Florian Illies: „Liebe in Zeiten des Hasses“

Kulturjournalistisches Futurum II einer unverbindlichen Geschichtsschreibung … Spiegel Sachbuch-Bestseller 42/2021

Sprachlich versierte Zuhörer und Zuhörerinnen können im Rheinland eine neue Erzählzeit und Erzählform erlauschen, das narrative Futurum II des Rheinländers, der beispielsweise „dort gewesen sein wird, ohne sich etwas dabei gedacht zu haben, um es sich dort dennoch ordentlich hat gutgehen lassen können.“ Florian Illies gelingt ein ähnliches Kunststück, ein Zwischen-den-Zeiten-Journalismus, der über Vergangenes redet, als wäre es noch nicht eingetreten, und so Geschichten erzählt, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen. Ein Niemandsland zwischen Feuilleton und Literatur, schwerelos zwischen Vergangenheit und Fiktion, ein Hauch von Dokumentation, die sich den Spaß am Fabulieren dennoch nicht nehmen lassen möchte, und nicht nehmen lassen kann, denn „Liebe in Zeiten des Hasses“ ist keine Geschichtsschreibung und keine Literatur und auch kein Bericht. Es ist eine Loseblattsammlung von Zitaten, die von einer mehr oder weniger hilflosen Begleitstimme zusammengehalten wird.

Die männliche Hauptrolle spielt Theo Lingen, der neue Partner von Brechts Ex-Frau Marianne Zoff und Stiefvater seiner Tochter Hanne (ja, es ist nicht immer einfach, hier den Überblick zu behalten). Brechts sadistische Lust, all seine Frauen gleichzeitig leiden zu sehen, ist bühnenreif. Was er über die Frage der Eifersucht denke, fragt ihn die Zeitschrift Uhu ausgerechnet in diesen Tagen. Darauf Brecht breitbeinig: »Spießer sind heute die letzten Träger dieser einst tragischen Eigenschaft.« Schreibt es – und blickt selbstzufrieden auf den Gipsabguss des eigenen Gesichtes, den er auf seinem Schreibtisch postiert hat. Wer so um sich selbst kreist, dem droht eigentlich ein Schleudertrauma. Doch bei Brecht bedroht es nur all die anderen, die ihn beim beständigen Kreiseln zu stören wagen.

Florian Illies aus: „Liebe in Zeiten des Hasses“

Die Strategie des Textes lautet wie folgt: Erst wird von „Jahrhundertwerken“, „Genies“, von „großen Romanen“, „wahrscheinlich schönsten Gedichten“, „Geistesgrößen“ mit noch „größeren Fragen“ und „außergewöhnlichsten Antworten“ gesprochen, himmelhochjauchzend die Max Webersche Intelligentsia besungen, um sie dann wieder, vermeintlich gerechterweise, auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Zwischen Imagination und Repetition wird nicht unterschieden. Götzen werden errichtet, nur um sie direkt wieder einzureißen und dem Erdboden gleichzumachen. Das Bauen und Niederreißen als dynamisches Gleichgewicht durchzieht den Text und zelebriert die ewige Wiederkehr des Immergleichen, zumal niemand sich mehr daran stört, gut und schlecht, dann wieder gut und dann noch schlechter als Nachgeborene über die bereits Verstorbenen zu sprechen und zu schreiben. „Liebe in Zeiten des Hasses“ liest sich deshalb, wie ein Leichenschmaus schmeckt, recht trostlos.

Ja, dieser scheinbar so friedliebende, sanftmütige Autor [Hermann Hesse] mit Strohhut und sonnengegerbter Haut ist tatsächlich ein ziemlicher Neurotiker, wenn er sich bedrängt fühlt (und das fühlt er sich eigentlich immer). Selten, wenn er gute Laune hat (und die hat er eigentlich nie), dann malt er auf die Hausbriefe sogar ein Vögelchen drauf oder aquarelliert einen Baum in seinem warmen Kinderbuchstil.

Wittgenstein ist verwirrt und versucht standesgemäß, dem Problem mit Logik beizukommen, denkt darüber nach, wie man die Liebe »rein« halten kann vom Sündenfall, und der besteht für ihn wiederum in dem Moment, in dem ihn die Lust übermannt. Er erinnert sich an die beiden erotischen Verführer, die Frau und den Mann in der kargen Landschaft der norwegischen Fjorde, aber er findet keinen Weg heraus aus den Labyrinthen seines Ichs.

