Bernhard Schlink: „Die Enkelin“

Eine literarische Antwort auf politische Hilflosigkeit … Spiegel Belletristik-Bestseller 45/2021

Bernhard Schlink schreibt mit „Die Enkelin“ den Gegenroman zu Juli Zehs „Über Menschen“, knüpft an Edgar Selges Familiendrama „Hast du uns endlich gefunden“ an und vermittelt im Unmöglichen, was Christoph Hein in „Guldenberg“ nicht gelingt. Er verfällt weder in Bevormundung, Belehrung, noch in resignierter Selbstbeschimpfung wie Heinz Strunk „Es ist immer so schön mit dir“, noch imaginiert er die Versöhnung und Wiederzusammenführung einer auf Grund gelaufenen Ehe wie Daniela Krien in „Der Brand“. Schlinks Roman siedelt sich im Zeitgeist an. Zur Debatte stehen Isolation, Umbruch, das Ende der DDR, Repression, Adoption und Alkoholismus. Wie in allen genannten Büchern spielen die neuen Medien keine oder nur eine Nebenrolle. Die Romane, zu denen auch Schlinks gehört, finden in einer zeitlosen Bundesrepublik Deutschland statt, die irgendwo zwischen dem Ende der 1980er und Anfang der 1990er stehengeblieben ist.  

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Susanne Abel: „Stay away from Gretchen“

Stay away from Gretchen
Dokument eines Traumas … Spiegel Belletristik-Bestseller 35/2021

Das, neben Juli Zehs „Über Menschen“, die Bestseller-Listen in diesem Jahr dominierende Buch „Stay away from Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ von Susanne Abel liest sich zwiespältig. Unbedarft und unvoreingenommen handelt es sich um einen Roman. Um was sonst?! Es wird die Liebesgeschichte zwischen Greta und Robert erzählt, sie, eine weiße deutsche, Adolf Hitler anhimmelnde Vertriebene, er ein schwarzer US-amerikanischer, Jazztrompete spielender Soldat stationiert in Heidelberg, wo sie sich im Nachkriegsdeutschland kennenlernen und ineinander verlieben. Beide arm, mittellos und weitestgehend den gesellschaftlichen Mächten ausgeliefert, die es nicht gut mit ihnen meinen, ein Romeo-und-Julia-Plot, wie er im Buche steht. Liest man aber genauer, so drängen sich ungewollt eine Menge von Fragen auf, kreisende, nicht enden-wollende Gedanken darüber, was eigentlich ein Buch von einem Roman unterscheidet, wann ein Text Literatur, wann ein Bericht eine Erzählung, wann etwas Fiktion, wann Protokoll, wann Dokumentation ist und wird. „Stay away from Gretchen“, so zeigt sich, schwebt windschief zwischen allen Kategorien und gehört weder in die eine noch in die andere. Es ist fast im guten wie im schlechten lebendige, zwischen Gelingen und Scheitern pendelnde Kommunikation – ein Anwesenheitsbericht.

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Jenny Erpenbeck: „Kairos“

Eine „Ästhetik des Widerstandes“ der Gegenwart … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Die Nacherzählungen allgemeiner Geschichte enden allzu oft in sehr nüchternen, fragmentierten, blitzlichtartigen Zusammenstellungen und Kollagen von Ereignissen, die entweder weitestgehend bekannt sind oder unbekannt im Zusammenhang mit solchen stehen. Ein Beispiel ist Gerd Loschütz und sein Rechercheroman „Besichtigung eines Unglücks“ oder Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, oder klassisch unwiederholbar in Trockenheit und Masse und Detailreichtum Thukydides „Der Peloponnesische Krieg“.  Geschichte, ob als Kollage oder Roman, lebt von Details, von vielen winzigen Einsprengseln verdichteter Temporalisierungsbemühungen. So auch Jenny Erpenbecks neuester Roman „Kairos“, benannt nach dem rechten Maß, die gute Gelegenheit, dem günstigen Augenblick. In ihrem Roman findet sie tatsächlich die Balance, das richtige Maß zwischen Persönlichem und Allgemeinem, zwischen Intimen und Politischen, zwischen Zeitgeschichte und Alltag eines mittlerweile verschwundenen Staates: die DDR.

