Wolfgang Schiffer: „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Ein Hauch von Dauer in hastiger Zeit …

Gedichte zu definieren als Texte, die viel Rand und weißen Platz auf einer Seite lassen, wie es die Strukturalisten einst versuchten, scheitert im Zeitalter des digitalen Lesens ohnehin. Die Darstellung von Gedichten hängt neuerdings vom Medium ab, bleibt nicht forminvariant in seiner Setzung und materialisiert häufig genug kein festgelegtes Buchstaben- und Wortbild mehr. Wolfgang Schiffers Gedichtband Dass die Erde einen Buckel werfe wirkt diesem durch eine immanente Fluidität entgegen. Er besteht aus Prosatexten (ohne gewollten Zeilenumbruch), Tabellen (Speisekarten) und rhythmisierten Gedichten mit angedeuteten (Schrägstrich) Atempausen und syntaktisch vollzogenem (tatsächlichen) Zeilenumbruch:

ach / gäbe es doch das Wort / das eine neue Weltenordnung schüfe /
ein Wort nur / das / gesprochen wie ein Zauberwort / uns leben ließe

Wolfgang Schiffer aus: „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Das lyrische Ich stimmt ein politisch-kulturelles, seinsgeschichtliches Lamento an, auf dass die Erde einen Buckel werfe, sie einem Buckelwal oder einem rastlosen Pferd gleich die als unnötig empfundene Last von sich schleudere. Die Last ist hier der Mensch. Der Buckelwal die Erde, die sich aufbäumt, wieder atmen möchte, Ruhe, Frieden sucht wie das besagte lyrische Ich, zwischen und inmitten der Zeilen, im Werden und Vergehen der Zeiten, der Ansprüche, Erwartungen und auch Erinnerungen. Wo aber beginnt und endet das Aufbäumen, was gilt es aufzubewahren und was wäre doch besser, dem Vergessen zu überantworten? Die Unsicherheit spiegelt sich darin wider, dass häufig nicht klar ist, wann eine Zeile gewollt endet, wann sie nur durch den Rand begrenzt ist oder ein Schrägstrich bereits mit einem Zeilenende zusammenfällt. Was endet und beginnt, ist nicht so klar. Oft nämlich fließt und rauscht der Sinn durch die Zeilen, schwimmt, strömt, driftet, um dann doch einen unerwarteten Sinnabschluss zu finden.

welchen Text ich in letzter Zeit auch immer begonnen habe /
er war nicht zu einem Ende zu bringen /
egal in welcher Sprache / egal in welcher Form

Der Sprachlosigkeit begegnet Schiffer mit einem rhythmischen Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen einem Außen und Innen, die eine sinnliche Architektur erzeugen, nämlich einen Ort, von dem aus das lyrische Ich doch noch zu sprechen versteht, seiner Heimat, seinem Zuhause, jenen Wurzeln, denen er mal zaghaft, mal ernsthaft, stets jedoch mit Nachdruck Ausdruck verleiht. Dieser Wechsel zwischen Vogelperspektive und Chronist, zwischen Koch und Kind, Kegel und Küche, zwischen Arbeitswelt und Künstlerleben, Kind- und Erwachsenenzeit lässt einen intensiven Kosmos entstehen. Nirgendwo in diesem Buch wird vergessen, dass man ein Haus benötigt, um es warm zu haben, eine Hand erträumt, die tröstet, Nahrung, um den Magen zu füllen, und Wasser, um den Durst zu löschen. Deshalb wird viel von Speisen berichtet, nämlich die Tage der Wochenspeisekarte abgebildet, und von der Arbeit der Mutter und des Vaters gesprochen, die sich das junge lyrische Ich bildlich vor Augen zu rufen vermag:

befragt, was ich über meine Mutter schreiben wolle /
zögere ich und sage / dass ich es nicht sicher wisse / vielleicht
dass ich sie das Leben ihres Mannes leben sah /
ihm Kinder gebären / meine Schwester und mich /
Aus Wenigem seine Mahlzeiten zubereiten und ein Haus
mit ihm bauen mit eigenen Händen […]

Die Sprache ist nüchtern. Der Stil rhythmisch. Dunkel. Viel Hoffnung versprühen die Zeilen nicht, zu viele Anschlussmöglichkeiten, zu viele Probleme auf einmal, zu viele schmerzhafte Erinnerungen, die sich in die Wörter mischen, in die Gedanken einschleichen. Vieles erinnert an Franz Innerhofer, an das Dunkle, Zähe, und doch sich Nicht-Beugende, die Lebensfreude, die das lyrische Ich und sein Dachdecker-Vater sich nicht nehmen lassen, trotz aller Widerstände, trotz aller Probleme und Konflikte. Beispielsweise erzählt der Protagonist Holl in Innerhofers Schattseite, eine sehr autobiographisch geprägte Episode von seinem Großvater, wie dieser sich gegen die auch ihm einst aufgebürdete Kinderarbeit auflehnte:

Aber er [der Großvater] sagte sich, es ist besser in der freien Natur zu krepieren, als sich in der freien Natur zu Tode zu arbeiten. Diese Erkenntnis trug er stets mit sich herum, sie half ihm, immer neuen Mut zu schöpfen und sogar die härtesten Arbeiten mit einem Hauch von Heiterkeit zu verrichten […] dann kam dieser Sommermorgen, an dem mein Großvater nach dem Frühstück mit einem weißen Leintuch auf das Hausdach stieg und, während er es befestigte, sah, wie rundherum auf den Hausdächern ebenfalls weiße Leintücher gehisst wurden. Seit diesem Tag gibt es in der ganzen Umgebung auf den Bauernhöfen keine Kinderarbeit mehr.

