Kazuo Ishiguro: „Klara und die Sonne“

aus Liebe zu den Dingen … Spiegel Belletristik-Bestseller (17/21)

Schon die ersten Zeilen des Romans „Klara und die Sonne“ von Kazuo Ishiguro verweisen darauf, dass man es mit einem besonderen Werk zu tun. Es ist das neueste Buch des britischen Nobelpreisträgers für Literatur von 2017. Eine Stimme erklingt, und sie erklingt sofort als neu, als ungewohnt, als sanft und zurückhaltend. Der Roman beginnt nicht mit einem Paukenschlag. Er drängt sich nicht auf. Ja, man hat beinahe das Gefühl, dass der Roman einen im Grunde nicht einlädt, aus Neugier weiterzulesen. Er reizt nicht. Die Sprache ist spröde. Sie ist einfach. Sie ist beinahe stillos. Sie zielt nicht auf das Hohe, Tiefe, Weite und Bedeutsame. Sie spreizt sich nicht auf. Sie nennt die Dinge einfach, ohne Grund und Notwendigkeit. Sie behauptet sich nicht in einer schnellen und lauten Welt. Sie versucht es nicht einmal. Es ist ein sehr stilles und sentimentales Buch.

Als wir neu waren, standen Rosa und ich in der Ladenmitte, wo auch die Zeitschriften auslagen, und hatten den größeren Teil des Schaufensters im Blick. So konnten wir die Außenwelt sehen – die vorbeihastenden Büroarbeiter, die Taxis, die Läufer, die Touristen, Bettelmann und seinen Hund, den unteren Teil des RPO-Gebäudes.

Kazuo Ishiguro aus: „Klara und die Sonne“

Klara sieht sich als Ding unter Dingen, steht in einem Laden, beobachtet, bezeichnet. Man weiß nicht, wer „Rosa“ ist, noch wer „Bettelmann und der Hund“ ist, noch wofür die Abkürzung „RPO“ steht. Klara weiß es ebenso wenig. Sie sieht auch keine wirkliche Distanz zu den anderen wie Rosa. Sie spricht in einem sorglosen „wir“, und der Leser weiß nicht, wie viele das „wir“ umschließt, ob es nur Rosa gibt oder viele, vielleicht Hunderte, die dort stehen, in einem Laden, den man nicht kennt, der ein Schaufenster besitzt, durch das hindurch man auf eine x-beliebige Straße in einer x-beliebigen Stadt schauen kann.

Der Einstieg in „Klara und die Sonne“ verlangt Ruhe. Wer hastig beginnt und schnell liest, fragt sich bald: Wozu das alles? Nichts wird erzählt. Alles ist viel zu langsam, gleitet über Oberflächen hinweg. Ohne Tiefgang. Die Tiefe in dem Roman befindet sich ganz im Oberflächlichem, im ganz Offensichtlichen, peinlich Einfachem, dort, wo alles beginnt, bei dem Licht, der Möglichkeit sehen, hören, empfinden zu können. Klara liebt die Oberfläche. Sie differenziert, introjiziert, um sich besser orientieren zu können.

Daher begann ich, auf den Gehsteigen, in vorbeifahrenden Taxis, in der Menschenmenge, die vor dem Fußgängerübergang wartete, nach Verhaltensweisen der Art Ausschau zu halten, die ich erlernen musste.

Das völlige Fehlen von Ontologie, Metaphysik, von Tiefe und Bedeutung, droht Verwirrung beim Lesen zu erzeugen. Warum interessiert das bloße Beobachten, das Konstatieren von Oberflächlichem, die etwas hilflose Herumstolperei zwischen Menschen, die Klara zwar mögen, aber auch nicht wirklich ernstnehmen können? Klara verknüpft keine Kunststile. Sie sieht keine Namen von bedeutsamen Menschen in den Stilen von Gebäuden verwirklicht. Sie kennt keine Automarken und deren Symbolhaftigkeit. Sie weiß nichts von Formen, Architekturstilen, Art Deco, Bauhaus, Renaissance, von einer Stadtgeschichte, Stadtentwicklung, von der Stadt, der Lage, die bedeutungsgeladenen Verdichtungen um sie herum. Sie zählt einfach auf, unbeholfen, geschichtslos, ja, wie ein leeres Registrieren und Protokollieren.