Mit erstaunlicher Sammelfreude auf über vierhundert Seiten werden die peinlichsten und demütigenden Brief- und Tagebuchstellen von den Berühmtheiten der 1920er und 1930er Jahre des Kulturbetriebes zusammengesucht, um ein immer schärferes Bild des Kulturlebens zu zeichnen, nämlich eines, das sich nur um Ehekrisen, Drogen, Seitensprünge und immer neue Eroberungen dreht, um Männer und Frauen, die Männer und Frauen in beliebiger Permutation begehren und umgarnen und betrügen und belügen, was das Zeug hält. Zeitlicher Hintergrund ist selbstredend die Machtübernahme der Nationalsozialisten, aber gekümmert, glaubt man Florian Illies, hat es die meisten nur nebenher. Das tête-à-tête am Lugano-See oder im südfranzösischen Exil steht nun einmal im Vordergrund.  

Lion Feuchtwanger ist mit seiner Frau im südfranzösischen Exil, sie sind in dem heiteren Badeort Bandol gelandet. […] »Ärger über das Scheißauto, das Marta [Feuchtwangers Frau] gekauft hat.« Und so geht das nun den ganzen schönen Sommer lang. Erst am 30. Juli wendet sich das Blatt: »Marta gevögelt. Lola immerzu schlecht gelaunt.« Da kann man nur sagen: So genau haben wir es gar nicht wissen wollen. Und auch Marta selbst nicht.

Die anspruchsvolle Geste hier, etwas zu sagen, ohne es zu sagen, im Sagen bereits zu verneinen, es gesagt zu haben, um sich fürs Sagen zu entschuldigen im Namen der jeweils Sagenden. Lion Feuchtwanger wusste es nun einmal nicht besser. Die Schizophrenie von dieser Art biographischer Rohmaterialsammlung besteht im Sich-Hineinfühlen und dennoch Von-Außen-Aburteilen. Dieses Nirwana, sowohl in einer Person mitfühlend, aus der Perspektive dieser Person zu berichten, und dennoch in der Rückschau die Zukunft des narrativen, bereits vergangenen Futurum II gegen die Person zu bemühen und über die Irrtümer, Schwächen, und Niederlagen zu richten, lässt sich weder auktorial noch journalistisch noch empirio-kritizistisch verorten. Es ist schlichtweg eine freihängende Konstruktion ohne Archimedischen Pol. Janusköpfige Erzählpositionen, rückwärts gegen den Strom vorwärtszuschreiben, lassen selbst postmoderne Narrationsversuche kollagierter Avantgarde nicht zu. Sätze besitzen Beobachtungspunkte. Beobachtungspunkte lassen sich beliebig verschieben. Überspannt man den Bogen, fällt der Text in sich zusammen, aber davon lassen sich nur Ängstliche abschrecken und keine Berichterstatter, die um gutgemeinten Ratschlag selbst im Nachhinein bemüht sind:

Dann gibt sie [Brigitte Helm] selbst ein außergewöhnliches Interview, wehrt sich gegen die Rollenzuschreibungen und sieht sich auf eine Frau mit »Sex-Appeal« reduziert: »Mein Wunsch ist, dass sich 1935 daran erinnert, dass ich vielleicht doch ein bisschen mehr kann als nur leichtsinnige, verantwortungslose Dämchen darzustellen. Eine wirklich mütterliche Frau spielen, das ist mein größter Wunsch.« Doch da hat Brigitte Helm noch nicht begriffen, dass es in der Filmindustrie nicht darum geht, die Wünsche der Hauptdarstellerinnen zu erfüllen, sondern die der Zuschauer.

Die grenzenlose Verfügung übers Material ist der Inkohärenz geschuldet. Keine Stelle wird eindeutig dokumentiert und historisch eingebettet oder mit Datum versehen. Kein historischer Zusammenhang mit Fakten und Quellensicherheit hergestellt. So lässt sich zwischen Zitat und erfundener Passage nicht unterscheiden. Jeder kleine Abschnitt des Episoden-Psychogrammes der Weimarer Kulturelite bündelt sich um ein ausgesuchtes Zitat (ohne Beleg), um das herum der Kompilierer eine Szenerie ergänzt, die mehr oder minder im Zusammenhang mit anderen Stellen (ohne Beleg) stehen. Beim Lesen entsteht schnell der Eindruck der Beliebigkeit, der Konstruiertheit und Eintönigkeit. Die Selbstreflexion findet nicht statt. Sie würde unter der Last des herangesammelten Materials ohnehin zusammenbrechen. Entschuldigt wird dies mit dem Verweis auf das Privileg der späten Geburt

Es ist nicht immer ganz leicht, dabei den Überblick zu behalten. Für uns Nachgeborene sowieso nicht, aber wie mag es erst für die Akteure selbst gewesen sein?“

„Nachgeborene“ verweist direkt auf den im Text vielbesprochenen Bertolt Brecht und sein Gedicht „An die Nachgeborenen“. Auf eindrückliche Art und Weise distanziert sich „Liebe in Zeiten des Hasses“ eindeutig von der inhaltlichen Botschaft.

