiriert durch seinen Mut, über den Tellerrand hinauszublicken, sich völlig andere Welten vorzustellen, ja Weltmodelle zu entwerfen. Hierdurch ähnelt es sich mehr dem Märchen und der Fantasy an als einem Sachbuch, denn als Sachbuch wäre es völlig unbrauchbar. Es ist die Erbauung, die Atmosphäre, der Singsang des Buches, der bezaubert. Letztlich hat das alles sehr wenig mit Einstein und seiner Messtheorie zu tun, die hier wie auch woanders eher ontologisch fetischisiert wird. Darüber hinweggesehen, dass Zeit für Einstein keine Rolle gespielt hat, sondern nur Messprozesse, die zwischen Beobachtungsstandpunkten ausgetauscht werden, bleibt ein verrücktes, verwobenes, fast stillgestelltes, romantisiertes Bild von Bern übrig, das ähnlich wie die Schildbürger aus Das Lalenbuch (1597) die Umstände in Schilda, hier die seltsamsten Zeitkonstellationen erduldet, und zwar mit Gleichmut.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Albert Einstein und Michele Besso.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Es wird die Einstein beschrieben, wie er in seinem Berner Patentamtberuf über die Zeit träumt, vom 14. April bis zum 28. Juni 1905. Sein Artikel über die Spezielle Relativitätstheorie erschien daraufhin am 26. September. Von zwei Zwischenspielen unterbrochen und einem Prolog wie Epilog gerahmt, werden unterschiedliche Zeitauffassung von der auktorialen Erzählinstanz ausprobiert.
-zyklische Zeitauffassung; alles kehrt wieder, jede Krankheit wird erneut durchlebt;
-Vielweltentheorie; Zeitpfade werden nach Entscheidungen aufgespalten;
-Zeit in großer Höhe vergeht langsamer; Häuser auf Pfählen;
-Zeit als Ordnungsstruktur, um überhaupt Verabredungen zu ermöglichen;
-eine akausale Welt, in der nur der Moment zählt;
-Zeit abhängig vom Maß der Veränderung; Gäste im Hotel;
-von den letzten Tagen, Stunden, Sekunden vor dem Weltende, dem Ende der Zeit;
-Stillstellen der Zeit, individualisierte Momente; jeder für sich; Säufersohn
-Zeitrichtung umgedreht, von Unordnung zu Ordnung statt umgekehrt;
-Zentrum der Zeit, dort, wo alles stillsteht, das Nähern und Entfernen von ihm;
-eine Welt nur aus Bildern, ohne Zeit;
-Zeit, in der niemand ein Gedächtnis hat; alles nur aufgeschrieben;
-sprunghafte Zeit, unstetig mit Überlagerungen;
-Häuser auf Rollen, da Zeit in Bewegung langsamer vergeht;
-Zeit, die rückwärts geht; umgedrehte Biographien vom Alter zur Jugend;
-Zeit auf einen Tag beschränkt; Tag- und Nachtkinder;
-Zeit als Sinneneindruck, individualisiert, inkommunikabel;
-ewiges Leben, verzögert alle Entscheidungen wegen Informationsverdichtung;
-Zeit qualitativ, Unordnung, Unverbindlichkeit, Verwirrung;
-Zeit ohne Zukunft; alles absolut; jeder Abschied;
-sichtbare Zeit; Entscheidung Zeit zu beschleunigen, zu bremsen;
-Zeit unstetig; fließt; stoppt; Liebespaar;
-Tempel der Zeit; die Welt im mechanischen Tacken versklavt;
-Zeitisolation; jeder Ort hat seine eigene Zeit, sein eigenes Tempo;
-Zeit als starre, verknöcherte Struktur;
-Zeit als Kopien, Spiegelbilder von Spiegelbildern, Überlagerungen;
-nichtfestgelegte Vergangenheit für Johann, den Hosenpinkler;
-Nachtigall als Zeit, die gefangen werden soll
●Kurzfassung: verträumte Spekulation und Auswirkungen dessen, was Einstein vor der Entwicklung seiner Relativitätstheorie geträumt hat.
●Charaktere: (rund/flach) – keine Entwicklung
●Besondere Ereignisse/Szenen: das Leben nur innerhalb eines Tages, bspw. wenn jemand im Tageslicht geboren wird und plötzlich für den Rest des Lebens nur noch Dunkelheit sieht, gruselig, bedrückend. Sekunden vor dem Weltende.
●Diskurs: verabsolutierte, verdinglichte Wissenschaftsspekulation
… inhaltlich märchenhaft, freundlich, melancholisch, sentimental, ein wenig triefend, aber nicht nervig. Inhaltliche Aspekte leider fehlgeleitet und falsch.
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Thomas Pynchon: „V.“
Literarisch überzeugende Allegorie auf die Dehumanisierung – aber kompositorisch höchstbeliebig und zäh umgesetzt.
Inhalt: 5/5 Sterne (weibliche Cyborgisierung)
Form: 5/5 Sterne (buntes Sprachspektakel)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (beliebig-montiert)
Komposition: 1/5 Sterne (kein Spannungsbogen)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (intellektuelles Komplexium)
—> 17/5=3,4 Sterne
Postmoderne Romane leben von Zitaten, Anspielungen: Italo Calvino Wenn ein Reisender in einer Winternacht (1979), Paul Austers Die New York-Trilogie (1985-86), Julio Cortázars Rayuela (1963) oder David Foster Wallaces Unendlicher Spaß (1996) als Beispiele. Pynchon schreibt nicht nur in ihrer Linie. Mit seinem Debütroman V. (1963) kann er sogar als Wegbereiter gelesen werden. Sein Roman besitzt als Erzählgegenwart die Nachkriegszeit, genauer 1956. Die Welt erwacht langsam aus ihren Trümmern, aber in dieser Welt laufen nur noch Menschen herum, die dem Hedonismus und Zynismus nachhängen:
»Wenn man aus dieser Welt eine politische Lehre ziehen will«, hatte Stencil einmal in seinem Tagebuch vermerkt, »dann ist es die Unerträglichkeit der doppelten Sicht, mit der wir die Geschäfte dieses Jahrhunderts betreiben. Rechts und links, Treibhaus und Straße. Die rechte Seite kann nur in hermetischer Abgeschlossenheit bestehen und wirken, im Treibhaus der Vergangenheit, während draußen auf den Straßen die linke Seite mit der manipulierten Gewalttätigkeit der Massen ihre Ziele verfolgt. Und auch nur in einer Traumlandschaft der Zukunft lebt.
Wen scheren die realen Gegebenheiten, die Menschen, denen alle Politik Wurst ist, die einst so geachtete ›goldene Mitte‹? All das ist verschwunden, zumindest jedoch nicht mehr sichtbar. In einer westlichen Welt, die von solchen Extremen geprägt ist, muß man in wenigen Jahren schon eine zumindest höchst ›entfremdete‹ Bevölkerung erwarten.«
Das längere Zitat fasst die Problematik des ganzen Textes zusammen: Treibhaus oder Straße. Die einen Figuren, Benny Profane oder Paola Maijstral, lieben die Straße und bleiben desillusioniert auf dieser, wollen sich auf keine Verbindlichkeiten einlassen; die anderen Figuren, Herbert Stencil oder Victoria Wren, ziehen sich mehr und mehr in Künstlichkeit zurück, hermetisch, anti-körperlich, verwandeln sie sich zu bloßen Wiedergängern ihrer selbst:
»Weißt du, was ein Fetisch ist? Etwas Ähnliches wie eine Frau, etwas, das zwar Vergnügen gibt, aber doch keine Frau ist. Ein Schuh, ein Medaillon … une jarretière. Du bist so, nicht wirklich, und doch ein Objekt des Vergnügens.«
Oder eben zu einem Fetisch, der einem Fetisch nachjagt, in Selbstexklusion. In wortgewandter, sprudelnder, überbordernder Schreibmanier peitscht Pynchon seine Gestalten durch den fünfhundert-seitigen Text, der stets zum Nachdenken und Weiterdenken einlädt, sehr viele Assoziationen und Referenzialitäten erlaubt und nahelegt, aber nirgendwo geschlossen und dramaturgisch-überzeugend wirkt. Er könnte einfach ewig so weitergehen. Was aber überzeugt und zum Wiederlesen einlädt, findet sich in der Fabel der Extreme, des Driftens und des Cyborgisierens, in der sehr konsequenten Anprangerung von Gewalt gegen Frauen und die zügellose Chaotizität der Weltgeschichte als Hort des Grauens, der auf Sex, Gewalt und Geld basiert.
In Profanes Denken waren Wohlstand und Vögeln ein und dasselbe. Wenn er der Typ wäre, der zu seinem Privatvergnügen Geschichtstheorien entwickelt, hätte er vielleicht gesagt, daß alle politischen Gegebenheiten – Kriege, Regierungen, Aufstände – mit dem Verlangen nach Beischlaf erklärt werden können; denn die Geschichte entwickelt sich entsprechend den wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen, und der einzige Grund, daß jemand reich werden will, ist der Beischlaf, wann und mit wem auch immer.
Es gibt also die Seite, die nur Sex anstrebt, und die Seite, die sich vor Sex irgendwann nur noch behüten will. Diese Extreme vermittelt der dichotomische Text leider nicht. Dialektisierung seines Stoffes liegt ihm Fremd, und nach Wilhelm Reich langt dieser Gedanke auch nicht weit. Pynchon verbleibt in der Montage und im Zitat, aber in der Konstellation dieser fängt er einen Hauch von Unheimlichkeit und Zeitlosigkeit ein, die schillernd im Gedächtnis bleibt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Benny Profane, Lebenskünstler, entlassen von US Navy, fängt Affäre mit Paola an, flieht mit ihr nach New York und gibt ihr die Adresse seiner Ex-Freundin, Rachel Owlglass. Er treibt sich herum und wird von Bande aufgegabelt. Er wird Alligatorenjäger, danach Nachtwächter im Anthropologischen Institut, kommt wieder mit Rachel zusammen, will aber kein ordentliches Leben führen, geht auf Trebe und schließt sich Herbert Stencil und Paola an, die nach Malta reisen. Auf Malta bleibt er zurück und rennt mit einer Brenda in die Nacht.
V., als Victoria Wren (Spionin, 1898 – Kairo; 1899 – Florenz); Dame V. (Salonlöwin, Liebhaberin von Melanie; 1913 – Paris); Veronica Manganese (Malta 1919); Vera Meroving (Namibia – 1922, erkennbar an Alter und falschem Auge); als die Ratte und Nonne Veronica (Ende 1920er mit Pfarrer Fairings; New York); Böser Priester (Malta 1939 – mit vielen Prothesen, falsches Auge, verletzt bei Luftangriff, aber nicht tot); Mme. Viola, Traumdeuterin in Stockholm (nach 1944).
Paola, wie V., verknüpft sie die Männer: Pappy Hod, Benny Profane, McClintic Sphere (als Ruby), Pig Bodine (vergewaltigt sie) und Winsome Roony verrückt nach ihr; sie erbt Elfenbeinkamm von V.; wird auch ständig vermisst; Herbert Stencil will mit ihr nach Malta, will aber Benny als Prellbock zwischen ihnen.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Benny Profane (BP) desillusioniert lässt sich durchs Leben treiben und geht jeder Verantwortung aus dem Weg; Herbert Stencil (HS), getrieben vom Vermächtnis seines Vaters, sucht die Wahrheit von V. und durchstreift die Welt, versucht krampfhaft die Verbindung mit der Vergangenheit aufrechtzuerhalten, die BP egal geworden ist. Sie repräsentieren beide verschiedene Welten: BP den Nachkriegshedonismus; HS den Nachkriegsfatalismus. HS will etwas von der alten Welt retten, der Rationalität, der Verbindlichkeit, die BP völlig egal geworden sind. Die Welt von BP wird durch Frauenfiguren durcheinander gebracht: Paola Hod, geb. Maijstral, und Rachel Owlglass. Die Welt von HS wird hauptsächlich durch die geheimnisumwitterte Figur der V. geprägt und getrieben. Während BP nach Flirten und Sex von den Frauen davonrennt (Mafia, Rachel, Paola, Fina) und diese ihrem Schicksal überlässt, will HS V. retten, höchstwahrscheinlich seine Mutter, und hat gar keine Liebesbeziehung, denn das Schicksal seines Vaters, dieser geht auf einem Schiff unter mit Astarte, die Göttin der geschlechtlichen Liebe, als Galionsfigur. Kompositorisch lässt sich HS als Seele/Geist und BP als Leib/Physis verstehen. Bindeglied zwischen beiden: Paola, denn HS traut sich nur mit BP zusammen mit Paola nach Malta zu fahren. Überhaupt verknüpfen Frauen die Lebenswege der Männer.
… Als atmosphärische Evolution thematisiert der Roman die immer weiter Kybernetisierung, Automatisierung des Menschen, dargestellt mit der Entwicklung die Victoria Wren nimmt. Sie gelangt als junges Frau, Kairo, in die Kreise der Spionage, verliert ihre Unschuld. In Florenz trifft sie auf Sidney, auf dem Weg Geschäftsfrau zu werden, verwickelt sich mit Hugh und Evan Godolphin. Sie wird 1901 Mutter von Herbert. Erlebt die Kolonialaufstände 1904 in Namibia, bereits verwoben im Geheimdienst. 1913 in Paris verliebt sie sich, bereits reich geworden, in die Balletteuse Mélanie, die bei einem Schauspiel gepfählt wird. Nach diesem Ereignis gerät ihre Weltsicht ins Zynische, sie unterstützt Aufrührer, erlebt den 1. Weltkrieg auf Malta (an der Seite Sgherraccio). Sie besitzt bereit ein künstliches Auge, kehrt nach dem Krieg 1922 nach Namibia zurück als Vera Meroving. Danach bandelt sie mit dem Pfarrer Fairing in New York an, um Nonne zu werden, aber seine Mätresse wird. Sie taucht wieder in Malta auf, als Böser Priester, nun bereits mit Prothesen und künstlichem Gebiss, neben dem Auge. Sie überlebt einen Unfall, als während eines Bombenangriffs ein Haus über ihr zusammenbricht. Das Gebiss wird von Kindern gestohlen und gelangt dem Psychodentisten Eigenvalue in die Hände. Danach verliert sich ihre Spur nach Stockholm, als Weissagerin.
… Mit anderen Worten, die Automatisierung des Menschen schreitet voran, der Massentourismus als ein Krieg mit anderen Mitteln, Kolonisierung, Puppen, Automaten, der Fetisch, der im Zentrum des ganzen Geschehens steht. Wie Rachel ihr Auto über alles liebt, wird V. mehr und mehr zu eigenen Fetisch, nachdem sie ihren Fetisch, Mélanie, verloren hat. Das, was die Männer antreibt, löst sich langsam in Technik und Chaos auf. D.h. die Frauen, die die Kontinuität des Menschengeschlecht durch Geburten sichern, sind mit unzuverlässigen, chaotischen Männern konfrontiert, die beständig Krieg und Gewalt, Suff und Zerstörung nachhängen. In ihrer Prokreation suchen sie Zuflucht zur Technologie, verändern, modifizieren sich durch künstliche Eingriffe, werden zu Cyborgs und entziehen sich den katastrophal vor sich hin driftenden Männern. Zwischen Straße und Treibhaus entscheiden sie sich für Treibhaus, d.h. erhöhte, vermehrte Künstlichkeit, um der zunehmende Gewalt gegen Frauen auszuweichen. Sie vollziehen (wie Hedwig, wie V., wie Esther, wie Fina) die Gewalt an sich selbst, um den Männern zuvorzukommen. Sie opfern sich, deshalb tragen sie den Elfenbeinkamm aus den 5 Gekreuzigten.
… um die zentralen Gestalten V., sammeln sich Evan und Godolphin und Sidney Stencil, und um diese weitere wieder wie Schoenmaker, Mondaugen, Fairing, Eigenvalue etc … und um Paola nun Benny Profane, Pappy Hod, Pig Bodine, McClintic Sphere, Winsey Roony etc … und von dort aus spannen sich diverse lose miteinander, durch die Frauen, verbundenen Geschichte. Die Frau als Signifikant.
●Kurzfassung: Hauptsächlich zwei Ebene, die der Geschichte zwischen Sidney Stencil, V. und Evan Godolphin, Spione, die fürs britische Empire arbeiten; die der Erzählgegenwart zwischen Benny Profane, Paola und Herbert Stencil, Lebenskünstler und Landstreicher. Paola sucht ihren Vater, Herbert seine Mutter. Es geht um eine Reise ins Krisen geschüttelte Malta.
… grob schematisch: die Story pendelt zwischen der Erzählgegenwart 1956 und einer Weltgeschichte von 1898 bis zum 2. Weltkrieg. Folgende Ereignisse:
1898: Faschoda-Krise (Kairo – UK vs. Frankreich);
1899: Venezuela Konflikt (Florenz – Schiedsgericht – UK vs. USA);
1904: Herero Aufstand (Namibia – Deutschland vs. Herrero und Nama)
1913: Vorabend 1. Weltkrieg (Paris – Uraufführung „Le sacre du printemps“)
1916: 1. Weltkrieg (Luftkrieg – Deutschland/Italien vs. Frankreich/UK/USA);
1919: Sette Giugno-Aufstand (Malta – UK vs. Italien vs. Malta)
1922: Bondelswart-Rebellion (Namibia – UK/Deutschland vs. Nama);
1939: 2. Weltkrieg (Malta – Alliierte vs. Italien/Deutschland);
1956: Suez-Krise (Malta – UK/Frankreich vs. Ägypten/USA/SU)
… Leidende Frauenfiguren: Aufgabe/Deflorierung Finas; Pfählung Madeleines; Zerschnitzung Esthers durch Schoenmakers; Quälen und Folter des Herero-Mädchens Sarah.
… losgelöste Handlungsfäden: McClintic Sphere (V. Note) und Ruby (eigentlich Paola), die Bandenkriege in New York (Bopkings; Playboys); Ermordung von Porpentine, Kollege von HS; Winsom Roony und seine Frau Mafia; Dudley Eigenvalue, Seelenzahnarzt (Zahnprothese von V., die Kinder in Malta erbeuteten);
●Charaktere: (rund/flach) ausführlich, interessant, vielschichtig, dynamisch.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Nuckelstunde; Nasenoperation Esthers; Kolonialaufstände in Namibia; das Quälen von Sarah.
●Diskurs: Barbarei der Weltgeschichte, Gewalt gegen Frauen
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: hoch variabel, interessant, vielschichtig.
●Type-Token-Ratio: (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 13,1 Wörter mit STAB von 12,5. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 72% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Stimmige Wortfelder: es gibt keine wirkliche Rahmung, also alles stimmig.
●Satzstrukturen: komplex
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Schlemihl, das Driften.
●Innovation: hoch
… Pynchon liest sich vom Schreibstil interessant und abwechslungsreich.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: ein typischer Schelmenroman, der überhaupt keine Stellung bezieht, worauf und wie er sich auf den Stoff, den er zusammenfabuliert, bezieht. Keine Rahmung, keine Grenzen, daher auch keine Reflexion und Konsistenz.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): marginell reflektiert, gar nicht situiert, nicht perspektiviert (springt innerhalb der Textblöcke umher).
●Erzählverhalten, -stil, -weise: hybrid, selbstironisch, montiert, zitathaft.
●Einschätzung: besitzt keine wirkliche Struktur, d.h. der Text hätte noch ewig so weitergehen können (kompositorisches Problem), aber er könnte auch beliebige Figuren und Erzählstimmen wählen. Zu postmodern, zu beliebig, dahingehend und als Gesamttext.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr hoch und abwechslungsreich
●Extradiegetische Abschnitte: nein, alles bleibt innergeschichtlich verortet, in der Realwelt
●Lose Versatzstücke: sehr viele Digressionen, auch sehr lose verknüpfte Figuren machen das Lesen teilweise mühsam, wenn eine Figur eine Figur kennt, von der diese erzählt, was eine noch andere Figur macht … nein
●Reliefbildung: ja, durch die Sprache, durch das Tempo, durch die Stoffe
●Einschätzung: schwierig, zerfahren, selbst konzentriertes Lesen macht die Rekonstruktion schwierig am Ende. Die Weltgeschichte, die Probleme, die Konfliktzonen müssen bekannt sein, auch die technologischen Zeiträume, überhaupt sehr viel Hintergrundwissen, um die Subversion schätzen zu können. Lebt nicht vollständig aus sich heraus. Stellenweise dumme Ideen (Alligatorenjagd, Ratte Veronica … Ping Pong … Flip Flop …). Zu gewollt. Und dann kann der Text unendlich so weitergehen, d.h. es gibt keine Dramaturgie und so gut wie keine Komposition. Es sei denn durch Victoria und Paola.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: teilweise, wenn die Digressionen zu absurd werden
●Amüsiert: ja, bei großem Spektakel und Partybeschreibungen
●Gefesselt: ja, wenn es um die Spionagearbeit ging
●Zweites Mal Lesen?: ja, passt im Sinne Cyborgisierung, Dehumanisierung.
–> 4 Sterne
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Dmitrij Kapitelman: „Russische Spezialitäten“
Sprachlich überzeugendes Drauflos-Fabulieren mit politischer Programmatik.
(Longlist Deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 1/5 Sterne (so gut wie keinen)
Form: 4/5 Sterne (wildes Fabulieren)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine)
Komposition: 1/5 Sterne (keine)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (freie Wortspiele)
–> 10/5 = 2,0
Romane wie Emine Sevgi Özdamars Ein von Schatten begrenzter Raum, Tomar Gardis Eine runde Sache oder Saša Stanišić‘ Herkunft leben von der Brisanz einer Zwiegespaltenheit bezüglich der eigenen Selbst- und Fremdwahrnehmung, sowohl sprachlich wie leiblich. Die Erzählstimmen sitzen zwischen den Stühlen, so auch Dmitrij Kapitelmans Ich-Erzählinstanz in Russische Spezialitäten. Kapitelman jedoch treibt das Schelmen- und Versteck- und Scharadespiel auf die Spitze, indem in seinem Text das Ich letztlich zu einer diskursiven Leerstelle wird:
Mama und Ira verachten den Гастроном in seltener Einhelligkeit. Papa spricht dennoch höflich über ihn. »Der Гастроном gehört Sascha. Sascha ist in Ordnung. »Wse swoji!« Alles die Eigenen, heißt das, also alles Osteuropäer. So ähnlich wie Nashi die Unseren sind. Was der Unterschied zwischen den Eigenen und den Unseren sein soll, weiß ich nicht. Aber dieses Gefühl einer großen solidarischen, umarmenden, irgendwie russischen Verbundenheit ist schon schön. Ich mag es, dass meine Eltern so eine geografische große Liebe in sich tragen.
Die Eltern des Ich-Erzählers, Lara und Ljonja, besitzen einen Магазин, ein Geschäft, das russische Spezialitäten feilbietet. Es bekommt alsbald Konkurrenz, den Гастроном, doch das pan-russische Zugehörigkeitsgefühl ist zu diesem Zeitpunkt noch ungestört. Durch den Angriff auf die Ukraine ändert sich dies, und dieser Angriff hinterlässt tiefe Spuren und Gräben in dem Familienleben des Ich-Erzählers. Die Mutter wandelt sich zu pro-russischen Fanatikerin und bricht mit ihrer ukrainischen Familie. Der Vater will sich nicht exponieren. Der Sohn, der Ich-Erzähler, hadert mit sich und seiner Muttersprache:
Seit der Invasion habe ich das Gefühl, kein richtiger Mensch mehr zu sein. Die unerträgliche und unerträglich sinnlose Tragödie, die Russland in mein Geburtsland gebracht hat. Ich blende sie aus, um in meinem friedlichen, vom dummen Glück okkupierten Leben zu funktionieren. Ich leide nicht voll daran. Ich leide mit, manchmal. Zu Selbstmitleid unberechtigt, ich weiß.
Wäre nicht die einfallsreiche, bunte, ja verspielte und fröhliche, vor sich hin fabulierende Sprache Kapitelmans, bliebe von Russische Spezialitäten nicht viel mehr übrig als eine Dokumentation ohne Foto und Ton, eine Art Bericht, der einem Sachbuch gemäßer wäre. Literarisch gebrochen wird hier nichts. Eine Fabel existiert nicht. Ein Handlungsbogen wird nicht gezogen. Wie Ronya Othmann in Vierundsiebzig lässt sich Russische Spezialitäten kaum literarisch analysieren, zu nackt, zu ungebrochen dominiert Meinung über Ausdruck. Zeit für eine dynamische Figurengestaltung nimmt sich die Erzählinstanz nicht.
Falls diese Reise in die vom Krieg übersäte Ukraine ein unbewusster Versuch war, Mama von den russischen Lügen zurückzubekommen, dann ist er gescheitert. Ein längst fälliger Entschluss reift: Ich werde meiner Mutter keinen Speck mitbringen! Kein Bekenntnis zum Existenzrecht der Ukraine, kein ukrainisches Salo!
Da sich Russische Spezialitäten aber „Roman“ nennt und ein Roman von glaubwürdigen Figuren und Handlungen erzählt und zehrt, bleibt hier nicht mehr viel als die Sprache übrig, die jedoch über weite Strecken lebendig und lesenswert bleibt, sich aber leider dem Kriegsgrauen vor lauter Coolness nicht wirklich gewachsen zeigt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Dima, Dmitrij, Sohn von Lara und Ljonja, die beide Mitte der 1990er aus der Ukraine nach Deutschland emigriert sind.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Erzählgegenwart die Jetztzeit, 2025; das Geschäft der Eltern, der Магазин, ist abgewickelt; der Vater dement und schwer krank, die Mutter fanatische Russland-Unterstützerin, die den russischen Angriff auf die Ukraine unterstützt. Der Plot handelt mehr oder weniger davon, wie das Geschäft der Eltern entstand, wie es blühte, dann niederging und von D nicht weitergeführt wird. Es gibt Ira, die Mitarbeiterin, und Stammkunden wie Yashka, ein Trinker, und Genadji, ein Eis-Fanatiker, sowie Zulieferer und Konkurrenten des Geschäfts.
In diesem Teil gibt es kleinere Anekdoten:
-die chinesische Fliege vom Vater, die ihm lehrt, dass legaler Raub möglich ist, für deren Einfuhr er eine horrende Strafe zahlen muss (Einfuhr invasiver Arten in die Volksrepublik Chinas);
-die Telekom-Aktien-Abzocker an den Türen, die das Ersparte der Eltern in Luft auflösen;
-die größte Lieferung von Roggenmalz für das Geschäft der Eltern, acht Lkws voll, Yashkas goldene Heldenstunde, der sich bis zur Erschöpfung schuftet;
-Kiew-Besuch von D und seiner Mutter, sie besichtigen das Stadion von Dynamo Kiev;
-sprechende Fische in der Vitrine;
-das Linoleum-Abziehen im Geschäft, sowjetischer Leim;
-Sowjetuhren des Vaters aus seinem privaten Archiv;
Im zweiten Teil wird dann die Reise von D in die Ukraine beschrieben, wie er sich als deutscher Staatsbürger dem Militärdienst verweigert, wie er die Problematik des Russisch-Sprechens erlebt, überhaupt den Alltag mit den Bomben- und Raketendrohung, wieder mit seinem Standkastenfreund den Kontakt aufnimmt, dann aber wieder zurückkehrt.
-Luftalarm-App, die stets irgendwelche Produkte anpreist;
-Bombenbunker-Bekanntschaften;
Rückkehr nach Deutschland, und Jagd auf Nazi-Vandalen.
●Kurzfassung: Das Spannungsfeld spielt sich zwischen den in Ost-Deutschland lebenden Eltern von D und seinen ukrainischen Verwandten und Freunden, die in Kiew leben: Andrij und Zoja, mit denen sich die Eltern zerstreiten; und Rostik, den Sandkastenfreund, den D aus den Augen verliert. Das Buch geht wesentlich darum, wie D wieder zu seinen Wurzeln zurück findet.
●Charaktere: (rund/flach) – im Grunde gibt es nicht einmal so etwas wie eine Charakterisierung. Sehr oberflächlich, witzig, fast comichaft.
●Besondere Ereignisse/Szenen: siehe die Anekdoten;
●Diskurs: Ukraine-Russland, Freund-Feind, AFD, Fremdheit, Zugehörigkeit, nationale Identität
… das Buch erinnert in der Machart sehr Saša Stanišić „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“, lose Aneinanderreihung von Assoziationen rundum die eigene Identität. Leider bleibt der Ich-Erzähler völlig geschichtslos. Er bleibt eine unbekannte Variable – zwischen allen Stühlen, eine Leerstelle im Text. Hierdurch verliert der Text seinen inhaltlichen Anker; auch das Geschäft besitzt diesen nicht. Es ist ein Ort des Treffens, wie der Ich-Erzähler ein Ort des Diskurses ist, gesichtslos, und so, wie der Magasin verschwindet, verschwindet auch dieses Ich. Ein paar Anekdoten sind nett, aber davon wird nichts in Erinnerung bleiben. Der Text versucht nicht durch Spannung und Handlungsbögen zu faszinieren.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz: relativ einfallsreich, bunt und witzig, auch innovativ, schelmenhaft, salbadernd.
●Type-Token-Ratio: 0,21 (hoch, aber auch durch Kürze) (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 10,5 Wörter STAB 6,2
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 73% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Wiederkehrende Motive/Tropen: »bljad«, »nachuj«, d.h. „Hure“ und „Pimmel“; und „Nashi“, „Die Unseren“; sowie »Wse swoji!« „Alles die eigenen“ …
●Innovation: sehr freies, wortschöpferisches Sabbeln, lustig, wortverspielt, mutig und draufgängerisch in der Wortbildung, leider aber etwas auf den Effekt hin, also eher Poetry-Slam-Sprache, Hip-Hop-Style, als in sich literarisierte Poetik.
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: von wo der Ich-Erzähler spricht, bleibt unklar. Er spricht nach seiner Reise in die Ukraine. Durchweg aber verbleibt er im Präsens, in allen Zeiten, unterschiedslos wird alles eingeebnet. Weitest entfernte Situationen wie sehr nahe werden nicht unterschieden, anders behandelt. Auch Modi werden kaum verwendet.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): keine Reflexion auf sich, die Figur gibt es nicht; es bleibt aber um den Ich-Erzähler als Schelm zentriert. Die Sprache wirkt als Schirm, als Maske.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: bewertend, angreifend, durch den Kakao-ziehend, etwas cool, stylisch, gewollt und geballt auftretend, aber dabei etwas verspielt, nicht den harten Macker markierend, eher den zurückhaltenden Entschiedenen.
●Einschätzung: völlig ins Leere hineingeschriebene Sprüche, ohne literarischen Anspruch, d.h. Glaubwürdigkeit, Intensität werden nicht angestrebt, eher der coole Effekt.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): die größte Schwäche, denn es gibt keinen Plot, und die Komposition kann nur anekdotisch beliebig sein. Was hat der Magasin mit dem ganzen zu tun? Er stellt die Eltern nur vor, um ihre Meinung an den Pranger zu stellen? Wie steht die Geschichte selbst in Verbindung? Der Magasin ist bloßer Aufhänger.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: so ziemlich alles
●Reliefbildung: nicht identifizierbar
●Einschätzung: im Grunde muss diese Kategorie hier außen vor gelassen werden; eine inhaltliche Entwicklung und Rahmenwirkung gibt es nicht. Der rote Faden wäre höchstens die politische Stellungnahme.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, zu beliebig
●Geärgert: zu läppisch
●Amüsiert: ein paar gute Witze, Szenen, Slapstick-Momente
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall
… die Sprache besitzt sehr viel Verve. Sie hat mich am Ball gehalten durch die schelmenhafte, wirr-freie-fröhliche Sprachgebung.
–> 3 Sterne
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Dorothee Elmiger: „Die Holländerinnen“
Profunde Zivilisationskritik im Mantel von poetologischer Selbstreflexion und Dschungle-Thriller.
Longlist Deutscher Buchpreis 2025
Inhalt: 5/5 Sterne (Mystery vs. Zivilisationskritik)
Form: 5/5 Sterne (innovativ-flüssig)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (eindringlich-glaubwürdig)
Komposition: 3/5 Sterne (im letzten Drittel zu hastig)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (zu kurz, aber wiederlesbar)
–> 21/5 = 4,2 Sterne
Dass die Zivilisation schnell ihre Macht verliert und dass unter den scheinbaren Rollen und Funktionszusammenhängen das Böse lauert, jederzeit bereit ist, hervorzuspringen, nimmt Dorothee Elmiger in Die Holländerinnen zum Anlass, eine namenlos bleibende Schriftstellerin auf die Reise nach Mittelamerika zu schicken, in den Dschungel, um einem Theaterprojekt beizuwohnen, in welchem dieses Thema direkt verhandelt wird. Die Holländerinnen, zwei freiwillige Helferinnen, verschwanden spurlos im Dschungel. Ein Theatermacher will den Schrecken auf die Bühne bringen:
Er sitze gerade an den Vorbereitungen zu einem neuen Stück, habe der Theatermacher damals im Januar am Telefon gesagt, es handle sich um die Rekonstruktion eines Falls, ein schwieriger, tragischer Stoff, den er sich zurzeit als eine Art tropische Passion vorstelle, als Referenz auch auf Herzog, auf Coppola […] Was ihm vorschwebe, sei eine groß angelegte Recherche, so sei er fortgefahren, eine Recherche, die nur in der Wiederholung, der Nachbildung der Ereignisse geschehen könne, ja, es gehe, wie stets am Theater, darum, die Dinge am eigenen Leib zu erfahren.
Der vor Anspielungen nur so strotzende Text (hier bereits Francis Ford Coppolas Verfilmung von Herz der Finsternis und Werner Herzogs Aguirre) stellt eine Vorlesung dar, die eine Schriftstellerin hält, die den Mut zum Schreiben angesichts des Grauens der Welt verloren hat. Sie lernt viele Menschen auf ihrer Reise kenne, und viele Menschen erzählen ihr viele Geschichte, die allesamt als roten Faden Gewalt und Brutalität besitzen, die jederzeit, selbst in den alltäglichsten Umständen, auszubrechen droht.
Sie selbst habe es in den Wochen und Monaten, den Jahren danach unzureichend und unbeholfen als das »erratische, grundlose Wesen der Welt«, als »großen, leeren Gott«, das »klaftertiefe, abyssische Nichts« zu beschreiben versucht, aber der Horror, der Horror liege naturgemäß außerhalb der Sprache, ja, er sei, wenn man so wolle, ihr Gegenteil, ihr Ende, und sie müsse deshalb auch jetzt, in diesem Moment, noch einmal scheitern, wenn sie ihn zu formulieren, zu benennen versuche, könne ihn nur umkreisen wie ein schwarzes Loch, einen reißenden Strudel […]
Elmiger beschreibt eine Reise in das Herz der Finsternis, aus der die Poetik nicht unbeschadet herauskommt. Die Worte fallen ihr schwer. Das Fragment wird zur Form, die Anekdote zu einem rettenden Ufer. Mit Intensität lässt sie die Sprache frei, um das Dunkle, das zwischen den Zeilen prangt, zu umfließen. Hier passieren eindrückliche Dinge mit den kulturellen Assoziationen, und neue Spielräume kulturell eingeschliffener Paraphrasen ergeben sich. Die Allegorie geht am Ende auf. Die Rettung liegt näher als gedacht, und so wird aus dem Kriminalfall sogar eine Art Befreiungsschlag, wer den Figurenkonstellation konsistent folgen will.
Dorothee Elmiger verbindet Elfriede Jelinek, bspw. aus Lust, mit Joseph Conrads Herz der Finsternis im Stil eines Thomas Bernhard, u.a. Auslöschung. Ein Zerfall. Es gelingt ihr durch diese Kombination eine sehr eigenwillige und eigene Sprache zu kreieren. Leider, wie so oft, bleibt vieles nur angerissen, angedeutet, skizziert, denn für diese Art Mammutprojekt reichen nun einmal 150 Seiten bei weitem nicht aus, vor allem das letzte Drittel enttäuscht und wirkt hastig abgehandelt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Eine Schriftstellerin, die eine Poetikvorlesung darüber hält, weshalb sie zu schreiben aufgehört hat.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Der eigentliche Plot beläuft sich darauf, dass eine Schriftstellerin über die Auflösungserscheinungen ihres literarischen Schaffens eine Rede vor einem Auditorium hält. Sie beginnt die Nacherzählung, indem sie sich auf ein gescheitertes Wer und ein nicht vollendetes Werk bezieht. Das von der Erzählgegenwart aus gesehene vor drei Jahren gescheiterte Werk befasst sich mit Adele Brises rechtes Auge. Sie nimmt das Angebot eines Theatermachers an und reist von Frankfurt nach Mittelamerika, wahrscheinlich Panama oder Süd-Costa Rica, um dort an einem Theaterprojekt teilzunehmen. Über die Reise handelt das Buch. Sie kommt an, nimmt ein Taxi eines Exil-Nicaraguaners. Am nächsten Tag nimmt sie einen Bus und fährt zur Küste, um von dort mittels eines Motorbootes zu einer Halbinsel zu gelangen. Dort trifft sie eine allein reisende Frau, die Schweizerin, die zum selben Projekt eingeladen worden ist. Sie ist aufgrund der Ziegengeschichte (1) als Verkörperung einer der Holländerinnen (2.) eingeladen worden. Auf einem Trampelpfad erreichen sie das Camp. Der Theatermacher stellt Lisbet de Vries (3.), die Kostümbildnerin vor, Johannes Schriefl, Ton, Orfelina Quiros, Bäuerin; Ida Holmboe (4.), die zweite Holländerin, Dänin; die erste Holländerin spielt die Schweizerin (wie Theatermacher kein Name); Tepper, der amerikanische Kameramann. Sie befinden sich zwischen den zwei Wendekreisen, in einer Lodge namens Ojo del Sol. Am dritten gemeinsamen Abend geht sie mit Schriefl am Strand spazieren (5.). Später erzählt Lisbeth weiter von ihrer Beziehung mit dem Maler. Mitten in der Nacht steht sie auf, um sich etwas zu trinken zu holen. Der Theatermacher und Tepper sind noch wach, dann stößt ein Kanadier zu ihnen, der sich verlaufen hat (6.). In der vierten Nacht stürzt die Schriftstellerin und verstaucht sich die rechte Hand. Sie muss nun mit links schreiben. Am nächsten Tag trifft sie die Tochter der berühmten Schriftstellerin Marilyn Trapenard (7.), die nicht viel von ihrer Mutter hält. Am sechsten Tag beginnen sie die Exkursion ins Innere des Waldes vorzubereiten. Sie erinnert sich an ihre Kindheitsgegend, an ihren Vater. Auch werden die Hinterlassenschaften der Holländerinnen besprochen, der JanSport-Rucksack mit den Handys und den seltsamen Bildern. Am siebten Tag beginnt die Exkursion, auf den Spuren der Holländerinnen. Sie treffen Eduardo Acuña, Erzählung von dem Griechen (8.). Gewitter zieht auf. Sie treffen auf eine Lodge von einem Deutschen, der ein Schweinsteiger-Trikot trägt. Dort übernachten sie. Sie beobachtet dessen Frau Estafany in der Nacht; merkt dann, dass sie von dem Deutschen ebenfalls beobachtet wird. Der Deutsche redet über Pferde, Tepper hat Erinnerung aus Reno (9.). Sie ziehen weiter, der achte Tag. Sie geraten in ein Unwetter. Der Dramaturg erzählt, wie er zu seinem Job gekommen ist (10). Sie lässt sich zurückfallen, sinniert. Sie kommt an einem Kühlschrank vorbei und erinnert die Erzählung Lisbeths über das paranoide Ehepaar. Sie erreicht alleine die Lodge, fährt sofort ab. Dolores mit einem Kind winken ihr zum Abschied, oder sie wollen ihr etwas sagen. Sie flüchtet aber. Auf der Rückfahrt trifft sie zwei Frauen, mglw. Schwestern, die eine mit einer Brandwunde auf dem Gesicht. Ein Portal öffnet sich.
1.) Ziegengeschichte: Schweizerin kümmert sich um einen Ziegenbauernhof in St. Galler Rheintal für den Besitzer, der in Berlin weilt, um dort mit seinem Tinder-Date ein Kind zu zeugen. Plötzlich bekommen die Ziegen alle Kinder, viele sterben und die Schweizerin ist überfordert von den Leichen und Geburten. Erhält keine Hilfe vom Besitzer und ruft ihre Mutter an.
2.) Geschichte der Holländerinnen: als freiwillige Helferinnen ins Land gekommen, dort bei einem Ausflug, nachdem sie einen Bananenbauern namens Eduardo Acuña und einen Sportwissenschaftler aus Freiburg getroffen haben, im Wald verschwunden, mehrere Wochen danach wurden die Rucksäcke samt Telefone gefunden. Keiner weiß Genaueres.
3.) Geschichte von Lisbeth, Beziehung mit einem Maler aus Shippensburg, Pennsylvania, mit dem sie in New York gelebt hat. Maler emotional ungleichgewichtig, beleidigt sie auf einer Silvesterparty bedrohlich, das Böse schlechthin in den Augen, später mit ihm Atelier, bis plötzlich Feuer ausbricht. Die Nachbarn über ihr, ein Akademikerpärchen, wurde paranoid wegen eines Kühlschrank-Handwerker-Scams. Sie wurden von Handwerkern aufs Kreuz gelegt, was ihre Geldsorgen mehrte.
4.) Geschichte von Ida Holmboe, über die Geburtstagsfeier in Berlin, und die Schinkenkeule eines Ibérico-Schweines. Gespräch über Bachmanns Todesarten, während sie an der Keule herumsäbelt.
5.) Geschichte von Schriefl, über Herzog, den Theatermacher, Geschichte von Herzog über Kinski, der seine Frau geschlagen hat, und dann Schriefls Verletzung auf einer Exkursion nach Ollantaytambo.
6.) Geschichte des Kanadiers über New York, und das Gespräch mit einem Poolreiniger, über Veteranen und die Carnegie-Hall, über das Säubern der 11. September-Wannen.
7.) Geschichte von Marilyn Trapenard. Reise nach Brasilien. Affäre mit einem jungen Reiseführer. Sie erzählt ihm drei entscheidende Situation in ihrem Leben: 1.) Reise nach Indien, wo sie eine gefeierte Schriftstellerin kennenlernt und Zeuge von häuslicher Gewalt wird; 2.) sie wird angebettelt in Wien. Sie gibt kein Geld, bekommt einen erbarmungswürdigen Blick zugeworfen, später will sie dem Jungen Geld geben, findet ihn nicht mehr; 3.) wieder ein Bettler, mit einem Kind im Arm, dem sie nichts gibt.
8.) Geschichte von dem Griechen, der sich mit einer Einheimischen, Priscila, vermählt, die er aber mehr oder weniger einsperrt, als deren Schwester Filomela kommt und der Grieche sie abholen soll, verschwindet diese. Später soll die Schwester wieder bei einem Fest aufgetaucht sein. Nach einem Anruf bei der Polizei wird das Haus leer vorgefunden, und ein Blutbad hat stattgefunden.
9.) Teppers Dokumentation über Mustangs und Wildpferd-Zähmung, von einem Schweizer namens Manser, der das Parelli-System ausübt, und Tepper anwidert, der neben sich stehend ins Bordell geht.
10.) Der Dramaturg erzählt von der Griechischen Passion, die Inszenierung, und einer schwangeren Syrerin, das Passionspiel mit Yiannis, einem Fußballfanatiker, der einen Anschlag auf den Theatermacher verübt.
●Kurzfassung: Eine Schriftstellerin konfrontiert sich mit der Brutalität, dem Bösen, in der Welt, der kommunikativen Versuche, dem Herr zu werden.
●Charaktere: (rund/flach) … weniger Handlungsgetrieben, deshalb schwer zu sagen, aber in Andeutungen komplex und vielgestaltig
●Besondere Ereignisse/Szenen: der Text besteht nur aus solchen, siehe Inhaltsangabe
●Diskurs: Dialektik der Aufklärung; das Böse unterhalb der dünnen Schicht der Zivilisation. Und reale Geschichte: Im April 2014 verschwanden Kris Kremers (21) und Lisanne Froon (22), zwei niederländische Studentinnen aus Amersfoort, in den Bergen nahe Boquete (Provinz Chiriquí, West-Panama, an der Grenze zu Costa Rica).
