Stadt aus Glas von Paul Auster (Rezension)

Stadt aus Glas von Paul Auster

Völlig verquastes Versteckspiel hinter Vexierbildern: Postmoderne Antiliteratur.

Inhalt: 1/5 Sterne (Detektivgeschichte ohne Fall)
Form: 1/5 Sterne (hakelig-stümperhaft)
Erzählstimme: 1/5 Sterne (unzuverlässig-beliebig)
Komposition: 1/5 Sterne (weder Figuren noch Plot)
Leseerlebnis: 1/5 Sterne (Zeitverschwendung)

Austers Durchbruch als postmoderner Autor fand mit der New York-Trilogie statt, von der Stadt aus Glas (1985) den ersten Teil bildet. Die Themen bleiben aber, siehe bspw. Baumgartner, in Austers Romanen bis zum Ende seines Leben sehr ähnlich: ein Schriftsteller auf der Suche nach sich selbst, der sich hinter metafiktionalen, postmodernen Vexierbildern seiner Selbst versteckt und irgendwelche, nicht näher benannten, Traumata verarbeitet. In Stadt aus Glas verarbeitet ein 35jähriger Witwer den Verlust seiner Familie, indem er den Beschützer einer anderen mimt:

«Was soll ich also tun?»
«Ich möchte, dass Sie [Peters Vater] sorgfältig beobachten. Ich möchte, dass Sie herausbekommen, was er vorhat. Ich möchte, dass Sie ihn von Peter fernhalten.»
«Ich nehme an […] Keine Sorge», sagte Quinn. «Ich habe noch niemanden enttäuscht.»
Sie begleitete ihn zur Tür. Einige Sekunden lang blieben sie schweigend davor stehen und wussten nicht, ob es noch etwas zu sagen gab oder ob es Zeit war, sich zu verabschieden. In dieser kurzen Pause warf Virginia Stillman plötzlich die Arme um Quinn, ihre Lippen suchten die seinen, und sie küsste ihn leidenschaftlich und steckte ihm die Zunge tief in den Mund. Quinn war so überrascht, dass er es beinahe zu genießen versäumte.

Es gibt sehr viel zu spekulieren in Stadt aus Glas [siehe unter Inhalt in der Spoilersektion, weiter unten]. Der ganze Sinn des Romans besteht darin, dass nichts wirklich verständlich, alles irgendwie ausgeufert bleibt, denn das Buch und sein Publikum befinden sich, nachdem der Bau des Turm von Babels gescheitert ist, in einem Zustand der Erbschuld und Sprachverwirrung. Dan Quinn, ein postmoderner Don Quijote und Robinson Crusoe, kümmert sich um Peter Stillmann, der Angst vor seinen Vater hat. Derweil weiß sich Peter Stillmann ganz prächtig mit seiner Situation zu arrangieren:

Sooft ich darum bitte, besorgt mir meine Frau ein Mädchen. Es sind Huren. Ich stecke meinen Wurm in sie hinein, und sie stöhnen. Es waren schon so viele da. Haha. Sie kommen hier herauf, und ich ficke sie. Es tut gut zu ficken. Virginia gibt ihnen Geld, und alle sind zufrieden. Darauf können Sie Gift nehmen. Haha. Arme Virginia. Sie mag nicht ficken. Das heißt, mit mir. Vielleicht fickt sie mit einem anderen. Wer kann das sagen? Ich weiß nichts davon. Es ist egal. Aber wenn Sie nett zu Virginia sind, dürfen Sie sie vielleicht ficken. Das würde mich glücklich machen. Ihretwegen. Danke.

Zu Dan Quinns Bedauern kommt es aber in Stadt aus Glas zu keiner Annäherung mit Virginia. Auch erweisen sich seine Schutzbemühungen als außerordentlich fehlgeleitet. Sein Kumpel „Paul Auster“ vermag ihn da auch nicht weiterzuhelfen. Sowieso scheint dieser Dan Quinn mehr und mehr zu einer selbsterzeugten Fiktion zu werden, als sich dann noch ein weiterer Erzähler einschaltet, der nicht mehr genau die Lebensumstände Quinns zusammenzubringen versteht. Am Ende bleiben so viele Fragen offen. Die verkopften Metaphern, Synonyme, Literaturanspielungen wirken auf mich wie eine Art universitär-induzierte Rebusvariante von Sudoku. Wer also zu viel Zeit hat, kann in Stadt aus Glas gerne selbstreferenzielle Spurensuche betreiben, oder doch lieber gleich Cervantes‘ Don Quijote: , John Miltons Paradise Lost und Daniel Defoes Robinson Crusoe lesen und sich den ganzen zirkulären Umweg um ein Nichts herum ersparen.

