Helga Schubert: „Vom Aufstehen“

Auf Taubenfüßen brillant und einfühlsam … (Spiegel Belletristik-Bestseller 13/2021)

In Helga Schuberts Roman „Vom Aufstehen“ erzählt eine Ich-Erzählerin aus ihrem Leben und zwar sanft, langsam, nicht chronologisch, nicht kausalisierend und effekthascherisch. Startend mit den Großeltern vor dem zweiten Weltkrieg und dem Wahlsieg der Nationalsozialisten, über Flucht, Krieg, Kriegsopfer, über Schmerz, Angst und Verfolgung, hin zu den Gründerjahren der DDR, über Hoffnungen, Enttäuschungen, letztlich zum Mauerbau, zu den siebziger Jahren, zu Gorbatschow, Glasnost, und der Wende, die erste Schritte mit dem Ehemann durchs Brandenburger Tor, eingewebt in das Erleben und Verhältnis von Tochter, Großmutter, Enkelin, Mutter bleibt das Politische ein rauschender, irritierender Hintergrund für eine fühlende, wahrnehmende, um Frieden ringende Erzählerin. Politik stößt dem Einzelnen, der Einzelnen nur zu. Zentral bleibt die eigene Empfindung, das Nagende, Schmerzende von Wörtern, Blicken, von Gesprächen und Behandlungen. Als Motto wählt die Autorin deshalb ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach.

Nicht was wir erleben, sondern wie wir erleben, was wir erleben, macht unser Leben aus.

Marie von Ebner-Eschenbach

Wie eine Tochter ihr Leben erlebt, führt, weiterlebt, in welchem ihre Mutter in jungen Jahren ihr ins Gesicht sagt, dass sie, die Mutter, sie, die Tochter, hätte sterben lassen sollen – davon handelt das Buch. Es besitzt eine Peter Weiss‘sche unbeugsame „Ästhetik des Widerstandes“, ein Hauch von den Flüchtlingsgesprächen von Bertolt Brecht und dem Ton seiner geläuterten Gedichte:

Du kannst nicht glücklich sein, wenn du zuviel behalten willst
Und auch nicht, wenn du was willst, was zu viele nicht wollen
Sei klug, will deinen eigenen Kopf nicht haben
Sondern gewöhne dir das Zupacken im Vorbeigehn an.

Lass dein Schiff leicht, lass leicht zurück
Lass auch das Schiff leicht zurück, wenn man dir rät
Deinen Weg landeinwärts zu nehmen

Bertolt Brecht aus: „Frühzeitig lernte ich“ (Gedichte 1938-1941).

So problematisch Brecht, und auch der Ort und das Gedicht „Trotz alledem“ in der deutschen Geschichte, so problematisch ist alles Politische, färbt sich von links nach rechts, von oben nach unten, hüben wie drüben alles ein und behauptet Unbestimmtes für sich. Helga Schubert interessiert sich jedoch für weder noch. Ihr Text beseelt das Recht auf Schmerz, auf den Wunsch nach Frieden, auf eine sanfte Form der Existenz, in der der einzelne Mensch Zeit bekommt zu schauen, zu erleben, nachzuvollziehen und sich zu entdecken, auch die scheinbar unwichtigsten Details zum Anlass zu nehmen, das Staunen wieder zu entdecken.

Dieser Satz macht auch beim Schreiben Hoffnung, denn wenn er stimmt, ist nichts unwichtig, wenn ich es nur genau genug betrachte.

Helga Schubert

Ihr Schreiben ist ein Widerstand gegen die Begriffe, Phrasen und Schlagwörter, die die Gedanken besetzen, lenken und auffressen, bis nichts mehr als Angst, Not, Gewalt und Paranoia übrigbleiben. Schubert schreibt, um zwischen den Sätzen, den Zeilen, den Wörtern und Buchstaben selbst Raum für Emotionen zu schaffen, Leere, die friedlich eingerahmt, gefüllt werden kann, und zwar mit Assoziationen, die sich nicht mehr um die vermeintlich großen Dinge kümmern müssen, um Imaginationen aus einem anderen Leben, einem Leben fern von Demütigung, Angst, Hunger, und Kälte.