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifeltzzu
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:
Auch der Hass gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

Bertolt Brecht aus: „An die Nachgeborenen“

Nachsicht herrscht sicherlich nicht in Illies Kompilation. Das Sittengemälde, das von der Weimarer Kulturelite gezeichnet wird, überzieht diese mit einem Generalverdacht von Dekadenz und Selbstbezogenheit, von Impulskontrollverlusten und Triebgesteuertheit, von Nabelschau und Elfenbeinturm in jäher und unrettbarer Realitätsferne. Nach Hunderten von Seiten der Aufzählung wer mit wem wie lang und wie oft, entsteht beinahe der Eindruck, die Kulturelite hätte es verdient, von anti-intellektuellen Schergen vertrieben zu werden. Das ist sicherlich nicht intendiert. Der Eindruck bleibt jedoch bestehen. Härter, unnachsichtiger, brutaler in der schieren Menge wurde selten über eine ganze Generation abgeurteilt, und zwar aufgrund von Dokumenten, die gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Wo Peter Sloterdijk in seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ noch zögert, macht Florian Illies kurzen Prozess. Er kennt die Antwort, auf die Frage, die Sloterdijk am Anfang seines zweiteiligen Aufklärungsversuches stellt:

Die Weimarer Republik steht im Gang deutscher Geschichte nicht nur als Produkt verzögerter nationalstaatlicher Entwicklung – schwer belastet durch das wilhelminische Erbe, den Geist eines zynisch illiberalen Staatswesens – , sondern auch als Exempel einer »mißlungenen Aufklärung«.

Oft hat man dargestellt, daß und warum die Vorkämpfer republikanischer Aufklärung zu jener Zeit nie etwas anderes sein konnten als eine verzweifelt gutwillige Minderheit von Vernunftvertretern gegenüber fast unbezwingbaren Gegenkräften: massiven Strömungen von Gegenaufklärung und Intelligenzhaß […]

Peter Sloterdijk aus: „Kritik der zynischen Vernunft“, Band 1

Illies zeigt, dass die „gutwillige Minderheit“ eben keine von Vernunftvertretern gewesen ist, sondern von Lüstlingen und Libido-Gesteuerten, die sich nicht zusammenreißen konnten, die untereinander in einem fort untreu waren, logen, betrogen, sich gegenseitig und selbst etwas vormachten, was nicht der Realität entsprach, die ein Spiel von Kunstfertigkeit und Sprachgewandtheit in aller Öffentlichkeit spielten, große Kinder, die nicht erwachsen werden wollten, weder ein noch aus, weder sich selbst noch anderen zu helfen wussten, sich Liebesbriefe in Form von Theaterstücken und Romanen schrieben und an der unerwiderten und unerfüllten Liebe litten.  

Wir sehen: Die Nerven liegen blank. Wenig später packt Therese Giehse ihre Koffer und fährt mit dem Schiff zurück nach Europa, und Annemarie Schwarzenbach schließt sich ihr an. Sie haben dann viele Tage Zeit, an Deck und in ihrer Kabine in immer neuen Anläufen ihre geliebte Erika [Mann] zu enträtseln. Erika tröstet sich indes etwas im riesigen Schatten ihrer Eltern. Genau dieser Schatten, der ihren Bruder Klaus [Mann] immer zu verschlucken scheint, ist es, der ihr Geborgenheit bietet und Schutz. Sind wir Menschen nicht sonderbar, vor allem in unserer Rolle als Kinder?

Florian Illies aus: „Liebe in Zeiten des Hasses“

Dass diese Vernunftvertreter die Demokratie nicht zu retten vermochten, diese Frage scheint sich gar nicht mehr zu stellen. Eine einfache Antwort auf eine komplizierte Frage. Die Antwort fällt aber so einfach aus, weil bewusst eine Einseitigkeit der Beschreibung gewählt wurde. Werkanalysen, Formversuche, Kommunikationsprozesse, die die Kunstwerke stifteten, die den Sprach- und Ideenreichtum mehrten, kommen nicht vor. „Liebe in Zeiten des Hasses“ spricht über Menschen, die zufällig alle für ihre Kunstwerke bekannt waren, ohne von diesen Kunstwerken zu berichten, die Kraft in diesen Kunstwerken zu beachten. Es verbleibt beim Namedropping ohne jedwede Verbindlichkeit. Eine reine Zitaten- und Exzerptsammlung wäre ehrlicher gewesen.

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