Daniela Krien: „Der Brand“

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug durchs eigene Problembewusstsein … Spiegel Belletristik-Besteller (32/2021)

Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel heißt es, er habe gesagt, dass die Rätsel der alten Ägypter ebenso Rätsel für die Ägypter selbst waren. Also, nicht nur für uns. In Bezug auf die Rätsel der alten Ägypter sitzen wir also mit den Ägyptern im selben Boot. Von dem Roman „Der Brand“ der Autorin Daniela Krien lässt sich Ähnliches sagen. Nicht ohne Grund beginnt der Roman mit einem Zitat von Ernst Cassirer: „Der Widerspruch ist ein Grundmoment des menschlichen Daseins.“ Der durchgehaltene Widerspruch jedoch kann in einem unglücklichen Bewusstsein enden, oder durchschritten, als aufgehobener, im Wachstum münden. In Daniela Kriens Roman läuft alles aufs Unglück hinaus. Er handelt von einem Ehepaar, Peter und Rahel, das Haus und Hof einer Familienfreundin, Edith, in der Uckermark hütet, während diese mit ihrem Ehemann Viktor in einer Reha-Klinik weilt, nachdem Viktor einen schweren Schlaganfall hatte.

Der Roman heißt „Der Brand“ aus dem äußeren Anlass, dass das geplante und eigentliche Urlaubsdomizil von Rahel und Peter in den Ammergauer Alpen am Anfang des Romans abbrennt und diese ihren Urlaub umdisponieren müssen. Er heißt im übertragenen Sinne „Der Brand“, weil Rahel eine brennende sexuelle Leidenschaft treibt, die Peter unbefriedigt lässt, und auch wegen ihrer Hitzewallungen durch die sich anbahnende Menopause. Vielleicht heißt er auch „Der Brand“ aus einem glühenden Lebensdurst nach Intensität, Abenteuer, nach Neuanfang heraus – wie Phönix aus der Asche, das Leben zerlegen, um aus den Ruinen neu aufzuerstehen. Schließlich handelt der Roman auch in Retrospektive um die Schwierigkeiten rundum die Wende, um die Anschlusskarrieren und Neuorientierungen in den damaligen neuen fünf Bundesländern.

Beschrieben wird der Aufenthalt Rahels und Peters auf dem Uckermarker Hof, das Einkaufen mit Maske in Gartencentern, das Nacktschwimmen im See, das Tee- und Weintrinken, Kochen, Reden, das Nähe Suchen und Nähe Bekommen, erzählt wird von Kind und Kegel, von der Tochter Selma, dem Sohn Simon, von Hund und Katz, Nackt- und Verschlossenheit, Zahnschmerzen und Yoga-Übungen, kurzum vom Leben in der Bundesrepublik Deutschland im 21. Jahrhundert.

»Es hat keinen Sinn«, faucht sie [Selma]. »Man kann einfach nicht mit dir [Rahel] reden.«
»Wirfst du Vincents [Selmas Ehemann] Eltern eigentlich auch vor, kein Landhaus zu besitzen?«
Selma stößt einen hysterischen Lacher aus.
»Vincents Vater ist Früh-rent-ner. Und seine Mutter arbeitet als Ver-käu-ferin im Drogeriemarkt.«
»Und?« Rahel stellt sich dumm.
»Wovon sollen die sich ein Haus kaufen? Aber ihr? Papa ist Professor, du hast eine eigene Praxis. Ich wette, dass solche Leute im Westen mindestens eine Eigentumswohnung besitzen.«
Rahel wünscht sich, Peter wäre hier, um dieser wütenden jungen Frau die richtigen Antworten zu geben.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Das Eigenartige an dem Roman ist seine Angst zu beschreiben, sich auf seine Figuren einzulassen, sich in die Situation selbst zu begeben, statt um sie herum zu schleichen und von ganz weit entfernt zu beschreiben. Er rettet sich stets in Nebensächlichkeiten, in Routinen, in Alltagsverstrickungen, die jedem angehen und niemandem überraschen, die alle kennen und keinerlei Aufsehen erregen. Etwas Unheimliches, Furchterregendes scheint zwischen den Zeilen zu lauern, ein Damokles‘ Schwert über die Geschehnisse zu baumeln, dass der Blick sich ins unwesentlichste Detail versteifen muss, um bloß nicht zu viel zu sehen.

