Eckhart Nickel: „Spitzweg“

Das Cover von Eckhart Nickels neuestem Roman Spitzweg zeigt den Ausschnitt eines Gemäldes von Carl Spitzweg Der Hagestolz. Abgekehrt zum Beobachter steht ein Herr mit Zylinder auf einer kleinen Anhöhe und schaut selbstzufrieden gen Horizont. Nur zufällig schlendert ein Paar, ein Soldat und eine Dame, Hand in Hand in wohlgemessener Entfernung an ihm vorüber. Die Szenerie wirkt altmodisch, aus der Biedermeierzeit, lang vor dem Siegeszug des Radios oder jedweder anderer Massenmedien mit Ausnahme der Zeitung, die der Hagestolz betont lässig und nebensächlich in den hinter seinem Rücken verschränkten Händen hält. Das Cover wirkt in doppelterweise rückwärtsgewandt. Nur der grellrosafarbene Schriftzug deutet auf anderes hin, auf Pop, auf Neuzeit und Neonfarben, Plastik, Bubblegum und Ekstase. Kollidierende Zeiten also in Wort und Bild geht Spitzweg einen sehr eigenwilligen Weg als Coming-of-Age-Roman:

Für diesen einen wunderbar glänzenden Moment aber schwebte das Gesagte ganz eigen schillernd vor unserer Nase wie eine Seifenblase, von der noch keiner wusste, ob sie in den Himmel gleitet oder im nächsten Augenblick in ein nasses Nichts zerplatzt.

Eckhart Nickel aus: „Spitzweg“
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Edgar Selge: „Hast du uns endlich gefunden“

Ein schmerzvoll authentischer Text … Spiegel Bellestristik-Bestseller 44/2021

Autobiographische Texte verlieren sich schnell in einer Unmenge an Details. Die erlebten Ereignisse häufen sich zu einer schier unüberschaubaren Menge an. Schnell lässt sich das Material nicht mehr bändigen. Die Erinnerung löst alle Bande und dreht sich um sich selbst. Jede Erinnerung eröffnet den Weg zu neuen Erinnerungen, so dass das Autobiographische alsbald ins Chronistische, Historische abgleitet, ja fast Protokollarische – also das Literarische in den Hintergrund tritt und sich nur noch Ereignis um Ereignisse, Name um Namen, Orte um Orte und Reisen drehen. Edgar Selges „Hast du uns endlich gefunden“ geht einen anderen Weg. Nicht die Erinnerung als Selbstzweck steht im Vordergrund, sondern der Zwiespalt, der Schmerz, das Unüberwundene an der Vergangenheit bündelt die Sprache und gibt dem Bericht eine Form, so dass er Roman wird. Hierin sehr vergleichbar mit Jean-Paul Sartres „Die Wörter“.

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