Stendhal: „Rot und Schwarz“

Rot und Schwarz
Rot und Schwarz von Stendhal. Die Überfülle des Allegorisch-Zeitgenössischen.

Marie-Henri Byle, bekannt als Stendhal, ein Pseudonym, das er sich wahrscheinlich wegen seiner Verehrung für Johann Joachim Winckelmann, geboren in Stendhal, zugelegt hat, veröffentlichte kurz vor der Juli-Revolution 1830 seinen Restaurationsroman Rot und Schwarz. Scharfe Zungen behaupten, dass Stendhals Roman schlagartig überholt gewesen sei, da er just zu einem Zeitpunkt erschien, als die beschriebene Gegenwart, nämlich die Regierung und Restaurationsversuche der Bourbonen, durch die erneute Machtergreifung des Bürgertums in Frankreich endgültig verschwand. Diese rein polithistorische Lesart übersieht, dass die Restauration nur eines von vielen Beispielen für ein Leben unter dem Ennui abgibt:

Seit Napoleons Sturz war in den kleinen Städten und auf dem Lande auch die geringste Galanterie streng verpönt. Das hätte Kopf und Kragen kosten können. Die Schelme krochen hinter die Röcke der Geistlichkeit, und die Heuchelei trieb sogar in liberalen Kreisen die schönsten Blüten. Die Langeweile nahm überhand. Man mußte sein bißchen Vergnügen in den Freuden des Landlebens oder in Büchern suchen.

Stendhal aus: „Rot und Schwarz“
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Paul Lynch: „Das Lied des Propheten“

Das Lied des Propheten
Das Lied des Propheten von David Lynch. Booker-Preis 2023, SWR-Bestenliste.

Der Booker Preis-Träger von 2023, Paul Lynch, beschreibt in seinem Buch Das Lied des Propheten den Untergang einer Gesellschaft und setzt die Tradition der Dystopieromane fort, die literaturgeschichtlich hauptsächlich durch George Orwells 1984, Aldous Huxleys Schöne neue Welt oder Ray Bradburys Fahrenheit 451 repräsentiert werden. Gegenwärtig findet die Dystopie eigenartigerweise, von Science-Fiction-Romanen abgesehen, weniger Anklang. Hier lassen sich aber Michel Houellebecqs Die Unterwerfung oder T.C. Boyles Blues Skies nennen. Weniger religions- und geschlechtspolitisch als Houellebecq und weniger Klimakatastrophen genährt als Boyle erforscht Lynch in Das Lied des Propheten den schlagartigen Zusammenbruch eines geordneten sozialen Systems:

Wie Sie sicher schon gemerkt haben, Mr. Stack, ist das für den Staat eine schwierige Zeit, wir haben Anweisung, alle Beschuldigungen, die uns erreichen, ernst zu nehmen — Was reden Sie denn da, verdammt?, sagt Larry, das ist doch keine Beschuldigung, das ist völliger Unsinn, Sie verdrehen da etwas, nehmen eine Sache und machen eine andere daraus, das sieht mir ganz so aus, als hätten Sie das selbst getippt. Mr. Stack, zweifellos haben Sie von der Notverordnung gehört, die auf die anhaltende Krise hin, mit der sich der Staat konfrontiert sieht, vergangenen September in Kraft getreten ist, Gesetze, die dem GNSB zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zusätzliche Mittel und Befugnisse zur Verfügung stellen […]
Paul Lynch aus: „Das Lied des Propheten“

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Heinz Strunk: „Zauberberg 2“

Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Zauberberg 2 von Heinz Strunk. Spiegel Belletristik-Bestseller 2024-25.

Zauberberg 2, Heinz Strunks neuester Roman, steht in einer langen und sehr gepflegten und wohlbehüteten Erzähltradition: die des an seiner eigenen Monomanie zugrunde gehenden männlichen Individuums. Von der Klassik, bspw. Johann Wolfgang Goethes Die Leiden des jungen Werther, über Franz Kafkas Der Proceß in der Moderne bis hin zu Christoph Heins Der Tangospieler oder Michel Houellebecqs Vernichten in der Gegenwart finden sich stets wieder die Romane über Einzelgänger, die mit sich und der Welt abzuschließen versuchen und denen es auch meist gelingt und zwar oft final. Strunk kennt fast kein anderes Thema. Seine Protagonisten konfrontieren sich krass und gnadenlos mit sich selbst und ziehen eine erbarmungslose Bilanz:

Am Horner Kreisel nimmt er die Ausfahrt auf die A24 Richtung Berlin. Autos rauschen in schmutzig aufsprühenden Tropfenschleiern an ihm vorbei, Schneeregengrau spritzt gegen seine Windschutzscheibe. Sein Gesicht im Rückspiegel: kein schöner Anblick. Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen, als hätte jemand Salz hineingestreut. Außerdem wirkt seine Miene völlig ausdruckslos, obwohl ja so viel in ihm vorgeht.
Heinz Strunk aus: „Zauberberg 2“

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Alina Bronsky: „Pi mal Daumen”

Pi mal Daumen von Alina Bronsky
Pi mal Daumen von Alina Bronsky. Spiegel-Belletristik Bestseller 2025.

Der Universitätsalltag findet in der Literatur seltener Erwähnung als Schulzeit- und Kindheitsgeschichten. In letzter Zeit lassen sich da, bspw., Raphaela Edelbauers Die Inkommensurablen, Slata Roschals Ich möchte Wein trinken und auf das Ende der Welt warten oder Terézia Moras Muna anführen, und ein Klassiker stellt sicherlich John Williams Stoner, Philipp Roths Der menschliche Makel oder, weiter zurückgehend Die Blendung von Elias Canetti dar. Alina Bronsky, die mit ihren Büchern bereits zweimal (2010,2015) auf der Longlist des Preises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gelandet ist, legt nun ein Buch über das Mathematikstudium vor, insbesondere über die auftretenden Anfangsschwierigkeiten:

Am Anfang des Semesters waren die Vorlesungen noch voll, die Leute mussten auf der Heizung oder auf dem Boden sitzen. Die Hälfte der Professoren hatte osteuropäische Namen. Sie waren besonders gefürchtet, weil sie den Stoff des ersten Uni-Semesters bereits in der neunten Klasse auf ihren spezialisierten Schulen gelernt und wenig Verständnis für das Schneckentempo in Deutschland hatten. »Warten Sie ein paar Wochen«, hatte der Studiendekan Professor Orlov bei der Begrüßungsveranstaltung gesagt. »Dann sind wir wieder unter uns.«
Alina Bronsky aus: „Pi mal Daumen“

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