… Clou des Textes, dass das Verschwinden der Holländerinnen als eine Form der Befreiung gelesen wird, aus einer Welt der Gewalt hinaus, in die Anonymität, denn am Ende, die zwei Frauen, können die Holländerinnen sein, und diese zwei Frauen verschwinden durch ein Portal, oder reißen ein Portal auf, durch das auch die Schriftstellerin gehen könnte. Gewalt nämlich lässt sich nicht in Worte fassen. Das wäre dann die Fabel der Geschichte. Das Buch bietet aber mehr. Extrem gut verwobene Reisegeschichte über die Erzählung der Erzählung der Erzählung einzelner Menschen.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz: außergewöhnlich variantenreich, kaum Hilfsverben und Funktionswörter
●Type-Token-Ratio: hoch -> 0,193 (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 30,4 Wörter mit STAB 23,2 Wörter. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: unter 70% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: mehr auf Verben, denn auf Deskription (Musil/Mann: Adjektive 13%, Adverbien 7%)
●Innovation: hoch.
… stilistisch, durch die indirekte Rede, flüssig, vielfältig, interessant geschrieben
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: sehr wie Joseph Conrad, die Vorlesung einer Schriftstellerin wird nacherzählt, von einer Zuhörerin, die nicht erscheint, aber dies durch die indirekte Rede klarstellt.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): die Erzählinstanz verschwindet in der Passivität, reflektiert aber durch die erzählende Figur der Schriftstellerin, dadurch aus perspektiviert.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: komplexifizierend.
●Einschätzung: die Erzählfigur als narrative Figur einzufügen, heißt Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Als letzter Schritt hätte hier noch die Reflexion der Wiedergegebenen gefehlt. Letztlich eben personal erzählt, ohne dass die Erzählgegenwart rekonstruiert werden könnte.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): sehr hohe deskriptive, inhaltliche Erzählfreude, spannend, abwechslungsreich
●Extradiegetische Abschnitte: viele Erzählungen innerhalb der Erzählung
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: hoch, da es eine Rahmenerzählung, die Vorlesung, gibt, und innerhalb dieser die Vorlesende nacherzählt, die die Geschichten anderer nacherzählt. Die Wichtigkeit der Nacherzählung wird dadurch unterstrichen. Leider wird der Text am Ende abgewürgt. Er wirkt unvollendet, nicht kompositorisch weitgreifend genug.
–> 3 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: ja
●Zweites Mal Lesen?: möglicherweise
… leider zu kurz, zu wenig eindringlich im letzten Drittel, etwas zerfahren, zu schnell abgearbeitet, zu hastig, und dadurch zu diskurslastig.
–> 4 Sterne
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Lena Schätte: „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“
Leider etwas ziellose, traurige Reise durch die Kindheit in einer Trinkerfamilie.
Longlist Deutscher Buchpreis 2025
Inhalt: 3/5 Sterne (Anamnese einer gebeutelten Trinkerfamilie)
Form: 2/5 Sterne (schlicht-karg, alltagssprachlich)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (konfus-präsentisch)
Komposition: 3/5 Sterne (Reihung von Anekdoten)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (eindringlich-sentimental)
–>14/5 = 2,8
Wie viele Romane erzählt auch Lena Schättes Das Schwarz an den Händen meines Vaters von der Abwärtsspirale einer Familie, in der der elterliche Alkoholismus nach und nach den Alltag bestimmt. Wie in Heinz Strunks Ein Sommer in Niendorf oder Ralf Rothmanns Die Nacht unterm Schnee verfällt auch hier ein Vater dem Alkohol und stellt seine Familie vor zunehmend großen, psychischen wie monetären Herausforderungen:
Barbara Blockberg kommt heim und schimpft mit ihr. Wenn du so zu mir bist, habe ich immer das Gefühl, du hast mich gar nicht mehr lieb, meint Bibi. Ach, ich hab dich doch immer lieb, sagt die Mutter. Dann hexen sie den Elefanten gemeinsam zurück in den Zoo, meine Mutter fängt an zu weinen und schlägt auf das Lenkrad. Als wir an der Ferienwohnung ankommen, ist es schon dunkel draußen. Mein Vater steckt uns ins Bett, ich trage noch meine Jeans, als er mir die Decke über die Knie legt. Sein Atem riecht scharf, sein Kuss ist nass und schwabbelig auf meiner Stirn. Wenn du so bist, hab ich das Gefühl, du hast uns gar nicht mehr lieb, sage ich, doch da ist er schon weg, zieht die Zimmertür mit einem Ruck ins Schloss.
Der Ton von Das Schwarz an den Händen meines Vaters bleibt kindlich, naiv, assoziierend und konfus. Die Ich-Erzählerin, die Tochter, erzählt die Geschichte ihrer Familie aus der Retrospektive, aber sofort wird klar, dass sie noch mitten in den Geschehnissen hängt. Sie erzählt im Präsens. Sie springt in der Geschichte in Echtzeit umher. Sie besitzt keine Rahmung, keine Perspektive. Sie hängt zwischen allen Seilen, voller Trauer, voller Rastlosigkeit und eigenen Fluchtversuchen in die Betäubung durch den Alkohol. Als roter Faden bleibt die Beziehung zum Bruder, die intakt zu bleiben scheint:
In der Mittagspause platzt er in mein Schlafzimmer. Auf, du faule Sau, und dann zieht er mir die Decke weg, klopft mir auf die Oberschenkel oder den Rücken, als wäre ich ein altes Pferd. Er sammelt die Kleidung auf, die ich in der Wohnung verstreut habe, und schmeißt sie in den Wäschekorb im Badezimmer. Mit der Klobürste lässt er die Kotzesprenkler in der Kloschüssel verschwinden und drückt die Spülung. Schaltet die Kaffeemaschine und das Radio an, nimmt sich einen Apfel und stellt sich kauend neben mein Bett. Bis ich aufstehe.
Der Ton bleibt hart, parataktisch, extrem reduziert, brutal auf den Punkt und zieht keinerlei Register der Betroffenheitssemantik. Schuldzuweisungen unterbleiben. Der Alkohol dringt von außen in die Leben ein und zerstört diese. Noch befindet sich die Erzählinstanz gar nicht in der Lage, sich einen Überblick über das zu verschaffen, worin sie sich befindet, woraus sie sich zu befreien sucht. Sprachlich fast auf Nullniveau, besitzt der Text dennoch eine gewisse erzähltechnische Strenge und eine durchgebildete Motivsprache, die ihn lesbar, fühlbar und interpretierbar werden lassen. Leider eher als eine Form der Anamnese, als Dokument und Zeugnis denn als ästhetische Durchformung und Überwindung.
Lena Schätte legt mit Das Schwarz an den Händen meines Vaters eine Vorform von Büchern wie Joseph Roths Die Legende vom heiligen Trinker (1939) und Émile Zolas Der Totschläger (1877) oder Malcolm Lowry Unter dem Vulkan (1947) vor.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Motte, Mitte zwanzig?, im Ruhrgebiet, Putzkraft und Trinkerin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Geschichte des Vaters. Er arbeitet in der Schwerindustrie und kommt durch diese mit schwarzen Händen von der Arbeit. Er hat ein Alkoholproblem, das dazu führt, dass er nach und nach die Jobs verliert, zu viel trinkt, dann auch noch an Geldspielautomaten das wenige Geld verliert. Nach und nach übernimmt der Alkohol überhand. Selbst Familienurlaube fallen ins Wasser, da er sich davon schleicht, um zu saufen. Die Mutter trennt sich mehrmals, aber kehrt zurück. Sie verlieren das Haus, ziehen in eine Wohnung, dann in eine Autobahnraststätte, die sie mehr oder weniger am Laufen halten, bis eine Konkurrenz eröffnet und die Gaststätte Pleite geht. Sie wohnen noch eine Weile darin, bis der Eigentümer das Gebiet verkauft. „Auf den Hund gekommen“ – der Vater und der Hund werden unzertrennlich. Der Vater zeigt Anzeichen einer schweren Krebserkrankung. Am Ende redet er kaum noch, nur noch mit dem Hund und der Tochter. Der Krebs ist soweit fortgeschritten, dass Chemotherapie nicht mehr hilft. Selbst der Hund hält nun Abstand. Er beschwört seine Tochter, sich um den Hund zu kümmern. Sie beerdigen ihn, einige wenige Bekannte kommen. Sie schütten Alkohol auf sein Grab.
2.) Geschichte der Mutter. Sie kümmert sich um die Kinder, leidet am Alkoholismus des Ehemannes, fühlt sich dem Bruder näher als der Ich-Erzählerin. Sie beginnt wieder zu arbeiten, in einer Wäscherei eines Hotels und als persönliche Betreuerin einer reichen Witwe, die Turmeule genannt wird. Sie hat Phasen völliger Erschöpfung, in denen sie apathisch herumliegt und die Kinder sie beim Arbeitgeber entschuldigen müssen, denn die Mutter ist bald alleinige Verdienerin in der Familie. Sie müssen wieder umziehen, dieses Mal in eine Raststätte, und kaufen als Trost den Kindern einen Hund aus dem Tierheim, den sie Alfi nennen. In der Raststätte baut sie sich etwas auf, aber die ökonomische Situation zwingt sie bald zur Aufgabe der Raststätte. Sie kümmert sich um den schwerkranken Ehemann, der sie zumindest nie schlägt. Sie weiß auch, wie später herauskommt, um seine Spielsucht. Als er stirbt, ist sie weniger traurig. Sie wirkt fertig. Ihr Versuch, die Normalität aufrechtzuerhalten, zehrt an ihr.
3.) Geschichte des Bruders. Etwas älter als die Ich-Erzählerin, beschützt sie, wirkt pragmatischer, stabiler als die Ich-Erzählerin, wird Kindergärtner, nimmt die Schwester bei sich auf, hat eine Beziehung mit Kata, die aber nach zwei Jahren scheitert. Er kümmert sich um seine Schwester, um die Mutter, bald um die Schwester. Er arbeitet im Kindergarten nebenan und hilft „Motte“ weiterhin am sozialen Leben teilzunehmen.
4.) Motte, die Ich-Erzählerin, fürchtet den Zerfall der Familie, leidet unter den Dysfunktionalitäten ihres alkoholsüchtigen Vaters, fühlt sich diesem aber näher, erlebt die Verzweiflung der Mutter, sucht Kontakt zum Vater aufrechtzuerhalten. Sie beginnt früh ebenfalls zu trinken, bei Schützenfesten, und hat dann einen Freund, der zu viel trinkt, von dem sich aber trennt. Sie kümmert sich nicht um ihn. Sie arbeitet als Putzkraft im Krankenhaus. Besäuft sich oft bis zur Besinnungslosigkeit. Nachdem der Bruder aber auszieht, stellt sie sich nach und nach der Sucht und holt sich Hilfe, verweigert sich dem Alkohol für lange Zeiten. Die Freundschaft mit Nancy geht dennoch in die Brüche. Eine Stelle zeigt, dass sie ihn vielleicht völlig überwindet. Nachdem der Vater stirbt, übernimmt sie den Hund, will zuerst, dass er stirbt, weil er stinkt, aber nach und nach gewöhnt sie sich an ihn.
●Kurzfassung: Vordergründig Vater-Tochter-Beziehung. Familie besteht aus drei Kindern, einer älteren Schwestern, eines etwas älteren Bruders und der Ich-Erzählerin.
●Charaktere: (rund/flach) – runde Charaktere, sie haben viele Seiten, sehr depressiv. Sie schaffen es nicht, ihren Dämonen zu entkommen. Sehr zärtliche Vater-Tochter-Geschichte, die sentimental und tragisch wirkt.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Angriff eines Pfau während des Zoo-Besuches; der Hund, der den Vater wegen Chemiegeruch meidet; die kurze Anekdote wie der Großvater Mottes stirbt, nämlich sturzbetrunken auf dem Weg nach Hause, als er sich verläuft, stürzt und erfriert.
●Diskurs: Alkoholismus, Prekariat.
●Interpretation: Die Essenz der Fabel könnte lauten: der Großvater hat das Jackett vergessen, erfriert; der Vater geht als Jugendlicher in die Kneipe, nimmt das Jackett vom Haken, wirft es aber weg, wird selbst Alkoholiker, weil er nicht aus der Geschichte lernt, weil er die Geschichte, die Jacke, wegwirft; Motte dagegen nimmt aus dem zerbeulten Auto die Lederjacke des Vaters, schützt ihn; später nimmt sie die Lederjacke, nach der Beerdigung und schläft darin. Sie wird nicht vergessen, und deshalb wird sie auch aufhören zu trinken. Das Erbe der Familie wird man nicht los, indem man es vergisst oder wegwirft, sondern durchschreitet. Deshalb schlägt sie auch das Erbe gemeinsam aus, und dieses Erbe, das sie nicht antreten, wird ersetzt durch den Wackeldackel, den Motte in der Kneipe sieht, als sie den Drink dann nur bezahlt und stehen lässt.
… vgl. Strunks „Ein Sommer in Niendorf“, Streeruwitz „Auflösungen“, Rothmanns „Das Museum der Einsamkeit“, Strunks „Zauberberg 2“ … Alkoholismusthematik, insbesondere, da es um ein Paar geht, Rothmanns „Die Nacht unterm Schnee“. Leider fehlt der rote Faden, fehlt das Erzähl-Ich, Motte, zu sehr. Sie betäubt sich. Es gleicht einer Anamnese.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: nicht außergewöhnlich, eher aus dem Alltag gegriffen, runtergeschrieben, keine künstlichere Überformung und Durchformung
●Type-Token-Ratio: 0,16 Mittelfeld – (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 14 Wörter mit sehr geringer Standardabweichung von 5 Wörter. Sehr eindrückliche Parataxe. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 83,3% – typisch für Alltagssprache mit hohem Wiederholungsanteil. (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: Adjektive 4% und Adverbien 2% – karg. (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig.
●Satzstrukturen: nicht einfallsreich, eher mündlich tradiert.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: „Mein Bruder und ich“ – fast ein Leitmotiv.
●Innovation: gering, fast gar nicht.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: klarer Zeugenbericht, Selbstanalyse und Fremdanalyse, verworren.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): schwierig, denn die Erzählinstanz geht in das erinnernde Ich komplett über, das Ich besitzt keine Übersicht, es memoriert.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: betroffen, traurig, nachdenklich
●Einschätzung: Es handelt sich eher um eine Rede vor den anonymen Alkoholikern, die einzelnen Kapitel scheinen wie Sitzungen zu sein, das Ich, das trinkt, schafft keine Kohärenz, aber diese Inkohärenz wird inhaltlich aufgefangen
–> 3 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): insgesamt wirkt der Text eher improvisiert, bis auf das Jacken- und Hunde-Motiv
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: starke Reliefbildung durch eindrückliche Szenen
●Einschätzung: alles in Präsens geschrieben, ad hoc erinnert, ad hoc niedergeschrieben, ziemlich wahllos, aber es baut sich eine Spannung auf, eine Art Intensität, die das Geschick der Trinkerfamilie zu durchbrechen versucht, auch die Bruder-Schwester-Beziehung hält den Text zusammen, insgesamt im Ton sehr überzeugend, leider wenig Komposition. Ein paar Motive überzeugen jedoch sehr. Eindringlich.
–> 3 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: ja, nachdenklich und traurig gemacht
●Zweites Mal Lesen?: eher nicht, dazu war es zu wirr, zu unentschlossen, zu wenig durchgeformt, zu sehr Bericht, zu sehr eine Rohmasse, die noch nicht durchreflektiert wurde. Eher eine Skizze, für mich.
–> 3 Sterne
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Christine Wunnicke: „Wachs“
Fröhlich-empathisches Erzählen von widerborstigen Charakteren, leider viel zu kurz.
(Longlist deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 5/5 Sterne (interessante Charaktere)
Form: 5/5 Sterne (dichte, fesselnde Sprache)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (märchenhaft-glaubwürdig)
Komposition: 3/5 Sterne (zu rasch, zu eilig wegerzählt)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (zu sehr Infotainment)
—> 20/5=4,0
Wachs von Christine Wunnicke lässt sich als historischer Kurzroman bezeichnen. Der kurze Text umfasst die Jahre zwischen 1734 und 1795, die kursorisch aus der Sicht von Marie Biheron, einer Anatomikerin, und Madeleine Basseporte, einer Illustratorin und Malerin, hauptsächlich von Flora und Fauna, erzählt werden. Zäsur bildet selbstredend die Revolution von 1789, die die Stadt Paris in Mitleidenschaft gezogen hat und in die Marie sich kaum noch hinaus traut:
Vor fünf Jahren [1789] hatte das schlimme Wetter begonnen. Zu heiß. Zu kalt. Zu trocken. Zu nass. Faustgroße Hagelkörner durchschlugen die Fensterscheiben. Sie knallten auf den Arbeitstisch und zerstörten, was darauf lag, zerstörten überall in Frankreich die Ernte. […] Bauern drängten in Horden in die Städte und verbreiteten dort eine grässliche Stimmung. Dann wurde es kalt. Die Fenster froren zu. Die Flüsse froren zu. Die Mühlräder froren darin fest. Es schneite und schneite. Mit den Bauern drängten nun auch Wölfe in die Städte, sagte die Zeitung, strichen um die Häuser, heulten durch die Nacht und rissen die Kinder, die noch nicht erfroren oder verhungert waren.
Die Brotunruhen und die erhöhten Baguettepreise trieben die Landbevölkerung in die Hauptstadt. Marie flüchtet sich in ihr Kabuff. In steten Wechsel zwischen dem vor- und nachrevolutionären Paris wird der berufliche Werdegang der beiden außergewöhnlichen Frauen mehr oder wenig skizziert. Das Skizzieren besitzt den Vorteil, viel offen, viel im Geheimen und Mysteriösen erscheinen zu lassen. Und es wirkt. Marie wirkt unheimlich, zugänglich, fröhlich, vorwitzig, wie Madeleine streng, tapfer, selbstkritisch und lebenslustig. Wunnicke hat zwei sehr lebendige (historisch verbürgte) Figuren erschaffen:
»Ich hasse den Frühling«, hatte die bizarre Marie gesprochen, mit echtem Hass in der Stimme, und sonst kein Wort außer den mindesten Höflichkeiten, bei ihrer ersten Lektion. Vor einer Woche hatte ihre Mutter sie gebracht, auf dass sie hier zeichnen lerne. Seitdem erschien sie pünktlich zum Unterricht. Sie war fast noch ein Kind, schmal, blass, in immer demselben grauen Kleid. Mit festem, zu festem Stich zeichnete sie alles, was sie sollte; nicht schön. Sie zeichnete anders als alle anderen Mädchen, die Madeleine Basseporte je unterrichtet hatte. Während die meisten viel zu vorsichtig alles schraffierten, zog Marie harte Umrisslinien.
Der Märchenton bleibt und taucht die Vorgänge und Ereignisse in das milde Licht einer weit zurückblickenden Nacherzählung. Hierdurch erhält Wachs etwas sehr Ruhiges und Besonnenes, fast Zurückhaltendes. Den Personen wird nicht auf den Pelz gerückt. Sie bleiben für sich, auch die Liebe und das, was zwischen ihnen passiert, wird nur dezent, abgedunkelt, angedeutet. Wachs kommuniziert in diesem Sinne stark mit Stefanie vor Schultes Junge mit schwarzem Hahn, und informations- und aufklärungslastigen Verklärungen von wissenschaftlichen Entdeckungen wie Alan Lightmans Und immer wieder die Zeit.Wachs zu lesen bereitet Freude, hinterlässt aber den faden Beigeschmack, dass doch alles etwas schnell, zu zügig gegangen ist. Ein wenig zu rastlos, zu beschleunigt für die Zeit, die doch eigentlich erzählt wird.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Marie Marguerite Bihéron (M), begeistert von Anatomie, lebt von 1719 bis 1795, Lebenspartnerin Madeleine Basseporte (MD), 1701 bis 1780.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: als 14jährige schleichts sich M in die Baracke der Musketiere, um Leichen zu leihen. Sie will sie untersuchen. Sie bekommt keine und verschwindet wieder. Fühlt sich von der Bastille geschützt. Mutter führt eine Apotheke und hilft ihr. Ein Jahr später beginnt M ihren Zeichenunterricht bei MD. MD muss sich gegen männliche Zeichner der Botanik durchsetzen, führt die Schule, wurde aber nicht als Erbin vom Vorbesitzer Aubriet eingesetzt. Die Mutter ist sehr gläubig. M widerborstig, lädt MD zu einem Gottesdienst am Karmittwoch ein. Sie will MD etwas zeigen. Sie gehen hin und sehen den goldenen Altarraum. Danach verführt M sie. MD leidet unter dem Disrespekt der Kollegen und schreibt Briefe an Linné in Uppsala, die sie aber dann sofort verbrennt. Sie beschwert sich in den Briefen über die fehlende Anerkennung. M geht das Geld aus und beschließt, Geld mit dem Ausstellen von Wachsfiguren zu verdienen. Es ist das Jahr 1745. Sie beginnt Organe aus Wachs zu formen. Eine gewisse Madame d’Étoilles kommt bei MD zu Besuch. Sie heuert MD für das Bemalen der Tapeten und das Unterrichten der Hofmädchen an. Von M kauft sie ein Herz und ein Hirn aus Wachs. M unterrichtet Diderot, hat einige Schüler, auch Hebammen, die sich nur vordergründig bei ihr Treffen. Diderot streitet sich mit seiner Frau herum. Diderot und M philosophieren über die Chronologie und Chronometer. 1780, MD geht durch den Jardin du Roi, nun auf dem Höhepunkt der Anerkennung. M pendelt zwischen Paris und England. Sie schreiben sich Briefe. Sie hat es vermocht, die Grenadille passiflora zu bestäuben, die nun eine Frucht zeigt. Leider wurde die Frucht von einem Vogel zerhackt, der sich durch den die Frucht schützenden Käfig gekämpft hat. MD stribt.
Während der Revolutionsereignisse und dann weitere viereinhalb Jahre legt sich Marie zum Sterben hin, übergibt ihre Wohnung und zieht in ein Kabuff, wo sie gepflegt wird, auf dem Bett liegt und auf dem Tod wartet. Ein gewisser Edmé Cantegrit verpflegt sie, bringt Essen und leert ihre Bettpfanne. Sie räsoniert über die Guillotine, die sie das Cembalo nennt. Dann beginnt sie wieder Lebensmut zu fassen, zumindest eine gewisse Neugier. Edmé schlägt sich durch als Kesselflicker und später auch als Stricher. Die Geschäfte des Vaters gehen nicht gut. M beschließt, wieder in die Stadt zu gehen und bittet Edmé sie auf einem Wagen zu ziehen. Er fährt sie zur Bastille, zeigt das Paris, das sich verändert hat. Sie gehen in einen Buchladen. Dort liegt der Roman Paul und Virginie Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierre, ein Buch, das M wegen der herabwürdigenden Frauenfiguren verabscheut (die Heldin ersäuft, weil sie ihr Hemd anlassen will). Sie sucht Affenbilder. Im Park der Tuilerien treffen sie auf einen Brigadisten mit einen angeketteten Bären, und ein winziger zerzauster Affe springt auf M herum, pinkelt sie an. M möchte zum Jardin des Plantes. Saint-Pierre leitet den Jardin des Plantes sehr schlecht. Er geht vor die Hunde. M und Edmé besuchen ihn. Sie wollen einen toten Affen erwerben. Sie sehen einen toten Leoparden. Sie treffen den Affen vom Karussellplatz an den Tuilerien wieder. Völlig zerzaust, erschöpft, fast verhungert. Sie nehmen ihn mit. M will unbedingt vor ihrem Tod einen Affen sezieren. Sie nennen ihn Virginie. Virginie blüht auf und wird zu einem Familienfreund. M lebt nun bei den Cantegrit, fröhlich und mag den Frühling. Der Affe bringt die Familie zusammen.
●Kurzfassung: Marie, eine Anatomikerin kämpft sich durch, und Madeleine, eine Zeichnerin von Pflanzen auch. Sie finden zusammen und leben ein glückliches Leben. Madeleine stirbt als Hofzeichnerin vor der Revolution. Marie verkriecht sich während dieser und legt sich hin zum Sterben, stirbt aber nicht. Nach viereinhalb Jahren schleppt sie sich durchs postrevolutionäre Paris und findet neuen Lebensmut durch einen Affen.
●Charaktere: (rund/flach) – rund, wohlgezeichnete, eigenwillige Charaktere, mit wildwobenden Gedankenwelten.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Musketier mit der Oboe; gute Szene am Anfang, mit der vorwitzigen Marie in der Musketierbaracke.
●Diskurs: Frauenemanzipation, Nichtanerkennung ihrer Leistungen, Aufklärung insgesamt.
… gefesselt durch wahre Geschichte, Eckdaten der beiden Hauptfiguren: Marie Marguerite Bihéron und Madeleine Françoise Basseporte; insofern gebremste Phantasie, ambigue Geschichtsschreibung.
… informatives Märchen. Vgl. Bücher wie Einsteins Traum von Alan Lightman. Wirkt verzaubert, auch ein wenig wie Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte, besitzt auch Züge von Empusion, durch die entfernte Erzählstimme, und Blaue von Antje Rávik Strubel, wie auch ihr Der Einfluss der Fasane.
… für meinen Geschmack zu kurz, und dann auch noch episodenhaft, zweigeteilt, so dass durch die Zeitlücke, die entsteht (insbesondere zwischen 1780 und 1794), aber auch davor, die Figuren sehr weit entfernt wirken, dennoch einen Zauber ausstrahlen, aber gedämpft, schillernd, nicht brennend, lebendig, eher weit weit weg.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz:
●Type-Token-Ratio: 0,17 stilistisch anspruchsvollere (Musil >0,25 – Genre < 0,1)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 10, mit Standardabweichung 8 Wörtern. Schnelle, zügige Prosa, schnell zu lesen.(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 77%, weist auch auf die literarische Sprachstruktur hin (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: relativ gering, typisch für Gegenwartsliteratur Adverbien unter 1%, Adjektive unter 2% (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig, sehr historisch
●Satzstrukturen: schnell, Szenenanweisung, eher inszeniert
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Tiere, der Affe, Leichen
●Innovation: für die Gegenwart sehr poetische Prosa, leicht beschwingt
… ich gebe 5 Sterne, weil die Sprache zugänglich, nie langweilig, nie ärgerlich, nie spröde wirkt. Zwar besitzt Wunnicke kaum Innovation, aber durch die Sprache kommt eine Erzählweise und Souveränität hindurch.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: eine gebrochen, personale Erzählweise aus Maries und Madeleines Sicht, die aber auktoriale Züge durchs Episodische und die raschen und vielen Schnitte erhält. Sehr Märchenhaftes.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Erzählinstanz verbirgt sich, wirkt aber durch das leutselige Erzählen glaubwürdig, situiert und perspektiviert bleibt es auf seine, personale, Weise. Die Figuren besitzen Selbstbewusstsein. Gutes Genre-Erzählen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: sehr empathisch, freundlich, offen für die Figuren.
●Einschätzung: Es besitzt keine eigene Erzählinstanz im strengen Sinne, aber passt zum Plot und Stoff, ein sehr klassisch-naives Erzählen, das sich wenig Schnitzer erlaubt. Sehr zusammenfassend.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Hin und Her gewechselt zwischen dem vorrevolutionären und nachrevolutionären Paris, also die Zeit, als Madeline noch lebt und als sie bereits verstoben ist.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein.
●Lose Versatzstücke: Nein. Ein wenig unpassend das Herumgehacke auf Paul und Virginie, passt nicht in den Fluss, nicht zu Marie.
●Reliefbildung: durch die arge Verdichtung, viel Tempo, sehr abwechslungsreich.
●Einschätzung: leider ein viel zu schnelles Tempo, zu viele Sprünge, zu wenig Dauer, zu wenig Festhalten, mehr alles in einen Topf Werfen, Herumrühren und Servieren und hoffen, es mundet. Eilig runtererzählt. Leider. Vielleicht, weil es an historischen Eckdaten mangelt.
–> 3 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, spannend
●Geärgert: nein
●Amüsiert: ja
●Gefesselt: ein wenig
●Zweites Mal Lesen?: leider nicht – es besitzt einen zu großen pädagogischen, und einen zu geringen narrativen Grad, zu wenig komplex
–> 3 Sterne
Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“
Humorlose Selbstbetrachtung eines Feiglings, der so planlos erzählt wie er ziellos handelt.
(Longlist deutscher Buchpreis 2025)
Inhalt: 1/5 Sterne (keine Pointe)
Form: 1/5 Sterne (schlimme Patzer)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (perspektiviert, sonst nichts)
Komposition: 2/5 Sterne (es gibt ein Ende)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (innovationslose Inkonsistenz)
–> 7/5=1,4
Die Verdorbenen erinnert in Stoff und Dynamik sehr an James Baldwins Giovannis Zimmer und Albert Camus‘ Der Fremde, nur nicht erzähltechnisch. Stilistisch lehnt sich Köhlmeier stark an den Schelmenton eines Jan Faktors in Trottel und Maxim Billers Der falsche Gruß an. Johann, die Hauptfigur, wird offensichtlich von der hintergründigen Erzählinstanz durch den Kakao gezogen:
An ihr Lächeln erinnerte ich mich — dieses glückliche Lächeln, als [Christiane] sich nach ihrem kleinen Referat, noch im Applaus ihrer Kommilitonen, neben Tommi gesetzt und er seine Hand auf ihre Schulter gelegt hatte. Ich fantasierte Schutzlosigkeit und Hingabe in dieses Lächeln. Wer sie lächelnd erwischte, könnte ihr sehr weh tun. Der Gedanke erregte mich. Gleich, ob ich mich in der Rolle des Beschützers oder des Bezwingers sah.
Es ist klar, dass hier eine schwächliche Männerfigur vorgeführt wird, und es ist bezeichnend für diese Art von Texten, dass die Ich-Erzählinstanz unglaubwürdig, konstruiert, ja zerfahren, abstrakt und mechanisch stotternd wirkt. Es spricht hier kein Erzähl-Ich über sich. Die Narration kommt nicht wirklich in Schwung, viele kurze, parataktische Sätze (über 50% kürzer als 8 Wörter), keine Adjektive (1,3% da keine Sinnesgewissheit) und so gut wie keine Adverbien (0,5% da keine Handlungsgewissheit). Die Figur „Johann“ existiert einfach nicht.
Ich hätte mich manchmal im Bett aufgesetzt und zu reden begonnen. Vorträge hätte ich gehalten. Mit einer anderen Stimme. Einer fremden, kalten Stimme. Tiefer als ein Kind. Unverständliches hätte ich geredet und dabei mit dem Kopf genickt, als bestätigte ich, was einer gesagt habe, der nicht anwesend war. Mein Vater habe zu meiner Mutter gesagt: Er ist es schon nicht mehr, da redet ein anderer, er ist schon hinüber, lassen wir ihn, es ist vorbei. Es war die Geschichte meiner Eltern, nicht meine. Ich war nur der Katalysator. Auch im Roman meines Vaters wäre es nicht um mich gegangen, nicht um die Familie, nur um sie beide.
Auch in Die Verdorbenen geht es nicht um Johanns Ich, der sich zu Frauen hingezogen fühlt, aber vor jeder Frau zurückschreckt, sobald sie sich ihm auch nur ansatzweise öffnet. Er strebt Kontrolle über das Fremde an und will mit Sprache die Lücken des Lebens schließen, in denen sich Schuld angehäuft hat, um sich reinzuwaschen. So das Bild von der Druckerschwärze, die die Fugen des Schachbretts verunsichbaren, am Ende des Textes.
Verdorben ist an dem Text so manches, vor allem aber die schreibtechnische Umsetzung einer etwas an den Haaren herbeigezogenen Idee. Die philosophische Allegorie zieht nicht. Sie bleibt zu diffus. Die Lücken wirken nicht geheimnisvoll. Sie wirken ungekonnt und beinahe lapidar unausgefüllt. Am Ende bleibt ein Kurzroman darüber, wie ein Möchtegern-Casanova am Stuttgarter Hauptbahnhof Wiener Würstchen mit Senf verzehrt.
In Stuttgart hatte ich eine Stunde Aufenthalt. Ich aß ein paar Wiener Würstchen mit Senf und Ketchup und trank dazu eine Cola. Aus dem Automaten zog ich eine Schachtel Zigaretten und kaufte mir in der Bahnhofsbuchhandlung den Spiegel. […] Endlich stand mir die Welt wieder offen. An allem war ich interessiert, und noch nie hatte ich Wiener Würstchen gegessen, die mir so gut schmeckten.
Das Plusquamperfekt ist durch die Erzählgegenwart, die in Präsens verfasst ist, einfach falsch. Aber von dieser Kleinkariertheit abgesehen (unzählige falsche Konjunktive) schafft es Köhlmeiers Die Verdorbenen an keiner Stelle auch nur ansatzweise das Handeln und Denken dieser Figur zu plausibilisieren. Sie wirkt wie eine Art fehlgeschlagenes Experiment, ein narrativer Frankenstein, der durch die 1970er Jahre der Bundesrepublik Deutschland torkelt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Johann, blickt zurück auf sein Leben in die 1970er in Marburg.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: … Schlüsselsatz: Der Vater fragt Johann, als dieser sechs Jahre alt ist, was er unbedingt einmal in seinem Leben machen möchte. Daraufhin denkt sich, ohne es zu sagen, Johann, einen Mann umbringen.
… 1. Teil: zweimal bietet sich Christiane ihm an, zweimal lehnt er ab; dann ergreift er selbst die Initiative und fährt zu ihr, und sie kommen zusammen.
… 2. Teil: sie leben zusammen; Christiane überlegt sich umzubringen; Johann geht Christiane aus dem Weg und lernt Gabriele kennen, aber entzieht sich ihr wieder; Tommi, verlottert taucht bei ihnen auf; sie leben wieder zusammen; Tommi bastelt in der Wohnung; Johann und Christiane entfremden sich; Johann fordert Tommi und Christiane auf, es miteinander zu tun; als sie es tun, flieht er mit Sack und Pack; er fährt zu seinen Eltern, stiehlt Geld, und trampt nach Ostende.
… 3. Teil: Er wird des Nachts angegriffen; er wehrt sich und erschlägt den Fremden, raubt ihn aus; ihm ist klar, dass die Gewalt über Notwehr hinausgegangen ist; er flieht nach Aachen und versteckt sich in einem Hotel; er schreibt Christiane einen Liebesbrief, fordert sie aber auf, ihm treu zu bleiben; er fährt zurück nach Marburg, findet Christiane, die Tommi erstochen hat; Christiane hat statt sich selbst Tommi getötet; sie stellen sich der Polizei, die beide aber freilassen.
… Schluss: Johann erinnert sich, wie er Tommi beim Basteln belauscht hat; er hat seine Methode, ein Schachbrett und die Fugen desselben zu verzieren, mit einer Zeitung, mit Druckerschwärze, ein Geschenk für Johann. Tommi wirkt etwas irre. Am Ende treffen sich vierzig Jahre später Johann und Christiane wieder.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Johann studiert so vor sich hin, Germanistik und Politologie, unterrichtet als Tutor und söhnt sich mit seinem Vater aus, der ihn beim Bier auf sein Liebesleben hin befragt. Daraufhin bandelt Johann mit einer Studentin aus seinem Seminar an, Christiane, die eigentlich mit Tommie zusammen ist. Eine ménage à trois entsteht. Zuerst lebt Johann bei ihnen, dann ziehen Christiane und er in eine eigene Wohnung, bald jedoch erscheint Tommie wieder und sie leben wieder zu Dritt. Eines Tages fordert Johann die beiden auf, Sex miteinander zu haben. Er fühlt sich überflüssig, zieht sich zurück, hebt sein ganzes Geld ab, fährt zu seinen Eltern, bestiehlt sie, fährt dann per Anhalter nach Belgien, Ostende, übernachtet in einem Strandkorb, wird dort von einem Fremden überrascht und geschlagen. Johann wehrt sich zuerst, ergreift ein Holzstück und schlägt den Fremden tot. Daraufhin flüchtet er zurück nach Deutschland, fährt zurück nach Marburg, findet dort Christiane verstört in der Wohnung vor, die vor dem toten, erstochenen Tommie sitzt. Er stellt sich der Polizei, kommt aber frei. Nach Jahrzehnten treffen sich daraufhin Christiane und Johann in Frankfurt wieder. Sie haben beide stets an den jeweiligen anderen denken müssen.
●Charaktere: (rund/flach) … keine wirkliche Angabe möglich, so zerfahren, verwuselt, verstockelt … also eher flach, wenn überhaupt
●Besondere Ereignisse/Szenen: keine, sehr kurz, nichts Bemerkenswertes
… der Text erschließt sich nicht; der Protagonist will nicht auffallen, sucht sich eine Freundin, ist irgendwie interessiert an Frauen, dann aber doch nicht, äugt aber allen Frauen hinterher, findet sie aber meist nur interessant, wenn sie nicht verfügbar sind (wie Jackie, bspw.), bieten sie sich ihm an (wie Valerie, Christiane, Gabriele) schreckt er zurück, hat Angst. Außerdem will er sich seinem Vater gegenüber ebenbürtig fühlen, der im Krieg wohl gemordet hat, deshalb auch sein Wunsch, gleichzuziehen, um dann vielleicht auch so unverkrampft mit seiner Partnerin umgehen zu können, wie der Vater mit der Mutter. Die Konkurrenz mit dem Vater treibt den Text: er schreibt den Roman, den der Vater nicht zustande bringt; er mordet, wie der Vater im Krieg getötet hat, und dann versucht er sich durchs Erzählen reinzuwaschen.
… Schlusspassage: Tommi bastelt für Johann ein Schachbrett, ein Spiel der Macht und Kontrolle, und verwendet die Druckerschwärze der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, um die Fugen zwischen den Felder zu verzieren, also die Lücken unkenntlich zu machen (als schwarze Rahmung um die schwarzen Felder herum). Das Geschrieben bringt die Lücken zum Verschwinden und so wird für ihn Erzählen zu einer Reinwaschung und Wiedergeburt der Lücken im strategischen Spiel des Lebens um Macht und Körper. Leider vermag die Sprache diese hochtrabende Allegorie nicht zu halten, auch überzeugt sie nicht ästhetisch-grauenvoll.
–> 1 Stern
Form:
●Wortschatz:
●Type-Token-Ratio: (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: über 50% der Sätze sind sehr kurz (unter 8 Wörtern), parataktischer, mundartlicher Stil. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: extrem geringer Adjektivanteil 1,3% und Adverbienanteil 0,5%, fast komplett reduziert. (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Stimmige Wortfelder: bei den Text trifft Stimmigkeit nicht zu
●Satzstrukturen: äußerst simpel, nur zwei, drei Sätze besitzen reflexives, differenziertes Längenniveau.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: das Nichtwissen, Nichterinnern, das Nichtverstehen
●Innovation: keine
… nicht nur werden Zeiten und Modi völlig beliebig verwendet, was zum Teil an dem österreichischem Sprachgebrauch erinnert; es ist zudem eine völlig einfallslose, hakelige Sprache, die niemals wirklich ins Erzählen kommt.
–> 1 Stern
Erzählstimme:
●Eindruck: zerfahrener Ich-Erzähler im Schelmenstil, zu variabel, beliebig
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): unreflektiert, aber situiert (im Nachhinein), und perspektiviert auch.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: Lakonisch, unwillig, konfus, dissoziierend, unlauter
●Einschätzung: wie Schelmenstücke nun einmal sind, unzuverlässiges, beliebiges Erzählen, das gar nicht konsistent sein kann, wenigstens aber die Perspektive aufrechterhält.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): nein, eine verworrene Nacherzählung
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: ja, bspw. Gerry Mangold und seine Jacky kommen aus dem Nichts, auch diese seltsame Valerie und Gabriele
●Reliefbildung: nein
●Einschätzung: wenigstens findet die Geschichte einen Abschluss
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: ja, über die Sprache
●Amüsiert: nein, blöde Anspielungen
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen?: auf keinen Fall
–> 1 Stern
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Anna Prizkau: „Frauen im Sanatorium“
Psychodramatische Skizze, die selbst die Ich-Erzählerin kaltlässt.
Inhalt: 3/5 Sterne (rigorose Selbstentlarvung)
Form: 1/5 Sterne (spontanes Geblubber)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (inkohärent)
Komposition: 1/5 Sterne (kein Plot, kein Rahmen)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (ein paar mitreißende Stellen)
–> (8/5)=1,6 –> 2 Sterne.
Bei Frauen im Sanatorium handelt es sich um eine mehr oder weniger gewagte Mischung aus Monstrosa,Die Glasglocke, und Empusion. Vom Leben in einem Sanatorium wird gehetzt berichtet. Anna, Anfang Dreißig, fühlt sich wurzellos, von ihren Eltern verlassen und verraten und bringt sich selbst in Gefahr, als sie an ihre Kindheit, an das frühere Leben mit ihren Eltern nachdenkt:
Als ich meinen Eltern schrieb, über den letzten Abend unseres alten Lebens und über ihre Lügen, verdrehte sich die Schrift auf meinem Display. Es lag am Rum. Aber die Nachrichten an sie hatte ich irgendwie verschickt. Danach setzte ich mich aufs Fahrrad, fuhr, ohne Licht anzumachen, über Straßen, über rote Ampeln. Ich wusste nicht, wohin ich wollte, aber ich wusste, was ich wollte. Und es passierte. Das Auto fuhr nicht schnell, doch schnell genug. Ich kam im Krankenwagen zu mir.
Frauen im Sanatorium lässt sich als verkappter Episodenroman verstehen, denn neben der Handlung rundum die mögliche Genesung Annas wird das Leben von anderen Patientinnen skizziert, die allesamt von einem schlechten Gewissen handeln und die jeweiligen Figuren in einer Art lebensapathischen Schockstarre und Verzweiflung halten. Die Erzählweise schlingert, ruckt, findet keinen Rhythmus und zuppelt sich über die Ziellinie, die früher oder später gezogen werden hätte können:
«Was ist aus Pin [dem Hund] geworden?», sagte David. «Wir wuschen ihn und küssten ihn, und alles war wie vorher. Das dachten wir, aber das war falsch. Denn als Baba am selben Abend mit Pin zum Park gehen wollte, bewegte er sich nicht. Baba nahm ihn auf seinen Arm, und Pin schrie, bellte, er schnappte sogar zu. Er wollte nicht mehr vor die Tür. Wir schafften es irgendwann, Pin auf den Bürgersteig vor unserem Haus zu setzen. Dreimal am Tag. Da machte er dann sein Geschäft. Er wurde aber immer runder, immer schwerer, nach einem Jahr war er so dick, dass er kaum noch laufen konnte. Dann starb er. Aber wir hatten es noch gut gehabt. Er war zurückgekommen. Das war das Wichtigste!», sagte Elif und lächelte.
Gute, derbe, platte, oberflächliche, gewitzte, gewollte Partien gehen Hand in Hand und lassen Frauen im Sanatorium zu einem Wechselbad der Gefühle werden, das aber bald in nüchterne Lakonie einmündet, die Waffen streckt und gähnt. Zu inhomogen, zu inkohärent, inkonsistent und beliebig reihen sich die Figuren, die in Überfülle durch die Zeilen huschen, wie unbändige Gespenster, die die Erzählinstanz heimsuchen und verwirren.
Auf der gelbgrauen Zeitungsseite sahen sie braun aus, aber sie waren blau.
Dann wurde sie zum Chef gerufen. Ihr Chef war eine Chefin, erst Anfang zwanzig und ehrgeizig wie Menschen, die Anfang zwanzig sind.
