Paul Lynch: „Das Lied des Propheten“

Das Lied des Propheten
Das Lied des Propheten von David Lynch. Booker-Preis 2023, SWR-Bestenliste.

Der Booker Preis-Träger von 2023, Paul Lynch, beschreibt in seinem Buch Das Lied des Propheten den Untergang einer Gesellschaft und setzt die Tradition der Dystopieromane fort, die literaturgeschichtlich hauptsächlich durch George Orwells 1984, Aldous Huxleys Schöne neue Welt oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 repräsentiert werden. Gegenwärtig findet die Dystopie eigenartigerweise, von Science-Fiction-Romanen abgesehen, weniger Anklang. Hier lassen sich aber Michel Houellebecqs Die Unterwerfung oder T.C. Boyles Blues Skies nennen. Weniger religions- und geschlechtspolitisch als Houellebecq und weniger Klimakatastrophen genährt als Boyle erforscht Lynch in Das Lied des Propheten den schlagartigen Zusammenbruch eines geordneten sozialen Systems:

Wie Sie sicher schon gemerkt haben, Mr. Stack, ist das für den Staat eine schwierige Zeit, wir haben Anweisung, alle Beschuldigungen, die uns erreichen, ernst zu nehmen — Was reden Sie denn da, verdammt?, sagt Larry, das ist doch keine Beschuldigung, das ist völliger Unsinn, Sie verdrehen da etwas, nehmen eine Sache und machen eine andere daraus, das sieht mir ganz so aus, als hätten Sie das selbst getippt. Mr. Stack, zweifellos haben Sie von der Notverordnung gehört, die auf die anhaltende Krise hin, mit der sich der Staat konfrontiert sieht, vergangenen September in Kraft getreten ist, Gesetze, die dem GNSB zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zusätzliche Mittel und Befugnisse zur Verfügung stellen […]
Paul Lynch aus: „Das Lied des Propheten“

Inhalt/Plot:

Larry Stack heißt der Ehemann von Lynchs Hauptfigur Eilish, einer promovierten Molekularbiologin, mit der er in Dublin gemeinsam mit ihren vier Kindern lebt, dem Baby Ben, und den Teenagern Bailey, Molly und Mark. Larry engagiert sich für die Lehrergewerkschaft und gerät unter Verdacht, staatsaufrührerische Aktionen zu planen oder bereits durchzuführen. Wie in Franz Kafkas Der Proceß stehen plötzlich zwei Geheimagenten der GNSB, der Garda National Services Bureau, vor der Tür der Familie Stack und bringen durch Verhaftung Larrys das Familienleben aus dem Gleichgewicht:

Sie sammelt die Kleider vom Boden auf und spricht, ohne ihn anzusehen. Schnell, zieh dich aus und wasch dich, du hältst alle auf. Bailey geht zur Tür, und sie macht sich daran, das Laken abzuziehen, fragt sich dabei, wie oft das seit Larrys Verschwinden schon passiert ist, davor hat er nie ins Bett gemacht. Sie sieht Bailey mit einem Blick tiefen Grolls an der Tür stehen, er schreit sie an, du hast ihn weggeschickt, stimmt’s, das hast du getan, du bist so eine alte Kuh. Sie merkt, wie sie mit stockenden Händen innehält, ihr Mund bebt, sie knüllt das nasse Laken zusammen und sieht sich die Treppe hinunterrennen. Sie wird das Böse in seinem Blick öffnen, aufstechen wie eine Eiterbeule, sie wird die Haustür abschließen und ihn allein in seinem Zimmer schmoren lassen.

Das Hauptaugenmerk von Das Lied des Propheten liegt auf dem Zerbrechen der Familienidylle, auf dem Verschwinden der Sicherheit des Privatlebens, auf dem langsamen, gruseligen Zerstören des Alltags, in welchem die Familie Stack mehr oder weniger glücklich im relativen Wohlstand vor sich hin gelebt hat. Eilish versucht mit allen Mitteln, die Familie zusammenzuhalten, nach dem spurlosen Verschwinden von Larry, sowohl die Rolle des Vaters wie die der Mutter einzunehmen, zugleich aber auch noch Vollzeit zu arbeiten und sich um ihren pflegebedürftigen Vater Simon zu kümmern, der mehr und mehr in Demenz versinkt. Es gelingt ihr nicht. Die Familie fliegt nach allen Seiten auseinander:

Mark, sagt sie, du bist mein Sohn, bitte komm nach Hause, damit wir das klären können, ich kann nicht schlafen, wenn du weg bist, ich habe immer noch einen Rechtsanspruch auf dich. Was für Recht soll das denn sein, Mam, wo es in diesem Land doch gar kein Recht mehr gibt? Er ist lauter geworden, und sie zieht sich in Schweigen zurück. Du verschließt dich vor der Wirklichkeit, Mam, du willst dir nicht zugeben, was da läuft.

