Kalenderwoche 17: Lesebericht.

In meinem Lesebericht notiere ich die gekauften Bücher, die ersten Eindrücke, und die Bücher, die ich gelesen habe. Für Kommentare, Anmerkungen, Tipps für weiterführende Lektüren bin ich dankbar.

Die folgenden Stichworte, Zitate und Anmerkungen sind vorläufig. Sie stellen kurze Leseberichte und Eindrücke dar, die aus völligem Missverständnis heraus entstanden sein können.

Folgende Bücher gekauft:

Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen – eine DDR-Jugendgeschichte mit sehr dramatischem Kontext. An den guten Stellen hat es mich an Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen Werthers erinnert. Die längere Buchbesprechung folgt in den nächsten Tagen.

 „Wir schlichen geduckt den Kieselweg entlang, trotzdem hätte man uns vom Gartentor aus sehen können, wir hätten robben müssen. Links neben uns lag ein kleines Gewächshaus mit einigen schon kräftig roten Tomaten an den Stauden, die bald geerntet werden konnten, daneben war ein Beet, in dem kleine Kohlrabis heranwuchsen und ein Kürbis traurig vor sich hin vegetierte.“

Eva Christina Zeller: Unterm Teppich – das Buch, das ich diese Woche lesen werde. Hier dank an Xeniana für den Literaturtipp. Mich hat sofort folgendes Zitat überzeugt:

„Ich habe das Kind schweren Herzens in den Wald gebracht. Dort steht ein kleines Haus. Über dem Eingang hängt ein Schild: Hier wohnt ein jeder frei. Und ein Feigenbaum breitet seine Äste über das Haus. Das Kind hat es gut dort, und allein kann ich mich in der Welt besser verstecken.

Markus Gabriel: Der Sinn des Denkens – der Shooting-Star der deutschen Philosophie, der auch als Hochgeschwindigkeitsphilosoph gilt. Schon die ersten Seiten schrecken mich ab – aber ich will dem kybernetischen Denken Gabriels eine Chance geben. Sein „Neuer Realismus“ ist jedoch nur eine weitere Etappe im Nominalismusstreit, der bislang weder gelöst noch einer Lösung nähergebracht werden konnte.

„Dennoch sind die Grenzen der Logik die Grenzen der künstlichen Intelligenz. Nichts und niemand ist intelligenter als die Logik. Die Logik steckt den Rahmen des Denkbaren ab, weil sie vorschreibt, wie wir denken sollen, wenn unsere Gedanken einen stabilen Zusammenhang bilden sollen. Über die Logik hinaus findet man keine intelligenten Operationen, sodass die Logik die nicht überschreitbaren Grenzen des Denkens markiert.“

Es gibt aber in der Künstlichen Intelligenz-Forschung seit Jahrzehnten das Konzept der nicht-aristotelischen Logik, die zwischen Form und Inhalt des Denkens unterscheidet und das Entweder-Oder, also den Widerspruchsbeweis überwunden hat, ohne die Zusammenhangsentsprechungen beliebig werden zu lassen. Die Namen Gotthard Günther, Alfred Korzybski tauchen nicht auf, und Norbert Wiener wird nur als Namensgeber der Kybernetik genannt.  Eine Besprechung von Gabriels Buch wird vielleicht, aber nicht unbedingt folgen.

Gotthard Günther: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik Band I und II – diese Bücher werden mich noch eine Weile begleiten. Bereits die ersten Seiten zeigen, wie vielversprechend es ist, sich mit einer nicht-aristotelischen Logik im Zeitalter der vernetzten Systeme zu beschäftigen. Wie lange die Lektüre-Arbeit Günther andauern wird, weiß ich noch nicht abzuschätzen.

„Der Übergang zum Nicht-Aristotelischen schließt eine Selbstentthronung des Menschen ein. Sie impliziert, dass der Mensch keineswegs die spirituelle Krone der Schöpfung ist und dass jenseits seiner Existenz noch ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten jenes rätselhaften Phänomens liegen, das wir Leben nennen.“

Günther steht in Zusammenhang mit Niklas Luhmann, Heinz von Foerster und Humberto Maturana, die Theorien selbstorganisierter und autopoietischer Systeme.

