Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“

Ein Roman, der keiner sein will … Spiegel Bestseller 14/2022

Der neue Roman von Orhan Pamuk, Literaturnobelpreisträger aus dem Jahr 2006, bewegt sich in einem vieldiskutierten und mehrdimensionalen Spannungsfeld: Er thematisiert wie Emine Sevgi Özdamar in Ein von Schatten begrenzter Raum das Zusammenleben von Griechen und Türken auf den Inseln der Ägäis. Er geht den Tiefen und Untiefen einer Pandemie nach und gleicht in vielerlei Hinsicht Steffen Kopetzkys Monschau. Er untersucht außerdem die Liebe und die Probleme, die sich in der Fremde ergeben, wie Leïla Slimani in Das Land der Anderen. All dies und mehr, nämlich auch Reflexionen über Geschichtsschreibung als solche, verhandelt Die Nächte der Pest mit dem Nacherzählen der Ereignisse auf Minger im Jahre 1901, einer fiktiven Insel im Mittelmeer, die Pakize Sultan, Nichte des damals amtierenden Sultans des Osmanischen Reiches Abdülhamid II., und ihr Ehemann und Quarantänearzt Doktor Nuri besuchen:

Noch vor der Gründung von Arkaz sei vor der Bucht ein Schiff auf einen Felsen aufgelaufen, und die Menschen, die sich ans Ufer gerettet hätten, seien die Vorfahren der heutigen Mingerer gewesen. Die Insel habe ihnen sehr gefallen, mit ihren Felsen, Quellen, Wäldern und dem Meer, und sie hätten sie sich als neue Heimat auserkoren. Damals habe es in den Flüssen noch grüne Äschen und rot gepunktete Krebse gegeben, in den Wäldern seien farbene Störche und blaue Schwalben geflogen, die im Sommer nach Europa zogen.

Orhan Pamuk aus: „Die Nächte der Pest“

In diesem Minger bricht die Pest aus. Niemand weiß weshalb, noch weiß man, wie sich die Krankheit ausbreitet, ob über Ratten, über die Luft, ob über Speichel oder übers Wasser. Am Anfang will niemand die Seuche wahrhaben, und Doktor Nuri muss viel Aufklärungsarbeit leisten, um die Pest endlich einzudämmen. Erst als die Seuche grassiert und über fünfzig Menschen am Tag sterben, geben sich die rebellischen und eigenwilligen Inselbewohner geschlagen und akzeptieren die Maßnahmen, ernennen Pakize zur Königin und Doktor Nuri zum Ministerpräsidenten des mehr unfreiwillig denn freiwillig nach Unabhängigkeit strebenden kleinen Inselstaates. Die Krise erzeugt Konflikte zwischen den Christen und Muslimen, zwischen den Griechen und den Türken und führt zu einem Putsch und Gewaltstreich nach dem anderen. Pamuk inszeniert auf seiner Insel ein Shakespearesches Sterben und Sterben lassen à la King Lear, das zwar nicht alle trifft, aber jeden und alle in seinen Bann und in die Paranoia zieht:

 Pakize Sultan schreibt in ihren Briefen aufs Trefflichste über die Atmosphäre in der Stadt, über ihre Empfindungen, über den Hafen, den modrigen Meeresgeruch und das Licht der wenigen Laternen, die überhaupt noch brannten. Wer liest, wie die beiden [Pakize und ihr Ehemann] sich im Bett angstvoll aneinanderschmiegten und auf die Geräusche aus der Stadt und das Rauschen der Wellen horchten, ohne Schlaf zu finden, der begreift, was es bedeutet, in schlafloser Todesangst Tränen zu vergießen.

