Wolfgang Schiffer: „Ich höre dem Regen zu“

Ich höre dem Regen zu von Wolfgang Schiffer
Ich höre dem Regen zu von Wolfgang Schiffer.

Angesichts einer etwas zerbröselnden Weltstimmung scheint der Roman viel weniger geeignet als die Lyrik, um Weltscherbenlese zu betreiben. Wolfgang Schiffer verarbeitet in Ich höre dem Regen zu vor allem den Angriff der russischen Armee auf die Ukraine und die verblassende Hoffnung auf das vermittelnde Wort. Er setzt hiermit thematisch fort, was in Dass die Erde einen Buckel werfe angeklungen ist, nämlich den erhofften Widerstand des Lebens gegen den Untergangs- und Todeswillen der Menschen, der Traum, ein anderer Mensch könne folgen und friedlicher mit dem Weltall zusammenleben:

Die Pappeln würden weiter stehen und wachsen,
die Winde würden wehen, die Blumen blühen,
jedem Sommer, der Herbst, der Winter,
ein Frühling und ein neuer Sommer folgen,
jeder Nacht ein Tag und eine neue Nacht.
Und ich schließe für einen Augenblick die
Augen und denke: und mir ein anderer Mensch.

Wolfgang Schiffer aus: „Ich höre dem Regen zu“

Thema/Motiv/Stil:

Die Überschriften von Wolfgang Schiffers Gedichtsammlung lauten: „Sie weinen sie“, „Es sind die kleinen Dinge“, „Das Dunkel der Nacht“, „Schmerz vielerlei Schmerz“ und „Anderenorts, ganz nah“. Hieraus ergibt sich als Thema das Wandern, das Hinsehen, die Rückkehr, das Hin- und Mitfühlen, aber vor allem die Frage, inwiefern überhaupt der Schmerz des Anderen (auch der Dinge, der Tiere, der Planeten) in seinem vollen Umfang nachgefühlt zu werden vermag. Das Andere steht für das Außen, für die Nichterinnerung, für das Nichtfühlen, das dennoch als Anwesenheit erlebt und nachempfunden wird:

Ich will schreien, schreien wie die Verwundeten,
die Kinder, die Väter, die Mütter, die Kinder,
die Mütter, die Väter verloren, schreien […]
nur schreien, laut, laut und doch –
kein Ton, nichts! Nur der Atem wird flach, setzt aus.
Ach, Mensch, wenn du doch endlich aufhörtest,
Schlachter zu sein, dem andere Schlachtvieh sind.

Es gibt viele innertextliche Beweggründe, weshalb der Schrei dem lyrischen Ich nicht über die Lippen kommt. Es sind nicht seine Schmerzen. Er antizipiert sie. Er weiß von ihnen, aber sie prägen sich ihm nicht unmittelbar ein. Er sieht die Spuren der Vernichtung, die Ankündigungen im Äther, der von eisernen Militärflugzeugen durchzogen wird, von Kondensstreifen gezeichnet, ein Brummen, ein Knallen auf die Erde werfend, sobald der Schallkegel durchstoßen wird und den Frieden des blauen Himmels zerstört. Seine Sprache bleibt betont schlicht, präzise, zurückhaltend. Schiffer geht nicht mit Schwung an den Schmerz, sondern behutsam, umkreist die Trauer, die lastenden Eindrücken mit stillen, bescheidenen Begriffen:

Und dann höre ich dich [den Freund] summen,
tonlos beinahe, doch atemwarm,
wie eine Mutter dem Kind
summt gegen die Angst.

Statt Determinativkomposita verwendet Schiffer dieselbe Form bei Adverbien und Adjektiven, zieht sie zu einer neuen Eigenschaft zusammen, so dass das Summen physisch verstärkt, in der Nähe, Vertrautheit, als „atemwarm“ beschrieben wird, oder das Sehen sich als „farbensicher“ verstärkt und Mut zuspricht, Dinge in ihrer Brillanz wahrnehmen zu können. Typische Gattungsmerkmale wie Appositionen, Rekurrenzen stehen neben der akzentuiert-gestanzten, umgebauten Grammatik, die dem Vorwurf an die Menschen ob ihrer Gewalttätigkeit nicht die Schärfe, aber dessen, wohlmöglich aufgefassten, autoritären Charakter abmildert. Schiffer will nicht von oben herab belehren. Er will aufzeigen:

Auf dem Gipfel unserer Dummheit siegt
die von uns selbst geschaffene künstliche
Intelligenz und folgert in finaler Konsequenz,
dass es unserer nicht länger bedarf.

