
Trag das Feuer weiter beendet die von Leïla Slimani großangelegte Trilogie der Familie Belhaj, die im Roman Das Land der anderen mit der Geschichte des Marokkaners Amine und der Elsässerin Mathilde begonnen hat. Wird im zweiten Buch, Schaut, wie wir tanzen, hauptsächlich von deren Kindern, Selim und Aïcha, erzählt, beschließen nun die ersten Schritte ihrer Enkelkinder ins Erwachsenenleben, Mia und Inès, die Familiensaga. Mit den Enkeln schließt sich auch geographisch der Kreis, denn sowohl Mia wie Inès leben wie einst ihre Großmutter Mathilde in Frankreich und nicht in Marokko. Die Erzählgegenwart schreibt das Jahr 2022. Marokko spielt im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft gegen Frankreich:
Hakim hat mir eine Nachricht geschrieben: »Ich bin so glücklich. Ist dir bewusst, dass es zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder eine positive Nachricht im Zusammenhang mit Muslimen gibt?« Ich habe ihm nicht geantwortet. Heute Abend wird er in seiner Pariser Wohnung das WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko schauen, er und Inès werden ihren Kindern mit Schminke den grünen Stern des Königreichs auf eine Wange und den französischen Hahn auf die andere malen. Sie werden sagen: »Möge der Bessere gewinnen. Egal, wie es ausgeht, wir freuen uns.«
Leïla Slimani aus: „Trag das Feuer weiter“
Inhalt/Plot:
Von Anfang an herrscht in Trag das Feuer weiter eine Polarität zwischen Nordafrika und Europa, zwischen Mann und Frau, zwischen Christentum und Islam, die von keiner der Figuren vermittelt und durchschritten werden kann. Gebannt in den Widersprüchen, sich weder in Marokko noch in Frankreich heimisch fühlen zu können, geht die wohlsituierte Ich-Erzählerin Mia Daoud in der Rahmenhandlung auf Spurensuche, um ihr von einer Corona-Erkrankung in Mitleidenschaft gezogenes Gedächtnis wieder auf die Sprünge zu helfen. Die treibende Kraft stellt hier die Bemühung dar, das Rätsel um ihren geheimnisvollen Vater zu lüften, Mehdi Daoud, einst überzeugter Marxist und Rebell, der sich aber in den 1970er Jahren zu einem Gang durch die Institutionen entschieden hat und Direktor einer Bank geworden ist, der Crédit Commercial du Maroc, mit deren Hilfe er versucht, die Modernisierung Marokkos voranzutreiben, es vielleicht sogar mittels eines Tunnels zwischen Gibraltar und Tangier infrastrukturell Europa anzuschließen:
Mit meinem Vater haben wir immer ein Spiel gespielt: Man musste sagen, welches Land, welches Meer, welcher Berg ein Mann oder eine Frau war. Marokko? Ein Mann mit Schnauzbart. Frankreich? Eine Zigaretten rauchende Frau. Der Atlantik, ein Mann, das Mittelmeer, eine Frau. Wir sprachen es nicht aus, aber er war es, an den wir dachten. […] Sein Lächeln. Mein Vater, der so naiv war, zu glauben, dass alle Mauern fallen und die Menschen einen Tunnel bauen würden. Dieser Tunnel existiert nicht, oder wenn, dann ist er ein dunkler, kalter Ort, durch den ich unablässig gekrochen bin wie ein blindes, halsstarriges Tier.
Trag das Feuer weiter deckt die Zeit zwischen 1980 und 2022 ab, thematisiert also den Berliner Mauerfall 1989, den Irak-Krieg 1991, den Tod von Hassan II. 1999 und den Terroranschlag vom 11. September 2001. Eine Lücke klafft zwischen 2003 und 2021, in der die Ich-Erzählerin Mia wohl ihre Karriere als Schriftstellerin vorangetrieben hat, die aber nicht selbst zum Gegenstand des Buches wird. Vielmehr setzt die Handlung bei einer Schreibblockade und dem perennierenden Selbstzweifel ein, das Romanprojekt über die Familie überhaupt zu einem Ende bringen zu können. Der Sinn des ganzen Unterfangens nämlich erschließt sich ihr nicht mehr, auch nicht ihrer Mutter Aïcha, die ihr abrät, weiterzuschreiben:
Sie verlangt: »Schluss mit diesem Roman.« Sie droht mir: »Ich verbiete dir, in meinen Kopf einzudringen.« Auch ich hätte gern, dass Schluss ist, und zugleich wünschte ich, es würde nie enden. Nicht mehr sprechen, nur noch in meinem Buch leben wie in einem Haus, es weben und dann jede Nacht wieder auftrennen, wie Penelopes Totentuch, es nie jemandem zu lesen geben. Doch manchmal […] stelle [ich] mir vor, dass ich eines Tages keine Bücher mehr zwischen dem Leben und mir brauche, dass ich bummeln, unbemerkt bleiben, in den Geschichten sein kann, und sie nicht mehr erzählen muss. Vielleicht verliere ich deshalb das Gedächtnis. Es gelingt mir nicht mehr, die Frau in mir zu unterdrücken, zu bändigen.
