Robert Menasse: „Die Erweiterung“

Robert Menasse: „Die Erweiterung“
Erzählen auf der Überholspur … Spiegel Belletristik-Bestseller (44/2022)

Erzählen findet in der Welt statt, und die Welt verändert sich aufgrund von Technologien. So ermöglichte der Buchdruck den modernen Roman, und Don Quijote von Miguel de Cervantes Saveedra gilt als einer der ersten. Es folgten Pamphlete, Almanache, Journale und schließlich Tageszeitungen, so dass Eugène Sue den Feuilletonroman mit Die Geheimnisse von Paris einführen konnte oder etwas später Fjodor Michailowitsch Dostojewski, dessen Schuld und Sühne als Fortsetzungsroman in der Monatsschrift Russki Westnik erschien. Es folgten Groschenromane (u.a. Perry Rhodan, Jerry Cotton), die ihre Spuren hinterließen, insbesondere als Drehbücher und Dialogkurzformen und Hörspielvorlagen, bis heute, in denen Hörbücher ihren Siegeszug angetreten haben. Robert Menasses Die Erweiterung liest sich als ein Konglomerat aus all diesen Einflüssen:

Besprechung ZK mit Ismail Lani. Anwesend: Mercedes, Fate Vasa und der neue Kommunikationschef Valon Bajrami.
Ismail berichtete. Als er fertig war, herrschte Schweigen.
Dann sagte Fate Vasa: Woher weißt du das?
Ich habe Quellen.
Der ZK: Wie zuverlässig sind deine Quellen?
Zu hundert Prozent. Ich rede nicht von Gerüchten, sondern von einem konkreten Plan.
Wer sind deine Quellen?
Hundert Prozent zuverlässig.
Wer?

Robert Menasse aus: „Die Erweiterung“

Menasse setzt Fortsetzungsroman-typische Cliffhanger ein („wer?“), um das Weiterlesen zu sichern. Er verwendet schnelle, kurze, beinahe zu Chiffren kondensierte Erzählformen und Liebes- und Kriminalitätsplots wie Groschenromane („woher weißt du das? Ich habe Quellen.“). Er setzt auf Dialoge und Diskursivität, um die Inszenierung als Hörbuch zu gestatten, und behält den holistischen Blick auf seine Zeit, die er wie die klassischen Romane (Victor Hugo Die Elenden oder Thomas Mann Der Zauberberg) zeitdiagnostisch und -kritisch einzufangen sucht. ZK im obigen Zitat steht für Zoti Kryeministër und verweist auf den albanischen Ministerpräsidenten, ein ehemaliger Basketballspieler, der sich um Albaniens Aufnahme in die Europäische Union bemüht. Die Gerüchte, von denen Ismail, der alte Kommunikationschef des ZK, berichtet, drehen sich um einen gestohlenen, aus dem Wiener Museum entwendeten Helm Skanderbegs, den der ZK als Symbolik für ein Großalbanien inszeniert, auf Anraten seines Beraters und Dichters Fate Vasa, und zwar auf der Jungfernfahrt der SS Skanderbeg:

Wie Sie wissen, wird an unserem Nationalfeiertag der Stapellauf der SS Skanderbeg stattfinden, eine Meisterleistung albanischen Schiffbaus, der Stolz des modernen Albanien, und im Zentrum dieses großartigen Schiffs, im Atrium der Skanderbeg, wird dieser Helm ausgestellt. In einer Vitrine aus Panzerglas. Warum Panzerglas? Na, wir wollen ja nicht, dass es uns so geht wie den Wienern mit ihrer Kopie! (Gelächter.) Die Staats- und Regierungschefs Europas sowie illustre Gäste aus aller Herren Länder werden dieses große Symbol der albanischen Einheit bestaunen können und –

