Die französische Avantgardeliteratur nach dem Surrealismus, also seit den 1950er Jahren, hat viele Stilblüten und Sonderbarkeiten hervorgebracht. Man denke an die Besessenheit, Temporalisierungen aufzuheben, eines Michel Butor, oder szenische Filmdichtungen in einer Villenlandschaft zu kreieren wie Alain Robbe-Grillet, oder die Welt zu unterminieren, Subversion in dramengetriebener Rundum-sprachlichkeit zu demonstrieren, wie Marguerite Duras, oder das vollendete „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès, das dem Geheimnis der Kommunikation nachspürt. Neben poetologischen Revolutionen und aufgebrachten Sprachrevolten zog als Antwort auch der Strukturalismus in die Gefilde der Romanlandschaft ein und es entstand eine Art Formalliteratur rundum die Gruppe Oulipo (L‘Ouvroir de Littérature Potentielle). Hervé Le Tellier ist einer von ihnen, und es liegt ein neuer Roman von ihm vor: „Die Anomalie“.
„Hervé Le Tellier: „Die Anomalie““ weiterlesenClaudia Durastanti: „Die Fremde“
Claudia Durastanti ist eine Journalistin, aktive Redakteurin, vielgereiste Person zwischen Europa und den USA pendelnd, und hat bereits einige Romane selbst geschrieben, und nicht nur über solche auf Festivals und Messen berichtet. Von ihren vier Romanen ist nur „Die Fremde“ ins Deutsche übersetzt. Zudem wurde der Roman auf der Shortlist der Premio Strega gesetzt und ist bislang Durastantis erfolgreichstes Buch. Sie beginnt ihren Roman „Die Fremde“ mit dem Wort „Familie“ als Überschrift, einem Motto von Emily Dickinson: „After great pain, a formal feeling comes“ und nach dem Wort „Mythologie“ mit den ersten Sätzen ihres Textes:
„Claudia Durastanti: „Die Fremde““ weiterlesenBernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“
Bernardine Evaristo bietet mit ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ eine eigenartige und bemerkenswerte Kommunikation an. Ihr Roman handelt von zwölf Frauen, verwoben, fern wie nah, verwandt, über mehrere Ecken befreundet, bekannt mit einer Theatermacherin namens Amma, die über ihren rebellischen Schatten springt und ein Theaterstück namens „Die letzte Amazone von Dahomey“ im National Theatre in London inszeniert. Dieses Theaterstück verbindet all diese Schicksale auf vielfältige Weise, bringt jene zusammen, die sich sonst nie kennenlernen oder über den Weg rennen würden: hochtrabende Intellektuelle, miesepetrige Lehrerinnen, drogensüchtige Eventmanagerinnen, abenteuersüchtige Teenager, karriere- und geldorientierte Bänkerinnen, alte wie junge Frauen und Männer aus den verschiedensten Lebenssituationen bunt zusammengewürfelt. Der Text ist so überladen, lang, in sich verknotet und verschlungen, dass er zu einer Momentaufnahme, ein Blitzlicht wird, ein kurzes Photo, ein post in einer langen Reihe von posts, eine story in der story, Gedankeneskapaden inmitten von vielen, anderen, gleichartigen, anderen, ähnlichen Erinnerungen, Eingebungen, Phantasien und Projektionen.
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