In Slimanis Welt steht die Frau für das im Moment aufgehende Lustprinzip, die sich ihren Wurzeln ergibt, und der Mann für das Ziele verfolgende Gewalttätige, der auszieht, um das Fürchten zu lernen, um Landstriche zu erobern und Frauen zu verschleppen wie Amine Mathilde. Ihr Buch Trag das Feuer weiter spielt diese Polarität und den Dualismus gnadenlos aus. Ein riesengroßes Entweder-Oder kodiert die Handlung, die keine Versöhnung kennt – entweder gewalttätig oder duldend, entweder tyrannisch oder submissiv, entweder kriegerisch oder untertänig. Mia repräsentiert das gewalttätige Prinzip, da sie danach strebt, der Sohn zu sein, den sich ihr Vater stets gewünscht hat; Inès hingegen, ihre jüngere Schwester, ordnet sich klar dem duldenden Prinzip unter und wird Medizinerin wie ihre Mutter.
Männer entschieden für alle. Sie fuhren Auto, den gebräunten Arm im offenen Fenster. Männer wollten frei sein. Männer hielt es nicht an einem Ort. […] Männer gingen fort, begriff Inès. Männer verließen das Land für einen anderen Kontinent, das Dorf für die Stadt, die Ehefrau für eine Geliebte. In ihren Alpträumen sah sie eine Welt, die nur noch von Frauen bevölkert wäre. Straßen, auf denen nur noch junge Mädchen herumliefen, mit verdrehten Knöcheln von zu hohen Absätzen, oder Greisinnen mit tätowiertem Kinn. Sie stellte sich die Farm ihrer Großeltern ohne Schäfer vor, ohne den Traktorfahrer und den Geflügelverkäufer. Überall leere Wohnungen, in denen die Frauen zum Warten und Hoffen verdammt waren.
In teilweise absurder Gleichförmigkeit dekliniert Slimani in Trag das Feuer weiter das Schwarzweiß-Denken zwischen aktiv/passiv, dynamisch/statisch, aggressiv/duldend durch, ohne das Potential zu nutzen, das sie sich durch die Figur von Mia geschaffen hat. Auch sie verbleibt in Negation und Affirmation und pendelt zwischen Oppositionspaaren durchweg orientierungslos herum. Als Stoff behandelt der Roman zwar klar Generationen, verbleibt aber wie Gabriel García Márquez‘ Hundert Jahre Einsamkeit vom Plot her im Sammelbecken Verhängnisvolles Durcheinander, statt wie andere Familienchroniken, allen voran Thomas Manns Die Buddenbrooks oder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, den Stoff für eine literarisch-explorierende Suche nach kosmischer Selbstüberschreitung zu nutzen. Hierfür fehlt es vor allem an Details, an Begründungszusammenhängen, an Konflikten in den sozialen und sozioökonomischen Feldern, die hier mehr oder weniger nur angedeutet, aber weitestgehend ausgespart werden. Die Familie Daoud zieht sich einfach, wie Helmut Lethen es beschreibt, mit einer Verhaltenslehre der Kälte aus allem zurück.
Vollständige Inhaltsangabe mit Spoilern hier.
Stoffbereich: Generationen mit Plot: kosmischer Selbstüberschreitung.