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Details – ab hier Spoilergefahr (zur Erinnerung für mich):
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Inhalt: ● Inhaltsangabe von Stadt aus Glas, Zusammenfassung, Summary (lang).
1. Kapitel: Daniel Quinn (DQ), zum Anfang der Geschichte 35 Jahre alt, hat Frau und Kind verloren (5 Jahre vorher, Umstände ihres Todes werden NICHT genannt, Sohn war zum Zeitpunkt des Todes ungefähr 3 Jahre alt). Er lebt ein einsames Leben, schaut sich Baseball an, schreibt Detektivgeschichten unter dem Pseudonym „William Wilson“ mit einer Hauptfigur namens „Max Work“. Jemand mit einer mechanischen Stimme ruft ihn an und will einen „Paul Auster“ sprechen, einen Detektiv. Nach mehreren Anrufen gibt Dan vor, Auster zu sein, und nimmt den Auftrag an.
2. Kapitel: Er trifft sich mit Virginia (VS) und Peter Stillmann (PS). PS, verheiratet mit Virginia ist viel jünger, erinnert DQ an seinen verstorbenen Sohn. PS spricht von seiner Kindheit, wurde von seinem Vater, Peter Stillmann Sr (PSS), über Jahre eingesperrt und physisch misshandelt. Mit 12, bei einem Hausbrand, wurde er gefunden und aus den Händen seines Vaters gerettet, der eine 13jährige Freiheitsstrafe abbüßen musste. Das Gespräch zwischen DQ und PS findet am Tag vor dem Ende dieser Freiheitsstrafe statt. PS fürchtet, der Vater könne ihn ermorden. DQ nimmt Auftrag an, ihn vor seinem Vater zu beschützen.
3. Kapitel: VS erzählt DQ von PS Kindheit – als PS zwei Jahre alt war, ist die Mutter gestorben, aus unbekannten Gründen (Schlaftabletten). Sie hat, als seine Sprachtherapeutin, PS nur geheiratet, um ihn aus der Klinik zu befreien. Sie gibt DQ einen Vorschuss über 500 Dollar, an Paul Auster gerichtet, sowie eine Photographie von PSS, um ihn erkennen und dann beschatten zu können.
4. Kapitel: DQ denkt über weggesperrte, misshandelte Kinder nach wie Kasper Hauser, Peter von Hannover, und Experimente von Herrschern, berichtet u.a. von Herodot. DQ erinnert sich wieder an seinen Sohn, der Peter heißt.
5. Kapitel: DQ isst zu Mittag, spricht über die New York Mets, woraus klar wird, dass die Handlung etwa um 1981 stattfindet, als sie sehr schlecht gewesen sind. Er kauft ein rotes Notizbuch, in welches er, nachdem er sich entkleidet hat, völlig nackt schreibt.
6. Kapitel: DQ liest zur Vorbereitung auf die Beschattung von PSS dessen Buch über den Sündenfall. PSS rekonstruiert die Geschichte eines Mannes namens Henry Dark, Sekretär von John Milton, der nach Miltons Tod in die USA auswandert und ein vergessenes Buch namens „The New Babel“ geschrieben hat, das einen neuen Menschheitszustand vor der Erbsünde ankündigt. Zeitpunkt der Rückkehr der neuen universellen Sprache soll 1960 sein, im übrigen auch das Jahr, in welchem PSS PS eingesperrt und zu misshandeln begonnen hat.
7. Kapitel: DQ geht zum Bahnhof, zur angekündigten Zeit, um die Beschattung von PSS zu beginnen. Eine Frau liest eines seiner Bücher von William Wilson, während er auf der Bank wartet. Schließlich fährt der Zug ein, in welchem, wie DQ weiß, PSS sitzt. Leider sieht er zwei Männer, die genau gleich aussehen. Er beschließt dem gebrechlicheren zu folgen.
8. Kapitel: Zwei Wochen lang beschattet er ihn. Nichts passiert. DQ beginnt die langweiligen Tage immer genauer zu beschreiben und erkennt, dass PSS in der Stadt herumläuft, und zwar auf eine Weise, dass sein Weg Buchstaben, jeden Tag einen, ergeben: OWEROFBABEL. Er entschließt sich, mit der Beschattung aufzuhören, aber will zuvor noch mit PSS sprechen. VS gibt ihm ihre Erlaubnis.
9. Kapitel: PSS erweist sich als etwas irre, aber harmlos. Er wandert laut eigenen Aussagen durch die Stadt herum, um Müll aufzusammeln, also Dinge, die er alle einzeln benennt, um eine neue Sprache Gottes zu schaffen (also wieder zurück zu Namen, weg von Begriffen und Kategorien zu kommen). DQ gibt sich nicht als „Paul Auster“ zu erkennen, sondern zuerst als Daniel Quinn, dann als Henry Dark, von dem PSS weiß, dass er erfunden ist, denn er hat ihn selbst erfunden für sein Buch. Er gibt sich auch als dessen Sohn aus, ohne sichtlichen Erfolg. PSS interessiert sich nur für seine Arbeit, die ihn glücklich macht. Am nächsten Tag erscheint PSS nicht. DQ sucht ihn, findet ihn aber nicht. Er ruft VS an, die von einem Anruf letzte Nacht erzählt, den PS entgegen genommen hat. DQ verspricht VS, PSS zu finden, weiß aber nicht wie.