Die Erzählanlage, die klarer nicht sein könnte, eine Nichte des Sultans reist auf eine Insel und wird Zeuge einer menschlichen Katastrophe, die ihr Ehemann mit allen Mitteln der modernen Medizin zu bekämpfen sucht, verkompliziert sich von Anfang an. Der Roman Die Nächte der Pest versteht sich nämlich als Vorwort zu einer ungekürzten Herausgabe der Briefe von Pakize Sultan. Diese fiktiven Briefe bilden das geheime Zentrum des Romans. Aus ihnen werden die Ereignisse rekonstruiert. Nacherzählt werden diese nun aber nicht von Orhan Pamuk selbst, sondern von einer in Cambridge studierten Historikerin mit dem Namen Mîna Mingerli, die wenig verwunderlich nach etwa Zweidrittel des Buches bekennt, aus Minger zu stammen und Nachfahrin von Pakize Sultan zu sein:

Manchem Leser wird nicht entgangen sein, dass ich für Pakize Sultan und Doktor Nuri mehr Verständnis aufbringe als jeder andere. Nun, ich bin die Urenkelin der beiden. Und da ich meine Doktorarbeit an der Universität Cambridge über die Inseln Kreta und Minger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschrieben habe, versteht es sich fast von selbst, dass die Herausgabe von Pakize Sultans Briefen an mich herangetragen wurde.

Es handelt sich also zudem noch um die Autobiographie und einen Selbstfindungsprozess von Mîna Mingerli, die entfremdet von ihrer Heimat, in der Ferne ihr Dasein fristet, weil man der Familie die Rückkehr nach Minger aufgrund von Grundbesitzstreitigkeiten verweigert. Zudem kennt Mîna noch Orhan Pamuk, der wie sie großer Freund der Geschichtsschreibung ist und sich ebenfalls für die Revolution auf Minger interessiert:

Die völlig zerschossene Kutsche, die über keinerlei Panzerung verfügte, ist heute zusammen mit den Revolvern der Mörder, die gefasst und gehenkt wurden, im Kriegsmuseum in Harbiye ausgestellt. Wie der geschichtsversessene Schriftsteller Orhan Pamuk mir einmal verriet, pflegte er das keine fünf Minuten von seiner Wohnung in Nişantaşı entfernte Museum eine Zeit lang jede Woche zu besuchen.

Die Struktur von Die Nächte der Pest ist überaus komplex. Nicht nur kennt man nicht die wahren Begebenheiten auf Minger. Man kennt auch nicht die Zeugenberichte der Pakize Sultan, denn die Briefe, die die Autorin herausgibt, bekommt man im Roman nicht zu Gesicht, nicht einmal häppchenweise. Man bekommt die Ereignisse also aus dritter Hand beschrieben, und eigentlich sogar aus vierter, denn Orhan Pamuk selbst verbleibt als lachender Vierter hinter der Maske des befreundeten Mitinteressierten, nicht als der, der er ja ist, als eigentlicher Autor, der hinter den Kulissen an den Fäden zieht und beschlossen hat, die Sache auf Minger noch weiter zu komplizieren. Der Plot wird nämlich noch um einen Kriminalfall ergänzt, den die Pakize Sultan, selbsterklärtermaßen, im Stile von Sherlock Holmes aus ihrem Burgzimmer heraus zu lösen versucht. Es gilt, den Mörder von dem weltberühmten Quarantänearzt Bonkowski Pascha zu finden. Die Autorin wird sich alsbald ihrer Herkulesaufgabe bewusst:

Um zu beschreiben, was für eine Hoffnungslosigkeit sich Mitte Juni der Stadt [Arkaz] bemächtigte, müsste man nicht Historikerin und auch nicht Schriftstellerin sein, sondern Dichterin! Es war eine Hoffnungslosigkeit, die die Menschen davon abhielt, aufzupassen, nachzudenken, Maßnahmen zu ergreifen. Ein Gefühl, es sei sowieso alles zu spät. Man starb vielleicht nicht sofort, war aber auf der Insel gefangen, und irgendwann würde der Tod einen erwischen.

Es handelt sich offensichtlich bei Die Nächte der Pest um einen Schelmenroman. Der Autor zieht sich die Narrenkappe tief ins Gesicht, greift in die Zauberkiste und baut mit großem Brimborium ein Luftschloss nach dem anderen auf, nur um es gleichdarauf wieder einzureißen. So richtig schlau wird man nämlich aus den Beschreibungen nicht, die vielleicht den Brechtschen Verfremdungseffekt (V-Effekt) zu wortwörtlich genommen haben. Im Kleines Organon für das Theater schreibt Bertolt Brecht:

Eine verfremdende Abbildung ist eine solche, die den Gegenstand zwar erkennen, ihn aber doch zugleich fremd erscheinen lässt. Das antike und mittelalterliche Theater verfremdete seine Figuren mit Menschen- und Tiermasken, das asiatische benutzt noch heute musikalische und pantomimische V-Effekte. Die Effekte verhinderten zweifellos die Einfühlung […]