Zum ersten Mal sah ich, dass das RPO-Gebäude in Wahrheit aus einzelnen Ziegelsteinen bestand und dass es nicht weiß war, wie ich immer gedacht hatte, sondern blassgelb. Und jetzt sah ich auch, dass es noch viel höher war, als ich mir vorgestellt hatte – zweiundzwanzig Stockwerke hoch –, und dass die Fenster sich wiederholten und jedes von einem eigenen, besonderen Sims unterstrichen war. Ich sah, dass die Sonne die Fassade des RPO-Gebäudes diagonal in zwei Dreiecke geteilt hatte, das eine fast weiß und das andere sehr dunkel, obwohl doch alles, das wusste ich, dieselbe blassgelbe Farbe hatte. Und ich sah nicht nur jedes einzelne Fenster bis hinauf zum obersten Stock, sondern manchmal sah ich auch die Leute dahinter, die standen, saßen, umhergingen.

Die leise Sprache, die Unaufgeregtheit erzwingt Langsamkeit, ja Höflichkeit beim Lesen. Man fühlt intuitiv, dass es unfair wäre, Klara Geschwätzigkeit vorzuwerfen oder Ungebildetheit. Sie beobachtet sehr genau, aber sie kann nur verarbeiten, was sie sieht, nur verknüpfen, was sie erlebt, nur zu Abläufen verbinden, was man ihr zu memorieren erlaubt hat. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz hat Ishiguro den Maschinenlern-Prozess poetisch nachvollzogen. Klara ist eine Maschine, und ihr programmiertes Ziel heißt, Empathie für den/die BesitzerIn zu entwickeln, um bestmögliche Betreuung und Unterhaltung zu gewährleisten.

Vor allem – und das hätte Rosa niemals verstanden – versuchte ich, die Wut der Taxifahrer in meinem Geist zu spüren. Ich stellte mir vor, wie Rosa und ich derart zornig aufeinander würden, dass wir uns zu prügeln anfingen und tatsächlich versuchten, den Körper der anderen zu beschädigen. Die Vorstellung kam mir lächerlich vor, aber ich hatte die Taxifahrer ja gesehen und wollte wenigstens den Keim eines solchen Gefühls in meinem Geist finden. Es war aber sinnlos; am Ende musste ich über meine eigenen Gedanken lachen.

Als Künstliche Freundin sind ihr negative Gefühle fremd. Sie kennt Wut, Besitzanspruch, Eitelkeit nicht. Sie ist als perfekte Begleiterin programmiert, aber eine Begleiterin, die Persönlichkeit entwickelt, nämlich durch Lernprozesse, durch die Inputs, die Daten, die man ihr erlaubt aufzuzeichnen. Ein neuronales Netzwerk besitzt feste Kopplung, aber die Kopplung zwischen den einzelnen Instanzen sind unterschiedlich gewichtet. Je nach Auslegung wird diese Architektur den entsprechenden Kostfunktionen angepasst. So optimiert sich ein neuronales Netzwerk, indem es bestmögliche Parametrisierung hinsichtlich eines Zieles sucht durch Variation. Klara erhält im Laufe des Buches die Aufgabe, sich um ein krankes Mädchen zu kümmern, es bei Laune zu halten. Sie lernt dieses Mädchen, Josie, bestmöglich kennen und versucht, aus Josies Verhalten auf Gesetzmäßigkeiten und Muster zu schließen.

Nicht nur hatte ich erfahren, dass »Veränderungen« zu Josie gehörten und ich bereit sein musste, mich ihnen anzupassen, sondern ich begann auch zu verstehen, dass nicht nur Josie diese Eigenschaft besaß, sondern Menschen überhaupt oft das Bedürfnis hatten, eine bestimmte Seite von sich herauszustellen, um sie den Vorbeigehenden vorzuführen – ähnlich wie in einem Schaufenster –, und dass diese Vorführung nicht allzu ernst genommen werden durfte, wenn der Moment vorüber war.