Die Verwicklungen, die sich ergeben, ziehen sich über den ganzen Kontinent. Mit von der Partie, aber unfreiwillig, sind die der Südosterweiterung der EU kritisch-gestimmten Länder wie Ungarn, Frankreich und insbesondere Polen. Das Setting liest sich wie folgt: Zwei Freundespaare, eines aus Polen, eines aus Albanien, die sich gegenseitig misstrauisch beäugen, die sich gegenseitig den Verrat an die früheren Ideale vorwerfen. In Polen Adam und Mateusz, in Albanien Ismail und der namenlos bleibende ZK. Beide Freundschaften zerbrechen an den Erwartungen, die der jeweils sich selbst als schwächer empfindende dem stärkeren gegenüber hegt. Adam ist von Mateusz‘ autokratischen Regierungsstil in Polen enttäuscht, und Ismail von der unberechenbaren, wollüstigen Spontaneität des ZK, der sich nicht festlegen will, noch lassen möchte, die er aber als Pressesprecher stets vor der Bevölkerung in den Medien zu rationalisieren hat:

Und gerade jetzt forderte der Chef [der ZK] bedingungslose Solidarität, blindes Vertrauen in die Weisheit seiner Entscheidungen. Aber er dachte da unten im Hof lieber mit seinem Ball nach, als mit seinem Team und den engsten Vertrauten die Lage zu diskutieren. Das war verrückt. Und er, der gute, der treue Ismail Lani, wird dann hinausgehen müssen, um vor den Medien die Huldigung auf die Weisheit des Chefs aufzusagen.

Verknüpft bleiben diese sehr losen Handlungsstränge darüber, dass Polen im Auftrag der EU eine Balkankonferenz auszurichten hat. Hier kommt nun der Brüsseler Bürokrat aus Österreich Karl Auer ins Spiel, der sich in die Vorsitzende des Justizreform-Ausschusses des albanischen Parlaments, Baia Muniq Kongoli, verliebt, und nach dem Bekanntwerden des Diebstahls seinen Cousin Franz Starek, seines Zeichen Kommissar in der Abteilung Kunstdiebstahl Wien, kontaktiert, dessen nationalsozialistischer Urgroßvater von Adams und Mateusz‘ Väter zur Zeit des polnischen Widerstands ermordet wurden, um ein Massaker zu vermeiden. Menasse zeichnet eine europäische Welt, in der alle mit allen in Verbindung stehen, über Liebschaften, Rache oder andere familiäre Verwicklungen. Um die Komplexität nicht zu groß werden zu lassen, arbeitet Menasse mit Spiegelungen, Dopplungen und sich wiederholenden Schemata, die den Figuren ihre Individualität nimmt. Der analoge Freundschaftszwist zwischen Adam und Mateusz sowie der zwischen Ismail und den ZK wurde bereits angesprochen. Ein anderes Beispiel wären die romantischen Naturen von Karl Auer und Ismail Lani. Von Karl Auer heißt es:

Schon seit langer Zeit spürte er, dass er bereit wäre für Liebe, im Grunde für Familie. Aber wie kann sich ein Mann im steten Bereitschaftsdienst auszeichnen, wenn es nie Alarm gibt? Er war der Mann, der bei älteren Frauen den Impuls auslöste, ihn zu bemuttern, das war manchmal sehr nett, aber perspektivisch nicht vereinbar mit seinem Kinderwunsch. Und jüngere, ja bereits gleichaltrige sahen in ihm einen älteren Herrn, den man höflich grüßte, wenn man ihn im Stiegenhaus traf.

Und über Ismail Lani wird dann später berichtet:

Und Ismail empfand nach der Trennung [von seiner jüngeren Freundin] keinen Liebeskummer, sondern nur eine leichte narzisstische Kränkung. Er versuchte es mit einer älteren, wesentlich älteren Frau. Er merkte, dass er eine gewisse Wirkung auf Frauen ausübte, die seine Mutter sein könnten. Er fragte sich nicht, warum das so war, ob oder warum er den Eindruck eines aus dem Nest gefallenen Riesenbabys machte, das bei manchen Frauen sofort den Wunsch nach Bemutterungsorgien auslöste.

