Dirk Rossmann: „Der neunte Arm des Oktopus“

Ein Roman ohne Eigenschaften. (Spiegel Belletristik-Bestseller 28.02.2021)

Alan Sokal verfasste 1996 einen Artikel namens „Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“. Mittels kongenialer Begriffsbildung vermittelte sich der Eindruck von einer Tiefenschärfe, die selbst die Brücke zwischen Geistes- und mathematisch exakten Naturwissenschaften zu schlagen vermochte. Dass es sich bei dem Textkonglomerat um eine Art Free Jazz handelte und vom Autor alles andere als ernstgemeint war, stellte sich erst im Nachhinein heraus. Ausreichend viele Kommentatoren und Trittbrettfahrer nutzten bereits die Steilvorlage und improvisierten mit und zwar unabhängig vom intendierten Sinn des Artikels. Der süffisante Nachtrag, dass es sich nur um einen Hoax handelte, entzog jedweder Diskussion zwar den Boden wissenschaftlicher Seriosität, warf aber auch ein zynisches Licht auf den Autor selbst, der schließlich einen Kommunikationsvorschlag angeboten hat und deshalb nicht einfach, nach Durchführung, Wortmeldung und Publikation, diesen zurücknehmen kann. Dies auch der Grund, warum wissenschaftliche Artikel nicht zurückgezogen werden können, selbst wenn sie sich als falsch, unhaltbar, oder gar Plagiat herausstellen.

Der Roman „Der neunte Arm des Oktopus“ von Dirk Rossmann treibt ein ähnliches Spiel. Er beginnt als Roman und endet im Epilog in einer Art kritischer Selbstreflexion als politisches Pamphlet. Nicht dass dies vorher nicht durchscheinen würde, aber ein Roman bleibt ein Roman wie ein wissenschaftlicher Artikel ein wissenschaftlicher Artikel, selbst wenn er als Polemik intendiert gewesen ist. Als Roman kondensiert Rossmanns Wortkonglomerat einen rhythmischen Zusammenschluss zweier Zeitebenen (Gegenwart um das Jahr 2020 und Zukunft um das Jahr 2100) und siedelt sich hiermit den Bereich der Science-Fiction-Literatur an. Zeitraffung und -dehnung entstehen in dem Roman über Handlungsabläufe, die rund um den ganzen Globus stattfinden (Sao Paolo, New York, Mumbai, Chengdu, Moskau, Hannover …) und eine Art Putschversuch zum Thriller erheben. Vor- und Rückblenden straffen das Geschehen und dichte Stellen beschreiben Monsun verwüstete Landschaften in Indien und Messerstechereien in Brasilien, Geiselnahmen in Nigeria und Waffenverkäufe in Saudi-Arabien.

Globus umspannende Handlungsverläufe stellen sicherlich kein Novum dar, und viele aktuelle Thriller- und Abenteuerromane spielen zeitgleich und zeitversetzt an vielen Orten dieser Welt. Rossmanns Roman sticht jedoch mit der konsequenten Erzählweise heraus, die jedwedes Lokalkolorit vermeidet, jedwede Eigenständigkeit der Figuren ignoriert, und Waren- wie Speisenvorliebe universalisiert werden, bis am Ende der Eindruck entsteht, dass der Handlungsvorgang nur der Anlass nicht das Ziel ist und selbst die klar politisch herauslesbare Absicht im Grunde nur den Vorwand bietet, Produktnamen zu platzieren und Klischees aneinanderzureihen. In seiner prosaischen Konsequenz visioniert Rossmann tatsächlich eine Welt, in der Roman automatisch geschrieben, Entscheidungen von Maschinen getroffen, und Politiker sich aus vorgegebenem technokratischen Sachverstand überflüssig gemacht haben werden.

Ob man das politische Kalkül als Witz, Provokation, Unsinn, kritisch, emanzipatorisch, hochaktuell oder banal einstuft, ändert nichts an der Tatsache, dass Rossmanns Roman ohne Stilverlust von Google-Translator in jede Sprache der Welt übersetzt werden kann. The medium is the message gilt auch hier, und es bleibt ein sonderbares Gefühl zurück, als hätte man einen Text gelesen, in welchem jedes Detail auch anders gewählt, jeder Name anders lauten, jede Metapher, jede Allegorie und prozessurale Verflechtung anders getroffen hätte werden können, ohne den Text essenziell zu verändern. Insofern hätte der Roman auch „Das fünfte Bein des Gepards“ heißen und über die Vogelgrippe handeln können statt über einen Oktopus in Paris und einer Öko-Diktatur, die die Erderwärmung bekämpft. Die Austauschbarkeit, die Variabilität und Flexibilität, die Dynamisierung von Bedeutungssträngen und Temporalisierung von Deutungshorizonten löst noch jeden letzten Sprachmythos und Lyrizität auf und lässt vermuten, dass selbst Siri und Alexa ihren Spaß mit dem Text haben könnten. Wieso nicht? Gedanken sind frei und so auch ihre sich reproduzierenden Permutationen.

Die Stimmung im Salon ist gereizt. Das sollen also die klügsten Wissenschaftler der Welt sein, denkt Seitz, geeignet, um eine Regierung zu beraten? 400 000 Jahre Evolution, und noch immer ist der größte Feind der Menschheit ihr eigenes Ego.

Und meine Gottheit, wenn überhaupt, wäre die Effizienz.

Dirk Rossmann

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