10. Kapitel: Ahnungslos sucht DQ Paul Auster auf, von dem er Hilfe erhofft, der aber wie er lediglich Schriftsteller ist, aber DQ sogar kennt. Sie sprechen über Cervantes „Don Quijote“ und darüber, dass Bücher eigentlich nur amüsieren wollen. Paul Austers Sohn, namens Daniel, und seine Frau namens Siri (Hustvedt) erscheinen. DQ gibt Paul Auster den Check, der sich melden will, sobald das Geld angekommen ist.
11. Kapitel: DQ erreicht VS nicht mehr telefonisch. Die Leitung ist besetzt. Er beschließt, das Haus zu bewachen, nimmt sein letztes Geld und beginnt auf der Straße zu leben, mit dem Ziel, so wenig wie möglich zu verpassen. Er schläft wenig und isst nur so viel, wie er benötigt, lebt zwischen Müll vor dem Haus, in welchem VS und PS leben oder gelebt haben.
12. Kapitel: Der Erzähler mischt sich ins Geschehen. DQ Wege lassen sich kaum rekonstruieren, aber fast sicher ist, dass er mehrere Monate auf der Straße lebt. Irgendwann geht ihm das Geld aus. Er ruft Paul Auster wegen der 500 Dollar an, aber der sagt ihm, dass der Scheck geplatzt ist, aber auch, dass PSS Selbstmord begangen hat. DQ kehrt verwildert zurück in seine Wohnung, die mittlerweile geräumt ist.
13. Kapitel: Er wandert zurück zu PS und VS Wohnung, zieht sich dort aus, schreibt in sein rotes Notizbuch, schläft, schreibt, erhält auf mysteriöse Weise Nahrung, und verschwindet, nur sein Notizbuch hinterlassend, dass der Erzähler und Paul Auster in Besitz nehmen.
… Daniel Quinn (Don Quijote), Mrs. Saavedra, deren Mann Michael heißt, Anspielung auf Miguel de Cervantes Saavedra, da Miguel das spanische Äquivalent zu Michael ist, total bescheuert.
… autobiographisch verarbeitet Auster in Stadt aus Glas offensichtlich die Trennung von seiner Frau und seinem Sohn Daniel 1979 (Alter zum Zeitpunkt der Scheidung zwischen 3 und 4 Jahre). Er heiratet Siri Hustvedt, seine zweite Frau, 1981. Der Schriftsteller Dan Quinn verliert seine Frau und seinen Sohn – d.h. die Trennungsphase wird beschrieben. Er verliert den Sinn zu leben, apathisch, nimmt er den Auftrag eines Schriftsteller namens Paul Auster an, den er besucht, und der ein Kind und eine Frau norwegischen Ursprungs (wie Hustvedt) hat. Dass der verbrauchte Dan Quinn dann den verlassenen Sohn und seine Krankenschwester besucht, die sich vor dem zurückkehrenden Vater fürchten, allegorisiert eine von vielen möglichen Schuldgefühlskonstellationen.
… vgl. Paul Austers „Baumgartner“, wo auch Nacktheit, Telefon, Einsamkeit, Schriftstellerei eine Rolle spielen, Tod der Frau und so weiter. Eine sehr langweilige Fiktion, die alle Fragen offen lässt (was ist mit Daniel Quinn passiert? – mglw. er hat sich in Fiktion aufgelöst; was ist mit Virginia und Peter passiert? – mglw. haben sie das Geld von PSS geerbt und sind nun reich und leben woanders …), aber all das spielt keine Rolle, denn der Roman besteht aus so vielen Verzerrungen, Doppelgängern, so vielen Fragen (wer ist der zweite PSS, den DQ am Bahnhof sieht), und wieso kennt der Erzähler Dan Quinn, wer ist der Erzähler überhaupt? Und auch die Fiktion hält sich selbst nicht aufrecht: Ist Dan Quinn Don Quijote, und wieso verging die Zeit beim ersten Besuch und dem einzigen von VS und PS so schnell? Und was sollte der Kuss von VS? Weder die Psyche noch das schlechte Gewissen, noch das Versteckspiel interessieren. Interpretatorisch verarbeitet der Erzähler das Verlassen seiner Familie für eine andere Frau, und beschützt diese Familie vor sich selbst, indem er sie gehen lässt. Vielleicht verarbeitet er zusätzlich schlimme Dinge, die mit dem Sohn passiert sind, keine Ahnung, und will es auch nicht haben. –> 1 Stern