Bertolt Brecht aus: „Kleines Organon für das Theater“, Schriften Bd. 5

Und in der Tat, von Einfühlung kann in Die Nächte der Pest nicht die Rede sein. Stil und Duktus bleiben weit entfernt, dokumentarisch, räsonierend und unsicher. So richtig nämlich weiß sich Mîna Mingerli keinen Reim auf die Ereignisse zu machen, zumal sie als Historikerin weiß, dass sie sich bei der Darstellung und Rekonstruktion vergangener Ereignisse nur auf Quellen berufen kann, deren Authentizität sie jedoch nicht zu beweisen vermag. Plausibilität ließe sich über Konsistenz und Kohärenz erzeugen, nämlich die Details aus einer einzigen Erzählperspektive aufzurollen. Gegen diese Variante entscheidet sie sich jedoch von Anfang an gleich nachdrücklich:

Damit ein Roman von Charakter und Form her nicht so sehr eine persönliche Geschichte, sondern Geschichte an sich darstellt, ist es bestimmt von Vorteil, wenn er aus mehreren Perspektiven erzählt wird. Dennoch teile ich die Auffassung des großen Henry James, des femininsten aller männlichen Autoren, laut dem es für die Glaubwürdigkeit eines Romans am besten sei, alle Details würden aus der Perspektive einer einzigen Figur geschildert. Da es sich hier aber um ein Geschichtsbuch handelt, habe ich mich an die Regel der einzigen Perspektive nicht immer gehalten.

Orhan Pamuk aus: „Die Nächte der Pest“

An diesem Zitat lassen sich nun viele Stilblüten von Die Nächte der Pest aufzählen. Zum einen strotzt das Buch vor „damit“, „da“, „dagegen“, „dafür“, „dazu“, „darauf“ und so weiter. Fast jeder Satz wird kausaltechnisch und formallogisch, also äußerlich nicht inhaltlich, an seinen Vorgänger gehängt. Im obigen Zitat beispielsweise durch „damit“, „dennoch“, und „da“ – ein Erzählfluss entsteht nicht. Es verbleibt in einer etwas biederen Nacherzählkunst, die die Folge und Multiplizität der Ereignisse in das Prokrustesbett einer imaginierten Kausalität zwingt, statt die multiperspektivischen Beobachterwechsel ernstzunehmen, die im obigen Zitat anklingen, um der Geschichte „an sich“, was immer das ist, näher auf den Pelz rücken zu können. Von diesem harten, fast steinernen und ungelenken Schreibstil abgesehen, schafft es Pamuk stets und fast in jedem Satz, Details anzubringen, die überhaupt nichts mit dem gerade Beschriebenen zu tun haben, wie der Ausflug in männliches und weibliches Schreiben, ohne näher darauf einzugehen, was er damit meinen könnte. In einem anderen Beispiel stellt sich diese Authentizität selbst ein Bein:

Die im letzten Kapitel geschilderten Ereignisse sind in die Geschichte Mingers als »Überfall auf das Telegrafenamt« eingegangen, was missverständlich klingen könnte, da es sich um ein Postamt handelte, doch da das Ziel des Unterfangens nicht das Postamt an sich, sondern spezifisch der Telegrafendienst war, ist die Benennung nicht gar so falsch. Heutzutage herrscht die Meinung vor, dass jener Vorfall damals als Beginn eines »nationalen Erwachens« auf der Insel gelten darf.

Der absurde Stil zeitigt wieder ein „da“ und „da“ und „damals“. Irritierender jedoch ist, dass eine Meinung vorherrscht, die einer Meinung stattgibt, nämlich in den Ereignissen das Erwachen eines Mingerischen Nationalgefühls zu sehen. Die Ereignisse können also als nationales Erwachen gewertet werden oder eben nicht. Ob die Mehrheit der Mingerschen Bevölkerung dies nun so sieht oder nicht, bleibt völlig offen. Pamuk folgt hier radikal in seinem Schreiben dem Brechtschen Diktum, das dieser für die Schauspielerei forderte:

Um V-Effekte hervorzubringen, musste der Schauspieler alles unterlassen, was er gelernt hatte, um die Einfühlung des Publikums in seine Gestaltungen herbeiführen zu können. Nicht beabsichtigend, sein Publikum in Trance zu versetzen, darf er sich selbst nicht in Trance versetzen.

Bertolt Brecht: „Kleines Organon für das Theater“

Pamuk transponiert diesen V-Effekt auf die schriftstellerische Illusion, Reales zu beschreiben, dem Realen Ausdruck zu verleihen. Er bekämpft in Die Nächte der Pest diese Illusion mit allen Mitteln. Nichts ist klar. Nichts ist verstanden, und unter der Last der Forderung, Wirklichkeit zu beschreiben, zerbricht ihm die Sprache und trudelt vor sich hin. Von Narration kann über weite Strecken nicht mehr die Rede sein. Der Text wiederholt immer wieder, wie diverse Figuren in der gepanzerten Landauer-Kutsche über die Insel fahren, Liebe in Zeiten der Pest verspüren, unter der Quarantäne leiden, aber nicht aus dem Teufelskreis entkommen können. Das ganze Buch liest sich wie eine riesige, ausufernde Datenansammlung, deren Stoff Urheberin und Urheber nicht mehr anders als durch Tautologien zu bewältigen wissen:

Sein [des Scheichs] Kopf war voll der mystischen Geheimnisse, die in jedem Wort, jeder Zahl und natürlich jedem Buchstaben einen tieferen Sinn fanden. Und wie es einem so ergeht, wenn man zu viel in solchen Büchern stöbert, sah er bald überall Geheimnisse und besondere Wörter.

Ein Kopf voller Wörter und Geheimnisse sieht überall nur Wörter und Geheimnisse. Das Narrenspiel fällt nicht auf die Füße. Es fällt ins Bodenlose. Man weiß nicht, ob es an der Übersetzung oder dem gewollt sperrigen Inhalt liegt, aber manche Sätze, Passagen, manche Gedanken lassen sich kaum enträtseln und entkonfusionieren. Pamuk lässt keinen Stein auf dem anderen. Er durchwühlt und untergräbt beinahe avantgardistisch jedes Sprachgefühl, bricht mit Konventionen, lässt Logik und Grammatik ins Leere laufen und holpert und stolpert einer Sinngebung entgegen, die, kaum ist sie in Reichweite, jäh in sich zusammenbricht und wie eine Fata Morgana in Luft auflöst. Leider bleibt dabei das Buch auf der Strecke. Am Ende steht man mit leeren Händen da. Weder hat man etwas über Minger noch über die Pest noch über die Pakize Sultan oder ihren Ehemann erfahren. Es verblieb eine leere und leider nicht immer fröhliche Fahrt durch ein fiktives Minger, von dem weder die Verfasserin noch der Verfasser selbst etwas Klares zu berichten weiß.

Orhan Pamuk gelingt es, die Literatur von jeglicher Verbindlichkeit zu befreien. Er zerstört in Die Nächte der Pest jede Erwartungshaltung und jeden Sinnhorizont und hinterlässt eine Fiktion in Trümmern, die weder sich noch ihren Figuren über den Weg traut. Sie bezeugt einen Sprach- wie Sinnverlust, die ans Verstummen grenzen, wären da nicht die kleinen Seitenhiebe und Passagen, die Pamuk hineinstreut und angesichts des lieblosen Stils nur noch wie Schadenfreude wirken.

tldr; eine Kurzrezension findet sich hier.

4 Antworten auf „Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest““

    1. Liebe Christiane, vielen Dank für das Feedback. Ich überlege gerade, den WordPress-Blog als Announcer für mein read2write.org zu verwenden. Ich bin mir nicht sicher, will ja auch die Welt nicht mit Dupletten vollspammen. Im Gründe wünsche ich mir ja nur fröhlichen und lebendigen Austausch über die Gegenwartsliteratur und diese Blog-Paradoxien machen mich schwindlig 😀 … du hast mir sehr geholfen. Das https-Problem taucht auf Android-Smartphones auf. Ich bin überfragt. Ich werde mal für die Etüde-Proben. Hier leuchtet endlich die Sonne nach einem langen Arbeitstag! Dir einen fröhlichen Feierabendanfang!! Und viele Grüße.

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