Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.

Die letzten Wochen standen ganz im Zeichen der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Statt einer wöchentlichen Wahl aus der Spiegel Belletristik Bestseller-Liste überließ ich die Wahl der Akademie des Deutschen Buchpreises und ihrer jährlich wechselnden Jury. Sie legten mir nebst Fatma Aydemirs Dschinns und Kristine Bilkaus Nebenan, noch vier weitere Bücher ans Herz, die ich bereitwillig kaufte und widerspruchslos las. Mein Blog besteht ja überhaupt hauptsächlich aus Büchern, die ich ohne äußeren Anstoß sonst nicht lesen würde, und gerade dies führt aber zu ungeahnten Einblicken und Leseerfahrungen, die ich seitdem nicht mehr missen möchte. In meinen Lektüren versuche ich stets das Beste aus den Büchern, die sich mir aufdrängen, herauszuholen. Nicht immer jedoch gelingt’s und das gibt mir weitere ästhetische wie verwickelte dialektische Rätsel auf:

Weil ästhetische Vulgarität undialektisch die Invariante sozialer Erniedrigung nachmacht, hat sie keine Geschichte; die Graffiti feiern ihre ewige Wiederkehr. Kein Stoff dürfte je als vulgär von der Kunst tabuiert werden; Vulgarität ist ein Verhältnis zu den Stoffen und denen, an welche appelliert wird.

Theodor W. Adorno aus: „Ästhetische Theorie“
„Kalenderwoche 38-41. Lesebericht.“ weiterlesen

Kim de l’Horizon: „Blutbuch“

Kim de l'Horizons Blutbuch
Stillschweigendes Missverständnis … Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022

Charles Baudelaire beschreibt den Dandy in Mein entblößtes Herz mit den Worten: „Der Dandy muss sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterlass erhaben zu sein, er muss leben und schlafen vor einem Spiegel.“ Der Dandy konstituiert eine kulturelle, über den schnöden Alltag erhabene Lebensform. Losgelöst von materiellen Sorgen, physischer Arbeit, gesund und frei, seiner Inspiration blindlings zu folgen, lässt er sich im kulturellen Leben treiben und reflektiert sich ausschließlich in Bezug auf dieses, auf seinen Erfolg, sein Aussehen, auf seinen Ruf und Ruhm in der besseren und gebildeten Weltgesellschaft. Er ist vor allem ein großstädtisches, massengesellschaftliches Phänomen, das sich vom bäuerlichen, einfachen Leben distanziert, eine Existenz, die das Erzähl-Ich in Kim de l’Horizons Debütroman Blutbuch anstrebt:

Wer die sozioökonomischen Aspekte des Schreibens leugnet (so prekär sie auch sein mögen), wer sagt, dass es in der Literatur nur um den ästhetischen Ausdruck unsagbarer Abgründe geht, ist ein reiches Kind, das ich schlagen möchte. Was ich sagen will: Ich benutze dich, um aus der schlammigen Klasse herauszuschwimmen, in die ich hineingeboren wurde, um ans Ufer zu schwimmen. An ein Ufer.

Kim de l’Horizon aus: „Blutbuch“
„Kim de l’Horizon: „Blutbuch““ weiterlesen