Tomer Gardi: „Liefern“

Liefern von Tomer Gardi.

Liefern heißt Tomer Gardis dritter Roman, der im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern, Broken German und Eine runde Sache, sprachexperimentell gesehen, nunmehr konventionell geraten ist und die Lebensgeschichten von Fahrradkurieren, genauer: Essenslieferanten in Tel Aviv, Neu-Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires mit eher gemäßigten sprachlichen Mitteln nachzeichnet. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen verzichtet Gardi auf wilde Wort-Staccatos und onomatopoetische Sinngebungs- und Sinnverklausulierungsverfahren. Sein literarischer Fokus verbleibt eng auf der Ausgeliefertheit der Lieferanten und verzichtet, mit wenigen Ausnahmen, auf seine üblichen, dem Schelmenroman gemäßen Abschweifungen. Wie Salman Rushdie in Die elfte Stunde verlagert Gardi seinen Episodenroman auf viele Kontinente und erzeugt hierdurch eine flirrende, verbindende Stimmung, die dem Offenen und Dynamischen der nicht aufgebenden Figuren überzeugend entspricht:

Dort stiegen wir aus, gingen an der Moschee vorbei und fanden die Stelle, die wir mit Resul ausgemacht hatten, den Platz mit der Atatürk-Statue. Da saßen wir mit unseren rasierten, rotgesprenkelten Schädeln zu Füßen des Vaters der Türken. Ich dachte an Auerbach, wie er in einem der Häuser hier saß und zum Klang der Nebelhörner seine Mimesis schrieb, und auch zum Ruf des Muezzins, der die Gläubigen zum Gebet rief und wie im Schma Israel verkündete, dass Gott Einer ist. Ich dachte an Hazal, die schon keine Führungen mehr macht. An Aischa, die nicht Wissenschaften unterrichten wird, was sie sich so gewünscht hatte. An Resul, der nach jedem Lieferanten, den er in seinen Tod begleitet, mit schwerem Herzen ans Wasser geht und all seine Gewichte und Haken weit auswirft, sich einen Zeugen angelt, der seine Geschichte anhört. Ich dachte an mich, an meine Versuche, meine Gewichte und Haken abzuwerfen, mir meine Zeugen zu angeln.
Tomer Gardi aus: „Liefern“

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Robert Menasse: „Die Lebensentscheidung“

Die Lebensentscheidung von Robert Menasse. SWR Bestenliste 2026.

[Keine Spoiler] Nach Die Hauptstadt und Die Erweiterung legt Robert Menasse nun ein drittes EU-Buch mit Die Lebensentscheidung vor, in welchem das Leben, Wirken und die Desillusionierung von Menschen im europäischen bürokratischen Dschungel narrativ beleuchtet wird und das möglicherweise als kontrapunktiver Abschluss von Menasses Brüsseler-Trilogie dient. Aufgrund seiner sehr explizit politischen Thematik lässt sich Menasses Novelle mit Büchern wie Antje Rávic Strubels Der Einfluss der Fasane, Gaea Schoeters‘ Das Geschenk oder Juli Zehs und Simon Urbans Zwischen Welten vergleichen. Im Gegensatz aber zu diesen durchaus diskursiv getränkten, didaktisch-stilistisch orientierten Erzählweisen zeigt sich Menasse in Die Lebensentscheidung eher ambigue, erzählfreudig und in der Tradition eines Max Frischs aus Homer Faber versetzt, mit welchem Die Lebensentscheidung überraschenderweise viele strukturelle Motive teilt. Menasses Held heißt hier Franz Fiala, stammt aus Wien und befindet sich im neunundfünfzigsten Lebensjahr und ist seines Brüsselers EU-Wirken eindeutig müde geworden:

Aber die Bauern da unten kannten und wollten keine Kompromisse. Seine Wut wuchs. Sie war eine Wut auf die Wut, auf diese dumme, herrische, aggressive, unversöhnliche Wut der Demonstranten, oder der sogenannten Protestwähler, der »Menschen da draußen«, die man »ernst nehmen« müsse, wie die Politiker so gerne betulich sagten, als wären »da draußen« nur Bauern, Rechtsextremisten, Faschisten oder Idioten, die angeblich keine Faschisten waren, sondern nur Faschisten wählten, das müsse man auseinanderhalten, und genau das war die Politik: auseinanderhalten, und dann versprechen, Brücken zu bauen, Gräben zuzuschütten.

