Viele DDR-Romane thematisieren den Konflikt zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Das Öffentliche dringt in die Wohnungen ein. Unerwarteter Besuch steht vor der Tür. Fremde Personen suchen Zugang, stellen Fragen. Brigitte Reimann wählt in Franziska Linkerhand die Architektur als Rahmen, wie Planung Privates strukturiert, wie Abstraktes über konkrete Lebenslagen unabsehbare Entscheidungen trifft, und Werner Bräunig lässt in Rummelplatz die Arbeit und das Familienleben ineinander übergehen, wie der Tagebau der Wismut die sozialen, freundschaftlichen und romantischen Verhältnisse prägt und umschreibt. Bescheidener, sprachlich und vom Umfang her, jedoch intensiv und mit selbiger Thematik fängt Christoph Hein in seiner romanlangen Erzählung Der Tangospieler aus dem Jahr 1989 eine ähnliche Endzeitstimmung ein:
„Er war nicht in die Stadt zurückgekehrt, die er damals, vor zwei Jahren, verlassen hatte. Es war eine fremde Stadt mit für ihn fremden Menschen, und es gab für ihn, der nicht bereit war, an sein früheres Leben anzuknüpfen, keine Möglichkeit, in diese alte Stadt zurückzukehren.“
Christoph Hein aus: „Der Tangospieler“
Inhalt/Plot:
Der Protagonist von Heins Der Tangospieler heißt Hans-Peter Dallow. Der Roman beginnt mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Frühjahr 1968. Wegen politisch unliebsamer Texte wurde er von einem Richter zu einer Haftstrafe verdonnert und aus seinem bisherigen Leben herauskatapultiert. Er findet sich nicht mehr zurecht. Er ist 36 Jahre alt, seine Partnerin hat ihn verlassen, seine Freunde wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben, und zudem hat er seinen Job am Institut für Neuere Geschichte und eine Chance auf eine Dozentur verloren. Er steht mit leeren Händen da und kehrt in eine verlassene, verstaubte Wohnung zurück:
Ihm fiel der Staub auf. Er bemerkte ihn zuerst am Küchenschrank, dann auf dem schwarzen Klavier und allen Möbeln. Ein sehr feiner Staub, der erst sichtbar wurde, wenn er mit den Fingern über das Holz glitt.
Er brühte sich Kaffee und ging mit der Kanne und einer Tasse ins Wohnzimmer. Er knöpfte den Mantel auf, zog ihn jedoch nicht aus. Er goß sich Kaffee ein. Dann setzte er sich und sah die Briefe durch. Zwei Briefe waren von der Wohnungsverwaltung, einer von der Elektrizitätsgesellschaft. Die restlichen Briefe sah er durch, ohne sie zu öffnen.
Dallows Problem sitzt tief. Er weiß nicht mehr wohin und wozu und streift verloren durch die Stadt. Alles, was ihm geblieben ist, ist die Lust auf Alkohol und Sex. Alles andere hat an Sinn, Gehalt, ja an Wirklichkeit verloren. Das kommunikative, soziale System umgibt ihn nicht mehr. Er liest nicht. Er interessiert sich nicht mehr für Kunst. Er ignoriert die Zeitungen, schläft, trinkt, und versucht die verschiedensten Frauen, die ihm so über den Weg laufen, zu Sex zu überreden. Vom Klavierspielen, das ihm seine Lage eingebrockt hat, will er sowieso nichts mehr wissen:
Mit beiden Händen sich auf dem Küchentisch abstützend, erhob er sich. Er schraubte den Verschluß der Schnapsflasche zu und ging zum Klavier hinüber. Er klappte es auf, zögerte aber, eine der Tasten anzuschlagen. Er ließ den Klavierdeckel fallen, so daß das Instrument laut dröhnte. Dann ging er ins Bett.
