Simone de Beauvoir: „Die Mandarins von Paris“

Die Mandarins von Paris von Simone de Beauvoir. SWR Bestenliste 11/2024.

Chronologisch betrachtet zieht Simone de Beauvoirs Roman Die Mandarins von Paris (1954) das literarische Resümee des französischen Existentialismus, der die Zeit rundum den Zweiten Weltkrieg geistesgeschichtlich geprägt hat. Nach ihrem noch im Erscheinungsjahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Werk folgten nur noch zwei existentialistische Kurzromane, einer von ihr selbst, Die Welt der schönen Bilder (1966), und der andere, Der Fall, von Albert Camus im Jahr 1956, die beide eher als Detailstudien bezeichnet werden müssen und sich im Umfang und von Themenbreite her keineswegs mit Beauvoirs opus magnum vergleichen lassen. Trotz der nun vorliegenden Neuübersetzung von Die Mandarins von Paris durch Amelie Thoma und Claudia Marquardt, die im September 2024 bei Rowohlt erschienen ist, beziehe ich mich im Folgenden auf die Übersetzung von Ruth Ücker-Lutz und Fritz Montfort. Wiewohl einige Stellen durchaus Nachbesserungsbedarf anzeigen (ich beziehe mich hier mehr auf Syntax und Semantik, denn auf Wortwahl), denke ich nicht, dass die klassische Übersetzung den Text in Gänze verfälscht hat:

Henri kam in sein Hotel zurück; in seinem Fach stak ein Paket: Dubreuilhs Essay. Während er die Treppe hochging, schnitt er die Schnüre durch und öffnete den Band beim Vorsatzpapier: Natürlich war es blank [i.e. ohne Widmung]; was hatte er sich denn eingebildet? Mauvanes schickte ihm das Buch, wie er ihm einen Haufen andere schickte.
«Warum», fragte er sich, «haben wir uns überworfen?» So hatte er sich oft gefragt. Die Artikel Dubreuilhs in der Vigilance hatten genau denselben Klang wie die Leitartikel Henris: In Wirklichkeit trennte sie nichts. Und sie hatten sich überworfen. Es war eine der Tatsachen, die nicht wiedergutzumachen und nicht zu erklären sind. Die Kommunisten verabscheuten Henri, Lambert verließ den Espoir, Paule war wahnsinnig, die Welt eilte einem Krieg entgegen; das Zerwürfnis mit Dubreuilh war nicht mehr und nicht weniger sinnlos.
Simone de Beauvoir aus: „Die Mandarins von Paris“

Inhalt/Plot:

Konzeptionell beschäftigt sich Die Mandarins von Paris mit der Nachkriegssituation in Frankreich, nachdem die Alliierten die deutsche Armee geschlagen haben. Historisch deckt der Roman also die Jahre von 1944 bis 1949 ab und thematisiert die Wirkung, die die Informationen über die Konzentrationslager der Nationalsozialisten, die Gulags der Stalinisten, den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki durch die US-Armee auf die Welt der Pariser Intellektuellen hat. Sie wollen einen dritten Weg gehen: weder den der kapitalistischen USA noch den der kommunistischen Sowjetunion, und dieser dritte Weg fokussiert sich um den Intellektuellen Robert Dubreuilh, der eine Partei namens SRL gegründet hat und für diese ein Presseorgan sucht:

«Wenn es mit dem S.R.L. losgehen soll, brauchen wir eine Zeitung.»
«Ich weiß», sagte ich [Anne Dubreuilh]. Zögernd fuhr ich fort: «Ich frage mich …»
«Was?»
«Ob Henri euch diese Zeitung überlassen wird: Er hängt zu sehr daran.»
«Es geht nicht darum, dass er sie uns überlässt», sagte Robert.
«Es geht darum, dass er sich den Befehlen des S.R.L. unterordnet.»
«Aber er nimmt ja daran teil, und es wäre nur ein Vorteil für ihn, wenn er ein festgelegtes Programm akzeptierte: Eine Zeitung ohne politisches Programm kann nicht bestehen.»