Die romantischen Verwicklungen von Karl Auer und Ismail Lani stellen die zwei wichtigsten Plotentwicklungen bereit. Sie halten das Gefüge zusammen, das vor Irrationalität und Unübersichtlichkeit nur so strotzt, denn die politischen Eliten hängen völlig in der Luft, zumal perspektivische wie strategische oder ökonomische Argumente gar nicht entwickelt werden. Hauptaugenmerk wird auf Albanien gerichtet, das aber alles andere als gut beim Erzähler wegkommt:

Der Bus verließ die Stadt, Ismail sah aus dem Fenster, sah die geschundene Rückansicht seiner schönen Stadt Tirana, voller Striemen, Wunden und Narben. Tankstellen, so viele Tankstellen, zwischen Autohändlern und auch Autofriedhöfen, Gewerbeparks, deren Hallen nie bezogen oder längst wieder verlassen worden waren, Geisterapartmentburgen auf verdorrender Wiese, halbfertige Häuser, Hausskelette, aus denen Betonrippenstahl ragte, Betonflächen ohne erkennbare Bestimmung, Spielkasinos auf Sand gebaut, mit trübem Neongeblinke.

Menasse bemüht sich in seinen Beschreibungen keinerlei Romantik aufkommen zu lassen. Sonnenlicht wird schnell zu einem Spotlight und das Blau in einem Bergsee wird mit einer Tuchfabrik verglichen. Überhaupt hält der Erzähler in Die Erweiterung nicht viel vom Beschreiben. Viele Szenen erscheinen nach bester wienerischer Positivismus-Manier mit Protokollsätzen abgehandelt. Es lohnt nicht, ein Gespräch zu beschreiben, die Mimik, die Gesten, die Gefühle der Sprechenden in Szene zu setzen, die die auktoriale Erzählposition kennen könnte, die Bewegungen, den Raum, das Licht, in welchem das Gespräch unter welchen Bedingungen auch stattfindet, nachzuzeichnen, die besondere Komplexität zwischen Gesagtem und Nichtgesagtem, die nur durch Rhythmus, Betonung, Raffung und Streckung zustande kommen könnte, aufzufangen. In Die Erweiterung liest es sich einfach als:

Der Helm auf diesem Foto ist insgesamt, salopp gesagt, vier Hutnummern größer als das Original, er ist sozusagen für einen anderen Kopf gemacht!
Das heißt? (Huber)
Dass es nicht der gestohlene Helm ist. (Starek)
Genau. (Kratky)

Warum überhaupt noch Namen genannt werden, bleibt fraglich, und am Ende des Romans wird darauf auch auf weite Strecken verzichtet. Es ist schlichtweg unerheblich, wer was sagt. Es geht nur darum, den Plot voranzutreiben, der mitunter im atemberaubenden Tempo in Ein-Wort-Sätzen voranschreitet. Hier nimmt es nun kein Wunder, dass teilweise, im Spiegelungs- und Widerspiegelungsexzess, Szenen sich doppeln und multiplizieren. So heißt es bei einem Meeting mit dem ZK einmal aus Sicht Ismails:

Mercedes drehte sich um, sah Ismail an, der Helm saß schief auf seinem Kopf, war ihm über das rechte Auge gerutscht, mit dem linken zwinkerte er, das war lustig, das war nicht lustig. Mercedes sagte: Er passt dir nicht.
Sie drehte sich um, beugte sich wieder aus dem Fenster.
Spring!, dachte Ismail Lani und ging.