Die Resozialisierung gelingt nicht. Er will keine Arbeit. Er will kein Mitleid. Er will gar nichts mehr und überschlägt, wieviel Zeit ihm noch bleibt, bevor sein Erspartes aufgebraucht ist und er sich wohl oder übel einen Job suchen muss. Knapp ein Jahr, stellt er fest. Nach ein paar Wochen beginnt ihn aber das Schlendrianleben zu langweilen. Von Tag zu Tag wird es schwerer, sich zum Aufstehen zu motivieren. Er hat keine Verabredungen, keine Verpflichtungen, keinen Plan, und so gerät von Tag zu Tag mehr seine Laune und Stimmung in die Schieflage.
Irgendwann und während er noch immer spekulierend Zahlen auf Blätter schrieb, kam ihm die Ahnung, daß seine peniblen und nutzlosen Rechnungen ein Vorwand waren […] sich den eigentlichen und dafür ausschlaggebenden Grund [nicht] eingestehen zu müssen: er langweilte sich. Die Tage, die er in seiner Wohnung mit kleinlichen, überflüssigen Tätigkeiten verbrachte, mit dem Ordnen seiner Habseligkeiten, was ihn nervös stimmte, wurden ihm unerträglich. Jeden Tag stand er später auf, da er sich vor den sinnlos zu verbringenden Stunden zu fürchten begann.
Dallow beginnt eine Affäre mit der alleinerziehenden Mutter Elke, die ihn aber ob seines Lebenswandels nicht ernstnehmen kann, er versucht sich mit Affären zu betäuben, bewirbt sich erfolglos als Kraftfahrer, versucht sich mit Zeitungslesen abzulenken, bis er geistig nahezu umnachtet den für seine Verurteilung verantwortlich zeichnenden Richter angreift, der ihm ein Ultimatum stellt, endlich eine Anstellung zu finden.
Der Richter blätterte in den Papieren. Dann sagte er ohne aufzusehen: »Das ist nicht gut für Sie, Dallow. Lassen Sie sich von meiner Sekretärin die Telefonnummer geben und rufen Sie an.«
Dallow verstand nicht, was der Richter meinte. Er schwieg aber und wartete. Dr. Berger blickte auf seine Armbanduhr und ergänzte: »Sagen wir, in drei Tagen rufen Sie an und sagen ihr, wo Sie arbeiten. Es ist besser so.«
Dallow wollte etwas erwidern. Der Richter ließ ihn jedoch nicht zu Wort kommen. Ohne den Blick von den Papieren zu heben, sagte er: »Sie haben verstanden, Dallow. Vergessen Sie nicht, meine Sekretärin anzurufen. In Ihrem Interesse.«
Gezwungen von dem resoluten Richter bewirbt sich Dallow als Kellner auf der Insel Hiddensee im Restaurant Klausner, verbringt dort ein paar Wochen mit Affären, die sich aus der Unterkunftssuche von Touristinnen ergeben und erhält alsbald Besuch von einer ehemaligen Studentin, die ihm eröffnet, dass Dallow die Dozentur am Institut für Neuere Geschichte doch bekommen könnte, denn Roessler, derjenige, der nach Dallows Inhaftierung den Zuspruch erhalten hat, sich eine politisch unliebsame Äußerung in Bezug auf den Prager Frühling und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag geleistet hat. Mit dieser Aussicht vor Augen verlässt Dallow sein Inselparadies und kehrt als geläuterter und gemachter Mann zurück nach Leipzig.
Detaillierte Inhaltsgabe
- Entlassung Dallows (D), Fahrt zurück nach Leipzig, Rückkehr in die Wohnung.
- Treffen des Verteidigers Kiewer und des Richters Dr. Berger im Café, wo Harry (H) arbeitet. Der Richter erinnert sich nicht mehr an ihn. Baggert die Kellnerin an. Unerfolgreich.
- Reparatur des Autos. Ausflug. Lernt alleinerziehende Mutter kennen. Beginn der Affäre mit Elke Schütte (E).