Stil/Sprache/Form:
Stilistisch und kompositorisch gesehen wartet Slimani in Trag das Feuer weiter mit einer sehr geschliffenen Erzählweise auf, die das knapp vierhundert Seiten lange Buch leicht und flüssig lesbar werden lässt. Die Sätze wechseln zwischen Verknappung und Streckung, Zeitdehnung und -raffung, vergraben sich nicht in ablenkenden Details und suchen auch keine gewollte Übersteigerung und Metaphorisierung des eher alltäglichen Stoffes. Zudem montiert sie Briefe und sogar zwei längere innere Monologe von Mias Mutter Aïcha hinein, die den Alltag, das Autofahren im Rabat der 1980er immersiv mitzuerleben erlaubt und klar das Repertoire aus den vorherigen Romanen erweitert:
[…] alle denken immer: ›Ach, Aïcha ist doch nett, die regt sich nicht auf‹, aber ich sehe nicht ein, warum ich durchs Viertel kurven soll, obwohl ich einen reservierten Platz vor der Klinik habe, und niemand nimmt je den [Parkplatz] von Rachid oder Mokhtar, dem Anästhesisten. Mehdi meint immer, ich kann mich nicht durchsetzen, du kannst nicht Nein sagen […] ›Aïcha, die Märtyrerin‹, ich könnte ihm die Augen auskratzen, wenn er wieder damit anfängt, und ich sehe genau, wie es sich in Mias Kopf festsetzt. Deswegen zieht sie sich an wie ein Junge, sie glaubt, dem Fluch der Mädchen und Mütter entrinnen zu können, die am Ende immer die Märtyrerinnen spielen. Nein, natürlich musste ich das nicht, verdammt, es stimmt, dass ich nicht Nein sagen kann, und genau das nehme ich mir jetzt vor, zu meinem vierzigsten Geburtstag, Nein zu sagen […]
Es gibt einige Szenen, die eindrucksvoll die Szenerie, die Figurenkonstellationen ausnutzen und literarisch in Bewegung bringen. Slimani erschafft Situationen, die in Erinnerung bleiben, den Roman aber leider selbst nicht zu strukturieren vermögen, hierfür fehlt einfach die narrative Komplexität, das Außen, ein soziales Miteinander, das sich tatkräftig den Widersprüchen stellt, statt ihnen auszuweichen. Die Welt, die Slimani in Trag das Feuer weiter zeichnet, erhält über die Dauer der Lektüre leicht klaustrophobische Züge:
Wie mache ich das jetzt? In diesem Haus, das immer leerer und leerer und leerer geworden ist, bis es seinen Sinn verloren hat. Ich werde mich in einer Ecke einrichten, werde die Türen zumauern, oder aber ich gehe hinaus und grabe mit bloßen Händen eine Höhle im Garten. Ich kann in diesem Haus nicht denken, es kommt mir vor, als würden die Wände näher rücken, außerdem weckt es Erinnerungen, ich hätte Fatima sagen sollen, dass sie alle Erinnerungen rausschafft, aber sie hätte nichts verstanden. Ich will mich nicht erinnern, ich darf nicht abgelenkt sein.
Von der kompositorischen und stilistischen Anlage her besitzt Trag das Feuer weiter viele Ansätze, Ideen, gelungene Episoden, die den Roman über das Gros der Gegenwartsliteratur hinausheben könnten, reduzierte sich der Alltag der Daouds nicht lediglich auf das Wer mit Wem und Wann und Wie Oft. Hier gleicht es einem inkonsequenten Double von Simone de Beauvoirs Die Welt der schönen Bilder, die beinahe eine identische großbürgerliche Familienkonstellation beschreibt, in der sich die Welt nach und nach entleert, bei Beauvoir aber in einem Erkenntnisprozess mündet, der ob seines Dualismus konsequenterweise in Trag das Feuer weiter ausbleibt.
Kommunikativ-literarisches Resümee:
Der neue Roman von Leïla Slimani lässt sich als eine Fingerübung in Coolness verstehen, mit der sie, souverän, gekonnt, flüssig und kompositorisch überzeugend, einen Blick über das Leben der Familienmitglieder streifen lässt, ohne mit der Wimper zu zucken. Stimmungsmäßig herrscht ein „es ist, wie es ist“ vor. Von einem Aufbegehren lässt sich nichts spüren. Der Gang durch die Institutionen scheitert, also scheitert alles. Lethen beschreibt es in seinem Essay über die soziale Kälte wie folgt:
Unter dem Stern der »Sachlichkeit« dominieren Szenarien der Trennung. Es regiert die Ausdruckswelt des Schmerzes – unter Verzicht auf die Diskursrituale des Geständnisses und der Klage, die im expressionistischen Jahrzehnt entwickelt worden waren. Verschiedene Spielarten des Trennungskults sollen kühle Freiräume in den überhitzten Ballungszentren der Metropole schaffen; Attitüden der »Kälte« sorgen für Distinktion in dem »Treibhausklima«, das infolge der »Statusinkonsistenzen« herrscht. Wir treffen jetzt auf das Lob des Nomadentums, die Verhaltenslehre der Distanz, die Aufwertung der sozialen »Eiszeit«, das Einverständnis mit der Entfremdung, den Reiz der statistischen Entzauberung, die Rhetorik des Vergessens, den Behaviorismus der Wahrnehmung.