Robert dient aber nicht als Hauptfigur des Romans. Anne, seine Frau, und Henri, der Leiter der Widerstandszeitung „Espoir“, nehmen diese Rollen ein. Alle drei verfolgen dasselbe Ziel, sich nämlich weder von der einen, der US-amerikanischen, noch von der anderen, der sowjetischen Seite, den Mund verbieten zu lassen. Eskalierender Faktor wird schließlich das Geld, denn Henri vermag angesichts schwindender Auflagenzahlen seine Zeitung ohne finanzielle Hilfe nicht zu retten. Doch diese Hilfe hat ihren Preis: Er muss die Leitung seiner Zeitung teilweise abgeben. Frustriert von seiner publizistischen, politisch-taktierenden Tätigkeit als Zeitungsredakteur flieht Henri in seine schriftstellerischen Ambitionen, nur um dort auf selbige Probleme zu stoßen. Um sein Theaterstück aufführen zu lassen, muss er Josette, die Tochter einer intriganten Modedesignerin, engagieren, die in seinen Augen zwar gut aussieht, aber kein schauspielerisches Talent mitbringt:

Man hatte Josette alle für den Erfolg notwendigen Spiele des Gesichtsausdruckes gelehrt, doch sie wandte sie schlecht an. Dieses volle Gesicht mit den Augen, die kein Ende nahmen, zersprengte alle Masken.
«Eine Schauspielerin ist nie zu schön», sagte Lucie. «Wenn Ihre gute Frau halb entkleidet auf der Szene erscheint, so will das Publikum das da sehen» – sie riss plötzlich Josettes Rock hoch und enthüllte die langen, seidigen Beine bis zur Mitte der Schenkel.
«Mama!»
Josettes verstörte Stimme rührte Henri. War sie wirklich nur ein Luxusgeschöpf, das vielen andern glich? «Das Pulver hat sie bestimmt nicht erfunden», sagte sich Henri, aber man musste sich anstrengen, wollte man glauben, dass dieses pathetische Gesicht nichts zu sagen hatte.

Nur mit Hilfe von tyrannischen Mäzenen gelingt es, Henri die Zeitung und sein Theaterstück zu retten, was ihm am Ende jedoch nicht nur seine ethische, sondern auch seine politische Integrität kostet, als er, der einstige Held des Widerstandes, um Josette und ihre Mutter zu schützen, einen Nazi-Kollaborateur durch Meineid vor der Todesstrafe bewahrt. Am Boden mit sich und der Welt sucht er den Frieden im Reisen und im Familienidyll.

Neben Henris Geschichte wird noch von der Lebenskrise Anne Dubreuilhs erzählt, die nach dem Sinn ihrer Psychoanalytikerin-Tätigkeit fragt, sich alt und leblos fühlt und neuen Schwung für sich und ihre Welt in einer Affäre mit einem US-amerikanischen Schriftsteller namens Lewis sucht. Doch vorher muss sie die Trägheit überwinden, die sie befallen hat, die Schuldgefühle gegenüber ihrer Tochter, die sie verspürt angesichts deren Orientierungslosigkeit, bevor sie nach New York und Chicago reisen kann. Fernab von Paris und der Nachkriegsgeschichte wirft sie sich in das amouröse Abenteuer:

So manches Zimmer, eines wie das andere, hatte ich hinter mir, so manche Koffer hatte ich geöffnet und wieder zugeklappt, wie oft war ich angekommen und wieder abgereist, war ich aufgewacht, hatte ich gewartet, war gelaufen, geflüchtet: Ich war es müde, dass ich ein Vierteljahr lang Tag für Tag ohne einen Nachhall hatte verstreichen lassen, war es müde, jeden Morgen, jeden Abend, jede Stunde mein Leben neu in die Hand zu nehmen. Leidenschaftlich wünschte ich, eine fremde Macht möchte mich hier auf diesem Bett ein für allemal vergewaltigen. Wenn er doch heraufkäme, anklopfte und einträte!