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Dirk Rossmann und Ralf Hoppe: „Der Zorn des Oktopus“

Harmlos-naive Zeitreise in das Niemandsland der politischen Phantasie … Spiegel Belletristik-Bestseller 41/2021

Es gibt Bücher, über die kann man ohne schlechtes Gewissen reden und urteilen, selbst ohne sie gelesen zu haben. Die Werbekampagnen, die Berichterstattungen, die allgegenwärtigen Kommentaren geben genügend, schon formalen, Anlass, skeptisch auf Distanz zu bleiben. Ein Multimillionär, der die Welt zu retten versucht, indem er Romane schreibt; ein Konzernchef, der seine politische Vision in Stenographie zum Besten gibt und eine Werbung nach der anderen zur besten Sendezeit schaltet, um ausreichend Aufmerksamkeit für seinen Text zu sichern, reichen möglicherweise aus, um sich eine, meist ablehnende, Meinung zu bilden. Im Folgenden nun eine Leseerfahrung von Dirk Rossmanns und Ralf Hoppes sechshundert Seiten langen Roman „Der Zorn des Oktopus“, der sich in der 41. Kalenderwoche Platz 1 der Beststeller-Listen gesichert hat und darum automatisch auf meine Leseliste gekommen ist.

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Florian Illies: „Liebe in Zeiten des Hasses“

Kulturjournalistisches Futurum II einer unverbindlichen Geschichtsschreibung … Spiegel Sachbuch-Bestseller 42/2021

Sprachlich versierte Zuhörer und Zuhörerinnen können im Rheinland eine neue Erzählzeit und Erzählform erlauschen, das narrative Futurum II des Rheinländers, der beispielsweise „dort gewesen sein wird, ohne sich etwas dabei gedacht zu haben, um es sich dort dennoch ordentlich hat gutgehen lassen können.“ Florian Illies gelingt ein ähnliches Kunststück, ein Zwischen-den-Zeiten-Journalismus, der über Vergangenes redet, als wäre es noch nicht eingetreten, und so Geschichten erzählt, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Ein Niemandsland zwischen Feuilleton und Literatur, schwerelos zwischen Vergangenheit und Fiktion, ein Hauch von Dokumentation, die sich den Spaß am Fabulieren dennoch nicht nehmen lassen möchte, und nicht nehmen lassen kann, denn „Liebe in Zeiten des Hasses“ ist keine Geschichtsschreibung und keine Literatur und auch kein Bericht. Es ist eine Loseblattsammlung von Zitaten, die von einer mehr oder weniger hilflosen Begleitstimme zusammengehalten wird.

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Eva Menasse: „Dunkelblum“

Gähnende Abgründe im Burgenland … Spiegel Belletristik-Bestseller (36/2021)

Eva Menasses Roman „Dunkelblum“ handelt von den Ereignissen und Geschichten in einem fiktiven österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze. Die Lokalisierung des Dorfes zeigt bereits, dass das Dorf zwar fiktiv, aber dennoch in die europäische Realität und Geschichte eingebettet ist. Anhand der Geschicke fiktiver Figuren wird das zwanzigste Jahrhundert Mitteleuropas aufgerollt. Schnittstellen, Schmerzhaftes kommt zur Sprache. Als Romangegenwart wählte Menasse das Jahr 1989, als die ersten DDR-Bürger über die österreichisch-ungarische Grenze fliehen und sich das Ende der DDR anbahnt. Vor diesem Hintergrund werden nun alle Fäden aufgenommen, lässt der Roman noch einmal alles Revue passieren, was gemeinhin als zeitgenössische Geschichte bezeichnet wird. Leicht und überschaubar bleibt dabei nichts.