Lew Kopelew: Und schuf ich mir einen Götzen – ein Buch, das ich nach der Lektüre von Werner Bräunigs Rummelplatz spontan kaufte. Das Jahrhundert beschrieben aus der Sicht eines Desertierten. Ich weiß noch nicht, ob ich die Zeit finden werde, es auch zu lesen. Kopelew hat einen Briefwechsel mit Christa Wolf geführt, die zu Rummelplatz ein Vorwort schrieb. Der Briefwechsel ist unter dem Titel Sehnsucht nach Menschlichkeit veröffentlicht worden.

„Heute bin ich überzeugt: niemand kann den künftigen Weg der Menschheit voraussehen, und niemand hat das Recht, ihr den Weg vorzuschreiben. Aber ich hoffe, er wird heller und besser sein als alle früheren Wege.“

In den folgenden Büchern gelesen:

Lucy Fricke: Die Diplomatin – aus der Leseprobe:

„Vor dem Fenster knatterte die deutsche Fahne im Wind. Jeder erste Blick nach draußen war schwarz-rot-gelb. Ich nahm sie kaum noch wahr, die Flagge, sie war ein Teil vom Himmel geworden, eine festhängende Wolke.“

Der Stil hat mich sofort überfordert. Wie knattert eine Fahne im Wind, die wie eine festhängende Wolke erscheint.

Bonnie Garmus: Eine Frage der Chemie – überlegt diesen Bestseller-Roman zu lesen, aber davon abgekommen. Vielleicht lese ich ihn doch noch (im Rahmen meiner Bemühungen so viele Spiegel Belletristik-Bestseller wie nur emotional möglich zu lesen). Absätze wie diese verwirren mich aber sehr:

„Vom ersten Tag an, als Elizabeth sich eine Schürze umband und das Set betrat, war offensichtlich, dass sie »es« hatte, wobei es« diese schwer fassbare Qualität war, sehenswert zu sein. Aber sie war auch ein Mensch mit Substanz, so direkt, so nüchtern, dass die Menschen nicht wussten, was sie von ihr halten sollten.“

Ich bin mir noch uneins. Tendiere zum Nicht-Lesen.

Folgende Bücher beendet:

Kurt Gödel: Die moderne Entwicklung der mathematischen Grundlagen im Lichte der Philosophie – ein kurzer einleitender Aufsatz von Kurt Gödel, in welchem er eine Lanze bricht für die Philosophieschule der Phänomenologen nach Edmund Husserl. Insgesamt mehr anekdotisch und voller Hoffnung, dass der Platonische Himmel existiert, also jede mathematische Frage, die sich ein Mensch ersinnen kann, auch zu lösen ist.

„Man gibt einfach Aspekte auf, deren Erfüllung doch jedenfalls sehr wünschenswert wäre und die viel für sich haben, nämlich einerseits der Mathematik die Sicherheit ihrer Erkenntnisse zu wahren und anderseits den Glauben aufrechtzuerhalten, dass für von der Vernunft gestellte klare Fragen die Vernunft auch klare Antworten finden kann.“

Das Verrückte an dieser Einleitung, dass Gödel selbst zeigte, dass hinreichend komplexe Systeme, die beispielsweise Arithmetik erlauben, unlösbare Fragestellungen erzeugen, die mit den eigenen, dem System zugehörigen Methoden, nicht gelöst werden können. Gödel realisiert sein eigenes Ergebnis durch seine eigene Weltsicht.

Bettina Wilpert: Herumtreiberinnen – beendet. Besprechung folgt.

Kurt Klagenfurt: Technologische Zivilisation und transklassische Logik – beendet. Besprechung höchstens im Rahmen von Gotthard Günther.

Hannah Arendt: Vita active – beendet. Besprechung hier.

Werner Bräunig: Rummelplatz – beendet. Besprechung folgt.

Für Kommentare und Anmerkungen bin ich wie immer dankbar. Guten Start in die Woche.

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