Alle verraten Eilishs Bemühungen, die Familie zu schützen. Larry arbeitet bis spät in die Nacht für die Protestaktionen, bis er verschwindet. Ihr Sohn Mark schlägt sich auf die Seite gewaltbereiter Rebellen und taucht in den Untergrund ab. Ihr Vater Simon nimmt eines Tags reißaus und zieht zu Eilishs Schwester nach Kanada, ohne ihr und ihren Kindern Bescheid zu sagen. Als dann auch noch Bailey unverantwortlich in der Gegend stromert, passiert das Unglück. Bomben schlagen ein. Raketen explodieren.

Und da sieht Eilish ihren Sohn, sie erkennt ihn sofort, obwohl er sich gerade, mit dem Rücken zu ihr, zwischen den Weißhüten und Zivilisten bückt, mit bloßen Händen an den Trümmern zerrt, Haare und Kleider weiß vom Staub, ihre Stimme bleibt ihr im Hals stecken. Er hört erst, als sie ihn am Arm fasst und auf die Straße zieht, ihn in die Arme zieht, der Staub verklebt seine langen Wimpern, wenn er blinzelt, dann will er sich loswinden. Ist schon gut, Mam, sagt er, beruhige dich jetzt mal, ich muss da helfen. Sie schreit vor Liebe und Schmerz, starrt ihn mit verletztem Stolz an, streicht ihm die Haare glatt, zieht dann die Hand zurück und starrt darauf, sie dreht Bailey an den Schultern um und sieht die blutverklebten Haare.

Schwer verletzt muss er ins Krankenhaus, und Eilishs Horror setzt sich fort. Von den politischen Umständen gibt Lynch nichts preis. Worin die Notverordnungen bestehen, welches Programm die neugewählte Partei NAP verfolgt, welche sozialen Probleme existieren, bleibt unerwähnt. Das Lied des Propheten beleuchtet den Zerfall eines Mikrokosmos, in dessen Zentrum eine von den Umständen hilflos überforderte Mutter steht, die von den männlichen Mitgliedern ihrer Familie nach und nach im Stich gelassen wird.

Lynch inszeniert mit dem Stoff Familie und dem Plot Verhängnisvolles Durcheinander eine sehr eigenwillige, nämlich reflexionslose Form des Dystopieromans, in welchem typischerweise lange Exkurse über das Für und Wider von Vergesellschaftung und Freiheit stattfinden. Für all dies hat Eilish selbstredend keine Zeit, wenn um sie herum Bomben fallen, die Kinder ins Bett pinkeln, der Vater seinen ausgehungerten Hund auf sie hetzt und die Nachbarn wegsehen, während ein Baseball bewaffneter Mob ihr Auto zerstört und ihre Wände mit Beleidigungen beschmiert.

Stil/Sprache/Form:

Es gibt mehrere stilistische Merkmale, die beim Lesen von Das Lied des Propheten auffallen. Zum einen die Ununterscheidbarkeit von erlebter, direkter und indirekter Rede, also das Ineinanderfallen von Gedachtem, Gehörtem und Gesagtem. Lynch verwendet fast keinen Konjunktiv. Alles verbleibt im Indikativ, in der protokollarischsten aller möglichen, alles einebnenden Satzformen:

Die Gardaí legen ihre Mützen auf den Tisch, und Garda Timmons lächelt dem Kind zu und schlägt sein Notizbuch auf. Ihr Sohn hat eine Vorladung bekommen, Mrs. Stack, aber er ist nicht vor Gericht erschienen, um sich zu verantworten, und nun haben wir die Pflicht, mit ihm zu sprechen. Sie steht da, die Hand am Wasserkocher, und lässt sich mit der Antwort etwas Zeit, sagt sich, dass sie nichts von sich aufschreiben lässt. Eine Vorladung, sagt sie und dreht sich um, ist es vielleicht das, ich habe den Brief gesehen und vergessen, ihn zu öffnen, möchten Sie Ihren Tee mit Milch?