Und wenige Seiten später, während Ismail sich mit seiner Kontaktschwäche und Frauenangst beschäftigt:

Er fand, dass der Schweiß dieser Frau viel zu süß schmeckte, nicht so herb wie der Männerschweiß. Vielleicht war es auch die Mischung aus Schweiß und Parfum, billigem Parfum mit großspurigen französischen Namen, Pomme d’or du paradis, und als sie einmal wegen der gar so schwülen Luft im Zimmer das Fenster öffnete, sich hinauslehnte und tief atmete, dachte er: Spring!

Empathie und Freundlichkeit den Figuren gegenüber wird in Die Erweiterung nicht großgeschrieben. Fast wortwörtliche Dopplungen finden sich auch bei der Beschreibung von Drogenschmuggelrouten:

Von Albanien kommt das Marihuana nach Europa, und von Italien kommt das Kokain nach Albanien, das von dort auf dem Westbalkan und auf den Märkten von Osteuropa verteilt wird. Das ist die so genannte blaue Banane, sagte Hagenbeck. Das Koks kommt aus Lateinamerika in den Benelux-Häfen an und wird von dort auf einer europäischen Haupttransitroute, die auf der Europa-Karte blau eingezeichnet ist und die Form einer Banane hat, nach Italien transportiert.

Und etwas weiter:

Albanien ist der größte Cannabis-Produzent Europas, das Cannabis kommt mit Schnellbooten und zum Teil sogar mit den Fähren herüber nach Italien und wird von dort auf Europa verteilt. Umgekehrt kommt von den Benelux-Häfen das Kokain aus Lateinamerika über die blaue Bananenroute nach Süditalien, dann über die Häfen von Brindisi und Bari nach Albanien, von wo der gesamte osteuropäische Raum beliefert wird.

Offenkundig geht das Erzählen von einer äußerst minimierten Aufmerksamkeitsspanne des Publikums aus. Es muss bei Laune gehalten werden, und dies geschieht durch willentliche Informationsaussparung. Zwischen Teaser und Liebesaffären hangelt sich das europäische Komplott zum Höhepunkt auf der Dampferfahrt durch. Die unverbindliche Erzählhaltung gleicht sehr Orhan Pamuks aus Die Nächte der Pest. Sie versucht nicht, mit der selbsterzeugten Komplexität durch Geduld und Detail zu Rande zu kommen. Sie wirft sie einfach über Bord und genügt sich in Selbstironie. An entscheidender Stelle, etwa zur Mitte des Romans, wird der albanische Schriftsteller Ismail Kadare zitiert:

Beschreiben, so Kadare, erhebe den größten Anspruch an Objektivität, Authentizität und Erkenntnis und leiste doch nichts davon. Es sei bloß ein tautologischer Akt, der das, was der Leser ohnehin schon wisse und kenne, vorführe. Man könne einen Wald, aber auch einen Radiergummi, nur zum Beispiel, mit extremer Genauigkeit und sachlichem Blick auf zehn oder gar fünfzehn Seiten beschreiben – es gebe Autoren, die das können und es für kühn und besonders gekonnt halten –, aber am Ende wisse der Leser nur, was ihm nie ein Rätsel gewesen sei: Das ist ein Wald, oder das ist ein Radiergummi.

In Die Erweiterung geschieht genau dies. Die Erzählposition geht davon aus, dass das Publikum bereits alles wichtige weiß. Es weiß um die Problematik der EU-Südosterweiterung. Es weiß um die EU-nonkonformen polnischen Justizreformen. Es weiß Bescheid über den Drogenhandel, die Religionskonflikte, über den Kosovo-Konflikt, über die europäischen Werte und die Flüchtlingsproblematik. Warum diese also beschreiben? Das Gegenteil von Beschreiben lautet, so Kadare, Erzählen. Erzählen beschwöre die Essenz des Geschehens hervor. Es bleibe nicht an der Oberfläche stehen, sondern dringe tief in die Wahrheit der Wirklichkeit ein:

Der Erzähler aber zeige nicht die Oberfläche, sondern setze das Wesen ins Bild, halte nicht nur den Moment fest, sondern lasse ihn fließen, vom Grund zur Wirkung. Erst der Anspruch des Beschreibens habe das Unbeschreibliche zur Welt gebracht, während wir alles erzählen können, letztlich auch das Unbeschreibliche.