Zu viele Hilfsverben, ein zu reduzierter Sprachschatz in allen Belangen, eine unkomponierte Fülle von Ideen, die auseinanderstreben, geben Anna Prizkaus Frauen im Sanatorium etwas von einer wilden, durchzechten Nacht, während der viel gehört, viel gesagt, wenig kapiert und noch viel weniger verstanden wurde. Nur leider machen diese Nächte denen wenig Spaß, die unfreiwillig außen vor und nüchtern dabei bleiben. Ich werde dennoch den Blick in ihr nächstes Buch wagen, denn es gab viele Ansätze, die ich gerne weiterverfolgt hätte.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
Ich-Erzählerin, Anna, 31, intoxisiert sich und provoziert einen Fahrradunfall, kommt danach ins Sanatorium; Anlass Erinnerungen an den letzten Abend vor der Emigration der Eltern nach Deutschland. Grund unklar. Möglicherweise ein eifersüchtiger Ehemann der Geliebten des Vaters. Sie emigrieren nach Deutschland. Beide berufstätig. Vater sehr erfolgreich bei Frauen. Sie führen eine offene Ehe. Als ein guter Freund stirbt, übernehmen sie die Verantwortung für die Tochter Nika, mit der Anna ein großes Problem hat. Die Eltern trennen sich. Der Vater zieht mit Tatjana, der Mutter von Nika, zusammen. Dann kommt es zu Misshelligkeiten mit dem Titel von Annas Mutter. Sie zieht sich zurück, wird depressiv, bettlägerig. Anna muss sich um sie kümmern, erträgt Nika nicht. Anna arbeitet im Theater, ist überlastet, bittet den Vater um Hilfe. Tatjana wettert dagegen. Anna, verzweifelt, bringt sich fast um, landet im Sanatorium kennen.
Elif, arbeitet bei ihrem Eltern am Lebensmittelstand. Sie hat Anna in einem Notizbuch, erfundene und möglicherweise wahre Informationen über die anderen im Sanatorium hinterlassen. Baschir hat sie als Retter in der Not kennengelernt (eine wirre Story über die entlassene Stripperin Tiramisu). Er nimmt beide mit nach Hause. Sie kommen zusammen. Elif betrügt ihn mit Jacub, den sie in Warschau kennenlernt. Sie hat eine Affäre, will aber erwischt werden (lässt das Telefon mit Nachrichten von Jacub herumliegen). An einem Wintertag verschwindet Baschir, mglw. Unfall mit Todesfolge. Sie wird schwanger, weiß nicht, ob es Baschirs oder Jacubs ist und bricht die Schwangerschaft ab. Sie will kein Kind von einem Toten. Nach der Abtreibung wird sie depressiv und landet in der Klinik.
Marija, um die fünfzig. Ihre Eltern sind beide Dichter in der Sowjetunion der 1970er gewesen, wurden denunziert und verbannt. Marija kommt zu ihrer Tante. Mutter stark gläubig. Sie hat ihren ersten Mann, Boris, 1987 mit 26 Jahren in der Ukraine kennen, emigrieren. Sie wird schwanger, bekommt Tochter, die nach Marijas Mutter kommt, dichtet auch. Marija, in der Ukraine Lehrerin, arbeitet in einem Krankenhaus als Putzfrau. Als die Eltern sie über Weihnachten besuchen kommen, streiten sie sich über Tradition und das Fasten. Sie zerstreitet sich mit ihrer Mutter, die kurz darauf stirbt. Ein Arzt verliebt sich in sie. Boris wird krank. Sie verabscheut ihn mehr und mehr. Als Boris stirbt, kommen sie offiziell zusammen. Er will sie heiraten. Sie will aber nicht und verkuppelt ihn mit einer jüngeren Kollegin. Sie kündigt, zieht sich zurück und lebt vom Ersparten und kommt irgendwann in die Klinik. Am Ende des Buches wird sie von ihrer Tochter abgeholt, mit der sie sich ausgesöhnt hat.
David, bildender Künstler, 32 Jahre alt, schizophren. Hat eine Affäre mit einer reichen geschiedenen (verwitweten?) Frau, die einen Sohn hat. Es heißt, er habe alles verloren, auch seine Galerie, als Anna danach googelt, hat er immer noch eine Galerie. Seine Geschichte existiert in mehreren Versionen, am Ende hört Anna diejenige Version seines Bruders, nach der sein geisteskranker Bruder eifersüchtig auf den Sohn der Frau gewesen ist, diesen unter Drogen setzt, das dem Ex-Mann petzt und so der Frau die Möglichkeit nimmt, ihren Sohn oft zu sehen. Nach Monaten des schlechten Gewissens beichtet David dies der Frau, die ihm verzeiht. Sie bleiben zusammen. Alles renkt sich ein, aber die Liebe ist, dann trennt sich die Frau irgendwann von ihm, und David rastet aus und landet im Sanatorium.
Katharina, Soldatin. Ihre Eltern sind Sportler gewesen, fuhren sogar zu den olympischen Spielen. Sie denkt, sie ist der Grund, warum die Eltern ihre sportliche Ziele nicht erreicht haben, und stoppt deshalb ihre eigenen sportlichen Ambitionen. Deshalb hören die Eltern immer auf zu singen, wenn sie amerikanische Songs im Radio hören. Sie denken an das, was sie für die Tochter aufgegeben haben. Also gibt sie es auch auf.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Anna findet sich in einem Sanatorium wieder. Sie lernt Marija und Elif kennen. Von Elif bekommt sie ein Buch über die Mitinsassen. Elif empfiehlt ihr auch, eine Affäre mit dem gutaussehenden Künstler David einzugehen. Sie bandelt mit ihm an, befreundet sich mit einer Soldatin und ihren Soldatenkollegen und säuft mit ihnen. Als David mit Anna ruppig, rücksichtslosen Sex hat und ihr von seinem Leben erzählt, weiß sie, dass er lügt und will sich an ihm rächen. Am nächsten besuchen ihre Eltern sie. Sie sind wieder zusammen (nach einem Inzident mit einem erschossenen Fuchs und geschmolzenem Eis), doch dann taucht auch Nika wieder auf, die bei ihnen wohnen wird. Anna fertig mit der Welt trifft auf David und beschließt sich nun an ihn zu rächen. Sie geht tränenverschmiert zu den Soldaten, die David zusammenschlagen und in Eiseskälte mitten in der Nacht liegen lassen. Am nächsten Tag lernt sie Davids Bruder kennen. Sie reden viel. Er küsst sie. Sie erinnert sich, dass David ihr ein Geschenk versprochen hat. Es ist sein Lieblingsring. Am Ende nimmt sie eine Überdosis der Tabletten, die sie sich aufgespart hat.
●Charaktere: (rund/flach) – weder noch, leider zu skizzenhaft, zu wenig formale Durchdringung, also eher flach.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Das Märchen mit der Prinzessin, die eifersüchtig auf alle ist und allen Geburtstag verbietet. Nur sie will Geburtstag haben. Dann will sie zudem noch den Mond geschenkt bekommen. Sie wird verzaubert, lebt bei einem Fischer, bescheiden und glücklich. Ihre Eltern suchen nach ihr. Sie wird gefunden und versorgt. Dann erinnert sie sich an den Fischer und erfährt, dass dieser hingerichtet worden ist. Um sie wieder heiter zu stimmen, verschenken sie ihr Herz, um von einem Zauberwesen den Mond für ihre Tochter zu erhalten. Sie hat nun den Mond in einer Kiste. Sie freut sich, läuft zu ihren Eltern, aber diese behandeln sie eiskalt. So leben sie dahin, und sie verflucht sich, sich den Mond gewünscht zu haben.
… sie erkennt sich als Narzisstin, nur zu spät. Sie wollte die Eltern für sich, aber die Eltern wollten auch Nika, das erträgt Anna nicht. Sie versucht sich erneut umzubringen. Die Metapher steht für Annas Lebensgeschichte. Sie will das Zentrum ihrer Eltern sein, ist es aber nicht. Diese kümmern sich mehr um ihre jeweiligen Affären. Sie rettet sich in die Kunst, aber das reicht nicht. Sie flieht in eine Phantasiewelt, das Sanatorium, dort lebt sie mit dem Fischer (David) zusammen, könnte glücklich sein. Da besuchen sie die Eltern, der Zorn flammt von Neuem auf. David (der Fischer) muss büßen – Verschiebung; und sie will die Eltern wieder für sich (ohne Nika), aber bekommt sie nicht. Die Beziehung bleibt kalt.
… die Figuren gehen an ihrem schlechten Gewissen zugrunde (Marija gegenüber ihrer Tochter, dass sie eifersüchtig auf sie ist, und wegen ihres verstorbenen Ehemannes, dessen Tod sie sich gewünscht hat; Elif, weil sie Baschir betrogen hat, und an der Abtreibung leidet, an ihrem Ansinnen, dass sie kein Kind von einem Toten will; David, dass er die Beziehung einer Mutter zu ihrem Sohn zerstört oder gefährdet hat; Katharina hat ein schlechtes Gewissen, weil ihre Eltern ihretwegen nicht bei den olympischen Spielen glänzen konnten).
… seltsam oberflächlich, ziemlich Liebes bezogen, Freund-Nicht-Freund, Partner, Betrügen etc … relativ beklemmend, uneinsichtig, nicht überzeugend, zu fahrig, ein paar gute Szenen (die mit dem Wellensittich, und die mit dem Hund PIN, und die mit dem Fuchs, der angefahren wird). Hatte Potential zu viel mehr.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz:
●Type-Token-Ratio: im Genrebereich 0,10 – (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11 mit Standardabweichung 7 (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: im Genrebereich 84% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: Adjektive 1,3% und Adverbien 3,6% – extrem niedrig. (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Stimmige Wortfelder: ja
●Satzstrukturen: simpel
●Wiederkehrende Motive/Tropen: die Türkentauben, die Flamingos, das Rauchen, das Saufen, der Blick in den Spiegel
●Innovation: null
… gar keine Schriftsprache. Mehr lässt sich da nicht sagen.
–> 1 Stern
Erzählstimme:
●Eindruck: Ich-Erzählerin, die aus einem unzuverlässig recherchiertem Buch abliest, selbst Dinge erlebt, die eher traditionell berichtet werden.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): konsequent Ich, mit Briefeinlagen und Berichtnacherzählungen. Im Grunde unklares Ende. Sie erzählt von diesem Selbstmordversuch, also hat sie ihn überlebt, aber auch das lässt sich nicht klar ableiten. Eher schwebend.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: sehr wertend, sich und anderen gegenüber, insbesondere in Sachen Aussehen.
●Einschätzung: eher eine narrative Skizze, kaum Plot, eher dialogisches Fabulieren, Assoziieren, kaum formale Struktur
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): viele kleine Episoden, Häppchen, die es abwechslungsreich machen könnten, wäre die dröge, langsame, nichtssagende Art zu erzählen nicht. Auch die Verbindung wird nicht klar.
●Extradiegetische Abschnitte: ja, ein Märchen kommt aus dem Nichts, bspw.
●Lose Versatzstücke: zu lose komponiert, um wirklich von Versatzstücken zu sprechen, eigentlich alles ein Versatzstück
●Reliefbildung: ja, mit kleinen, verdichteten Szenen (Vater geht Eis holen; Wellensittich wird umgebracht …)
●Einschätzung: nein, eine wirkliche Komposition gibt es nicht, kein Rahmen, kein roter Faden, nur ein Ich, das ichbezogen bleibt.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: teilweise, ja
●Geärgert: nicht wirklich
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: hier und da
●Zweites Mal Lesen?: nein
–> 2 Sterne
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Christa Wolf: „Der geteilte Himmel“
Aufbau und Verhängnis im Kleinen wie im Großen – schonungslos aufgezeichnet.
Inhalt: 5/5 Sterne (Aufbau und Verhängnis)
Form: 5/5 Sterne (Innen-außen-verknüpfend)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (Perspektiviert-selektiv)
Komposition: 5/5 Sterne (verdichtete Geschichte)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (kreisendes Mutschöpfen)
Der geteilte Himmel erschien 1963 und wird häufig im Rahmen des Bitterfelder Weges gelesen, nach welchem Kunst- und Kulturtätige auch Erfahrungen in Fabriken sammeln sollen, bevor sie zur Feder greifen. Genau gelesen aber vermittelt Wolf in diesem als Erzählung titulierten Text allgemeine und besondere Geschichtserfahrung, indem sie, sehr ähnlich zu Jenny Erpenbeck in Kairos , parallelisiert die Trennung Deutschlands durch eine Liebe zwischen dem Dorfmädchen Rita Seidel und dem Chemiestudenten Manfred Herrfurth allegorisiert:
Früher suchten sich Liebespaare vor der Trennung einen Stern, an dem sich abends ihre Blicke treffen konnten. Was sollen wir uns suchen? »Den Himmel wenigstens können sie nicht zerteilen«, sagte Manfred spöttisch.
Den Himmel? Dieses ganze Gewölbe von Hoffnung und Sehnsucht, von Liebe und Trauer? »Doch«, sagte sie leise. »Der Himmel teilt sich zuallererst.«
Was hier passiert, verquickt Wolfs Erzählinstanz durch viele Ebenen, beispielsweise, dass es just in dem Jahr der Erzählung zur Erdumrundung von Yuri Gagarin gekommen ist, dass die Berliner Mauer gebaut wird, dass ein Waggonwerk droht, in Konkurs zu gehen, dass die Produktionsleistung intrigant agiert, sich Fabrikwerke nicht für Innovationen öffnen, Projekte und Erfindungen abschmettern, Ideologen und Phrasendrescher sich durchsetzen, um nur einige Beispiele von Problemkonstellationen zu benennen, die die diversen Figuren in Der geteilte Himmel schier in den Wahnsinn und in die Erschöpfung treiben:
Aber der Arzt braucht nicht zu fragen, er weiß ja alles, es steht auf dem Unfallblatt. Diese Rita Seidel, eine Studentin, arbeitet nur während der Ferien im Betrieb. Sie ist manches nicht gewohnt, zum Beispiel die Hitze in den Waggons nicht, wenn sie aus der Trockenzelle kommen. […] sie hat [die sechzig bis siebzig Pfund schwere Werkzeugkiste] noch bis zu den Schienen geschleppt, wo gerade rangiert wurde, und dann kippte sie um — kein Wunder, zart wie sie ist. Nun heult sie, auch das kennen wir.
Wolf gelingt es multiperspektivisch viele Problemlagen miteinander zu vermischen, so, dass es zu einer Gemengelage an Trist, aber auch Mut, Mut zur Verzweiflung, aber auch zu Abschied, Trennung, und diversen Neuanfängen kommt. Manche geben auf. Andere knicken ein. Andere begehren auf. Wolf zeichnet eine Situation nach, in der der Wille zum Wiederaufbau im Keim zu ersticken droht. Die Erschöpfung grassiert, und so zeichnet sie sowohl den Niedergang eines Waggonwerkes wie den Niedergang einer Beziehung nach, literarisch so ausweglos eindringlich, weil die Verhinderbarkeit aller Probleme im Gedächtnis verbleibt. Ihr Stil erlaubt ein kurzes Aufatmen, nur um aber den nächsten Schock weiterzuverarbeiten. Ihre Protagonistin hält es aus. Sie hält es aus, weil sie hinsieht.
Eine sehr harte, schonungslose Literatur, die den Finger eiskalt in die Wunde legt. Nur zu vergleichen mit Werner Bräunigs Rummelplatz, Brigitte Reimanns Franziska Linkerhand, und auch, bspw. eben Jenny Erpenbeck in Kairos, die das Ende von der (DDR-)Geschichte bietet.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Rita Seidel (R), um die zwanzig Jahre alt, Halbwaise durch den Krieg; Manfred Herrfurth (M), promoviert in Chemie, um die dreißig Jahre alt, mit Vater im Streit.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Erzählgegenwart, R in einem Krankenhaus, nachdem sie auf Gleisen zusammengebrochen ist. Auf dieser Ebene der Erzählung werden die Tage im Krankenhaus und die anschließenden im Sanatorium skizziert, bis sie zurück in das Haus von Ms Vater kehrt und aus dem Fenster schaut. Dort erzählt Ms Vater ihm, dass M Spielball einer Intrige geworden ist, sich aber bis zur Erschöpfung abarbeitet, um die dreitausend Mark zurückzuzahlen.
Von der Erzählgegenwart heraus werden die Etappen innerhalb von zwei Jahren erinnert, die zum Zusammenbruch von R geführt haben. R, 19 Jahre, lebt auf dem Dorf, bei ihrer Etappe, mit ihrer Mutter, und arbeitet dort in einem langweiligen Alltag. M erholt sich bei einer Tante dort. R und S verlieben sich. Nach Ms Abreise kommt Erwin Schwarzenbach, um Interessenten für den Lehrerberuf zu finden. Er heuert R an, die daraufhin zu Ms Eltern, Elfriede (E) und Ulrich (U), zieht. Vor der Lehrerausbildung muss sie, gemäß des Bitterfelder Weges, in einer Fabrik arbeiten. Es ist ein Waggonwerk: Mildner Waggonbau GmbH [angelehnt an Gottfried Lindner AG, Halle-Ammendorf]. Dort tritt sie der Brigade Ermisch bei und lernt Rolf Meternagel (M) kennen. U kennt M. Er hat M Korruption unterstellt. M wurde degradiert und ins Waggonwerk strafversetzt. Sie lernt, nachdem der alte Produktionsleiter in den Westen geflüchtet ist, auch den neuen Produktionsleiter, Ernst Wendland (W) kennen, den wiederum M kennt, mit dem er studentische Auseinandersetzungen gehabt hat. R begeistert sich für die Arbeit im Waggonwerk, verbringt einen schönen Ausflug mit M einen Tag vor ihrem 20. Geburtstag (der schönste Tag, den sie hatten). Treffen von M und W beim Ausflug. Später beim Ball zum 15jährigen Bestehen der Volkseigenheit des Waggonwerkes fordert W R zum Tanzen auf. M verbittert, pessimistisch, setzt alles auf das Projekt, die Spinn-Jenny zu verbessern, zur Färbung (?) von Stoffen, eine Webmaschine. M arbeitet mit Martin Jung daran, der etwas Optimismus in das Leben bringt, sich gut mit R und M befreundet. R kommt nicht klar mit einem jugendlichen Ideologen namens Mangold. R trifft Schwarzenbach wieder. Er unterstützt sie. M sieht immer schwärzer, verfällt in Nihilismus. M und W diskutieren über Wissenschaft. M und R gehen zu einer Akademikerfeier. M erfährt, dass sein Projekt abgeschossen wird, entscheidet sich für das Projekt zu kämpfen, fährt zur Fabrik, in der er es realisiert werden sollte. R erholt sich in ihrem Heimatdorf. M kehrt zurück, findet R nicht vor, fährt ins Dorf, aber da ist sie bereits abgereist. M erzählt R von seinem Mangold, der ihn in einem Artikel verhetzt hat. Das Werk hat sich nicht umstimmen lassen. M und R besuchen Rs Waggonwerk, zu einer Probefahrt des neuen Waggons. Yuri Gargarins Weltrumdung, 12. April 1961. Test des Bremsweges. M verliert alle Hoffnung. Als er sich beim Versuch, R abzuholen, verspätet, sieht er, wie sie in Ws Wagen steigt. W verliebt in R, aber R treu. M fährt zu einer Konferenz nach Westberlin und kommt nicht wieder. R wie tot, fühlt sich wie eine Hülle. Ms Mutter versucht ihren Gatten zu überreden, auch zu fliehen. Sie erschöpft sich, vermisst den Sohn und stirbt schließlich. Im August fährt R kurzerhand nach Westberlin, um M zu sehen. R fühlt sich fremd in Westberlin. Sie trennen sich. In den Ferien beschließt R wieder zu arbeiten, erschöpft sich, geht über die Gleisen, lässt sich fallen, vielleicht versuchter Selbstmord.
Konfliktzonen: Rolf Meternagel mit Ulrich Herrfurth/Günther Ermisch, um die kaufmännische/organisatorische Leitung; Manfred Herrfurth und Ernst Wendland um die Gunst von Rita; Rolf Meternagel und Ernst Wendland, wegen Scheidung von der Tochter, die Ernst betrogen hat. Vgl. „Rummelplatz“, die Figur Hermann Fischer, alles dreht sich um den fleißigen, bescheidenen Vorarbeiter-Typus Fischer=Meternagel; Rita Seidel=Ruth Fischer.
●Kurzfassung: Meternagels und Ritas Optimismus retten sie nicht vor der grenzenlosen Erschöpfung; Meternagel, Opfer von Intrigen und Faulheit, verarmt und wird degradiert, und Rita, verlassen von ihrem Lebenspartner, der sich in seinem Pessimismus einigelt und in den Westen flieht.
●Charaktere: sehr austariert, vielschichtig, mehrdimensional, rund.
●Besondere Ereignisse/Szenen: eine Reihe sehr eindrucksvoller Szene, bspw. die mit Manfreds Vater nach dem Tod seiner Frau.
●Diskurs: Bitterfelder Weg, DDR Produktion, Systemwettbewerb, Yuri Gargarin
… vgl. Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“ wegen der Problematik auf dem Bau, die Rolle der Frau in einem Männergewerbe, und Werner Bräunig in „Rummelplatz“, wegen der Figur des Hermann Fischer, der mit Meternagel korrespondiert, fleißig, bescheiden, der Vorzeigekommunist. Insgesamt, trotz Vorwegnahmen des Scheiterns, immersiv geschrieben, in der Intensität des Weigerns, Durchschreitens, Aushaltens.
–> 5 Sterne
Form:
●Wortschatz:
●Type-Token-Ratio: 0,15 – (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11 Wörter mit 8,4 Standardabweichung.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 79% (Musil/Mann <70% – Genre >80%) – Verteilung mit den 10000 häufigsten Wörter der deutschen Sprache (2010) 84,3%
●Innovation: hoch
… das Auffälligste am Stil ist das In-Schwebe-Halten, das Verwenden von vielen unbestimmten Verweisen, die im Grunde die Vielschichtigkeit der Vorgänge repräsentieren. Es ist alles nicht so klar, aber auf eine gewisse Weise dann doch, denn es erfolgen Handlungen, die aber wiederum nicht so klar gedeutet werden. Diese Schwebehaltung, die Lücke zeichnet das Schreiben von Wolf aus, die klar um die unhintergehbare Subjektivität oszilliert. Es ist oft keine schöne Sprache, aber sehr eigentümlich, stilistisch wiedererkennbar, eindrucksvoll.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: es ist eher aus der Distanz eines antiken Chors gesprochen, und ein „Wir“ taucht auch auf, und mit ihm fängt es auch an. Diese Sichtweise zeigt, dass es Wolf um die Verquickung von Allgemeinem mit dem Besonderen geht, die verschiedenen graduellen Zusammenhänge herauszuarbeiten, dies aber aus einer perspektivisch-empathischen Sicht heraus.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nicht wirklich reflektiert, aber situiert und perspektiviert. Das Nichtreflexive ist dem Mythos geschuldet, dem Allgemeinen geopfert, in der Situation zu bleiben, ohne sofort Partei zu ergreifen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: sehr verwoben, sehr präzise, in unterschiedlichen Graden mikroskopisch.
●Einschätzung: Das Verhängnis, das Allgemeine, steht hinter dem Text, aus der anonymen Sicht der Menge ist das Buch geschrieben. Es klärt nichts auf, legt aber nahe. Es ist auf seine Weise subversiv. Die Reflexion fehlt aber. Die kommt dann zu stark in „Nachdenken über Christa T.“ hinein – noch nicht austariert.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Sehr verschlungen, keine klare Dialogführung, innere Bewegung, äußere Setze, indirekte Rede, alles geht ineinander über.
●Extradiegetische Abschnitte: keine.
●Lose Versatzstücke: kein.
●Reliefbildung: Starke Reliefbildung durchs Allgemeine gegen Besondere, Kollektive gegen Individualistische, das Pessimistische gegen das Optimistische.
●Einschätzung: Oft und stark verwendete Rahmenwirkung halten den Text zusammen, von Anfang an, vorausschauend, zurückschauend, immer im Stoff befindlich, der wesentlich im Zentrum verbleibt, ohne irgendwelchen abstrakten, unzusammenhängenden Bemerkungen, kommt auch dadurch zustande, dass eine eigentliche Erzählinstanz als Bezugspunkt fehlt, indem sie als Chor auftritt (Wir).
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: ja
●Zweites Mal Lesen?: auf jeden Fall, dicht verwebte Naturbeschreibungen, Innenzustände, Dialoge, Verquickungen, Verwebungen, Nuancen, die den Text lebendig bleiben lassen.
–> 5 Sterne
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Benjamin Myers: „Strandgut“
Märchenhaft, verträumt. Eine Einmal-Lektüre über das Nicht-Aufgeben.
Inhalt: 4/5 Sterne (dem Todestrieb entkommen)
Form: 3/5 Sterne (unscheinbar)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (nicht vorhanden)
Komposition: 4/5 Sterne (fokussiert-geradlinig)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (spannend, mitreißend)
–> 17/5=3,4 Sterne.
In Strandgut verhandelt Benjamin Myers scheinbar einen typischen Plot: Alter, verwitweter, gebrechlicher Mann liebt (über zwanzig Jahre) jüngere Frau, die ihm neuen Mut zum Leben einhaucht. Der Klappentext wird dem Roman aber nicht gerecht. Strandgut verhandelt mehr das Thema physische Ausgeliefertheit, Drogenentzug, das Leben in prekären Umständen, in Armut, desolater Kommunikation und Ausweglosigkeit:
Dinah wandte sich von ihrem Mann ab, als er, ohne die Toi-Mettenspülung betätigt zu haben, aus dem Bad kam und mit einem dünnen Schleimfaden am unrasierten Kinn zurück neben sie ins Bett fiel. Morgenlicht ließ den Faden glänzen, und der Gestank der Nacht war widerlich. Ein bitterer Geschmack, Batteriesäure nicht unähnlich, beschichtete seinen Mund. Er trug eine muffige Ablagerung von Scham mit sich. Sie konnte all das riechen. War es gewohnt. Hatte es aber nie akzeptiert. Er stank. Und in diesem Moment verschob sich etwas. Etwas in ihr riss.
Die beiden Hauptfiguren von Strandgut haben es nicht leicht: Bucky hat vor einem Jahr seine Frau verloren und leidet unter schweren Gelenkschmerzen, und Dinah lebt in einer desolaten Ehe mit einem trunksüchtigen Gemahl und einem pornosüchtigen, zugekifften Sohn. Für beide stellt die Musik ein Ausweg dar. Für Dinah bewusst, denn sie geht gerne tanzen und liebt Soul. Für Bucky unbewusst, denn er hat eigentlich seine Musikkarriere vor Jahrzehnten aufgegeben:
[Bucky] sah sich im Spiegel an, diesen müden alten Mann, der in einem selbst verursachten Schlamassel feststeckte. Er sah wässrige, milchsaure Augen zu ihm zurückstarren, schwermütig und mit winzigen blutunterlaufenen Spritzern. Der Bursche war mal jung, dachte er, war mal furchtlos und kraftvoll und hatte alles vor sich, aber jetzt ist da nicht mehr viel. Vorbei war es jedoch noch nicht.
Kompositorisch, bis auf wenige Ausnahmen, geradlinig, mit überzeugenden Figuren erzählt Myers ein Erwachsenenmärchen, wie sich plötzlich aus heiterem Himmel Möglichkeiten ergeben, sein Leben zu verändern. Ob die Figuren es schaffen, darum geht es in dem Roman. Die Sprache fällt kaum auf, und reflexiv-perspektivisch schaltet der Text zwischen den Innenperspektiven der handelnden Figuren herum. Kitsch, Simplizität mischen sich mit Ekel und harten, ehrlichen Worten in einem Milieu, in denen die Fassaden vollgeschissen sind und die Möwen sich nicht mehr vom Aas vertreiben lassen. Gerade aber dieses Setting lässt viele glaubwürdige Dialoge entstehen
Draußen auf der Straße und ganz unten, da geht es allein ums Überleben. Das ist alles. Ums Überleben. Und wenn der Scheiß nicht kommt, gehören Sie zu den Glücklichen.«
»Was ist passiert?« […]
»Bei mir ist sie gekommen, die Scheiße.«
Sehr verwandt mit Heinz Strunks Ein Sommer in Niendorf und von der Atmosphäre mit Philip Roth Der menschliche Makel erweist sich Strandgut als spannend-intensiver Ritt durch ein marodes Leben. Ich zweifle aber, dass das Buch zweimal gelesen werden wird. Hierfür reichen auch die ausgiebigen Szenen der Entzugserscheinungen nicht aus, die in Maria Kjos Fonns Heroin chic deutlicher ausgearbeitet werden.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Earlon ‘Bucky’ Bronco (B), über 70 Jahre alt, lebt in der Nähe von Chicago, hat vor einem Jahr seine Frau Maybellene verloren, erhält eine Einladung nach England, Scarborough, um dort zwei seiner Lieder vorzutragen. Er ist arm, tablettensüchtig, trinkt viel. Dinah Lake (D), 55 Jahre alt, lebt in Scarborough, liebt Soul, tanzt gerne, lebt mit ihrem trunksüchtigen Ehemann und internetsüchtigen Sohn in einem Haus, arbeitet im Supermarkt.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1. Teil (Donnerstag/Freitag): B, alt und zerstört, fast am Ende, denkt über England nach. Er ist für ein Wochenende zu einem Festival eingeladen worden. Vor dem Flug holt er sich seine Schmerztabletten beim Apotheker, dem er von seinem Gig erzählt, für den er 5000 Dollar erhält. Er fliegt über Irland nach Leeds, wo ihn D abholt. Sie ist ein großer Fan von seinen zwei bekannten Liedern. Es kommt heraus, dass B gar nicht weiß, dass seine Lieder Berühmtheit erlangt haben. Er ist erstaunt. Auch kommt heraus, dass er noch nie auf Tournee gegangen ist. B kann es gar nicht fassen, dass seine Musik noch gehört wird. Sie bringt ihn zu seinem Hotel, dem Majestic, etwas heruntergekommen, aber stilecht. Sie lässt ihn dort. Zuhause trifft sie ihren Ehemann, mit dem sie eine desolate Ehe führt, auch ihren Sohn verachtet sie nach und nach mehr. Sie fährt zur Arbeit in einem Supermarkt, wo bald ihr Mann auftaucht und beim Klauen erwischt wird. B stellt fest, dass er seine Schmerztabletten im Flugzeug vergessen hat. Entzugserscheinungen setzen ein. D holt ihn ab, geht mit ihm durch Scarborough und beeindruckt beim Hau-den-Lukas die ansässige Jugend. Nach Rückkehr ins Hotel, trifft B die Afghanin Shabana, die gerne Rap hört und Bauingenieurswesen studiert, um irgendwann einmal wieder beim Aufbau ihres Heimatlandes zu helfen. Der Entzug wird immer schlimmer. Er versucht sich mit Alkohol zu behelfen, vergebens, irrt durchs Hotel.
2. Teil (Samstag): B erzählt einer deutschen Journalistin, Hatti, seine Lebensgeschichte. Nach der Aufnahme seiner zwei Singles, sind sein Bruder Cecile und er nach Chicago, um James Brown anzusehen. Sie geraten dort unfreiwillig in eine Schlägerei, als sie sich wehren, verletzen sie einen Angreifer. Die Polizei verhaftet sie. B wird nach 18 Monaten freigelassen, Cecile bekommt lebenslänglich und stirbt bei einem Gefängnisaufstand. B danach hilflos, schleppt sich durchs Leben, verdingt sich als Boxer, bis er Maybellene trifft, die ihn aufpeppelt, danach verdient er sein Geld aus Hauswart, unter anderem. D merkt, dass etwas mit B nicht stimmt. Er beichtet seine Opiatsucht. Sie verbringen den Samstagnachmittag miteinander. Nachdem sie sich verabschiedet haben, geht D zum Festival und tanzt. B weicht aus, läuft durch die Stadt, sucht einen Dealer, geht in einen Antiquitätenladen und fasst einen Trilobiten an. Im Park beobachtet er eine Katze, ein Kaninchen, ein Eichhörnchen, bekommt von einem Skater Tierarzttabletten, starke, danach kämpft er mit einer Möwe und schleppt sich zum Hotel, wo er mit Shabana auf dem Dach kifft, die ihm ein Videoclip zeigt, in welchem ein paar Versatzstücke seines Songs verarbeitet wurden. Er lädt sie zu seinem Auftritt ein.
3. Teil (Sonntag): Morgentoilette, B völlig fertig. D erträgt ihren Mann nicht mehr, will die Scheidung. B, desolat, fertig, erinnert mehr und mehr Maybellenes letzte Tage, ihren Tod. D holt ihn vom Hotel ab. Sie bringt ihn auf Vordermann, tanzt mit ihm zu seinem und Maybellenes Lieblingssong, peppelt ihn mit Diazepam auf. Sie gehen zum Festival, erzählen der Journalistin vom Rapsong. Sie beschließen, Nachforschungen anzustellen, um B seinen rechtmäßigen Anteil zu erkämpfen. B hat Lampenfieber. D spricht ihm gut zu. B tritt auf und es läuft sehr gut. Er fühlt sich wieder lebendig. Zu Feier des Tages gehen D und B im Meer schwimmen. B entschließt sich, in England zu bleiben, für eine Weile, und seine letzten Tage als Musiker zu verbringen.
●Charaktere: ausgewogene Perspektive auf D und B, mit vielen Innenperspektiven, Grauzonen, also rund und nicht klischiert.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Kampf mit der Möwe, Füttern des Eichhörnchen, Anfassen des Trilobiten, Schwimmen mit den Robben.
●Diskurs: nicht sehr stark, vielleicht USA/GB-Diskussionen, was anders, was gleich, etwas die Krankenversicherung, Vorteile und Nachteile von Europa für US-Amerikaner.
… vgl. Philip Roths „Der menschliche Makel“ wegen des Boxens, und „Ein Sommer in Niendorf“ von Heinz Strunk, wegen des desolaten Küstenlebens und der Lebensänderung. Auch Maria Kjos Fonn „Heroin Chic“ wegen Entzugserscheinungen, und „Für Polina“ von Takis Würger wegen der heimlichen Berühmtheit.
… der Plot lautet: Schafft es Bucky aufzutreten, trotz Entzugserscheinungen? Der Plot reicht aus und wird über die drei intensiv beschriebenen Tage wirkungsvoll entwickelt, zeitweilig hat es nämlich nicht den Anschein. Was auch überzeugt, die prekäre Situation, die Szenerie, die vollgeschissenen Fassaden, die Trinker, das desolate Dasein, das sich im Traum durch die Musik rettet, und hier im Buch wird dann dieser Tagtraum à la Ernst Bloch zur Realität. Musik rettet. Beide, Dinah und Bucky, entkommen der Lebenshölle.
–> 4 Sterne
Form:
●Wortschatz: Gute, narrative, abwechslungsreiche Sprache.
●Keine statistische Auswertung möglich, als Printausgabe gelesen.
●Stimmige Wortfelder: Sehr stimmige Wortfelder, keine Entgleisungen.
●Satzstrukturen: Gleitend, erzählerisch, unaufregend, gut zu lesen.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: ja, die Möwen, die Tiere, die physische Ausgeliefertheit.
●Innovation: keine
… bei Romanen dieser Art steht der formale Anspruch hintan. Die Sprache stört nicht. Professionell, transparent.
–> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: episodisch erzählt, daher verkappt auktorial, keine zentrierende, eigene Erzählstimme, mehr oder weniger taucht der Text stets in die Figur, bleibt aber konsequent in dieser Figur und macht sie lebendig. Die Erzählstimme reflektiert und perspektiviert sich kaum.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nichts dergleichen.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: mehr oder weniger neutral.
●Einschätzung: Es gibt diese Instanz in solchen Erzählungen nicht. Die Glaubwürdigkeit steht auf nicht wirklich in Frage. Der Plot bleibt nachvollziehbar. Einfache Repetition von Ereignisketten. Die Charaktere wirken nachvollziehbar, nicht aber die Erzählweise. Es gibt keine übergeordnete Reflexion, keine symbolische, allegorische Ebene. Zumindest unterbleiben dümmliche Kommentare.
–> 2 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Gutes Pacing zwischen Dialog und Beschreibung, aber hauptsächlich dialoggetrieben.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein. Alles innerweltlich.
●Lose Versatzstücke: Trilobiten, Antiquariat, wirkt etwas fehl am Platz, und die Figur Shabana entbehrt auch einer gewissen narrativen Notwendigkeit. Sehr lose nur hineinmontiert.
●Reliefbildung: Durch den Kontrast, märchenhafte Aufstiegschancen und Entzugserscheinungen, physische Ausgeliefertheit, erhöhte Spannung.
●Einschätzung: Rahmwirkung ist gegeben – durch die Möwen, durch die Schwäche am Anfang, das Torkeln, das Wanken, das am Ende in ein ins Meer Laufen sich ändert. Er überwindet die Angst. Konsequent dreht es sich darum, dass D und B aus ihrer Starre entkommen. Sehr fokussiert. Bis auf Shabana-Szene und das Trilobiten-Anfassen sehr strikt komponiert. Diese Szenen stören jedoch und wirken nicht.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein.
●Geärgert: nein.
●Amüsiert: ja.
●Gefesselt: etwas.
●Zweites Mal Lesen?: nein, nach der Pointe nicht wirklich. Dafür enthält der Text zu wenig Ebenen.
–> 4 Sterne
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Gaea Schoeters: „Das Geschenk“
Tier-Allegorie auf politische Problematiken – leider vom Setting und Inhalt her widersprüchlich. Zu realistisch und unrealistisch zugleich.
Inhalt: 2/5 Sterne (Mut zur Allegorie)
Form: 1/5 Sterne (instrumentell-reduktiv)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unreflektiert-kommentiert)
Komposition: 1/5 Sterne (kurz, angedeutet)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (Zwischendurchlektüre)
Das Geschenk von Gaea Schoeters schließt dort an, wo Trophäe aufgehört hat. In Trophäe wird die Jagd auf Tieren damit legitimiert, dass durch sie der Bestand von Wildtieren gering gehalten und Geld in die Kassen der betreffenden Länder gespült wird, um sowohl Tierschutz voranzutreiben wie soziale Projekte überhaupt zu finanzieren. In Das Geschenk führt die Politik der Artenerhaltung und das in der Bundesrepublik Deutschland neu erlassene Elfenbeingesetz dazu, dass Botswana an einer Elefantenplage leidet. Dessen Präsident Tebogo hat sofort eine Lösung parat:
»Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken. Wenn alles geklappt hat, müsste mein Geschenk mittlerweile in Berlin angekommen sein.«
Winkler klappt die Kinnlade herunter. »Was? Haben Sie die Elefanten … Aber wie … Das Gesetz wurde doch erst gestern verabschiedet!«
Tebogo schmunzelt belustigt. »Magic, my dear friend.«
Es tauchen also 20 000 Elefanten in Berlin und Umgebung auf. Die innenpolitische Krise lässt nicht lange auf sich warten, denn die Opposition, insbesondere die Rechtsradikalen, warten nur auf ein Versagen der Regierung Winkler. Die naheliegende Lösung, dass Problem sofort durch Einfangen und Wegsperren und Deportation der Elefanten zu lösen, lässt sich nicht durchführen:
»Aber lassen Sie mich deutlich werden: Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, sie einzusperren. Jeder Elefant, dem auch nur ein einziger Stein in den Weg gelegt wird, wird sich verdoppeln. Sie müssen sich frei bewegen können und so viel Platz bekommen, wie sie brauchen. Die Bevölkerung muss sich eben anpassen. Alles für die Elefanten. Schließlich stehen diese Tiere unter Artenschutz, also ist ihr Wohlbefinden von allergrößter Wichtigkeit. Viel Spaß damit!«
Nun könnte eine verspielte, provokante, zynische, satirische Sci-Fi-Problematik wie bei Frank Schätzings Der Schwarm oder Eugene Ionescos Die Nashörner entstehen, eine Art Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel nur dieses Mal nicht auf ein kleines Boot beschränkt, sondern republikweit ausgedehnt, und nicht mit einem Tiger, sondern mit 20 000 Elefanten als tierisches Gegenüber. Leider bleibt aber Schoeters ihrer Linie von Trophäe treu, in der einer (Hunter White) die Big-Five erreichen wollte, aber nicht konnte, und deshalb die Big-Six angeboten bekommt, die er (weil das Nashorn dann immer noch fehlt) auch nicht erreichen würde. Die Auflösung nämlich erscheint gewollt, fast brachial wie die Sprache und die unzulässigen Nominalisierungsstrategien, die eher das Entdifferenzierungsmaß vorantreiben, als dass sie allegorische Phantasien entfesseln, die über einen Entfremdungseffekt neuartige Lösungsstrategien sichtbar werden lassen.
Es ist aber zu kurz und zu unerheblich, um sich zu ärgern. Außer der anfänglichen „Magie“, die narrativ-schockierend als Cliffhanger wirkt, bleibt am Ende nichts übrig.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Bundeskanzler Hans Christian Winkler muss um seine Wiederwahl fürchten, Hauptkonkurrent der rechtsradikale Holger Fuchs. Hannelore Hartmann, Ministerin für Elefantenangelegenheiten.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Vier Kapitel.
Kapitel 1) Nach Verabschiedung des Elfenbeingesetzes, tauchen 20 000 Elefanten in Berlin auf, aus dem Nichts. Der Präsident aus Botswana, Tebogo, hat die Elefanten, die ihm über die Ohren wachsen nach Deutschland geschickt. Die politischen Rahmenbedingungen verhindern die Jagd auf Elefanten, weshalb diese sich zur Plage entwickeln. Tebogo will damit ein Zeichen setzen und droht damit, dass diese sich verdoppeln, sollten ihnen keine freie Bewegung vermehrt werden. Da die Elefanten mehr oder weniger Immunität genießen, müssen nun die Rahmenbedingung geändert werden. Die Regierung Winkler preist sie als nationale Maskottchen an.
Kapitel 2) Elefanten werden ins Öffentliche Leben eingebunden. Bei einer Aufführung von 12 Cellisten kommt es zu einem Zwischenfall, eine Elefantin dreht durch. Winkler, der anwesend ist, bleibt standhaft. Um Elefanten nicht zu provozieren, werden Motorroller und Motorräder verboten. Die Menge an Elefantenkot führt zu einer innenpolitischen Krise. Winkler fragt Ex-Bundeskanzlerin Erika Lange um Rat. Sie rät ihn, eine Mittlerin einzusetzen, die sich um die Elefantenprobleme kümmert. Er wählt Hannelore Hartmann.
Kapitel 3) Hartmann greift durch, will insbesondere den Süden der Republik einbeziehen und treibt den „Kackeplan“ voran. Sie wählt die Biologin Frauke Ackermann in ihr Team. Sie kommen auf die Idee, Elefantenkot als besonderen Dünger aufgrund des günstigen Stickstoff-Phosphor-Verhältnisses zu verkaufen. Sogar schnelle Aufforstung erscheint möglich, indem Elefanten Samen im Magen vorfermentieren. Wilde Samen müssen nur ausgeschlossen werden. Der Elefantendünger muss gut hygienisiert werden. Ein Elefantenbaby wird in Hamm geboren: Kika. Nach großem Willkommen und Feiern kommt es zu Streitfällen in Hamm. Die Stadtbevölkerung vertreibt die aufgenommene Herde wieder. Bei der Überquerung der A2 kommt es zur Massenkarambolage und die Mutter von Kika wird schwer verletzt. Sie beschließen die Mutter zu töten und die Herde in den Großraum Berlin zu verlegen, um weitere Unfälle zu vermeiden. Harmanns Bemühungen den Süden einzubeziehen scheitern. Sie ruft eine Elefantenquote aus und betreibt, um den Bewegungsfreiraum der Elefanten zu gewährleisten, das Programm der Megafauna voran, das Gegenwind aus der Landwirtschaft und Industrie hervorruft. Die Kosten für das Programm gehen zu Lasten der Steuerzahlenden. Fuchs protestiert. Winkler verliert stimmenmäßig den Boden unter den Füßen. Es kommt darüberhinaus zu einer Kudzu-Plage, überall wuchert die Pflanze. Bauern wie der niederländische Ministerpräsident und die Ministerin für Landwirtschaft sind erbost, in deren Land Kudzu auch hineinwuchert. Winkler verspricht Entschädigungen. Verdacht entsteht, dass die Kudzu-Plage mit dem Elefantendünger zu tun hat. Der Verdacht bestätigt sich. Schuld ist die Firma Hako mit Frauke Ackermanns Bruder als Geschäftsführer. Hartmann wehrt sich gegen die Entlassung ihrer Elefantenexpertin. Mit der Düngeproblematik werden die Elefanten wieder durch die Kosten untragbar. Sie sollen in einem Drittstaaten-Deal nach Ruanda gebracht werden. Hartmann strikt dagegen. Winkler braucht ihre Genehmigung. Hartmann überzeugt ihn jedoch, nicht den Drittstaaten-Deal durchzuführen, eine neue Form des Zusammenlebens zu ermöglichen, friedlich, ökologischer, elefanten- und klimaverträglicher. Europa wieder zu wildisieren. Winkler legt den Deal auf Eis, sieht vom Balkon aus, wie Hartmann das Bundeskanzleramt verlässt und eine vage bekannte Figur umarmt. Nachdem er weniger realpolitisch agiert hat, kommt es zu einer wilden Liebesnacht mit seiner Frau. Die Öffentlichkeit protestiert. Erika Lange rät ihm zur Realpolitik.
