Ronya Othmann: „Vierundsiebzig“

Vierundsiebzig von Ronya Othmann. Deutscher Buchpreis Shortlist.

Deutscher Buchpreis-Shortlist (6): Texte über den Genozid besitzen eine lange und traurige Tradition in der Menschheitsgeschichte, insbesondere seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Angefangen mit den Massakern in Kongo und Armenien, über die Verfolgungen und Massentötung der jüdischen Bevölkerung Europas im Holocaust während des Zweiten Weltkrieges, hin zu den Massentötungen in Kambodscha, in den jugoslawischen Bürgerkriegen, später Ruanda und Darfur setzt der religiös-motivierte versuchte Genozid durch den Islamischen Staat (IS) im Nordirak an der êzîdischen Bevölkerung einen weiteren traurigen Tiefpunkt in der blutigen Geschichte der Neuzeit. Ronya Othmann, selbst êzîdischer Herkunft, schreibt in Vierundsiebzig über den sogenannten Ferman 74:

Die Parlamentarierin, die bei ihrer Rede zusammengebrochen ist, die Reporter, die angefangen haben zu weinen, die alte Frau, die verstummt ist, und der Sheikh, der eine Geschichte nach der anderen erzählte, der sagte, er könne vierundzwanzig Stunden weitererzählen, ohne zu einem Ende zu kommen, zeigen, dass es keine Sprache gibt für das, was im August 2014 geschah. Selbst das Aneinanderreihen der Fakten, das Zählen der Toten, selbst das Datum, 3. August 2014, oder 74. Ferman, wie wir Êzîden den Genozid nennen, bleiben ein Platzhalter für etwas, wofür wir keine Worte haben. Die Sprachlosigkeit liegt noch unter der Sprache, selbst wenn ein Text da ist. Die Sprachlosigkeit ist das Unbeschreibliche, und sie ist selbst Teil des Textes. Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschriebenen Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.
Ronya Othmann aus: „Vierundsiebzig“

„Ronya Othmann: „Vierundsiebzig““ weiterlesen
Die mobile Version verlassen
%%footer%%