Die Beziehung, die lichterloh anfängt, gerät in eine Krise, als Lewis mehr von Anne will, als sie geben möchte. Weder will er nach Paris ziehen, noch will sie ihren Ehemann Robert in Paris zurücklassen. Vor diesem Hintergrund behandelt also Die Mandarins von Paris den Stoff Öffentliches Leben und Liebe, der von dem Plot Verhängnisvolles Durcheinander dynamisiert wird.

Stil/Sprache/Form:

Die Sprache von Simone de Beauvoir steht wie auch bei den anderen existentialistisch genannten Romanen nicht im Vordergrund. Die Sprache dient als Vehikel, als Kommunikationsmedium, das passiv den Inhalt transportiert und wenig herausgefordert wird. Neologismen, Metaphern, ausschmückende Details finden sich selten bis gar nicht. Der Stil bleibt spröde, nüchtern, teilweise hakelig umständlich und wird hier und da durch hölzernes Pathos, vergleichbar mit dem einer Ayn Rand, unterbrochen:

«Ich verdanke Ihnen meinen schönsten Abend in Amerika.»
«Ich hätte Ihnen gern noch viele andere Dinge gezeigt!», sagte [Lewis] Brogan.
Die Nacht ging zu Ende, es würde Morgen werden, und Chicago würde für immer verschwinden; doch das Stahlgerüst der Hochbahn verbarg uns die Lichtflecken, die am Himmel zu keimen begannen. Brogan hielt mich am Arm. Vor uns, hinter uns wiederholten sich die Pfeilerbogen ins Unendliche; man hatte den Eindruck, sie umgürteten die Erde, und wir wanderten so eine ganze Ewigkeit. Ich sagte: «Ein Tag ist zu kurz. Ich muss wiederkommen.»
«Ja, kommen Sie wieder», sagte Brogan. Und schnell fügte er hinzu: «Ich kann mir nicht denken, dass ich Sie nicht wiedersehe!»

Das Disparate, Widerstreitende steckt in der Anlage des Romans, der aus zwei Perspektiven erzählt wird: aus der Ich-Perspektive Annes und aus der Er-Perspektive Henris. Anne steht für das empfindende, leidende Ich, das sich dem Tod konfrontiert sieht; Henri für das öffentliche Leben, das immer weitergeht und den Tod ignoriert. Insofern erscheinen die verschiedenen Erzählperspektiven kompositorisch angemessen gewählt: die Person – das öffentliche Ich – als entfremdetes „Er“; das Selbst – das private Empfinden – als intimes „Ich“. Typisch für die existentialistische Philosophie bleibt die harte, scharfe Trennung zwischen dieser Immanenz und Transzendenz, wie Simone de Beauvoir es in ihrem Essay Für eine Moral der Doppelsinnigkeit 1947 ausdrückt:

Ich möchte diese Landschaft sein, die ich betrachte, ich möchte, dass dieser Himmel, dieses stille Gewässer sich in mir denken, dass ich ihr Fleisch und Blut gewordener Ausdruck bin, und doch bleibe ich in Abstand von ihnen; aber gerade durch diesen Abstand sind Himmel und Gewässer mir gegenüber da; mein Betrachten ist nur deshalb zwiespältig, weil es auch Freude bedeutet. […] Das bedeutet, dass der Mensch in seinem vergeblichen Bemühen, Gott zu sein, sich als Mensch existieren macht, und wenn er sich mit dieser Existenz begnügt, stimmt er ganz und gar mit sich überein. […] Sein Sein ist Seinsmangel, aber es gibt eine Seinsweise dieses Mangels, die nichts anderes ist als die Existenz.
Simone de Beauvoir aus: „Soll man de Sade verbrennen?“