Kapitel 4) Hartmann muss aufgrund ihrer Beziehung mit Ackermann gefeuert werden, die nämlich die vage bekannte Person gewesen ist, die sie vor dem Bundeskanzleramt umarmt hat. Winkler unterschreibt den Deal und wird wieder gewählt. In Ruanda werden die ersten Jagdlizenzen auf Elefanten verkauft.
●Kurzfassung: Es geht um das politische Überleben des Bundeskanzlers Winkler gegen Fuchs, als die Elefantenproblematik auftaucht. Er ernennt eine Elefantenministerin. Kompromisse und Zwischenfälle wie die Kudzu-Plage kosten ihm fast die Wiederwahl. Er kann den Vorschlag eines Drittstaatendeals der rechten Parteien annehmen, indem er die Elefantenministerin wegen ihrer Verstrickung in den Elefantendung-Deal und die Kudzu-Plage feuern. Er wird wiedergewählt.
●Charaktere: äußerst flach.
●Besondere Ereignisse/Szenen: vielleicht Geburt des Elefantenbabys Kika. Anfangsszene mit dem Obdachlosen auch immersiv gestaltet.
●Diskurs: ausschließlich. Vor allem die Elefanten als Allegorie auf die Flüchtlinge. Für das Überleben wird die Sicherheit der Flüchtlinge geopfert.
… größter Schwachpunkt: wie kommen in einem so realistischen Setting plötzlich die Elefanten her? „Magie“ sagt der Präsident aus Botswana. 20 000 Elefanten können nicht einfach auftauchen – das ist bereits Fantasy oder Science-Fiction, und die Reaktion wäre auch nicht ein ruhiges Versuchen der Integration. Die plausibelste Lösung versucht Schoeters durch eine Warnung zu verhindern: dass die Elefanten sich verdoppelten, wenn sie gefangen genommen werden, aber das wäre genau, was passieren würde. Und nachher werden sie dennoch gefangen genommen?
… erinnert an Ionescos „Nashörner“, vor allem auch an „Trophäe“ von Schoeters selbst, „Schiffbruch mit Tiger“ und Richard Adams „Unten am Fluss“ und George Orwells „Farm der Tiere“, aber vor allem mit Frank Schätzings „Der Schwarm“. Tierinvasion als Gesellschaftstest.
… als Buch selbst erscheint „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber als sehr ähnlich.
… leider bleibt das Setting zu realistisch und unrealistisch zugleich. Im Grunde nur Klischees und wiederaufbereitete Google News zur Immigrationspolitik. Politisch provokant, meinetwegen, aber literarisch kein bisschen überzeugend. Durch die Verfremdungsstrategie besitzt es einen gewissen Mut zur Allegorisierung.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: journalistische Phrasensprache
●Type-Token-Ratio: statistische Auswertungen fallen wegen der Kürze des Textes weg.
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: 35/65% …
●Stimmige Wortfelder: ja, weil im Grunde eine Moderatorensprache
●Satzstrukturen: sehr kurze Sätze, sehr schnell, sehr einfach.
●Innovation: nein
… die Sprache besitzt gar keine Entfaltungsmöglichkeit und gar keine Möglichkeit, über sich hinaus semantische Besetzungen zu erzeugen.
–> 1 Stern
Erzählstimme:
●Eindruck: Es handelt sich um einen sich verbergenden allwissenden Moderator, der hier und da mehr weiß und andeutend, um die Spannung am Text zu erhalten.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): unreflektiert, unsituiert, unperspektiviert. Die Erzählinstanz schwebt über allen Dingen. Auktorial-unreflektiert, episodisch.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: urteilend, dramatisierend, provozierend, satirisch.
●Einschätzung: im Grunde eher eine rhetorische Performance und lang geratene Glosse. Kein reflektorischer Anspruch.
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Auftauchen des Problems – diplomatische Lösung – Scheitern der diplomatischen Lösung – Abwicklung. Krimiroman, ohne kompositorische Dimension.
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: ja, Dinge, die einfach unnötig sind wie die Sexszene zwischen Winkler und seiner Frau, wie der Obdachlose am Anfang, der keinen Namen erhält, wie die Geburt des Elefantenbabys Kika.
●Reliefbildung: nein
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein
●Zweites Mal Lesen? auf keinen Fall, zu vorhersehbar
… durch die sehr einfache und flüssige Sprache, leicht konsumierbar, keinerlei Widerstände, beinahe Lichtgeschwindigkeitslesen möglich, kaum Aufmerksamkeitsspannung vonnöten, alles wird mehrfach gesagt, kein Geheimnis, keine Tiefenstruktur
–> 2 Sterne
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Marlene Streeruwitz: „Auflösungen“
Kulturbetriebssorgen und Sexmangel zwischen Säufern und Einsamen.
Inhalt: 2/5 Sterne (langweiliges Herumgeirre)
Form: 5/5 Sterne (stilistisch-einprägsam)
Erzählstimme: 4/5 Sterne (krass-konsequent)
Komposition: 2/5 Sterne (klaustrophobisch)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (zu irrationale, langweilige Hauptfigur)
—> 15/5 = 3 Sterne.
Streeruwitz schreibt brutal, stakkatohaft und kompromisslos über Kulturbetriebssorgen und Identitätsbrüche. In Auflösungen inszeniert sie eine Höllenfahrt, die zwischen der Lakonie eines Uwe Johnson aus Jahrestage und einer satirischen Selbstdistanznahme einer Iris Hanika aus Echos Kammern hin und her pendelt. Alle Romane spielen in New York. Es geht um Theater, um Sex, um Affären und Erbschaften:
Wabenleben. Von David hatten sie gesprochen. Und dass diese Anjelica ihn bewache wie ein Drachen im Märchen die Prinzessin. Aber das war die falsche Analogie gewesen. Der Drachen hatte ja sicher sexuelle Absichten, und Anjelica wollte die Erbschaft. Oder waren Erbschaften eine Metapher für sexuelle Absichten, weil erst Geld Sex möglich machte?
Nina Wagner, Lyrikerin und 56 Jahre alt, hält eine Poetologievorlesung in New York und trifft alte Bekannte wieder. Alkoholismus spielt eine große Rolle. Sie will dem Leben in Wien entkommen, wo sich ihre Tochter Franzi um ihren Vater George kümmert, einem abgehalfterten Politiker und Ninas Ex-Ehemann. Um die Mutter-Tochter-Beziehung dreht sich weite Teile des Textes wie auch um die im Nichts zu verpuffende Affäre mit einem gewissen Leon:
Aber das? War es Bindungsangst von [Leon]? Aber nach dem ersten Mal? Und er hatte. Er war. Das war. Ja. Das war guter Sex gewesen. Oder nein. Er hatte sie gefickt. Einfach gefickt. So ein Fickprogramm. Das erste Mal. Das war so. Oft so. Wie sprechen lernen. Alle Worte versuchen. Noch keine Sätze. Wortgruppen. Das war normal.
Problematisch an dem Roman, auch noch nachdem ein gewisser Plot wie aus dem Nichts im Text aufpoppt, bleibt die irre, sich verzettelnde, orientierungslose Figur der Nina Wagner, die im Grunde völlig hilflos der großen weiten Welt gegenübersteht und ständig nur dazugehören will. Sie langweilt sich, fühlt sich ungeliebt, ungewollt und sucht nach einer Aufgabe, nachdem ihre Tochter sie aus der Fürsorgepflicht entlassen hat, sehr zu Ninas Missfallen.
Und es war ein Reflex. Immer, wenn es ihr. Schlecht ging. Nicht so gut ging. Dann wollte sie diese Sicherheit. Dass es wenigstens dem Kind gut ginge. Die Franzi zahlte ihr das mit Ablehnung zurück. Empfand das als Einengung. Sträubte sich, sich zu verabschieden. Ging grußlos davon. Nannte es ein Drama zu viel, wenn sie sich so großartig verabschieden wollte.
Die Enge, die Furcht, die Sehnsucht nach Sex bestimmen Streeruwitz neuestem Roman. Es geht in ihm nur um die gegenseitige Anerkennung und Zusprechung von Preisen, um die Wohnungen und Nicht-Wohnung in New York, das schlechte Gewissen, aber dennoch den genossenen Luxus und eben um den Sex, die wahre Liebe, die sich nicht einstellen will. Nina Wagner fühlt sich überflüssig. Streeruwitz zeigt erbarmungslos brutal die Leere der Gedanken auf und enthüllt schonungslos eine zusammenfallende Psyche. Leider verstärkt Streeruwitz‘ Stil diese Tendenz und erzeugt durch den Text hindurch eine kaum erträgliche Enge und daraus entstehende Klaustrophobie, die fast an Selbstverleugnung und symbolische Selbstzerstörung heranreicht. Am Ende wollte ich mit nichts von beidem mehr etwas zu tun haben.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Nina Wagner, 56 aus Wien, Lyrikerin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: NW sieht vor der Grenzkontrolle eine Frau liegen, die sich übergeben hat, reist in die USA ein, lässt sich zu ihrer Unterkunft fahren, gibt in den USA Lyrik-Seminare. Sie lernt ihre Nachbarinnen kennen, ein altes Pärchen, Norma Finkelstein und Gladys Sloper und der Hund Winston. Inhalt der Seminare steht nicht im Vordergrund vielmehr NWs Einsamkeit. Ihre erwachsene Tochter, Franzi, Pathologin, kümmert sich um ihren Vater, George, der Alkoholiker ist und von dem sich NW getrennt hat. Zudem hat NW eine Affäre mit Leon gehabt, der sich nach dem ersten Sex nicht mehr zurückmeldet. Die Gedanken kreisen nun um das Dasein-Wollen für die Tochter und das Nicht-Melden Leons. Sie hat einen Bekanntenkreis in New York, u.a. Jack, der auch Alkohol krank ist und Henry, einem Professor von der Columbia zusammen ist. Sie kennt auch David, einen Theaterkritiker, der sich zurückgezogen hat, und durch seinen Gatten Glenn eine Wohnung geerbt hat, entfernt befreundet mit Jack und Henry. Sie besucht auch die altgewordene Judith Ren-Lay, Freundin von Jack und Henry, ehemals Tänzerin, Dramaturgin, die durch einen Autounfall gehbehindert ist, schwere, komplizierte Fußbrüche. Makler lauern vor ihrer Tür, um ihr die Wohnung abzukaufen. Judith erzählt von Jeff, der in Miami lebt, dessen Angebot, gemeinsam nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Myrtle dorthin zu ziehen, Judith aber nach einem kurzen Versuch abgelehnt hat. Zudem trifft sie eine ehemalige Affäre, Erich, aus Wien, dessen zweideutiges Angebot NW ablehnt.
Die eigentliche Geschichte beginnt, als NW einem Obdachlosen, der in der prallen Sonne liegt, helfen will und hierbei auf nicht geklärte Weise hinfällt und ihren Kopf an einem Bordstein stößt. Schwer verletzt liegt sie herum. Ein Krankenwagen eilt herbei. Neben sich stehend versteht sie kaum, was passiert, als man ihr statt ihres Rucksackes zwei Taschen gibt. Es stellt sich heraus, dass sich in ihnen Drogen befinden. Im Krankenhaus flieht nun NW vor der Polizei, mit blutendem Hinterkopf. Sie hat nur ihr Handy, aber kein Geld. In einer Bar bittet sie, auf Toilette gehen zu können. Sie lernt Lawrence kennen, einen Veteranen, der sie zu verarzten verspricht. Sie begleitet ihn. Er verarztet sie. Dort lernt sie seine Haushälterin Milli kennen. NW geht, wird von einer Latino-Familie angebettelt. Sie bringt diese zu Lawrences Wohnung, wo die Familie mit dem kleinen Kind von Milli versorgt wird. Vor der Tür trifft sie Lawrence, der für sie beide eingekauft hat. Sie küssen sich, dann geht sie. Sie erhält eine Nachricht von Franzi, dass George vermisst ist, und eine von Jack, dass er sich bereit erklärt, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. Sie verabredet sich mit Jack, fährt mit der Metro schwarz, trifft am verabredeten Ort Andrew, der nun trocken ist und bei seiner reichen Mutter in Tucson lebt. Jack nimmt am Treffen teil. Danach begleitet sie ihn nach Hause. Dort nimmt sie sich 20 Dollar und geht sich auf dem Nachhauseweg einen Chardonnay kaufen. Unter der Tür in ihrer Wohnung haben die Nachbarinnen ihr eine Nachricht hinterlassen, sie solle sofort zu ihnen. Dort bekommt sie den vermissten Rucksack wieder, mit all ihren Dokumenten. Als sie wieder auf dem Gang steht, auf dem Weg zu ihrer Wohnung, erhält sie die Nachricht von ihrer Tochter, dass George tot ist.
●Kurzfassung: Ein Künstlerin, geschieden, von ihrer Tochter entfremdet, lebt im Kulturmilieu New Yorks. Als sie einen Obdachlosen helfen will, kommt es zu einem Unfall. Sie steht plötzlich unter Verdacht, Drogen zu besitzen und flieht irre und verletzt durch New York, bis sie am Ende wieder in ihrer Wohnung auftaucht und von ihrer Tochter hört, dass ihr Ex-Ehemann und der Vater ihrer Tochter gestorben ist.
●Charaktere: (rund/flach) – sehr komplex, widersprüchlich, fast überhaupt nicht fassbar, völlig aufgelöst, neben sich, viel Alkohol, Phantasmagorien.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Retardierende Erzählung, die NW schreibt über eine seltsame, sich prostituierende Figur, während ein Kind unter der Decke versteckt wird, der Mann keine Erektion zustande bekommt, sie aber Geld für das Kind nehmen muss. Zusammenhänge kaum zu verstehen, insbesondere der Transsexualitätsaspekt nicht.
●Diskurs: Politik, Trump, Palästina, Demokratie und vor allem Geld und Kulturbetriebssorgen.
… liest sich stellenweise sehr satirisch. Nina Wagner fungiert nicht als ernsthafte, überzeugende Person. Sie wirkt getrieben, unselbständig, ängstlich und reflektiert sich auch so. Sie identifiziert sich rein über ihre Wirkung auf andere und will nichts lieber als dazugehören. Ihre Angst vor Ablehnung treibt sie in verhängnisvolle Situationen. Ihre Reflexionen verschaffen ihr keinen Ausweg. Die Situation lässt sich als klaustrophobisch und pathologisch. Insofern kein sehr freier Text. Zudem wirkt der Inhalt schleppend und trist.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: sehr repetitiv, mehr auf Rhythmus aus, impressionistisch.
●Type-Token-Ratio: 0,122 relativ gering – eintönig. (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 5,67 – sehr kurz, sehr stakkatohaft. Standardabweichung 4,12 Wörter. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter am Gesamttext: 78,5% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: 2-3% … sehr karg. (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Stimmige Wortfelder: keine seltsamen Szientismen, oder historische Einlagen, eher aktuell, mit Anglizismen versetzt.
●Satzstrukturen: sehr einfach; ist der Stil von Streeruwitz.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: „das Kind“, „die Franzi“ – der bestimmte Artikel bei Figuren.
●Innovation: hohe, starke, eigenwillige Prosa, sehr stimmig als Auflösungsprozess, überhaupt sehr stimmig als Aufgabe, Selbstaufgabe, Selbstzerstörung des Denkens.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: sehr hastiges, unkontrolliertes personales Erzählen aus der Sie-Perspektive, gleitet ab in ein Ich, in den Gedanken. Ein halb außen, halb innen. Vollständige Immersion in die Figur, die sich selbst distanziert, kritisch betrachtet.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): sehr reflektiert, konsequent perspektiviert. Die Situation der Erzählweise ist nicht klar – da Vergangenheit, im Rückblick, und doch immersiv, daher ist die Person im Text reflektiert, die Erzählhaltung selbst aber nicht. Die Erzählinstanz gibt sich nicht preis. Sie verschwindet.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: unmittelbarer stream-of-consciousness, sehr psychologisch ausgelegt, sehr als Psychologismus vorexerziert, eine Selbstzertrümmerung, ein Gedankenlabyrinth.
●Einschätzung: sehr enge, anstrengende Erzählweise, die keinen Ausweg lässt, die tatsächlich Beklemmung erzeugt, da die Erzählinstanz sich in Kreisen bewegt, sie nicht durchschreiten kann, gefangen in ihren eigenen Gedanken und ihr Publikum mitgefangen nimmt. Wegen der unreflektierten Erzählhaltung erscheint es fast Genre-haft, aber grausam konsequent.
–> 4 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): eher klaustrophobisch eintönig, da personal, aber die Person selbst nicht äußerst interessant in ihrer Wahrnehmungsweise.
●Extradiegetische Abschnitte: die Erzählung, die Nina Wagner schreibt, die völlig aus dem Kontext gerissen erscheint, hierzu auch noch rätselhaft verklausuliert, als eine Art Allegorie auf sich selbst.
●Lose Versatzstücke: Bis auf die Gedichte und die Erzählung „Rückkehr aus Bozen“, nein. Etwas arg kursorische Reflexionen über Jackie Kennedy etc …
●Reliefbildung: sehr flach, sehr eng.
●Einschätzung: keine Auflockerung, kompositorisch wie eine Hatzjagd, unangenehm.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ja, besonders am Anfang
●Geärgert: ja, über die Figur und ihre Irrationalismen
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein, außer, als sie mit einem Fremden mitgeht, Angst.
●Zweites Mal Lesen: auf keinen Fall.
–> 2 Sterne
Anne Freytag: „Blaues Wunder“
Spannende Zwischenlektüre, ohne sprachlichen Anspruch. Leider etwas unverhohlen in der Freund-Feind-Bildung.
Inhalt: 4/5 Sterne (Machtspielchen unter sich)
Form: 2/5 Sterne (instrumentell)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (gar keine Reflexion)
Komposition: 2/5 Sterne (zu vorhersehbar)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (eigenartige Schadenfreude)
—> 13/5 = 2,6 Sterne.
Ein Sommerbuch vom Setting stark angelehnt an Anna Katharina Fröhlichs Die Yacht und Martin Mosebachs Krass mit der Leichtigkeit einer Johanna Adorján aus Ciao und von der schriftstellerischen Komplexität in der Machart von Kleine Probleme Nele Pollatscheks. Im Grunde aber wie ein Agatha Christie, nur leider nicht ganz so verstrickt und verwoben. Drei Paare befinden sich auf einer Yacht in der Philippinischen See:
Ich trinke noch mehr Bellini, der Kater morgen ist mir egal. Im Moment ist mir alles egal – was die anderen denken, ob sie überhaupt etwas denken. Die meisten kreisen ohnehin nur um sich selbst. Ich bin da nicht anders. Irgendwo auf den Philippinen, eine exklusive Arche Noah, wo nur die an Bord dürfen, die das nötige Kleingeld haben. Mit Leuten, mit denen mich außer Geld nicht viel verbindet, die ich kaum kenne, die mich nicht kennen, vor denen ich vorgebe jemand zu sein, die ich nicht bin. Und vielleicht nie war. Ein endloses Fake it till you make it, weil ich es nie geschafft habe.
Freytag lässt ihre erfrischend schonungslos mit sich und der Welt ins Gericht ziehenden Frauen, Nora, Franziska und Rachel, über die Männer, Geld, Beruf und die Selbsterniedrigung reflektieren. Sie kommen hierbei nicht zu besonders originellen Resultaten, dafür aber peitschen sie sich umso enervierter und intensiver in Richtung Selbstbehauptung und Selbstbefreiung. Walter, ein Typ wie Mosebachs Ralph Krass, nur betagter und sadistischer, hat ein sehr eigenwilliges Assessment-Center ausgerufen: Ferdinand und Killian sollen ihn überzeugen, um weiter in der Karriereleiter aufzusteigen. Die Frage lautet: wie weit gehen sie?
Wir hatten einen Deal, mein Mann und ich. Er wollte es sich überlegen. Ich denke darüber nach. Jetzt ruft er: »Ich zähle bis drei!«
Ich, ich, ich. »Eins!«
Ferdinand zittert. Ein kleiner Junge im Körper eines erwachsenen Manners.
»Zwei!«
Der Ozean liegt unter ihm wie ein schwarzes Loch. Wie ein Schlund, der ihn schlucken wird. Ein Nichts, in dem es vor Kreaturen nur so wimmelt. Eine Dunkelheit, die alles verschlingt. Ich würde nicht springen.
»Drei!«, schreit Walter.
Blaues Wunder lässt sich eher als Hörspiel bezeichnen. Es eignet sich hervorragend mit eingesprochenem Stimmenwechsel, die Enge, die hitzige Atmosphäre, das etwas Laszive zwischen David und Nora, die sich langsam findende Franziska und die aus dem Dunkel heraus kommentierende Rachel. Als Literatur, konzentriert gelesen, wird vieles viel zu schnell klar und die Überraschung bleibt aus, und die Sprache selbst trägt keinen Eigencharakter. Sie wird wie ein Vehikel durch den Plot gepeitscht. Dennoch entwickelt Blaues Wunder eindrückliche Momente, die nicht lange bleiben, vielleicht sogar verhallen, aber im Moment des Lesens amüsieren und das Buch in einem freundlichen Gedächtnis zurücklassen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Walter und Rachel Bronstein, die zwei Pärchen auf eine Yacht eingeladen haben; ihr Sohn David ist mit von der Partie. Die beiden Pärchen heißen: Nora und Ferdinand Mattern, sie haben eine Tochter Antonia (nicht dabei); Franziska und Killian Dannenberg, sie haben Zwillinge (nicht dabei).
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Die Situation ist unklar am Anfang. Es wird aus der Sicht der Frauen berichtet (Franziska, Nora und Rachel). Ein Wettbewerb findet statt. Nach und nach wird klar: Es geht um die Nachfolge von Walter. Er testet die beiden in Frage kommenden Kandidaten. Jeder der drei Paare hat Leichen im Keller.
– Rachel, die das Unternehmen eigentlich führen will und auch die Erbin des Unternehmens gewesen wäre, hätte der Vater nicht nur Walter berücksichtigt. Sie führt und kontrolliert das Unternehmen im Geheimen, ohne dass es Walter mitbekommt. Zudem schlägt Walter sie. Das blaue Wunder soll am Ende er erleben.
-Killian ist heimlich homosexuell. Franziska hat ihn erwischt. Sie nimmt ihm das Theaterspielen übel, will sich rächen, hat Gewaltphantasien.
-Ferdinand hat an den sogenannten Incentives teilgenommen, Partys, die Walter für Partner schmeißt, mit Drogen und Prostituierten. Er hat Nora betrogen.
Die Handlung ist nun die, wie diese Handlungsfäden zusammenlaufen. Nora erfährt von Ferdinands Untreue und rächt sich durch eine Affäre mit David.
Franziska wusste von den Incentives, Killian hat ihr davon berichtet, und merkt, was für ein ehrlicher Mann er im Grunde ist. Sie versöhnen sich.
Rachel bringt, bevor ihr Mann die Leitung an Ferdinand übergeben kann, ihren Mann um und zwar durch einen allergischen Schock durch Meeresfrüchte. Da Walter sowieso schwer krank ist, Bauchspeicheldrüsenkrebs, wird sie kaum verdächtigt, und Nora und Franziska halten, obwohl sie Verdächtiges mitbekommen haben dicht.
Daneben gibt es kleinere Handlungsstränge, wie die Prüfungen, die Walter sich für die vier ausdenkt, kleine Quälereien wie, dass Ferdinand ins dunkle Wasser mitten in der Nacht springen muss; oder, dass Franziska 100 000 Euro angeboten bekommt, sich nackt auszuziehen, und dafür, dass sie sagt, sie sei nicht käuflich, 200 000 Eure erhält.
●Charaktere: (rund/flach) – leider sehr klischiert, wenig einfallsreich, dafür nicht weniger realistisch, dennoch eher holzschnittartig und holzhammerhaft.
●Besondere Ereignisse/Szenen: schon, die Situation, wie Rachel Walter nicht hilft.
… leider etwas vorhersehbar dadurch, dass Walter eine finstere Gestalt ist; es wird sehr schnell klar, dass sich die Frauen an ihn rächen, am Ende ist es die geschlagene Ehefrau Rachel selbst, die die Genugtuung erhält. Etwas unrealistisch erscheint das Vererben des Unternehmens allein an den Ehemann – und auch, dass der Tod eines millionenschweren Unternehmers nicht von der Polizei eingehender untersucht werden soll. Das überzeugt nicht. Der Plot hat dennoch eine Sogwirkung, die das als Hörspiel ganz passabel und konsumierbar werden lässt.
–> 4 Sterne
Form:
●Wortschatz: eher alltagssprachlich.
●Type-Token-Ratio: 0,14 – relativ häufige Wiederholung. (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 9 Wörter, Standardabweichung 6.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 81% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: geringe Dichte von Adjektiven 6% (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Verbalstil vorherrschend.
●Stimmige Wortfelder: keine Abstraktionsentgleisungen. Krimiatmosphäre.
●Satzstrukturen: Sehr einfach gehalten. Arm an Varianz, eher parataktisch. Hohe Frequenz an isolierten Hauptsätzen.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: nicht bemerkt.
●Innovation: keine, Sprache als Vehikel fürs Erzählen.
… durch die klare, schnelle, unumständliche Form, schnelles und spannendes Lesen möglich, aber keine Symbolik, rein instrumentell.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: multiperspektivisches Erzählen einer nicht reflektieren Erzählinstanz, der Wechsel selbst wird einfach so vollzogen. Dadurch: Episodenhaftes Erzählen, modern, unumständlich, aber literarisch wenig nachvollziehbar, eher voyeuristisch.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): gar nicht präsent, Erzählinstanz als eine Instanz im Hintergrund, die die Fäden zieht.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: undurchsichtig.
●Einschätzung: langweilig, wenig kohärent, wenig aus sich heraus glaubhaft, daher
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): als Konstrukt, die Isolation im Raum, gelungen, spannend, leider sind Nora und Franziska kaum zu unterscheiden, und Killian und Ferdinand auch nicht. Das erste Drittel des Buches ein wenig redundant.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein, reine Immersion.
●Lose Versatzstücke: Nein, alles klar auf den Höhepunkt der Handlung ausgelegt (Mord an Walter, Sex mit David).
●Reliefbildung: Ja, durch die verschiedenen Paaren und deren verschieden gelagerten Probleme.
●Einschätzung: Als Komposition klar perspektivisch auf das Feindbild Walter hin ausgelegt, deshalb kommt auch keine Spannung auf, weshalb sie auf dem Boot sind. Walter wirkt von Anfang wie ein Sadist, der sein Spielchen damit treibt, wer welche Privilegien erhält. Kompositorisch hätte das ein wenig verspielter, verschachtelter sein können.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein
●Amüsiert: schon, die Situation, wie Rachel Walter nicht hilft.
●Gefesselt: mehr oder weniger, aber
●Zweites Mal Lesen?: nein.
–> 4 Sterne
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Herman Melville: „Moby Dick“
Dem Wahnsinn und dem Größenwahn die Stirn geboten: ein Roman, der sich weit hinaus traut, dann aber zurückrudert.
Inhalt: 3/5 Sterne (teilweise krass abschweifend)
Form: 5/5 Sterne (sprachlich souverän)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (Ich-erzählende Auktorialität)
Komposition: 5/5 Sterne (dem Wahnsinn die Stirn geboten)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (Fassungslosigkeit)
Melville (1819-1891) hat mit Moby Dick (1851) für sein zeitgenössisches Publikum keinen großen Wurf hingelegt. Erst ungefähr 70 Jahre später begann das Buch große Kreise zu ziehen. Noch immer aber wird es zumeist um ein Drittel und teilweise noch mehr gekürzt rezipiert (ähnlich wie Tolstois Krieg und Frieden). Vordergründig lässt es sich nahezu als narratives Gegenstück zu Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer lesen. In beiden spielt die Freundschaft eine große Rolle, das Meer, der Fischfang, Haie und das Überleben auf hoher See. Hintergründig jedoch dreht Melville Hemingways romantisches Naturverständnis ins Mysteriös-Traumatische. Für ihn stellt das Andere, das aus dem Nichts auftaucht, etwas Unkontrollierbares dar:
Doch auf einmal, als er angestrengt in die Tiefe spähte, gewahrte er dort unten einen kleinen weißen Fleck, der mit erstaunlicher Schnelligkeit hochkam und immer größer wurde, bis er sich überschlug, worauf deutlich zwei lange Reihen weißschimmernder krummer Lähne zu sehen waren, die da aus unerforschlichen Meeresgründen herauf-schwebten: Moby Dicks klaffender Rachen mit dem verbogenen Unterkiefer. Der Schatten seiner gewaltigen Körpermasse verschwamm noch halbwegs in der Bläue der See, der glitzernde Rachen gähnte wie eine offene Marmorgruft unter dem Boot.
Was in Moby Dick neben der eindeutigen Rachegeschichte Ahabs zudem passiert, lässt sich als Metareaktion auf die zunehmend naturbeherrschende Industrie und Naturwissenschaft verstehen, die annimmt durch mathematisiert-reflektorische, ja positivistische Verfahren der Natur die Zähne ziehen zu können. Melvilles Ich-Erzähler aber erlebt, dass es eine Grenze des Kontrollierbaren gibt. Die intellektuellen Kategorisierungen, die Vergleiche, Tabellen, die Wissenschaft selbst reichen nicht hin, um das, was den Wal, und insbesondere Moby Dick, ausmachen, auch nur ansatzweise einzufangen:
Es liegt in diesem Gegenstand [vom Wal] etwas so Weitausgreifendes und Erhebendes, daß man unwillkürlich auch am Sternenhimmel die Umrisse gewaltiger Wale wahrnehmen wird, mitsamt den sie verfolgenden Schaluppen; es ergeht einem wie den Völkern Asiens, deren kriegerisches Denken zuletzt in den Wolken schlachtenschlagende Heerscharen erblickte.So war ich im Norden rund um den Pol hinter dem Leviathan her, der Bahn der Lichtkörper folgend, in denen ich ihn zuerst angedeutet fand.
Der Wal fungiert im Lichte Ismaels als abrahamitischer Gott wie als Erlösung und Himmel zugleich, unbeschrieben, wie ein weißes Blatt Papier, das Schmäh- oder Lobreden auf sich zu vereinigen weiß und sich nicht darum schert, über wen oder was wer und wie redet. Es ist die Reflexion der menschlichen Augen auf das Unbekannte, das Grausige, das Ismael in Schockstarre zu versetzen droht. Diese Angst baut sich auf. Das Grausen im Hintergrund, das immer wieder von pseudo-wissenschaftlichen Exkursen unterbrochen wird, verstärkt sich als Ahnung, bis es durchbricht, in voller Macht über die Besatzung herfällt und dem Wahnsinn den Stachel löckt. Pip, als Figur, verfällt dem Wahnsinn. Ismael, der im Rückblick erzählt, rettet sich vor diesem und zwar indem er sowohl dem Unbekannten wie der Wissenschaft eine Grenze zieht und sich selbst atmen lässt: in seinem das Grauen umschließenden Roman.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ismael, der Ich-Erzähler, der aus Lebensüberdruss und Geldnot auf einem Walfangschiff anheuert.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Ismael reist nach Nantucket, trifft auf dem Weg den Kannibalen Quiqueg, heuert auf der Pequod an, die Kapitän Ahab führt. Als sie auf hoher See sich befinden, enthüllt der einbeinige Ahab, das ihn die Jagd und Rache an Moby Dick interessiert, der Walfang weniger. Er sieht aber ein, um die Besatzung ruhig zu halten, dass er ein paar Wale fangen muss, um seine Geldgeber zu beruhigen. Er hat heimlich eine Schaluppen-Truppe aufs Schiff geschmuggelt, aus den Philippinen, die ihm erlauben, selbst auf Walfang neben seinen drei Steuermänner (Flask, Stubb, Starbuck) mit ihren drei Harpunierern (Dagu, Taschtigo, Quiqueg) zu gehen. Ihr Weg führt über den Atlantik, am Kap der guten Hoffnung vorbei, zum Indischen Ozean, von dort aus durch die Philippinen hindurch Richtung Japan in die Mitte des Stillen Ozeans, dem Pazifik. Unterwegs treffen sie folgende Schiffe: die Albatros (Erzählung von einer Meuterei), Jerobeam (mit dem irren Gabriel), Jungfrau (Walfischfangwettbewerb), Rosenknospe (Stubb erschleicht Amber), Samuel Enderby (mit einarmigen Kapitän), Hagestolz (auch aus Nantucket), Rahel (auf der Suche nach Vermissten), Augenweide (die Moby Dick gesehen hat). Dann treffen sie endlich auf Moby Dick, der schließlich alle mit sich in den Abgrund reißt, wahrscheinlich überlebt, bis auf Ismael, der auf einem eigentlich für Quiqueg, als dieser schwerkrank gewesen ist, gedachten Sarg als Rettungsboje herumschwimmt und von der Rahel gefunden wird.
●Inhaltsangabe ausführlich und detailliert:
001.) Ismael (IS) in leicht verärgert depressive Stimmung beschließt auf einem Walfangfisch anzuheuern. Es ist Winter. Schnee liegt.
002.) Findet in New Bedford eine Unterkunft in „Der blasende Wal“, muss sich aber ein Bett mit einem unbekannten Harpunier teilen.
003.) Zusammentreffen mit Quiqueg (Q), der Neuseeländerköpfe zu verhökern versucht.
004.) Morgenwäsche von Q. IS erinnert sich an Schattenhand.
005.) Frühstück. Q vornehm, speist mit Harpune.
006.) New Bedford, Hort der Abenteurer, schön und reich.
007.) In einer Kapelle, IS trifft auf Q.
008.) Priester Mapple steigt auf seltsame Kanzel, zieht Leiter ein.
009.) Predigt. Jonah und der Walfisch, Allegorie wird ausgemalt. Endlichkeit und Wahrheit.
010.) Q und IS befreunden sich, vollziehen gemeinsamen Götzendienst.
011.) Q und IS können vor Geplauder nicht schlafen.
012.) Lebensgeschichte von Q, Königssohn, will sich übers Christentum informieren, schon lange unterwegs. Sie beschließen in Nantucket anzuheuern.
013.) Setzen nach Nantucket über, werden beäugt. Q rettet heldenhaft einen Passagier.
014.) Nantucket und seinen Walfängern gehören die Meere.
015.) Q und IS speisen im Trankesseln, alles schmeckt nach Fisch, auch die Milch.
016.) Q abergläubig, hört auf Fetisch Jodscho. IS geht alleine Anheuern, wählt die Pequod von den Reedern Peleg und Bildad.
017.) Q betreibt Ramadan. IS offenherzig, will Abenteuer erleben und Q vom Ramadan abbringen.
018.) Q heuert auch auf Pequod an, nachdem er sein Können demonstriert, dass er Kannibale ist, stört plötzlich nicht mehr. Wirft seine Harpune auf einen Tropfen Teer.
019.) Begegnung mit Elias, der böses ahnt und sie warnt.
020.) Reisevorbereitung, von Ahab keine Spur.
021.) Wieder eine Warnung von Elias, unbekannte Passagiere tauchen auf, verstecken sich.
022.) Starbuck, der Steuermann. Sie fahren aus dem Hafen. Abschied von Peleg und Bildad.
023.) Wahrheit des Denkens, das wilde Meer, das Unendliche.
024.) Waltran, das Mittel zur Lichterzeugung (Erkenntnis!). Quelle des Kerzenlichts.
025.) Walratöl zur Salbung von Königen?
026.) Starbuck, ein Mann der Tat, nicht nur von Kehlkopfgeräuschen.
027.) Stubb, zweiter Steuermann. Flask, dritter Steuermann, jagt Wale aus Hobby. Vorstellung der Harpuniere: Starbuck nimmt Quiqueg, Stubb Taschtigo und Dagu zu Flask.
028.) Ahab (A) geht stumm umher.
029.) A weist Stubbs zurecht.
030.) A wirft Pfeife weg. Kein Vergnügen mehr für ihn.
031.) Stubbs träumt Untertanentraum. A ruft die Jagd nach dem weißen Wal aus.
032.) Pottwal aus wissenschaftlicher Gegenstand. Kaum etwas bekannt. Definition von Wal: ein blasender Fisch mit waagerechtem Schwanz. Alles nur Entwurf eines Entwurfes.
033.) A nicht eitel, aber distanziert.
034.) Essensordnung der Offiziere, strikte Etikette. Wildes Gelage der Harpuniere.
035.) Ereignisloses Leben auf dem Krähennest, im Ausguck.
036.) A ruft alle zusammen, hämmert Goldmünze an den Mast, die bekommt, wer den Wal zuerst sieht. Starbuck erhebt Einspruch, Rache bringe nichts ein.
037.) A kennt keinen schönen Schein mehr. Obsessiv ans Ziel verloren. Maschinelle Mensch.
038.) Starbuck, Stoßgebet, hat Angst und Mitleid.
039.) Stubbs feiert die Trunksucht, das Vergehen.
040.) Die Besatzung feiert den Beginn der Jagd.
041.) IS über Moby Dick, unsterblich, allgegenwärtig, grausam. Offiziere können sich gegen A nicht durchsetzen.
042.) Über die Farbe weiß, Blutarmut, Farbe der Abwesenheit, Milchstraße.
043.) Blinde Passagiere im Achterraum?
044.) A schreckt nachts auf, schreit.
045.) Nichts Neues unter der Sonne, der Preis des Lichts.
046.) A lenkt Besatzung ab, um seinen Rachefeldzug nicht zu gefährden.
047.) IS und Q weben, ein Wal wird gesichtet.
048.) Ein weiterer Harpunier, Fedalla, von A aufs Schiff geschmuggelt, samt Besatzung dient A allein, der so auf mit eigener Schaluppe und Harpunier auf Walfang geht. Ein Sturm zieht auf. Starbuck, Q und IS und die anderen in der Schaluppe treiben verlassen auf dem Meer.
049.) Sie werden gerettet. IS setzt ein Testament auf.
050.) A hat eine Fangbootbesatzung aufs Schiff geschmuggelt, Philippinos.
051.) Sie erreichen das Kap der guten Hoffnung, Kurs auf den Indischen Ozean. Geheimnisvolles Gebläse in der Nacht.
052.) Treffen ein Walfangschiff „Albatros“. Nichts Neues vom Wal.
053.) Über das Klönen, A hält sich zurück wegen seines einen Beines.
054.) Von der Town-Ho, die Leck schlug, Meuterei, Moby Dick tötet Radney statt Steelkilt.
055.) Unabbildbarkeit des Wales, historische Ungenauigkeiten.
056.) Weitere Abbildungen des Wales in der Kunstgeschichte.
057.) Niemandes Untertan. Walfangen in den Kosmos hinein.
058.) Über die See, vgl. mit der Seele und dem wilden Unbewussten.
059.) Sie sichten eine weiße Krake.
060.) Über die Harpunenseile, das Aufwickeln, die Todesdrohung.
061.) Stubb erlegt Pottwal, gräulich.
062.) IS schlägt vor, die Harpunier nicht rudern zu lassen, ihre Arbeit schon schwierig genug.
063.) Vom ersten und zweiten Eisen der Harpunen.
064.) Stubb verspeist Walsteak, demütigt den Koch.
065.) Übers Fleischessen.
066.) Über die Haie, die sich gegenseitig und andere auffressen.
067.) Das Flensen, der Wal wird wie eine Apfelsine geschält.
068.) Ihr Fett ein Schutz vor der eisigen Kälte.
069.) Entsorgung des Kadavers. Wilde Haie, Vögel, zurück bleibt gespenstische Leere.
070.) A spricht zum abgeschnittenen Pottwalhaupt.
071.) Treffen mit verseuchter „Jerobeam“ mit dem irren Gabriel. Moby Dick wurde gesehen.
072.) IS und Q, Schmeißleine und Ingwertee-Ereignis.
073.) Jagd auf Grönlandwal, aus Aberglaube, zweie Köpfe, Steuerbord, Backbord.
074.) Verarbeitung des Kiefers. Augen und Ohren des Wals.
075.) Kopfvergleich zwischen Grönlandwal Stoiker, Pottwal (PT) Platoniker.
076.) Über die Stirn des PT, ein Rammbock.
077.) Spermazet im Stirngewölbe.
078.) Anzapfen, Taschtigo stürzt in Walhaupt hinein. Q rettet ihn.
079.) Denkerstirn des PT.
080.) Phrenologie, Gehirn des PT.
081.) Treffen der „Jungfrau“ – Wettkampf mit den Bremern, der Wal sackt weg.
082.) Zunft der Walfänger in der Geschichte, Vischnu, Herkules, Perseus …
083.) Problematisches an der Jona-Legende.
084.) Stubbs erweist sich als Hochwurfmeister, erlegt fliehenden Wal.
085.) PT, erhabenes Geschöpft mit Brodem.
086.) Schwanz, Finne, Flunken des PT.
087.) Nahe der Cortezinseln, Philippinen, Richtung Japan. Wahnsinns des Menschen im Tierreich unübertroffen. Jagen Herde, geraten in die friedliche Mitte.
088.) Männliche und weibliche Herden, genannt Schulen. Pascha und Harem.
089.) Über Recht und Besitz, Flaggwale, die also bereits gekennzeichnet wurden (Harpune mit Fahne dran).
090.) Polemik gegen königliche Beschlagnahmung von Beuten.
091.) Stubb sucht Ärger mit anderen Schiff, zwei Wochen nach Herdenjagd. Provoziert Freilassung eines Kadavers auf der „Rosenknospe“.
092.) Wale stinken nicht.
093.) Pip muss in Schaluppe aushelfen, fliegt zweimal aus dem Boot, beim zweiten Mal wird Pip treiben gelassen mit dem Ergebnis, dass er wahnsinnig wird.
094.) IS knetet Walratöl zurecht.
095.) Herstellung der Amtstracht eines Bankschneiders (aus Walhaut).
096.) Transiederei als Brennstoff, Speckrieben.
097.) Hellerleuchtet der Kahn durch erjagtes Öl.
098.) Großreinemachen nach Siederei. Wiederkehr des Immergleichen.
099.) Gleichnisbeladene Münze von A. Symbole, die enträtselt werden müssen.
100.) A auf der „Samuel Enderby“. Moby Dick wurde gesichtet. Der Kapitän hat einen Arm an diesen verloren. A verlässt unwirsch das Schiff. Zu rachsüchtig.
101.) IS erzählt von Reederei und der Gastfreundlichkeit der Engländer. Essen und Alkohol.
102.) Innereien des Walfisches, vermoost, verwittert im Wald. Vermessung des Skeletts.
103.) Skelett, das Wunder aber nur lebendig teilhaftig.
104.) Über das Schreiben eines Walbuches. Versteinerte Wale, Tempel.
105.) Der Wal wird überleben, auch die nächste Sintflut.
106.) Vergleich von Lust und Leid, A lässt sich ein neues Holzbein herstellen.
