Tomer Gardi: „Liefern“

Liefern von Tomer Gardi.

Liefern heißt Tomer Gardis dritter Roman, der im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern, Broken German und Eine runde Sache, sprachexperimentell gesehen, nunmehr konventionell geraten ist und die Lebensgeschichten von Fahrradkurieren, genauer: Essenslieferanten in Tel Aviv, Neu-Delhi, Istanbul, Berlin und Buenos Aires mit eher gemäßigten sprachlichen Mitteln nachzeichnet. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Romanen verzichtet Gardi auf wilde Wort-Staccatos und onomatopoetische Sinngebungs- und Sinnverklausulierungsverfahren. Sein literarischer Fokus verbleibt eng auf der Ausgeliefertheit der Lieferanten und verzichtet, mit wenigen Ausnahmen, auf seine üblichen, dem Schelmenroman gemäßen Abschweifungen. Wie Salman Rushdie in Die elfte Stunde verlagert Gardi seinen Episodenroman auf viele Kontinente und erzeugt hierdurch eine flirrende, verbindende Stimmung, die dem Offenen und Dynamischen der nicht aufgebenden Figuren überzeugend entspricht:

Dort stiegen wir aus, gingen an der Moschee vorbei und fanden die Stelle, die wir mit Resul ausgemacht hatten, den Platz mit der Atatürk-Statue. Da saßen wir mit unseren rasierten, rotgesprenkelten Schädeln zu Füßen des Vaters der Türken. Ich dachte an Auerbach, wie er in einem der Häuser hier saß und zum Klang der Nebelhörner seine Mimesis schrieb, und auch zum Ruf des Muezzins, der die Gläubigen zum Gebet rief und wie im Schma Israel verkündete, dass Gott Einer ist. Ich dachte an Hazal, die schon keine Führungen mehr macht. An Aischa, die nicht Wissenschaften unterrichten wird, was sie sich so gewünscht hatte. An Resul, der nach jedem Lieferanten, den er in seinen Tod begleitet, mit schwerem Herzen ans Wasser geht und all seine Gewichte und Haken weit auswirft, sich einen Zeugen angelt, der seine Geschichte anhört. Ich dachte an mich, an meine Versuche, meine Gewichte und Haken abzuwerfen, mir meine Zeugen zu angeln.
Tomer Gardi aus: „Liefern“

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Tomer Dotan-Dreyfus: „Birobidschan“ (Das Debüt 2023)

Birobidschan von Tomer Dotan-Dreyfus … Shortlist von Das Debüt-Bloggerpreis 2023.

Das Thema von Tomer Dotan-Dreyfus‘ Debütroman Birobidschan lautet vordergründig Heimatlosigkeit und stellt die Frage, wo die Heimat liegt, wo sie gefunden werden kann, und ob sie nicht als Ort zwischen den Menschen, in den Verhältnissen und Erinnerungen der Menschen untereinander besteht und nur auf diese Weise Realität erlangt. Der Ort Birobidschan, eingeführt als die Möglichkeit eines neuen sozialistischen Paradieses, liegt an der russisch-chinesischen Grenze, fast am Pazifik, genauer am Ochotskischen Meer, aber seine Geschichte, sein geographischer Standort spielen bei Doten-Dreyfus keine Rolle, auch nicht seine relative Nähe zum Ort des bislang ungeklärt gebliebenen Tunguska-Ereignisses. Dotan-Dreyfus improvisiert in Birobidschan über Menschen und ein dörfliches Zusammenleben, das so überall auf der Welt sich abspielen könnte:

[Miriam] lehnte sich gegen den Baumstamm und sprach über den Feiertag [Sukkot]. »Findest du es nicht eigenartig, dass wir schon so lange in Häusern wohnen und trotzdem einmal im Jahr durch diese peinlichen Laubhütten an eine Zeit erinnern, in der wir angeblich kein sicheres Zuhause hatten?«
»Weiß ich nicht«, antwortete [Dmitri] verlegen, »ich habe kein Zuhause.«

Tomar Dotan-Dreyfus aus: „Birobidschan“
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Tomer Gardi: „Eine runde Sache“

Heimatlos zwischen Goethe und Thomas Mann … Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022

Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse (2/5): Tomer Gardis Roman Eine runde Sache erweist sich als janusköpfiges Formexperiment, das Verwirrung stiftet. Eine spoilerfreie Zusammenfassung wird gegeben und anschließend Gardis Stil analysiert. Es ergeben sich viele Zitate und Parallelen zu Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und den Märchen der Gebrüder Grimm, so dass Eine runde Sache wie eine literarische Improvisation aufs Fremde und Vertraute, auf das Verwenden einer bekannten Form für einen unbekannten Inhalt erscheint.

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