- Dallow wählt unbewusst die Telefonnummer seiner alten Arbeitsstätte, des Instituts für Neuere Geschichte. Gespräch mit Roessler (R), seinem Nachfolger. Sie verabreden sich. D trifft Sylvia (S). Baggert sie an. Unerfolgreich. D flirtet mit Rs Sekretärin Barbara (B).
- Treffen mit zwei unbekannten Männern, Müller und Schulze (MuS), die ihm helfen wollen, unterstützen. Die Stasi. D lehnt ab.
- D räumt seine Wohnung auf, lenkt sich mit Kochen ab und geht in Bars. Langweilt sich bald, fährt durch die Stadt und wird von der Polizei angehalten wegen eines defekten Schmutzfängers. Brief der Mutter.
- D fühlt sich einsam. Fährt zu den Eltern, die auf dem Land wohnen. Vater enttäuscht, dass D nicht den Hof übernimmt, dass D ins Gefängnis gekommen ist. D erzählt, wie es dazukam. Es war ein Missverständnis. Er half als Pianist bei einer Theateraufführung aus, die systemkritische Texte zum Besten gab. D ruft seine Schwester an. Gespräch mit dem Bahnbeamten. Besuch seiner Schwester. Schlechtes Gewissen wegen seiner Eltern.
- Zurück in Leipzig geht er in die Kneipe. Philosophierender Rohrleger. MuS besuchen ihn. D lehnt wieder ab. Sie drohen. Besuch bei E. E will, dass er sein Leben auf die Reihe bekommt. D will nur mit ihr schlafen. D liest zum ersten Mal wieder Zeit. Abonniert eine. Nimmt sich vor, nach Arbeit zu suchen.
- Besuch bei den Stämmlers geht schief. D betrinkt sich. D bewirbt sich als Kraftfahrer, wird überall abgelehnt. Gibt auf. Treffen mit E. Gespräch in der Bar mit H über die Zukunft. Eine Theateraufführung findet statt, mit dem Text, der D ins Gefängnis brachte und jetzt bejubelt wird. Richter und Verteidiger klopfen ihm auf die Schulter.
- Besuch bei Ulrich Klufmann (U), der die Theateraufführung organisiert hat, ohne D einzuladen. D beschwert sich. U hat eine Studentin namens Teresa bei sich. D zieht enttäuscht weiter.
- MuS besuchen ihn wieder. Er lehnt wieder das Angebot ab. Gespräch über Prager Frühling. D fährt zu Harry’s Café, trifft Richter, verfolgt und würgt ihn kurzerhand.
- Treffen mit Es Freunden eskaliert. E trennt sich von D. R ruft D an und bietet ihn eine Stelle als Oberassistenz. D geht mit B essen. B gesteht ihre inzestuösen Gefühle. Der Richter fordert ihn auf, vorstellig zu werden. Er gibt D ein Ultimatum. D muss Arbeit finden.
- D fragt Stämmler um Hilfe. Erfolglos. Fragt H um eine Stelle als Kellner. D nimmt Stelle auf Hiddensee an.
- D fährt zur Ostsee. Arbeit in der Gaststätte Klausner. Streitet sich mit Zimmernachbarn. Hat Affären. Schreibt Elke. Trifft Müller. Trifft ehemaligen Studenten. Sylvia besucht ihn, bietet Stelle als Dozent an, die R damals für ihn bekam. R hat sich politisch unliebsam geäußert. D nimmt an und kehrt zurück nach Leipzig als Dozent für Neuere Geschichte.
Stil/Sprache/Form:
Heins Sprache bleibt bewusst unterkühlt, distanziert, nüchtern. Nirgendwo bemüht er sprachliche Lyrismen. Noch verarbeitet er viele Zeitebenen und Perspektiven in die Handlung. Der Tangospieler verfolgt minutiös die alltäglichen Geschehnisse im Frühjahr 1968 im Leben Hans-Peter Dallows. Nebensächlichkeiten, Selbstgespräche tauchen auf. Narrativ verbleibt Hein ganz und gar im personalen Erzählen. Dallow interessiert sich nicht für Politik, und so bekommt er vom Prager Frühling so gut wie nichts mit.