107.) Zimmermann, der Kauz.
108.) Monolog vom Zimmermann. Phantomschmerzen.
109.) Pequod auf dem Weg in den Stillen Ozean (Pazifik). A hat es eilig. Starbuck mahnt, die bisherige Beute nicht verkommen zu lassen. A gibt kleinbei. Sie löschtakeln.
110.) Q krank, ein Sarg wird gezimmert, erholt sich aber, verziert seinen Sarg.
111.) Inmitten des Pazifiks, A ungeduldig.
112.) Geschichte des Schmiedes Perths.
113.) A lässt sich spezielle Harpune anfertigen.
114.) Kurzer Frieden auf der See, tröstliche Hoffnungen.
115.) Treffen mit dem Schiff „Hagestolz“. A hat Sand aus Nantucket in der Hand.
116.) A schaut einem sterbenden Wal zu, nachdenklich.
117.) Totenwache am Wal. Dialog Ahab und Fedalla.
118.) A mit Quadrant, schilt die Wissenschaft lächerlich, zertrampelt diesen.
119.) Taifun in Richtung, wo sie Moby Dick erahnen.
120.) A bleibt starrsinnig. Will nicht umkehren.
121.) Es regnet in Strömen.
122.) Taschtigo am Großmarsrah.
123.) Starbuck, ängstlich, will A zur Rede stellen, überlegt Tyrannenmord zu begehen, lässt es sein, obwohl A 30 Mann in den Abgrund zu reißen droht.
124.) Kompass geht im Sturm zu Bruch. A baut neuen.
125.) Auch die Logleine kracht. A nimmt sich Pip an.
126.) Robbengeheul. Unglück einees Vortoppmannes. Rettungsboje geht zu Bruch. Sie bauen eine neue aus Qs unbenutzten Sarg. Sie hängen ihn achtern.
127.) A und Zimmerer im Dialog über Särge.
128.) Treffen mit der „Rahel“, die Moby Dick gesehen hat. Sie suchen vermisste Besatzung, aber A will nicht helfen.
129.) Pip hält Monolog, während er auf A wartet.
130.) A, drei, vier Tage nach dem Treffen mit der „Rahel“, misstraut der Besatzung, setzt sich selbst in den Ausguck. Ein Fregattvogel stiehlt ihm den Hut.
131.) Treffen mit „Augenweide“, die einen Zusammenstoß mit Moby Dick hatte, 5 Tote.
132.) A 58 Jahre alt, 40 Jahre Walfang, will Starbuck schützen, will sich aber eigenem Schicksal nicht entziehen.
133.) A sieht Moby Dick, bekommt das eigene Goldstück; im Wasser zerfetzt Moby Dick Ahas Schaluppe. Pequod verfolgt den Wal.
134.) Besatzung von Jagd gebannt. Moby Dick sucht das Gefecht, zerschmettert die Schaluppen, Fedalla verschwunden.
135.) A sieht Moby Dick wieder als erster, verabschiedet sich von Starbuck. Moby Dick taucht auf, hat toten Fedalla am Leib. A wirft die Harupune, Moby Dick greift Pequod an, zerschmettert sie. Das Schiff geht unter. A trifft Moby Dick, das Seil schlingt sich um ihn, er wird in die Tiefe gerissen.
●Charaktere: sehr runde Charaktere allesamt, vielfältig gezeichnet, widersprüchlich-dynamisch, aufeinander eingehend, austarierend.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Auftreten Ahabs und seine Rede und schließlich Auftauchens Moby Dick, dazwischen vielleicht die weiße Krake.
●Diskurs: Wissenschaftsdiskurs, Religion, die Wissbarkeit von Dingen, Metanarration. Lehre vom Walfisch.
… inhaltlich teilweise mitreißend, teilweise einschläfernd, nur vom Plot her gesehen etwas dürftig in der Mitte, etwa 80% des Buches, während sie auf See sind. Es ist schwierig, den Plot für sich alleine zu betrachten, da er zeitweise völlig aus dem Blickfeld gerät. Spannend blieb es wegen des heraufziehenden Duells zwischen Ahab und Moby Dick, obgleich das Buch sehr in die Länge gezogen wird (plottechnisch).
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: reich, abenteuerlich, Seemannsgarn, Fachwörter, atmosphärische Beschreibungen, sehr lebendig, mit viel Wortwitz, Archaik.
●Type-Token-Ratio: digital nicht ausgewertet, zu lang.
●Stimmige Wortfelder: Sehr stimmige Wortfelder, keine Abstraktionsentgleisungen, keine seltsamen Reflexionen, die über den Horizont des Erzählens hinauswachsen.
●Satzstrukturen: Aufwendig, verschnörkelt, konzentriertes Lesen erforderlich, spannende Wendungen, Anschlüsse, Appositionen, ineinanderverschachtelt, interessante Reihungen.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine auffälligen
●Innovation: poetisch, sprachlich, ozeanische, den Pazifik einfangend, Leere, Dichtheit, Himmel
…sprachlich abenteuerlich, mitreißend, selbst bei langweiligen Inhalt, große Sprachfreude, Wortwitz, viele Diffusionitäten ausgespielt, niemals zu aufdringliche Wörter, niemals entblößende Deskriptionen, stets stilistisch-formal-ästhetisch souverän.
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: Ich-Erzähler, der im Rückschau von der Walfangreise berichtet.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): Sehr reflektiert, nicht überzogen, bescheiden, aber voller Begeisterung und Freude für seinen Stoff, gibt sich Mühe, sein Publikum zu faszinieren, nicht ruhig, sehr perspektiviert, stellt sich über weite Teile zurück, aber überzieht nie seinen Gedankenhorizont
●Erzählverhalten, -stil, -weise: abgeklärt, teilweise vom Material mitgerissen, aber durch Komposition in Zaum gehalten.
●Einschätzung: Eindrucksvolles Beispiel von Ich-Erzählung, die sich in eine auktoriale Position verliert, aber durch Einfühlung, durchs Mitreißen durch den Gegenstand, durchs Wissen und Reflektieren darüber, was geschehen ist, ohne je den Bogen zu überspannen. Paradigmatische Ich-Erzählung, die ihren Gegenstand immer weiter durchdringt, bis die auktoriale Position aufgehoben und möglich erscheint (wenn er über Ahab berichtet).
–> 5 Sterne
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): Insgesamt sehr deskriptiv, nicht sehr szenisch, teilweise sehr trocken, beinhaltet aber sogar Theater-ähnliche Dialog-Szenen, filmisch während der Jagdsequenzen, sehr reflektiet-nüchtern bei den Beschreibungen des Wals.
●Extradiegetische Abschnitte: sehr viele, insbesondere über den Wal, die zu dem Zeitpunkt vom Ich-Erzähler nicht gewusst wurden, die er im Rückblick recherchiert hat, nachdem ihm das alles zugestoßen ist. Wirklich extradiegetisch, also die Erzählwelt verlassend nicht, aber auch nicht wirklich in der Erzählwelt präsent.
●Lose Versatzstücke: Vielleicht die Town-Ho-Erzählung von der Meuterei über Radney und Steelkilt.
●Reliefbildung: starke Reliefs, Spannung, Verdichtung, Entspannung, das Buch besitzt großen Rhythmus, weitgestreckt, mit langer Dauer, alles zieht sich langsam zusammen, aber kleine Szenen halten die Intensität aufrecht.
●Einschätzung: durch die außergewöhnliche Anordnung stellt das Buch eine Art Impulskontrolle-Einübung dar, gerade das, was Ahab fehlt. Ahab muss sich rächen. Ismael hält sich zurück, und so erzählt er zurückhaltend, abschweifend, geht von sich weg, um nicht in die eigene Rachsucht zu verfallen, wie Ahab. Er trennt sich, indem er das Reale auflöst, den Wal zu erkennen gibt, sich mit dem Wal beschäftigt, das Andere, den Horror nur langsam, nach und nach zulässt, bis er kurz abhandelt, schnell, kompromisslos. Zu traumatisch ist die Begegnung auch für Ismael mit dem Anderen, dem Unbekannten, den Naturkräften gewesen. Kompositorisch unfassbar intensiv – da es die Erzählhaltung als Erzählrahmen reflektiert und verstärkt.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: bis auf kurze Phasen um 60% des Buches, nein.
●Geärgert: nein
●Amüsiert: ja, am Anfang, Wechselwirkung Quiqueg und Ismael.
●Gefesselt: ja, bis zum Schluss.
–> 5 Sterne
Ursula Krechel: „Sehr geehrte Frau Ministerin“
Journalistisches Emporium voller Digression – sprachlich überzeugend.
Inhalt: 2/5 Sterne (enttabuisierend, aber langweilig)
Form: 5/5 Sterne (schwebend, rhythmisch, poetisch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (beliebig, inkonistent)
Komposition: 1/5 Sterne (kaum, enorm digressiv)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (sprachlich interessant, zäh)
–> 2.2 Sterne
Georg-Büchner-Preisträgerin 2025, Ursula Krechel, legt mit Sehr geehrte Frau Ministerin ein zeitkritisches, allegorisches Buch vor, das bei Juli Zehs Zwischen Welten und Eugen Ruge Pompeji oder Die fünf Reden des Jowna anschließt, jedoch offenkundige, digressive Tendenzen einer Elfriede Jelinek aus Elfriede Jelinek Gier aufnimmt und weitertreibt. Im Zentrum steht einmal nicht das viel bespielte Mutter-Tochter-Verhältnis. Vielmehr geraten die Söhne in den Blickpunkt:
Agrippina: Seien wir doch offen. Ihnen und mir bleiben nur historische Rollen aus dem Kostümfilm mit beschränkter Haftung.
Boudica: Ihr Sohn hat Sie inhaftiert.
Agrippina ironisch: Das wäre Ihnen nicht passiert, weil Sie keinen Sohn haben. Ein Sohn ist immer ein Risikofaktor.
Boudica: In der Tat.
Hier sprechen die Mutter von Nero, Agrippina, und Boudica, eine britannische, keltische Kriegerkönigin, miteinander. Letztere revoltierte im Jahre 60 gegen die römische Besatzung. Beide haben unter Nero zu leiden, unter dessen Regentschaft zwischen 54 und 68 das römische Imperium u.a. durch viele dubiose Todesfälle in seiner eigenen Familie im Chaos versunken ist, bspw. auch der Mord an Agrippina durch (wahrscheinlich) Nero selbst. Parallelisiert wird Neros Geschichte mit dem Mutter-Sohn-Verhältnis zwischen Eva und Philipp Patarak in der bundesrepublikanischen Gegenwart. Philipp, der kaum in Erscheinung tritt, hat sein Studium geschmissen und sitzt nun den ganzen Tag vor dem Computer und politisiert sich. Arbeitslos hängt er vom Gehalt seiner Mutter ab, die in einer Essener Filiale einer Kräuterladenkette arbeitet, bis diese plötzlich abgewickelt wird:
Das hat gerade noch gefehlt, sagte [Philipp]. Er öffnete den Kühlschrank wieder, schob die laminierten Packungen und die Gläser mit Gemüsekonserven vor und zurück. Gibt’s keine Gürkchen mehr? Nein, Gürkchen gab es nicht mehr. Aber du wirst doch wieder in einem Laden arbeiten können? Und: Du bekommst bestimmt eine anständige Abfindung, oder? Hoffentlich. Ja, hoffentlich.
Von einem hintergründigen Konflikt kann in Sehr geehrte Frau Ministerin keine Rede sein. Digressiv arbeitet sich der Roman durch verschiedene Lebenswelten, ohne jedoch einen wirklich roten Faden zu haben. Die Frau mit der roten Mütze und ihren starken Monatsblutungen fungiert zwar als Erzählinstanz, die immer wieder eher oberflächliche Details über dieses und jenes feilbietet, kommt aber nie zum Punkt, zum Ereignis oder zum Plot. Den gibt es nämlich nicht. Sprachlich bietet der Roman jedoch eine ganze Menge:
Ich dämmerte für eine Viertelstunde vor mich hin, stand auf, wieder ins Badezimmer, wieder der Griff zwischen die Beine, wieder Nässe, wieder ein neuer Tampon. Ich war das Blut, ich war das Auffangbecken, ich war die Bestürzung, die Verstörung, der Blutsturz, ich war das beschmierte Klo, ich war der Abfalleimer, ich war die Schwäche. Ich hätte weinen wollen, aber die Augen blieben trocken, Nässe, die aus der Gebärmutter rann.
Im Grunde bietet der Roman sehr viele Anschlussmöglichkeiten, nur realisiert er keine davon selbst. Er fliegt auseinander und endet in einem narrativen Nirwana ohne Hand und Fuß, da Sehr geehrte Frau Ministerin eben nicht von seinen Figuren handelt oder seine Figuren vorstellt, sondern diese Figuren eher zum Anlass nimmt, irgendwelche Details anzuhäufen wie übers Grapefruit-Ausquetschen, über das Justizministeriumgebäude oder über Gemälde, Kraniche, Kräuterextrakte oder die Essener goldene Madonna etc … die mühsame Lektüre lohnt sich möglichweise topisch, aber sicherlich nicht narrativ. Die Figuren bleiben völlig entfremdet und gesichtslos, insbesondere die Ministerin.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Silke Aschauer, klassische Philologin; Eva Patarak, Verkäuferin und Mutter von Philipp; Justizministerin.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe: Drei Kapitel, fast gleich lang (112,126,117 Seiten).
Kapitel 1: Hier geht es um Eva Patarak (EP). Sie lebt mit ihrem Sohn zusammen, Philipp (PP), der sein Studium geschmissen hat und, obwohl erwachsen, noch immer bei ihr wohnt, den ganzen Tag im Internet surft und Politsendungen u.a. mit der Justizministerin schaut. PP erscheint kaum, wirkt nebulös, unfähig, latent aggressiv und nutzt seine Mutter aus. Als er sich über das Bellen des Hundes eines Nachbarn aufregt, bricht er sich den Finger. EP muss das Geld für beide in einem Kräuterladen verdienen. Das Geschäft läuft mittelmäßig bis schlecht. Sie nimmt an einem Wochenendseminar teil, um Verkaufsstrategien zu erwerben. Als der Unternehmensbesitzer stirbt, hat der Sohn die Nachfolge nicht im Griff und verkauft das Unternehmen. Im Zuge der Übernahme wird der Kette der Kräuterläden abgewickelt und EP verliert ihren Job.
In diese Situation hinein montiert, eine Kundin, die Frau mit der roten Mütze (die sich als Silke Aschauer entpuppt, später). Sie kauft nicht viel, schaut mehr, kauft Kräuterbonbons und fragt irgendwann nach einem Haarwuchsmittel. Sie zeigt, dass sie unter der Mütze kahl ist, wahrscheinlich wegen einer Chemotherapiebehandlung. Als die Frau mit der Mütze auch noch in EPs Straße auftaucht, hat EP das Gefühl, von ihr verfolgt zu werden und bittet ihren, einen Beschwerdebrief an die Justizministerin zu schreiben. Sie schreibt einen Entwurf.
Zwischen diesem Handlungsverlauf nun wird die Mutter-Sohn-Geschichte von Nero (N) und Agrippina (A) erzählt. A intrigiert so, dass N Kaiser werden kann, vielleicht sogar durch Mord an ihren sehr reichen zweiten Ehemann Crispus. Claudius (As Onkel) und sie heiraten aus dynastischen Gründen. 51 wird eine Kolonie gegründet, die nach A benannt wird, da sie aus dieser Gegend stammt: das spätere Köln. Als Claudius mehr und mehr seinen Sohn aus erster Ehe, Britannicus, favorisiert, obwohl Nero bereits seine Tochter Octavia geheiratet hat, intrigiert A gegen ihn, wahrscheinlich. Er stirbt bald (vielleicht aus natürlichen Gründen, er war 63) und zwar im Jahr 54. Als nun A auch unzufrieden mit N wird, vor allem durch seine Affäre mit Claudia Acte, durch welche A Einfluss über ihren Sohn verliert, versucht sie mit Britannicus und dann mit Octavia gegen ihn zu intrigieren. N vergiftet Britannicus daraufhin (55) und wird 59 unter dubiosen Umständen getötet (ein Anschlag zuvor auf einer Barke geht schief). 62 wird auch Octavia getötet. Agrippina stellt Nero Seneca zur Seite, versucht ihn zu stützen, ihm den Weg zu bereiten, ist aktiv und unterstützend. Nero aber wird hedonistisch, will Künstler sein, tanzt und ergeht sich in Affären
Nero – Versager; Philipp – Versager; und auch Unternehmensnachfolger-Sohn – Versager.
Kapitel 2: In diesem Kapitel wird die klassische Philologin Silke Aschauer (S) eingeführt, die Frau mit der roten Mütze, die an enormen Blutungen während ihrer Periode leidet. Sie hat schlimme Menstruationsbeschwerden, geht so mehreren Ärzten, bis endlich ein Krebs entdeckt und sie operiert wird. In diese Situation wird der Unterricht beschrieben, Übersetzungen des Tacitus, ihre Lieblingsschülerin Alberta, deren religiöse Mutter sich über den Unterrichtsstoff bei S Direktorin beschwert (Verhütung, Hinrichtungen, Gewalt). S sucht ein Gespräch mit der Mutter, die aber nur einen Monolog über die schlimme Vergangenheit von Albertas Vater erzählt und dann geht. Nebst ihren Problemen geht auch die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche, der als Aktivist in den Anden weilt, kurz zurückkommt, dann wieder zurückfliegt, sie versucht zu überreden mitzukommen, auch sprechen sie über Heirat und Kind.
Blutungen und körperliche Schmerzen führen zum zweiten Strang: Kriege unter Nero, Niederschlagung einer Rebellion in Britannien. Boudica, eine störrische Kriegerkönigin, will sich nicht geschlagen geben, hetzt gegen die verweichlichten Römer, insbesondere gegen den verweichlichten König. Quellen: Cassius Dio „Römische Geschichte“ und Tacitus „Annalen“. Die Erzählerin imaginiert einen Dialog zwischen Boudica und Agrippina, beide kriegerisch, machthungrig, rebellisch.
Im dritten Strang wird die Geschichte von EP weitergesponnen, die mit einer Kollegin Kraniche beobachtet, über Kraniche und das Kranichzählen.
Kapitel 3: Hier mischen sich alle Handlungsfäden. Die Geschichte um Alberta wird aufgelöst. Sie geht in ein Internat für Hochbegabte, entzieht sich so der Mutter. Das Leben einer anonym bleibenden Justizministerin wird erzählt, Politikeralltag. EP findet neuen Job als Hörgerät-Verkäuferin, führt die Kundschaft an der Nase herum. Briefe an die Justizministerin, die mit ihrer Tochter in Essen im Laden von EP eine Tinktur gegen Blasenschwäche gekauft hat. Auch PP geht es besser, scheinbar, Lachen aus seinem Zimmer. Dann Attentat auf die Justizministerin, wird u.a. gerettet von ihrem Sohn. PP der Attentäter, wird gestellt und verweigert vor Gericht die Aussage. EP bezieht sich nun auf S, die über sie und ihren Sohn schreibt, um Klarheit in die Situation zu bringen. EP hatte nichts damit zu tun.
●Kurzfassung: Eine klassische Philologin schreibt über eine Mutter mit einem unfähigen Sohn, der schließlich einen Attentat auf die Justizministerin ausübt.
●Charaktere: (rund/flach) – schwierig zu sagen, im Grunde keine handelnden Figuren überhaupt in dem Roman.
●Besondere Ereignisse/Szenen: Gespräch zwischen Boudica und Agrippina. Stille Szene mit Silke im Essener Dom vor der Maria Statur mit offenen Beinen.
●Diskurs: zu viel, eigentlich alles, Klimawandel, Messerverbot, Landwirtschaftsmisere, Einwanderung, Krieg, Kolonisierung, Intrigen, Emanzipation, tabuisierte Körper, Krebs.
… der Text zirkelt um Söhne und Mütter. Die Mütter umsorgen die Söhne, aber diese erweisen sich als Problemkinder: Agrippinas Nero, verzärtelt unfähig, mord- und rachsüchtig, und Evas Philipp, zurückgezogen, scheu, faul und gewalttätig. Mütter gelten aber, außer Maria, nicht als Märtyrinnen (Zitat) außer Maria, deren goldene Statue die kinderlose Silke, die auch keine Kinder mehr gebären kann, im Essener Dom anschaut, mit gespreizten Beinen. Also: Dilemma Kinderbekommen oder nicht. „Konfliktfähigkeit als Mutter der Kinderlosigkeit.“ Auch: Nero wächst ohne Vater, Philipp ohne Vater auf. Silke will kein Kind ohne Vater aufziehen; Alberta wächst auch ohne Vater auf, setzt sich gegen die Mutter durch. Auch: Silke wird zuerst von ihrer Frauenärztin vertröstet (trotz starker Blutungen), dann geht sie zu einem Arzt, der als Kapazität gilt, der ihr nahelegt, die Gebärmutter zu entfernen; dann geht sie wieder zu einer Ärztin, die sie vertröstet, bis es zu schlimm wird und eine Notoperation stattfinden muss.
… vom Spannungsaspekt jedoch sehr langweilig, zerfahren, inkohärent, nicht packend. Zu diskursiv, journalistisch, zu sehr pädagogisch.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: außerordentlich vielseitig.
●keine statische Analyse möglich (nur analoge Version zur Hand).
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig, keine Ausreißer, keine Abstraktionsverfehlungen.
●Satzstrukturen: komplex, interessant, rhythmisch.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine, die mir aufgefallen wären, sehr vielseitig jedoch.
●Innovation: hohe Ausdrucksfreude, sprachliche Vieldimensionalität
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Eindruck: es gibt keine – das Ich wechselt, changiert. Haupterzählinstanz wäre Silke Aschauer, aber es gibt kein Innen und Außen; der Text schwebt, durchpflügt alles. Sehr inkonsistent, keine Glaubwürdigkeit generierend, sehr beliebig, leider.
●Erzählinstanz (reflektiert, situiert, perspektiviert?): nein, weder noch, da diffus.
●Erzählverhalten, -stil, -weise: kommentierend, mit Schenkelklopfern, Witz, und auch mit herablassenden Einschätzungen, hart urteilend.
… viel zu kursorisch, unorganisiert, überhaupt kein erzählender Text, eher eine Illustration, narrativ ein Komplettausfall
–> 1 Stern
Komposition:
●Eindruck (szenisch/deskriptiv/Tempiwechsel): fürchterliche Mischung aus Traum, Nacherzählung, Einfühlung, historischen Passagen, die abgeschrieben scheinen, Detailauswüchse, die völlig windschief zum Geschehen stehen (wie die Geschichte vom Justizministeriumgebäude, die Kraniche, das Grapefruitausquetschen etc….).
●Extradiegetische Abschnitte: Sehr viele, da historische Passagen, die aus Übersetzungen aus dem Latein stammen.
●Lose Versatzstücke: Gemäldebeschreibung von Gabrielle d’Estrées, Kranichbeobachtung, Anekdote über den Münzfund, das russische Uhren-Sammeln von Philipps Vater.
●Reliefbildung: nein, da es keine Linie gibt, ebnet sich alles als Montage ein.
–> 1 Stern
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: sehr
●Geärgert: teilweise
●Amüsiert: nie
●Gefesselt: nein
… die Sprache war das einzige, das mich begeistert hat.
–> 2 Sterne
Ralf Rothmann: „Museum der Einsamkeit“
Intensiv-nahsinnlich erlebte Alltagsbeschreibungen als literarische Miniaturen.
Rothmann hat bereits mehrere Erzählbände veröffentlicht wie Hotel der Schlaflosen (2020) oder Shakespeares Hühner (2012). Wie seine Romane, bspw. Die Nacht unterm Schnee schrecken seine Erzählungen nicht vor Derbheiten und Vulgaritäten zurück. Im Gegenteil, Rothmann beleuchtet Zwischenräume des Sozialen, die häufig ignoriert oder eher pathologisiert werden, bspw. Männer auf dem Bau:
Als er aufsah, bemerkte ich Tränen in seinen Augen, und auch die Unterlippe zitterte. »Mir tut’s nicht leid«, stieß er hervor. »Überhaupt nicht. Von mir aus soll sie verrecken an ihren Eierstöcken, die Scheiß-Fotze. Die denkt sowieso nur an sich, hat sie immer getan. Keinen Pfennig hab ich von der für mein Mofa gekriegt, obwohl’s ein gebrauchtes war. Die säuft und fickt mit jedem Itaker rum, die Lümmeltüten schwimmen in unserem Klo. Aber was wird aus meinem Hund? Wer kümmert sich um den, wenn die da in ihrem Bett liegt und sich gemütlich operieren lässt? Der Peppi kann nicht gut allein sein; das kann der überhaupt nicht, Simon! Der ist eigentlich ein Rudeltier. Der kratzt die Tapeten von den Wänden und pisst alles voll!«
Rothmann beleuchtet brutal und nackt Szenen im verruchten, eher wildwüchsigen Alltag und tritt mit dieser Form in die Fußstapfen eines Günter Grass, nur ohne dessen Sentimentalität und Deutungshoheitsansprüchen. Rothmann schreibt mit freien Rücken und freien Geist über sonderbare Existenzen. Museum der Einsamkeit enthält in diesem Sinne neun Erzählungen, die inhaltlich und von den Figuren her, unabhängig sind.
● In Normschrift spielt auf einer Schulbaustelle, auf der ein Ich-Erzähler von seiner Freundin tagträumt, mit der ein gemeinsames Wochenende plant.
● Herr Dingens heißt die chinesische Handpuppe einer schwerkranken Pfarrerstochter, die repariert werden muss.
● In Eine kleine Metall-Unterhaltung heuert ein Verkaufsleiter für Leichtbauhallen eine albanische Haushaltshilfe an und gerät in Konflikt mit ihren Söhnen.
● Die Melodie bei Nacht handelt von einem Nachbarschaftskonflikt, der in einer einsamen Waschbären-Fütterung durch einen reichen Witwer endet.
● Budenzauber zeigt, wie ein älterer Brüder seinen jüngeren Bruder tröstet und zum Einschlafen bringt, während seine Eltern saufen und tanzen.
● In Engel auf Krücken sucht ein abgehalfterter Handlanger auf dem Bau Trost bei einer alten Liebe und ärgert sich mit zwei scheißenden Zierpudeln herum.
● Schimmel in der Orgel erweist sich als ein verhängnisvoller Versuch eines Kunstmalers, sich für eine Jugendtat zu entschuldigen.
● In Abschied von Baden-Baden zieht eine ältere Frau an die Ostsee und bekommt kalte Füße, als sie die Atmosphäre der Einsamkeit dort zu spüren bekommt.
● In Psalm und Asche wechseln sich dialogisch ein Konzentrationslagerleiter und ein Opfer des Holocaust ab, über den Abtransport des jüdischen Volkes in die Vernichtungslager in Osteuropa zu erzählen.
Bis auf zwei Erzählungen behandeln alle das Thema vom Fehlen zwischenmenschlicher Nähe und die daraus folgende Einsamkeit. Aus der Reihe tanzen die Holocaust-Erzählung Psalm und Asche sowie Schimmel in der Orgel. Kompositorisch fallen diese heraus, was aber durch die Reihung ohnehin sehr verschiedener Szenarien keine Rolle spielt. Einheitlich und bindend bleibt die sehr austarierte, balancierte, melodische Schreibweise von Rothmann, der mit dieser lakonischen, empathischen, intensiven Weise, Sinneswahrnehmung in die Erzählung einzubinden, vermag, stets einen überzeugenden Erzählrahmen zu schaffen, in welchem alles seinen gleichberechtigten Platz findet.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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1.) Simon in der Bauschule, zeichnet Pläne, freut sich auf sein Wochenende. Er hat vor mit seiner Freundin in das Wochenendhaus nach Maria Laach zu fahren. Doch seine Freundin Lynn sagt ab. Sie habe eine Sache in Stuttgart, eine Inszenierung mit Othello. Später erhält er Nachricht, dass sie mit einem Schwarzen gesehen wurde, von Thersek, einem Schläger. Sie prügeln sich. Simon versucht Lynn zu erreichen und erhält von der Haushilfe die Nachricht, dass sie sich bereits in Maria Laach befindet, und nicht in Stuttgart. Es liegt Senfeiergeruch über dem Gelände.
2.) Pfarrer Thomsen, geschieden, nicht mehr an Ehe und Liebe glaubend, besucht Pia, seine schwerkranke Tochter im Krankenhaus. Sie hat eine Puppe namens Herr Dingens. Er nimmt die Puppe mit, um sie zu reparieren. Draußen vor dem Krankenhaus sieht er Krähen, die wegfliegen, und da rennt ihm die Krankenschwester unheilvoll aus dem Eingang entgegen. Pia hatte ihn viel zu schwach zum Abschied gegrüßt.
3.) Ein Verkaufsleiter für Leichtbauhallen zieht sich ein Aneurysma zu und heuert Vjosa, eine albanische Haushaltshilfe, an und gerät mit ihren Söhnen Esad und Muharrad in Konflikt. Dazu: die Geschichte seiner Mutter, die nur einen Arm hatte und sich mit Schlaftabletten umbrachte. Traurig, selbstvergessen, verloren … mit einem erschwindelten 7er BMW und einer gefälschten Rolex, und einer Goldfruchtpalme. Briefkasten (Rahmenhandlung durch Kot in Briefkasten, nachher eine Handgranate).
4.) Mascha, Architektur-Journalistin, arbeitet zuhause, ist genervt von dem Türknallen ihrer Nachbarn, der Silberers. Der Nachbar behandelt sie von oben herab. Die Frau spricht über den verstorbenen Hund, der sich von Waschbären, die sie hasst, die Tollwut zugezogen hat. Am Morgen, nach der Nacht, in der Frau Silberer vom Notarzt abgeholt wurde, sitzt Dr. Silberer und verfüttert alle Speisen, die er hat, an die Waschbären. Mascha ist peinlich berührt.
5.) Der Bruder tröstet den nervenkranken Bruder, während die Eltern tanzen gehen. Ein Pfiff eines Zuges in der Nacht. Am Ende schlafen sie beide ein, der kleine Bruder mit einer toten, nackten Taube in der Hand, und ein nervenschwaches Lid.
6.) Willi, Bauarbeiter, ein Handlanger, wird versetzt, weil er die Akkordarbeit nicht mehr schafft, kurz vor Weihnachten – arbeitet mit einem Schwerverbrecher auf Ausgang, Harald, der jemandem erstochen hat, der sich an seiner Tochter vergangen hat, danach geht er was essen und geht zu Elfriede, die von ihrer Tochter erzählt, mit der es bergab gegangen ist. Verbrauchtes Leben. Die Pudel. Die Narbe ob der Hüftenoperation. Das Alter. Einsamkeit vor Weihnachten. Trunksucht.
7.) Ben, ein Kunstmaler, hat ein schlechtes Gewissen einem ehemaligen Schulkameraden gegenüber, Johannes, der nun Organist an der Mosel ist. Er hat diesen ins Gesicht geschlagen, und will sich entschuldigen, nach fünfzig Jahren. Es scheint aber unnötig, bei dem Gespräch erwähnt Johannes, dass er sich immer einen Segelflug gewünscht hat. Er bekommt ihn geschenkt (wahrscheinlich von Ben), und verunglückt dabei. Aus Schlechtem sollte Gutes werden, wurde aber Noch-Schlechteres.
8.) Mutter will ans Meer ziehen, Haus in Baden-Baden verkauft, Single-Akademikerin-Tochter geht mit. Gespräche über das Seniorenheim – eine Frau stürzt sich in den Tod, danach ist die Tochter besorgt und beschließt, die Mutter beim Kauf der Wohnung zu unterstützen und ihr einen Hund zuzulegen.
9.) Gemmeker, ein Konzentrationslager-Vorsteher, verteidigt seine Ahnungslosigkeit. Er hat nur einen guten Job machen wollen, spricht von seiner Ächtung und seinem Leben nach der Haft. In die Rechtfertigung eingebunden werden die Erinnerung von Etty, die sich eines hilflosen Kindes annimmt, das mit ihr in ein Vernichtungslager abtransportiert wird. Am Ende bekennt sie sich zu dem Kind, spürt, wie die Asche verbrannter Menschen auf ihr landen.
Frank Wedekind: „Frühlings Erwachen“
Flaches, plakatives Aufrührerstück ohne Dramatik – eher eine Polemik und Zeitkritik.
Wedekind (1864-1918) wirkte als Lyriker und Dramatiker und geriet über seine ganze Schaffensperiode hinweg in Konflikt mit der Zensur im wilhelminischen Kaiserreich, zumal er sich u.a. mit tabuisierten Themen wie Sadomasochismus, Sexualität und Homoerotik in Dramen wie Frühlings Erwachen oder Lulu befasste. Mit Frühlings Erwachen (1891) erregte er seiner Zeit große Aufmerksamkeit. Es wurde für dieses Stück ein sofortiges Aufführverbot erlassen:
WENDLA. Würdest du mich nicht einmal damit schlagen?
MELCHIOR. Wen?
WENDLA. Mich.
MELCHIOR. Was fällt dir ein, Wendla!
WENDLA. Was ist denn dabei?
MELCHIOR. O sei ruhig! – Ich schlage dich nicht.
WENDLA. Wenn ich dir’s doch erlaube!
MELCHIOR. Nie, Mädchen!
WENDLA. Aber wenn ich dich darum bitte, Melchior!
MELCHIOR. Bist du nicht bei Verstand?
WENDLA. Ich bin in meinem Leben nie geschlagen worden!
MELCHIOR. Wenn du um so etwas bitten kannst …!
WENDLA. – Bitte – bitte –
Das Drama handelt weitestgehend von drei pubertierenden, vierzehnjährigen Figuren: Wendla, ein draufgängerisches, aber in Unwissenheit belassenes, streng erzogenes Mädchen; Melchior, ein liberal erzogener Musterschüler, und sein Kumpel Moritz, der um seine Versetzung fiebern muss und den Versagensängste peinigen. Alles in allem handelt es sich bei diesem Drama um eine teilweise surreale Aneinanderreihung von Szenen, die in einen kopflosen Moritz gipfeln, der Melchior per Händedruck ins Jenseits locken möchte, während ein vermummter Herr um Melchiors Lebenswillen ringt:
DER VERMUMMTE HERR. Erinnern Sie sich meiner denn nicht? Sie standen doch wahrlich auch im letzten Augenblick noch zwischen Tod und Leben. – Übrigens ist hier meinens Erachtens doch wohl nicht ganz der Ort, eine so tiefgreifende Debatte* in die Länge zu ziehen.
In der Tat, Frühlings Erwachen will nicht ein solcher Ort sein. Es ist vielmehr eine Art Provokationsstück mit parodistisch-satirischen Einschlägen, überaus gewollten pädagogischen Kabinettstückchen voller seltsam anmutender Vorstellungen, die den Realismus auf der Theaterbühne bekämpfen und gegen den wilhelminischen Maulkorb aufbegehren. Die Figuren erhalten keine Tiefe. Sie sind reine Schablonen und Projektionsflächen. Körperliche Vorgänge bleiben, wenn überhaupt, nur angedeutet, einzig das gesprochene Wort zählt, und dieses Wort würde retten, so die Moral der Geschichte, darf aber nicht.
WENDLA. […] Warum bringst du auch die Lippen nicht mehr zusammen? – Ich weiß nicht. – Ich weiß es ja nicht, ich finde nicht Worte … […] Ach Gott, wenn jemand käme, dem ich um den Hals fallen und erzählen könnte.
Wedekind verdiente am Anfang seiner Karriere sein Geld unter anderem in Werbeabteilungen und beschäftigte sich mit Marketingstrategien bspw. für Maggi. Vor diesem Hintergrund erscheint das Theaterstück weniger aufklärend denn als Marketingstreich. Zu unklar bleiben die Gefühle der Figuren, zu ungeklärt die Handlungsweisen, zu exaltiert, holzschnittartig die polemisierenden Szenen bspw. von den Gymnasiallehrern oder Melchiors Eltern. Von charakterlicher Entwicklung keine Spur, und der Höhepunkt, die Geisterstunde mit Kopf unter dem Arm, besitzt nur dröge Shakespear‘sche Anleihen von drolligen Totengräbern im dänischen Exil ohne jedweden sprachlichen Witz. Der Coup von Wedekind mag gelungen sein, seine Karriere nahm nach dem Verbot an Fahrt auf, interessanter wird das Stück dadurch aber nicht.
Tarjei Vesaas: „Frühlingsnacht“
Kindlicher Ich-Erzähler hin und her gerissen von einer unverständlichen und unzugänglichen Welt: etwas klaustrophobisch.
Inhalt: 3/5 Sterne (erwachendes Imaginäre)
Form: 2/5 Sterne (eintönig, mutlos)
Erzählstimme: 3/5 Sterne (konsequent-phantasmagorisch)
Komposition: 2/5 Sterne (kaum Dynamik)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (etwas unangenehme Konnotationen)
Tarjei Vessas lebte von 1897 bis 1970 und erfährt postum eine kleine Renaissance durch neu oder zum ersten Mal übersetzte Texte. Frühlingsnacht stammt aus dem Jahr 1954 und erschien erst, obwohl der Roman sogar 1976 verfilmt wurde, 2025 in deutscher Sprache. Jon Fosse nennt ihn jedenfalls als Vorbild und Inspiration, und viele Motive, Stoffe, dramaturgische Techniken teilen diese beiden Autoren, wiewohl der Stil von Fosse ein ganz anderer ist. Setzt Fosse aufs Fließende, Illusionierende, Wiederholende bleibt Vesaas dagegen sehr hackig, ruppig und kurzgefasst:
Die Luft war von Regenbrausen erfüllt. Er saß hier nackt und klein und wusste, er musste beigeben und heimgehen: Bald wäre es doch zu kalt. Er hörte die Bäume seufzen und den Boden seufzen, sah die freundlichen Schnecken kürzer werden, als der Regen ihnen auf den Rücken schlug. Er spürte den Duft von Sissel und war glücklich in einer Art stillem Spiel.
Die Hauptfigur, aus dessen Perspektive Frühlingsnacht erzählt wird, heißt Hallstein. Er ist vierzehn Jahre alt und verbringt mit seiner vier Jahre älteren Schwester Sissel die Nacht allein in ihrem gemeinsamen Zuhause. Die Eltern sind zur Beerdigung ihres Onkel in die Nachbarstadt gefahren, und prompt taucht der Nachbarssohn Tore auf und gräbt Sissel an, die sich aber zu wehren weiß. Tore lässt nicht ab und bleibt in der Nähe des Hauses, vor dem plötzlich ein unbekannter Wagen hält. Eine fremde Familie mit schwangerer Frau klopft an die Tür, und danach überschlagen sich sozusagen die zwischenmenschlichen Ereignisse:
All das hier war so reizvoll. Trotz Kristine. Einfach so mit dem Auto in die Welt hinaus fahren, das war keine kleine Sache, noch dazu mit Gudrun in Armeslänge. Alles Bedrohliche um die stille Kristine hinter ihm schob er beiseite und überließ sich angemessener Freude. Nur ein klein wenig, bis der wirre Mann wieder mit seinen ratlosen Forderungen kommen würde. Kristine selbst war wie eine Tür, die krachend ins Schloss gefallen ist. Er wollte an anderes denken. Lasst mich ein bisschen damit in Ruhe – es gibt so viel anderes für mich.
Kristine heißt die geheimnisvolle Ehefrau des Vaters des Mannes der schwangeren Frau. Es gab eine Art Streit zwischen den Eheleuten, und der führt letztlich zu drastischen Konsequenzen, die in das friedlich-verträumte Weltbild von Hallstein erbarmungslos und impressionabel einbrechen. Im Grunde heißt diese Macht: Liebe-Beziehung-Erotik, Attraktion-Distraktion-Repulsion, um deren Kraftfelder sich der sehr dualistische Roman dreht: Freund-Feind, Schwarz-Weiß, Mann-Frau, Dunkel-Hell und so weiter. Vesaas betreibt nun mit trockener Sprache eine Diffusionierung dieser Differenzen, indem er ein kindliches Gemüt evoziert, das windschief zu den Problemen wahrnimmt und fühlt, und bedient sich insofern einer ähnlichen Methode wie Henry James in Was Maisie wusste . Die Kinder sind schlichtweg überfordert:
Die Luft war von Regenbrausen erfüllt. Er saß hier nackt und klein und wusste, er musste beigeben und heimgehen: Bald wäre es doch zu kalt. Er hörte die Bäume seufzen und den Boden seufzen, sah die freundlichen Schnecken kürzer werden, als der Regen ihnen auf den Rücken schlug. Er spürte den Duft von Sissel und war glücklich in einer Art stillem Spiel.
Kinderbücher handeln nicht ohne Grund oft von phantastischen Welt, denn das kindliche Gemüt fesselt von alleine nicht. Es besitzt zu wenig Gedächtnis, zu wenig Differenz, zu wenig Eigensinn. Alles ist zu schnell Freund oder Feind. Alles ist total schlimm, schön oder gut. Die Wahrnehmung verlaufen zu pointillisiert, zu impressionistisch, zu diffus, dissoziativ, und dieses Problem stellt sich in Frühlingsnacht ungehemmt dar. Hallstein, als Träger des Gedankens, der erlebten, gehörten und direkten Rede, bleibt schattenhaft, und somit auch alle anderen Figuren. Alles verstäubt, verläuft, geht ineinander über, wie ein Tuschebild im Regen. Das mag auf dem ersten Blick interessant erscheinen, auf dem zweiten wirkt es wie Zufall und Reihung und Beliebigkeit, genau das, was auch hier als Leseeindruck zurückgeblieben ist. Von der äußerst langweiligen Sprache gänzlich abgesehen.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Hallstein, 14 Jahre alt, entdeckt sich und die Welt der Erwachsenen.
