Jehona Kicaj: „ë“

ë von Jehona Kicaj. Shortlist Deutscher Buchpreis 2025.

ë von Jehona Kicaj gehört zu einer Klasse von Texten, die eher dem Autobiographischen, kursorisch Historischen zugewandt sind als dem Fiktionalen. Als herausragendes Exemplar dieser Form erscheint Alexander Solschenizyns Der Archipel Gulag. Aufklärungs- und Dokumentarliteratur durch und durch, wurde sein Gesamtwerk 1970 mit dem Literaturnobelpreis versehen. Ähnlich gelagert lässt sich Svetlana Alexijewitschs Werk lesen, bspw. Secondhand-Zeit, die 2015 ebenfalls den Literaturnobelpreis verliehen bekommen hat. In diesen Werken steht das Sprachliche mit dem Dokumentarischen auf einem Fuß, die Sprache als Zeugnisablegen, als Erinnerungsstruktur. Mit dem Fiktionalen, dem Lebenselement des Romans, haben die meisten Werke der beiden nichts zu tun. Jehona Kicaj wählt in ë den Roman als Medium, um an das Grauen zu erinnern, das die kosovo-albanische Bevölkerung im damaligen Serbien und Kosovo ereilt hat:

Ich dachte an die Video-Aufnahmen aus dem Gerichtssaal, die ich mir am gestrigen Abend angesehen hatte. Es waren Aufnahmen aus dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Eine Frau aus Suhareka sagt darin aus, dass serbische Polizisten und Paramilitärs fast fünfzig Familienmitglieder in eine kleine Pizzeria unweit ihres Hauses getrieben, dann Handgranaten hineingeworfen und mit Maschinenpistolen auf alle geschossen haben, »zwanzig Minuten lang, vielleicht auch dreißig, eine endlos lange Zeit, ohne Unterbrechung«, sagt sie. Ihren Mann und vier Kinder hatte diese Frau verloren, sechzehn, vierzehn und elf Jahre alt, das eine erst einundzwanzig Monate. Vor Gericht erzählt sie, ruhig und gefasst, dass sie gesehen hat, wie ihre Tochter fünf- oder sechsmal getroffen wurde, die Schüsse, sagt sie, hatten sie »ganz zerfetzt«. Sie wäre ein »so schönes, gesundes Mädchen« gewesen.
Jehona Kicaj aus: „ë“

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