Susanna Clarke: „Piranesi“

Ein moderner Kafka zwischen allen Stühlen.

Die Strahlen der untergehenden Sonne schienen durch die Fenster, fielen auf die Oberfläche der Fluten und flossen wie Wellen aus goldenem Licht über die Decke der Treppe und die Gesichter der Statuen. Als die Nacht anbrach, lauschte ich den Liedern, die Der Mond und Die Sterne sangen, und ich sang mit. — Die Welt fühlte sich vollständig und intakt an, und ich, ihr Kind, füge mich nahtlos in sie ein. Nirgendwo gibt es irgendeinen Einschnitt, an dem ich eine Erinnerung nicht greifen kann, ein Verständnis sich mir entzieht. Der einzige Teil meines Daseins, in dem ich einen Bruch empfinde, ist dieses letzte Gespräch mit dem Anderen.“

„Piranesi“ – Susanna Clarke

„Piranesi“ ist seltsam, und im seltsamen Dickicht sein eigenes Rätsel. Wie die Rätsel der Ägypter auch Rätsel für die Ägypter selbst waren, so verstrickt sich das Lesen in die eigene Hilflosigkeit. Die öden Gänge, das fahle Licht, die dahinplätschernden Tage des Ich-Erzählers, der sein Ich nicht kennt, kennen kann, oder dem er zu entfliehen sucht, erzeugen einen unheimlichen naturalistischen Sprachbezug, der selbst noch in der Übersetzung das Gruseln lehrt: nämlich das der Sprachlosigkeit, wenn Sprache zerfällt, bruchstückhaft dahinschwindet, die Inkohärenz der Gedanken unaufhaltsam voranschreitet und Namen zu Begriffen, Begriffe Namen werden, die nur in den Augen eines Anderen an Konturen gewinnen, von Augenblick zu Augenblick aber zu schwinden drohen.

Wie in Kafkas Texten der holprige, beinahe schwindelnde Stil den eigentlichen Inhalt bilden, so in Piranesi die Trostlosigkeit der Beschreibungen, beinahe ein Wörterbuch, eine Ansammlung, Murmeln, ein paar Papierfetzen, mehr bleibt nicht. Knochen, Chipstüten, ein kurzes Gespräch zwischen Tür und Angel in einem Leben das zu Lebzeiten bereits museal geworden ist. Das Lesen ist beschwerlich. Der Protagonist befindet sich in keinem alltäglichen Netz des Erwartbaren und Zumutbaren. Der Ozean (die Zeit) können zu jeder Zeit die Welt verschlucken, alles zum Verschwinden bringen.

Der Text liest sich leichter, sobald eine naive Weltsicht, ein Vertrauensvorschuss gegenüber allem etabliert und Piranesi zugeeignet wird. Alles ist wahr. Alles ist echt. Und alles ist so, wie es ist. Ein Kind unter Kindern, Erwachsenen, Dingen und Wesen. Eine Einübung ins Empathische vor dem Hintergrund eines drohenden Grauen – hierin gleitet der Roman in den Suspense und Thriller-Bereich ab, ohne eine verlässliche Stimme des Urvertrauens zu besitzen. Das Lesen selbst muss in sich Vertrauen schöpfen, um die Seiten, die Tage, den fraktalen Fortgang der Geschichte durchzustehen.

Als Negativbezug dient die Fülle der Sprache, die ungenutzt sich andeutet – man wünscht sich eine buntere, kommunikativere, heitere Welt, und dieses Sprachspiel als Verweis ohne Einlösung, verschafft „Piranesi“ von Susanna Clarke ein Alleinstellungsmerkmal. Den Roman gelesen, will man sodann sprechen, sich unterhalten, aus dem Vollen eines sprachlich gestalteten Miteinanders schöpfen, bis die Worte nur so vom Himmel fallen. Isolation literarisch exploriert bedarf Mut. Die Autorin Susanna Clarke hat ihn gehabt, und ein sonderbares Buch geschrieben. Warum so viel möglich und so wenig wirklich wird und wurde, darf sie getrost als Frage an die Lesenden weitergeben.

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