●Charaktere: allesamt eher mysteriös, unerreichbar, hinter einem Schleier des Unwissens verborgen
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Hallstein (H) und seine achtzehnjährige Schwester Sissel (S) hüten das Haus, während ihre Eltern zu der Beerdigung ihres Onkels gefahren sind. Tore, der an S interessiert, nutzt die Möglichkeit und will mit S flirten, die ihn aber abblitzen lässt. H beobachtet sie dabei und empfindet eine gewisse Antipathie gegen Tore, der unerfolgreich aus dem Haus rennt. H folgt ihm nach draußen und spricht mit einer imaginären Freundin namens Gudrun, die ihn darin bestätigt, dass Tore unfreundlich zu S gewesen ist. Er geht zu einer Wiese, auf der er Schlangen vermutet und Engelwurz gesät hat. Tore lauert ihm auf und kündigt an, in der Nähe zu bleiben, um S zu erobern. H trifft S im Haus, die verärgert darüber ist, dass H ihr hinterher spioniert hat. Sie gehen zu einer Wiese mit Schnecken. H denkt, dass er ein gewisses Maß an Kontrolle über die Welt hat (Omnipotenzphantasien), bspw. denkt er, den Regen beschworen zu haben. Am Abend steht plötzlich eine Familie vor der Tür, Karl, seine schwangere Frau Grete, Karls Schwester Gudrun und sein Vater Hjalmar. Kristine, die Ehefrau von Hjalmar, wartet aber im Wagen. Irgendetwas ist vorgefallen. Sie weigert sich zu gehen und zu sprechen. Der Vater will sie ins Haus holen, aber sie müssen sich erst um Grete kümmern. Das Telefon im Haus von H und S funktioniert nicht in der Nacht. Sie müssen zum Nachbarn. H begleitet Karl. Sie rufen dort Hilfe. Auf dem Weg hin und zurück spricht H mit Kristine. Sie erwartet Hilfe von ihm. Die Hebamme erreicht das Haus. Die Frauen bleiben bei Grete, Karl und Hallstein und Hjalmar holen Kristine und bringen sie ins Haus. Kristine bittet H wiederum um Hilfe und beschwört eine Nacht, in der niemand schlafen wird. Grete gebiert ohne Komplikation und ist sehr glücklich. Gudrun, dreizehn Jahre, und H kommen sich näher. Als Hjalmar und Kristine sich streiten, geht H dazwischen. Karl protestiert. H hebt eine Schemel und droht ihnen. S zieht ihn in die Küche. Er hört, wie Karl den Schemel zerschlägt. S deeskaliert und ruft zum Essen. Kristine wirbt um Hs Gunst, sagt ihm aber nicht, was im Wagen vorgefallen ist, noch warum sie sich weigert zu gehen, warum sie sich überall hin tragen lässt. H und S schlafen ein. Gudrun weckt ihn, um ihm gute Nacht zu sagen. Später kommt Hjalmar hinunter und bittet H ebenfalls um Hilfe, und geht aus dem Haus. H geht zu Kristine, die ihn abermals um Hilfe bittet. Er geht, nachdem er seltsame Geräusche gehört hat, zu Grete, die ihn bittet, nach Karl, auf dem Dachboden, zu sehen. H schaut nach Karl, S kommt ihm nach. Sie errötet, fühlt sich zu Karl hingezogen, der Soldat gewesen ist. Beide Geschwister erkennen, dass sie ein wenig verliebt sind, H in Gudrun, S in Karl. Wieder unten schauen sie in Gudruns Zimmer. Sie lädt H ein, einzutreten. Dort vergleichen sie ihre nackten Arme. Er fühlt sich zu ihr körperlich hingezogen, fühlt sich glücklich. Er verlässt das Zimmer und geht Sissel hinterher, die er an einem Abhang stehen sieht. Sie vertreibt ihn aber, will alleine sein. Auf dem Rückweg trifft er Tore, mit der sich plötzlich solidarisch fühlt, sie beide sind verliebt. Im Haus bittet Kristine H, dass er Hjalmar zu ihr schicken soll. Dieser jedoch hat das Auto zum Laufen gebracht und rast auf das Haus zu. Karl springt heraus und verhindert einen Unfall. Der Vater wirkt klapprig und unzurechnungsfähig, hat das Haus gestreift. Sie hören nichts aus Kristines Zimmer und sehen nach. Dort ist es dunkel. Jemand hat die Jalousien zugezogen. H weiß, dass das nur Kristine selbst getan haben kann, schweigt aber. Kristine liegt still im Bett. Sie atmet nicht mehr. H, Karl, Hjalmar und Gudrun fahren in die nächste Stadt, zur Krankenstation mit Kristine. Dort wird ihr Tod festgestellt. Der Vater außer sich, kann aber beruhigt werden. Sie fahren zurück, nachdem Karl einen Krankentransport Gretes organisiert hat. H nimmt Gudruns Hand auf der Rückfahrt und träumt. Der Vater will aussteigen. Sie fahren alleine weiter, kommen an. H schläft ein, denkt, alles war nur ein Traum. Plötzlich hupt der Vater wie irre. Er ist haltlos, hat keine Aufgabe mehr, nun, wo Kristine tot ist. Es kommt zum Streit mit H, der etwas verschweigt. S bringt H in Schwierigkeiten, indem sie ihre Unschuld beteuert. Karl beschwört H, Stillschweigen zu bewahren darüber, dass Kristine gehen konnte. Der Krankenwagen kommt. H und S alleine, S entschuldigt sich. Tore erscheint und ergreift S Arm. H verabschiedet sich von Gudrun, enttäuscht darüber, wie wenig ihr das Zusammensein bedeutet hat. Nun fahren alle weg, und Karl schaut H an, sagt, dass sie sich vielleicht wiedersehen werden, wenn H erwachsen ist.
●Kurzfassung: Ein Bruder und eine Schwester haben eine sturmfreie Bude. Ein heimliches Date mit einem Verehrer der Schwester platzt, dann steht plötzlich eine Familie vor der Tür. Es kommt zu einer Geburt, zu einem Tod, und dann fährt die Familie in der Frühe wieder ab.
●Ereignisse/Szenen: Eindrucksvolle Szene auf der Wiese, in der Tag-Nacht, mit Furcht und der Hoffnung auf Schlangen. Auch, als H Kristine im Regen im Auto sitzen sieht.
●Diskurs: kein Diskurs, fast nur szenisch, atmosphärisch, psychisch-emotional aufgeladen.
… erinnert stark an Kafka und Musil in Die Verirrungen des Zögling Törleß, viel Naivität, ein wenig im Stil „der gute Hund“, „der gute Freund“ … etc .. wie bei Jon Fosses Ich ein anderer, Licht und Dunkelheit, Situation ein wenig wie bei Claire Keegan Das dritte Licht.
… offensichtlich geht es um eine Übergangssituation von der Kindheit in die Erwachsenenzeit, von der naiven Träumerei in die tatsächlich körperliche Dimension der Anziehung. Hier prallen drei Männer verschiedenen Alters aufeinander, Hallstein, Karl und Hjalmar. Karl wirkt bedrohlich, als ehemalige Soldat, Hjalmar unzurechnungsfähig und Hallstein wankelmütig in Freund-Feind-Denken. Eine große Destabilisierung wird thematisiert, eine Ängstlichkeit, sobald es um körperliche Anziehung geht. Einerseits wirkt die ganze Sache wie ein Traum von Hallstein, von Geburt und Tod und Liebe, und andererseits wirkt es wie eine Phantasie durch die imaginäre Freundin Gudrun, die lebendig wird, sich aber als Enttäuschung entpuppt. Die Frauen sind keine Akteure in dem Sinne. Kristine muss geholfen werden. Grete ist hilfsbedürftig, und Sissel schutzbedürftig, wofern sie von Tore bedroht wird, Schutz bei Karl sucht.
… die Atmosphäre von dem Buch bleibt, der Inhalt wirkt diffus. Der Plot selbst besitzt kaum Spannungsbögen. Das Geheimnis vom Streit zwischen Hjalmar und Kristine wird nie gelüftet. Vom stofflichen Standpunkt hält das Buch nicht, was es verspricht.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: szenisch, Kammerspiel, im Grunde ein Theaterstück über weite Strecken, also Alltagssprache.
●Type-Token-Ratio: 0,11 – 4.769 einzigartige Wörter, 42966 Wörter (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 8,4 Wörter mit Standardabweichung von 5,85. (bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 87% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Verbalstil, aber mit erlebter Rede.
●Stimmige Wortfelder: ja, keine Diskurse, keine Intellektualismen, reine Versprachlichung von emotional nicht greifbaren Prozessen.
●Satzstrukturen: Sehr einfache Parataxis.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine, außer „flatterhaft“, „fahrig“ über den Vater (24x).
●Innovation: keine – kaum Bindung, kaum Poesie, sehr ruppig, sehr zerpflückt, pittoresk, pointillistisch.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein, ein Kind.
●Situiert: nein, es wird personal erzählt.
●Perspektiviert: ja, fokussiert auf Hallstein, mit nur wenig Ausnahmen
●Erzählform: Er
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich, hineinversetzt in die Perspektive des 14jährigen
●Erzählsicht: nur Innenperspektive
●Erzählverhalten: personal, spekulativ, erlebt, mit Übergängen von Einbildung und Wahrnehmung
●Erzählhaltung: involviert, starkes Hin und Her zwischen Freund-Feind-Denken
●Erzählverfahren: direkte und erlebte Rede, sehr dialogisch
●Erzählstil: nivellierend
… die Jugendlichkeit der Erzählinstanz wirkt sehr treffend, insbesondere das Hinüber-Gleiten, das Träumen-Wahrnehmen, die Unsicherheit, was Einbildung, was Wirklichkeit ist. Phantasmagorisch. Leider unreflektiert, und deshalb nicht in sich erzählerisch genug. Wer erzählt hier, weshalb? Von welchem Standpunkt aus? Wenn personal, muss es ein wichtiges Ereignis geben – wenn psychisch, dann sollte die Ich-Perspektive gewählt werden. Hier eher ein Fehlgriff, ein unlauterer, in der Erzählhaltung.
–> 3 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: wenig Beschreibung, sehr viel, sehr unklarer Dialog, ohne dass der Gegenstand des Dialoges ausgeführt wird.
●Tempiwechsel: Nein, nicht wirklich. Es gibt einschneidende Situation: Ankunft der Familie, Geburt des Kindes, das Rammen des Hauses mit dem Wagen, das Hupen des Vaters, die bedrohliche Szene mit dem Schemel im Wohnzimmer, aber alles sehr flach gehalten.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein, keinerlei Digressionen.
●Lose Versatzstücke: Nein, alles gehört zusammen. Keine Erinnerungen, nichts. Die Figur besitzt keine zeitliche Tiefe. Die Zeit beginnt erst. Ein Erwachen.
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive – leider kaum, alles zerfließt, alles geht ineinander über, das Erwachen aus der Kindheit, der Dämmerschlaf davor.
–> 2 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: ein bisschen
●Geärgert: nein
●Amüsiert: nein
●Gefesselt: nein
… der Text besitzt eine Art Bedrohlichkeit. Er zeigt wankelmütige Charaktere, insbesondere einen Hallstein, der ständig in Schwarz und Weiß denkt, gut, schlecht, Freund/Feind. Es besitzt auch viele Züge von Was Maisie wusste, die Erwachsenen, die mit den Kinder Hase-Igel spielen, ihnen nichts sagen, sie aber instrumentalisieren. Das Problem: die Perspektive erlaubt keinerlei Einsicht. Hallstein weiß nicht, was vor sich geht. Er driftet zwischen den Erwachsenen haltlos umher. Keine Ahnung, warum es diesen Text gibt. Mich überkommt das unangenehme Gefühl, dass es um die Schilderung vom Erwachen der Sexualität geht, aber dies wieder aus der verhaltenen Sicht eines Erwachsenen.
–> 2 Sterne
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Michel Foucault: Schriften zur Literatur“
Foucault und sein “Geblöke der Wörter“ – referenzloses Schwadronieren in die semantische Bodenlosigkeit hinein.
Selbst unter Foucault-Adepten (siehe „Foucault-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung„) gelten Die Schriften zur Literatur als schwierig, da sie vor den Hauptwerk in einer Art Niemandsland die Gegenseite eines noch nicht gefestigten Diskursbegriffes explorieren. Hier fällt das Schlagwort „Gegendiskurs“ und „Literaturontologie“, und in der Tat schreibt Foucault über die Erfahrung, die sich beim Lesen von Texten von de Sade, Mallarmé, von Hölderlin, Klossowski, Blanchot und insbesondere Bataille ergeben haben. Literatur gilt, mit diesen Werken im Hinterkopf, als eine gegen sich selbst gerichtete Sprachform, die das (supponierte) Sein einer Sprache gegen und mit sich selbst zur Darstellung bringt. Fiktion in diesem Zusammenhang lässt sich nur noch als sprachliches Simulakrum bezeichnen.
Hier in Kurzform der verworrene Inhalt:
● „Was ist ein Autor“ – „Wen kümmert’s, wer spricht“; unscharfer Begriff eines Werkes, wann gehört etwas zu einem Werk, wann nicht; Literatur wird nicht als anonyme ertragen; manche Autoren werden wie Marx und Freud zu Diskursivitätsbegründern, die unendliches Sprechen erlauben; Utopie einer Kultur, die keinen Autorennamen mehr benötigt, nur noch die Praxis des Textes.
● „Vorwort zu den Dialogues von Rousseau“ – Jean-Jacques Rousseaus Dreiteilung seines Ichs, sein Rechtfertigungsversuch gegen Diderot und den anderen Aufklärern, die in ihm einen Renegaten sehen; Zeichen von möglichen Wahnsinnszuständen und Ich-Spaltung, wehrt sich gegen sein öffentliches Bild, indem er ein utopisches Bild einer Welt ohne Schleier zeichnet.
● „Ein so grausames Wissen“ – thematisiert verschiedene Formen der erotischen „Erkenntnis“; Crébillons Situationsobjekte (Schleier) und Saint-Cyr Konfigurationsobjekte (Käfig, Maschinen); Verirrungen von Herz und Geist, Machination und Maschine.
● „Zum Begriff der Übertretung“ – Batailles „Die Geschichte des Auges“; Vision einer nicht-dialektischen Sprache der Philosophie, durch auf sich selbst bezogene Entheiligung und Affirmation der Teilung (nicht der Teile); metonymisches Denken und sexuelles Denken als Konsequenz der ontologischen Obdachlosigkeit – Exzess; u.a. das Ende des proklamierten philosophischen Alleinherrschers; Überschwemmung der Kommentare und Kommentatoren.
● „Das unendliche Sprechen“ – Homer und Reflexionen über den Tod, Spiegelung der Endlichkeit, die einen virtuellen Raum der unendlichen Repräsentation eröffnet; Verdopplung und Re-Versprachlichung als Spiegelung. Diskussion von de Sade und den Schauerromanen, Zeichen einer wuchernden, sich überschlagenden, wild wachsenden Literatur; Sehnsucht nach sprachlicher Erschöpfung; Literatur als „Geblöke der Wörter“.
● „Aktaions Prosa“ – Pierre Klossowskis Werke, die Dopplung von Zeichen und Trugbildern als Unterschied, das eine als Differenz, das andere als Symbol (Trugbild), das für sich steht und an ein Urbild gemahnt. Trugbild-Prosa und Konfessionsunterscheidungen.
● „Der Wahnsinn, das abwesende Werk“ – Wahnsinn als das leere Sprechen, als Literatur ohne Werk. Wahnsinn also als Voraussetzung für Literatur, Abgrenzung zur Krankheit. Freud als Wiederentdecker des entkoppelten Signifikanten. Literatur als Diskurs über nichtdiskursive Leere, Komplement des signifizierenden Funktionierens der Sprache. Absage am homo dialecticus „zum Glück stirbt er in diesem Gerede“.
● „Das Denken des Draußen“ – Maurice Blanchot als Schriftsteller des leeren Sprechens, in der Tradition von Hölderlin, Mallarmé, Artaud, Bataille und Klossowski. Begriff der Lockung, Verwischung der Grenzen, die Sirenen und Odysseus (er fesselt sich, hört zu), Eurydike und Orpheus (er dreht sich um, sie verschwindet); das Sprechen als Verstecken; das „ich spreche“ ohne Gegenstand: Darstellung der Unsichtbarkeit der Unsichtbarkeit des Sichtbaren.
● „Un fantastisque de bibliotheque“ – Gustave Flauberts „Die Versuchung des heiligen Antonius“ als Buch, das aus Geschriebenem heraus entsteht, aus minutiöser Recherchearbeit, Emergenz der Bibliothek, aus einem literarischen Delirium heraus.
Was sich leider über weite Strecken beim Lesen dieser Texte einstellt (mit einigen wenigen Ausnahmen, bspw. die Passagen über de Sade und Flaubert), lässt sich als Beliebigkeit bezeichnen. Foucault bespricht Texte so, dass sie nicht wiederzuerkennen, noch zu erraten sind. Er zitiert nicht. Er improvisiert. Er schwadroniert bodenlos. Es ist klar, dass er sich nicht für die Literatur als Erzählung interessiert. Es ist aber nicht klar, was er eigentlich zu sagen versucht, außer dass jedes Sprechen, Schreiben, einem Regularium entspricht und insofern auch Zwänge auferlegt. Dröge Lektüre, keine Erkenntnisse. Langweilig und beliebig.
Michel Foucault: „Die Ordnung des Diskurses“
Semiologische Immunisierungsgesten, oder: die Flucht vor Verbindlichkeit
Michel Foucaults Antrittsvorlesung Die Ordnung des Diskurses aus dem Jahr 1970, als Quasi-Nachfolger vom zwei Jahre zuvor verstorbenen Hegelianer Jean Hippolyte, fasst viele Begriffe seines Denkens kompakt zusammen, insbesondere zeigt sie seine distanzierte, sehr kategoriell gefasste Sichtweise des Phänomens „Sprechen/Schreiben/Ausdrücken“ auf. Foucault lässt sich überhaupt nur von einer sehr hohen Warte der Abstraktion begrifflich kohärent lesen. Er beschreibt das menschliche Kommunikationssystem wie ein Botaniker die Flora und Fauna eines Gebietes, ohne sich für die individuellen Merkmale auch nur im Ansatz zu interessieren:
[Das begründende Subjekt] setzt voraus, daß in der rohen Erfahrung, noch vor ihrer Fassung in einem cogito, vorgängige, gewissermaßen schon gesagte Bedeutungen die Welt durchdrungen haben, sie um uns herum angeordnet und von vornherein einem ursprünglichen Wiederer-kennen geöffnet haben. Eine erste Komplizenschaft mit der Welt begründet uns so die Möglichkeit, von ihr und in ihr zu sprechen, sie zu bezeichnen und zu benennen, sie zu beurteilen und schließlich in der Form der Wahrheit zu erkennen.
Foucault geht also von einer existierenden Sprachwelt aus, in der die einzelnen sich wiederfinden (ontogenetisch zu begründen damit, dass Sprache von allen stets nur im Kontext gelernt wird). Diese Sprachwelt formt das, was Gedanke werden will, auf eine präformierte Weise, aber so, dass das, was formt, auch durch die Formung wieder geformt, gestärkt, geschwächt, reproduziert oder transponiert wird. Der Diskurs (diese Sprachwelt) ist Bedingung der Möglichkeit der Aussage – die Aussage aber selbst, sobald sie als Aussage vorhanden ist, wird durch Dispositive zu einem referenziellen Akt, der wahr/unwahr, richtig oder falsch sein kann. In Die Ordnung des Diskurses nennt Foucault das Dispositiv noch „Disziplin“:
Es ist immer möglich, daß man im Raum eines wilden Außen die Wahrheit sagt; aber im Wahren ist man nur, wenn man den Regeln einer diskursiven »Polizei« gehorcht, die man in jedem seiner Diskurse reaktivieren muß. Die Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Diskurses. Sie setzt ihr Grenzen durch das Spiel einer Identität, welche die Form einer permanenten Reaktualisierung der Regeln hat.
Die „Disziplin“ gilt als eine Art Selektionsmechanismus, was gesagt werden muss, um auf eine Antwort hoffen zu dürfen (die Physik reagiert auf kein astrologisches Argument). Erzeugt die Disziplin noch ein Selbstverständnis, also eine sich abgrenzende Identität, wird sie zu einer „Doktrin“:
Die Doktrin führt eine zweifache Unterwerfung herbei: die Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Diskurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen.
Foucault behandelt also Exklusionspraxen, die aus Geräuschen, Murren, Seufzen, langsam denotative semantische Ereignisketten erzeugen, die wiederum zu Dialogen anwachsen, die sich wiederum in Sprachwelten manifestieren, die ein lautmalerisches Zuhause für die einzelnen Sprechenden, Antwortenden, Fragenden werden. Denn hierum geht es Michel Foucault vor allem: um ein Weiterreden und Zuhausefühlen, im Hören und Wiedergeben, Nachsprechen, Weitersprechen dessen, was andere gesagt haben, um, mit anderen Worten, wie er auch Die Ordnung des Diskurses beginnt, die Angst vor dem Beginnen, die Angst vor dem Anfang, vor dem Neuen und Anderen:
Und nun verstehe ich besser, warum ich eben soviel Schwierigkeit hatte, sogleich anzufangen. Ich weiß auch, welche Stimme es war, von der ich gewünscht hätte, daß sie mir vor-angeht, daß sie mich trägt, daß sie mich zum Sprechen einlädt und sich in meinen eigenen Diskurs einfügt. Ich weiß, warum ich solche Angst hatte, das Wort zu ergreifen: ich habe das Wort an dem Ort ergriffen, wo ich ihn gehört habe, und wo er nicht mehr ist, um mich zu hören.
Michel Foucault lässt sich als der Ontologe der Einfallslosigkeit verstehen, als die sinnbefreite Unterwerfung gegenüber den bestehenden Sinnkreisläufen. Er lässt sich auch als Improvisator, Aufrüttler und Heuristiker bezeichnen – nur als eines sicherlich nicht: als eines verlässlichen kommunikativen Gegenüber. Er bleibt unnahbar und stets auf der Flucht.
Barbi Marković: „Stehlen, Schimpfen, Spielen“
Vehemente erste Schritte, das Selbstbespiegelungskabinett zu durchbrechen
Michel Foucault betonte in seiner Antrittsvorlesung, publiziert als Die Ordnung des Diskurses, dass ihm der Anfang einer jeden Rede nicht behage, dass der Anfang fast wie eine Hybris erscheine, gemessen an dem, weshalb er überhaupt angefangen hat zu reden, nämlich in Anschluss an seine Vorgänger und Vorbilder. Barbi Marković schlägt in eine ähnliche Kerbe, indem sie sich durchweg in Frage stellt, ja einen Text darüber schreibt, wie sie nicht in der Lage ist, eine Vorlesung vorzubereiten:
13 Tage in Folge sitzt sie am Computer, mit der Ambition, die beste Poetikvorlesung aller Zeiten zu schreiben. Schreibt immer das Gleiche nieder und löscht es. Hinauf, hinunter, in verschiedenen Schriftarten. Das ist so sinnlos. Sie fürchtet sich vor Wörtern. Diese große Autorin. Wie soll sie eine Poetikvorlesung schreiben, wenn sie nicht einmal weiß, was eine Poetikvorlesung ist?
In diesem Sinne erscheint der Anfang ihres Schreibens konsequent im Sinne Foucault als Nichtanfang, nämlich als ein Plagiat, indem sie nämlich Thomas Bernhards Erzählung Gehen übersetzt und spielerisch modernisiert. Als nächstes schlägt sie vor und setzt es partiell auch um, das, was in Städten geschrieben steht, aufzuschreiben und zu sammeln und geht dann nach Umwegen dazu über, Computerspiele zu verschriftlichen, also Inhalt, Rhythmik einem Jump‘n’Run-Spiel anzupassen. Gänzlich postmodern, poststrukturalistisch angehaucht schließt sie deshalb:
Jetzt war ich endlich bei einer Ärztin. In der Ambulanz haben sie gelacht: «Sie hat zu viel geschrieben!», hat ein Kollege gesagt. HAHAHA. «Eine Szenenschreibenentzündung!» HAHAHAHA. Ich habe mich beim Schreiben dieser Poetikvorlesung so sehr ins Zeug gelegt, dass ich mir den Diskus eingerissen habe.
Zum Diskurs fehlt nicht viel. Das Rauschen der Sprache, das copy&paste als Methode, die Leerheit als Performance findet hier einen resonanten, aber borniert-eigenwilligen Boden, der in seiner Transparenz überzeugt, obgleich er etwas endlos und beliebig, eiernd, daherkommt. Barbi Marković gewann mit Minihorror den Leipziger-Buchmesse-Preis 2024, das wiederum den Slapstickcomic literarisiert, im Grunde also wieder eine kulturell-transmediale Aneignungsstrategie verfolgt. In Stehlen, Schimpfen, Spielen bekennt sie sich dazu:
Du bist ein Feigling, Barbi, eine Verräterin deiner eigenen Seele. Du bist eine Lügnerin, das ist der wahre Grund, aus dem du schreibst. Es wäre besser, wenn du aufhören würdest. Es wäre besser, du würdest dich darauf konzentrieren, deine idiotische Seele in Ordnung zu bringen, bevor du hier komplett scheiterst. Bevor alles aus ist.
Anders als viele andere, bspw. Daniel Kehlmanns Kommt, Geister , Juli Zehs Treideln oder Judith Hermann Wir hätten uns alles gesagt , betreibt sie in ihrer Poetikvorlesung also eine konsequente Dekonstruktion ihres Schreibens und ihrer Schreibpersona, die gerade dadurch eine Öffnung hin zu etwas Neuem bereiten könnte. Dieser Weg liest sich vehement und intensiv. Er lässt auf einen schriftstellerischen Durchbruch hoffen, nämlich dann, wenn das Erzähl-Ich von Barbi Marković erkennt, dass jeder Text von vorne anfängt und fängt er nicht von vorne an, müsste es ihn eigentlich auch nicht geben. Die Vehemenz birgt jedoch, falls es nicht gelingt, noch eine andere Gefahr: sich letztlich darin wie Foucault zu gefallen.
William Goldmann: „Die Brautprinzessin“
Unvorhersehbares Erzählverhalten mit vorhersehbarer Story: Liebes- und Reiseroman-Schwank.
Inhalt: 2/5 Sterne (leider vorhersehbare Story)
Form: 2/5 Sterne (minimaler Sprachanspruch)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (keine Kohärenz)
Komposition: 4/5 Sterne (eingreifender Schelmenerzähler)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (zum Ende hin fesselnd, amüsant)
Goldman schrieb erfolgreiche Drehbücher wie das über Sundance und Butch und gewann zwei Oskars. Die Brautprinzessin wurde später zu einem schriftstellerischen Überraschungserfolg, wiewohl es bei der Erstausgabe fast völlig ignoriert wurde. Die Brautprinzessin lässt sich als literarische Variante eines Haudegen- und Terence Hill-Bud Spencer-Films bezeichnen. Es ist kein allzu ernsthaftes Buch:
Dann trat Graf Rugen vor. »Du willst eine, die hübsch aussieht, was aber, wenn sie aus dem gemeinen Volk wäre?« »Je gemeiner, desto besser«, antwortete Prinz Humperdinck und rannte wieder herum. »Was, wenn sie nichts von der Jagd versteht?«, fuhr der Graf fort. »Und wenn sie nicht schreiben kann, es ist mir egal«, sagte der Prinz. Plötzlich blieb er stehen und sah sie alle an. »Ich werde euch sagen, was ich will«, fing er an. »Ich will eine, die muss so schön sein, dass die Leute sagen, wenn sie sie sehen, ›Mann, der Humperdinck, das muss schon ein Knabe sein, dass der so eine Frau hat‹. Sucht das Land ab, sucht die Welt ab, aber findet mir so eine!«
Und ja, darum geht es. Butterblume kommt aus bescheidenen Verhältnissen, befindet sich aber weltweit (laut Erzähleraussage) unter den Top-5 der schönsten Frauen. Leider liebt Butterblume den Stallburschen Westley (mit welchem sie einen fast Top-3 Kuss getauscht hat), der aber letztlich von dem mächtigen Pirat Roberts getötet wurde, als jener sich auf dem Weg in die USA befand, um für Butterblume reich zu werden. So viel zur Story, die fast in jeder Hinsicht exakt dem Schema des mittelalterlichen Liebes- und Reiseromans wie Hartmann von Aues Iwein entspricht. Interessant wird das Buch vor allem durch die Komposition, die Kollision, zwischen erzählter Welt und Erzählwelt:
(Kleine Streichung hier, vielleicht zwanzig Seiten. Was passiert, sind im Wesentlichen Szenenwechsel – was sich im Schloss abspielt, wie die Situation beim Wunder-Max ist, hin und zurück, und bei jedem Wechsel gibt Morgenstern die Zeit an, etwa: ›Jetzt waren es noch elf Stunden bis sechs Uhr‹, und so ähnlich. Er benutzt dieses Schema hauptsächlich deshalb, weil er sich, wie immer, eigentlich nur für die satirischen, antimonarchistischen Sachen interessiert: Wie blöd sie waren, all diese alten Traditionen durchzuhalten, wie sie den heiligen Ring des Urgroßvaters Sowieso küssen usw.)
Diese plötzlichen Einwürfe geben dem Roman von Goldman einen eigenartigen Charme, der viel Amüsement und Abwechslung ins Geschehen bringt. Die Welt wirkt locker, durchlässig und wie ein Spielball in den Händen eines tollkühnen, teilweise etwas Klischee nachhängenden Märchenonkels, der es aber im Grunde gut mit allem und jedem meint. Diese Erzählhaltung könnte auch als der eigentliche Inhalt des Buches gelten, denn die Story ist absurd vorhersehbar, die Witze bahnen sich schon von weitem an und einen wirklichen Spannungsbogen gibt es auch nicht. Sei’s drum. Die Brautprinzessin zeigt, wie ein Schelmenroman funktioniert, indem er schematische Erzählkonflikte durchlässig und locker und flockig werden lässt. Nur allzu genau auf die Finger muss der Erzählung nicht geguckt werden. Da wartet nur Enttäuschung wie für den Erzähler im Leben:
›Das Leben ist nicht gerecht, Bill. Wir erzählen unseren Kindern, dass es gerecht ist, aber das ist eine Gemeinheit. Es ist nicht bloß eine Lüge, es ist eine grausame Lüge. Das Leben ist nicht gerecht, ist es nie gewesen und wird es nie sein.‹
Ein seltsam gelungenes Geplänkel mit aberwitzigen Selbstbezügen und Unbesonnenheiten, ohne jedweden formalen Anspruch.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Butterblume, Prinzessin; Westley, Stallbursche, Retter.
●Charaktere: (rund/flach) – flach
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
0. – Prolog.) Drehbuchschreiber namens William, Billy, hat als Junge ein Buch vorgelesen bekommen, und zwar „Die Brautprinzessin“ von S. Morgenstern. Er will es seinem Sohn, Jason, zum zehnten Geburtstag ein Exemplar von diesem Buch zukommen lassen, und organsiert dies aus der Ferne. Das Buch schlägt bei ihm aber nicht so richtig ein, da es stellenweise langatmig sei, und deshalb kürzt er es für seinen Sohn, und so für das Publikum. Just wie es sein Vater getan hat, der nur die spannenden Stellen vorgelesen hat. Für dieses Projekt verschiebt er seine Drehbuch-Verpflichtungen.
1. – Die Braut) Butterblume wächst unbescholten auf. Sie hat einen Stallburschen namens Westley, der sie vergöttert. Eines Tages kommt der Graf Rugen und seine Gräfin zu Besuch, ob der Florin weit bekannten Kühe. Die Gräfin starrt W an, woraufhin B klar wird, dass sie W liebt. Kurzerhand gesteht sie ihre Liebe, aber er fühlt sich nicht reich genug, und beschließt, bevor sie glücklich werden, in Amerika eine Existenz aufzubauen. Sie küssen und verabschieden sich. Bald darauf jedoch erreicht sie die Nachricht, dass W vom Piraten Roberts getötet wurde, vor der Ostküste Amerikas. Sie trauert. B ist achtzehn und beschließt, nie wieder zu lieben.
2. – Der Bräutigam) Prinz Humperdinck, Gestalt eines Fasses, liebt die Jagd. Sein Vater Lotharon liegt im Sterben, während der Sohn sich einen Todeszoo aufbaut, um dort Tiere zu jagen und zu quälen. Der fünfte Stock bleibt für das fürchterlichste Raubtier frei.
3. – Die Brautschau) H muss eine Braut finden, und es wird beschlossen, mit dem verfeindeten Guldern eine dynastische Verbindung einzugehen. Er hält um die Hand von Norena an, die berühmt für ihre Vielzahl an Hüten ist. Es kommt bei einem Besuch in Florin heraus weshalb. Bei einem Windstoß fliegt ihr der Hut vom Kauf und entblößt sie als kahlköpfig. Die Heirat fällt ins Wasser. H will eine schöne Braut, und die wird in B gefunden, die zwar prophezeit, dass sie ihn nie lieben würde, aber das stört H nicht, solange sie ihm einen Erben gebiert. Kurz darauf sterben Bs Eltern.
4. – Die Vorbereitungen) Komplett gekürzt.
5. – Die Verlobung) B muss adlig werden und wird Prinzessin B von Hammerstiel, und ist mittlerweile 21. B sucht die Nähe des Volkes, wird von jemand im Schatten beobachtet, dem Schwarzen. Bei einem Ausritt wird sie gekidnappt, und soll an der Grenze zu Guldern umgebracht werden. Die Kidnapper lautet: Der Türke Fezzik, der Spanier Inigo Domingo, der Sizilianer Vizzini. F und I sind gegen das Ermordern von B, V will den Job durchziehen. Sie wird auf ein Boot geschafft, flieht, aber kehrt zurück aus Angst vor den Haien, denn Vizzini tröpfelt Blut ins Wasser. Bald bemerken sie, sie werden von dem Schwarzen verfolgt. Sie erreichen die Klippen des Wahnsinns und erklimmen diese. Der Schwarze verfolgt sie. Sie schneiden das Seil ab. Er klettert weiter. Inigo soll zurückbleiben, ihn besiegen. Die Geschichte des Degenmacher-Sohnes Inigo wird erzählt, der mit ansehen musste, wie sein Vater von einem sechsfingrigen Edelmann ermordet wurde. Er lernt zu kämpfen und will sich rächen, findet ihn aber nicht und wird zum Trinker. Der Schwarze erreicht das Plateau. Sie kämpfen fair, erst beide mit links, dann beide mit rechts. Der Schwarze besiegt den Degen-Hexer Inigio, tötet ihn aber nicht. Er verfolgt B weiter. Nun muss Fezzik zurückbleiben und gegen den Schwarzen kämpfen. Die Geschichte von Fezzik wird erzählt, groß, sehr viel größer als alle anderen und stark, wird Ringer, besiegt alle, aber langweilt sich. Die Eltern machen ihn zum großen Ringmeister. Sie touren überall hin. In der Mongolei sterben seine Eltern. Nach Zirkus strandet Fezzik in Grönland, ausgestoßen und verachtet. Er kämpft gegen den Schwarzen fair und verliert. Der Schwarze tötet ihn nicht. Er verfolgt B weiter, besiegt Vizzini, der keine Geschichte erhält, bei einem Intelligenztest, welche der beiden Becher vergiftet ist. Beide, aber der Schwarze hat sich immun gegen das Gift (Jokan-Pulver) gemacht. Der Schwarze befreit B, aber gibt sich nicht zu erkennen. Sie sehen, dass P seine ganze Armada hinter ihnen her geschickt hat. B stößt den Schwarzen einen Abhang hinunter. Der Schwarze erweist sich als W. Sie rutscht hinterher. Der Prinz hetzt ihnen nach. Sie müssen nun durch die Feuersümpfe. W und B versöhnen sich. W rettet B das Leben im Schneesand. W erzählt von seiner Zeit als Pirat Roberts. Er hat sich, um sein Leben zu retten, den Freibeutern angeschlossen. Es gibt viele Piraten, die sich alle Roberts nennen und das Grauen, das dieser Name erregt, für sich nutzen. Er erwies sich als verlässlich und tough und durfte der nächste Nachfolger werden. NiuF greifen sie an, eine Art Ratten. W wird verletzt. Am Ende des Feuersumpfes wartet die Armee von Florin, mit P, auf sie. B ergibt sich, wenn W am Leben gelassen wird. P sperrt ihn in den fünften Stock seines Todeszoos. B kehrt zu P zurück.
6. – Die Festlichkeiten)
Inigo rappelt sich auf und wartet auf F und V am verabredeten Treffpunkt im Verbrecherviertel und beginnt zu trinken. F findet den toten V und verkriecht sich in ein Loch. W wird gefoltert und gequält von Graf Rugen, der sechs Finger hat. Währenddessen wird sich B klar, dass sie W vermisst und liebt, und P betreibt eine List, indem er ihr verspricht, Briefe von ihr zu ihm zu bringen. Sollte sich W entscheiden, doch noch B zur Frau zu wollen, würde P ihm den Vortritt lassen. B glaubt ihm zuerst. Graf Rugen installiert eine Todesmaschine, die dem Opfer Lebensjahre aussaugt. Es kommt heraus, dass P einen Konflikt mit Guldern inszenieren will – er gibt vor, dass ein Anschlag auf die Prinzessin bevorsteht. Er lässt das Verbrecherviertel räumen. Hierbei treffen F und I aufeinander und verbünden sich. F hat beim königlichen Rollkommando angeheuert. Sie beschließen den Schwarzen als Ersatz von V zu suchen, denn Inigo will immer noch seinen Vater rächen. B bekommt spitz, dass P sie angelogen hat. Er hat nie Schiffe mit Briefen ausgesandt, um W zu finden. Sie beleidigt ihn. Sie streiten sich. Aus Wut bringt P W um, indem er die Maschine aufs höchste Niveau stellt und ihm alle Lebenskraft aussaugt. F und I hören den Todesschrei und spüren den Todeszoo auf.
7. – Die Hochzeit) Unterdessen soll weiterhin die Hochzeit zwischen P und B stattfinden. F und I kämpfen sich durch die Etage und erkennen, dass W tot ist. Sie gehen zum Wunderheiler und lassen ihn kurzzeitig wiederbeleben. Sehr erschöpft gehen sie zu Dritt zum Schloss. P beschließt, B noch in der Hochzeitsnacht eigenhändig umzubringen, und es wie ein Attentat aussehen zu lassen. Er weiht seinen Wachmann Yellin ein. Der Erzdechant traut P und B. F, I und W versuchen die Hochzeit zu sprengen, F zieht den Katastrophenmantel an.
8. – Hochzeitsreise) Die Trauung wird vollzogen. W findet P, und I rächt sich am sechsfingrigen Grafen Rugen. F verläuft sich. W zu schwach zum Kämpfen, trickst P aus, indem er ihm verbal Angst einflößt. Dieser lässt den Degen fallen, B fesselt ihn, und sie springen aus dem Fenster, den Turm hinab in den Hof, wo F steht und sie auffängt. Sie fliehen. B gibt sich als Königin aus und vertreibt das königliche Militär. Sie schaffen es aufs Schiff und fliehen.
Nachschrift: 25 Jahre später, aber nur Fragmente.
●Kurzfassung: Kindheits- und Jugendliebe, sie werden vor der Erfüllung getrennt, müssen separate Abenteuer durchstehen, und kommen am Ende wieder zusammen. Klassischer Liebes- und Reiseroman.
●Ereignisse/Szenen: Intensivste Szene mit Max, dem Wunderheiler, und der Interaktion mit seiner Frau.
… eher eine Satire aufs Fantasy-Genre, mit Liebeskomödien-Charme. Unausgewogen aber, dass Vizzini keine Backgroundstory erhält. Nervig: die Listen der Schönsten, der besten Küssen, der schwersten Eifersucht … eigenartige Vergleichsorgie.
… Rahmengeschichte sehr altbacken. Dennoch nimmt das Buch zum Ende hin Fahrt auf. Ein klassischer Vertreter des Liebes- und Reiseromans wie Mai und Beaflor und Hartmann von Aue Iwein.
… der Todeszoo war mir zu platt, auch die Dr. Mengele-Passagen. Sehr genervt: Es war klar, wer der Schwarze ist. Keine Überraschungen, nirgendwo, auch nicht, dass der sechsfingrige Edelmann Graf Rugen ist, und auch nicht, dass hinter dem Komplott, der Prinz selbst steckt. Leider sehr vorhersehbar. (dennoch spannend am Ende).
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: Nicht besonders, Genre.
●Type-Token-Ratio: 0,108 (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 12,8 Wörter pro Satz mit Standardabweichung von 12 Wörter.
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 80,7% (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: 0,08 stark verbalstilistisch geprägt.
●Stimmige Wortfelder: Ja.
… eindeutig ein Genrebuch. Formal nicht interessant.
–> 1 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein, nicht wirklich, fabulativ.
●Situiert: tendenziell ja.
●Perspektiviert: nein, episodenhaft.
●Erzählform: auktorial, allwissend
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich gemischt, inkohärent
●Erzählsicht: nur von außen oder mit Innenperspektive, Mischmasch
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial) satirsch
●Erzählhaltung: ironisch, humoresk
… Erzählperspektive bietet kaum Anhaltspunkte. Die Erzählweise macht, was sie will. Kunterbuntes Loserzählen.
–> 1 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: fast nur Dialog
●Tempiwechsel: gegen Ende hin beschleunigend
●Extradiegetische Abschnitte: ja, viele, denn es gibt eine erzählte Welt und Erzählwelt
●Lose Versatzstücke: nein, nur die verschiedenen Rahmen
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel
… durch den Witz, diese Einschübe, sehr dynamisch, mit Erzählrelief, aufgelockert, unterhaltsam, leicht, nicht schwer. Daher wirkt die Erzählung märchenhaft, freundlich, nicht überzogen, bescheiden. Leider etwas repetitiv. Feuersumpf, Todeszoo.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: am Anfang
●Geärgert: nein
●Amüsiert: ja, etwas
●Gefesselt: nein
… wie typisch, kann so eine Genre-Erzählung gegen Ende hin, trotz aller Klischees fesseln, hier vor allem durch den Witz, durch das Eingreifen des Erzählens, durch das Mischen der Welten und das Spiel mit der Publikumserwartung
–> 4 Sterne
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Nell Zink: „Sister Europe“
Performativ-überzeugendes Diskursspektakel mit Inhalt-Form-Schwäche.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (Berliner Kunstszene, ärgerliche Parabel)
Form: 4/5 Sterne (interessant verdichtend)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (inkonsistent-auktorial)
Komposition: 4/5 Sterne (überraschend-plausibel am Ende)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (nichts Nachhaltiges, etwas Friedliches zwischendurch)
Zink, eine Musikjournalistin, veröffentlicht seit 2014 Romane. Ihr neuester Roman Sister Europe spielt in der Berliner Kunst- und Kulturszene, vereinigt insofern Elemente aus Ulrike Sterblichs Drifter , Aria Abers Good Girl , abgemischt im Sound von Joshua Groß bspw. in Prana Extrem mit Diskursen über die politische Öffentlichkeit wie in Virginie Despentes Liebes Arschloch oder Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten . Als Diskursallrounder deckt sie alle erdenklichen Themen ab, auch das Thema Geschlechtsidentität, die Nicole, 15 Jahre alt, am Anfang des Buches auf dem Strich erprobt:
Eine weitere junge Frau in fransigem weißem Minirock, der zu ihrem strohigen Haar passte, und mit fleckigem Spray-Tan anstelle einer Strumpfhose, trat hinter einem Lieferwagen hervor, stakste steif auf Nicole zu und bot an, ihr das Gesicht aufzuschlitzen. Die drei unfreundlichen Menschen ließen ihre Nervosität um eine weitere Stufe ansteigen, und so tat sie das einzig Vernünftige und lief auf die befahrene Straße. Der Fahrer, dem sie den Weg versperrte, hatte gerade Gas gegeben. Er trat auf die Bremse und starrte sie böse an, doch sie stützte sich, ohne ihn zu beachten, bloß für einen Moment auf seine Kühlerhaube und hinterließ einen Handabdruck aus kaltem Schweiß – ein säuberlicher Umriss ihrer Hand, von durchsichtigen Tröpfchen eingefasst. «Schwuchtel!», brüllte er.
Von dieser Situation aus entwickeln sich nun vier Handlungsfäden: eine Literatur-Preisverleihung, eine Liebesbeziehung zwischen einem alten Musikjournalisten um die 60 namens Toto und einer Frührentnerin namens Avianca, 24 Jahre alt, das zarte Anbandeln zwischen einer Nazi-Nachfahrin Livia, Mitte vierzig, mit dem arabischen, in der Schweiz wohnenden Prinzen Radi, etwa 20 Jahre alt, und schließlich die Vater-Tochter-Geschichte zwischen Nicole und Demian, die von einem Polizisten namens Klaus verfolgt werden. Entgegen aber dem furiosen, fast anstrengend-überfrachteten, intensiven Anfang geht Sister Europe alsbald ins ruhige Fahrwasser über:
Die Luft war boshaft und ungleichmäßig, kälter am Hodensack und den Arminnenseiten, und besprühte [Radi und Livia] mit Regenstößen. Er hielt sie fest, kämpfte darum, sich in der aus der offenen Tür strömenden Luft zu wärmen, und küsste ihren warmen Mund. Er löste ihren Haarknoten und wickelte sich das Haar um die Hände, mit denen er ihren weichen Rücken hielt. […] Sie standen gute zwanzig Sekunden lang im Regen, zwischen sich eine Schicht aus Wärme, so dünn wie Blattgold. Dann schlichen sie, eine Spur aus Dreck auf dem Boden hinterlassend, ins Bad zurück.
Sister Europe überrascht. Es beginnt mit einem Paukenschlag. Es scheut keine Themen. Es lässt alles und jedes zu Wort kommen und bespielt eine angstlose, enttabuierte Öffentlichkeit, die im Grunde auf Gegenseitigkeit hinaus will und die in Sister Europe auch tatsächlich konstitutiv wirkt. Zwar geht es nur um Neureiche, die viel geerbt haben, um Lebenskünstler, die das Geld ihrer Vorgängergeneration verprassen, aber das stört die Sanftheit nicht, mit der sie aufeinander zu gehen.