Form: Hakeliges Schreiben, das erst zum Ende hin überzeugt und interessant wird, nämlich da, wo der Protagonist durch die Straßen von New York streift und dort zu leben beginnt. Davor sehr unrhythmisch, sprachlich ungelenkt, und mit einigen sehr unklaren, beliebigen Beschreibungen. Ärgerlich die teilweise sehr ordinären Wortverwendungen, die völlig aus dem Rahmen fallen, und das ungelenke Nachäffen von Kaspar Hausers Sprechen, als Peter Stillmann spricht, wie er sich von seiner Ehefrau Huren kommen lässt … sehr existentialistisch, reduziert, nackt, nicht literarisch. –> 1 Stern

Erzählstimme: Unsituierte, unklare Erzählposition, die hinter den Kulissen treibt, was sie will, unzuverlässiger Erzählen par excellence, ohne jedwede Konsistenz, einfach fabuliert, dahingeseiert. –> 1 Stern

Komposition: Ohne auch nur einen einzigen roten Faden. Ein Schelmenroman, ohne Komik, ein Unterhaltungsroman, ohne Spannung, eine Erzählung ohne Plot … einfaches sprachliches Verwirrspiel ohne Substanz. Komposition kann nicht funktionieren, da die Figuren und der Inhalt keine Dynamik besitzen. Es ist ein starres, zerstörtes Gebäude, ein Wortkonstrukt, eine Art Essay von Spiegelungs- und Referenzideen, die die Belesenheit des Autoren bezeugen, aber auch nicht mehr. –> 1 Stern

Leseerlebnis: … je mehr ich mich mit dem Text beschäftige, desto nerviger und gewollter empfinde ich ihn, völliges Durcheinanderwirbeln und groteskes Sich-Selbst-Verstecken hinter Fassaden, insbesondere durch diese Vater-Sohn-Dystopie, die sich entfaltet, das offenkundige Schuldgefühl, und dann noch die Tragik, die Paul Austers Sohn aus erster Ehe darstellt. Ärgert mich total, und ich empfinde es auch als eine Frechheit, einen solchen ideenlosen Roman zu produzieren, der meine Zeit auffrisst, der nirgendwo Konsistenz anstrebt und dieses Nichtanstreben auch noch als Kunst verkauft. –> 1 Stern