Robert Menasse aus: „Die Lebensentscheidung“
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Tezer Özlü: „Die kalten Nächte der Kindheit“

Die kalten Nächte der Kindheit von Tezer Özlü.

Tezer Özlü starb bereits 1986 sehr früh, im Alter von 42 Jahren. Sie veröffentlicht, neben Übersetzungen, vor allem zwei Arbeiten, die beide nun auf Deutsch erhältlich sind: Die kalten Nächte der Kindheit (1980) und Auf den Spuren eines Selbstmordes (1982). Die Kalten Nächte der Kindheit behandelt vorwiegend Özlüs eigene Erfahrungswelt, indes sie in Auf den Spuren eines Selbstmords bspw. dem Selbstmord des italienischen Schriftstellers Cesare Paveses nachforscht. Özlü arbeitet literarisch-grenzüberschreitend zwischen Fiktion, Lyrik und Reflexion und zeigt wie Dinçer Güçyeter in Unser Deutschlandmärchen wie Autofiktionalität sich selbst plausibilisiert, und zwar mittels eines durchweg lyrisch-gehaltenen Tons, der die Erinnerungen und Reflexionen aus dem Dokumentarischen ins Literarische versetzt:

Oft bellen dann die Straßenhunde. Und ich liege wieder in einem Haus auf dem Land oder am Waldrand. Und ich will, dass die Hunde nie aufhören zu bellen. Morgens will ich gleich nach dem Aufstehen in einen Garten treten, in die Natur. Und schreiben. Lange, lange schreiben. Ich schreibe immer in Gedanken. Ich will aufstehen. Die Spiegelung der Lichter auf dem Meer sehen. Und die schwarzen Schatten der Bäume. Die Häuser sind dunkler als in der Nacht. In einigen Fenstern brennt Licht. Doch ich wache auf, und was ich geschrieben habe, erlischt in meinem Gedächtnis.

Tezer Özlü aus: „Die kalten Nächte der Kindheit“
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Lukas Rietzschel: „Sanditz“

Sanditz von Lukas Rietzschel. Spiegel-Belletristik Bestseller 2026.

[Keine Spoiler] Sanditz bearbeitet das Thema DDR unter dem Fokus von Männerliebe und/oder abwesenden Vätern und stellt sich als eine Art Vermittlerroman zwischen Lutz Seilers Kruso und Clemens Meyers Die Projektoren dar, und zwar unter der ästhetischen Ägide eines Uwe Tellkamp mit seinem Der Turm, von dem Rietzschel viele Motive und strukturelle Zusammenhänge aufnimmt, diese aber von der DDR-Intelligenz und Oberschicht in den Alltag der arbeitenden Bevölkerung verlegt. Sanditz, ein fiktiver Ort in der Lausitz, in Mitleidenschaft gezogen vom angrenzenden Braunkohletagebau, mehr oder weniger wirtschaftlich aktiv durch ein Flachglaswerk, wird geprägt durch eine außerordentliche Tristesse:

Streng genommen wurde alles, was die Umsiedlung wegen des Braunkohletagebaus erträglicher gemacht hätte, vernachlässigt. […] Eine Schule wollten sie wieder haben, idealerweise einen Bahnhof, und wenn schon keine alten Bäume, dann wenigstens neue, in großer Zahl, angepflanzt zu einem kleinen Park. Und eine Kirche mit Geläut. […] was hatten sie bekommen? Keine Schule, keinen Fleischer, keinen Bäcker, keinen Friedhof, keine Kirche. Von Linden oder einem Bahnhof ganz zu schweigen. Vier flache Häuser an einer Straße, das war die Entschädigung.

Lukas Rietzschel aus: „Sanditz“
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