Das Unbeschreibliche in Die Erweiterung tritt als Chaos, als die Unübersichtlichkeit der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit auf und läuft von der ersten Seite aus auf eine Katastrophe hinaus. Das Problem an dieser Art des essentiellen Erzählens besteht im Fehlen jedweder verbindlichen Details. Selbst eine Satire bedarf einer gewissen Plausibilität. Erzählen lässt sich aber alles und jedes, und je weniger beschrieben wird, desto weniger bettet sich das Erzählte in eine Welt, der das Publikum Vertrauen entgegen zu bringen vermag. Das Vertrauen wird auf Seiten der Erzählposition aufgekündigt und soll sich als Fabel und Moral verwandeln. Offenkundig lautet sie, dass es schlecht um die EU steht, nur stärkt ihr keine Geschichte den Rücken. Sie steht allein und nackt vor dem Publikum, und nicht ohne Grund bildet das zentrale Dilemma der Figur Ismails, dem Pressesprecher, die eigene Scham:

Und schon schämte er sich für dieses Wort. Alien. So verächtlich redet man nicht über einen Menschen, selbst bei all den Differenzen, die er mit ihm hatte. Mercedes gab keine Antwort. Das passierte Ismail immer öfter: dass er sich schämte, für das, was er spontan sagte oder tat oder wenn er sich daran erinnerte, was für Dummheiten oder Gemeinheiten er schon begangen hatte, unüberlegt, verbissen, aggressiv. Er hatte lange Zeit geglaubt, dass dies zum Handwerk gehöre, Symptome glühenden Engagements wären, aber jetzt glühte nur noch die Scham.

Leider geht der Text diesem Gefühl nicht auf den Grund. Er hat sich selbst der Mittel dafür beraubt, indem er statt den Details der Essenz nachspürt. Der österreichische Robert Menasse stellt sich in die Tradition von Georg Lukács, Ernst Bloch und der Frankfurter Schule, von denen aber alle den Details und dem Beschreiben größte Aufmerksamkeit entgegengebracht haben. Die Absurdität wird vor allem deutlich, sobald das Erzählen und Beschreiben aus Die Erweiterung mit der Konzeption eines Theodor W. Adornos aus der Frankfurter Schule verglichen wird:

Österreichisch aber war noch sein Korrektiv [Gustav Mahlers] gegen die österreichische Tradition: Mozart, in dem der einheitsstiftende Geist und die unbeschnittene Freiheit der Details sich zusammenfinden. Daher wohl das hommage à Mozart am Anfang der Vierten. Asymmetrie und Unregelmäßigkeit der Einzelgestalten wie der Komplexe, oft auch des Formganzen, sind nicht Zufälle des Mahlerschen Naturells, sondern notwendig aus der epischen Intention. Sie liebt das nicht schon Eingeplante, nicht Veranstaltete, das, dem keine Gewalt widerfährt, und dort, wo sie ihm bereits widerfuhr, die Abweichung.

Theodor W. Adorno aus: „Mahler. Eine musikalische Physiognomik“

Das „nicht schon Eingeplante“ findet sich in den überraschenden, Einheit stiftenden Entdeckungen während eines Schreibens, das sich nicht blind seinem eigenen Plan überlässt. Robert Menasse vertraut jedoch dem Reißbrett mehr als der epischen Intention, und zwar ganz gemäß seines Traktates Phänomenologie der Entgeisterung aus dem Jahr 1995:

Ziel dieser Arbeit ist es, solch ein Fragment zu werden, das alles in dieser Arbeit Fehlende als austauschbar für das Bewußtsein und als ebenso beliebig erahnen läßt, wie die Erscheinungsform des hier Beschriebenen, ein solcher Torso, den das Prinzip und die Konsequenzen des Abhandenkommens seiner vorausgesetzten Ganzheit mehr interessiert als das je (dieser Arbeit) konkret Abhandengekommene. Daher auch das Motto, das dieser Arbeit vorangestellt sein soll:
Wer soll das lesen.

