Benjamin Myers: „Strandgut“

Strandgut von Benjamin Myers
Strandgut von Benjamin Myers. Spiegel Belletristik-Bestseller (2025).

Benjamin Myers neuester Roman Strandgut lässt sich als eine sehr freie Hommage an Rainer Maria Rilkes berühmtes Diktum aus dem Gedicht Archaïscher Torso Apollos verstehen, das da lautet: „Du mußt dein Leben ändern.“ Wie in Heinz Strunks Ein Sommer in Niendorf oder Philip Roths Der menschliche Makel reißt ein älterer Protagonist in Strandgut noch einmal das Steuer um. Der Roman verhandelt insofern den Stoff Alter mit einem Plot, der zwischen Alt liebt jung und physisches Ausgeliefertheitsein hin und her pendelt. Earlon „Bucky“ Bronco, 72 Jahre alt, leidet nämlich an einer Schmerztablettensucht und bandelt mit einer über zwanzig Jahre jüngeren Frau namens Dinah Lake an, die ein großer Fan seiner Soul-Musik ist:

Sie hatte gelebt, das konnte man sehen, aber das Leben hatte sie nicht niedergerungen. Er sah Stärke in ihr und, als er näher kam, dass sie schöne tiefgrüne Augen hatte. Ihr dunkles Haar glänzte im grellweißen Licht rötlichbraun, und sie hatte eine große, edle Nase. Sie war beeindruckend. Und als sie ihr Gewicht beiläufig von einem Bein auf das andere verlagerte, registrierte er ungewollt, dass unter ihrem Mantel eine hübsche, füllige Figur verborgen war. Bucky erwiderte ihr Lächeln und trat auf sie zu. »Dinah?«, fragte er.
»Willkommen in Yorkshire, Mr Bronco.«

Benjamin Myers aus: „Strandgut“

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Philip Roth: „Der menschliche Makel“

Der menschliche Makel von Philip Roth.
Der menschliche Makel von Philip Roth.

Es gibt Romane, die eine Weile benötigen, um ihre Wirkung zu entfalten. Jonathan Franzens Crossroads gehört dazu. Die Figuren wachsen in der Erinnerung. Der Plot multipliziert sich. Eine eigene, aus dem Gedächtnis heraus wachsende komplexe Welt baut sich auf und verstärkt, verändert, vertieft den Eindruck im Nachhinein noch. Es scheint, dass in solchen Romanen wie Fjodor Michailowitsch Dostojewskis Die Brüder Karamasow oder William Faulkners Schall und Wahn ein impliziter Reifeprozess stattfindet, und zwar aufgrund ihrer in sich verflochtenen, multiperspektivischen Komposition. Überraschenderweise bemüht sich Philip Roth in Der menschliche Makel gar nicht um eine solche formale Polyphonie. Er vertraut auf Schockmomente und  Tabubrüche:

War es der Akt selbst gewesen, der ihn [Coleman Silk] verraten hatte, die absolute Intimität, wenn man sich nicht einfach im Körper einer Frau befindet, sondern sie einen fest umschließt? Oder war es die körperliche Nacktheit gewesen? Du ziehst deine Kleider aus und gehst mit jemandem ins Bett, und das ist tatsächlich der Ort, wo alles, was du verborgen hast, wo deine Eigenarten – ganz gleich, welcher Art, ganz gleich, wie verborgen – ans Licht kommen, und das ist eben auch der Grund für Schüchternheit, das ist das, was alle fürchten. Wie viel von mir wird an diesem anarchischen, verrückten Ort gesehen, wie viel von mir wird freigelegt? Jetzt weiß ich, wer du bist. Jetzt sehe ich, dass du Neger und ungestümer bist.
Philip Roth aus: „Der menschliche Makel“

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Kriterien für das ästhetische Gelingen eines Romans

Plot
Roman-Taxonomie: Kriterien für das ästhetische Gelingen eines Romanes

In der Beschäftigung mit Romanen stellt sich irgendwann von selbst die Frage, was das eigentlich sein soll, ein Roman. Als sogenannte Epopöe des entzauberten Zeitalters oder der transzendentalen Obdachlosigkeit spiegelt der Roman eine Art Kommunikationsmedium wider, in welchem alles und jedes seinen Platz findet, alles und jedes erzählt und reflektiert werden, jedwede Länge, Kürze und Form besitzen kann. Ältere Definitionen, die kaum der Erwähnung wert sind, versuchen, den Roman von der Novelle und Erzählung durch den größeren Umfang und/oder durch die Vielzahl an Handlungsfäden zu unterscheiden. All diese literaturtaxonomischen Versuche betreffen aber lediglich Äußerlichkeiten. Die eigentliche Frage, vom Romanstoff her, stellt sich dahingehend, was ein Roman von einem Geschichtstext, eine Erzählung von einem Zeitungsartikel, die Fiktion von einem Kommentar  unterscheidet.

Im folgenden wird also der Versuch unternommen, eine Unterscheidung zu motivieren, die nicht nach äußerlichen Merkmalen kategorisiert (wie der Länge, der Anzahl der Figuren). Statt dessen wird die dem Roman eigentümliche Lesedynamik in den Vordergrund gestellt, nämlich Glaubwürdigkeit zu erzeugen statt zu behaupten.

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Marlene Streeruwitz: „Auflösungen“

Auflösungen von Marlene Streeruwitz
Auflösungen von Marlene Streeruwitz. SWR Bestenliste 2025.