Diese Form der Lyrik reimt sich nur selten. Sie steht der Hymne und der Ballade gleich weit entfernt und nähert sich dem Umgangston. Wortstellung wie Wortverwendung nehmen ihr aber bewusst jedweden manipulativ-rhetorischen Charakter. Der lyrische Ton lädt eher zum Nachdenken, zum Nachvollzug ein und fällt nicht mit der Tür ins Haus, selbst wenn Themen wie die künstliche Intelligenz angeschnitten werden. Die lyrische Verfremdung der Sprache deeskaliert die Problematik des Gegenstandes, ohne diesem einen versöhnlichen Unterton zu verleihen. Vielmehr kommuniziert die Lyrik eher über die symbolische Ebene hinaus mit dem geneigten Gefühl:

in meinem Land:
Ich reise in eine Zukunft,
wo Wasser das Leben nicht erstickt,
Feuer nicht die Erde verbrennt
und Vögel nicht fliehn.

Niemand soll mehr fliehen müssen. Das lyrische Ich versteht jedoch, dass das (noch) ein Wunschtraum zu bleiben droht, und bemüht sich, diesem Wunschtraum freundliche Worte an die Seite zu stellen. Das ganze Schlachten soll enden, und hier schließt Schiffer an die diesjährige Nobelpreisträgerin für Literatur Han Kang an, insbesondere an ihren Roman Die Vegetarierin, die immer weniger isst, sich am Ende nur noch von Licht und Wasser ernähren möchte, um dem Schlachten, dem Bluten, dem Töten, zumindest hochindividualisiert ein Ende zu bereiten:

 »Weißt du, wie ich darauf gekommen bin [dass Bäume verkehrtherum stehen]? In einem Traum! Ich mache einen Kopfstand. Blätter wachsen aus meinem Körper, und meine Hände schlagen Wurzeln. Ich verschmelze mit der Erde, endlos, endlos. Ich spreize meine Schenkel ganz weit, denn Blumen beginnen aus meinem Schoß zu sprießen, aber dann  …« In-Hye schaut sprachlos in ihre leidenschaftlichen Augen. »Ich brauche nur eine Injektion mit Wasser. Große Schwester, ich brauche keine Nahrung. Alles, was ich brauche, das ist Wasser.« […] »Ich bin kein Tier mehr, große Schwester«, flüsterte sie, als sei dies ein wichtiges Geheimnis. Dabei ließ sie ihren Blick verstohlen durch das Zimmer gleiten, obwohl außer ihnen niemand da war. »Ich brauche keine Nahrung. Ich kann ohne leben. Ich brauche nur Sonne.«
Han Kang aus: „Die Vegetarierin

Wie es Kang nicht nur um das Schlachten von Tieren, sondern um das Essen von Pflanzen, von Leben überhaupt geht, so erweitert Schiffer in Ich höre dem Regen zu seine Friedensbemühung auch auf die Tierwelt, wenn er sich wünscht, dass sich Vögel nicht mehr vor uns fürchten sollen, nicht mehr fliehen, sobald sie uns sehen. Nur fehlt es ihm angesichts des Grauens und Schreckens an Glauben, dass der Frieden zusammen mit dem Menschen eintritt. Vielmehr und an einigen Stellen erscheint ihm die Verwirklichung dieses Traums nur ohne den Menschen möglich zu sein:

Ich weiß,
du sagst,
diese Zukunft [des Friedens] gibt es nicht.
Ich sage dir,
sie kommt,
ich habe sie gesehen.
Was ich nicht sah, waren Menschen.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Wolfgang Schiffer setzt eine sehr reiche Lyriktradition fort, bspw. Paul Celan, Ingeborg Bachmann oder Rainer Maria Rilke, um nur einige zu nennen, die gegen die Grausamkeit der menschlichen Taten und der schlechten Sprache mittels von Gedichten Einspruch erheben. Er selbst nennt explizit in Ich höre dem Regen zu Bertolt Brecht, Georg Büchner und Snorri Hjartarson, implizit nimmt er Bezug auf Gertrude Stein und Joseph von Eichendorff. Auf die erstere durch die Zeilen, als er sich fragt, ob der Schmerz das Leben behindere oder das Leben selbst sei:

Ich weiß nicht, ob ich jemals eine Antwort
finden werde, hoffe nur, dass sie mich
morgen nicht mehr interessiert.
Schmerz ist eben Schmerz ist Schmerz ist Schmerz …

Gertrude Stein insistiert in ihrem Gedicht Sacred Emily auf „Rose is a rose is a rose is a rose”, um einerseits das Sprachmaterial offenzulegen, andererseits den Dingcharakter vor Augen zu führen, was sie zur Behauptung führte, dass durch ihre Zeilen die Rose zum ersten Mal seit Hundert Jahren in der englischen Poesie wieder als „rot“ in Erscheinung getreten sei. Schiffer nimmt sich vor, das Fremde des Schmerzes zu entlarven, die Nähe zu evozieren, um zumindest sprachlich dem Schlachten die Stirn zu bieten, indem er auf die Realität (jenseits der Sprache) des Schmerzes hinweist. Später nimmt Schiffer auch auf Joseph von Eichendorffs Gedicht Mondnacht Bezug

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.
Joseph von Eichendorff aus: „Mondnacht

Dies geschieht im Abschnitt „Das Dunkel der Nacht“ im fast gleichnamigen Gedicht mit den folgenden Zeilen:

Es war, als hätten Nacht und Tag
schwarzheiß in eins zusammengefunden
und Körper und Geist zu Irrsinn geschunden,
der schwer nun auf jedem Gedanken lag.