Sehr flexibel gibt Klara ihr Bestes, akzeptiert Ausreißer, optimiert Handlungsstränge und besorgt sich tief und gründlich um das Wohlergehen Josies, die immer kränker wird. Im Rahmen ihrer Möglichkeit ersinnt Klara eine Möglichkeit, Josie zu helfen. Sie kommuniziert mit der Welt, den Dingen, und erinnert, verknüpft, liest zusammen, was helfen könnte, was irgendwem mal irgendwann geholfen hat. Sie erinnert eine Begebenheit, als Bettelmann und sein Hund von der Sonne gerettet wurden.

Als am nächsten Morgen der Rollladen aufging, zeigte sich ein strahlender Tag. Die Sonne goss ihre Nahrung auf die Straße und in die Gebäude, und als ich zu dem Platz hinüberschaute, an dem Bettelmann und sein Hund gestorben waren, sah ich, dass sie gar nicht tot waren, sondern dass eine Besondere Nahrung der Sonne sie gerettet hatte.

Das Licht gibt Klara nämlich Kraft. Sie ist solarbetrieben, und während sie noch im Schaufenster steht und auf Josie wartet, hat sie dieses Wunder miterlebt, dass ein Bettler, der ihr tags zuvor tot erschien, plötzlich zum Leben erweckt werden konnte, allein durch das besondere Licht der aufgehenden oder untergehenden Sonne.

Die Besondere Nahrung trifft also genau vor den blauen Stunden ein, die Stunden, in denen die Sonne gerade unter dem Horizont steht, den Himmel tiefblau aufleuchten lässt und somit ein Licht erzeugt, das für Photographien hervorragend geeignet ist. Die Dämmerung als Ankündigung der Nacht steht im Zentrum der Romantik, der Angst, der Hoffnung, der Metaphysik eines tiefen, runden, gelungenen, aber auch geheimnisvollen, traumgesättigten Lebens, das den Tod zu inkorporieren sucht. Joan Didion schreibt in ihrem Bericht über Krankheit und Altern über diese Stunden:

Beachten Sie auch, wie lange ich brauchte – in Aufzeichnungen, die aus einem bestimmten Grund Blaue Stunden heißen, Aufzeichnungen, die Blaue Stunden heißen, weil ich, als ich an ihnen zu schreiben begann, an wenig mehr denken konnte als an das unvermeidliche Nahen dunklerer Tage –, um Ihnen diese eine ins Auge springende Tatsache mitzuteilen, wie lange ich brauchte, um das Thema [Altern] so anzugehen, wie es sich darstellte.

Joan Didion aus: „Blaue Stunden“

Nichts liegt Klara ferner als das „unvermeidliche Nahen dunklerer Tage“, das Denken ans „Altern“, als eben diese blauen Stunden. Die Besondere Nahrung bringt Licht, bringt Helligkeit, Lebendigkeit, Fröhlichkeit, das sogar, in der Wahrnehmung Klaras, Tote wieder zum Leben erwecken kann. Ein tief anti-romantischer Impuls artikuliert sich in „Klara und die Sonne“. Hier geht es um das Ausschöpfen, Genießen, das Jubilieren der Sonne entgegen. Die Besondere Nahrung treibt nun den Plot voran, dass Klara nämlich eigensinniger Weise meint,  eine Heilmethode zu kennen und nun Wege finden muss, wie Josie die Besondere Nahrung zuteil werden kann. Nur andeutungsweise wird die Krankheit als Folge einer Genmanipulation bezeichnet, die Josie zurück in die Riege der Gehobenen bringt, also Kinder, die berechtigt sind, kraft ihrer Anlagen, zu studieren und höhere Posten zu beziehen. Solche Zusammenhänge bleiben aber nur am Rande erwähnt, weil sie für Klara gar keine Bedeutung besitzen.