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Hervé Le Tellier: „Die Anomalie“

Heiter weiter … Prix Goncourt 2020

Die französische Avantgardeliteratur nach dem Surrealismus, also seit den 1950er Jahren, hat viele Stilblüten und Sonderbarkeiten hervorgebracht. Man denke an die Besessenheit, Temporalisierungen aufzuheben, eines Michel Butor, oder szenische Filmdichtungen in einer Villenlandschaft zu kreieren wie Alain Robbe-Grillet, oder die Welt zu unterminieren, Subversion in dramengetriebener Rundum-sprachlichkeit zu demonstrieren, wie Marguerite Duras, oder das vollendete „Buch der Fragen“ von Edmond Jabès, das dem Geheimnis der Kommunikation nachspürt. Neben poetologischen Revolutionen und aufgebrachten Sprachrevolten zog als Antwort auch der Strukturalismus in die Gefilde der Romanlandschaft ein und es entstand eine Art Formalliteratur rundum die Gruppe Oulipo (L‘Ouvroir de Littérature Potentielle). Hervé Le Tellier ist einer von ihnen, und es liegt ein neuer Roman von ihm vor: „Die Anomalie“.

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Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“

aus Liebe zu den Dingen … Spiegel Belletristik-Bestseller (17/21)

Schon die ersten Zeilen des Romans „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro verweisen darauf, dass man es mit einem besonderen Werk zu tun. Es ist das neueste Buch des britischen Nobelpreisträgers für Literatur von 2017. Eine Stimme erklingt, und sie erklingt sofort als neu, als ungewohnt, als sanft und zurückhaltend. Der Roman beginnt nicht mit einem Paukenschlag. Er drängt sich nicht auf. Ja, man hat beinahe das Gefühl, dass der Roman einen im Grunde nicht einlädt, aus Neugier weiterzulesen. Er reizt nicht. Die Sprache ist spröde. Sie ist einfach. Sie ist beinahe stillos. Sie zielt nicht auf das Hohe, Tiefe, Weite und Bedeutsame. Sie spreizt sich nicht auf. Sie nennt die Dinge einfach, ohne Grund und Notwendigkeit. Sie behauptet sich nicht in einer schnellen und lauten Welt. Sie versucht es nicht einmal. Es ist ein sehr stilles und sentimentales Buch.

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Daniela Krien: „Der Brand“

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug durchs eigene Problembewusstsein … Spiegel Belletristik-Besteller (32/2021)

Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heißt es, er habe gesagt, dass die Rätsel der alten Ägypter ebenso Rätsel für die Ägypter selbst waren. Also, nicht nur für uns. In Bezug auf die Rätsel der alten Ägypter sitzen wir also mit den Ägyptern im selben Boot. Von dem Roman „Der Brand“ der Autorin Daniela Krien lässt sich Ähnliches sagen. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Der Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.“ Der durchgehaltene Widerspruch jedoch kann in einem unglücklichen Bewusstsein enden, oder durchschritten, als aufgehobener, im Wachstum münden. In Daniela Kriens Roman läuft alles aufs Unglück hinaus. Er handelt von einem Ehepaar, Peter und Rahel, das Haus und Hof einer Familienfreundin, Edith, in der Uckermark hütet, während diese mit ihrem Ehemann Viktor in einer Reha-Klinik weilt, nachdem Viktor einen schweren Schlaganfall hatte.

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Heinz Strunk: „Es war immer so schön mit dir“

Geschrieben mit Wut im Bauch … Spiegel Belletristik-Bestseller (31/2021)

Heinz Strunk wäre es beinahe gelungen, mit „Es ist immer so schön mit dir“ eine interessante Variante schonungsloser Selbstentblößung eines männlichen Protagonisten vorzulegen. Von Anfang an lässt der Roman keinen Zweifel daran aufkommen, dass man einer Selbstdestruktion und -dekonstruktion beiwohnt. Ein mittelalter Mann, in den Vierzigern, Tontechniker und gescheiterter Popkünstler, trennt sich wegen einer zwanzig Jahre jüngeren Frau, Julia und werdende Schauspielerin, von seiner langen Lebenspartnerin, Vanessa, die Mathematiklehrerin ist. Bezeichnenderweise besitzt die Hauptfigur nicht einmal einen Namen. Sie bleibt ein „er“, wird nie namentlich angesprochen, ein einziges „du“, das jedoch nicht im Ansatz als Projektionsfläche dient. Geheimes Thema des Romans scheint es gewesen zu sein, eine Hauptfigur zu kreieren, die nichts und niemand gut finden kann und will.

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