Jenny Erpenbeck: „Kairos“

Eine „Ästhetik des Widerstandes“ der Gegenwart … Spiegel Belletristik-Bestseller 40/2021

Die Nacherzählungen allgemeiner Geschichte enden allzu oft in sehr nüchternen, fragmentierten, blitzlichtartigen Zusammenstellungen und Kollagen von Ereignissen, die entweder weitestgehend bekannt sind oder unbekannt im Zusammenhang mit solchen stehen. Ein Beispiel ist Gerd Loschütz und sein Rechercheroman „Besichtigung eines Unglücks“ oder Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, oder klassisch unwiederholbar in Trockenheit und Masse und Detailreichtum Thukydides „Der Peloponnesische Krieg“.  Geschichte, ob als Kollage oder Roman, lebt von Details, von vielen winzigen Einsprengseln verdichteter Temporalisierungsbemühungen. So auch Jenny Erpenbecks neuester Roman „Kairos“, benannt nach dem rechten Maß, die gute Gelegenheit, dem günstigen Augenblick. In ihrem Roman findet sie tatsächlich die Balance, das richtige Maß zwischen Persönlichem und Allgemeinem, zwischen Intimen und Politischen, zwischen Zeitgeschichte und Alltag eines mittlerweile verschwundenen Staates: die DDR.

Eberswalder Würstchen und Meißner Porzellan – das sei die kürzeste Formel, auf die sich bringen lasse, was die Welt von der DDR wisse, hat Hans gesagt, als sie vorgestern das Glas aufgemacht haben.

Jenny Erpenbeck aus: „Kairos“

Die Welt weiß und wusste selbstredend mehr von der DDR als dies, aber Hans, der vierunddreißig Jahre ältere Geliebte von Katharina, der Protagonistin, drückt damit in den 1980er Jahren nur aus, dass die restliche Welt und die DDR in keinem sehr intensiven Kommunikationsprozess miteinander stehen. Informationen werden nicht ausgetauscht. Man lauscht sich ab. Man belauert sich. Man bleibt aus sicherer Distanz und bewaffnet sich bis auf die Zähne gegen den bis auf die Zähne bewaffneten Feind. Erpenbeck erzählt die Geschichte der DDR mittels einer Allegorie, als eine Beziehung zwischen einem viel älteren Schriftsteller und seiner jungen Muse.

Was er [Hans] ihr [Katharina] vor einem Jahr geschrieben hat, fällt ihm ein: wie ein leeres, ausgeplündertes Haus fühle er sich, die elektrischen Leitungen aus der Wand gerissen, die Fenster vernagelt, die Vorhänge zugezogen, der Kleinkram, der hier und da noch herumliegt. So wird es auch hier bald aussehen, an einem Ort, der, solange er zurückdenken kann, belebt war. Das einstige Nobelrestaurant nur noch ein ramponierter Laden, genauso ramponiert wie das, was von ihrer Liebe übriggeblieben ist. Was für Hoffnungen sie damals hatten.

Sie begegnen sich in einem scheinbar mystischen Augenblick am 11. Juli im Jahr 1986. Er, verheiratet, mit den Geistesgrößen der DDR bekannt, ein Schriftsteller zwischen Berufsverbot und Schreibblockade, zwischen Bürokratie und Utopie, und sie, eine junge Frau, lernende Setzerin in einem Staatsverlag, die ein Studium als Gebrauchsgrafikerin in Halle anstrebt. Die Beziehung ist ungleich und wirkt von Anfang steif, und tatsächlich schleppen sich die ersten Kapitel in sehr schlichter Sprache, sehr schnörkellosen Passagen dahin. Die Beziehung bleibt äußerlich, fremdbestimmt. Im Falle von Hans von seiner Libido, seinem Versuch aus dem Alltag mit seiner Ehefrau und dem beruflichen Misserfolg zu fliehen. Im Falle von Katharina von ihrer Neugier, Unbestimmtheit, Unentschiedenheit, die Zwischenphase ihrer Ausbildung zu überbrücken, bevor ihr Leben mit dem Studium wirklich beginnen kann. Sie sind sich gegenseitig Platzhalter, und diese Leere spiegelt sich in den sehr spröden und adjektivlosen erstem Drittel des Buches wider.

Und nun steht sie [Katharina] in seiner [Hans‘] Küche und erfährt also, in welchem Fach die großen Teller sind, wo die kleinen, welches das schärfere Messer ist und wo die Streichhölzer liegen, mit denen die Gasflamme angezündet wird. Er sieht ihr dabei zu, wie sie die Eier am Rand einer Schüssel aufschlägt, und denkt, dass die Hausarbeit bei ihr wie ein Spiel aussieht.