Kein Wort. Den ganzen Nachmittag nicht. Er [Peter] liest, geht mit dem Pferd spazieren, füttert den Storch, streichelt die Katze.
Beim Abendessen legt er die Salamischeiben so auf sein Brot, dass sie den Rand der Brotscheibe nicht überlappen. Die Gurkenscheiben schneidet er exakt gleich dick; die Möhre spaltet er der Länge nach, halbiert die Hälften und legt die Stifte ordentlich aufgereiht neben die Gurkenscheiben.
Ein Biss vom Brot, ein Stück Gurke, ein Karottenstift. Brot, Gurke, Karotte. Brot, Gurke, Karotte.
Rahel beißt in eine ganze Möhre und fürchtet sich vor dem Abend.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Der Roman bleibt sich selbst verschlossen und dies bei aller Offenheit. Eine unfassbare Traurigkeit zeichnet sich zwischen den Zeilen ab, ein sich verloren gegangenes Leben, ein heilloses Durcheinander, ein Schweigen bei aller Redseligkeit. Die Kinder stehen nicht auf eigenen Beinen (Selma), oder zu sehr auf eigenen Beinen (Simon). Der Ehemann ist zu leidenschaftslos. Die eigenen Phantasien (Rahels) unsagbar. Die Familiengeschichte ein Rätsel. Vaterlos, orientierungslos, sexlos in der Uckermark. Die Schwächen der Tochter sind fremd- und eigenverschuldet. Der Ehemann ist aus der Zeit gefallen und dem Geschlechterdiskurs ohnmächtig ausgeliefert. Das eigene Fremdgehen (Rahels) eine Schicksalsfügung, die ihr von außen zugestoßen ist.

Sie hat ihn betrogen, vor fünfzehn Jahren auf einer Fortbildung für Systemische Therapie, mit Alex, einem ehemaligen Leistungsschwimmer, Psychologen und Coach. Ein Mann, der sie geradeheraus gefragt hat, ob sie mit ihm schlafen wolle. Er habe sie gesehen und sofort gewollt, und wenn es ihr auch so ginge, dann solle sie ihm ein Zeichen geben. Irgendetwas, eine Botschaft, einen Blick. Das Tagungshotel lag am Rand des Taunus, in den freien Stunden hatte sie spazieren gehen wollen. Drei Tage fast ohne Schlaf, während Peter mit den Kindern zu Hause den Alltag stemmte. Er schickte ihr Nachrichten, die sie kurz und mechanisch beantwortete: Es geht mir auch gut. Ich denke an euch und vermisse euch. Küsse für dich und die Kinder. Die Worte gingen ihr leicht von der Hand, während ihr Körper glühte. Sie hatte nicht gewusst, wie dunkel ihr Begehren war.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Das Entscheidende wird nicht erzählt, nicht gesagt. Sie, aus deren Perspektive erzählt wird, flieht sich in ein nebensächliches Detail. Der Mann bietet sich ihr an, bekundet Interesse. Dann ein narratives Herauszoomen „Das Tagungshotel lag am Rand des Taunus […]“ und eigentlich „hatte sie spazieren gehen wollen“, aber dann geschieht etwas ganz anderes. „Drei Tage fast ohne Schlaf“, ohne dass jedoch das Zeichen benannt worden wäre. Wie hatte sie dem Mann signalisiert, sie will auch? Wie kam es zu der Entscheidung ihren Mann zu betrügen? Der Zeitraffer, die Lücke, der Hiatus zwischen zu vielen Details und gar keinen verwirrt.

Zum Mittagessen serviert er ihr einen bunten Salat mit zerbröseltem Fetakäse. In der Salatschüssel herrscht wilde Anarchie: winzig geschnittene Paprikawürfel zwischen daumendicken Gurkenscheiben.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Die Mischung hält den Gegenstand weder in der Schwebe, noch antizipiert sie eine zugrundeliegende Dramatik. Das Leben Rahels scheint implodiert, in sich zusammengefallen zu sein. Sie hangelt sich von einem Essen zum nächsten, wünscht sich wieder zu rauchen, traut sich aber nicht vor Peter eine Zigarette anzustecken, sehnt sich nach Sex mit ihm, findet ihn aber eigentlich viel zu langweilig. Die Zigarette glüht. Peter nicht. Sie prangert das Fremdgehen ihrer Tochter an, wirft sich das eigene aber nicht vor. Sie will nicht für Selma lügen, lügt aber ohne Probleme, als sie fremdging und SMS an Peter schrieb. Sie hat Verständnis für die Probleme ihrer Patienten, aber nicht für die ihrer Tochter.