Sister Europe durchschreitet die Paranoia und deeskaliert Diskurskämpfe. Am Ende suchen alle nur ein adäquates Gegenüber, und der, der in Freund-Feind-Schismen denkt, geht leer aus. Leider wirkt einiges dennoch sehr gewollt (Masuds feministische Parabel) und einige Erzählinstanz-Kommentare wirken herablassend und satirisch, so dass die Deeskalation formal-literarisch leider keine Widerspiegelung findet, und die resultierende Form-Inhalt-Inkongruenz einen leicht faden Nachgeschmack hinterlässt.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en):
Demian (D), Kunstkritiker, Vater von Nicole (Killian), befreundet mit Masud, der einen Preis verliehen bekommt; Nicole (N), 15 Jahre alt, transsexuell, sucht erste Erfahrung als Frau;
Bradley, Toto (T), Verleger und Freund von Demian, Ex-Geliebter Von Demians Frau Harriet, interessiert an Avianca; Avianca (A), Lebenskünstlerin, Erbin, schlägt ihre Zeit in Berlin tot, lebt billig; Radi (R), Enkel, vertritt die Preisstifterin Naema bei der Verleihung; Livia (L), reiche Erbin, Freundin von D, und Besitzerin des Pudels Fisti (F).
●Charaktere: sehr ausgestaltete Charaktere mit Ecken und Kanten, rund und glaubwürdig.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
Handlung spielt am 21.-22.02.2023. Anlass: Der Schriftsteller Masud bekommt einen Preis im Hotel InterConti zugesprochen. D kennt Masud, und D hat noch weitere Gäste organisiert. Die Organisatorin, eine Prinzessin Naema, befürchtet zu wenig Publikum, kommt auch selbst nicht, sondern schickt R. D, T und L beschließen sich dort zu treffen. T hat sich noch mit A dort verabredet, rechnet aber nicht mit ihrem Kommen. T trifft per Zufall N, die ihr Frausein am Strich ausprobiert, eine brenzlige Situation gerät und flieht. Sie wird von einem Zivilpolizisten namens Klaus verfolgt. T und N erreichen gemeinsam das InterConti, dort wartet A auf sie, die sich sofort mit dem Pudel von L anfreundet. In der Lobby treffen sie R, der ein Auge auf N wirft. K wartet vor dem InterConti. Während der Preisverleihung fahren R und N in das Restaurant, um dort zu speisen. Das Date geht schief. R fragt nach Ns Jungennamen (Kilian). Nach der Preisverleihung haben alle noch Hunger und überlegen zu Burger King zu gehen. R schließt sich ihnen an, weil die Sex-Party, zu der er eingeladen ist, noch nicht angefangen hat. Sie spazieren im Tiergarten zum Rosa-Luxemburg- und Karl-Liebknecht-Denkmal. L will ihr Leben verändern. Sie diskutieren ihren Plan, ein Pferdebauernhof für Flüchtlingskinder hochzuziehen. Sie erreichen einen Luftschutzbunker. R, A und N gehen runter, K folgt ihnen, der immer wieder auftaucht. Unten aber lässt sich K vertreiben, R, A und N gehen in die Disco, wollen Drogen kaufen, geraten aber in ein Handgemenge und fliehen. R, A und N gehen alle zu Burger King, wo auch K sitzt. Danach gehen sie zu Ls Haus, wo sie auf D, T und L treffen. A und T kommen sich näher, L und R auch, und D und N gehen nach Hause. K unzufrieden, haut ab, fliegt auf der Flucht vor Fisti hin und seine Kniescheibe verrutscht. A und T flirten, fahren mit dem Taxi zurück. R und L befreunden sich, duschen und schlafen nebeneinander ein. D und N kommen friedlich zurück.
… also: Ns Abenteuer endet im Nichts; Ks Verdacht, dass jemand sich an N vergreifen könnte, verpufft auch; A und T finden zueinander, obwohl A viele Dates abgesagt hat; und R und L verbringen einen schönen Abend miteinander. Der Schriftsteller Masud dient als Anlass, dass alle zusammenkommen. Er ist der Mediator – wie die Prinzessin, die Preisstifterin, durch die der Abend möglich wurde.
… Avianca hat reich geerbt und lebt von diesem Erbe; Naema, Prinzessin, hat reich geerbt, hierdurch befindet sich auch Rahid in der Schweiz wohlbegütert; Livia kommt aus einer wohlbegüterten Familie und hatte reiche Ehemänner. Harriet, profilierte Bauingenieurin, kommt aus einer Dynastie mennonitischer Baumeister – hört sich auch wohlhabend an. Auch Bradley, Toto, erbte großzügig, um sein Berliner Alt-68er-Leben zu finanzieren.
… Masuds Geschichte vom Sohn einer Sklavin und eines Scheichs findet eine Frau am Strand, die von einem Sklavenschiff geflohen, unter dem Meer gelebt hat, aber aus Einsamkeit aus dem Meer gestiegen ist, wo sie aber erstickt ist. Er verbrennt und rettet ihr so das Leben. Sie erwacht. Der Mann legt Holz nach, bis keines mehr vorhanden ist, und steigt dann, um sie zu retten, selbst in die Flamme. Plötzlich steht sie vor ihm, aber nur er sieht sie. Besessen hört ihr zu, wie sie erzählt. Die Eltern wittern Hexerei. Sie veranstalten ein Fest, um ihn abzulenken, führen ihn an ein großes Feuer, in welchem der Vater behauptet, die Geliebte verbrannt zuhaben. Er sieht sie in den Flammen und rennt ins Feuer und stirbt. Sie erwacht als junger Mann, rächt den Tod ihres Geliebten, der ihr mit dem Feuer das Leben gerettet hat, und stiehlt den Mantel des Emirs/Vaters, der vor Pfeilen schützt. Sie flieht das Lager, wird vom Pfeil des Bruders ihres Geliebten getroffen, der einen Faden in die Haut drückt und den Leib unverwundbar werden lässt, so dass sie ihrem Geliebten mit einer Organspende nicht retten kann. Sie wird ins Meer geschmissen, woher sie kam und lebt dort zufrieden in Einsamkeit, weil sie gelernt hat, zuzuhören.
… die Geschichte ist unsinnig: sie rächt den Tod ihres Geliebten, und am Ende wird gesagt, sie hätte ihn durch eine Organtransplantation retten können; zudem wird am Ende gesagt, sie habe gelernt zuzuhören, wann?, und welche Bewandtnis hat die Geschlechtsumwandlung und die Tatsache, dass Frauen unsichtbar sind, solange sie nicht sprechen.
… d.h. die Parabel von Masud weist ihn als unzuverlässigen Erzähler aus. Masud fabuliert irgendetwas zusammen.
●Ereignisse/Szenen: keine wirklich besonderen Ereignissen, bis auf die Eklatsituation am Anfang, Kurfürstenstraße, wie Nicole sich an den Straßenrand stellt und Zuhälter auf sich aufmerksam macht. Im Grunde die intensivste Szene.
●Diskurs: im Grunde alles, Nationalsozialismus, Transsexualität, Literaturpreise, Gentrifizierung … etc … Wohnraummangel
… die Parabel von Masud ärgert mich nach viermaligen Lesen.
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: Type-Token-Ratio 0,183 – (vgl.Musil 0,23 – Genre 0,11) – interessant, einfallsreich
●Stimmige Wortfelder: sehr stimmig, keine Abstraktionsniveau-Entgleisungen
●Satzstrukturen: einfallsreiche, hypotaktische, interessante Sätze
●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine auffälligen
●Innovation: kaum metaphorische Verdichtung, keine neue Sprachlandschaft, keine stilistische Innovation, keine Rhythmik, kein eigener wirklicher Stil, sehr glatt, aber flüssig, lesbar
… keine Bemühung um Allegorien, Poesie, keine Neologismen, keine Rhythmik, keine Melodik, keine wie auch musikalische, zweckentfremdende Verwendung von Beschreibungsverfahren. Nicht originell.
–> 4 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein
●Situiert: nein
●Perspektiviert: nein
●Erzählform: personal-auktorial
●Erzählstandort: unbekannt
●Erzählsicht: fokalisiert, aber nicht personen-gebunden, eher beliebig
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial)
●Erzählhaltung: ironisch, mit leichtem Hang herablassend zu sein
●Erzählverfahren: interessante Mischung aus erlebter, direkter Rede und Gedanken
●Erzählstil: viel Jargon
… störend wirkt die Unsituiertheit der Erzählinstanz. Sie zeichnet teils wie eine Kamera auf, andererseits, oft in Klammern gesetzt, urteilt sie über die Figuren, kommentierend, moderierend, eine etwas freischwebende allwissende Erzählinstanz, die nicht reflexiv auftritt, also sich nicht bekennt, sich sogar entzieht
–> 2 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: gute, interessante, fließende Mischung, mit viel Szenario
●Tempiwechsel: relative Echtzeit-Erzählung mit Schnitten
●Extradiegetische Abschnitte: Hexen-Erzählung von Masud, Erzählinstanz kommentiert aus dem Off
●Lose Versatzstücke: nein, keine Digressionen
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel
… gute Idee, dass alles ins Leere läuft, überraschend, tatsächlich geht dieses friedliche Austümpeln auf.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein, Diskurse gewollt, aber im Nachhinein plausibel
●Geärgert: nein, nur die Kommentare waren überflüssig
●Amüsiert: nicht wirklich
●Gefesselt: am Ende, ab 80% schon
… der Effekt wird sich beim Wiederlesen nicht einstellen, die Diskurse sind nicht tief und komplex genug angelegt, die Satire läuft sich etwas leer, am Ende, Klaus wird etwas zu vorgeführt, und die Figuren selbst übergeben sich allesamt dem Schlaf. Angenehmes Ende, aber keine wirklich nachhallende Lektüre.
–> 3 Sterne
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Kathy Acker: „Harte Mädchen weinen nicht“
Weibliche Selbstauslöschung als absolute Prosa. Sprachdestruktionsmanie.
Inhalt: 3/5 Sterne (weibliche Selbstauslöschung)
Form: 2/5 Sterne (Slang)
Erzählstimme: (nicht narrativ – keine Bewertung)
Komposition: 4/5 Sterne (kollagiert-auflösend)
Leseerlebnis: 4/5 Sterne (wuchtig-subversiv)
Kathy Acker gilt als „Königin der Punk-Literatur“ und hat es 1985 mit Harte Mädchen weinen nicht (Blood and Guts in High School) sogar auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdete Schriften geschafft. Nicht ohne Grund wird sie als literarische Terroristin tituliert. Ihre Text besitzen sprachexplosiven Charakter. Sie sprengt das Narrative von innen heraus, lässt Semantiken in sich zusammenstürzen, um den Sexus strudeln, im Rausch verpuffen und Logik/Vorurteil/Urteil im nirwanesischen Nichts verschwinden:
Alle großen Männer, die ich je kennengelernt habe, alle diese Männer, die mich verletzt haben, weil sie keine Gefühle hatten, oder die mir ihre Zuneigung angeboten haben und in dem Moment, in dem ich danach gegriffen habe, auf mir herumgetrampelt sind, die ihre monströsen Schwänze vor meinem Gesicht geschwenkt und dann gelacht haben, wenn ich darum bat, sie berühren zu dürfen, VERRÄTER, FASCHISTEN, die ihre Komplotte brauchen, ihr alle lebt in dieser prächtigen Stadt. Ich bete euch an. Ich kann niemand anderes ficken. Es sind nicht eure Schwänze, sondern es ist eure Unehrlichkeit, euer Drang, zu manipulieren und zu lügen, die Art, auf die die meisten Menschen auf der Straße rumlaufen, was zu diesen Verwicklungen führt, die ich ABENTEUER nenne. Alles andere ist tot. Wenn ich mit einem von euch zusammen bin, bin ich lebendig, und ansonsten ist mir alles egal.
Janey, die, möglicherweise, Protagonistin dieser Form der absoluten Prosa, reist im zarten Alter von zehn Jahre nach New York City, dann nach Tanger und Alexandria, wo ihre Reise endet. Sie erlebt so ziemlich alles in kürzester Zeit und erfüllt jedes Klischee einer Sex besessenen, unersättlichen Frau, die sich alles gefallen lässt, was die männliche wie weibliche Umgebung so von ihr will. Hierbei widerfahren ihr die schlimmsten Dinge, die selbst beim Lesen kaum zu ertragen sind. Kathy Acker zeichnet offenkundig die Satire der Projektionsfläche der Kindsfrau nach, weshalb sie Janey auch so jung sein lässt. Das Alter, die Konstellationen, all dies erscheinen aber enthoben jedweder Narrationsemantik, so dass die Altersangaben auch keine Rolle mehr spielen – genauso wenig wie der Vater-Tochter-Inzest, der ebenso das Rollenspiel zwischen Rock’n’Roll-Musiker und Groupie sein könnte. Das Buch schießt einfach aus allen Kanonen gleichzeitig. Viel geht daneben. Manches trifft:
PRÄSIDENT CARTER: Du glaubst, es gäbe eine Wahrheit. Alles ist Lüge. Wir brauchen nicht zu lügen, weil alles Lüge ist. Lerne, stolz auf die Lügen und den Materialismus und die Versteckspiele und die Diskrepanzen zu sein.
JANEY: Akzeptieren! So eine Scheiße. Geh doch, und nimm deine Scheiße mit ins Grab. Das sage ich dir.
Janey vereint als Projektionsfläche Unverwüstbarkeit wie allzeitige Verfügbarkeit und Anhänglichkeit. Sie sucht Männer. Männer suchen sie, aber alles geht schief und zwar permanent. Alles höhlt sich aus, entlarvt sich als Lüge, als Hohn, als Scharade. Mit vielen Mitteln verwüstet Kathy Acker die Erzählweise, fügt Zeichnungen in den Fließtext, handschriftliches Gekrakel, lässt Janey dichten, mit Jean Genet palavern, über Hawthorne reflektieren und wieder und wieder den Ägyptizismus des Todes durchschreiten: die Sphinx als Rätsel des Menschen.
Harte Mädchen weinen nicht gehört der Dada-Literatur an, schließt mit Carl Einsteins Bebuquin auf, zieht die Stell- und Zwingschraube nur ein paar Umdrehungen weiter, bis es erneut schmerzt. Und der Text schmerzt, aber er entkrampft auch. Leider wirkt das ganze formalästhetische ein wenig zu roh. Nadja von André Breton schafft es ruhiger und besonnener. Harte Mädchen weinen nicht wirkt wie das ungeliebte Kind von Bretons Schriften und Valerie Solanas SCUM Manifesto .
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Janey Smith, zwischen 10 und 20 Jahre alt, lebt mit Vater in Mexiko, Merida.
●Charaktere: im Grunde keine psychologische Form, keine Charaktere in dem Sinne
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Janey, 10 Jahre alt, streitet sich mit ihrem Vater Johnny über seine neue Freundin Sally. Ein Urlaub in New York City steht bevor. Sie hat mit J ein destruktives Verhältnis, offenbar schlafen sie miteinander. Es bleibt aber von der Textstruktur fraglich, ob Johnny nicht der Freund und Janey nicht auf Kleinmädchen für ihren Rockstarfreund macht, und insofern Rollenspiele abgezogen werden. Naturalistisch gesehen handelt der Anfang von hartem Kindesmissbrauch. Sie will nicht vom Vater verlassen werden. Der Vater hat aber genug von ihr. Er möchte sein Leben nicht damit verbringen, eine Tochter aufzuziehen. Sie verabschieden sich. Sie reist nach New York. Sie telefonieren, streiten sich. Der Vater will für sie sorgen. Sie lehnt das fadenscheinige Angebot ab. Um zu verhindern, dass sie zurück nach Merida kommt, steckt ihr Vater sie in eine Schule.
Sie hängt mit einer Gang namens Scorpions ab. Sie muss viele Abtreibungen über sich ergehen lassen und hat eine chronische Beckenentzündung. Sie fängt an, in einer Hippie-Bäckerei zu arbeiten, 1977. Sie lernt Tommy kennen und startet mit ihm eine Bonnie&Clyde-Tour. Glücklich verliebt mit viel Sex. Bei einer Verfolgungsfahrt kommen viele ums Leben. Sie beschließt dem Tod davonzulaufen, geht von der High School ab und zieht ins East Village.
2.) Geschichte vom Biber, Ungeheuer und Bär. Der Bär versucht ins Haus vom Ungeheuer und dem Biber zu kommen. Janey lebt nun im East Village, 13 Jahre alt. Sie fällt in die Hände von Mr. Linker, einem Perser und Zuhälter. Sie reflektiert über Der scharlachrote Buchstabe von Hawthorne, über Hester Prynne. Sie beginnt Persisch zu lernen. In der Gefangenschaft beginnt sich Janey in den Perser zu verlieben, aus Mangel an Alternativen. Sie beginnt Gedichte zu schreiben. Über Sklaverei und Freiheit. Als sie genug dressiert worden ist und für den Sklavenhändler sich prostituieren soll, wird festgestellt, dass sie Krebs hat.
3.) In Tanger, Nordafrika. Sie lernt Jean Genet kennen. Tirade gegen Jimmy Carter. Tirade gegen Erica Jong. Sie benötigt einen Reisepass. Sie und Jean Genet erschummeln sich einen. Auf dem Weg zum Atlasgebirge, nach Ägypten, Alexandria. Dort liegt Janey im Schmutz und träumt vom Sex mit Rock’n’Roll-Stars. Sie arbeitet auf Sklavenfelder im Süden von Alexandria. Reflexion über die beste Sklaverei. Jean Genet und Janey geraten in Gefangenschaft. Rebellen verjagen Jean Genet und Janey. Sie trennen sich. Er gibt ihr Geld, und sie stirbt.
●Kurzfassung: Von Merida, Mexiko, nach New York, nach Tanger, nach Alexandria. Tod in Luxor. Stets dominiert von Männer: Vater in Merida, Tommy in New York, Jean Genet in Tanger.
●Ereignisse/Szenen: Gedichte und experimentelle Prosa während ihrer Gefangenschaft
●Diskurs: ziemlich inkohärente Gedankengänge, aber eindringlich Männer-Frauen-Thematik, und Sexbesessenheit
… ich komme nicht umhin, dieses Buch als eine Persiflage auf das Frauenbild zu verstehen, eine Satire, Janey als Projektionsfläche, die stirbt, als sich Jean Genet mit der Kunst beschäftigt. Also dient Janey als Psychogramm und nicht als literarische Figur, weshalb es ein schwieriger, sehr experimenteller Roman wird, der subversiv verhohnepiepelt. Inhaltlich passiert so gut wie nichts, außer dass Klischees über Klischees aufgehäuft werden, von Kindsfrauen. Plot durch sein Wirrwarr aber tabubrechend absurd und von mittelmäßiger Intensität. Vergleich mit Carl Einsteins Bebuquin und André Bretons Nadja.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: Slapstick, Avantgarde, Obszönitäten, Radikalität.
●Type-Token-Ratio: nicht ermittelbar (Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: nicht ermittelbar
(bei Musil: 28 Wörter mit Standardabweichung 19 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: nicht ermittelbar (Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: nicht ermittelbar (Adjektive – Musil 13%, Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: nicht ermittelbar, vom Augenmaß sehr Verbalstil geprägt
●Stimmige Wortfelder: Ziemlich stimmig, Gossensprache.
●Satzstrukturen: Kaum normale Sätze, alles zersprengt.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: Sexbesessenheit von Janey.
●Innovation: Sprachlich kaum.
–> 2 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: Nein.
●Situiert: Nein.
●Perspektiviert: Mehr oder weniger auf Janey, mit Wechsel, zwischen Ich- und Sie-Erzählung.
●Erzählform: Ich-, und Sie-Erzählweise
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich unbekannt
●Erzählsicht: nur von außen oder mit Innenperspektive – alles zusammen
●Erzählverhalten: extrem kommentierend
●Erzählhaltung: wuchtig verachtend
●Erzählverfahren: alles zusammen – direkte, indirekte, erlebte Rede, Bericht, Dialoge
●Erzählstil: nivellierend
… im Grunde kein klassischer Narrationstext, daher passt die Kategorie nicht
–> Keine Wertung
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: Theater, Tagebuch, Gedicht absolute Prosa
●Tempiwechsel: rhythmisch, schnell, langsam, gekonnt heftig, abmildernd, pointiert
●Extradiegetische Abschnitte: seltsame Einschübe über Meridan, bspw.
●Lose Versatzstücke: nicht zu beurteilen bei dem Text, zu großes Chaos
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive … straffe, harte Kontour, als Prosatext interessant mit Bildern, mit Dialogen, mit narrativen Sequenzen, Reflexionen, Tagebucheinträge, intensives Sprachbegehren, intensives Gegen-die-Sprache-Schreiben, kompositorisch ungezügelt, wild, entschlossen, klar perspektivisch auf den Putz gehauen, mit trauriger Pointe
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nicht wirklich, etwas geekelt
●Amüsiert: ja, durch die Unverhohlenheit
●Gefesselt: ja, durch die Heftigkeit
… das Buch besitzt einen extremen Subversionsgrad, sobald klar ist, wie hier die Klischees zerstört und zerlumpt werden. Eher ein performativer Text.
–> 4 Sterne
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Sarah Lorenz: „Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken“
Trotz arger formaler Mängel eine quälend-intensive, dennoch verspielte Exorzismus-Story
Inhalt: 4/5 Sterne (heftige Widerstandsstory)
Form: 2/5 Sterne (karg, aber rhythmisch)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (wütender Trauerklos)
Komposition: 5/5 Sterne (langsamer Exorzismus)
Leseerlebnis: 5/5 Sterne (Reise durch Finsternis)
Mit dir, da möchte im Himmel Kaffee trinken heißt Sarah Lorenz‘ Debütroman. Vordergründig handelt es sich um einen Vertreter des Coming-of-Age und bekommt von Caroline Wahls Erfolg mit 22 Bahnen und Windstärke 17 Rückenwind. Prekäre Kindheitserfahrungen führen auch in Lorenz‘ Roman zu heftigen Gefühlsausbrüchen und radikalen Lebensentscheidungen:
Ein paar Monate vor meinem 14. Geburtstag nämlich, da habe ich meinen schwarzen Eastpak-Rucksack gepackt und die Wohnung mit dem Teeniezimmer – besser gesagt, den Menschen in ihr – mit vielen Tränen und einem Zettel auf dem «Danke für Alles, aber ich kann nicht mehr» stand, verlassen. […] Das war nämlich so: Nachdem ich in der Bravo gelesen hatte, die Kölner Domplatte sei DER Punkertreffpunkt schlechthin, beschloss ich, ebendort Punkerin und heroinabhängig zu werden. Und schlussendlich mit 30 an einer Überdosis zu sterben.
Idee von Lorenz‘ Ich-Erzähl-Jugend- und Kinderbuch-Story läuft auf das Märchen der Gebrüder Grimm hinaus, nämlich das „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“, und in der Tat erlebt Elisa, die Ich-Erzählerin Fürchterliches. Sie zieht alles durch, und indem sie alles durchzieht, durchschreitet sie es auf ihre Weise und kommt zu einem sehr selbstbewussten und klaren Entschluss, als ein Bekannter von ihr an einer Überdosis Heroin stirbt:
Alex S. war der zweite mir näher bekannte Mensch, mit dessen Tod ich konfrontiert wurde. Alex S. war der erste Mensch, mit dem ich Sex hatte, mit dessen Tod ich konfrontiert wurde. Er würde nicht der letzte sein. […] Rückblickend stellte Alex S.’ Tod einen der Wendepunkte für meine Psyche dar. Es war nicht mehr alles nur fun and games. Der Tod hatte sich dazugesellt. Meine Ängste und Zwänge wurden sukzessive schlimmer. Was, wenn ich einen Herzschaden habe?
Die Selbstzerstörung durchschreitend, besitzt Mit dir, da möchte im Himmel Kaffee trinken völlig andere Vibes als Maria Kjos Fonns Heroin chic, das formal, sprachlich gesehen komplexer agiert, psychologisch brutaler wirkt und der Drogensucht eingehender auf den Zahn fühlt. Bei Lorenz, trotz des Themas, bleibt irgendwie alles Eitel-Sonnenschein. Was anfangs disparat wirkt, schließt sich im Gang der Lektüre mehr und mehr zusammen und wirkt perspektivisch klar und wohlaustariert. Die Verengung, die Schwebung, das Loslassen und Durchhalten rundherum Mascha Kalékos Gedichten gleicht, wie dem gleichnamigen von Canetti, einem Buch gegen den Tod:
Wie soll man das aushalten, habe ich mich gefragt, bevor ich lernen musste, es auszuhalten. Nun kann ich mir also selbst antworten: Du musst dem etwas entgegensetzen. Müssen ist hart, das ist kein Imperativ, das ist ein Automatismus. Du musst dem Krebs das Leben entgegensetzen. Indem du es lebst.
Sarah Lorenz‘ Mit dir, da möchte im Himmel Kaffee trinken wirkt wie eine intellektuell durchdachtere Version von Caroline Wahls Erfolgsromanen und eine geläutere von Kathy Ackers einst indizierten Titel Harte Mädchen weinen nicht. Es nimmt den Erzählstil von Joseph von Eichendorff in Aus dem Leben eines Taugenichts auf und dreht ins Moderne, Schwarze, Heftige der postmodernen Großstadttristesse, aber überzeugend, obgleich eben formal einfach, teilweise zu kurz, zu wenig geduldig, aber dafür mit viel Verve und Erzählkraft.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Elisa, Ich-Erzählerin, 39 Jahre alt, Ex-Punkerin, Ex-Heiminsassin, Buchhändlerin und angehende Akademikerin, noch im Studium begriffen zur Erzählgegenwart. Szenerie: kleine geliebte Stadt, große Stadt (Berlin), Hafenstadt (Hamburg), Köln und die verhasste Stadt (Süddeutschland – München?).
●Charaktere: verwirrte, leicht infantile, naive Ich-Erzählerin
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) mit Elf ins Kinderheim, aus der mütterlichen Fürsorge und die Pistole auf die Brust: der Vater oder die Mutter. Trauer um den Verlust der Mutterliebe. Mutter hat sich erschöpft. Jugendhilfeeinrichtung, enges kleines Zimmer. Letztes Treffen mit 21, Ich-Erzählerin 39. Mit 21 mit aufgeschnittenen Armen vor der Mutter, die ihr Einsamkeit prophezeit. Mit 12 ½ versuchte es die Mutter nochmals mit ihr. Es ging schief, und die Ich-Erzählerin beschließt im Alter von 13 mit 30 Jahren an einer Überdosis Heroin sterben zu wollen. (10%)
2.) Mit 14 trifft sie den Jungen, 17, mit den Augen, Silberblick, als sie beschließt Punkerin auf der Kölner Domplatte zu werden, mit dem Buch Christiane F. im Rucksack. Hat das zweite Mal Sex mit ihm. Hat Kontakt mit Ute, ihrer Sozialbetreuerin, 25 Jahre lang gehalten. Mit 18 zieht sie mit Natalie in die Mäusewohnung, in ein Haus voller Punker. Holt ihren Jugendschwarm, den Silberblick-Jungen ab. Mit 19 ½ trennte sie sich von ihm, wegen seines Alkoholismus. (18%)
3.) Clara, die Freundin, die sie mit 21 aus der Küche der Mutter abgeholt hat. Natalie als Freundin blieb ihr. (20%)
4.) Beziehung mit Jannis. Cousin von Clara, Jannis studiert in Leipzig am Literaturinstitut. Wilder Sex, Waschbeckenzerstörung, Auf und Ab, sie schneidet sich. Wilde Beziehung hielt nur 1 Jahr. (24%)
5.) Beziehung mit Holger. Im Antiquariat kennengelernt. Er Intellektueller auf der Suche nach seiner Muse und Retterin. Kaufte sich ein Gedichtband von Mascha Kaléko, da hat sie ihn angesprochen. Trennung nach 6 Monaten. Sie genügte ihm intellektuell nicht. Er beging Selbstmord (Sprung in eine Erzählzeit, eigentlich sitzt sie noch im Zug, um Kalékos Grab zu besuchen, an dieser Stelle hat sie es schon besucht – das Präsens-Präsens). (29%)
6.) Freundin Judith kann nicht mehr. Beziehung mit Finn, in Berlin. Die Beziehung endete sie per SMS. (32%)
7.) Sie wird schwanger von Finn, treibt ohne ihn zu fragen ab, Lottchen hatte sie die Tochter genannt (ohne zu wissen, ob es ein Mädchen wird). Sie empfindet ihre Lebenssituation zu unstabil, und Finn auch.
8.) Tod des Vaters, als sie 37 ist. Die letzten Jahre, ein gemeinsames Urlaub. (39%)
9.) Geschichte ihrer Mutter, sie war 15, als sie mit ihr schwanger wurde, der Vater 26. Trennung als sie zwei Jahre alt ist. Dann nochmal der Versuch in der verhassten Stadt (München?), geht auch schief, Vater Hippie. (46%)
10.) Geschichte, wie sie Punkerin wird, mit dem ICE nach Köln. Erste Nacht unter einer Brücke. Wird sofort befummelt. Sie versucht Heroin aufzutreiben. Irgendwelche Schlafgelegenheit bei Typen, die sie sexuell ausnutzen und missbrauchten, während sie die meiste betrunken war. Sie lernt Caecilia und Melanie kennen, beide 17, 3 Jahre älter. Melanie bereits heroinsüchtig. Bekanntschaft mit Erich, aber sie entschließt sich danach, nicht ihren Körper für Geld zu verkaufen. Abschnitt über üble Männerbekanntschaften. (51%)
11.) Kennenlernen von Verena. Reiche Tochter, völlig am Ende, gehen Essen, danach zu Verena, kuscheln, große Schwester-kleine Schwester Dynamik, spritzen Heroin, nach drei Tagen wird Verena von der Polizei abgeholt. Sie hat sich selbst wegen Suizidgefahr angezeigt. (55%)
12.) Erfahrungen mit der Polizei, Sozialpädagogen. Verabredungen mit Kumpel Pinsel, die nicht stattfindet, weil beide von der Polizei aufgeschnappt werden. (59%)
13.) Verschiedene Diagnosen, Vorschlag zum Vater zu ziehen, als sie 16 Jahre ist, lehnt aber ab, um die Möglichkeit zur Rückkehr zu Mutter nicht zu verunmöglichen. Flieht aus der Psychiatrie, landet wieder auf der Straße. Sie erhält eine eigene Wohnung mit 16.
14.) Beziehung mit Manuel. Auch Alkoholiker, gewalttätig. Waffennarr, etwas unklar, wann die Beziehung stattfand, wohl nach der Episode mit den Silberblick-Jungen, zwei Jahre, die endete, als Manuel sich der Polizei zu widersetzen versuchte, mit Waffe. (69%)
15.) Erster Sex, Freundschaft mit Milena, im Jugendheim mit 13. Fußfetischist. Gras-Dealer Dariusz, 16, mit dem sie Sex hat. Lesbische Erfahrung mit Stefanie mit 16. Homosexualität, Kalékos Sohn Steven. (73%)
16.) Thema Tod. Der Tod von Alex S., heroinsüchtig, den sie kannte. Wendepunkt in ihrem Leben. Sie hat keine Lust zu sterben. Versöhnliches Treffen mit den Großeltern kurz vor dem Tod des Großvaters in Hannover. (78%)
17.) Ich-Erzählerin erkämpft sich das Abitur nach 23 Jahren und 10 Schulen. Kleine Orientierung, Hauptschule, Junge mit Silberblick, Realschule, Jannis, danach wohl Holger? Manuel wohl zwischen den ersten und letzten Begegnung mit Silberblick-Jungen. (84%)
18.) Beziehung mit Nick. Wie sie zusammenkommen, zusammenbleiben, dann Krebsdiagnose von Nick. (87%)
19.) Chemotherapie, Hoffnungslosigkeit, Remission, erneute Metastasen. Widerstand. Leben unter ständiger Angst, dass der Krebs wieder ausbricht. (93%)
20.) Brief an ihr jüngeres Selbst, und auch an andere. Es gibt Liebe. Sie kann gefunden werden. (96%)
●Kurzfassung: Eine Ich-Erzählerin fährt von Hamburg nach Zürich, um Mascha Kalékos Grab zu besuchen, u.a. auch, um sich über sich und ihr Leben klar zu werden, zumal ihr Vater kürzlich gestorben ist und ihr Lebenspartner eine fatale Krebsdiagnose bekommen hat.
●Ereignisse/Szenen: mit Verena in der Wohnung; aber durch die Eskalation, als Punkerin zu leben, mit Heroin und Obdachlosigkeit, ziemlich intensiv.
●Diskurs: Homosexualität, Kalékos Problem damit, dass ihr Sohn homosexuell gewesen ist; Kapitalismuskritik ? … wie Männer Frauen behandeln
… Vergleich zu Kathy Acker „Harte Mädchen weinen nicht“, welche Parallelen: Mutterlosigkeit, Schwangerschaftsabbruch, Sex mit jungen Jahren … brutale Erfahrungen auf der Straße, Übergriffe, Erfahrungen mit der Polizei, aber alles lakonisch erzählt, abgeklärt, im Rückblick. Es wird immer klarer, dass es sich um eine Art Märchen handelt, ein Abenteuer, die, die hinauszog, um das Fürchten zu lernen. Verwandt in diesem Sinne auch mit Eichendorffs Taugenichts. Es geht auch um die Unzerstörbarkeit des Körpers, um die Unzerstörbarkeit der Neugier, der Lebenslust. Grenzerfahrungen. In diesem Sinne gibt es einen klaren Erzählgrund, und der Plot hält bei der Stange: erst die Sache mit der Mutter, dann das Leben als Punkerin, dann der Tod des Vaters, dann die Krebsdiagnose des Freundes.
–> 4 Sterne
Form:
●Wortschatz: eher Alltagssprache, kein Schriftsprache
●Stimmige Wortfelder: ja, keine Abstraktionsebenen-Vermischungen
●Type-Token-Ratio: 0,166 (mittlere narrative Komplexität)
(Musil 0,23 – Genre 0,11)
●Satzlängen-Verteilung-Median: 11, Standardabweichung 9,2 wegen sehr langer Sätze (85, 78, 64 Wörter)
●Anteil der 1000 häufigsten Wörter: 78,4%
(Musil/Mann <70% – Genre >80%)
●Wortartenverteilung: Adjektive 7,6% – Adverbien 5,7%
(bei Musil: Adjektive 13% – Adverbien 7%)
●Verhältnis Nominal-/Verbalstil: Verbalstil klar dominiert, handlungsorientiert
●Satzstrukturen: einfach, sehr unmittelbar
●Wiederkehrende Motive/Tropen: keine
●Innovation: keine
… von der Wortwahl eher unterdurchschnittlich, aber die Sätze, das Schreiben, sehr melodisch, rhythmisch, daher –> 3 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: nicht wirklich reflektiert, eher naiv, eher absichtlich gedankenlos, flapsig, schnell und rhapsodisch, kleinmädchenhaft.
●Situiert: ja, Ich-Erzählerin befindet sich im Zug auf der Fahrt nach Zürich, und zurück nach Hamburg.
●Perspektiviert: ja, auf sich selbst, auf das eigene Leben, die Lust am Leben
●Erzählform: Ich
●Erzählstandort: räumlich wie zeitlich – klar, Gegenwart 2025, Zugfahrt.
●Erzählsicht: Innenperspektive, ohne Spekulation
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial), auf ihr Ich- und das Kalékos bezogen
●Erzählhaltung: naiv, kindlich, unbesonnen, aber 39jährig.
●Erzählverfahren: Brief ähnlich, Brief, Gespräch mit Kaléko
●Erzählstil: nivellierend
… durchgezogener Jugendroman, im Jugendromanstil à la „Fänger im Roggen“, sehr ähnlich auch zu Caroline Wahl „Windstärke 17“ oder „22 Bahnen“
–> 3 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: im Grunde ein innerer Erinnerungsmonolog
●Tempiwechsel: durch Gedichte, Zeitsprünge, melodisch raffend
●Extradiegetische Abschnitte: nein, keine
●Lose Versatzstücke: auch keine
●Reliefbildung: dynamische Ortswechsel, Akzente, Strukturbildnisse, Motive … ja, alles vorhanden, intensives Zwiegespräch mit Kaléko, Rückbindung, Weiterführung, Exorzismus gegen den Tod, deutlich kompositorisch auf die Perspektive, Grab abgelegt, endet mit Brief an das vergangene Ich, und ein zufälliges zukünftiges.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nein
●Geärgert: nein, manchmal ein wenig zu kindlich
●Amüsiert: nein, zu heftiges Thema
●Gefesselt: mehr oder weniger, teilweise zu durcheinandergewürfelt
–> 4 Sterne
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Mascha Kaléko: „Das lyrische Stenogrammheft“
Urbane sanfte Schlagfertigkeit oder: ein nostalgischer Poetry-Slam
In der Ausgabe aus dem Jahr 1958 werden die Gedichte von Mascha Kaléko vor der Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland gesammelt präsentiert, und zwar Das lyrische Stenogrammheft (1933) und Kleines Lesebuch für Große (1935). Ihr Werk gilt als prominenter Vertreter der Neuen Sachlichkeit, die sich vom Expressionismus abgrenzend der neuen urbanen, technikgeprägten Großstadtwelt zu- und von Archaik und Mythologismus abwendet. Der Ton steht mitten in der Sprache:
Was hilft uns schon das ganze Trübsalblasen –
Da weiß ich mir ein bessres Instrument.
Ich pfeife drauf . . . Mich freut selbst kahler Rasen.
Und auf das Frohsein gibt es kein Patent.
Mich fährt die Stadtbahn auch ins freie Feld,
Mir weht der Märzwind gleich den Weitgereisten.
Ich hab mein‘ Sach‘ diesmal auf nichts gestellt.
– Das kann man sich noch leisten.
Kaléko gilt als wichtige Alltagsstimme im Großstadtgemurmel, als nostalgische, sentimentale, freundliche Stimme, die zumeist überhört wird oder gar nicht erst die Möglichkeit bekommt, sich verlautbaren zu lassen. All dies jedoch zieht die Grenze zwischen Lyrik und Mitteilung ein, ja, lässt sie im Grunde als unwesentlich verpuffen, oder überspitzt formuliert: die Lyrik dient als Kanal einer Botschaft, nicht als Medium einer sprachreflektorischen Selbstverständigung. Ihre Sprache ist nüchtern, alltäglich, bietet keinen Widerstand. Ihre Reime offensichtlich und ihr Reimschema pendelt stets (mit wenigen Ausnahmen) zwischen ABBA und ABAB.
Daß man vergessen kann, was man erfahren.
Man horcht sehr oft zu viel in sich herum.
Am besten war es, klug zu sein und stumm.
Man ist zuweilen alt mit zwanzig Jahren.
Ihre Nostalgie, Empfindungsräume hallen Einsamkeit, Orientierungslosigkeit und Sehnsucht nach einem Gegenüber wider, das sich stets wieder entzieht, sobald es am Horizont erscheint. Thematisch dominiert das Problem: Arbeit, Liebe und die Abwesenheit einer verbindlichen Kommunikationsstruktur. Das Wortmaterial dreht sich um „Grammaphon“, „Mond“, „Sonne“ und Reisen („D-Zug“) und Abschied. Wie in Sebastian Haffners Abschied wird eine vergangene Stimme und Zeit erahnbar, eine mit Lokalkolorit (das Berlin der 1920er), eine mit Entsagung und Traurigkeit (Abschied am Bahnsteig), durchsättigt mit Jargon und Alltagswitz:
Putz dir de Neese orntlich ma, Mariechen,
Und Fritz, hol Vatan die Harmonika !
– Wenn ihr wert weita wie die Schnecken kriechen,
Dann bleibta da!
In der Zeitkonservierung liegt eine große Intensität von Kalékos Gedichten, die weniger formalästhetisch als mitteilungsmäßig gelingen wollen. Es gelingt. Die Einsamkeit dringt durch. Der Lebensmut auch. Die Sprache aber bleibt bei all dem außen vor. Kalékos Stil wird der Gebrauchslyrik zugerechnet (Kurt Tucholsky, Erich Kästner und andere) und unterscheidet sich im Grunde nicht mehr von anderen Kommunikationsformen (Briefen, Witzen, Glossen, Sprüchen), so dass andere Merkmale gesucht werden müssen. Mascha Kaléko zeichnet sich beispielsweise durch sanfte Schlagfertigkeit aus.
Wolfgang Kayser: „Entstehung und Krise des modernen Romans“
Literaturgeschichte knapp und kategoriell gefasst – streitbar interessant, aber ziemlich umfassend.
Auf knapp 50 Seiten kondensiert Wolfgang Kayser die Literaturgeschichte des Romans als Textform. In einer Art durchdeklinierten Dreischritt verschafft er sich den Überblick, indem er eine Typologie vorschlägt und im Grunde als Maß für das Gelingen eines Romans die Balance zwischen Glaubwürdigkeit und Verspieltheit vorschlägt. Er unterscheidet die Literaturgeschichte der Neuzeit in drei Etappen.
Die Stimme des Erzählers kommt aus weitem Abstand und hat etwas von dem metallenen Klang des Epos: der Sprechende seIber bleibt unfassbar. Aus dem stilbestimmenden Gesetz der Kongruenz zwischen direkten und indirekten Mitteln der Darstellung erklärt sich aber auch, weshalb er so häufig das Wort abgibt: tatsächlich überwiegen in den Barockromanen in auffälligem Maße die direkten Reden bzw. die Erzählungen durch Figuren […]
Kongruenz heißt hier: Es gibt ein Sprachvertrauen in die Realität und Wirksamkeit des Wortes. Die Worte, das heißt die beschreibende, die kommunizierende Sprache bildet wirklich die Wirklichkeit ab. Es gibt kein Zweifel. Der beginnt erst, als wie in Pamela von Samuel Richardson, die Erzählinstanz sowohl zum Geschehen als auch zum Publikum sein Blick richtet. Sie wird janusköpfig:
Schon durch diese dauernd wechselnde Blickrichtung (bald auf die gesamte Geschichte, bald auf eine Figur und ihre Geschichte, bald zum Leser im Einverständnis über kleine Lebensweisheiten) kommt eine besondere Lebendigkeit in dieses persönliche Sprechen. Sie steigert sich noch durch das besondere Verhältnis zur Sprache. Die Sprache ist hier nicht schlechthinnige Mitteilung, wird nicht in naiver Gläubigkeit an ihre Bezeichnungskraft verwendet, sondern ganz bewußt und gerade unter Ausnutzung ihrer Mehrdeutigkeit.
Nun floriert die Erzählweise über den Erzählgegenstand bis tatsächlich die Erzählweise komplett dominiert, überfrachtet von Informationen, ja ob des Weltenlaufs zusammenbrechend, nur noch darüber reflektiert, wie eigentlich überhaupt noch erzählt werden kann: Darin besteht die Krise des Romans. Sie verliert das Spielerische und den Glauben an die Sprache. Sie zerbirst zwischen Fakt, Fiktion, Fraktion und Information:
Soll der Roman als Kunstform lebendig bleiben, so bedarf es einer letzten Gläubigkeit und des Ernstes zum Spiel der Kunst. Wer um der Lebensechtheit willen auf Formung verzichtet, läßt ihn verwildern und macht ihn ungenießbar. Ein für den Roman wesentliches Formprinzip, wie wir zu zeigen versuchten, ist der Erzähler, vielleicht das wesentlichste. In der Erzählung als einer Formkraft aber liegt, als ihr tiefster Bedeutungsgehalt, eine letzte Sicherheit, ein letztes Vertrauen in Sinngehalte, eine letzte Gläubigkeit.
Kayser meint mit ziemlicher Sicherheit „Glaubwürdigkeit“ oder „Verlässlichkeit“ und schließt damit den weiten Diskurs um die unzuverlässige Erzählinstanz als Zankapfel ein. Seine Trias kennt nun auch drei Romantypen:
i) Handlungsroman (Geschehnisse in einer Welt der Fortuna)
ii) Raumroman (keine bestimmte Handlung – Diskurs)
iii) Figurenroman (endlos Schleife der Selbstirritation)
Diesen entsprechen drei Romane von Johann Wolfgang Goethe i) Die Wahlverwandtschaften, Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre und Die Leiden des jungen Werther. Kayser verdichtet die ganze Problematik, das ganze Auf und Ab der Literaturgeschichte auf wenige Seiten und hat daher ein immer noch sehr lesbares, streitbares, den Diskurs öffnendes, ordnendes Buch geschrieben, das zu lesen lohnt, da er mehr auf Begriffe, Typologie und Kategorien als auf Meinungen eingeht.
