Alois Hotschnig: „Der Silberfuchs meiner Mutter“

Blick ins ungezähmte Chaos … SWR Bestenliste Platz 1 (02/2022)

Kriege ziehen viel mehr in Mitleidenschaft als nur die oberflächlichen Zerstörungen und Verwüstungen und Verletzungen. Sie erschüttern Vertrauen, zwischenmenschliche Verhältnisse bis in die letzten Fasern und Fibern des Seins hinein. Untersucht Stefanie vor Schulte in „Junge mit schwarzem Hahn“ die unmenschlichen Gewaltverhältnisse während des Dreißigjährigen Krieges, so analysiert Susanne Abel in „Stay away from Gretchen“ die Problematik der während der Besatzung durch die Alliierten gezeugten Kinder im Nachkriegsdeutschland und Edgar Selge in „Hast du uns endlich gefunden“ die Wirkungen und Zerrüttungen des Krieges auf die familiären Verhältnisse, auf die Beziehung eines Sohnes zu seinem gewalttätigen Vater. Alois Hotschnigs Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“ eröffnet hier eine weitere Perspektive auf die Schrecken des Krieges und entwickelt diese entlang der Beziehung einer Mutter zu ihrem gewollt/ungewollten Sohn.

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Maxim Biller: „Der falsche Gruß“

Über Lügen im außerliterarischen Sinne … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2021)

In der Wahl der Erzählposition steckt der Schlüssel zu einem jeden geschriebenen Werk. Es gibt derer nicht sehr viele. Da wäre der allwissende Erzähler, der von weit entfernt auf die Handlung herabsieht, die Figuren durchschaut und sie entlarvt. Da wäre das personale Erzählen, das sich von außen in die Perspektive einer Figur hineinfühlt, ohne diese Figur jedoch entblößen zu können. Das Erzählen bleibt auf Distanz. Da wäre auch das Ich-Erzählen, in welcher ein Text für ein Ich gesprochen, geschrieben wird. Diese Ich-Erzählung kennt zumeist keine Distanz. Sie steht in der Fülle der Eindrücke, aber in einer unbekannten Welt, während das personale oder allwissende Erzählen das Ich nicht kennt, aber die Welt. Maxim Billers neuester Roman „Der falsche Gruß“ ist aus einer schizophrenen Ich-Perspektive geschrieben. Er will die Welt und das Ich zugleich erkennen und in Szene setzen und scheitert deshalb, bereits erzähltechnisch, an beidem.

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