Das Paar ist sich fremd, und Erpenbecks Sprache transportiert diese Entfremdung durch holprige, zähe Momentaufnahmen. Sie lässt Katharina unbeholfen aussehen, wie ein Kind, das nicht weiß, was es will, noch mit sich allein anfangen soll. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt. Weshalb sie sich aber als Drittfrau, als Geliebte eines Verheirateten, eines Vaters eines jungen Sohnes, sich romantischen Visionen überlässt, bleibt völlig im Unklaren? Die Abwesenheit einer Vaterfigur? Solche psychoanalytischen Strukturmomente erklären höchstens notdürftig. verdecken, was der Roman als Sehnsucht transportieren könnte, würde er der selbstkreierten Beziehungsdynamik glauben können. Er glaubt ihr aber nicht, und so verbleibt alles sehr im Prosaischen und Halbdunkeln und im Grunde Beliebigen.

Als an die Stelle des Seufzens und Wehklagens Stille tritt, liegen die beiden Körper ausgestreckt im Dunkel nebeneinander. Nie wieder wird es so sein wie heute, denkt Hans. So wird es nun sein für immer, denkt Katharina. Dann löscht der Schlaf alle Gedanken aus, und was ihnen geschehen ist, wird ihnen, während sie ruhig atmend beieinander liegen, auf die Gehirnrinde geschrieben.

Dieser zäh zu lesende Anfang imitiert ein eigenes „Auferstanden aus Ruinen“ – die Brocken, die Trümmer, die Träume und verlorene Unschuld häufen und türmen sich um Hans und Katharina, die in einem immer enger werdenden Strudel aus Selbstbezüglichkeit auf ihr Innerstes hinarbeiten, und zwar von einer sadomasochistischen Verzweiflungstat zur nächsten. Hans weiß Katharina nicht anders als durch sexuelle Gewalt an sich zu binden, und Katharina weiß sich nicht aus dieser Rolle zu befreien, in der sie bewundert, vergöttert, und dennoch körperlich wie seelisch misshandelt wird.

Liebt sie ihn, weil der vierunddreißig Jahre ältere in Wahrheit ein Kind ist? Süchtig sei er nach ihr, hat er ihr neulich geschrieben, und da hat sie gedacht, dass sie süchtig danach ist, ihn süchtig zu machen. Reicht das, was sie ist, aus, um ihn zu halten? Was ist sie?

Sie weiß nicht, ob sie das möchte, und sie schämt sich. Sie versucht ihren eigenen Weg zu gehen, und in dieser Bewegung und Dynamik findet der Roman sich plötzlich und auch seine eigene Stimme und Rhythmus, eine mitreißende Melodie und Präzision, die in der Gegenwartsliteratur ihres gleichen sucht. Das erste Drittel erscheint als ein Irrweg, als eine seltsame Begebenheit, in die Katharina mehr durch Zufall hineingeraten ist, wie falsch abgebogen und in einem Labyrinth verlaufen. Die Bewegung aus dieser zu engen, zu krampfhaften, zu artifiziellen Beziehung heraus beschreibt eine beispielslose Reise durch das Ende der DDR, eine Fahrt aus den Ruinen in die Ruinen wieder hinein, in das, was übrigblieb, nämlich nicht sehr viel.  

Ist es das, was von einer Ehe nach 30 Jahren übrigbleibt? Wird auch sie, wenn sie alt ist, einen Mann haben, der mit ihr telefoniert, während seine Geliebte draußen auf dem Balkon steht und nur darauf wartet, dass sie wieder hereinkommen kann? Wenn man alles wüsste, was wahr ist, wenn man das Stumme auch hören könnte, und das, was im Schatten steht, sehen – hätte das Wünschen dann überhaupt noch einen Sinn?

Zwischen Frankfurt/Oder und Berlin pendelt Katharina, von Reisen an die Ostsee, nach Ungarn, zum Geburtstag einer Verwandten nach Köln und zurück, in einem Niemandsland, zu jung, um sich zu erinnern, zu alt, um das Absterben des Staates um sie herum nicht wahrzunehmen, führt das Paar Verhöre, Versuche zu klären, wo nichts zu klären ist. Die Orientierungslosigkeit, die Scham, das Ungenügen von Hans und Katharina, die Schuld, die Lügen, das Betrügen und Schauspielern, all dies evoziert einen Alltag eines unter der eigenen Last zusammenbrechenden Staates, der nicht mehr kann, weil keiner mehr will. Der Staat, der einen Neuanfang jenseits der Geschichte ersehnte, kollabiert unter der eigenen ballenden, grassierenden Geschichtlichkeit. Hans, der zu viel weiß, findet keinen Weg Katharina zu lieben, die weder Ernst Bloch kennt, noch die Nachkriegszeit erlebt, noch die Utopie der jungen DDR samt Bertolt Brecht und den Hymnen schreibenden Johannes R. Becher und Hanns Eisler nachzuvollziehen vermag. Die Geschichtslosigkeit als Bruch funktionierte nur in der Präsenz des geschichtlich Gesättigten.

