Yuval Noah Harari: „Homo Deus“

Keine Panik auf der Titanic.

Yuval Noah Hararis Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen” basiert im Wesentlichen auf der Annahme, dass den Menschen vor allen anderen Lebewesen die Eigenschaft auszeichnet, in einer Welt der Intersubjektivität leben zu können. Diese Welt der Intersubjektivität erlaubt es den Menschen, größere Gruppen zu bilden.

Wie Forschungsergebnisse zeigen, kann ein Sapiens mit nicht mehr als 150 Individuen enge Beziehungen (ob feindseliger oder amouröser Art) ausbilden. Was immer die Menschen in die Lage versetzt, Netzwerke massenhafter Zusammenarbeit zu organisieren – enge Beziehungen sind es nicht.

Yuval N. Harari

Was die Menschen also in die Lage versetzt, ist laut Harari Geschichten, Erzählungen, also Bedeutungsinfrastrukturen, anhand derer sich Mitglieder dieser Geschichten wiedererkennen und gegenseitig ein Mindestmaß an Vertrauen entgegenzubringen lernen. Mit anderen Worten die dritte Welt von Popper in seiner Drei-Welten-Lehre. In „Homo Deus“ entwirft Harari nun eine Geschichte der gegenwärtigen Zukunft, d.h. einer Zukunft, wie sie sich aus der heutigen Perspektive ergibt, und nicht der zukünftigen Gegenwart entsprechen muss, also der Gegenwart, die tatsächlich eingetreten sein wird, bevor wir ihrer gewahr werden können. In seiner Theorie, dass wir auf Basis von Narrationen organisiert sind, verschaffen uns alternative Erzählungen, Perspektiven, Spekulationen neue Möglichkeiten, neue Entwürfe, das Handeln in bestimmte Bahnen zu lenken. Nicht die Prognose, die Vision zählt:

In der Wissenschaft geht es freilich nicht nur darum, die Zukunft vorherzusagen. Gelehrte aus allen Bereichen sind oftmals bestrebt, unseren Horizont zu erweitern, und dabei eröffnen sich uns neue und unbekannte Zukünfte.“

Yuval N. Harari

Bereits hier könnte man sich fragen, inwiefern eine Zukunft vorhersagbar ist, wenn sie sich doch erst aus noch durchzuführenden Handlungshorizonten und -entscheidungen ergibt, also inwiefern hier gerade eine narrative Schwebehaltung und Intransparenz zum Anlass genommen wird, einfach mal loszuplaudern. Bevor jedoch Hararis Narrationsweise selbst untersucht wird, noch kurz die Ergebnisse der Analyse.

Die kognitive Wendung vor circa 70 000 Jahren hat im Sapiens eine dritte Welt entstehen lassen, die Welt der Intersubjektivität, die größere Gruppen zu kooperieren erlaubt und zwar auf Basis gemeinsam aufrechterhaltender Fiktionen. Vor 12 000 Jahren läutete die Agrarwende das Zeitalter der Sesshaftigkeit ein, und mit zunehmender Wichtigkeit der Nutztiere für die Landwirtschaft wurde das animistische Zeitalter beendet und die Herrschaft des Menschen über die Tier- und Pflanzenwelt religiös auf verschiedene Weisen verarbeitet. Religion als kollektiv bindendes Narrativ sowie die Landwirtschaft und die Einführung von Schrift ermöglichten mächtige Siedlungen von Millionen von Menschen und gigantische Bauwerke werden seit 5000 Jahren auf Geheiß von Göttern erschaffen (Tempel, Pyramiden, Kathedralen, Chinesische Mauer). Die Einführung von heiligen Schriften sowie Geld führten zu abstrakteren Fiktionen und Formen von Vertrauen wie Kredit. Die Kapitalisierung und Verwissenschaftlichung der Welt beginnt. In diesem modernen Pakt der Wachstumsnotwendigkeit (Vertrauensvorschuss und -einübung) gewährte die humanistische Revolution vor 300 Jahren neuen Halt in der Innerlichkeit, dem Gemütszustand des Individuums. Wirkungsmächtig in der humanistischen Religion ist die Evolution, die nach und nach alle Felder des Lebens übernimmt und nach Perfektion strebt. Die Materialisierung der Fiktion besteht nun in der Überwindung des Humanismus selbst. Vom Homo Sapiens zum Homo Deus, der Glück, Göttlichkeit und Unsterblichkeit für sich in Anspruch nimmt und nur in der Virtualisierung, Kybernetisierung und Maschinisierung des Menschen möglich ist.

Wie so oft beim Lesen dieser Bücher und nach dem Lesen und Nachvollziehen dieser Thesen stellt sich die Frage: Wozu eigentlich? Wie ordnet sich ein wissenschaftlicher Text in diese Ereignisabfolge ein? Ist die Fiktion Bestandteil des vorwärtspreschenden Narrativ, Wirkung, Ursache, beides? Hilft der Text bei der Orientierung in dieser Welt der rasanten technologischen Entwicklung? Verschafft er einen Überblick? Eine Deutungshöhe? Stellt sich also die alte und nervende Frage nach der Henne und dem Ei? Ist der Text Teil dieser Vision, will der Text bei der Erschaffung oder Vermeidung dieser Vision mithelfen, und wenn ja, dann wie?

Leider vermag die vorgestellte Begrifflichkeit Hararis, diesen Fragestellungen nicht standzuhalten. Sie helfen schlechthin nicht, gewinnbringende Fragen zu formulieren, Unterscheidungen zu treffen. Nach dem Lesen steht man wie ein Ochs vor dem Tor und fragt: was nun? In der Tat verstrickt sich der Text in die eigene Narration, d.h. er wird rhetorisch, beliebig, plaudernd, kursorisch. Das mag bisweilen unterhaltsam sein, Ängste, Hoffnungen freilegen, aber intellektuell bleiben einem die Gedanken wie Gräten im Hals hängen. Das lässt sich an einigen Beispielen illustrieren.

Die gängige Erklärung [wie subjektive Gefühle entstehen] verweist darauf, dass das Gehirn ein hochkomplexes System mit mehr als 80 Milliarden Nervenzellen ist, die über zahlreiche Synapsen vielfältig miteinander vernetzt sind. Wenn Milliarden Nervenzellen Milliarden elektrischer Signale hin und her schicken, entstehen subjektive Erfahrungen. […] Doch diese Erklärung erklärt nichts

Yuval N. Harari

Hier fehlt der Versuch zu beschreiben, wann eine Erklärung etwas erklärt, mithin was eine Erklärung von einer Beschreibung unterscheidet und unter welchen Prämissen man diese Unterscheidung überhaupt treffen kann. Harari hofft jedoch lieber, dass die Lesenden schon verstehen, was er unter „Erklärung“ versteht, und verhindert so eine verständliche Lektüre. Schlimmer wird, wenn er von „Geist“ spricht, ohne diesen von „Bewusstsein“ zu unterscheiden, und feststellt:

Schon vor Jahrtausenden stellten Philosophen fest, dass es keine Möglichkeit gibt, schlüssig zu beweisen, dass jemand anderer als man selbst über einen Geist verfügt.

Yuval N. Harari

Da man aber nicht festlegt, beschreibend, was man unter Geist versteht, versteht sich auch von selbst, dass man nicht weiß, ob man selbst oder ein anderer so etwas überhaupt besitzt. Die Terminologie fällt lediglich unter ihrem eigenen Gewicht zusammen, zumal Harari wiederum unterlässt zu spezifizieren, was denn ein Beweis ist, wenn nicht wie in der Mathematik eine bloße Tautologie. Folgenschwer wird die lässige Art, wenn die Wahrscheinlichkeitstheorie herangezogen wird:

Da es nur eine reale Welt gibt, die Zahl potenzieller virtueller Welten hingegen unendlich ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass man zufällig in der einzigen realen Welt lebt, bei fast null.