Lynch verwendet keine Anführungszeichen, um direkte Rede und Gedanken voneinander zu unterscheiden, so dass das Innen (der Gedanke) wie ein Außen (das Gesprochene) wirkt und eine narrativ wesentliche Grenzen zwischen Wissbarem und Nichtwissbarem verwischt. Was Eilish zu sich sagt, könnte sie auch unhörbar für andere vor sich hinmurmeln. Was sie sagt, sagt sie zugleich zu sich und nur möglicherweise für andere, vielleicht denkt sie es auch nur oder will es nur sagen. All dies lässt sich nicht unterscheiden. Zudem ebnet Lynch auch die Unterscheidung zwischen erlebter und indirekter Rede ein, indem er konsequent jede Form des Konjunktiv vermeidet. Auf diese Weise nivelliert sich der sehr dialoglastige Text zu einer bedrohlich indikativen syntagmatischen Zerfallsform, die innere Prozesse als Möglichkeitsvariante unzugänglich und dadurch hochgradig unplausibel werden lässt. Das Resultat, das wahrscheinlich intendierte, besteht in einer rastlosen Atemlosigkeit, mit der die Panik, das Chaos, das um Eilish grassiert, textlich nachverfolgt wird, als Stolper- und gedankliche Mausefalle.

Der ist rausgegangen, schreit sie, er hat gesagt, er will Milch holen. Eilish legt Ben Molly in die Arme und schiebt sie in die Nische, sie läuft zur Haustür, Baileys Namen im Mund, ihre Hand zieht die Tür zum Vorraum auf, ihre Blicke suchen die Straße ab, sie denkt, jetzt gibt’s doch keine Milch zu kaufen, als sie lautlos von den Beinen geholt und rückwärts durch die Luft getragen wird, die Arme ausgestreckt in einer Antizeit aus Licht und Dunkel, ihr Mund voller Zementbrösel. Sie liegt in einem stummen Dunkel unter einem ungeheuren, lastenden Schweigen. Sie hat etwas im Mund, das nicht Blut ist, Blut legt sich um die Zunge, in die sie gebissen hat, das Blut schwillt an um das, was in dem Mund liegt, es ist nicht Zement, es ist etwas anderes […]

Lynch setzt keine Punkte, obwohl die Sätze bereits beendet sind. Sie gehen nicht ineinander über. Sie bleiben getrennt, semantisch geschieden, unabhängig. Es findet keine Fusion, kein Fluss statt, nur eine beschleunigte Flucht nach vorn, die alle Bedenken wegfegt, Zeitlosigkeit illustriert. Das Erzählen in Präsens, in der Verfolgerperspektive, wirkt hier bewusst verengend und klaustrophobisierend. Eine reflektierte Erzählinstanz zeigt sich nirgendwo. Der Marionettenspieler, der die Szenen auswählt, tritt weder als Räsonnementpol noch als Plausibilisierungseffekt in Erscheinung. Hier tritt Das Lied der Propheten ganz in die Fußstapfen von Marc-Uwe Klings Thriller Views, mit all der Künstlichkeit und den Problemen, die eine Verfolger-Präsens-Erzählmaschine mit sich bringt.

Kommunikativ-literarisches Resümee:

In vielerlei Hinsicht besitzt Das Lied des Propheten einen eminent pädagogischen Zeigefinger-Gestus, indem der Text Panik schürt, aufstachelt, ja Angst und Schrecken zu verbreiten sucht. Lynchs Roman bleibt bewusst abstrakt und generisch, um die Bedrohung allgemein werden zu lassen, als für jede freiheitliche Gesellschaftsform wesentlich. Er bindet sie nicht an konkrete Probleme, gefährliche Machtstrukturen oder wie auch immer geartete politische Einflüsse. Die radikale Schubumkehr schwebt wie das Schwert des Damokles über uns und überall. Diese Abstraktionshöhe verbindet Lynchs Erzählstil mit der Form der Prophetie, des Horoskops oder der Weissagung, die gerade deshalb immer recht haben (können), weil sie von alleine nichts besagen, ja, nur den Teufel an die Wand malen:

[Eilish] schaut zum Himmel, sieht zu, wie der Regen durch den Raum fällt, und auf dem verrotteten Hof ist nichts zu sehen, nur die Welt, wie sie auf sich selbst beharrt, der gemächlich bröckelnde Zement dem aufsteigenden Saft darunter weicht, und wenn der Hof einmal Vergangenheit ist, bleibt noch das Beharren der Welt, einer Welt, die darauf beharrt, kein Traum zu sein, und dennoch gibt es für den Betrachter kein Entrinnen aus dem Traum und dem Preis des Lebens, der Leiden ist, und sie sieht ihre Kinder in eine Welt von Hingabe und Liebe geboren und sieht sie verdammt zu einer Welt des Terrors, sie wünscht, dass es mit einer solchen Welt zu Ende geht, wünscht der Welt ihre Zerstörung […]