Am gedeckten Kaffeetisch. Bis zum Ende des Sommers. So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute.

Helga Schubert

Ihre Sätze sind rhythmisch, rhapsodisch, im Staccato sich Sinn und Bedeutung entziehend, so dass sie in voller Bescheidenheit wehmütig wieder auferstehen können. Insofern handelt „Vom Aufstehen“ auch gar nicht von Geschichte, Politik, von Krankheit, von einem Zusammenleben mit einem todkranken, pflegebedürftigen Ehemann, von einer traumatischen Mutter-Tochter-Beziehung, von einer kleinen Tochter, deren selbstgebasteltes Geschenk von ihrer unaufmerksamen und luxusverliebten Mutter verachtet wird. Die wahre Protagonistin ist die Sprache selbst, die Freude, im Schreiben alles wieder zu entdecken, aber nun aufgehoben, eingerahmt, weichgezeichnet, nicht, um der Wirklichkeit etwa ihren Schrecken zu nehmen – gegen diesen ist nun einmal kein Kraut gewachsen. Das Gegenteil gilt, nämlich schreiben, fabulieren, um der Wirklichkeit eine Haltung entgegenzubringen, die nicht klein beigibt, die stark bleibt, egal wie groß der Schmerz, der Verlust, die Kälte, sich die aufgezwungene Erniedrigung von außen auch gebärden will.

Das Märchen sagt: Machs doch einfach, probier es aus, du schaffst es, es ist ganz normal, das Leichteste der Welt: Sag, dass der Kaiser nackt ist.

Helga Schubert

Schubert gelingt dies mittels Sanftheit, Unaufgeregtheit, mittels einer freiwillig aufmodulierten Langsamkeit und Langatmigkeit, die jedwede Plakativität meidet, nicht das Feuer, sondern die Glut bevorzugt, das lange schwelende Warme, nicht die Hitze, nicht das gleißende Anprangern des Unzumutbaren. Es ist unzumutbar, und genau deshalb nicht einmal der Rede wert.

Sie hatte draußen an ihrer Wohnungstür eine Postkarte mit dem folgenden gedruckten Text angebracht, die Karte schenkte sie mir auf meine Bitte – und ich hab sie aufgehoben: Das alles nicht, nichts davon.

Helga Schubert

Keine Zeile in diesem Roman, der überflüssig ist – und dies gelingt nur, weil alle zusammen überflüssig sind, aber in ihrer Gesamtheit eine Sehnsucht evozieren, eine kräuselnde Melodie auf einem bebenden Sprachintergrund komponiert, der spiegelt, ohne zu verzerren, eine sanfte Woge des Assoziativen, bar der Lüge, bar des Versuches zu überzeugen, zu übertrumpfen, und so vermag, was selten gelingt, nämlich dem Sprechen, Schreiben, Kommunizieren Räume zu verschaffen, um neuen Ausdruck, neuen Mut zum Wort, zum Gespräch, zum Austausch zu finden.

Aber als das alte Haus noch als Ruine aufragte, noch nicht dem Erdboden gleichgemacht, mit dem eingestürzten schiefen Rohrdach, den verkohlten geschienten Dachbalken, dem neuen gemauerten Schornstein, den in der Brandhitze geplatzten Fensterscheiben, saß eines Tages vor diesem Schafstall, denn er hatte ein Ziegeldach und keines aus Rohr und war darum zu löschen gewesen, auf einem angebrannten Weidenbaum, ein Wellensittich. Und sah zu uns herüber. Ein vollkommen absurdes Bild. Er rührte sich nicht. Wie sich später herausstellte, hatte er die Sprache verloren.

Helga Schubert

Schubert schafft, was Karl Kraus nicht vermochte, nämlich die Sprache aus den Klauen der Phrase zu befreien. Kraus nimmt Sprache zu ernst. Die Humorlosigkeit seines Über-Dramas „Die letzten Tage der Menschheit“ verfolgt und merzt jede Hoffnung aus. Sie unterminiert Sprache selbst, und zwar mit Sprache gegen die Sprache, als würde ein Hetzen und Anprangern des Hetzens und Anprangerns kein Hetzen und Anprangern mehr sein. Kraus‘ Nörgler sagt hier konsequent zum Optimisten:

Das ist ein Irrtum, mich interessiert kein Reglement, nur der lebendige Sinn des Ganzen. Im Krieg gehts um Leben und Tod der Sprache.

Karl Kraus aus: Die letzten Tage der Menschheit.

Schubert versucht nicht zu retten, was bereits verloren ist. Ihre ehrliche Trauer bleibt. In der Resignation bleibt sie sich und ihrer Hoffnung und Sehnsucht treu, und weiß mit Adorno:

Fragt ein Verzweifelter, der sich umbringen will, einen, der ihm gut zuredet, davon abzulassen, nach dem Sinn des Lebens, so wird der hilflose Helfer ihm keinen nennen können; sobald er es versucht, ist er zu widerlegen, Echo eines consensus omnium, den der Spruch auf seinen Kern brachte, der Kaiser brauche Soldaten. Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach; vor der Frage flüchtet er.

Theodor W. Adorno aus: Negative Dialektik.

Jedes Argument erlaubt ein Gegenargument, aber eine solidarische Stille, ein beherztes Schweigen, eine Geste des Wohlwollens bleibt, der freundliche Spaziergang, das Atmen, Wissen, nicht mehr allein sein zu müssen. In der Hoffnung verbleiben zu können, verstehen ist doch möglich, obgleich selten explizit, lässt Zweifel gar nicht mehr aufkommen. In diesen Momenten lebt Freundschaft, Liebe, Menschlichkeit. Schubert schafft es zu schreiben, ohne sich aufzudrängen, ohne die Gunst der Stunde zu nutzen, endlich selbst reden zu dürfen. Sie schreibt, als wäre das Lesen ein Spaziergang durch ihre Gedanken. Sie plaudert, unaufgeregt und bietet, ohne ihn mit einem Preis zu versehen, ihren Schatz feil, nämlich ihren unerschütterlicher Lebensmut.

Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt, was ich wollte an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein. Das ist nämlich mein Schatz. Mein unveräußerlicher. Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.

Helga Schubert

All dies gelingt über eine absurd nüchterne Ausdrucksweise, ein freies Ausprobieren verschiedener Satzkonstruktionen, kulminiert in einem Polylog zwischen den Generationen, in denen alle irgendwie Tochter, Mutter, Enkelin und Grußmutter zugleich sind und werden, Rollen verwischen, Schmerz geteilt wird, Vorwürfe verblassen, und was bleibt und entsteht, ein solides Netz des gemeinsam Erlebten ist. Sie schreibt stets unter Vorbehalt, im Wissen, dass ihr Schreiben Gefahr läuft, eine Zumutung für andere zu werden. Sie gleicht hierin Christa Wolf und ihrer besonnenen „Kassandra“, einer Sylvia Plath nur ohne Verzweiflung, einer Agustina Bessa-Luis, die das portugiesische Hinterland im Sonnenuntergang freundlich zeichnete, im Wissen, alles könnte gut sein, obwohl es das nicht ist. AutorInnen dieser Art halten den Traum aufrecht, dass Sprache befreit, Brücken schlägt, wo andere Brücken verbrennen, und zwar weil sie auf Schritt und Tritt sich selbst über die Schulter schauen.

Ist es nicht anmaßend, sich so ernst zu nehmen? Woher kommt die Überzeugung, gerade diese Begebenheit könnte auch nur einen einzigen Leser, eine einzige Leserin aufhorchen lassen? Woher kommt die Kraft, um die Aufmerksamkeit dieser anderen Menschen zu bitten, ihre Zeit und ihr Interesse zu beanspruchen?

Helga Schubert

Schubert beantwortete keine Fragen. Sie löst Rätsel durch Wunder. Es gibt Poesie und sie kommt auf Taubenfüßen daher, leise und freundlich, und plötzlich versteht man, ohne das Verstehen zu verstehen. Man versteht und freut sich, verstanden worden zu sein. Am Ende wollte man ihre Geschichte hören, genau ihre und keine andere, und legt dankbar das Buch beiseite, wie man nach einem guten Treffen manchmal beschwingt nach Hause geht, ohne zu wissen und wissen zu müssen, warum.

2 Antworten auf „Helga Schubert: „Vom Aufstehen““

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