Mit dem Untertitel „New York“ setzt Marlene Streeruwitz ihr neuestes Buch Auflösungen eindeutig in die Tradition der Großstadtromane. Sie schließt damit direkt an Romane wie die von John Dos Passos Manhattan Transfer und Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz an. In der deutschsprachigen Literatur findet New York Erwähnung bspw. in Uwe Johnsons Jahrestage und Max Frischs Montauk und, in der Gegenwartsliteratur, u.a. bei Iris Hanika in Echos Kammern. Streeruwitz betreibt in Auflösungen eine eigenwillige Verknüpfung zwischen dem Biographischen und Chronistischen, indem sie das Leben der New Yorker Kulturschaffenden im postpandemischen New York im Bewusstsein einer Lyrikerin namens Nina Wagner gegenspiegelt:

Was war nun ihre Situation. Ganz konkret. Sie war eine fast 56 Jahre alte alleinerziehende Lyrikerin, die nun endgültig ohne Kind leben musste. Sie hörte dem Geraschel ihrer Finger auf der Tastatur des laptops zu. Und Leon? Dieser Mann hatte sie allein in der Wohnung zurückgelassen. Sie stand wieder an der Tür und horchte, ob sie nun endlich zurückkämen. Die, die sie schützen sollten. Das Kind. Das Kind im Text, den sie abschrieb. Das Kind in dem Text bestätigte ihr das. Das Kind. Ihr Kind. Es hatte ihr aus dieser Situation herausgeholfen. Mit dem Kind. Sie hatte das Kind in seinem Bettchen bewacht, und das hatte sie stark gemacht.
Marlene Streeruwitz aus: „Auflösungen“

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Gaea Schoeters: „Das Geschenk“

Das Geschenk von Gaea Schoeters. Spiegel Belletristik-Bestseller 2025.

Der Stoff Natur findet eher selten Eingang in die Welt der Literatur, wenn überhaupt, dann oft in dem Bereich Welt in Trümmern oder Verhängnisvolles Durcheinander. Diesen Themenbereich bearbeitet oft die Poesie und stilistische Übergangsformen. Lediglich in Genre der Fabel erfreuen sich Naturmetaphern großer Beliebtheit: Bernard Mandevilles Bienenfabel (1714), George Orwells Farm der Tiere (1945) und Richard Adams Unten am Fluss (1972), nur als Beispiele. Seltener aber werden die Bereiche gemischt wie in Schiffbruch mit Tiger von Yann Martel, Eugène Ionesco Die Nashörner oder, nun, im neuen Kurzroman von Gaea Schoeters Das Geschenk. In der letzten Variante steht ein Mitten- und Gegeneinander im Zentrum, bei Schoeters 20 000 Elefanten, die im Herzen von Berlin ausgesetzt werden:

»Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben. Vielleicht solltet ihr einfach mal selbst versuchen, mit Megafauna zurechtzukommen. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, Deutschland zwanzigtausend Elefanten zu schenken. Wenn alles geklappt hat, müsste mein Geschenk mittlerweile in Berlin angekommen sein.«
[Bundeskanzler] Winkler klappt die Kinnlade herunter. »Was? Haben Sie die Elefanten … Aber wie … Das Gesetz wurde doch erst gestern verabschiedet!«
Tebogo schmunzelt belustigt. »Magic, my dear friend.«

Gaea Schoeters aus: „Das Geschenk“

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Ralf Rothmann: „Museum der Einsamkeit“

Museum der Einsamkeit von Ralf Rothmann
Museum der Einsamkeit von Ralf Rothmann. SWR Bestenliste 2025.

Dem herkömmlichen Literaturdiskurs fällt eher selten auf, dass ein großer Bereich des sozialen Lebens und Erlebens weitestgehend in den meisten Texten und Romanen ausgeklammert bleibt, die Realität der Werktätigen, und zwar nicht aus der Sicht der Kunst oder des Journalismus oder der Politik, sondern aus der Mitte ihrer eigenen Tätigkeit, des Handwerks, der Putz- und Bauarbeiten selbst heraus. Ausnahmen wie Heinz Strunk in Ein Sommer in Niendorf, Jan Weilers Der Markisenmann oder Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen gibt es, stellen aber zahlenmäßig die krasse Minderzahl dar und kratzen auch oft nur die Oberfläche dieser Sozialräume, indem sie sich nämlich auf die Trunksucht, Einsamkeit oder das Ausgeschlossensein fokussieren. Die Arbeitsrealität kommt kaum zur Sprache. Dagegen geht bspw. Werner Bräunig in Rummelplatz auf die Lebensrealität von Bergbauern ein, Brigitte Reimann in Franziska Linkerhand auf die der Bauerarbeiter und, noch weiter zurück, Émile Zola auf die der Wäscherinnen in Der Totschläger. Ralf Rothmann nimmt diese Traditionslinie auf. Schon Die Nacht unterm Schnee handelt im Arbeitermilieu und auch in seinem Erzählband Museum der Einsamkeit werden Episoden und Lebensläufe hauptsächlich von Menschen erzählt, die jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen.

»Wieso«, sagte Herbert und drückte seine Zigarette auf der Fensterbank aus, »machst du denn groß was anderes [als dein eigenes Gefängnis zu bauen]? Wer oder was, glaubst du wohl, hat dir die Hüfte demoliert? Der Geist der Freiheit?« Er öffnete seinen Tabakbeutel und bröselte die Kippe hinein. »Der Unterschied ist, du kriegst ein bisschen Geld dafür und kannst dir abends die Kante geben oder Druck im Puff ablassen, damit du den Krampf überhaupt erträgst. Aber auch du schlägst dich mit Arschlöchern rum und wartest den ganzen Tag darauf, dass man dir aufschließt.«
Ralf Rothmann aus: „Museum der Einsamkeit“ [Engel auf Krücken]

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