Sebastian Haffner: „Abschied“
Referendar und Langeweiler in Pariser Bohème verliert die Frau, die er liebt.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com
Inhalt: 2/5 Sterne (Mann besessen von Frau, die es nicht ist)
Form: 1/5 Sterne (ungeformt, roh)
Erzählstimme: 2/5 Sterne (unreflektiert)
Komposition: 4/5 Sterne (Tunnelblick, sehr rasant)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (Zeitreise, etwas gruselig)
Sebastian Haffner wurde vor allem durch seine journalistischen und historischen Arbeiten bekannt. Seine Anmerkungen zu Hitler prägten die späten 1970er und frühen 1980er Jahre rundum das Thema Vergangenheitsaufarbeitung. Nach eigenen Aussagen hat Haffner aber, insbesondere in der Früherwachsenenzeit, von einer literarischen Karriere geträumt, von einem Leben als Künstler und nicht als Jura-Referendar. In Der Abschied, das postum veröffentlicht wurde, und in keiner Fassung letzter Hand vorliegt, verarbeitet er das Aufgeben eines Bohème-Lebens anhand einer Paris Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler Raimund Pretzel (Haffners bürgerlicher Name) und einer gewissen (rehäugigen?) Teddy:
Ich war furchtbar verliebt in sie und furchtbar böse auf sie und sehr verbockt und innerlich kaputt, und eigentlich war es zum Heulen, aber noch mehr war alles gleichgültig, und morgen Abend war ja sowieso alles vorbei. Und wir fuhren und fuhren, und jetzt hatten wir schon wieder den Glanz und Trubel der Boulevards um uns, und als wir um eine Ecke bogen, sah ich plötzlich, ganz unwahrscheinlich nahe und herrlich stolz, die Vendômesäule ragen. Dann fuhren wir wieder durch unbekannte Straßen, schweigend, sehr schnell und sehr unwirklich flog rechts und links alles vorbei, alles war so unendlich überflüssig und umsonst, und inzwischen schwoll übrigens vorn die Taxe fantastisch an, und ich hatte gar nicht mehr viel Geld. Dies aber war noch der schöne Teil des heutigen Tages, denn nachher musste Teddy fort, sie hatte eine Einladung, und dann würde ich allein sein.
Von Teddy wird kaum etwas berichtet, außer dass sie viel zu wenig isst, viel zu kalt angezogen ist, viel zu müde ist, sich viel zu sehr auslaugt, und ja, im Grunde ihren Schutzherrn Raimund benötigte, aber sich leider anderweitig umblickt und umsorgen lässt. Selbst die Mitgliedskarte des amerikanischen Studentinneninstitut, die ihr Raimund finanzieren will, schlägt sie aus, obwohl diese sie krankenversichern würde. Mit all diesem Krimskrams und Birnen und Bananen und Geldsorgen vollgestopft werden knapp 28 Stunden in Echtzeit berichtet. Interessanterweise mischen sich viele Sprachen, viele Figuren, viele überlappende Handlungsstränge und Persönlichkeiten, die jedoch inhaltlich divergent und sprachlich ungeformt bleiben:
»Von hier aus hast du sie glaub ich am schönsten«, sagte Teddy und führte mich um sie herum wie eine Kuppelmutter. Ich sah die Venus von Milo an; man hatte ihr übel mitgespielt, hatte ihr die Arme abgehauen und sie als Zigarettenspitze benutzt.
»Findest du sie nicht schön?«, sagte Teddy.
»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Schon. Ich find dich schöner.«
Der Roman, der etwas weniger als 200 Seiten umfasst, wurde von Haffner nie zur Publikation freigegeben. Er stellt tatsächlich mehr ein biographisches Zeugnis dar, eine sentimental-unzulängliche Reise in die Vergangenheit, eine Traumabewältigung wie das Tagebuch eines Abschieds, der niemals überwunden werden konnte. Der Ich-Erzähler will nicht zurück nach Berlin. Er will sich nicht von Teddy trennen. Es bricht ihm das Herz. All das kommt in dem Text schmalzig ungeschönt rüber und nimmt einen sogar mit. Seine kindlich-infantile Art, sie schützen zu wollen, stellt das Buch mit all den Tiervergleichen gekonnt neben Steffen Kopetzkys Monschau und Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns . Hier meldet sich in der Tat eine untergegangene Welt, wie eine Stimme aus dem Off, und hat etwas Gruseliges, nicht Uninteressantes, an sich.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Raimund Pretzel (R), Mitte 20, Rechtsreferendar; Teddy (T), die Geliebte, studiert in Paris. In Paris. Anfang der 1930er.
●Charaktere: ziemlich flach, kaum Konturen
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
… Sonnabendnachmittag um fünf Uhr, Verabredung mit T, Versuch ihr eine Mitgliedskarte für das amerikanische Studentinneninstitut zu erwerben. Scheitert, erst am Montag wieder. Kauf von Geschenken in der Galerie Lafayette. Zurück im Zimmer. Später kommt T mit Fräulein Gault (G) und Horrwitz (H) und Franz Fischauer (F), auf den R eifersüchtig ist. Andrews (A) geht sie abholen, R bleibt im Zimmer und liest Huxley „Counter Point“. Erinnerung an Rheinsberg, Berlin mit Teddy. Sie kamen zusammen am 1. September 1930. Gegen zwölf besucht ihn T wieder. Sie diskutieren über indischen und chinesischen Tee. Sie verabschiedet sich. R geht schlafen
Sonntag … R wird von F geweckt, der seine Hose bei einem Trinkgelage verloren hat und eine Hose benötigt. Erinnerung an Freitag, Wiener Gesandtschaft, als R aus Eifersucht den Ballsaal verlassen, Fräulein Gault brüskiert und T zurückgelassen hat. F soll die Hose vor zwölf Uhr wiederbringen. R muss das Zimmer verlassen, die Abreise steht am Abend bevor. Er klopft bei T an, die noch schläft. R geht hinunter, zieht chinesische Essstäbchen, die H für T gestohlen hat. Er geht frühstücken, allein, denkt an die letzten acht, bis zehn Tage. Holt T ab. Sie planen den Tag. R fängt an zu packen in seinem Zimmer. F bringt Hose zurück. Auch H stößt zu ihnen. R verteilt Obst, dann bringen sie das Gepäck in das Zimmer von T. Sie gehen ins Chinarestaurant am Boulevard St. Michel. Reden über Li-Tai-Po. Streit mit H, wer Ts Rechnung zahlt. H und F verabschieden sich. Spaziergang an der Seine, Bouquinisten. Sie besuchen den Louvre, die Venus von Milo. Gespräch über Grecos und Cimabue (Cenni di Pepo). Es ist fünf vor drei, als sie sich ausruhen. Betrachten den Pfeifer von Manet. Danach Spaziergang durchs Quartier Latin. Viertel fünf. Sie essen Kastanien. Gehen zum Trocadéro. Fahren hoch auf den Eiffelturm, erstes Geschoss. T will nicht zurück nach Berlin. Sie hat Angst vor dieser Stadt. Sie essen im Buffet auf dem Eiffelturm. T hat eine Verabredung mit einem Mann, der sie für eine Übersetzung bezahlt, um sechs Uhr. Sie kommen zu spät ins Hotel. Der Besuch war aber noch nicht da. Seltsame Unterhaltung mit dem Alten über Emile Jannings, Werner Krauss. R verzweifelt, T verlassen zu müssen. Der Alte geht, Franz kommt. F will sie einspannen, für ihn ins Kolleg zu gehen. Verlässt sie wieder um halb acht. Sie zählen das Geld, das er übrig hat, für das Abendessen und für das Taxi zum Gare du Nord, und für das Trinkgeld des Portiers Henry, mindestens 20 Francs. Sie tauschen Zärtlichkeiten aus. Die Nachbarin spielt laut ihr Grammophon, einen englischen Walzer. Sie gehen ins Viennos. Essen dort Borschtsch. Andrews überrascht sie, in Begleitung mit seinem Chef. Um viertel zehn verabschieden sie sich. A will seinen Chef wegbringen, und ihnen dann einen Lift zum Gare du Nord geben, um halb zehn. Sie gehen zurück ins Hotel. Springen ins Bett, über den Rand der Welt. Danach wird R melancholisch. A holt sie ab. Der Chef noch dabei. Am Gare du Nord fährt dieser weiter im Taxi zum Moulin Rouge. A gibt ihnen Zeit zum Abschied. Sie gehen den Bahnsteig hoch und runter. Er steigt in das Eisenbahnabteil, reicht durchs Fenster, Fingerspitzen an Fingerspitzen, fährt der Zug ab.
●Kurzfassung: Raimund Pretzel erlebt 1931 den letzten Tag in Paris mit seiner Geliebten Teddy und zählt die Stunden und Minuten, bevor er zurück nach Berlin muss, um nach 14 Tagen Paris-Urlaub wieder seine Arbeit als Referendar aufzunehmen. Der Abschied fällt schwer.
●Ereignisse/Szenen: Abschied am Bahnhof, am Gare du Nord, am Ende.
●Diskurs: Geld, Auslandsreise, Melancholie, Sentimentalität, Leben der Studenten in Paris.
… altbackene Eifersuchtsgeschichte um Teddy, die allen den Kopf verdreht, die der Ich-Erzähler für 14 Tage in Paris besucht. Er fühlt sich abgehängt, fühlt sich bedroht, liebt sie, aber vermag sie nicht gehen zu lassen, will sie zurück nach Berlin ziehen, wohin sie aber nicht will. Basiert auf der wahren Geschichte von Sebastian Haffner, alias Raimund Pretzel und Gertrude Björklund, wie das Nachwort sagt. Sie blieben im Kontakt. Die Dialoge sind einfallslos, wirken fast eingesprochen, aufgenommen, wie ein Transkript. Die Dramaturgie jedoch zieht. Protagonist die vergehende Zeit, die ihn bedroht. Er will sie nicht verlassen, jede Minute auskosten, zittert und bibbert mit den vergehenden Momenten und seinem dahin schwindenden Geld. Nüchtern, völlig ungeformt, roh, aber intensiv.
… Topos: Teddy, the damsel in distress, die umsorgte Prinzessin, die Männer, die sich um sie kümmern, ihr Essen einflößen et cetera.
… das Thema selbst erzeugt kaum Interesse, vor allem durch die Blassheit der Figur Teddys, die reine Projektionsfläche für das männliche Begehren ist, die nichts von sich preisgibt, als dass sie müde ist, eigentlich in Ruhe gelassen werden will
–> 2 Sterne
Form:
●Wortschatz: simpel, alltagssprachlich, keine Innovation, keine Poesie, kein Wortwitz.
●Stimmige Wortfelder: im Sinne des Alltags, ja, teilweise sehr infantil
●Satzstrukturen: einfach, simplizistisch.
●Wiederkehrende Motive/Tropen: die verlorene Hose von Franz, die geborgte Uhr von der Gault, die falsch geht, immer wieder stehen bleibt; Manets Der Pfeifer, Cimabue, Greco, der Chanson „Sous les toits de Paris“ von Albert Prejean. Die Uhrzeit und die Geldmenge.
●Innovation: keine, möglicherweise der Eindruck des Echtzeittickers
… ich vergebe die Mindestpunktzahl wegen ärgerlicher Wiederholungen, völlig klischierten Situationen, absurden Dialogen und langweilen Sprachgestus, journalistisch, ungeformt, roh.
–> 1 Stern
Erzählstimme:
●Reflektiert: nein, überhaupt, reine sinnliche Gewissheit
●Situiert: im Nachhinein rückblickend, ja.
●Perspektiviert: ja, selektiv aufs eigene Bewusstsein beschränkt
●Erzählform: Ich
●Erzählstandort: mehr oder weniger aus Berlin aus im Rückblick Teddy vermissend
●Erzählsicht: Innenperspektive
●Erzählverhalten: neutral protokollarisch, gehetzt
●Erzählhaltung: involviert, sentimental, nostalgisch
●Erzählverfahren: Bericht, Tagebuchaufzeichnung
●Erzählstil: multikulturell, Englisch, Französisch, Deutsch, alles gemischt, bunt.
… völliges Fehlen von Selbstreflexion, Selbstperspektivierung, in Bezug Setzung, insbesondere bei der Eifersuchtsthematik viel zu roh, ungalant, dümmlich, zwar authentisch, aber nicht erzählenswert
–> 2 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: gute Mischung, deskriptive Paris-Sequenzen und Dialoge
●Tempiwechsel: ja, angemessene Zeitsprüngen, Raffungen
●Extradiegetische Abschnitte: nein
●Lose Versatzstücke: nein
●Reliefbildung: Tunnelblick zum Abschied
…stärkste Komponente des Romans, denn der Zeitdruck, die Rastlosigkeit transportieren sich beim Lesen, eine Sentimentalität, eine Angst vor dem Zeitvergehen wird aufgebaut, die Tristesse, Abschied nehmen zu lassen, das Wissen um die Endgültigkeit desselben, die Verzweiflung, die sehr roh gestaltet wird, durch das ständige Wiederholen der Uhrzeit, und der Geldmenge. Besitzt Countdown-Charakter.
–> 4 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nicht sehr, eher mit Interesse gelesen
●Geärgert: nein, nur den Kopf geschüttelt, ob der Männlichkeitsvorstellungen
●Amüsiert: nein, kein Witz drin
●Gefesselt: nein, Spannung wird nicht aufgebaut
… ein trauriges Buch, eine sehr unselbstbewusste Art zu lieben, eine Besessenheit, ein Besitzanspruch, Fürsorgeabsicht … sehr roh, unvermittelt, Trauma- und Trauerverarbeitung, als Zeugnis sehr intensiv, aber nicht durchgeformt
–> 2 Sterne
Charlotte Brontë: „Jane Eyre“
Mystisch eindringlich, atmosphärisch verdichtet – aber theologisch-teleologisch viel zu unentschieden.
Inhalt: 3/5 Sterne (Amor und die theologische Ambiguität)
Form: 5/5 Sterne (wortmalend-atmosphärisch)
Erzählstimme: 5/5 Sterne (kreativ-eigenmächtig)
Komposition: 5/5 Sterne (motivisch-entfaltend)
Leseerlebnis: 3/5 Sterne (immersiv, aber zu dualistisch)
Jane Eyre gehört für viele in den Kanon der englischsprachigen Literatur und auch der der Welt überhaupt. Die Stimme der Hauptfigur, Jane Eyre, durchdringt diesen Text wie in kaum einem Entwicklungsroman zuvor, der bis zu diesem Zeitpunkt auch häufig noch in auktorial-personaler Form geschrieben wurde. Die Ich-Stimme bei Charlotte Brontë ist laut. Sie ist robust, eigensinnig, scharfsichtig, wirklichkeitsmächtig und deutlich, und auf ihre Weise deshalb auch visionär:
Ihre Augen und ihre Stimme wühlten all den Hass, der in mir lebte, auf. Von Kopf bis Fuß bebend, von einer Erregung geschüttelt, der ich nicht mehr Herr werden konnte, fuhr ich fort: »Ich bin glücklich, dass Sie nicht meine Blutsverwandte sind. Niemals, solange ich lebe, werde ich Sie wieder Tante nennen. Niemals, selbst wenn ich erwachsen bin, werde ich kommen, um Sie zu besuchen, und wenn irgendjemand mich fragen sollte, ob ich Sie liebe und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich antworten, dass der Gedanke an Sie allein schon genügt, um mich todkrank zu machen, und dass Sie mich mit elender Grausamkeit behandelt haben!«
Das sind die Worte, die der zehnjährige Wildfang seiner Ziehmutter mit Verve entgegenschleudert. Jane Eyre lebt zwischen den Extremen, zwischen bedingungsloser Unterwerfung und Empörung, bis also aus der Unterordnung, wenn das Maß voll ist, hinaus der radikale Ausbruch, die intensive Gegenwehr und alle Brücken hinter sich verbrennende Flucht, resultiert. Jane Eyre pendelt so zwischen religiöser Erbauungsliteratur, Gothik-Romanze und dem Liebes-und-Reise-Roman hin und her. Die Ich-Erzählstimme stellt jedoch sicher, dass alles aus einem Guss wirkt, eine Atmosphäre, eine Handschrift hindurchscheint und die Wörter belebt:
Ich kenne keinen Mittelweg: Niemals in meinem ganzen Leben habe ich in meinem Umgang mit harten, bestimmenden Charakteren, welche dem meinen ganz entgegengesetzt waren, ein Mittelding zwischen absoluter Unterwerfung und entschlossener Empörung gekannt. Ich habe stets getreulich den einen Weg verfolgt, bis ich plötzlich, oft mit vulkanischer Vehemenz, mich auf den anderen stürzte. Und da weder meine augenblickliche Stimmung noch die Umstände eine Widersetzlichkeit notwendig machten, folgte ich gehorsam St. Johns Weisungen und fand mich schon zehn Minuten später an seiner Seite auf dem wilden Fußpfad zur Schlucht.
Und hier steckt das Problem vom Roman Jane Eyre. Er spiegelt seine Hauptfigur getreulich wider, denn auch der Roman kennt keinen Mittelweg, kein Drittes. Er schwankt zwischen Diesseitsbejahung und jenseitsgesteuerte Todessehnsucht, zwischen Liebe und Aufopferung, zwischen Dienst und Sorge am Menschen und harten, kalkulierten Missionieren im Sinne des christlichen Katechismus. Das Buch besitzt kompositorisch viele Spitzfindigkeiten, nur die eine nicht, nämlich die Extreme miteinander zu vermitteln, zumindest miteinander in Schwingung zu versetzen. Das geschieht nicht. Das Entweder-Oder wird hindurchdekliniert, und was bleibt, ist dann, eigenartigerweise, dass die Ich-Erzählerin den Stab zum Ende hin an einen christlichen Missionar abgibt und diesen das Buch beenden lässt. Getreu dieser Struktur, Altes Testament als Vorwegnahme des Neuen, und das Neue Testament als die Vermittlung und Auflösung des Alten, entwickelt Charlotte Brontë ein janusköpfiges Schisma, das sich nicht zwischen Charybdis und Scylla entscheiden mag und deshalb vorsichtshalber erstmal in Starre zwischen ihnen verbleibt.
Wird dieser Rahmen ignoriert, verbleibt ein märchenhaft intensives Buch voller Abenteuer, Witz und Grusel mit romantisch-kontingenter Verspieltheit wie Joseph von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts nur emsiger, fleißiger und auch viel dunkler.
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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt:
●Hauptfigur(en): Ich-Erzählerin, Jane Eyre.
●Charaktere: sehr rund, sehr variantenreich, hölzern und vielschichtig in einem
●Kurzfassung: Jane, arm und verwaist, isoliert, schlägt sich durch, findet eine Anstellung als Gouvernante, verliebt sich in den Hausherrn, ihrem Herrn und Meister, der aber kurz vor ihrer gemeinsamen Hochzeit als Bigamist enttarnt wird. Sie reißt aus, mittellos, als Landstreicherin, findet Obdach bei einer Familie, die sie aufnimmt, die sich als Cousin und Cousine erweisen. Sie erbt reich, verteilt ihr Erbe, kehrt zurück zu ihrem Verlobten, der seine wahnsinnige Frau vor einer Feuersbrunst nicht retten konnte, und heiratet ihn.
●Zusammenfassung/Inhaltsangabe:
1.) Jane Eyre (JE), 10 Jahre alt, Waise und der Ehefrau ihres verstorbenen Onkels, Sarah Reed, auf dem Anwesen Gateshead Hall ausgeliefert, wird von deren ältesten Sohn, John Reed, terrorisiert. Sie wirkt als Fremdkörper in dem Haus. Nur Bessie Lee, das Kindermädchen, hält zu ihr, so gut sie kann. Mrs Reed befiehlt, als JE sich gegen John Reed wehrt, wegzusperren.
2.) Sie wird in das Sterbezimmers ihres Onkels, der vor neun Jahren starb, eingesperrt, in das Rote Zimmer. Eines der letzten Wünsche von diesem lauteten, dass Mrs Reed sich um JE gut kümmern soll. JE überlegt, ob Tote auferstehen und sich rächen können. Plötzlich überkommt sie Panik, schreit um Hilfe und fällt in Ohnmacht.
3.) Mr. Lloyd, der Apotheker, kümmert sich um JE. Sie klagt über die Umstände. Als Lloyd aber davon spricht, dass sie Familie habe, die aber arm sei, fühlt sich JE nicht in der Lage, den Luxus in Gateshead Hall aufzugeben. Lloyd schlägt ein Internat vor, um JE zu helfen. [Vorgeschichte der Eltern: Vater von JE Priester, der sich bei der Armenfürsorge mit Typhus ansteckt, und stirbt, und Janes Mutter, die nach der Geburt stirbt, von der Familie verstoßen, da sie einen nicht standesgemäßen Ehemann geheiratet hat.]
4.) Besuch von Mr. Brocklehurst, Internatsleiter von der Lowood School. Mrs. Reed bezichtigt JE der Lüge. Nach Brocklehurst Besuch rastet JE aus und beschimpft ungebremst Mrs. Reed, die sich verblüfft daraufhin für immer von JE distanziert.
5.) Im Januar wird JE nach Lowood gebracht, wo sie Ms. Maria Temple kennenlernt, die ihr als Vorbild dient. Sie lernt Helen Burns kennen, die von JE für ihre stoische, ruhige Haltung bewundert wird.
6.) Helen erklärt JE, dass sie christlich die andere Wange hinhält, dass das Jenseits, das zu erwartende Paradies, ihr die Kraft gibt, Unbill im Diesseits zu erleiden.
7.) Zustände auf Lowood durch den Geiz und die Brutalität von Brocklehurst unhaltbar, zu kalt, zu wenig Nahrung für die Mädchen. Als er nach Monaten von seiner Reise zurückkehrt, stellt er JE vor der gesamten Schule bloß. JE hält sich tapfer. Helen wirft ihr loyale Blicke zu. [Brocklehurst als heuchlerisch beschrieben, will, dass die Mädchen ihr Haar abschneiden, aber seine Tochter und seine Frau erscheinen herausgeputzt.]
8.) JE bricht zusammen, weint. Helen tröstet sie. Ms. Temple hilft den beiden Mädchen, gibt ihnen Tee und Gebäck und verspricht, die Anschuldigungen von Brocklehurst gegenüber JE zu prüfen. JE hat nun Freunde in Helen und Ms. Temple gefunden.
9.) Eine Typhus-Epidemie bricht aus, rafft viele Mädchen dahin. Helen hat Tuberkulose, liegt im Sterben. JE besucht sie heimlich, umarmt sie. Sie schlafen ein, und Helen stirbt.
10.) Brocklehurst wird als Vorsitzender abgelöst, um die Zustände für die Mädchen zu bessern. Acht Jahre vergehen. Ms. Temple heiratet und reist ab. JE mittlerweile Lehrerin, aber fühlt sich nicht mehr an Lowood gebunden und sucht neue Herausforderungen (Verpflichtungen) und schaltet eine Annonce. Sie wird nach Thornfield eingeladen, von einer Mrs. Fairfax. Bevor sie Lowood verlässt, besucht Bessie sie. Ein Onkel John habe nach ihr gesucht, der sogar wohlhabend sei und Unternehmungen in Madeira besitze. John Reed lebt ein liederliches Leben, und die Schwestern Reed bekämpfen sich.
11.) JE erreicht Thornfield Hall, lernt Mrs. Fairfax kennen, die als Haushälterin Mr. Edward Rochesters (ER) Anwesen verwaltet. JE soll als Gouvernante von Adele Varens dienen, die fast nur Französisch spricht, und ER aus Paris als Mündel mitgebracht hat. Sie wird durchs Haus geführt. Im dritten Geschoss wohnt Grace Pool (GP). Es wirkt unheimlich auf JE. Später erklingt ein unheimliches Lachen.
12.) JE lebt sich ein, aber beginnt sich zu langweilen. Auch kommt sie nicht hinter die geheimnisvolle GP und deren Gelächter. Als einen Brief zur Post bringt, trifft sie auf eine Erscheinung namens „Gytrash“, einem Geist in Form eines Hundes oder Pferdes, aber die Erscheinung erweist sich als ER, der mit seinem Hund und Pferd nach Hause reitet, stürzt und dem JE hilft.
13.) ER erweist sich als seltsam, verhärmt, zurückgezogen, unwirsch. Mrs. Fairfax erzählt ihr von der problematischen Vergangenheit. Sein Vater hat seinem älteren Bruder alles vermacht, und dann für ER gesorgt, aber auf eine Weise, die schief gelaufen ist. [Später zeigt sich, dass damit die Verheiratung von ER mit Bertha Mason auf Jamaica gemeint ist, die wahnsinnig geworden ist.] Rowland, sein älterer Bruder, starb aber vor neun Jahren und hinterließ ER das ungeliebte Thornfield.
14.) JE und ER lernen sich kennen. Eine düstere Atmosphäre umgibt ihn. Er überreicht Adele ein Geschenk aus Paris. Offensichtlich aber liebt er Adele nicht wirklich. JE und ER kommunizieren auf Augenhöhe.
15.) ER erzählt, wie er zu Adele kam. Ihre Mutter Celine Varens war seine Geliebte, eine Pariser Schauspielerin, die ihm untreu wurde, woraufhin er sie verließ. Später behauptete sie, dass Adele seine Tochter sei. Als sie ohne sie davonreiste, nahm er sie auf. Später in der Nacht hört JE das gruselige Gelächter. Rauch dringt zu ihr ins Zimmer. ER Zimmer steht in Flammen. Sie weckt ihn und löscht das Feuer. ER dankbar, bittet JE dennoch Stillschweigen zu bewahren.
16.) Die Hausangestellten erklären das Feuer damit, dass ER bei brennender Kerze eingeschlafen sei. Von einem Gelächter will niemand etwas gehört haben. ER fährt besucht eine Adlige namens Blanche Ingram (BI) in der Nähe, und JE tröstet sich über ER hinweg, indem sie Porträts zeichnet, ein besonders schönes von Blanche, um jedweden Gedanken an eine Verbindung mit ER in sich auszulöschen. Sie stärkt in sich das Bild einer hässlichen arme Gouvernante.
17.) Die Adelsgesellschaft mit ER und BI trifft ein. JE begreift, dass sie sich in ER verliebt hat.
18.) JE muss zusehen, wie BI und ER flirten. Eines Tages, als ER wegen Geschäftlichem unterwegs ist, kommt ein Mann namens Richard Mason zu Besuch. ER und Mason kennen sich von den Westindischen Inseln. Eine Zigeunerin taucht auf und setzt sich in ein Zimmer und will die Zukunft der jungen Frauen vorhersagen. BI fängt an und kommt enttäuschend zurück, die anderen heiter. Als letztes will die Zigeunerin JE sehen.
19.) Die Zigeunerin fragt JE aus, will wissen, ob sie jemanden liebe. Bald wird JE die Zigeunerin verdächtig, sie weiß zu viel. Die Zigeunerin gibt zu GP zu kennen, und dann verrutscht ihre Stimme. Sie enttarnt sie als ER, und sagt ihm, dass er Besuch habe.
20.) Ein Schrei in der Nacht weckt JE. ER klopft an ihre Tür. Er benötigt Hilfe. RM ist verletzt. Sie muss ihn wachhalten, während er einen Arzt holen geht. Sie hält ihn wach, hört Tiergeräusche aus GPs Zimmer. RM wird abgeholt und weggeschafft. Danach spazieren ER und JE im Garten. Dort spricht ER verklausuliert von seinem Leben, und auch davon, dass er BI zu heiraten gedenkt.
21.) JE erhält Nachricht, dass Mrs. Reed im Sterben liegt, ihr Sohn Selbstmord begangen hat. Sie reist unverzüglich nach Gateshead Hall, trifft dort auf Bessie, die sie herzlich empfängt, und die Ziehschwestern Eliza und Georgiana, die sich noch immer streiten. Selbst auf dem Sterbebett gelingt keine Versöhnung mit Mrs. Reed. Dort aber beichtet diese, dass sie absichtlich JE nichts von ihrem reichen Onkel erzählt habe, der JE adoptieren wollte. Sie hat dem Onkel sogar gesagt, dass JE gestorben sei. Danach stirbt sie.
22.) JE bleibt auf Wunsch der Ziehschwestern einen Monat auf Gateshead Hall. Dort bekommt sie mit, wie sich die Schwestern gegenseitig verachten. Sie wird sie nicht mehr wiedersehen: Georgiana heiratet einen alten reichen Mann; Eliza wird Nonne in Frankreich. Zurück in Thornfield Hall trifft sie auf ER und sagt ihm unwillkürlich, dass dort für sie Zuhause ist, wo er ist.
23.) Zwei Wochen später teilt ER JE mit, dass er einen Posten für sie Irland gefunden habe, nun, wo die Heirat mit BI ansteht. Sie protestiert. Sie will nicht so weit von ihm entfernt sein. Im Zwiegespräch gestehen sich beide ihre Gefühle. ER macht ihr einen Heiratsantrag. Sie nimmt, zögerlich, an, nachdem er ihr erklärte, dass er sie nur durch BI eifersüchtig machen wollte. Das Wetter ändert sich schlagartig. Ein Sturm zieht auf, und ein Blitz schlägt in den Kastanienbaum ein, unter welchen sie sich verlobt haben.
24.) Mrs. Fairfax skeptisch, was die Heirat angeht, gemahnt JE zur Vorsicht. ER will JE wie eine Puppe herausputzen. Sie wehrt sich gegen Schmuck und Seide und Kostüme. Um nicht in Abhängigkeit zu geraten, schreibt sie an ihren Onkel. Während der vier Wochen Hochzeitsvorbereitungen bleibt sie gegenüber ER mit vollem Bewusstsein widerborstig und störrisch.
25.) Kurz vor der Hochzeit (zwei, drei Nächte) dringt eine kaum erkennbare Frau mit verwüstetem Gesicht in JE Zimmer ein und zerreißt den teuren, kostbaren Brautschleier. Sie erzählt es ER, der die Frau für GP hält, ihr aber verspricht, bald reinen Tisch über die mysteriösen Umstände auf Thornfield Hall zu machen.
26.) Am Tag der Hochzeit, vor dem Altar, legt jemand gegen die Heirat von JE und ER Einspruch ein. Mr. Briggs, ein Anwalt aus London, enthüllt, dass ER bereits verheiratet sei, mit Bertha Mason, Richard Masons Schwester. ER streitet nichts mehr ab. GP bewacht BM, die wahnsinnig geworden ist und die er auf Thornfield Hall versteckt hält. BM hat das Feuer gelegt, lacht so unheimlich und hat JE Schleier zerrissen. RM und Onkel John kennen sich geschäftlich, durch JE Brief haben sie von der Heirat erfahren, die sie nun verhindern. JE ist am Boden zerstört.
27.) Aussprache mit ER, der nun die volle Geschichte erzählt. Die Heirat mit BM wurde vom Vater veranlasst, um seinen zweiten Sohn zu versorgen. BM sollte reich erben, aber es stellt sich heraus, dass die Mutter wahnsinnig ist und nicht tot, und BM auch am Wahnsinn leidet. ER hält Leben in Jamaica nicht aus, kehrt nach dem Tod seines Bruders und seines Vaters zurück nach England und verbirgt BM vor der Welt. Danach suchte er eine Frau in Europa, aber nur JE konnte seinen Ansprüchen genügen. JE überlegt bei ihm zu bleiben, aber sie entschließt sich durch einen Traum von ihrer Mutter veranlasst fortzugehen, bei Nacht und Nebel und ohne alle Mittel, der Liebesversuchung zu widerstehen, denn ER ist verheiratet, und sie wäre nur seine Mätresse.
28.) Eine Postkutsche fährt sie mit ihrem letzten Geld nach Whitcross. Sie irrt durch die Gegend, traut sich nicht zu betteln, muss es dennoch tun, hungert. Nach mehreren Tagen weiß sie nicht mehr weiter. Keiner hat Arbeit für sie, überall wird sie abgewiesen, auch im Pfarrhaus, denn der Priester ist außerhäusig. Sie geht in die Berge, um dort zu sterben. Sie sieht ein Licht in der Distanz, aus Neugier geht sie dorthin. Sie findet ein Haus, in welchem zwei Schwestern Deutsch lernen. Sie klopft an, wird aber von der Haushälter abgewiesen. Sie bricht auf der Schwelle zusammen. Ein Mann namens St. John (SJ), der Bruder der Schwestern und der außerhäusige Priester, findet sie und nimmt sie auf. JE gibt sich als „Jane Elliott“ aus.
29.) Mehrere Tage muss sich JE erholen. Nach drei Tagen aufersteht sie – wieder hat sie zwei Ziehschwestern und einen Ziehbruder (wie bei den Reeds, hier die Rivers). Sie freundet sich mit Hannah an. Mary und Diana nehmen JE herzlich auf. SJ bleibt distanziert.
30.) Mary und Diana und St. John haben sich nur aufgrund des Todes ihres Vaters getroffen, und gehen nun wieder ihrer Wege. JE nimmt das Angebot von SJ an, eine Schule zu leiten, in Morton, nahe seiner Kirche. Ein Brief erreicht sie, dass ein Onkel John gestorben sei und ihnen nichts hinterlassen habe. Dieser Onkel John trägt Schuld am finanziellen Ruin ihres Vaters.
31.) JE findet sich in ihrer Position als Lehrerin ein, fühlt sich dennoch zurückgestuft. SJ teilt dieses Gefühl, er will als Missionar wirken und nicht in einer abgelegenen englischen Kleinkirche predigen. Rosamond Oliver (RO), dessen Vater die Schule von JE mitfinanziert, und SJ fühlen sich hingezogen zueinander.
32.) JE wird beliebt in der Stadt. Sie zeichnet RO und zeigt das Porträt SJ, der es verliebt ansieht. Sie sprechen über die Beziehung. Er will von einer Liebesaffäre mit RO nichts wissen. Aufgeregt reiß SJ ein Stück vom Zeichenpapier ab und verschwindet.
33.) Auf dem abgerissenen Papier stand „Jane Eyre“, und somit konnte SJ nun die Identität von ihr erraten. Sie wird gesucht, da ihr Onkel John 20000 Pfund hinterlassen hat. Es ist derselbe Onkel. Es kommt raus, dass die Mutter der Rivers Geschwister die Schwester von JE Vater ist. Sie sind also alle verwandt, Cousinen. JE außer sich vor Freude beschließt das Erbe vierzuteilen.
34.) Alles wird geregelt. Vor Weihnachten kommen alle zusammen. SJ motiviert JE Indisch zu lernen. Er wirkt sehr auf JE ein, und sie lässt es zu. Später schlägt er ihr vor, ihn nach Indien zu begleiten, als seine Frau. Sie willigt ein, mitzugehen, aber nicht als seine Frau.
35.) Für JE kommt eine lieblose Heirat nicht in Frage. Die Gefahr in Indien scheut sie nicht, aber Herzlosigkeit. SJ hält nach dem Essen eine Predigt, die JE fast verführt Ja zu sagen, in letztem Moment hört sie eine Stimme aus großer Distanz. Ihr Name wird gerufen. Es ist ER Stimme.
36.) Sie fährt zurück nach Thornfield Hall. Es liegt in Schutt und Asche. Ein Feuer brach aus. ER versuchte BM zu retten, aber diese stürzt sich in die Tiefe, und er wurde unter einem Dach begraben, verlor eine Hand und sein Augenlicht. ER lebt in Ferndean.
37.) Sie fährt nach Ferndean, versöhnt sich mit ER. Sie verloben sich erneut. ER erzählt ihr von seinen Rufen. Sie erzählt ihm nicht, dass sie die Rufe gehört habe.
38.) Sie heiraten und werden glücklich. Sein Augenlicht stellt sich nach zwei Jahren einseitig wieder her, und sie bekommen einen Sohn. Adele wird versorgt. Zehn Jahre nach der Heirat geht es Diana und Mary gut, sind verheiratet, und SJ wirkt als Missionar, ist aber schwerkrank.
●Ereignisse/Szenen: die Situation im Roten Zimmer; wie JE hungert und durch die Gegend irrt; das brennende Schlafzimmer von Edward; der Streit zwischen JE und Mrs. Reed; wie sich JE zu Helen Burn schleicht; Schrei in der Nacht „Jane, Jane, Jane“
… vgl. Entwicklungsromane wie „Das Glasperlenspiel“ und „Der grüne Heinrich“, aber auch „Die Glasglocke“, an Henry James „Was Maisie wusste“ – Parallelen zu Adele und Jane selber; Hesses „Stufen“ Gedicht, und „Die Morgenlandfahrer“, selbst redend, nur inhaltlich gesehen, Eliots „Middlemarch“.
… der eigentliche Plot: das geheimnisvolle Lachen, die Figur Grace Poole, das Geheimnis von Thornfield Hall, die Kreolin, deren Schicksal langsam aufgedeckt wird. Dieser Plot wird gerahmt durch die christliche Diskurse im ersten (Helen Burns) und letzten Teil (St. Johns). Durch den Mystery-Charakter bleibt es spannend, und auch durch die Liebesgeschichte zwischen Jane und Edward.
●Diskurs: Vor allem die Liebesthematik selbst. Liebe, Ehe, Traue, Glauben, Gott.
… ABER: stofflich, inhaltlich war mir der Mystizismus nicht genug eingebettet, auch nicht motiviert genug, und die „mein Herr und Meister“ – Haltung der Hauptfigur etwas absonderlich. Für ein Märchen zu religiös, und für Erbauungsliteratur zu märchenhaft. Hängt dazwischen. Dass die Familie Rivers mit Jane Eyre verwandt ist, erscheint zu konstruiert, wäre auch nicht nötig gewesen. Der Wahnsinn von Bertha hätte auch stärker herausgearbeitet werden müssen.
… ABER: wirklich störend bleibt das Ende. Mit dem Ende, das St. John mystifiziert, wird das Buch uneinheitlich und auch zwiegespalten, denn es gibt die beiden Positionen: Liebe zum Diesseits, zur Gegenwart, zum Hier und Jetzt der seienden Menschen (Jane zu Edward, Jane zu sich selbst), und die zum abstrakten Ideal, zum Jenseits: Helen Burns und St. John. Beide, St. John und Helen Burns bleibt das letzte Wort. Die letzte Seite geht nur noch um St. John und sein Opfer in Indien, und als allerletzte Handlung im Text erscheint die Grabplatte, die auf Helen Burns Grab gelegt wird. Sie wird auferstehen. D.h. die jenseitige, abstrakte Liebe erscheint als gleichberechtigte Thematik im Text. Das aber opponiert dem Gesamtgestus von Jane Eyre als widerständige Figur, die sich zwar unterwirft, aber in ihrem Sinne, und so, wie sie es will. Die Differenz wird überhaupt nicht ausgetragen, und an einer Stelle sagt sie es auch, dass sie nur zwischen zwei Extremen pendelt. Im Buch jedoch entscheidet sie sich stets für das Diesseits. Insofern wirkt die gläubige Handlung auf das Jenseits gerichtet als aufgesetzt. Das Ende von „Jane Eyre“ passt nicht ins Gesamtkonzept. St. John hätte einfach so verabschiedet werden müssen, nebenbei, wie Eliza. Ja, Helen spiegelt St. John, beide retten Jane. Für Helen bringt sich Jane in Gefahr, aber, und darin besteht die Entwicklung, für St. John nicht (sie reist nicht als seine Frau mit ihm nach Indien). Sie entkommt der entsagenden Haltung. Wieso aber wird sie dann gefeiert? Von ihr selbst?
… im Verdikt argumentiert und erzählt der Roman zu dichotomisch, zu unversöhnt, zu starr in den Gegensätzen Diesseits, Jenseits, und nimmt letztlich für das Jenseits eher Partei, obwohl das Buch das Diesseits durchweg bejaht. Unentschieden als Erzählhaltung. Der Stoff wurde nicht durchdacht. Die Figuren arrangiert, das Thema aber nicht durchdrungen.
–> 3 Sterne
Form:
●Wortschatz: stimmig, weitreichend, poetisch, romantisch, mystisch.
●Stimmige Wortfelder: ja, sehr, keine Vermischungen, keine Abstraktionsverirrungen
●Satzstrukturen: aufwendig, interessant, abwechslungsreich
●Wiederkehrende Motive/Tropen: „Herr und Meister“
●Innovation: poetisch-verdichtete Bilder, intensiv
–> 5 Sterne
Erzählstimme:
●Reflektiert: sehr, im Rückblick, überschauend, ruhig
●Situiert: ja, zehn Jahre nach den Geschehnissen im Roman, nach der Heirat
●Perspektiviert: klare Selektion auf das erlebende Ich
●Erzählform: Ich, konsequent durchgezogen als Entwicklungsroman (Werther)
●Erzählstandort: England, ländliche Gegend, Anfang des 19. Jahrhunderts
●Erzählsicht: nur Innenperspektive, keine Spekulation, keine Belehrung
●Erzählverhalten: kommentierend (auktorial) als erzählendes Ich dem erzählten Ich gegenüber
●Erzählhaltung: involviert
●Erzählverfahren: direkte, indirekte, erlebte Rede, Bericht, Dialoge
●Erzählstil: nivellierend, bildungssprachlich
… paradigmatische Ich-Erzählfigur, vgl. mit „Der Glasglocke“ von Plath.
–> 5 Sterne
Komposition:
●Verhältnis Dialog/Beschreibung: sehr ausgewogen, szenische Passagen wechseln sich mit beschreibenden ab.
●Tempiwechsel: sehr viele Erzähltempus-Wechsel, mal werden Stunden, mal Wochen, mal Jahre übersprungen.
●Extradiegetische Abschnitte: Nein.
●Lose Versatzstücke: Nein.
●Reliefbildung: sehr starke Reliefbildung durch die Reisen, das Ungewisse und Unwissen der Hauptfigur
… kompositorisch: christliche Rahmenwirkung (Helen Burns und St. John Rivers) und dazwischen die Liebesgeschichte mit Gothik-Einsprengseln, Mystik. Überhaupt werden die Handlungsfäden zusammengehalten. Alles findet seinen Abschluss.
… kompositorisch überzeugend: die Ziehfamilie (Georgiana, Eliza, John Reed) erhalten ihre Antithese in Janes eigener Familie (Mary, Diana und St. John Rivers). Wieder die Rahmenwirkung. Insofern wirkt das Verlassen Thornfields wie eine Geburts, wie eine Auferstehung … so wie die kleine Jane aus dem elterlichen Heim zu den Reeds musste durch den Tod. Motive wie Kastanienbaum bleiben erhalten und werden durchgezogen.
–> 5 Sterne
Leseerlebnis:
●Gelangweilt: nur am Anfang, dröge, spröde
●Geärgert: nein, kein einziges Mal
●Amüsiert: nein, auch nicht
●Gefesselt: ja, sehr
… ABER: für mich am Problematischsten, der fade Nachgeschmack in Sachen St. John, die Lebensverneinung von Helen Burns, die Glorifizierung der Missionierung, Gottes Werk, Entsagung und die Todesbejahung aufs Jenseits, nämlich das Leben nur als Schule, als Prüfung zu sehen, um höher hinauszukommen, endlich zurück in Gottes Schoß. Diese kosmische Lebensverneinung wird nicht konsequent im Buch ausgetragen. Sie bleibt angedeutet. Jane will leben, lieben, und arbeiten, aber sie fühlt sich Helen, St. John und ihrer großen Pflicht gegenüber Gott unterlegen. Sie sagt, sie will nicht sterben, als sie gefragt wird, wie sie nicht in die Hölle kommt – und doch huldigt sie allen, die so selbstverneinend, aufopfernd wie nur möglich fürs Jenseits leben. Widerspruch.
–> 3 Sterne