Franz Innerhofer aus: „Schattseite“

Denn trotz aller Traurigkeit und Sentimentalität handelt es sich bei Dass die Erde einen Buckel werfe, um eine hoffnungsvolle Tinktur, die aufrütteln, inspirieren, vor Augen führen möchte, was möglich, was wirklich, was empfunden, unterdrückt, vielleicht schon zu lange ignoriert worden ist. Die Sprache, der sich Schiffer hierbei bedient, will keine Noblesse demonstrieren. Sie will sich erden, tief verbinden, mit den Kräften vollsaugen, die das lyrische Ich seit seiner frühesten Jugend kennt. Mundartliches taucht auf wie „Brommelekook“ (Brombeerpfannkuchen) und „Peäpermöntttiee“ (Pfefferminze). Die bewusste Distanznahme zur Bildungssprache überbrückt die Abgründe, die die Stadt vom Land trennen, das Rurale vom Urbanen abschneiden. In Schiffers Reimen finden sie zueinander, nämlich in Schwer- und Wehmut. Die fröhlichsten Momente entstehen, wenn der Natur gelauscht wird, wenn das lyrische Ich zusammen mit dem Vater über die Felder zieht und dieser die Vögel aufzählt, deren Stimmen sie hören:

mit der er mir / seltsam genug / in meiner neuen Sprache / einen jeden Vogel benennt /
den er hört oder sieht im Gebüsch / auf den Wiesen / in der Luft:
Bachstelze/ Sumpfmeise / Saatkrähe / Eichelhäher / Kiebitz /
Stieglitz / Eisvogel / Dompfaff / Kernbeißer / Heckenbraunelle […]

Wolfgang Schiffer aus: „Dass die Erde einen Buckel werfe“

Die Aufzählung geht weiter und zwischen den Zeilen hört man es zwitschern und trällern, sieht man geplüschtes Gefieder, eine Vielzahl von Farben, die Fröhlichkeit des anbrechenden Morgens und der sich ankündigenden Nacht, als seien die Vögel selbst die Bewohner und Mitbewohner der beiden Spaziergehenden und sind es wohl auch. Die Trockenheit erinnert an Wladimir Majakowski, genauso politisch, genauso hastig und rhythmisch, oft skizziert, die Meinung dahin gedroschen, ungeschminkt, unverblümt. Würde Schiffer nämlich einen Zeilenumbruch pro Schrägstrich setzen und eine Zeile weiter an selbiger Position weiterschreiben, ähnelte selbst das Druckbild, Ein-Wort-Zeilen, aufgebrochene Sätze, Betonungen und Atempausen, die allenthalben die Texte und Schriften des russischen Futuristen durchziehen und kennzeichnen. Wie Majakowski redet er nicht der Kulturbeflissenheit das Wort. Von Schönfärberei wollen beide nichts wissen, so dichtet Majakowski über die Schönfärber in Eine Wolke in Hosen:

Indes sie,
                  reimklimpernd,
                                          den Absud auskochen,
Gebräu aus Nachtigall
                      und Liebesschalmeien,
krümmt sich
    die Straße
                   – unausgesprochen:
sie hat keine Zunge
                        zum Reden,
                                        zum Schreien.

Wladimir Majakowski aus: „Werke“ (Hrsg. Hugo Huppert)

Mit Wolfgang Schiffers Lyrikbändchen hat man es mit einem Hybriden aus Bertolt Brechtscher Dreistigkeit und Frechheit einer Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschen-Oper, aus Majakowskis Rhythmik und Intensität voller willkürlicher Zeilenumbrüche und einer eigentümlichen, raum- und zeitverankerten Sentimentalität zu tun, die entfernt an Innerhofer oder Liedermacher wie Hannes Wader erinnert. All dies amalgamiert sich zu einem sehr persönlich anmutenden Leseerlebnis. Schiffer teilt sich mit, und je häufiger man die Seiten und Zeilen liest, desto mehr erhalten diese Kindheit, diese Emotionen und Erinnerung eine ungeahnte Lebendigkeit. Der Beobachterwechsel zwischen Außen und Innen gelingt. Die Speisekarten fügen das Ihrige hinzu. Ohne Essen und Arbeit ging nichts, und geht noch immer nichts, und all dies ist geschehen, und ist doch noch nicht vorbei.

Vielleicht erinnert so Wolfgang Schiffers Gedichtband Dass die Erde einen Buckel werfe daran, was Gedichte jenseits struktureller, hermeneutischer Begriffsdefinitionen sind, nämlich das Schweben zwischen Privaten und Öffentlichen, zwischen Nahem und Fernem, dem Noch-Nicht und Bereits-Schon, ein Schwebezustand der Sprache, so verständlich wie unverständlich und deshalb sinnlich und bündig gegen das Vergessen geschrieben.

Aufmerksam gemacht worden durch:
literaturleuchtet
Morehotlist (Ulrike Schrimpf)
und Wolfgang Schiffers eigenen Blog.

tldr; eine Kurzrezension findet sich hier.

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