Der Unterschied zum romantischen Schwelgen tritt klar zutage. Körper und Geist (Erde und Himmel) schmelzen nun im Irrsinn zusammen, nicht im Blütenschimmer. Tag und Nacht als Antipoden lassen auch an Schwarz und Weiß denken, woraus im Irrsinn ein irrlichterndes Grau entsteht, das die Gedanken zerfurcht und verwirrt, perspektivlos hinterlässt. Schiffer erteilt den romantischen Hoffnungen, die durch eine harmonisch-melodische Sprache genährt werden, eine klare Absage, denn das Gedicht geht mit folgenden Zeilen weiter:

Doch hatte der Träumende, teils ungebunden,
nur geträumt, was allein ein Reihen von Worten vermag:
Kurzum: Er hatte sich in ein Gedicht verliebt!

Das, was in der Realität nicht möglich ist, bleibt in der Sprache als Potentialität erhalten, aber sie suggeriert nur, ohne es einzulösen. Es bleibt weit entfernt, eine Fata Morgana, durch welche, wäre sie keine, der Welt wieder ihr Zauber zurückgegeben werden würde, zumindest was die Anwesenheit der Menschen betrifft. Im Alleinsein, isoliert, abgestoßen von den strategischen, gierigen, brutalen Machenschaften tröstet sich Schiffer in Ich höre dem Regen zu mit der Vorstellung eines alles bedeckenden Schnees:

Immerzu warte ich
Auf Schnee, Schnee, doch
fallen will und will er nicht,
und wozu warte ich auf ihn,
den Schnee, so frag ich mich

Schnee als bedeckendes, alles beruhigendes Weiß könnte für eine wiederhergestellte Unschuld der Landschaft stehen, für ein weißes Blatt, einen Neuanfang, eine neue Welt, denn die alte bleibt unter der sich, wie an anderer Stelle geschrieben, leicht machenden Schneedecke begraben. Schnee durchzieht den Gedichtband und mit ihm eine Melancholie, die an Selma Meerbaum-Eisinger erinnert:

Und das Blatt ist wie ein Lied in Moll,
weil es an den Herbst gemahnt,
wie ein Kind, das traurig ahnt,
daß es krank ist und bald sterben soll,
ganz so süß und voll verhaltnem Weh.
So ist auch der letzte Schnee …

Selma Meerbaum-Eisinger aus: „Welkes Blatt“ (1.2.1940)

Meerbaum-Eisingers Gedichtband Ich bin in Sehnsucht eingehüllt stellt sich still und freundlich an die Seite von Schiffers nachdenklichen Zeilen. Wie er fragt sie:

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?
Selma Meerbaum-Eisinger aus: „Poem“ (7.7.1941)

Worte sind Worte sind Worte und scheinen ihm doch die einzige Hoffnung, bevor mit dem Kind die letzte Hoffnung für ein paar Kronen stirbt und die Gattung sich selbst ihr eigenes und letztes Urteil spricht. Versöhnlich enden vermag auch Schiffer nicht:

Ich wünschte mir […] dass die Pläne
der Mächtigen zum Halt kämen, dass, auch
wenn sie einhergingen wie blutige Hähne
Die Zeiten zum Besseren sich wendeten. Allein:
Es will mir nicht gelingen.

Was ihm aber gelingt mit seinem Gedichtband, ist an eine Sprache zu erinnern, die der schlechten Sprache und dem Schlachten entkommt, die wieder ein Stück weit die Welt als Ganzes, als Zusammenklang ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt und sich gegen Verengung, Vereinnahmung und Polarisierung einsetzt. Ich höre dem Regen zu hinterlässt so eine vage Hoffnung, die so lange Hoffnung bleibt, wie sie sich selbst nicht über den Weg traut.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Elif Verlag fürs Zusenden eines Rezensionsexemplars.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.

Nächste Woche am 05.11.2024 auf Kommunikatives Lesen:
wahrscheinlich ein kleiner Versuch zu bestimmen, was ein Roman sein könnte, mit Stimmen aus der Literatur dazu.

Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

6 Antworten auf „Wolfgang Schiffer: „Ich höre dem Regen zu““

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen