Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter (Hrsg.): „Die Backstage eines Buches“

Die Backstage eines Buches von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter.

Die Backstage eines Buches versammelt Reflexionen und Assoziationen von 21 Autoren und Autorinnen zum Thema: Schreib- und Publikationsprozess von Romanen, Erzählungen und Gedichten. Herausgegeben wurde die Anthologie, mit „Gegenwart“ als anthologisches Ordnungskriterium, von Wolfgang Schiffer und Dinçer Güçyeter, die beide auch als Autoren wirken: Schiffer bspw. mit Ich höre dem Regen zu und Güçyeter bspw. mit dem Leipziger Buchpreis 2023 prämierten Unser Deutschlandmärchen. In Die Backstage eines Buches jedoch halten sie sich zurück und lassen andere zu Wort kommen:

Im Universum gibt es keinen Vorhang, kein Dahinter, kein Davor, kein Drinnen und kein Darunter. Nur Vorderseiten, Oberflächen. Das ist die Welt, das Leben, und jede Vorstellung, ein Geheimnis könnte darin verborgen sein, setzt einen Gott voraus, der täuschen will. Die Wasseramsel, eben, in der halben Stunde, in der ich dich, Dinçer, alleine ließ für meine morgendliche Anbetung der Sonne, dieser Vogel auf seinem Stein im Bachbett, noch ohne Ehrgeiz für seine famosen Tauchgänge, er täuscht nicht, er gibt sich dar, streckt seine Daunen in den Morgen, lässt sich das Brustkleid, dieses weiße Pallium, vom Licht beglänzen.
Lukas Bärfuss in: „Die Backstage eines Buches“

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Dinçer Güçyeter: „Unser Deutschlandmärchen“

Eine gerettete Zunge auf dem Weg zu sich … Preis der Leipziger Buchmesse 2023.

Die Kunst, die Sprache, die Poesie bietet ein Medium, um in der Fremde ein Selbstverständnis zu erringen. Zeugnisse dieser Befreiung besitzen eine eigene Intensität und Leuchtkraft. Die Dringlichkeit der Sprache bricht eingefahrene Denkmuster. Sie eröffnet Spielräume, und in diesen bewegen sich neue Motive, Stile, Ausdrucksweisen. Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen verarbeitet eine solche kulturelle Abstands- wie Inbesitznahme. In seinem Roman, der nur mit viel gutem Willen ein Roman, mehr ein Prosagedicht ist, läuft alles auf den Zauber und Freude der geretteten Zunge hinaus. Nichts als das Eigene, nichts als das Empfundene soll bleiben und das eigene Leben besingen:

Mit Versen noch den Intellekt beweisen zu wollen, das erschreckt mich jedes Mal. Wenn du als Gastarbeiterkind die gesamte Jugend damit verbracht hast, deinen Lehrern, den Vorarbeitern, Dozenten etwas zu beweisen, dann steckt irgendwann diese Kerbe tief im Fleisch, und für den Rest des Lebens kämpfst du damit, die Wunde zu heilen, dich zu befreien. Das Resultat meines kleinen Widerstands: Nichts kommt auf das Blatt, was auf meiner Haut keine Spuren hinterlassen hat.

Dinçer Güçyeter aus: „Unser Deutschlandmärchen“
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