In der Welt der Existentialisten bricht aus jedem Moment, die Immanenz, das Nichts hervor, die Transzendenz, die den Moment als mangelhaft, als Noch-Nicht entlarvt, und so für den Menschen zum Projekt einer Verwirklichung wird, die scheitern muss, aber im Projekt, in der Dynamik des Versuches, eine eigene Vollkommenheit erreicht. In Die Mandarins von Paris beschreibt Simone de Beauvoir das Scheitern im öffentlichen und privaten Sinne durch die Figuren Henri und Anne mit bestechender, chronistischer Schärfe, die dem Roman zeitweise seinen fiktiven Charakter zu nehmen droht.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

Der Roman von Simone de Beauvoir hinterlässt ein zwiespältiges Bild seiner Zeit. Viele sahen in den Figuren Henris, Roberts and Annes die historisch-verbürgten Persönlichkeiten von Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir dargestellt. Es besteht aber kein Grund, den Roman auf diese Weise zu lesen. Deskriptiv erfasst er vielmehr eine ganze moderne Lebensform: die des politisch-unabhängigen Intellektuellen. Vor diesem Hintergrund erscheint der Roman als eine Selbstabrechnung mit dem Unterfangen eines dritten Weges, der nicht gelang, mit einem Scheitern auf persönlicher, öffentlicher, privater und emotionaler Ebene auf ganzer Strecke. Hierdurch erhalten die Romane einen psychogrammatischen Nachklang wie die Prosatexte von Sören Kierkegaard oder Ayn Rand, die mittels fiktiver Figuren begriffliche Argumentationen erweitern und in einen narrativ-lebendigen Zusammenhang stellen, die rein abstrakte Abhandlungen so nicht erreichen können:

«Ach! Man kann sich nicht alles versagen», sagte Dubreuilh etwas ungeduldig. «Askese ist gut, wenn sie von innen kommt; aber dafür muss man sonstige positive Befriedigungen haben: In der Welt, wie sie nun einmal ist, hat man nicht viele. Ich will Ihnen etwas sagen: Hätten Sie nicht mit Josette geschlafen, dann hätten Sie Dinge zu bedauern, die Sie zu andern Dummheiten verleitet hätten.»
«Das ist durchaus möglich», sagte Henri.
«In einem gekrümmten Raum lässt sich keine gerade Linie ziehen», sagte Dubreuilh. «Man kann kein korrektes Leben in einer Gesellschaft führen, die nicht korrekt ist. Man stößt immer wieder an, auf der einen oder auf der andern Seite. Wieder so eine Illusion, die wir ablegen müssen», schloss er. «Es gibt kein persönliches Heil.»
Henri sah Dubreuilh unsicher an. «Was bleibt uns dann noch übrig?»
«Nicht viel, glaube ich», sagte Dubreuilh.

Wie bei Kierkegaard in Entweder-Oder oder Ayn Rand in Atlas Shrugged die vermeintlichen Lösungen führen in die Irre und in die erneute, sich stets wiederholende Katastrophe. Die Persönlichkeiten kommen in Die Mandarins von Paris nicht aus ihrer Haut. Sie bleiben in einem Kreislauf von Sisyphusmühen, von Eitelkeiten, von Idiosynkrasien befangen und stellen die zwitterhafte, doppelsinnige Persönlichkeit des politisch-engagierten Intellektuellen mehr als nur bloß. Diesen Irrsinn glasklar aufgezeichnet zu haben, zeichnet Simone de Beauvoirs intensiv-wirren Roman aus. Er mündet, wie oben gezeigt, in Theodor W. Adornos Maxime:

Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.
Theodor W. Adornos aus: „Minima Moralia

Dies vor allem deshalb, weil die Figuren, wie vielleicht auch ihre historischen, deutschen wie französischen Vorbilder, trotz aller wohlmeinenden Beteuerungen offensichtlich niemals wirklich daran dachten, ihr Leben zu ändern, und, wie der Roman hinreichend oft zeigt, ihr schlechtes Gewissen darüber lieber in Alkohol ersäuften.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier. Weitere Rezensionen: Sören Heim, Birgit Böllinger, BingeReader.

Nächste Woche am 10.12.2024 auf Kommunikatives Lesen:
wahrscheinlich von Caroline Peters Ein anderes Leben.

Andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

Eine Antwort auf „“

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen