Die alte Redewendung – wer eine Reise tut, der hat was zu erzählen – stammt von Matthias Claudius aus seinem 1786 erschienenen Gedicht Urians Reise um die Welt. In diesem Gedicht wird der Globetrotter Urian beschrieben, der über Grönland hin zum amerikanischen Kontinent nach Asien und Afrika reist. László Krasznahorkai, der Literaturnobelpreisträger 2025, beschränkt seinen Ich-Erzähler auf den eurasischen Raum, genauer auf die weite Spanne zwischen Ungarn, der Mongolei und China. Der Gefangene von Urga (1993) setzt sich in die Tradition der Reiseromane mit Ich-Betrachtungen zwischen erfahrener Fremdheit und ersehnter Nähe. Durch seinen Stoff kommuniziert Krasznahorkai hier intensiv mit Cees Nootebooms Reisebüchern wie Im Frühling der Tau, in welchem der Niederländer seine östlichen Reisen beschreibt. Kraznahorkai jedoch webt seine Berichte fiktionalisierter zusammen, weniger tagebuchartig:
„László Krasznahorkai: „Der Gefangene von Urga““ weiterlesenDenn durch die Gobi zu reisen, denn die Wüste in russischen Waggons Richtung Beijing zu durchqueren, denn an einem Herbsttag mit der Durchschnittsgeschwindigkeit der russischen Züge sich aus dem Bogd-Gebirge bis zur mongolisch-chinesischen Grenze in die leblose Leere der Wüste Gobi zu wagen, das bedeutete, in sie einzugehen, es bedeutete, spurlos zu werden, sich für verschwunden zu erklären, sich vorübergehend aus dem irdischen Dasein zu verflüchtigen; unter solchen Umständen nämlich behauptete diese Wüste – eine mehrtausendjährige, paradiesische Metapher des märchenhaften Entkommens zerstörend –, dass die Ewigkeit zwar Wirklichkeit ist, für uns aber eine albtraumhaft abschreckende Wirklichkeit, dass die Ewigkeit zwar die Provinz der Götter ist, diese Götter aber starr, unnahbar, kalt und höllisch sind, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als bis zum Wahnsinn erhitzte vollkommene und schicksalhafte Symmetrie, dass die Ewigkeit nichts anderes ist als die ideale, unzerrüttbare Perfektion der Wiederholung.
László Krasznahorkai aus: „Der Gefangene von Urga“