Satte Zeiten bringen schwache Menschen hervor, denkt sie, ohne sich selbst davon auszunehmen.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Sie nimmt sich aber davon aus. Sie steht über den Dingen und möchte doch in die Dinge hinein, wieder ins Leben, in die Intensität. Statt sich jedoch auf die Situation einzulassen, verbleibt sie im Abstrakten und protokolliert, fast stenographiert das Geschehen, als spionierte sie sich selbst aus. Die Figuren in den Roman handeln vor einer leeren, starren Kulisse, ähnlich wie in dem Film „Dogville“ von Lars von Trier, wo statt einer Kulisse nur noch Umrisse auf dem Boden gezeichnet werden, als Bezugsgröße. Im Theater und Film stehen jedoch die lebendig gestikulierenden Akteure im Vordergrund – in der Literatur jedoch das beschreibende Moment selbst.

Am Abend, nachdem Peter die Tiere versorgt und Rahel Mädchenauge und Fetthenne ins Beet gesetzt und auch die anderen Pflanzen gegossen hat, brät sie die Lammfilets in reichlich Butterschmalz mit Knoblauch und Rosmarin. Peter macht den Salat, schneidet das Baguette auf und öffnet den Wein. Trotz der Wespen essen sie draußen im Hof. Der Trick mit der Sprühflasche funktioniert. Sobald sich eine Wespe nähert, lässt Rahel einen Regen fein zerstäubten Wassers auf sie niedergehen. Peter schmunzelt. Dann greift er selbst nach der Flasche. Übermütig stäubt er Wasser in alle Richtungen. Auch der Storch bekommt einen Hub und ebenso die Katzen, die um Essen betteln.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Auffällig ist, dass die zubereiteten Mahlzeiten detaillierter als die Figuren, als die Umgebung, als die Tiere beschrieben werden. Soße, Beilagen, Gewürze und wie zubereitet. An jedem Tag wird aufgezählt, was Rahel und Peter essen und trinken, wie viel, wie wenig, und mit viel Liebe rund ums Kochen, ums Zubereiten, ums Einkaufen Gehen und Küchen Organisieren. Wo sie aber auf dem Hof sitzen, weiß man nicht, auch nicht, woher plötzlich die Wespen kommen, von denen noch nicht die Rede gewesen ist, geschweige denn wie Peter schmunzelt, wie sie zueinander sitzen, ob gegenüber, Seite an Seite, auf einer Bank mit Blick auf den See, oder auf den Findling, von dem aus, wie sechsmal geschrieben wird, der Handyempfang funktioniert, dessen Form, Farbe, Größe aber nicht der Rede wert zu sein scheint. Überhaupt flieht sich die Erzählung ins Nahrhafte, in die harmlosen Aufzählungen, ins Ferne, Entfremdete, in ein Stillleben des ausgehenden Barock-Zeitalters, auf denen es auch vor Nahrungsmittel nur so wimmelt. Aus dieser Zeit stammt folgender Vers eines Lutheranischen Lyrikers:

Ich finde nirgends Ruh/ muss selber mit mir zanken
Ich sitz/ ich lieg/ ich steh/ ist alles in Gedanken.

Andreas Tscherning: Melancholey Redet selber

Die Lektüre bedrückt. Sie entleert und nimmt noch die Hoffnung, dass sich Schmerz wenigstens durch Sprache, im Ausdruck, in Hoffnung umwandeln lässt, eine Alchimie, die vielen Roman gelingt. Das bloße Konstatieren von Schmerz jedoch hilft nicht. Es gibt keinen Rat. Es bleibt rat- und wortlos. Dem Roman fehlt es durchweg an Leichtigkeit, Humor, an Freundlichkeit und Drolligkeit. Es reimt sich alles auf Tod, und es dreht sich alles um zwischenmenschliches Versagen, dem niemand entkommt. Keine einzige der Figuren sagt geradeheraus, was sie fühlt. Alle verstecken sich hinter Allgemeinplätzen. Nicht das Leben, die Lebenslügen hinterlassen Spuren und was bleibt, ist die Flucht in die Sucht, in den Alkohol, die Selbstbenebelung und Ataraxie.