Robert Menasse aus: „Phänomenologie der Entgeisterung“

Der Roman Die Erweiterung liest sich in der Tat als Torso, den das Prinzip tatsächlich mehr zusagt als das konkret Abhandengekommene, nämlich die Freuden, Schmerzen und Leiden und das Glück der konkreten Individuen, die erzählt zu werden verdienen. Im Vergleich mit dem Motto aus der Phänomenologie der Entgeisterung liest sich Robert Menasses neuester Roman also als konsequente Vollstreckung eines vor Jahrzehnten bereits beschlossenen Verdikts gegen das Erzählen als kommunikativ-poetisches Projekt.

11 Antworten auf „Robert Menasse: „Die Erweiterung““

  1. Das klingt nach einer anstrengenden und wenig empathischen Lektüre, aber für mich ist es durchaus auch wertvoll zu wissen, dass dieses Buch wohl eher nichts für mich ist. 😉
    Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag!

    1. Liebe Barbara, ich glaube auch nicht, dass das Buch etwas für dich ist. Es ist eher sehr pessimistisch, wenig glücksstrahlend, wenig hoffnungsvoll. Es liest sich trotz seiner Länge sehr schnell, weil sehr sehr Vieles passiert, aber im Grunde eben nichts wirklich Gutes. Das Buch wirft viele Fragen auf (es hat etliche Fragezeichen), ohne das Zustandekommen dieser Fragen eingehend zu untersuchen. Sigrid Löffler hat es als einmal als Unhöflichkeit gegenüber der Leserschaft bezeichnet, Erzählungen und Konflikte nicht auszutragen. Ich bin tatsächlich etwas verdattert zurückgeblieben. Es ist also nichts, wie du einmal geschrieben hast, gegen marode Gedanken 🙂 also hat es auf deinem wunderbaren Blog auch gar nichts zu suchen!! Viele Grüße und einen hoffentlich weiterhin schönen Sonntag zurück!!

  2. Danke mal wieder, Ich habe mir gleich zwei Zitate rausgeschrieben, um sie zu überdenken. Im einen geht es um die „Beweise“ (ich habe gestern in meinem Welttheater die Rolle des „Fragens nach Beweisen“ hinterfragt), im anderen geht es um das Beschreiben vs Erzählen.Ich denke da an Homer, der beides in großartiger Vollkommenheit tut, Denn auch er kann zwar bei seinen Lesern die Kenntnis des Stoffs voraussetzen, verzichtet aber dennoch nicht darauf, ihn in großer Detailfreudigkeit vor Augen zu führen.

    1. Dein Welttheater werde ich gleich im Anschluss besuchen. Ich mag es sehr. Schön, dass dir die Besprechung zusagt – es ist stets eine Herausforderung für mich, die Texte mit offenem Visier zu besprechen, die Wirkung entfalten zu lassen, zu sehen, was herauskommt. Das Erzählen vs. Beschreiben hat mich auch interessiert. Ich habe den Aufsatz von Kadare noch nicht gefunden. Werde dies ggf. nachreichen. Zum Beweisen gibt es sehr viel zu sagen, Menasse hat da eine sehr freie Interpretation, wie der folgende Abschnitt zeigt:

      „Ein Mann mit einem Gewicht von 85 Kilo fällt bei einer Tiefe von 200 Metern 7,28 Sekunden lang. Das ist sehr lange. Auch wenn man wegen der Beschleunigung durch das Gewicht des Rucksacks eine gute Viertelsekunde abziehen kann. Es ist ewig.“