Helmut Lethen aus: „Verhaltenslehren der Kälte“
Die synästhetische Einübung, die Slimani in Trag das Feuer weiter vornimmt, entlädt sich in dem Geständnis, den Vater nicht verstehen zu können, aber dennoch den Vater und niemanden sonst als Zentrum der Aktivität zu verstehen. Als eigentlicher Akteur bildet er einen Fremdkörper in der Familie. Er ruft seine Töchter auf, nach vorne zu sehen, nicht zurück, wegzuziehen, das Feuer weiterzutragen. Er selbst aber richtet sich in einem selbstgebauten Gefängnis ein, betreibt passiven Widerstand, vermag aus seinem eigenen Scheitern keine Lehre mehr zu ziehen, ergibt sich, indem er das Leben als einziges Gefängnis betrachtet, das er erst, als er wirklich im Gefängnis sitzt, zu erkennen beginnt:
Er traf hier Menschen, die kennenzulernen ihm sein bisheriges Leben niemals erlaubt hätte. Menschen die ihn, wenn er ihnen in einer dunklen Straße der Hauptstadt begegnet wäre, vermutlich geschlagen oder ausgeraubt hätten. Im Blick der Gefangenen entdeckte er grundlegende Wahrheiten. Er fragte sich: »Für wen habe ich wirklich gearbeitet?« Er hatte geglaubt, sich für den Staat einzusetzen, für das Volk, dabei war er nie etwas anderes gewesen als ein Hampelmann der herrschenden Klasse. Er lachte über sich selbst, über seine eigene Unaufrichtigkeit, die Eitelkeit seiner Entscheidungen. Es gab eine Zeit, da hatte man ihm nahegelegt zu fliehen. Doch wozu? Um ein alter Immigrant in einer kalten europäischen Stadt zu sein? Ein Entflohener und Feigling im Land der anderen?
Slimani durchdringt ihren Stoff nicht, aber bereitet ihn auf eine Weise auf, dass sich ein Horizont der Durchschreitung der narrativen Passivität andeutet. Mehrere Szenen strotzen vor Kraft und Mut, wie in der Figur von Fatima, die ebenfalls als Fremdkörper in der Familie als Mädchen für alles dient und bei deren Anblick Mehdi längst auf die Idee eines selbstgebauten Gefängnisses hätte kommen können. Aus ihrer Sicht nämlich hätte die Familiengeschichte der Daouds viel mehr Sinn ergeben, nicht aus der Sicht der wohlsituierten, vergnügungssüchtigen Töchter. Fatima, die unerkannte Bekannte, die heimische und heimliche Fremde, lebt mit ihnen, sorgt für sie und sieht sie, wie sie sind, und weil sie durch Fatima gesehen werden, verdrängt der Rest der Familie diese. In Fatima hat Slimani in Trag das Feuer weiter eine unheimliche und gelungene Figur geschaffen, für die sich sogar ein erneutes Lesen lohnen würde.
Mit dem Alter wurde Fatima reizbar und streitsüchtig. Mehdi nannte sie »Kriegsgott Mars«, und er musste sich zusammenreißen, um ihr nicht die Meinung zu sagen, als sie ihm verkündete, sie werde sich von nun an weigern, Alkoholflaschen anzufassen, und er müsse sein Glas künftig selbst abspülen. »Wenn Sie in die Hölle kommen wollen, dann ist das Ihre Sache.« Oft bedauerte sie ihre Wutausbrüche, warf sich vor, undankbar zu sein. ›Sind die Daouds meine Familie?‹, fragte sie sich. ›Kann ich, nachdem wir über zwanzig Jahre zusammengelebt haben, sagen, sie sind meine Familie? Denn worauf sonst soll man sich verlassen, wenn nicht auf Gott und die Familie?‹
Fatima muss stets den Kopf hinhalten und als sich ein Ausweg anbietet, erscheint dieser nur als ein weiterer Höllenkreis hinab. Implizit also deutet sich hier ein Umdenken in der Erzählweise an, und mit diesem eine Trilogie abzuschließen, ist vielleicht nicht die schlechteste Idee gewesen.
tl;dr … eine Kurzversion der Lesebesprechung, aber mit detaillierter Inhaltsangabe findet sich hier.
Andere (mir bekannte) Rezensionen:
Seitenhinweis
literaturblog günter keil
literaturleuchtet
Die Kurzversion findet sich hier und auch andere aktuelle Kurzrezensionen.


Ah spannend, das Buch habe ich auch hier liegen! Bei dieser Rezension bin ich mir nicht sicher, ob du es gerne gelesen hast oder nicht. Ich würde sagen, dass sich die Waage ein bisschen in Richtung „ja“ neigt.
Hab es zum Ende hin immer gerner gelesen. Gibt ein paar Stellen, die ich etwas überflüssig fand – und insgesamt hätte es mehr Hintergründe geben können, aber der sehr flüssige Stil hat mich gut durchs Buch geschunkelt. Bin gespannt, wie du es findest. 🙂