Hinter Rahels verschleiertem Blick zieht die Landschaft wie ein impressionistisches Bild vorüber, und als auch das Dorf hinter ihnen liegt, gibt Peter Gas. Bei heruntergelassenen Fenstern jagen sie die lange Baumallee entlang, den Fahrtwind im Haar und den staubigen Duft des späten Sommers in der Nase, und Rahel holt die Zigarette aus ihrer Handtasche. Der Tabak ist mittlerweile so trocken, dass er herausbröselt. Peter schmunzelt, als sie sie anzündet.

Daniela Krien aus: „Der Brand“

Nach annähernd dreihundert Seiten wünscht man sich die Leichtigkeit des Kitschs, die Salbaderei des Unsinnigen zurück, witzig und keck, dem Verdruss von der Schippe zu springen. Um einen Zeitgenossen Tschernings zu zitieren:

Wenn meine Schlang‘ in edlen Rosen lieget/
Und Züngelnd saugt den Weißheits-vollen Safft/
Wird Simson auch von Delilen besieget/
Und schnell beraubt der überird’schen Krafft:
Hat Joseph gleich der Juno Fahn getragen/
Herodes ihn geküßt auff seinem Wagen/
So schaut doch/ wie ein Molch diß Karten-Blat zerritzt/
Weil ihm sein Eh-Schatz selbst durch List die Bahre schnitzt.

>Mariamne< aus: Hallmann: „Trauer-, Freuden- und Schäferspiele“

Derb, aber lebensfroh durch die Ehe. „Der Brand“ von Daniela Krien dagegen berichtet vom gelebten Widerspruch und endet im unglücklichen Bewusstsein, trostlos und perspektivlos auf der Autobahn. In dieser Hinsicht vielleicht eine gelungene Bestandsaufnahme der Gegenwart. „Der Brand“ steht daher im engen Verhältnis zu Juli Zehs Buch „Über Menschen“ und Helga Schuberts „Vom Aufstehen“, Judith Herrmanns „Daheim“, und „Monschau“ von Steffen Kopetzki.

Allesamt betrachten das Ländliche aus der Sicht des Städters. Allesamt stellen viel in Frage, am meisten sich selbst und die eigenen Lebensentscheidungen. Allesamt beschreiben müde Menschen, Menschen, die die Orientierung verloren haben und nach irgendwelchen Wurzeln suchen, nach einem Zuhause, nach Erdung. In „Der Brand“ ist Sex die Erdung. In „Daheim“ ist es die Kunst, in „Monschau“ die Liebe, in „Über Menschen“ die Toleranz, das Gemeinschaftlich-Solidarische, in „Vom Aufstehen“ die Treue und Wahrheit, der Glauben an Gott. In dieser Hinsicht liefert Daniela Krien einen eigenen Beitrag in dieser Serie von Corona-Romanen. Ob einen wertvollen, da bin ich mir wahrscheinlich genauso unsicher wie die Autorin selbst, um wieder zu den Ägypter und ihren Rätseln zu gelangen.

2 Antworten auf „Daniela Krien: „Der Brand““

  1. Ich habe es gerade zu Ende gelesen. Ich denke, dass es sehr den Zustand der heutigen Zeit spiegelt.
    Ich würde es aber nicht in die Reihe mit „Daheim“ oder „Vom Aufstehen stellen“, denn bei diesen Beiden gibt es eine viel stärkere Intensität, die vermutlich aus einem anderen Umgang mit Sprache herrührt.

    1. Ich habe es auch eher in die Reihe gestellt wegen der Flucht aufs Land, und Zurück zum simpleren Leben. Ich bin sehr begeistert von „Daheim“ und „Vom Aufstehen“ – insbesondere vom letzteren. Eines der schönsten Leseerlebnisse des Jahres. Mir hat die Eile, stilistisch, von „Der Brand“ nicht gefallen. Zeitdiagnostisch passt es in der Tat sehr gut. Aber die Beschreibungen fielen so kurz aus, und alles war in sich so zerrissen und verworren.

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