»Erst als die Erde bebte und die Gräber sich öffneten, habe ich mich auch zu denen bekannt, die anklagend aus der Tiefe stiegen.« Vor vier Wochen ist Bechers Text »Selbstzensur« in der Zeitschrift »Sinn und Form« erschienen. Posthum und mit 32 Jahren Verspätung. Erstaunlich, dieser Text aus dem Jahr 1956, als der Kulturminister Becher dem radikalen Dichter Becher doch längst den Garaus gemacht zu haben schien. […] Im nächtlichen Halbschatten des großstädtischen Hotelzimmers scheint es Hans plötzlich möglich, dass die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten durchlässig ist. Und dass daher der Wind weht.

Der junge Staat wurde hauptsächlich durch Gewalt wie beispielsweise eine Mauer zusammengehalten. Die Parallelen zu Hans und Katharinas Liebe werden eindeutig gezogen, auch die Selbstzensur als intime Schauprozesse inszeniert, die sich Katharina auferlegt, wenn sie eben nicht explizit von ihrer Beziehung berichtet, nicht ins Details geht, ja, die Details sich selbst gegenüber zu verheimlichen, abzukürzen, beiseite zu wischen sucht.

Ungebrochen ist sie, heil, behütet. Irgendwie sauber. Wäre sie anders, würde er sie auch nicht so begehren. Und nicht auf diese Weise. R. für Riemen schreibt sie an solchen Tagen in ihren Kalender. Tisch + R. Selbst an der Abkürzung sieht man noch, dass sie sich schämt. Sie schämt sich, hält ihm aber dennoch den Hintern hin. Weiß, dass sie schön ist. Ein Mensch, wie stolz das klingt, hat Maxim Gorki gesagt. Und er, Hans, zieht den Gürtel aus seiner Hose und schlägt zu, dass es zeckt. Und betrinkt sich, wenn er allein ist, in der Bar des Hotels Berolina.

Erpenbecks Roman brilliert auf so vielen Ebenen auf so stille Weise, dass das Lesen ein Abenteuer wird. Jeder Satz, jede Wendung, jedes Details schillert, vibriert. Eine Trauer enttäuschter Hoffnungen zieht sich durch alle Beschreibungen hindurch. Die Wortwahl vermittelt synästhetisch das Drücken der Verhältnisse, das Schweigen, das lastende Beurteilen, die Flucht ins Private, das Hängen am gegenseitig beteuerten Liebesverhältnis, das sich permanent aufzulösen droht. Hinter jeder Begegnung steckt ein Akt des Misstrauens, Eifersucht, Habsucht, die doch nur existieren, weil die Liebe noch nicht alle Hoffnung für sich und den anderen aufgegeben hat. Jeder Tag beginnt mit dem Vorhaben, alles besser, richtiger, schöner zu machen. Jeder Tag endet mit der Einsicht, dass es wieder einmal nicht gelang.

Und wenn es gar nicht so war, dass das eine das andere ablöst, wenn es nicht Wellen waren, die den einen irgendwohin spülten und den anderen weg? Wenn alles gleichzeitig anwesend war in jedem Moment, den man lebte? Man, oder irgendein andrer. Nur an den einzelnen Lebensgeschichten ließ sich ermessen, ob der Staub, aus dem Geschichte gemacht war, die Gestalt eines Anfangs trug oder die eines Endes.

Ende und Anfang gehen ineinander über, und Katharina findet sich, traut sich, überlässt sich den Möglichkeiten, den Öffnungen, den kurzen Momenten des Aufatmens aus der allgemein gebotenen Stille heraus, indem sie ihren Emotionen freien Lauf lässt, sie ausagiert, die Materialität des Schmerzes nicht mit der Illusion von Liebe begegnet, sondern mit dem Wissen, dass sich hier eine Befreiung vollzieht, ein Exorzismus von sich selbst und den selbst verordneten Abhängigkeitsverhältnissen. Katharina gibt nicht mehr nach. Sie beginnt Stellung zu beziehen.

Ja, sie will, dass er sie schlägt. Will es mit keiner andern Lust als der, dass sie daran totgeht. Vor langer Zeit war das einmal ein Spiel. Jetzt ist es Ernst. Jetzt ist die Wirklichkeit endlich bei sich selbst angekommen. Er hasst sie und er hasst sich. Sie hasst ihn und sie hasst sich. Und jeder weiß es vom andern. Erst als er merkt, dass sie unter den Schlägen längst zu heulen begonnen hat, legt er den Riemen weg und hört auf.