Einer der Männer erkundigte sich nach Dallows Ansichten und fragte, ob er Dubček Chancen einräume, politisch zu überleben.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete ihm Dallow, »und es interessiert mich auch nicht.«
Er sagte es freundlich und betont liebenswürdig, aber das Gespräch verstummte, und alle sahen zu ihm.
»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, sagte der Mann, der ihn angesprochen hatte. »In diesem Fall wären Sie der einzige Mensch in diesem Land, den die Ereignisse in Prag nicht beschäftigen. So oder so ist doch da jeder engagiert.«
Dallow zuckte bedauernd mit den Schultern und erwiderte nichts.
Dallows Empfinden verstrickt sich in Selbstmitleid, Ekel, Ernüchterung und grenzenloser Desillusion. Er hat lediglich bei einem Theaterstück ausgeholfen, ohne von den gesungenen Liedern zu wissen. Er spielte Noten, kannte die Studentengruppe kaum und wurde dennoch zu fast zwei Jahren Haft verurteilt. Das soziale System hat sich für ihn aufgelöst. Alles kann passieren. Nichts macht mehr Sinn. Was bleibt, und dies ahmt der Stil, die Form von Der Tangospieler nach, reduziert sich auf das nackte Menschsein, auf den Wunsch nach Nähe, nach Sex, nach körperlichen, sinnlichen Genüssen ohne jedwede Sublimierung. Dallow figuriert den totalen Kommunikationsverlust:
»Was hast du vor?« erkundigte sich Elke.
Dallow blickte weiter auf seine Hände und fragte sich, was sie hören wollte. Dann sah er sie an und sagte wahrheitsgemäß: »Ich will mit dir schlafen.«
Sie lächelte. »Du wiederholst dich.«
»Ich weiß«, sagte er, »das tu ich in diesem Fall sehr gern.«
In Der Tangospieler bleibt alles ganz nah an den Ereignissen. Dallow, mit sich im Unreinen, unzufrieden, entrückt, driftet orientierungslos durch die Stadt. Sein westdeutscher Wiedergänger heißt Hans Schnier und lebt ein ähnliches Leben in Köln in Heinrich Bölls Roman Ansichten eines Clowns. Die Spannung der Sprache ergibt sich aus dieser formal-ästhetisch klar gewünschten, schnörkellosen, unverblümten, von jedweden Ausflüchten gereinigten Sprache und Nacherzählung der Gedanken und Wünsche Dallows und Schniers:
Ich ging ins Badezimmer, kippte etwas von dem Badezeug, das Monika Silvs mir hingestellt hatte, in die Wanne und drehte den Heißwasserhahn auf. Baden ist fast so gut wie schlafen, wie schlafen fast so gut ist, wie »die Sache« tun. Marie hat es so genannt, und ich denke immer in ihren Worten daran. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß sie mit Züpfner »die Sache« tun würde, meine Phantasie hat einfach keine Kammern für solche Vorstellungen […]
Heinrich Böll aus: „Ansichten eines Clowns“
Die „Sache“ steht in Ansichten eines Clowns genauso im Vordergrund wie in Der Tangospieler. Beide Protagonisten erleben die repressive Entsublimierung nicht als Befreiung, sondern als Not. Im Unterschied zu Schnier lebt Dallow diese aber hemmungslos aus, ohne zu anderen Ansichten und Lebensanalysen zu kommen und ohne dass nur einmal das Wort „Sex“ fällt. Die „Sache“ zu benennen wäre schon wieder Teil einer kulturellen Entfremdung, die von den Protagonisten nicht gewollt wird.
