Marie NDiaye: „Die Rache ist mein“

Poetische Stille sanfter Verzweiflung – eindrucksvoll und nachwirkend.

Viele Gegenwartsromane behandeln Gewalt gegen Frauen. Beispielsweise Zeruya Shalev in „Schicksal“, in welcher Rachel, eine ehemalige Terroristin, mit ihrer Rolle als Mutter, als Witwe und Staatsbürgerin hadert und gegen emotionale Entfremdung kämpft; oder Leila Slimanis Roman „Das Land der Anderen“, in welchem ebenfalls Kolonisierung thematisiert wird, Befreiungskriege und -kämpfe und die gewaltsame Unterwerfung einer Frau unter die herrschenden Sitten und traditionellen Bräuchen in Marokko beschrieben werden. Beide Romane erzählen die Geschehnisse aus großer Distanz, beinahe nüchtern und kühl, journalistisch. Anders dagegen Hengameh Yaghoobifarah in „Ministerium der Träume“, das nicht nüchtern, eher wild dem Schmerz freien Ausdruck lässt und einen Staat anprangert, der junge Frauen nicht ausreichend vor sexuellen Übergriffen schützt. Zwischen hitziger Beschimpfung und sachlicher Beschreibung finden sich in der gegenwärtigen Literaturlandschaft alle möglichen Abstufungen. „Die Rache ist mein“ von Marie NDiaye lässt sich darin dennoch nicht einordnen. Der Roman verhandelt das Thema expressiv, sprachlich, weniger narrativ, inhaltlich und erschließt auf diese Weise eine eigene Schmerzzone emotionaler Gefangenschaft, vergleichbar mit der Fragment gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ von Ingeborg Bachmann.

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Jenny Erpenbeck: „Kairos“

Eine „Ästhetik des Widerstandes“ der Gegenwart … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Die Nacherzählungen allgemeiner Geschichte enden allzu oft in sehr nüchternen, fragmentierten, blitzlichtartigen Zusammenstellungen und Kollagen von Ereignissen, die entweder weitestgehend bekannt sind oder unbekannt im Zusammenhang mit solchen stehen. Ein Beispiel ist Gerd Loschütz und sein Rechercheroman „Besichtigung eines Unglücks“ oder Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, oder klassisch unwiederholbar in Trockenheit und Masse und Detailreichtum Thukydides „Der Peloponnesische Krieg“.  Geschichte, ob als Kollage oder Roman, lebt von Details, von vielen winzigen Einsprengseln verdichteter Temporalisierungsbemühungen. So auch Jenny Erpenbecks neuester Roman „Kairos“, benannt nach dem rechten Maß, die gute Gelegenheit, dem günstigen Augenblick. In ihrem Roman findet sie tatsächlich die Balance, das richtige Maß zwischen Persönlichem und Allgemeinem, zwischen Intimen und Politischen, zwischen Zeitgeschichte und Alltag eines mittlerweile verschwundenen Staates: die DDR.

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