Eva Christina Zeller: „Muttersuchen“

Muttersuchen by Eva Christina Zeller
Muttersuchen von Eva Christina Zeller.

Autofiktionales Erzählen lebt von der Erleichterung, dass kein narrativer Bogen gespannt werden muss. Die Lebenszeit selbst gibt den Ton an, und alles andere reiht sich, Ereignis um Ereignis, wie die Perlen auf einer mit Bestimmtheit endenden Kette (nämlich spätestens im Jetzt). Was oft übersehen wird, im autofiktionalen Genre unbeachtet bleibt, läuft auf die Verdichtung der unwillkürlichen Erinnerung hinaus: die Erleichterung vom Plot findet gerade deshalb statt, um dialektische Bilder der Erinnerung im Stillstand zu ermöglichen. Vor diesem Hintergrund erscheint autofiktionales Schreiben als viel risikoreicher. Ergeben sich nämlich keine dialektischen Bilder im Stillstand, war das Schreiben gegenstandslos. Als Beispiele seien Ronya Othmanns Vierundsiebzig genannt oder Tijan Silas, Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 2024, Radio Sarajevo. Eva Christina Zeller dagegen besitzt das Gespür und findet die Verdichtungen in ihrem neuesten Buch Muttersuchen:

Dieses Buch ist ein Zopf. Ein alter Zopf, der aus einer stickigen Schublade befreit wurde, um neu geflochten und gezopft zu werden. In ihm werden drei Stimmen verschränkt. Drei Texte aus drei Generationen. Großvater, Mutter, Enkelin. Sie wollen wissen, wer sie sind, und wagen sich ins Fremde vor. Sie reisen nach Bosnien oder Amerika. Sie suchen eine Aufgabe im Leben.
Eva Christina Zeller aus: „Muttersuche“

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Tatjana Gromača: „Die göttlichen Kindchen“

Tatjana Gromača: „Die göttlichen Kindchen“
Humor in einer zerrütteten Welt … Bayerns beste Independent Bücher 2022

Das Abarbeiten an den eigenen Eltern steht hoch im Kurs. Annie Ernaux, die diesjährige Nobelpreisträgerin für Literatur, hat hieraus ihr Œuvre entwickelt, bspw. in Das andere Mädchen oder Das Ereignis. Daniela Dröschers Ich-Erzählerin reflektiert über ihr Verhältnis zur Mutter in Lügen über meine Mutter und die Schiffskapitänin aus Marie Te Navarro in Über die See über das zu ihrem ebenfalls einst seefahrenden, nun kürzlich verstorbenen Vater. Eine völlig zerfahrene Familiensituation in 1960er Jahren Norwegens beschreibt Toril Brekke in Ein rostiger Klang von Freiheit und Fatma Aydemir in Dschinns für Deutschland Ende der 1990er Jahre. Diese sehr unterschiedlichen Beispiele besitzen neben dem Thema Eltern eine stilistisch figurative Gemeinsamkeit: Für Humor ist kein Platz. Tatjana Gromačas Ich-Erzählerin lässt sich in Die göttlichen Kindchen dagegen trotz grassierenden Bürgerkrieges und Familienzwists in Kroatien nicht den Mut nehmen und plaudert munter drauf los:

In der kleinen Stadt, aus der Vater und Mutter kamen, nahmen die Menschen Antidepressiva. Alle nahmen unterschiedliche Betäubungsmittel, um alles akzeptieren zu können, was sie akzeptieren mussten, um sich über alles hinwegzusetzen, worüber man sich hinwegsetzen musste, um alles zu vergessen, was sie zu vergessen versuchten, um schließlich gleichgültige und passive Beobachter der Geschichte des allgemeinen Siechtums und des allgemeinen Wahnsinns in einer kleinen, pastoralen Umgebung zu werden.

Tatjana Gromača aus: „Die göttlichen Kindchen“
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Eva Christina Zeller: „Unterm Teppich”

Mit Hölderlins Turm im Rücken … Mut zur Sprache.

Das Cover von Eva Christina Zellers Roman in 61 Bildern Unterm Teppich zeigt Türen in verschiedenen Farben, Türen zu Kammern, doppelflügelig oder einflügelig, jeweils hinter einem Geländer, dreistöckig. Die Farbreihenfolge zeigt kein offensichtliches Muster. Unterbrochen wird das Muster durch eine dunkelblaue, verschlossene Tür, im Schatten und kaum erleuchtet:

Sie wusste, Frauen leben in einem Krieg, wenn sie in die Welt hinaus wollen, aber darüber spricht man nicht. Wenn man dies sagte, wurde man einer Plattitüde bezichtigt, oder als Feministin abgekanzelt. Da war sie wieder, die Kanzel.

Eva Christina Zeller aus: „Unterm Teppich“
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Kalenderwoche 17: Lesebericht.

In meinem Lesebericht notiere ich die gekauften Bücher, die ersten Eindrücke, und die Bücher, die ich gelesen habe. Für Kommentare, Anmerkungen, Tipps für weiterführende Lektüren bin ich dankbar.

Die folgenden Stichworte, Zitate und Anmerkungen sind vorläufig. Sie stellen kurze Leseberichte und Eindrücke dar, die aus völligem Missverständnis heraus entstanden sein können.

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