Er unterhielt sich viel mit den Mädchen, da ihm ihre unbekümmerte Sorglosigkeit gefiel und gleichzeitig irritierte. Er begriff nicht, wieso diese Mädchen nur um eines begehrten Quartiers auf der Insel willen sofort bereit waren, mit ihm ins Bett zu gehen […] Er war, sagte er sich, weder für diese Generation noch für die einzelnen Mädchen verantwortlich. Er genoß die so leicht erhaltenen Liebesdienste, wurde wählerisch […]
Für Dallow wie für Schnier gibt es nur noch diese Perspektive. Bei Dallow fehlt der untergründige Schuldaspekt, der in Ansichten eines Clowns zur Geltung kommt, in den Kriegsfolgen und im Bedauern über den Verlust der Schwester. In Der Tangospieler verliert sich alles in ein dumpfes, muffiges Nichts, das literarisch gar nicht überzeugender, kristallklarer und erbarmungsloser beschrieben werden könnte:
Wie ein entlaufener und verwilderter Hund, dachte er. Er lächelte über seinen Vergleich und dachte dann lange darüber nach. Das Bild erschien ihm einleuchtend. Entlassene Häftlinge, sagte er sich, sind diesen armseligen Hunden vergleichbar, sie wirken räudig, sind struppig, laufen mit ständiger Angst vor Prügeln durch die Stadt, beharrlich auf der Suche nach etwas, was sie nicht kennen und doch sehnsüchtig aufzuspüren suchen. Sie sind verschlagen und bissig und unberechenbar, und doch sind sie nur auf der Suche nach einem neuen Herrn, der sie tätschelt und schlägt und dem sie die Hand lecken können.
Die Diktion der Protokollsätze, als schriebe Hein eine Zeugenaussage, die positivistische Grundhaltung, nichts über das rein Beobachtbare, das sinnlich Ertastbare zu akzeptieren, die nüchterne, alles Ornament, jeder Maske, jeder Mehrdimensionalität Ver- und Entsagende, das zeichnet Heins Erzählung aus: Ein Nullpunkt der Literatur, der Literatur bleibt.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Der Tangospieler bewegt sich im Spannungsfeld des existenzialistischen Romans als kontrapunktisch-gewendete Antithese. Er pendelt zwischen Eugène Ionescos Der Einzelgänger, Heinrich Bölls Ansichten eines Clowns, Albert Camus‘ Der Fremde, Jean-Paul Sartres Der Ekel und Ernesto Sabatos Der Tunnel. Sie besitzen alle eine deutlich gezeichnete Szene mit einer existenziellen Krise, in der sich die Wahrheit der jeweiligen Erzählinstanzen zeigt und erweist. Auch in Heins Erzählung gibt es diese eine Szene. In ihr würgt Dallow seinen Richter. Es ist der Gewaltausbruch, diese letzte Form der Kommunikation, die verbleibt, wenn alle Worte und jedes Vertrauen auf Kommunikation verloren gegangen sind.
Dallow antwortete ihm nicht. Verwirrt und unschlüssig drückte er seine Finger an Bergers Hals. Der Richter rang plötzlich nach Luft, seine Augen blickten starr ins Leere. Die Parklaterne neben der Bank wurde von einem Windstoß bewegt und knirschte metallen. Mit einem lauten, saugenden Geräusch holte der Richter Luft. Dieses gierige Jaulen erschreckte Dallow mehr als die aufgerissenen und hervorgetretenen Augen des Mannes. Er ließ ihn rasch los und rückte auf der Bank einige Zentimeter von ihm weg. Er sah reglos zu, als der Richter erschöpft und wie ein sehr alter Mann in sich zusammengesunken dasaß und versuchte, zu Atem zu kommen.
Dallow besitzt viele Züge von Heinrich Manns Diederich Heßling in Der Untertan, nur gedämpft, noch verschämter. Das Unterwürfige paart sich mit Unzufriedenheit, aber auch Feigheit, für die Dallow im Sexuellen ihr Ventil sucht, das gerade Heßling fehlt und so seine aggressive Seite auch in der Öffentlichkeit zu Geltung kommen lässt. Distinkte Szenen gibt es in Der Untertan ebenfalls, die mit einem Schlag offenbaren, wer der Protagonist in essentia ist, wie beispielsweise als Heßling den Kaiser im Tiergarten sieht:
Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser.
Heinrich Mann aus: „Der Untertan“
Dallow besitzt jedoch im Gegensatz zu Heßling keine reflektierten Rachegelüste. Keiner der beiden reflektiert sich oder die eigene Handlungsweise, die Entscheidungen. Heßling jedoch will sich verwirklichen. Dallow hingegen will einfach nur noch genießen. Er empfindet nicht einmal wirklich Schmerz oder Wut. Er dümpelt von einem Tag zum nächsten vor sich hin, und plötzlich, als sich die Gelegenheit ergibt, greift er den überraschten Richter an und würgt ihn. Verantwortung lehnt er ab. Entscheidungen lässt er andere herbeiführen. Er duldet, führt aus, ergibt sich. Sein Nein zu den Geheimdienstleuten erweist sich aus dieser Perspektive als eines von vielen Neins und deshalb völlig insignifikant für seinen Charakter, und konsequenterweise, als er vom Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag hört, akzeptiert er wieder die Autorität des Staates, der ihn zu 21 Monaten Haft wegen eines Tangoliedes verurteilt hat, und nimmt die Dozentenposition, die ihm Sylvia anbietet, am Leipziger Institut für Neuere Geschichte gerne wieder an:
Er spielte laut und wild die kleinen, ihm geläufigen Klavierstücke von Chopin und sah dem stummen Film seines Fernsehgerätes zu, der Soldaten zeigte, die von der Bevölkerung begrüßt und offenbar von Armeegenerälen besucht wurden. Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm warfen Blumen zu den auf ihren Panzern sitzenden Soldaten, andere Bilder zeigten Prager Bürger im freundschaftlichen Gespräch mit den Soldaten. Dallow trank in kurzer Zeit die [Schnaps-]Flasche aus, stellte den Fernseher ab und ging ins Schlafzimmer. Bevor er sich auszog, prüfte er die Klingel des Weckers und stellte ihn dann. Er wollte am nächsten Morgen pünktlich im Institut sein.
Jean-Paul Sartre bezweifelt in Was ist Literatur?, dass Unfreiheit Thema eines Romans sein kann. Christoph Hein kommt inhaltlich und formal in Der Tangospieler wie Heinrich Mann in Der Untertan diesem seltsamen und unheimlichen Ideal sehr nahe. Dallows Herumstreifen in Leipzig liest sich eng und beklemmend. Die Willkür, das Nackte, das Monströse liegt drohend unter den Sätzen. Der Protagonist taumelt untot. Die Worte folgen atemlos, dicht. Sie wirken ohnmächtig, verstaubt, antiquiert und was bleibt, ist ein stummes Ist, ein stummes Ja, dem Dallow seinen Namen gegeben hat. Er hat nur die Noten gespielt, die ihm gegeben wurden. Er war nur der Tangospieler.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung gibt es hier.
Außerplanmäßig werde ich ab und zu Besprechungen zu Klassikern posten. In diesem Zuge soll nach und nach mein ein Kanon an Leben und Inhalt gewinnen.
Andere aktuelle und Klassiker-Kurzrezensionen findet sich vorab bereits hier.



Einer meiner all-time-Favoriten!
Ich habe es auch bei meiner Relektüre sehr genossen. Die Stimmung, die Melancholie, diese Einsamkeit in den Straßen von Leipzig hat Hein sehr gut aufgefangen, finde ich.
Genau, das ist es, ein atmosphärisch sehr dichtes Buch.
Bin gespannt. Die Rezension macht jedenfalls neugierig