Johanna Adorján: „Ciao“

Überholen, ohne einzuholen…
Spiegel Belletristik-Bestseller (29/2021)

Der Roman „Ciao“ von Johanna Adorján antwortet auf die aktuelle Diskussion um das Stichwort „cancel culture“ herum. Es kann mit Sicherheit als Antwort auf „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber und „Über Menschen“ von Juli Zeh gelesen werden. In diesem Sinne würde es als eine liberale Antwort eine Form von Mitte suchen, Gegensätze vermitteln, beide Seiten zur Sprache kommen lassen, ohne die eine gegen die andere Seite auszuspielen. „Ciao“ kann in dieser Hinsicht glücklicherweise als gescheitert gelten, denn es enthebt sich aller diskursiven, argumentativen Mühen, pocht darauf, Fiktion zu sein, und nimmt eine Außenposition an, nämlich die, reine Unterhaltung zu bleiben und sein zu wollen, einen Slapstick aufzuführen, bei dem niemand sich schlecht fühlen muss, und sich sogar eine Art Happy End erlaubt.

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Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“

Pathologisches aus erwartbarer Richtung … Spiegel Belletristik-Bestseller (26/2021)

Quentin Tarantino ist mit „Es war einmal in Hollywood“ unter die Romanschriftsteller gegangen. Die Protagonisten dieses Buches lauten Rick Dalton, ein abgehalfterter Western- oder Actionfilmstar, und Cliff Booth, sein Stuntdouble. Der Plot lässt sich in wenigen Worten umreißen. Rick Dalton hat den Sprung in den engen Kreis der Hollywoodstars nicht geschafft und versucht, sich neu zu erfinden. Am Ende erlangt er durch einen Zufall zur erneuten Berühmtheit. Cliff und Rick töten drei Hippie-Einbrecher, die in sein Haus eingedrungen waren, unter anderem mit einem Übungsflammenwerfer, und machen in allen Medien Schlagzeilen. Im Großen und Ganzen geht der vierhundert Seiten lange Roman um Rick Daltons Schaffenskrise, Selbstzweifel und Versuche, aus der Sackgasse seiner Filmkarriere zu gelangen. Rund um diesen Minimalplot spinnen sich diverse Nebenhandlungen. Roman Polanskis Ehekrise, Charlie Mansons Träume, ein Rockstar von Kaliber Bob Dylans zu werden, und eben Hollywood 1969 – wie der Umschlagtext besagt: „Du hättest dabei sein sollen“.

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Simon Beckett: „Die Verlorenen“

Positivistische Abgründe … Spiegel Belletristik-Besteller (26/2021)

Flugzeugessen ist optimiert auf hohen Fettgehalt. Die Portionen sind klein, die Zubereitungs- und Kühlmöglichkeiten beschränkt, so dass wenig, dafür sättigendes, also sehr fettiges Essen aus der Sicht des Fluganbieters sinnvoll ist. Aus der Sicht der Flugreisenden vielleicht nicht, so dass nicht alle Passagiere vom Angebot Gebrauch machen und zulangen. Manche Passagiere verlangt es eher nach Leichtem, nicht Belastendem, insbesondere auf Langstreckenflügen. Ähnliches gilt auch für die Lektüre auf solchen Flügen. Es ist laut. Die Luft ist stickig. Die Arm- und Beinfreiheit beschränkt, so dass nicht viel Konzentration und Energie für eine anstrengende Story bleibt. Man greift daher gerne zu Thrillern.

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Irvin D. Yalom und Marilyn Yalom: „Unzertrennlich: Über den Tod und das Leben“

Gegen den Tod und andere Übel … (Spiegel Belletristik-Bestseller 21/2021)

„Unzertrennlich“ von Marilyn Yalom, Historikerin, and Irvin D. Yalom, Psychoanalytiker, ist als Buch in jeder Hinsicht ein Grenzgänger. Es ist seitens Marilyn Yaloms auf dem Totenbett und seitens Irvin D. Yaloms in einem Alter verfasst worden, in welchem der Herztod jederzeit eintreten hätte können. Sie ist 87 Jahre alt geworden und verstarb im November 2019. Ihr Ehemann Irvin lebt noch und ist nur knapp ein Jahr älter, war also bereits 88 Jahre alt, als sie starb. Grenzgänger ist das Buch, weil es zwischen Autobiographie und Literatur, zwischen Dokumentation und Anamnese, zwischen Leben und Tod, zwischen zwei Menschen steht, die sich mittels dieses Texts versuchen zu verabschieden.

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Zeruya Shalev: „Schicksal“

Das Leiden im Vergeben … Spiegel Belletristik-Bestseller 24/2021

Zeruya Shalevs Roman „Schicksal“ handelt von dem Leben und den Beziehungen zweier Frauen mittleren Alters in Israel der Gegenwart, von Atara and Rachel. Atara ist Architektin, 50 Jahre alt, und kümmert sich um Sanierungen von alten Häusern, und Rachel ist eine ehemalige Terroristin, die nach dem zweiten Weltkrieg die britische Besetzung mit Gewalt vertreiben wollte, und danach ein Leben in der Zurückgezogenheit verbracht hat, als Hausfrau und Mutter von zwei Söhnen, der eine gegen alles Israelische eingestellt, der andere dem orthodoxen Glauben beigetreten. Atara ist Mutter von einer Tochter, die in den USA studiert, und von einem Sohn, der Elitesoldat im israelischen Militär geworden ist.

