Mariana Leky: „Kummer aller Art“

Mariana Leky: "Kummer aller Art"
Ein literarischer Sommerurlaub … Spiegel Belletristik-Bestseller (35/2022)

Literarische Aphorismen und Aperçus gleiten schnell ab ins Belanglose. Das liegt an der Unverbindlichkeit des nicht gegebenen Zusammenhangs. Sie reihen sich. Sie müssen kein Ganzes ergeben. Sie beziehen sich auf einen unbekannten Alltag, auf Situationen und vereinzelte Erfahrungen, die als Versatzstücke in Bonmots herbeizitiert werden. Großangelegte Sammlungen wie die Aphorismen von Jean Paul Bemerkungen über uns närrische Menschen laden eher dazu ein, sie hier und da durchzublättern, als sie konsequent und akribisch von vorn nach hinten komplett durchzulesen. Das blitzartige Finden erlaubt dann diesen oder jenen Glückfund, gleich einem Gedankenblitz. Anders jedoch Mariana Lekys neuestes Buch mit dem Titel Kummer aller Art. Leky reiht zwar auch kleinere Geschichten einander, aber sie bewegen sich alle in einem spezifischen und dadurch sehr verbindlichen Kosmos:

Frau Wiese stand auf, mit lauter Mahnungen in den Haaren, setzte sie sich an den Küchentisch und starrte einäugig auf den Tropfen, der am Wasserhahn hing und sich trotz des ausgiebigen Starrens nicht bewegen wollte. Vermutlich weil er schlief. Sie legte den Kopf auf die Tischplatte. Der Morgen war da. Ein ausgeruhter Bauarbeiter schmiss seinen Presslufthammer an und ein Vogel sein Lied. Letzte Phase: dumpfe Resignation. Frau Wiese lehnt den Kopf an die Hausflurwand, ich lehne meinen ans Treppengeländer. Wir sitzen da wie zwei windschiefe Eulen.

Mariana Leky aus: „Kummer aller Art“
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