Und dies ist nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende des unrettbar Verlorenen und Totgeborenen. Die Wahrheit bricht in das Leben, fegt alles davon. Die naive Katharina existiert nicht mehr. Das Mädchen, das sich treiben ließ, das hoffte, für das alles Spiel, Worte, Versprechungen gewesen sind, hat den Glauben an die große Liebe zwischen Jung und Alt, zwischen Hans und ihr, zwischen Hieben und Schlägen gründlich verloren. Die Versöhnung blieb aus. Sie sehnte sich nach Unmittelbarkeit, nach Teilhabe, nach wechselseitiger Lebensfreude und Tatendrang, nach Neuem, Unverbrauchten, und geriet unter die Räder. Die Wut darüber birgt die Saat neuen Mutes. Kraft aus dem Widerstand geboren und gezogen.

Da sieht sie, wie sie von solchem Hass ergriffen wird, dass sie Hans am liebsten die Zunge abbeißen wollte. Sieht, wie sie ihn in die Hand beißt, in den Arm, wie in ihrem Kopf alles schwarz ist, sieht seine Hand schwarz, wie verbrannt oder voll Asche, sieht seinen Arm schwarz, während sie ihre Zähne hineinkrallt, hält die Augen geschlossen, sieht seinen Blick schwarz, schläft mit ihm von der Seite der Hölle aus, will ihn schlachten, ihn fressen, sieht sein rotes Fleisch offen daliegen wie Samt.

Jenny Erpenbecks Roman ist eine „Ästhetik des Widerstandes“ erster Güte. Sie hat nichts mit „Fifty Shades of Grey“ von Erika Mitchell aka E.L. James gemein, nichts mit dem latenten Sadomasochismus in „Das Land der Anderen“ von Leila Slimani zu tun, gewinnt eine eigene Stimme im Dschungel der Gegenwartsliteratur gerade durch die Distanz, das Lyrische, Hintergründige, das in ihr als Gegenposition zum allgegenwärtigen Verstummen heranwächst. Keiner entkommt der eigenen und der Geschichte der anderen, aber daraus folgt nicht, sich der Geschichte überlassen, die Gedanken und Positionen, die angeboten werden, einfach übernehmen zu müssen. Die Sprache erlaubt mehr Zwischenräume.

Denn wenn, und dann, und sonst, und ob, das eine zieht das andere nach sich, das eine setzt das andere voraus, und das ist nicht, und das nicht mehr, und endlich, und schließlich, im letzten, viel früher, noch nicht, zu spät, es muss, es soll, zuviel, und anders nicht möglich, nicht sinnvoll.

In diesem Sinne schreibt Erpenbeck das Peter Weiss’sche Projekt einer „Ästhetik des Widerstandes“ fort, Seite an Seite mit Autorinnen wie Christa Wolf und Helga Schubert. Im Teil Eins des dritten Bandes des gleichnamigen Romans schreibt Peter Weiss über die schwedische Schriftstellerin Karin Boye:

Der Aufenthalt in Berlin war, wie die Psychoanalyse auch, nutzlos gewesen, sagte sie [Boye], im Gefühl, gescheitert zu sein, sei sie zurückgekehrt [nach Stockholm]. Wir verglichen unsere Arbeitsvoraussetzungen, für sie sei das Schreiben, vor allem das Schreiben von Gedichten, seit jeher ein Versuch gewesen, das, was sie hinabziehn wollte, zu überwinden, stets habe sie sich ihre Visionen in einem Zustand des Dahinsiechens abringen müssen. Wenn es ihr gelinge, ein Werk abzuschließen, so habe sie damit den Beweis erbringen können, dass die Poesie eine Kraft besitze, die, wenigstens für einige Augenblicke, den einschnürenden, würgenden, tötenden Ordnungen der Außenwelt überlegen sei.

Peter Weiss aus: „Die Ästhetik des Widerstandes“

Literatur kommt also, wie man sieht, nie zu spät. Der günstige Augenblick der Literatur liegt immer im Hier und Jetzt der lesenden Gegenwart. Jenny Erpenbecks „Kairos“ legt beredtes Zeugnis davon ab.

5 Antworten auf „Jenny Erpenbeck: „Kairos““

    1. Es ist wirklich ein sehr gutes Buch – sehr eigenartig spröder Anfang, aber mit ungewöhnlicher Dynamik. Am Ende war ich selbst baff, wie nah es mir ging, wie sehr ich in diese Welt versank und wieviel Mut aus diesen Sätzen entspringt. Wunderbare Literatur. Ich kann es wirklich empfehlen. Teilweise fühlte es sich wie „Der Tangospieler“ von Christoph Hein an, nur viel virtuoser, poetischer. Bin gespannt, wie es gefällt.

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