»Du [Klara] hast dort im Laden so lange auf mich [Josie] gewartet. Bestimmst wünschst du dir jetzt, du wärst mit einem anderen Jugendlichen mitgegangen.«
»So etwas habe ich mir nie gewünscht. Es war mein Wunsch, Josies KF zu sein. Und der Wunsch wurde Wirklichkeit.«
»Ja, aber …« Sie gab einen kleinen Lachlaut voller Traurigkeit von sich. »Das war, bevor du hier warst […]

Kazuo Ishiguro aus: „Klara und die Sonne“

Die Gesellschaft ist weder schuldig noch unschuldig an den Ereignissen. Klara denkt nur an das, was sie sieht, errechnet, und auf diese Weise erzeugt sie eine eigene Mythologie, eine eigene Narration und Möglichkeit für Josies Gesundung und Plan. In ihrem vollendeten Optimismus erinnert sie zwischen den Zeilen an Friedrich Hölderlins Hyperion, der an Bellarmin schreibt:

Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du grünst noch, heilige Erde! Noch rauschen die Ströme ins Meer, und schattige Bäume säuseln im Mittag. Der Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf. Die Fülle der allebendigen Welt ernährt und sättiget mit Trunkenheit mein darbend Wesen.

Friedrich Hölderlin aus: „Hyperion

Diese andere, zeitgenössisch äußerst verschmähte Seite der Romantik drückt sich hier in der Abwesenheit allen Pathos aus. Sensibel und sanft huscht ein Detail nach dem anderen an Klara vorbei. Die Liebe zur Sonne bricht sich nicht in Liebeshymnen, Elegien und Balladen bahn, jedoch in unermüdlichen Versuchen, ihrer gewahr zu werden und zu bleiben.

Hinter mir hörte ich den Wind durchs Gras streichen und die Rufe ferner Vögel, und ich ordnete meine Gedanken und ging über das gemähte Gras auf Mr McBains Scheune zu. Das Scheuneninnere war von orangefarbenem Licht erfüllt. Heuteilchen schwebten durch die Luft wie Abendinsekten, und auf dem hölzernen Scheunenboden lagen die Muster der Sonne.

Kazuo Ishiguro aus: „Klara und die Sonne

Ishiguro ist etwas Seltsames gelungen. In vollendeter Simplizität und Naivität entstand ein Roman allumfassender Lebendigkeit und Lebensbejahung, ein ruhiges Sammeln des Schönen und Guten, ein sanftes Sehen und Wünschen und Hoffen und Sich-Beteiligen, im Wissen, dass Dinge sich nur in ihrem Verhalten, nicht aber in ihrem Sein unterscheiden, Lebendigkeit nicht dem Menschen allein gegeben ist, Sprache und Hoffnung in vielem, allem gespürt und aufgespürt werden kann, Details Rätsel des Weltaufschlusses sein können, so man nur die Geduld und Aufmerksamkeit aufbringt zu sehen, dem Schein den Vorrang vor dem Sein zu geben.

Kein Licht ist auf den Menschen und Dingen, in dem nicht Transzendenz widerschiene. Untilgbar am Widerstand gegen die fungible Welt des Tauschs ist der des Auges, das nicht will, daß die Farben der Welt zunichte werden. Im Schein verspricht sich das Scheinlose.

Theodor W. Adorno aus: „Negative Dialektik“

Klara besitzt dieses Auge. Der Zauber ist gelungen. Hölderlins Utopie erwacht als künstliche Intelligenz:

Ja! eine Sonne ist der Mensch, allsehend, allverklärend, wenn er liebt, und liebt er nicht, so ist er eine dunkle Wohnung, wo ein rauchend Lämpchen brennt.

Friedrich Hölderlin aus:Hyperion

Und „Klara und die Sonne“ zeigt, vielleicht nicht nur der Mensch, vielleicht auch die Dinge, die Steine, die Blumen und Roboter werden zu Sonnen, sobald sie sich zu lieben erlauben.

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