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Leïla Slimani: „Das Land der Anderen“

Der Versuch einer Verarbeitung der Vergangenheit … (Spiegel Belletristik-Bestseller 23/2021)

Leïla Slimani beschreibt in ihrem Roman „Das Land der Anderen“ Ereignisse rund um eine Familie in Marokko kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges. Es ist schwierig, in diesem polyphonen Roman Hauptfiguren zu sondieren. Auf dem ersten Blick fällt diese Rolle Mathilde und Amine zu. Mathilde stammt aus dem elsässischen Frankreich, und Amine aus Meknès in Marokko. Sie verlieben sich ineinander, heiraten und ziehen gemeinsam nach Marokko. Zuerst wohnen sie bei Amines Mutter, wo auch sein Bruder und seine Schwester leben. Bald schon siedeln sie über zum Farmland des Erbes, bekommen Nachwuchs, und Amine beschließt, Olivenbaumzüchter zu werden. Die Ereignisse in Marokko beginnen sich zu überschlagen und das Buch endet dort, wo die Unabhängigkeitsbestrebungen beginnen oder ihren Abschluss finden.  

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Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“

Wortsalat eines Augenblicksgedächtnisses … (Spiegel Belletristik-Bestseller 18/21)

In „Die Kandidatin“ von Constantin Schreiber wird eine Zukunftsvision der Bundesrepublik Deutschland im Gewande ihrer Gegenwart entworfen. Weit entfernt davon visionär zu sein, werden mit neuen Namen alte Sachverhalte in noch ältere Schläuche gegossen, und herauskommt eine Rhapsodie aneinander gereihter Wörter, die eher an einen Raptext erinnern als an einen Roman. Die Geschichte lässt sich nur als Szenerie wiedergeben: Eine muslimische Kanzlerkandidatin steht kurz vor ihrer Wahl und tritt vehement für das feministische Recht ein, einen Hijab tragen zu dürfen. Sie wird gefeiert und bekämpft. Sie reist nach China, ein Attentat auf sie findet statt, und am Ende läuft sie Gefahr, alles wegen eines schmutzigen kleinen Geheimnisses zu verlieren. Was in dem Roman über die Kanzlerkandidatin Sabah Hussein gesagt wird, gilt vor allem für den Roman selbst:

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Christoph Hein: „Guldenberg“

Ein besorgter Bürger bemüht sich redlich … (Spiegel Belletristik-Bestseller 17/21)

Christoph Hein verarbeitet mit seinem Roman „Guldenberg“ gegenwärtige politische Diskurse über Abwrackprämien, Altersarmut, über Migranten, Fremdenfeindlichkeit, über Karrierewahn in den öffentlichen Institutionen und die seiner Meinung nach zu bedauernde Beschleunigung in allen Bereichen der Gesellschaft. Sein Städtchen Guldenberg dient als Kondensationspunkt vieler Probleme, die einzelne beklagen und derer sie sich ausgeliefert fühlen. Niemand hört auf irgendwen. Der Unternehmer betrügt und wird betrogen. Der Politiker wirbt und wird umworben. Der ‚kleine Mann‘ schimpft und wird beschimpft. Die Migranten beleidigen und werden beleidigt. Das ganze Städtchen ist ein einziges, heilloses Durcheinander von Opfern und Tätern, von Missverstandenen für sich selbst und denen, die andere in die Pfanne hauen, ohne mit der Wimper zu zucken. Niemand gönnt irgendwen irgendetwas, und niemand traut irgendwem eigentlich über den Weg. Mit anderen Worten, Hein beschreibt trocken und teilnahmslos ein soziales System kurz vor dem Kollaps:

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Sebastian Fitzek: „Der erste letzte Tag“

Hermeneutik, Literaturwissenschaft, Exegesen, Soziologie, Philosophie behandeln immerzu die selbst gestellte Frage, das eigenst erfundene Problem, was denn Literatur von einer Gebrauchsanleitung, ein Gedicht von Prosa, Belletristik von Romanen, Unterhaltung von Kunst unterscheidet, Kitsch von Tiefe, Avantgarde von Brauchtum, Innovation von Reproduktion, Tradition, Bildung von Verblendung und Kulturindustrie. Sie bemühen Kriterien, erheben Anspruch vor Wirklichkeit, den ästhetischen Schein zum Prinzip, übergehen einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, voller Sympathie für das Einfache, und doch in rückhaltloser Parteilichkeit für das Differenzierte, Schwierige, ins Tiefe Zielende.

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Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“

Eine unpathetische Hymne auf die Vielfalt … (Spiegel Belletristik Bestseller 15/21)

Bernardine Evaristo bietet mit ihrem Roman „Mädchen, Frau etc.“ eine eigenartige und bemerkenswerte Kommunikation an. Ihr Roman handelt von zwölf Frauen, verwoben, fern wie nah, verwandt, über mehrere Ecken befreundet, bekannt mit einer Theatermacherin namens Amma, die über ihren rebellischen Schatten springt und ein Theaterstück namens „Die letzte Amazone von Dahomey“ im National Theatre in London inszeniert. Dieses Theaterstück verbindet all diese Schicksale auf vielfältige Weise, bringt jene zusammen, die sich sonst nie kennenlernen oder über den Weg rennen würden: hochtrabende Intellektuelle, miesepetrige Lehrerinnen, drogensüchtige Eventmanagerinnen, abenteuersüchtige Teenager, karriere- und geldorientierte Bänkerinnen, alte wie junge Frauen und Männer aus den verschiedensten Lebenssituationen bunt zusammengewürfelt. Der Text ist so überladen, lang, in sich verknotet und verschlungen, dass er zu einer Momentaufnahme, ein Blitzlicht wird, ein kurzes Photo, ein post in einer langen Reihe von posts, eine story in der story, Gedankeneskapaden inmitten von vielen, anderen, gleichartigen, anderen, ähnlichen Erinnerungen, Eingebungen, Phantasien und Projektionen.  

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