Yuval N. Harari

Es ist nicht kleinkariert, darauf zu beharren, dass Wahrscheinlichkeiten nicht existieren (man findet keine Wahrscheinlichkeiten), sondern geschätzt werden (auf Basis von Vermutungen und Daten), es also durchaus möglich ist, allen virtuellen Welten die Wahrscheinlichkeit null zu geben und die der realen mit eins zu versehen, und das Argument fällt wieder in sich zusammen.

Es ist schade, dass Harari in entscheidenden Passagen unterlässt, seine Terminologie nachvollziehbar einzuführen. Die Sätze bleiben schlichtweg in der Luft hängen. Wer Hunderte Seiten von „Erklärungen“, „Beweisen“, „Geist“, von „Authentizität“ und „Sinn“, „Willensfreiheit“ und „Wünschen“ redet und lediglich hofft, andere wissen schon, was er meint, verlagert die Begriffsarbeit ins Beliebige und erschwert die Lektüre. Mit anderen Worten er fällt seiner eigenen Narration zum Opfer – er glaubt, seine Geschichte spricht für sich und erschwert die Kommunikation.

Basiert Teil 1: „Homo sapiens erobert die Welt“ auf die Unmöglichkeit, Geist und Seele nachzuweisen, ohne „Geist“ von „Bewusstsein“ zu scheiden, so Teil 3: „Homo sapiens verliert die Kontrolle“ darauf, den „freien Willen“ empirisch festzustellen. Leider bleibt von diesem Exkurs über den „freien Willen“ nichts übrig, da Harari diesen mit der Fähigkeit gleichgesetzt, sich etwas Bestimmtes zu wünschen, statt in der Lage zu sein, bestimmten Impulsen nicht zu folgen, sie also nicht in Handlungen umzusetzen. Es nimmt Wunder, dass das Kapitel den Kontrollverlust konstatiert, aber nur von „Bewusstseinszuständen“ spricht und nicht von Taten handelt. Dass nicht jeder Gedanke willkürlich ist, heißt ja noch lange nicht, dass ich meinen Gedanken hilflos ausgeliefert bin. Die Gedanken sind frei, aber nicht die Taten. Impulskontrolle gehört auch in kleinen Details zum täglichen Brot (zuerst das Brötchen, dann den Kaffee).       

Teil 2: „Homo sapiens gibt der Welt einen Sinn“ besteht hauptsächlich aus Nacherzählungen geschichtlicher Abläufe und dort fühlt der Autor sich auch offensichtlich am wohlsten. Es lassen sich viele Perlen finden wie über die Konstantinische Schenkung, über den Engel mit dem Stempel Aristides de Sousa Mendes, über Kunst und Religion, die humanistische Revolution, und auch am Ende von Teil 3 erfährt man interessante Details über autonomes Fahren, automatische Bilderkennung und computerisierte Apotheker, sowie von komponierenden und schachspielenden Computerprogrammen. So lange Harari also erzählt, aus dem Nähkästchen plaudert, stimuliert er zu Gedanken, Zusammenhängen und bricht eine Lanze für die Tier- und Pflanzenwelt. Seine argumentationslogischen Irrungen und Wirrungen werden schnell vergessen, sobald er Witze erzählt:

Ein Witz vermutet, dass eine typische Gruppe von Jägern und Sammlern in der Kalahari-Wüste aus 20 Jägern, 20 Sammlern und 50 Anthropologen besteht

Yuval N. Harari

Die Lektion lautet also vielleicht: Nicht alles so ernst nehmen, selbst wenn es um die Zukunft geht. Harari nimmt die Angst vor dem Denken. Das schadet nie – seine gedanklichen Luftschlösser werden jedoch nicht bei allen Lesenden konstruktiv Verwirrung stiften.

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