      Ich habe überlegt, was das für ein Ewigkeitsbegriff ist, hab’s dann schnell sein gelassen. Aber was beweisen die Zahlen, wenn er nicht angibt, worauf sie sich beziehen? Was soll das demonstrieren? Da er Luftwiderstand nicht erwähnt, den Auftrieb, frage ich mich, weshalb er das Gewicht überhaupt benennt – üblicherweise wären es dann auch 6,39 Sekunden (ohne Auftrieb). Und mit einem Luftwiderstandskoeffizienten von 0.24 kg/m, wären es immer noch nur ziemlich genau 7 Sekunden. Irgendwie passt da gar nichts. Wieso diese höchstpräzisen Zahlen? Ich verstehe das nicht. Die Frage des Beweisens stellt sich offenkundig bei einem Text, der über reale Verhältnisse spricht, als wären es erfundene, indes Lukrez und Herodot u.a. über Reales sprechen, als wären es Wunder. Mir ist das letztere lieber!! Viele Grüße und nun gehe ich ins Welttheater!

  3. Menasse IST anstrengend als Autor und offenbar auch als Person. Ich erfreue mich immer wieder an den kleinen Seitenhieben, die seine Schwester, Eva Menasse in Richtung ihres älteren Bruders austeilt. Den Brüssel-Roman habe ich gerne gelesen, an anderes habe ich mich (noch) nicht angenähert.
    Über die Frage Erzählen vs Beschreiben muss ich mich immer wundern. Kommt denn das eine ohne das andere aus?

    1. Mir hat „Dunkelblum“ von Eva Menasse auch vielmehr gefallen. In seinen frühen Jahren war Robert Menasse selbstironischer und witziger, empfand ich, also mit „Selige Zeiten, Brüchige Welt“, eine Welt voller Studenten, Seminare und Konferenzen, da passt er gut hinein und besaß eine gewisse Fröhlichkeit am Fabulieren. Davon ist in „Die Erweiterung“ überraschend wenig übrig geblieben. Du sagst aber „Die Hauptstadt“ lohnt sich? Hast du dazu geschrieben? Ich weiß, ich könnte suchen 🙂 Guten Wochenstart und Danke für die Anregung, vielleicht ist der erste Teil ja überzeugender!

      1. Nein, ich habe nichts über die Hauptstadt geschrieben. Ist auch schon eine Weile her, dass ich es gelesen habe, aber es ist mir in guter Erinnerung geblieben. Es hat keine dramatische Schwere sondern streckenweise eine Leichtigkeit, die mir gefallen hat Es gibt da eine Art Leitmotiv, Musik, die durch die Stadt zieht, an sehr viel mehr kann ich mich leider nicht erinnern

      2. Es ist schon lange her, dass ich es gelesen habe. Es ist mir in guter Erinnerung geblieben. Es hat keine dramatische Schwere sondern streckenweise eine angenehme Leichtigkeit. Ich erinnere mich an eine Art Leitmotiv, Musik, die durch die Stadt treibt ….. aber das war es dann auch schon. Nein, ich habe nichts darüber geschrieben …

    2. Ach so zum Erzählen vs. Beschreiben. Ich weiß tatsächlich nicht, wie das von Kadare und Menasse unterschieden wird – sie geben kein Kriterium an. Vergleiche ich aber Musil mit einem Krimi, bspw. Raymond Chandler, so ist es schon so, dass die Handlung bei diesem stets schneller vorangetrieben wird, indes jener seitenlang bei der Beschreibung wie der anfänglichen Wetterlage stehen bleibt. Claude Simon behauptet jedoch, dass im Beschreiben die Handlung sich weiterträgt. Am Ende wird wieder etwas auseinandergerissen, was, wie du sagst, zusammengehört – ein bisschen Leib-Seele-Problematik, wohin der Blick auch schweift 🙂 trotzdem halte ich die Augen auf, vielleicht trage ich mal etwas zum Thema zusammen!

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