Lynchs Schreibweise, im Schwange seiner Prophetie, nimmt gegen Ende seines Romans tatsächlich biblische Züge an. Eilish sieht sich plötzlich in der Rolle eines Weltenzerstörers, wie er in Form des wütenden Gottes im Alten Testament auftritt:

Als aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es den Herrn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe.
aus: Die Bibel (1. Buch Mose, Genesis)

Eilish hält ihren Sohn in den Händen, Ben, was auf hebräisch Sohn heißt, in den sie alle Hoffnung setzt, wie Gott in Noah, den er vor den Wassermassen beschützt, wie die Rettungsboote Eilish und Ben. Das Problem an dieser Form von Erzählung, die sich in das Fahrwasser von Prophetie, Weissagung und Religion begibt, liegt in der Glaubwürdigkeit der Figuren, in der Geschichtsträchtigkeit der Hergänge, in der Symbolhaftigkeit der Entscheidungen und der unumstößlichen Weltanschauung dessen, was das Gute und Richtige ist.

All dies fehlt bei Lynch, und so liest sich Das Lied des Propheten wie eine verstümmelte, an sich zweifelnde, geschichtslose abstrakte Version eines Glaubens, der kein Halt in der Welt findet. Es gibt in diesem Roman schlicht keine Welt, weder eine Geschichte noch einen wie immer gearteten Zeitenfluss. Selbst die Hauptfigur bleibt gesichts- und geschichtslos, eine Schablone ohne Innerlichkeit und emotionaler Mehrdimensionalität, und so wirkt die Hatz wie ein abstraktes Spiel mit selbst herbei gerufenen Mächten, die Das Lied des Propheten, das des abwesenden Erzählers selbst (narrator absconditus), in einen eigenartigerweise harmlosen Singsang verebben lassen. Die Trauer nach dem fehlenden Gott, oder wie George Lukács es nennt, die transzendentale Obdachlosigkeit, spürt bei Lynch und auch bei Eilish lediglich dem Verlust eines scheinbar auf immer verlorenen narrativen Zusammenhanges nach.

tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier. Teilweise sehr andere Meinungen finden sich auf:
literaturleuchtet, Books.and.Twins, literaturblog günter keil, notwithoutmybooks um nur einige wenige zu nennen.

Nächste Woche am 21.01.2025 auf Kommunikatives Lesen werde ich den neuen Roman von Joachim Meyerhoff: „Man kann auch in die Höhe fallen“ besprechen.

Diese und andere aktuelle Kurzrezensionen befinden sich hier

2 Antworten auf „Paul Lynch: „Das Lied des Propheten““

  1. Du schaffst es durch deine distanzierte Betrachtung eine Melancholie über das unausgesprochene verlorene Potential des Textes in die Besprechung zu legen, die ich rührend finde.
    Für mich gibst du Eilish sehr subtil in dieser Traurigkeit die verlorene Würde zurück.

    Es passt sehr gut den biblischen Bogen zu spannen und diesen als geschichtslos in Lynchs Versuch zu verorten.

    Dazu ein Zitat von Auerbach aus Mimesis, das sich auf „Lied des Propheten“ übertragen lässt:

    „Abraham, Jakob oder gar Moses wirken konkreter, näher und geschichtlicher als die Gestalten der homerischen Welt, nicht etwa, weil sie sinnlich besser beschrieben wären – das Gegenteil ist der Fall –, sondern weil die wirre, widerspruchsvolle, hemmungsreiche Mannigfaltigkeit des inneren und äußeren Geschehens, die die echte Geschichte zeigt, in ihrer Darstellung nicht ausgewaschen, sondern noch deutlich erhalten ist“

    Danke für die schöne Rezension.

    1. Vielen Dank, wie du weißt, habe ich damit sehr gekämpft und die Rezension dreimal umgeschrieben. So habe ich einen gewissen Frieden mit dem Buch gefunden, einen etwas haltlosen, aber immerhin. Ich finde das Zitat von Auerbach ganz vorzüglich gewählt. Danke dafür!! Ich denke, dass das Buch viel Potential verschenkt hat. Schade. Viele Grüße!

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Kommunikatives Lesen

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen