Christian Huber: „Solange ein Streichholz brennt“

Solange ein Streichholz brennt von Christian Huber. Spiegel Belletristik Bestseller 2026.

Solange ein Streichholz brennt heißt der vierte Roman von dem Podcaster Christian „Pokerbeats“ Huber und lässt sich in eine Reihe mit Johanna Adorjáns Ciao, Nele Pollatscheks Kleine Probleme und auch Dana von Suffrins letztem Roman Toxibaby stellen. Im Zentrum des Geschehens steht Alina Alev, eine türkisch-stämmige Fernsehjournalistin, die sich, aus etwas fadenscheinig motivierten Gründen, in eine komplizierte Beziehung mit einem Obdachlosen stürzt. Huber verhandelt hier also sowohl den Prokrastinierer Lars aus Kleine Probleme, den aus den Fugen geratenen Journalismus aus Ciao, wie auch das Männer-Retten-Element in Toxibaby, nur hier mit dem Twist, dass das Setting an die Schöne und das Biest erinnert mit dem melodramatischen Impetus eines Hans Christian Andersens Märchen aus Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern:

»Ich hab Feuer«, sagte Bohm. Zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand hielt er ein schmales Streichholz. Erstaunt beobachtete Alina, wie er mit dem Fingernagel blitzschnell darüberstrich, sodass es sich entzündete. Für den Bruchteil einer Sekunde hing Bohms Blick in der Flamme fest. Er reckte seine krumme Zigarette hinein und deutete Alina an, es ihm gleichzutun, während er das brennende Hölzchen mit der hohlen Hand abschirmte. Ohne einen Schritt zu machen, lediglich den Oberkörper nach vorn gebeugt, ließ Alina sich Feuer geben. Rauchend standen sie an einem Abfalleimer.

Christian Huber aus: „Solange ein Streichholz brennt“
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Fleur Jaeggy: „Proleterka“

Proleterka von Fleur Jaeggy.

Proleterka (2002) gehört zu den wenigen, etwas längeren Prosaarbeiten von der schweizerischen Autorin Fleur Jaeggy (*1940), die momentan eine erhöhte Aufmerksamkeit durch eine Werkwiederauflage erfährt, u.a. durch ihre Coming-of-Age-Novelle Die seligen Jahre der Züchtigung (1989) und ihren Erzählband Die Angst vor dem Himmel (1997). Jaeggy arbeitet eher mit stillen, verdichteten, aufs höchste kondensierten literarischen Mitteln, die sich treffsicher zwischen Poesie und Prosa ansiedeln. Proleterka zeigt sich als eine Form von Vater-Tochter-Märchen, das als eigenständig vermittelte artistische Versöhnung und Synthetisierung von Ingeborg Bachmanns Malina und Max Frischs Homo Faber gelesen werden kann und zwar ästhetisch im Stile eines Robert Walsers aus Jakob von Gunten. Interessanterweise verarbeitet sie die etwas dunklen Stoffe zu einer reflexiv offenen Immunisierungsgeste, so dass Proleterka zur Stimme einer Tochter gerät, die sich durch eine selbstarbeitete Souveränität von ihren sich streitenden Eltern freispricht:

In gewisser Weise lassen manche [Kinder] ihre Empfindungen, ihre Gefühle fallen, als wären es Gegenstände. Mit Entschlossenheit, ohne Trauer. Sie werden Fremde. Manchmal Feinde. Sie sind nicht mehr die im Stich gelassenen Wesen, sondern sie selbst treten innerlich den Rückzug an. Und gehen fort. In eine finstere, fantastische und jämmerliche Welt. Und doch tragen sie manchmal Glückseligkeit zur Schau. Wie ein Seiltänzerkunststück. Die Eltern sind nicht notwendig: Wenig ist wirklich notwendig. Manche Kinder regieren sich selbst. Das Herz, ein unverderblicher Kristall.
Fleur Jaeggy aus: „Proleterka“

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Hannah Häffner: „Die Riesinnen“

Die Riesinnen von Hannah Häffner. Spiegel Belletristik-Bestseller 2026.

Die Riesinnen von Hannah Häffner nimmt explizit das Hexenmotiv auf, das in der Gegenwartsliteratur bereits von Olga Tokarczuk in Empusion und Jessica Lind in Mama bearbeitet wurde und stofflich seinen Niederschlag auch in Kim de l’Horizon schnell vergessenem experimentellen Text Blutbuch gefunden hat. Die Riesinnen verorteten das Geschehen wie Tokarczuk und Lind in einen alles umfassenden, alles versöhnenden Wald, in dessen Mitte ein Dorf namens Wittenmoos liegt, in welchem sich großgewachsene rothaarige Frauen gegen eine zuerst missgestimmte und abergläubische Dorfgemeinschaft durchsetzen müssen.

Keine ist größer als sie, im Dorf nicht, und auch nicht im nächsten. Die anderen Frauen sind zart und irgendwie kompakt, als hielte die Welt ihre Schätze beisammen. Nur Lieselotte hat sie auseinanderlaufen lassen, von der Erde weg, dazu die Kupferwollehaare, die wütend nach dem Himmel greifen. Wer sie sieht, weiß, wer sie ist, man weiß es sofort, und sie hasst es, hasst es, hasst es. Vielleicht hätte sie es, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, auch lieben können, aber das geht nicht, nicht hier. Hier kann sie nie etwas anderes sein als das, was sie ihr nachrufen [Satanskind], die Rotzgören, mit den verschwitzten Hemden und den grasfleckigen Knien.

Hannah Häffner aus: „Die Riesinnen“
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Dana von Suffrin: „Toxibaby“

Toxibaby von Dana von Suffrin. Literarisches Quartett 4/2026.

Zerfahrene Beziehungskisten eignen sich für mäandernde Erzählweisen besonders gut. Ob der Verschobenheit und Unsicherheit der Gefühlslage darf sich ja alles und jedes beliebig mischen und sorgt für einen plausiblen, den Verlust, aber auch die Nähe eines Gegenübers fürchtenden Monologes, wie ihn bspw. Benjamin von Stuckrad-Barre in Soloalbum vorstellt und für die deutsche Gegenwartsliteratur quasi salonfähig gemacht hat. Mit Toxibaby legt nun Dana von Suffrin die ähnlich gelagerte Antwort aus weiblicher Sicht vor. Bei Stuckrad-Barre handelt es sich um das Auf und Ab eines Musikjournalisten mit seiner Flamme Katharina, bei Suffrin um dasselbige von einer 36jährigen Schriftstellerin zu einem 42jährigen Sozialpädagogen an einer Brennpunktschule, statt in Hamburg aber nun in München:

Hier, verehrte Zuschauerinnen, ist die Colaflasche, aus der Toxi etwa drei Wochen, bevor er mich das hundertachte Mal auf WhatsApp blockierte, getrunken hat. Der Redakteur würde die Flasche ratlos in seiner Hand drehen und sie dann abstellen. Er würde seine Empörung nicht verstecken, und auch die ganze Nation wäre auf meiner Seite: Die Fernsehzuschauer würden mit mir weinen, sie würden zornige Leserbriefe schreiben und tagelang meinen Fall diskutieren, in der Sauna, im Biergarten, im Gartencenter, an der Kasse, im Pausenraum, in Kompaktfahrzeugen und in Werkstätten, und endlich hätte ich es schwarz auf weiß: Ich war nicht schuld.
Dana von Suffrin aus: „Toxibaby“

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